The Sheeps Ultimate Best List Of 2017

1. Twin Peaks – The Return

Als vor zirka 2 Jahren mit dem Slogan “It will happen again” bekanntgegeben wurde, dass David Lynch (“Blue Velvet”, “Mullholland Drive”) einen Vertrag mit dem US Sender Showtime abschlossen hat, um seiner vor nun 26 Jahren eingestellten Kultserie noch einen 18-stündigen Finish  – in Form einer Limited- Serie – anzuhängen, war die Aufregung – zumindest unter den Anhängern von “Twin Peaks” und/oder David Lynch – gross. Zumal der eigentümliche Kult-Regisseur seit “Inland Empire” aus dem Jahre 2007 auch nichts mehr für das Kino oder Fernsehen geschaffen hatte – mal abgesehen von Musik-Clips oder Werbung (Lady Blue Shanghai für Christian Dior mit Marion Cotillard,Louboutin etc.) und sich vollumfänglich seinen anderen Passionen wie Malen, Musik (“Crazy Clown Time” 2011, “The Big Dream” 2013), Möbel (stattete u.a. auch den Nachtclub “Silencio” in Paris aus) und vor allem der Transzendentalen Meditation, der Bewegung des im Jahre 2008 verstorbenen Guru Maharishi Mahesh Yogi, zuwandte. Nach den Beatles, die Ende der sechziger Jahre dessen Botschaften in die westliche Welt hinaustrugen, ist Lynch seit Jahren der prominenteste Vertreter dieser Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Mission des Weltfriendens mittels yogischen Fliegens und täglicher Meditation zu vollenden.

Nun also kehrt der Meister der surrealen Albträume mit “Twin Peaks”, seinem kommerziell erfolgreichsten und populärsten Unternehmen, auf die cineastische Bühne zurück, obschon er ja in den letzten Jahren von jeglichen Ambitionen für neue Filmprojekte mit der Begründung der schwindenden Risikobereitschaft der Filmstudios abgesehen hat. Man konnte sich sich natürlich fragen, ob die Fortsetzung einer Serie, die zu Beginn der neunziger Jahre die Fernsehlandschaft revolutionierte und als Mutter jener Serien-Hochkultur gilt, die uns derzeit geradezu überschwemmt, nach 26 Jahren nicht wie ein lauwarmer Aufguss des Originals wirken würde. Als langjähriger Beobachter von Lynch’s Werk konnte man jedoch ahnen, dass sich der Regie-Virtuose für seine “Lieblingswelt” doch etwas ganz Spezielles aushecken würde. Spätestens als dann bekannt wurde, dass er (nach einem kurzfristigen Rückzieher aus dem Projekt) vollständige künstlerische Freiheit, sowie ein für seine Verhältnisse extrem hohes Budget (geschätzte 30 bis 50 Millionen Dollar) zugesprochen bekam und zusammen mit Mark Frost, der schon die ersten 2 Staffeln mitentworfen hatte, bereits seit über 5 Jahren über dem Drehbuch brüteten, standen die künstlerischen Sturmlampen auf tiefrot. Auf einen weiteren Sturm, der die in den letzten Jahren immer progressiver gewordenen Konventionen und Sehgewohnheiten erneut hinwegfegen sollte und die diesbezügliche Messlatte in solche Höhen schiessen würde, das diese auch in den kommenden 25 Jahren unangetastet am Firmament der siebten Kunst leuchten und gleichzeitig die radikalste Unterwanderung der Erwartungshaltung des Zuschauers in der Geschichte des bewegten Mediums, in Form und Inhalt, darstellen werden würde.

Dass neben der beinahe komplett antretenden Urformation (Kyle McLachlan, Sheryl Lee, Sherilyn Fenn etc.) auch noch eine schillernde Riege an neuen Gesichtern verpflichtet werden konnte (u.a. Naomi Watts, Laura Dern, Jim Belushi, Jennifer Jason Leigh, Tom Sizemore, Tim Roth, Ashley Judd, David Duchovny, Harry Dean Stanton, Amanda Seyfried, Monica Bellucci etc.) und auch für den bei Lynch’s Werken immer essentiell wichtigen musikalischen Beitrag, neben Angelo Badalamenti und Julie Cruise, auch angestammte Grössen aus der Pop- und Rockszene (Nine Inch Nails, Sharon Van Etten, Eddie Vedder, Chromatics, Au Revoir Simone, Lissie, ZZ Top)an Bord geholt werden konnten, liessen die Erwartungen ins Unermessliche steigen.

Die Geschichte um die Rückkehr des FBI Agenten Dale B. Cooper von dem “Red Room”, irgendwo in der Zwischenwelt in den Wäldern von Twin Peaks, in dem er sich am Ende der ursprünglichen Serie eingeschlossen und ohne Ausweg vorfand, während der “schlechte” Cooper (Doppelgänger? Schizophrenie?) stattdessen als seiner selbst in der Aussenwelt sein bösartiges Unwesen trieb, zurück ins echte, irdische Twin Peaks, kann als eine Art mörderischer Road Trip bezeichnet werden, der über “lost Highways” durch Raum und Zeit im dies- (neben Twin Peaks, auch Las Vegas, L.A., New York, New Mexico etc.) und jenseits hinweg führt. Mittels teilweise minutenlangen, theatralischen Dialog-Eskapaden, anderseits komplett dialog- und aktionsfreien Stillstudien, surreal-verstörenden Alptraum-Einlagen, urplötzlichen Gewalterosionen, hochemotionalen Soap-Strukturen, bis hin zu unermesslich filigranen Verneigungen vor der Schönheit des Lebens an sich, präsentiert Lynch ein bis ins letzte Detail durchstrukturiertes Kaleidoskop des menschlichen Kosmos mit all seinen Abgründen und seinem innewohnenden Irrwitz in einer verspielten Strenge und kreativer Radikalität, wie es wohl nur er selber zu inszenieren vermag. Und trotz aller vordergründiger Verworrenheit, ist “Twin Peaks – The Return” in der Essenz gleichwohl ein elementares Drama in der Tradition der ur-amerikanischen Westernmythologie. Der einsame und von allen gejagte amerikanische Held – Dale B. Cooper – auf seiner unerbittlichen Mission, die misshandelte, geschändete und eigentlich hoffnungslos verlorene “schöne Frau” – Laura Palmer – doch noch vor dem endgültigen Abgrund zu retten. Oder aus Dunkelheit hinaus ans Licht zu führen. So verglich der “New Yorker” das Werk als moderne Version von John Fords Klassiker “The Searchers”, dem in seiner tragischen Tiefe und seinem universalen und zeitlosen Duktus eine ähnlich schwergewichtige filmhistorische Relevanz vorbestimmt sein wird. Passend dazu besann sich Lynch – nach seinem eher verunglückten Abstecher in die Welt des digitalen Films (“Inland Empire”) – stilistisch wieder auf seine Wurzeln zurück und liefert – ganz in der Tradition von “Mullholland Drive” und “Blue Velvet” – wieder üppige, formvollendete Bildkompositionen in CinemaScope, teilweise so manieriert entfremdet und detailgetreu ausstaffiert, dass man hier – ähnlich wie schon bei Stanley Kubrick oder Peter Greenaway – von sich bewegenden Gemälden sprechen muss. Für Menschen, welche die narrative Ökonomie über alles stellen oder solche, die einfach lineare und klar fassbare Geschichten bevorzugen, ist das wohl nichts. Alle anderen aber werden erstaunt feststellen, dass die täglichen transzendentalen Meditationsübungen, die Lynch schon seit über 40 Jahren betreibt, ihn langsam aber sicher in solch tiefe und verborgene Schichten seines Unterbewusstseins abtauchen lassen, dass das Gezeigte phasenweise tatsächlich in metaphysische Dimensionen abdriftet und ein psychedelisch-hypnotischer Zauber einen unmerklich sanft und schleichend an die Pforte zu einer anderen Bewusstseinsebene zieht. Man darf sich daher berechtigt fragen, inwieweit weitere Jahre Meditationspraxis des cineastischen Meisteralchemisten seine kommenden Werke beeinflussen werden und ob wir diese dann überhaupt noch, psychisch und mental, aufnehmen, geschweige denn verarbeiten können. Ein kompromissloser, subversiver, hypnotischer, wunderschöner, anekelnder, verstörender, faszinierender, euphorisierender, niederschmetternder, ratlos machender, witziger, tieftrauriger und zeitloser Meilenstein des bewegten Filmes. Oder wie es David Nevins, der CEO von Showtime, beschrieb: “It’s the pure heroin version of David Lynch.” Die Revolution der Revolution ist auch gleichzeitig die Abschiedsvorstellung für Harry Dean Stanton, Miguel Ferrer und Warren Frost, welche kurz nach oder bereits während den Dreharbeiten starben. Catherine Coulson alias “The Log Lady”, schwer gezeichnet von ihrer Krankheit, verabschiedet sich in einer hoch emotionalen und gleichzeitig tief sublimen Szene indirekt gleich persönlich vom Publikum, in der sie Hilfssheriff Deputy “Hawk” noch ein letztes Mal anruft um ihm ihren nahenden Tod und ihren Ängsten vor dem endgültigen Abschied mitzuteilen. Ein schauriger Kulminationspunkt bezüglich “Life-Imitates-Art”. We live in a Dream. Und werden nie mehr aufwachen.

Twin Peaks – The Return , USA 2017, 1030 Min, Regie David Lynch, Mit Kyle MacLachlan, Sheryl Lee, Sherilyn Fenn, Naomi Watts, Laura Dern, David Lynch, Chrysta Bell etc.

 

2. La La Land

Der kontroverseste Film im 2017. Und dies hat jetzt nichts zu tun mit der wohl spektakulärsten Panne in der Geschichte der Oscars, als bei der letztjährigen Verleihung für den besten Film, die Crew von “La La Land” bereits auf der Bühne an der Dankesrede waren, als nach einem unübersichtlichen Getümmel und peinlicher Aufgeregtheit festgestellt werden musste, dass Warren Beatty, der den Gewinner verkünden sollte, das falsche Couvert in die Hände gedrückt bekam und im Anschluss die Crew von “Moonlight” fast schon beschämt das Mikrofon den vermeintlichen Gewinnern aus den Händen nehmen musste.

An einem gewissen Punkt des einstimmigen Jubelgesanges der Fachpresse und des Publikums gleichermassen, welcher der Film nach seiner Premiere an den 73. Internationalen Filmfestspielen von Venedig weltweit auslöste, war es wohl dann doch dem einen oder anderen Kritiker – gerade in Zeiten des gepflegten medialen Kontra-Konsesus-Geschwurbel – zu viel oder eben die Profilierungsplattform zu verlockend, um nicht plötzlich den weltweit zumeist verzückten Filmfans aufzuzeigen, dass doch nicht alles so golden ist, wie es sich anfänglich angefühlt zu haben scheint. Irgendwann nach dem Rekordabräumer von 7 Golden Globes und der Rekordnominierung für 14 Oscars, entbrannte weltweit der Wettstreit der schreibenden Film-Citoyen um die möglichst negative Einstufung dieses eben noch so gelobten Werkes. Alles nur Kitsch, alles irgendwie hohl und Singen und Tanzen könnten die Hauptdarsteller ja sowieso auch nicht. Auch im Umfeld des Schreibenden musste festgestellt werden, dass sich nach der unmittelbaren Erfahrung dieses Filmes die Gemüter emotional entzweiten und zwar von absoluter Ergriffenheit über gelangweilte Gleichmut bis hin zu kategorischer Ablehnung. Interessant festzustellen war auch, dass sich dieser Wahrnehmungsgraben völlig losgelöst von der Geschlechterzugehörigkeit aufklaffte. Ob dies mit übersteigerten oder falschen Erwartungen zu tun hatte oder es doch halt einfach der inszenatorische Grundkniff des Regisseurs Damien Chazelle (“Whiplash”), seine doch sehr desillusionierende Geschichte einer scheiternden Liebe im Gewand eines harmlosen Hollywood-Kitsch-Musical Märchen in Erscheinung treten zu lassen und somit eben diese Erwartungshaltung des Publikums bitter-zart zu unterlaufen war, der nicht jeder wirklich verstanden hatte oder ob sich die Enttäuschten von der flächendeckenden Polemik einfach hatten anstecken lassen, wird wohl nie abschliessend beantwortet werden können. Nun, nachdem sich die Rauchschwaden langsam verzogen haben und die Gemüter abgekühlt sind, darf man das Fazit ziehen, dass die Geschichte vom erfolglosen Möchtegern Jazz-Musiker und der erfolglosen Möchtegern-Schauspielerin, die sich kennen und lieben lernen, eine der schönsten und charmantesten Liebesromanzen der Filmgeschichte ist. “La La Land” besticht durch ein perfektes Timing, traumwandlerischer Leichtigkeit, handwerklicher Virtuosität, einer göttlichen Ausgewogenheit von Witz, Melancholie und Verve und durch träumerisch-schwelgenden Bildern vom sonnendurchfluteten L.A. bei Tag und vom fluoreszierenden Purpur-Glitzer bei Nacht. Der eingängigen Soundtrack von Justin Hurwitz, der mit seinem Titelsong “City of Stars” schon jetzt einen ikonischen Gassenhauer à la “Singing in the Rain”, “My heart will go on” oder “Pretty Women” geschaffen hat, rundet den Film ab. Zu guter Letzt, und dass ist ja bei aller handwerklicher Raffinesse gerade in diesem Genre der essentielle Punkt, sind da noch die Hauptdarsteller. Ähnlich wie bei vielen Klassikern der Filmgeschichte, war das am Schluss auf der Leinwand agierende Paar nicht die erste Wahl. So wie bei “Pretty Women” eigentlich John Travolta die Rolle von Richard Gere und Jennifer Connelly oder Molly Ringwald die Rolle von Julia Roberts hätten übernehmen sollen, waren es hier zuerst Miles Teller (der Schlagzeuger aus “Whiplash”) und Emma Watson (die aus “Harry Poter”), die für die Hauptrollen vorgesehen waren. Alles im Leben, so auch in der Kunst, ist zu einem gewissen Teil dem Zufall geschuldet. Jedenfalls ist die Chemie der beiden letztendlich auserwählten Schauspieler, Ryan Gosling und Emma Stone, magisch und in ihrer tänzerisch und gesanglich koketten Unbeholfenheit noch der Endschliff, der diesen Filmdiamanten für die Ewigkeit zum Strahlen bringt. You were shining just for me…..

La La Land, USA 2016, 128 Min, Regie: Damien Chazelle, Mit Ryan Gosling, Emma Stone, John Legend, J.K. Simmons

 

3. Blade Runner 2049

Wer die Bestenliste der Vorjahre kennt, der weiss, dass der kanadische Regisseur Dennis Villeneuve beinahe ausnahmslos in jedem Jahr (“Sicario”, “Enemy”) in die Ränge kam, letztes Jahr mit “Arrival” sogar auf Platz 1. Egal was für ein Filmgenre (Drama, Thriller, Horror, Action, SciFi) er sich annimmt, sein unverkennbarer Stil ist immer sicht- und hörbar. In kühlem Grau, Blau und Braun gehaltene gespenstisch-düstere Bildkompositionen, ein bedrohlich dröhnender Soundteppich und immer eine mehrschichtige Geschichte mit Tiefgang und überraschendem Twist. Seine Filme werden auch kommerziell immer erfolgreicher, von “Sicario” wird in diesem Jahr sogar eine Fortsetzung in die Lichtspieltheater kommen. Ohne Emily Blunt, dafür wieder mit Benicio Del Torro und Josh Brolin. Es war also eine Frage der Zeit, bis Villeneuve von der Traumfabrik für eines ihrer ganz grossen Prestige-Projekte angefragt werden würde. Und da der SciFi-Noir Klassiker “Blader Runner” aus dem Jahre 1984, nach seinen eigenen Aussagen, eines seiner prägenden cineastischen Erweckungserlebnissen war, lag es wohl auf der Hand, dass das bereits seit einigen Jahren in der Schublade liegende Projekt eines Remakes oder einer Fortsetzung bei ihm landen würde. Als dann Ridley Scott, der Regisseur des Originals, der zugunsten seiner neuen Alien-Fortsetzung sich auf die Funktion des Executive Producers beschränkte und Villeneuve die komplette künstlerische Freiheit über sein “Baby” gewährte, Ryan Gosling für die Hauptrolle als Replikantenjäger Officer K zusagte und daraufhin 150 Millionen Dollar Budget für die Produktionskosten von den Studios gesprochen wurden, war dann die Sache vermutlich für Villeneuve klar.

Aus “Blade Runner 2049” ist aber kein Remake, sondern – wie kombinatorisch begabte Zeitgenossen wahrscheinlich sofort bemerkt haben – eine Fortsetzung geworden, die 30 Jahre später (der erste Blade Runner spielte im Jahre 2019) wiederum in dem dystopischen Moloch L.A. spielt und der philosophische Themenkomplex des Originals (und des zugrundliegenden Romans “Do Androids Dream of Electric Sheep”) konsequent weiterentwickelt. Was macht ein Mensch eigentlich aus? Woher sollen wir wissen, ob wir wirklich das sind, was wir zu sein meinen? Wie können wir überprüfen, ob unsere Wahrnehmungen und unsere Erinnerungen wirklich echt sind? Was macht Liebe eigentlich aus? Wie diese Fragen in der Handlung abgearbeitet werden, darauf wollen wir auch hier keine Antwort geben, da Villeneuve zu Beginn der weltweiten Pressevorführung folgendes schriftliches Statement verteilt hat:

Hello my friends,

I am excited for you to see my film today. I have a favor to ask of all of you. I do not know what you will think of my movie, however, whatever you write, I would ask that you preserve the experience for the audience of seeing the film the way you see it today… without knowing any details about the plot of the movie. I know this is a big request, but I hope that you will honor it.

Best, Denis

Was hier aber verraten werden darf ist, dass die Umsetzung derart behutsam, sublim und intim angegangen worden ist, dass man sich eher in einer Art “Existenzialismus – Thrillerdrama”, als in einem Hollywood Blockbuster wähnt. Auch sind die Actionszenen oder sonstigen CGI Spezialeffekte im Vergleich mit anderen Produktionen dieses Genres höchst sparsam, aber umso wirkungsvoller eingesetzt. Wenn Villeneuve dann doch abrupt den Gang höher schaltet und kurze, aber heftige Gewitter von rohen und schonungslosen Gewalterosionen über die Leinwand aufziehen lässt, welche kontrastierend zu der gefühlskalten, kontrollierten und eiskalten Endzeit-Atmosphäre wirken, beeindruckt das noch stärker. Emotionale Verdichtung in höchster ökonomischer Effizienz. Alleine schon der – eigentlich sehr minimalistische – Showdown gehört zu einem der intensivsten und wuchtigsten der Filmgeschichte. Unterstützt von den beiden “Handwerkern”, Roger Deakins hinter der Kamera (mit Oscar ausgezeichnet) und Hans Zimmerhinter dem Mischpult, der mit “Dunkirk” gleich 2 Grossproduktionen im 2017 musikalisch untermalte, entfacht diese Meisterkomposition eine maximale Schlagkraft.

Blade Runner 2049 mag nicht mehr dieselbe revolutionäre Wirkung auf die Filmgeschichte haben, wie sein Vorgänger, er ist aber schlicht und einfach der bessere Film, gemacht von einem Regisseur, der keinerlei künstlerische Kompromisse mehr eingehen muss und somit den wahrscheinlich teuersten Arthouse-Film der Geschichte ablieferte. Kaum erstaunlich, dass die Einspielergebnisse weit hinter den Erwartungen zurücklagen, zumindest etwas, was er mit dem Original gemeinsam hat. Dieser war ja zum Zeitpunkt seines Erscheinens, 1982, auch ein riesiger Flop, da in diesem Jahr das Publikum Spielberg’s “E.T.” deutlich den Vorzug gab. Nun, im Jahr 2017 waren die erfolgreichsten Filme “Die Schöne und das Biest” und “Fast&Furious 8”. Für einen kleinen Rest wird es aber als Erscheinungsjahr einer der besten und nach “2001: A Space Odyssey” durchgestyltesten Sci-Fi Film überhaupt, mit einem kleinem Touch “Angel Heart”, dem Horrorthriller von Alan Parker aus dem Jahre 1987, in Erinnerung bleiben. Zumindest vorläufig. Villeneuve plant ein Remake von “Dune – Der Wüstenplanet”, das durchgeknallte Weltraum-Märchen nach dem gleichnamigen Roman von Frank Herbert, dessen letzte filmische Umsetzung aus dem Jahre 1984 der bisher grösste kommerzielle Flop vom damaligen Regisseur war. David Lynch. Schön mal gehört? Siehe Platz 1. Ja, ja, it’s a small world.

Blade Runner 2049, USA 2017, 164 Min., Regie Denis Villeneuve, Mit Ryan Gosling, Harrison Ford, Robin Wright, Jared Leto, Ana de Armas

 

4. Dunkirk

Einleitend eine Klarstellung für alle zartbesaiteten Gemüter und all jene, die mit Kriegsfilmen à la “Saving Private Ryan” oder noch besser “Hacksaw Ridge” nichts anfangen können, “Dunkirk” ist kein Kriegsfilm! Zumindest nicht ein solcher, wie man ihn sich landläufig vorstellt, sondern – gemäss Aussage des Regisseurs Christopher Nolan (“Memento”, “The Dark Night”, “Interstellar”) – ein Suspense-Film über das Ueberleben. Und das Sterben, müsste man hinzufügen. Oder besser, über die Zeit der Ungewissheit, in der man nicht wissen kann, ob man weiterleben wird oder stirbt. “Dunkirk” befasst sich mit der Evakuierung von fast 400000 alliierten Soldaten, die 1940 in der nordfranzösischen Hafenstadt Dünkirchen in eigentlich aussichtsloser Lage von den Deutschen eingekesselt waren. In die Geschichtsbücher ist diese Aktion als Operation Dynamo eingegangen. Spektakulär daran war nicht nur die schiere Anzahl Leute, die dort dem scheinbar unvermeidlichen Tod ausgeliefert waren, sondern die Zivilcourage der englischen Bevölkerung, welche mit Privatbooten, Jachten, Fischerboote etc. todesmutig den Ärmelkanal überquerten mit dem Ziel, ihre Soldaten aus der Gefechtszone rauszuholen, da der Restbestand der britischen Truppen bereits darum bemüht war, den drohenden Angriff der Deutschen abzufangen, während die Alliierten in Dünkirchen buchstäblich in der Hölle schmorten und eigentlich als “Kollateralschaden” abgeschrieben worden sind.

Nolan verzichtet in dieser hoch verdichteten, phasenweise an ein Kammerspiel gemahnende Ueberlebensstudie, gänzlich auf eine Einführung seiner Protagonisten, aus deren Sicht die Ereignisse hoch immersiv, beinahe sinnlich erzählt werden. Dialoge gibt es kaum. Die Erzählstruktur gliedert Nolan in drei Stränge, welche er nicht nur perspektivisch, sondern auch zeitlich elegant verwebt. Eine einstündige Sicht des Abfangjägers aus der Luft, eine eintägige Fahrt eines Fischkutters auf hoher See und ein einwöchiges Warten zweier Soldaten am Strand von Dünkirchen. Die Kamera mischt sich in Gruppen zusammengepferchten Soldaten, steigt mit den Flugzeugen in die Luft, schwimmt durch brennendes, ölbedecktes Wasser und verharrt auf den angespannten Gesichtern der Soldaten, wenn der nächste Fliegerangriff der Wehrmacht im Anzug ist. Alles ist in Bewegung, nie ein Aufatmen, permanente Anspannung, die von Hans Zimmer’s Violinensalven, die sparsam, aber effektiv eingesetzt werden, fast bis ins Unerträgliche ausgereizt wird.

Kein Geschichtsunterricht, sondern Kino als Grenzerfahrung und Horizonterweiterung, ohne diese man Mensch, Welt und Politik nie richtig verstehen wird. Nicht die Fakten oder Chronologie. Sondern die Essenz.

Dunkirk, USA/GB/F/N 2017, 107 Min., Regie Christopher Nolan, Mit Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Jack Lowden, Tom Hardy, Cillian Murphy, Kenneth Branagh

5. Die schönen Tage von Aranjuez

Die Wirkung eines Filmes wird zu einem nicht zu unterschätzenden Anteil von der Erwartungshaltung des Zuschauers geformt. Wenn Ihnen die Sinne nach einem gestressten und hektischen Arbeitstag nach belangloser Unterhaltung stehen sollten, die eine Art monotones und entspannendes Hintergrundsrauschen simulieren soll, am besten in ein vertrautes und vorhersehbarer Dramaturgie-Konstrukt verpackt, dass auch mit einer auf Halbmast reduzierten Aufmerksamkeitsspanne ab und an ein paar Endorphine auszuschütten vermag, und Ihnen dann – aus Versehen oder schierer Bösartigkeit – ein 90-minütiger Dialog zwischen einem Mann und einer Frau, deren Verbindung völlig unklar ist, vorgesetzt werden würde, die an einem Sommertag in einem Obstgarten auf einer Anhöhe irgendwo vor Paris an einem Tisch sitzen – eine Karaffe mit Limonade, zwei Gläser, ein Apfel – und der Mann die Frau nach ihren Erfahrungen in Liebe und Erotik befragt, teilweise geradezu verhört, beobachtet von einem Schriftsteller, der in einem Haus vor dem Obstgarten sitzt, aus dem er das Geschehene nicht nur verfolgt, sondern wohlmöglich auch gleich den Dialog der Betrachtenden schreibt, emotional tief berührt, wenn man auch nicht genau weiss, von was genau, ab und an in ein Nebenzimmer geht, wo er in einer grün fluoreszierenden Jukebox Songs von Interpreten wie Nick Cave, Lou Reed und The Troggs auswählt, zu deren Klängen er dann wieder zurück schlendert an sein Schreibtisch mit Blick auf den Mann und die Frau, an dem er an den Dialog weiter schreibt, der dann unmittelbar von den beiden Protagonisten im Obstgarten weitergeführt wird, könnte es durchaus sein, dass Ihre Reaktion auf das Ihnen gezeigte, nicht nur wohlwollend ausfällt. Böse Zungen haben auch schon vom “langweiligsten Film aller Zeiten” gesprochen. Dies hat aber nicht unbedingt mit der Qualität dieses Filmexperiments zu tun, sondern – eben – weil schlicht und einfach die Erwartungshaltung vom Betrachter nicht richtig adjustiert wurde. Und dies ist bei “Die schönen Tage von Aranjuez”, der erneuten Zusammenarbeit des Trios Wim Wenders (Regie), Nick Cave (Musik und Kurzauftritt) und Peter Handke (literarische Vorlage und Kurzauftritt), nach “Der Himmel über Berlin”, absolut essentiell, denn die Magie darin liegt in der verschärften Wahrnehmung des Erlebten, in den noch so belanglosen Details, die das Auge streift, in der Poesie des Flüchtigen, kaum Wahrnehmbaren. Peter Handke nannte seinen in französischer Sprache entworfenen Einakter schlicht ein Sommerdialog (Uraufgeführt 2012 am Wiener Theater), dessen Kraft sich in seiner stilisierten, metaphernreichen Sprache umso mehr entfaltet, wenn man sich als Zuschauer fallen lassen und der Situation ausliefert, wie man das eventuell macht – oder zumindest als Kind mal gemacht hat – wenn man in einem Garten sitzt an einem heissen Sommertag, ohne Buch, Handy oder Uhr, und nur dem Rauschen des Windes in den Bäumen lauscht und das Staubbad von Spatzen betrachtet, der Vorgang, der im Sand nach dem Abflug der Tiere ein paar Kuhlen zurücklässt: “Muster, Spiel und Rhythmus bleiben sichtbar für den, der weiss, für den, der zugeschaut hat.” Achtsamkeit nicht als leere Formel oder ein quasi-esoterischer Modebegriff, sondern spürbar erlebbar. Wim Wenders drehte den Film in bloss zehn Tagen in 3 D und kreierte für Handkes Sprachmagie eine Bühne für den Versuch, durch Sprache den Akt der Liebe und gleichzeitig dessen Unmöglichkeit fassbar werden zu lassen, welche diesen in den stärksten Momenten auch gelingen lässt. Wenders Vision, so genau wie möglich mit zwei Kameras zu imitieren, was (und wie) zwei Augen sehen, kommt sein Kameramann Benoit Debie, der schon für Gaspar Noés “Irreversibel” und “Enter the Void” sowie Harmony Korines “Spring Breakers” hypnotische Bilder lieferte, so nahe, wie noch nie jemand zuvor. Die Aufnahmen sind von solch erstaunlicher Plastizität, dass der Fernseher (oder die Kinoleinwand) tatsächlich zu einem zweiten Fenster zum Garten wird, so wie ihn auch der Schriftsteller im Film sieht. Eine weitere Metaebene, die wie viele andere in diesem formal radikalsten Werk des Jahres, scheinbar nebenbei und mit einer eleganten Verspieltheit eingebaut wurde.

Die Staffage insgesamt, dicht und zentriert, wirkt so sinnlich und poetisch, wie auch unwirklich, fremdartig und abgehoben. Wie in einem Traum, alles passiert absichtslos, schwerelos und zeitlos. Und trotzdem wird sich auch dieses Luftschloss auflösen. Zerstört werden. Man weiss es, der Schriftsteller, wie auch seine Geschöpfe. Alles nur eine inszenierte Zeremonie eines Abschieds. Und trotzdem sagt an einer Stelle die Frau zu dem Mann:

“Zum Glück ist das hier zwischen uns beiden kein Drama. Nichts als ein Sommerdialog.”

Hallt lange nach. Wenn man zuhört.

Les Beaux Jours d’Aranjuez, F/D 2016, 97 Min. Regie Wim Wenders, Mit Reda Kateb, Sophie Semin, Nick Cave, Peter Handke, Jens Harzer

 

6. Jahrhundertfrauen

Gerade in den eher unwirtlichen Wintermonaten ist das Bedürfnis nach erbaulichen oder herzerwärmenden Erlebnissen, gerade auch im filmischen Bereich, noch grösser als sonst. Deshalb – aber selbstverständlich nicht nur – darf so ein typischer, nennen wir es mal Seelenwärmer-Film, hier nicht fehlen. Dies umso mehr, als gelungene Vertreter dieser Art auch nicht gerade wie Sand am Meer in die Kinos kommen, da viele Stoffe mit einer solchen zugesprochenen Wirkung oft dann doch noch eine zu tragische Note beinhalten (“La La Land”, “The Notebook”), welche einen zu kühlenden Schatten auf die vorher aufgebaute sonnige Atmosphäre wirft. In den überwiegend meisten Fällen sind diese Vertreter aber einfach sehr seicht, flach und vorhersehbar. “20 Century Women” von Mike Mills (“The Beginners”) schafft es aber, die seltene Balance aus Witz und Nachdenklichkeit mit einer optimistischen, ja sonnigen und lebensbejahenden Konnotation zu versehen und trotzdem mit seiner sehr reflektierten und authentischen Art eine nachhaltige Wirkung zu entfachen und einem die simple, aber doch immer wieder in Vergessenheit geratene Botschaft mit auf dem Weg zu geben: Carpe diem. Geniess das Leben. Oder den Tag. Jetzt und nicht später. Denn alles ist so schnell vorbei.

Die 40 jährige Dorothea Fields (Annette Bening) zieht im Jahre 1979 in Santa Barbara in einer Art Hippie Community ihren 15-jährigen Sohn Jamie alleine auf und da sie der Meinung ist, dass dem Sohnemann eine Vaterfigur gut tun würde, fragt sie ihre 20-jährige Untermieterin (Greta Gerwig) und der grosse Schwarm von ihrem Sohn, die 17-jährige Julie (Ella Fanning), ob die beiden ihr erzieherisch zur Seite stehen könnten und ihr helfen würden, ihn zu einem “guten Mann” zu machen. Natürlich ohne ihren Sohn erst um seine Meinung geschweige denn sein Einverständnis gefragt zu haben….

Gute “Seelenwärmer-Filme” zeichnet aus, dass sie auch ohne dramatische Handlung oder sonstige grossartige Konfliktsituationen, nur aus simplen Alltagshandlungen und Personenporträts eine anfänglich kaum bemerkbare, sich schleichend aufbauende Grundspannung erzeugen können, die mit dem Verlauf der Geschichte den Zuschauer komplett in den Bann zieht, geradezu übermannt, und man am Schluss, beim Abspann, den Wunsch verspürt, noch ewig lange in dieser Welt zu verharren, wie eine Raupe in ihrem Kokon. Und wenn man den Kokon dann schliesslich verlässt, ist man ein Schmetterling. Eine Art besserer Mensch. Natürlich nicht für immer. Aber zumindest eine Weile lang. Genauso ein Film ist das.

20th Century Women, USA 2016, 119 Min., Regie Mike Mills, Mit Annette Bening, Elle Fanning, Greta Gerwig, Lucas Jade Zumann

 

7. Manchester by Sea

Dieser Film darf in einer Aufzählung der bedeutendsten Werken in einem Jahr nicht fehlen, da er die seltene Gabe besitzt, ein an sich tieftrauriges und schweres Thema der Verlust- und Schuldverarbeitung nicht in trockener, bierernster Manier abzuhandeln, sondern sich mit einer ungemein lässigen Unaufgeregtheit und einem geradezu verschmitzten, lakonischen Humor präsentiert.

Die an der Atlantikküste liegende, titelgebenden Ortschaft in Neuengland dient als Kulisse für eine Familiengeschichte, in welcher Lee Chandler (Casey Affleck), der als Hausmeister in Boston ein trostloses Leben zwischen Alltagsmonotonie, selbstgewählter gesellschaftlicher Isoliertheit und gelegentlichen aggressiven Ausfällen bei seinen Barbesuchen führt, mit der Nachricht vom plötzlichen Tod seines Bruders konfrontiert wird und ihn zwingt, dank Organisation der Abdankungszeremonie in die lange Zeit gemiedene Heimatstadt zurückzukehren. In der er dann alsbald vom Familienanwalt die Botschaft an den Kopf geschmissen bekommt, dass er sich gemäss Testament als Vormund um den halbwüchsigen Sohn seines Bruders kümmern muss. Der bis ins letzte Detail festgelegte Wille, wie die dazugehörige finanzielle Mitgift, überdecken, dass Lee von seinem Bruder nie über dessen Absichten eingeweiht worden war und die Aussicht, sich wieder in seiner Heimatstadt zwecks neuer Vaterrolle niederlassen zu müssen, löst bei ihm mehr als nur verzweifelte Unruhe aus. Schliesslich hatte er diese vor Jahren nach einer tief traumatisierenden Tragödie fluchtartig verlassen…..

Die Hauptrolle, in der von Matt Damon und John Krasinski(Ehemann von Emily Blunt) entworfenen, im provinziellen Arbeitermilieu spielenden Geschichte, sollte zuerst eigentlich mit Matt Damon selber besetzet werden, aufgrund Terminüberschneidungen wurde diese dann aber Casey Affleck, dem Bruder von Ben Affleck übertragen, der mit seiner zurückhaltenden, aber im positiven Sinne unberechenbaren Spielweise, den Film vollständig vereinnahmt. Die vom Verlust genährte Sprachlosigkeit, die vom Schmerz und der Willkür des Lebens aufgestaute Wut und Hilflosigkeit spiegelt sich und brodelt in und unter jeder Gesichtsregungen seiner Figur, die trotz allem stetig versucht, rational und ruhig die Umstände zu bewältigen, da er die Verantwortung gegenüber dem Sohn seines Bruders nicht einfach von sich weisen will. Trotzdem kann er sich den verdrängten Erinnerungen, die in den täglichen Konfrontationen und Begegnungen mit Personen aus seiner Vergangenheit unweigerlich, wie gigantische Wellen, über ihn hereinbrechen, zwangsläufig nicht entziehen….

Regie führte Kenneth Lonerghan, der nach seinem Drehbuch zu der Komödie “Analyze This” (schrieb später auch “Gangs of New York” für Scorsese) mit Billy Crystal und Robert DeNiro den Sprung auf den Regiestuhl schaffte, welchen er eigentlich nie mehr besteigen wollte, nach der Odyssee mit seinem zweiten Spielfilm “Margaret” (der als “lost Masterpiece” eingestuft werden darf), der aufgrund eines Rechtsstreites erst 2011, 6 Jahre nach Beginn der Dreharbeiten, das Licht der Oeffentlichkeit erblickte, nur um gleich wieder sang- und klanglos zu verschwinden.

Gut, dass er es trotzdem wieder tat. Nicht gut, dass Casey Affleck, der schliesslich hochverdient den Oscar für die beste Hauptrolle entgegennehmen durfte (nach der Oscar- und Golden Globe Nomination 2007 für seine Rolle neben Brad Pitt in “The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford”), plötzlich von einer anderen Welle erfasst wurde: Im Zuge der “Me-too” Bewegung wurden Missbrauchsvorwürfe gegen ihn laut, so dass er an der diesjährigen Oscarverleihung, wo er als Vorjahresgewinner traditionell die Rolle des Laudators für den besten Hauptdarsteller hätte einnehmen müssen, nach einem Proteststurm zurückgetreten ist. Zumindest wurde er nicht retrospektiv wieder aus dem Film rausgeschnitten. So oder so aber fällt auf seine kraftvolle und nachhallende Performance nochmals ein anderes Licht. Es bleibt gleichwohl das Licht der Verdrängung. Im Film, wie auch im wahren Leben.

Manchester by the Sea, USA 2016, 138 Min., Regie Kenneth Lonergan, Mit Casey Affleck, Lucas Hedges, Michelle Williams, Kyle Chandler, Matthew Broderick

 

8. A Cure for Wellness

Irgendwie bleiben gewissen Filme unter dem Radar der grossen Öffentlichkeit, trotz Ingredienzen, die gegenteiliges versprechen. “A Cure for Wellness” ist so ein Fall, obschon er von Gore Verbinski, dem Regisseur der “Pirates of the Caribbean”-Filme, von dem Horrorhit “The Ring” und dem epochalen Disney Flop “The Lone Rangers”, inszeniert ist, als ein opulent ausgestattetes Paranoia – Horror – Gore Schockerdrama in der Tradition von “Shutter Island”, was ja eigentlich dem Massenpublikum eher zuträglich sein sollte, gelten ja Horrorfilme seit je als eines der profitabelsten und risikolosesten Genres. Aber wie man ja weiss, bleiben die bestimmenden Faktoren, die über Erfolg und Nichterfolg – sei es in künstlerischer, aber vor allem in kommerzieller Hinsicht – entscheiden sehr variabel, wobei das Timing und das gerade herrschende gesellschaftliche Empfinden eine essentielle Rolle spielt. Siehe auch bei Platz 3 dieser Liste. Blade Runner wollte 1982 niemand sehen, entwickelte sich erst Jahre später zum unbestrittenen Kultfilm im SciFi-Genre. “Pretty Woman” wurde in Europa zuerst nach ein paar Wochen wegen akuter Nichtbeachtung aus den Kinos genommen, bevor man aufgrund der Popularität in den USA einen zweiten Versuch unternahm. Was das Schicksal für den kommenden Werdegang für “A Cure for Wellness” noch bereit hält, weiss man derzeit nicht, was man aber sagen kann: Das Potential für einen Bedeutungszugewinn ist sicherlich vorhanden.

Die Geschichte vom Nachwuchs-Broker Lockhart (Dane DeHaan), der in ein obskures Wellness Ressort in die Schweizer Alpen geschickt wird, um den Chef seiner Firma, der seit längerem an diesem Ort untergetaucht ist, nach New York zurückzuholen, so dass dieser zu einer anstehenden Firmenfusion, welche die Taschen des gesamten Management füllen würde, seine Unterschrift geben kann, er statt diesen zu finden, sich selber bald als Patient mit gebrochenem Bein in dem imposanten Gesundheitsschloss wiederfindet und die Intakthaltung seines Verstandes bald seine grösste Sorge sein sollte, ist die klassische Ausgangslage für eine hochspannende, mit tiefschwarzem Humor angereicherte Horror-Satire auf die Hochleistungsgesellschaft, die alsbald sich aber auch die Freiheit nimmt, Elemente des romantisch-dramatischen Filmes, sowie des klassischen Gore-Horrors beizumischen. Insgesamt ein ungemein wilder Mix, eine bis ins letzte Reagenzglas durchgestylte Schauermär, irgendwo angesiedelt zwischen dem erwähnten “Shutter Island”, “Youth” (Sorrentino), Thomas Manns “Zauberberg” und “Frankenstein”. Verbinski’s Umsetzung ist hochpräzise und die Bildkompositionen sind mitunter so klar und strahlend rein, dass man phasenweise beinahe die Augen zusammenkneifen muss, um nicht geblendet zu werden. Nicht zu vergessen das Set Design, das mit den opulenten Schlossbädern, gigantischen, mit Aalen versehenen “Entschlackungs”-Kupferkesseln, und sonstigen albtraumhaften Wellness-Folter-Tools, beeindruckt. Der hypnotische Klangteppich versehen mit einem überzeugenden und unverbrauchten Hauptdarstellerpaar (Dane DeHaan und Mia Goth) verleihen dieser “Cure” eine nachhaltige Wirkung. Ohne Garantie auf Genesung natürlich.

A Cure for Wellness, USA/D 2016, 147 Min., Regie Gore Verbinski, Mit Dane DeHaan, Jason Isaacs, Mia Goth, Lisa Banes

 

9. Miss Sloane

Die “Nominierung” dieses Filmes könnte einem in Zeiten wie diesen relativ rasch den Vorwurf des Kniefalls vor dem gesellschaftspolitischen Zeitgeist einbringen. Einerseits, da die kritische Auseinandersetzung mit der amerikanischen Waffenlobby NRA, eine weitere Demaskierung des zynischen Politbetriebs in Washington und eine starke Frauenfigur, die entgegen allen Widerständen, die festgefahrene patriarchalisch-chauvinistische Hackordnung mit High Heels, Minirock und knallrotem Lippenstift perfid-sexy vaporisiert, fast schon lehrbuchmässig sämtliche Themen, die derzeit hoch im Trend der derzeitig moralisch aufgeheizten Wertedebatte liegen, streift und anderseits die in diesem Themenkomplex angelegte Handlung impliziert, die korrekte Haltungen dazu gleich mitzuliefern. Selbstverständlich ist dem aber nicht so. Das vermeintlich zentrale Thema der Misogynie respektive der Auflehnung gegenüber dieser löst Regisseur John Madden (Shakepear in Love), indem er die den Geschlechtern zugeschriebenen Stereotypen nicht nur einfach umdreht, sondern die weiblichen und männlichen Befähigungen in einer Person aufgehen lässt, und zwar vordergründig nur die maliziösen und moralisch fragwürdigen. Das Hearing vor dem US-Senat, bei dem Elizabeth Sloane über mögliche Verletzungen der Senats-Ethikregeln während ihrer Amtszeit bei der Washingtoner Lobby-Firma Cole Kravitz&Watermann Auskunft geben muss, ist der Überbau in diesem Psychogram – stilistisch mit starken Referenzen zu den Politthrillern der 70er Jahre und Michael Mann’s “The Insiders”- zu dem die Handlung über die skrupellose Lobbyistin, die zur persönlichen Profilierung mit ihrem Team kurzerhand die Seiten wechselt, um die vorher entworfene Kampagne für die Waffenlobby nun von der Gegenseite aus zu bekämpfen, immer wieder zurückführt. Und je mehr der übermächtige Gegner – NRA – an Terrain gewinnt, umso kaltschnäuziger und brutaler führt Mrs. Sloane ihre Schlacht. “I was hired to win”.

Es benötigt eine gewissen Anlaufzeit bis man realisiert, dass das hier gezeichnete Porträt der knallharten Karrieristin, gespielt von Jessica Chastain (“Zero dark thirty”, “Interstellar”), keine Manifestation der klischierten Vorstellung von Hollywood-Drehbuchschreibern ist, wie so eine Person landläufig auszusehen hat, sondern ein vielschichtiges und vermutlich sehr wahrhaftiges Porträt einer letztendlich verletzlichen, unsicheren und einsamen Person ist, die den Bezug zu sich selber schon längst verloren hat und nur durch den politischen Machtpoker noch Leben verspüren kann und demzufolge auch bereit ist, jederzeit “all-in” zu setzen und nicht nur ihre Gegner, sondern auch ihre Mitkämpfer und Verbündeten und schlussendlich auch sich selber zu opfern. Der konsequente Selbstbetrug ist der stetige Begleiter, die stoische Wahrung der Hybris, auch in der Konfrontation des offensichtlichsten eigenen Fehlverhaltens, das schützende Korsett. Sie bezahlt Männer für Sex, nimmt Aufputschpillen, schläft wenig, isst nur Junk Food und hat alles unter Kontrolle. Spätestens als sie von einem Callboy, deren Dienste sie in Anspruch genommen hat, vor dem Kongress unerwartet durch einen Meineid Rückendeckung erfährt während sie vorher eine farbige Mitarbeiterin, ein traumatisiertes Schusswaffenopfer, für ihre Kampagne instrumentalisiert und der Öffentlichkeit zum Frass vorführt, ahnt man, dass die moralische Kapitulation nicht mehr weit sein kann. Erst als sie in jeder Beziehung mit dem Rücken zur Wand steht – und da mag ein freilich nicht ganz unwahres geschlechtsspezifisches Attribut mitspielen – lässt sie die eiskalte Maske fallen. Oder ist auch dies ein weiterer Schachzug in ihrem abgebrühten Spiel?

Das raffinierte, doppelbödige Drehbuch, die kraftvolle musikalische Untermalung von Max Richter, die punktgenauen, wortgewaltigen Dialoge und die nüchterne und trotzdem hocheffektvolle Inszenierung entfachen im Verlauf des Filmes ein emotionales Crescendo, das sich konsequent bis hin zum Finale aufbäumt, um dem letzten grossen Twist die gebührende Bühne zu geben, in dem sich die bereits im ganzen Film virtuos agierende Jessica Chastain in absolute Rage spielt. Insgesamt ein immenser Kraftakt, der ihr – nach eigenen Aussagen – enorm zusetzte. Und was ist jetzt mit dem Kommentar zum Zeitgeist? Zur grossen Geschlechterfrage? Nun wahrscheinlich, dass in aller Gleichheit zwischen Männern und Frauen, da beiden die Boshaftigkeit, Eigennutz, wie aber auch der Grossmut und die Selbstlosigkeit zu gleichen Teilen zu eigen ist, es doch noch einen nicht unerheblichen Unterschied gibt. Und das wissen wir eigentlich bereits seit Sharon Stone in “Basic Instict” sich die Welt mit ihrem Beinüberschlag Untertan machte. Mit genügend Skrupellosigkeit werden die Frauen den Männern immer überlegen sein. Und sind dabei meistens auch noch besser anzuschauen.

Miss Sloane, USA 2016, 132 Min., Regie John Madden, Mit Jessica Chastain, Mark Strong, Gugu Mbatha-Raw, Alison Pill, Sam Waterstone, John Lithgow

 

10. Blue my mind

Möglichst bemüht, nicht in den Verdacht einer weiteren Giftelei gegen das heimische Filmschafen zu geraten, sollte man aber doch sagen dürfen, dass die bekannten Qualitäten des Schweizer Films, die auch im Ausland zu einem gewissen Teil wahrgenommen werden, eher in einer Art von adäquaten Rekonstruktionen nationaler Mythen und Sagen (“Heidi”, “Dällebach Kari”), bekannten Kindererzählungen (“Papa Moll”, “Mein Name ist Eugen”), oder Nacherzählungen von Geschehnissen der jüngeren Schweizer Geschichte (“Grounding”, “Die göttliche Ordnung”) oder dann eher in gemütlich, heimeligen Komödien (“Die Schweizermacher”, “Die Herbstzeitlosen”) liegen. Wenige Ausnahmen von universellen und innovativen Stoffen mit internationaler Ausstrahlung sind allenfalls noch in den Filmen von Ursula Meier (“Home”, “Winterdieb”) und vor allem im Dokumentarfilm auszumachen, wo mit “War Photographer” von Christian Frei, im Jahre 2002 sogar eine Oscarnomination geholt werden konnte.

Als dann im Oktober 2017 am Zürich Filmfestival (ZFF), die 36-jähriger Jungregisseurin Lisa Brühlmann mit ihrer Hauptdarstellerin Luna Wedler (Jahrgang ‚99), die im Film eine 15-Jährige spielt, auf der Bühne des Commercio-Kinos etwas unbeholfen und nervös ein kurzes Interview vor der Filmvorführung gab, waren die Erwartungen eher gedämpft. Vor allem aber auch deshalb, weil der im Kurzbeschrieb grob umrissene Plot, der von einem weiblichen Teenager in Pubertätswirren handeln soll, welcher mit der Familie in ein Zürcher Vorort umgezogen ist und sich in der neuen Schule und deren Hackordnung neu zurechtfinden muss, auch nicht allzu prickeln daherkommt, gerade auch, da beide Hauptdarstellerinnen, Luna Wedler und auch Zoe Pastelle vor 3 Jahren in “Amateur Teens” in einem vermeintlich gleichen oder zumindest stark wesensverwandten Thema auftraten. Doch dann, bereits nach wenigen Filmminuten, kristallisierte sich heraus, dass der gewohnt behäbige und eher bemühte Inszenierungsstil vieler Schweizer Produktionen, der ein möglichst “progressiv-künstlerisches” Timbre erzeugen soll, hier schlicht keinen Eingang findet, sondern im Gegenteil, dieser ungewohnt frisch und mit einer souveränen Kühnheit aufwartet, der überrascht. Getragen von der beeindruckend aufspielenden Hauptdarstellerin (wurde auch zu einem der European Shooting Stars der European Film Promotion EFP gekürt) und einem knackigen musikalischen Score, verstärkt sich die Intensität schleichend von Minute zu Minute, bis die Handlung dann vom Moment der ersten Monatsblutung der Protagonistin an, die konventionellen Gefilde des Coming-Of-Age Genres verlässt und immer mehr ins Fantastische und Verstörende abdriftet, die unweigerlich Assoziationen mit Cronenberg’s “The Fly” auslösen, welche konsequent bis zur letzten symbolisch ausdrucksstarken und gleichsam poetischen Einstellung der metaphorische Ansatz schlüssig zu Ende führt und der gepeinigten Hauptfigur doch noch einen Schimmer Hoffnung in Aussicht stellen kann. Kurzum, eine mutige und starke Leistung einer jungen Schweizer Frauenriege, die selbstbewusst und verschlagen dem althergebrachten Genre des Teenager-Dramas eine überraschend neue Nuance abgewinnen kann, ohne nur auf Effekthascherei im Sinne von Spannungserzeugung oder Erhöhung der Schauwerte zu schielen, sondern eine selten gesehene, aber dem Thema durchaus angemessene Ernsthaftigkeit zukommen lässt. Hat Lisa Brühlmann das Potenzial womöglich eine Schweizer Sofia Coppola zu werden? Undenkbar ist das nach diesem überzeugenden Erstling nicht mehr.

Uraufgeführt am Partnerfestival San Sebastian, erhielt der Film dann am ZFF drei Preise und zwar – bei der Drastik der Inszenierung ein wenig erstaunlich – der Filmpreis der Zürcher Kirchen, das Goldene Auge in der Kategorie “Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich” und der Kritikerpreis. Zudem ist “Blue My Mind” Gewinner beim Schweizer Filmpreis 2018 in der Kategorie “Bester Spielfilm”, “bestes Drehbuch” und natürlich “beste Hauptdarstellerin”.

Blue My Mind, CH 2017, 97 Min., Regie Lisa Brühlmann, Mit Luna Wedler Zoe Pastelle Hothuizen, Regula Grauwiller, Georg Scharegg

 

Weitere 10 Must-See Filme:

Atomic Blonde

Bond war gestern. Zumindest seit Daniel Craig. Der neue Actionkracher vom Macher der “John Wick”- Filme basierend auf dem Graphic Novel “The Coldest City” mit der unwiderstehlich zähen und lasziven Charlize Theron macht vor, wie es eigentlich sein sollte. Endlich wieder mal ein Stoff aus der Welt der Spione ohne weinerlich-sentimentale und/oder ältere männliche und krampfhaft auf cool und dabei sich komplett lächerlich machende Heldenfigur. Trotz “Comic”-Vorlage ist der Streifen alles andere als harmlose und jugendgerecht aufbereitete Mainstreamkost. Vielmehr handelt es sich hier um einen abgefahrenen und hochstilisierten Agententhriller vor der Kulisse Berlins Ende der 80er, der auch als Overture zum bevorstehenden Mauerfall herhalten kann, zugkräftig unterlegt mit neu gesampleten Pophits aus dieser Zeit und der wortwörtlich schlagkräftigsten Prügelszene seit Patricia Arquette’s Gewalterosion in “True Romance.

“John Wick” war in diesem Fall für Regisseur David Leitch die Pflicht vor der Kür. Meisterhaft und Wuchtig.

Atomic Blonde, USA 2017, 115 Min., Regie David Leitch, Mit Charlize Theron, James McAvoy, John Goodman, Sofia Boutella, Til Schweiger

 

Happy End

Wenn die liebe kleine Enkelin und ihr knorriger Grossvater gemeinsam in den Suizid ziehen…..bösartige und trotzdem anrührende Sezierung der gegenwärtigen französischen Bourgeoisie. Könnte zum Kultfilm für “Antinatalisten” werden. Das flammende Plädoyer des Stoffs: Sag Nein zum Leben! Trotzdem, auch wenn es unvorstellbar klingen mag, der erste lustige Film von Michael Haneke (“Das weisse Band”)!

Happy End, F/D/A 2017, 107 Min., Regie Michael Haneke, Mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz

 

Captain Fantastic

Aussteigerfamilie scheitert an ihren sich selbst auferlegten Idealen. Oder doch nicht? Viggo Mortensen auf der dünnen, roten Linie zwischen antiautoritärem Freigeist und patriarchischem Fanatiker. Bringt die Essenz der Familie auf den Punkt. Schonungslos und rührend.Gehört zu jener Art von Filmen mit höchst dämlichem Titel, die einen auch thematisch nicht wirklich ansprechen. Was die Begeisterung nach der Sichtung umso stärker anschwellen lässt.

Captain Fantastic, USA 2016, 120 Min., Regie Matt Ross, Mit Viggo Mortensen, George MacKay, Frank Langella

 

Return to Montauk

Von der Kritik verrissen und trotzdem: Je nach dem persönlichen Schweregrad an Schwermut und Nostalgie bringt man dieses Drama über einen Schriftsteller auf der verlorenen Suche nach seiner erste Liebe nicht mehr richtig aus dem Kopf. Ein berührender, schnörkelloser und lakonischer Film über Illusionen und Lebenslügen. In Sachen Liebe. Und überhaupt. Würde Sam Shepard (Homo Faber, † 27. Juli 2017) die Hauptrolle spielen, wäre der von Max Frischs “Montauk” inspirierte Film wohl ein Meisterwerk geworden. Volker Schlöndorf (Regie), Nina Hoss und der Filmkomponist der Stunde, Max Richter, sorgen für gepflegtes und schönes Leiden vor der winterlichen Kulisse Long Islands. Die tiefhängenden Wolkenformationen über dem windgepeitschten Meer im kalten Graublau, spiegeln die Seelenlandschaft der Protagonisten hoffnungslos und traumhaft-frostig wider. Warm anziehen!

Return to Montauk, D/F/Irland 2017, 106 Min., Regie Volker Schlöndorff, Mit Stellan Skarsgard, Nina Hoss, Susanne Wolff, Niels Arestrup

 

Jackie

“There comes a time in man’s search for meaning when he realises that there are no answers. And when you come to the horrible and unavoidable realization, you accept it or you kill yourself. Or you simply stop searching”. Ein weiterer exzellenter Beitrag zu Selbstbetrug und Verlust aller sich aufgebauten Illusionen. Diesmal durch die Schilderung des Schicksals der berühmtesten Präsidentengattin der Geschichte. Eine Manifestion der stilvollen Trauer. Natalie Portman ist Jackie Kennedy!

Jackie, USA/Chile/F 2016, 100 Min., Regie Pablo Larrain, Mit Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt

 

Medici

DIE Soap im Jahr 2017! Zumindest scheinbar, denn das süffige Epos über die wohl bekannteste italienische Dynastie basiert zu grossen Teilen auf historischen Tatsachen. Und dass diese mehr an ein klischiertes, überfrachtetes und in vielen Passagen schwer zu glaubendes Script einer Fantasy-Netflixserie erinnern, macht die ganze Sache dann aber auch erst richtig pfeffrig. Und zeigt: Das Leben selbst ist immer noch das grösste Klischee…und manchmal auch der grösste Kitsch. Historisches Sittengemälde aus der Toskana mit schönen Menschen, schönen Locations und noch schönerer Musik. Glattpolierte, pathetische Edelschnulze, doch mit einem glaubwürdigen und charismatisch aufspielenden Cast und so hochspannend und wirkungsvoll umgesetzt, dass man vermutlich ewig weiterschauen würde. Auch das sonst auf Hochkultur fixierte Feuilleton. Aber eventuell kann auch Hochkultur kitschig sein? Fortsetzung ist in Planung.

I Medici, I/GB 2016, 400 Min., Regie Sergio Mimica-Gezzan, Mit Richard Madden, Annabel Schole, Stuart Martin, Brian Cox, Dustin Hoffman

 

Into the Forest

Ellen Page und Evan Rachel Wood spielen zwei Schwestern, die – nachdem der grosse Shutdown in Form eines weltweiten Stromausfalls eingetreten ist – alleine in einer Waldhütte mit Tanzen und Beeren suchen, sich auf das Ende der Zivilisation vorbereiten. Seltsam entrücktes, aber kraftvolles, stimmiges kleines Juwel, das durch alle Raster gefallen ist. Und man nicht mehr aus dem Kopf bringt. Musik, einmal mehr, Max Richter.

Into the Forest, CA 2015, 101 Min., Regie Patricia Rozema, Mit Ellen Page, Evan Rachel Wood, Callum Keith Rennie, Max Minghella

 

Una und Ray

Ein weiteres Bespiel von “Filmen, die durch alle Raster fallen”. Könnte in diesem Fall aber auch am Inhalt liegen, der den ethischen Kompass des Zuschauers auf einen schweren Prüfstand legt. In der Kinoadaption des Theaterstücks “Blackbird” des schottischen Autors David Harrower aus dem Jahr 2005 nimmt ein Missbrauchsopfer 15 Jahre nach der Tat mit ihrem Peiniger, der sich nach einer langjährigen Gefängnisstrafe mühsam wieder eine neue Identität zugelegt hat, Kontakt auf und fordert Rechtfertigung ein. Oder eventuell halt doch seine damaligen Liebesversprechen. Rooney Mara und Ben Mendelsohn zeigen in diesem Kammerspiel, was mutiges Schauspiel ist. Riskant, delikat und gefährlich.

Una, USA/CA/UK 2015, 94 Min. Regie Benedict Andrews, Mit Rooney Mara, Ben Mendelsohn, Riz Ahmed

 

Good Time

Eine aberwitzige, abgefahrene, dreckige, brutal-zärtliche Hommage an das New Yorker Strassen- und Nachtkino der 1980er Jahre, ganz in der Tradition von Scorseses “Bringing out the Dead” oder “Midnight Hours”. Und trotzdem absolut eigenständig mit einer inhärenten, zutiefst menschlichen Note. Zudem darf jetzt endlich mal klar und deutlich gesagt werden: Robert Pattinson ist ein guter Schauspieler. Punkt. Ohne Wenn und Aber.

Good Time, USA 2017, 101 Min., Regie Benny Safdie + Josh Safdie, Mit Robert Pattinson, Benny Safdie, Jennifer Jason Leigh

 

Indignation

Filme, die durch das Raster gefallen sind, Teil 3; “Indignation” basiert auf dem wohl persönlichsten Roman des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth aus dem Jahr 2008 und variiert das Thema der gesellschaftlichen Konventionen und Auflehnung gegen die herrschenden moralischen Sitten anhand einer problematischen Liebesbeziehung an einem College in Ohio im Jahre 1951. Am Ende kristallisiert sich die simple Tatsache für die dortigen Protagonisten heraus, die auch für die heutige Generation nach wie vor Gültigkeit besitzt: Entweder passt man sich an, man zerbricht, oder widersetzt sich, und zerbricht dann. In dieser Geschichte wird man alle drei Wege mitverfolgen. Elegant gefilmtes, stimmiges, angenehm altmodisches Schauspielerkino, das unter strikter Vermeidung inszenatorischer Mätzchen und prätentiösen Attitüden einen sanften melancholischen und wehmütigen Schleier auf das Geschehene zu legen vermag, ohne den Biss des Wortes und die Heiterkeit der Jugend zu vergessen. Mit den Newcomers Logan Lerman und Sarah Gadon (“Enemy”, “Maps to the Stars”), von denen man mit noch viel hören wird. Garantiert.

Indignation, USA 2016, 111 Min., Regie James Schamus, Mit Logan Lerman, Sarah Gadon, Ben Rosenfiel, Tracy Letts.

 

 

 

 

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