Palo Alto oder Das kleine Mädchen im weissen Kleid

 

Aufblende: Wir sehen ein kleines Mädchen in einem weissen Kleid, das einem wuscheligen braunhaarigen kleinen Hund auf der grünen Rasenfläche, welche sich unterhalb der Veranda bis zu den Weinbergen hinzieht, hinterher rennt, bald aber innehält und den Kopf zur Veranda dreht, wo ihr Grossvater in einem Schaukelstuhl sitzt, eine Zigarre in der Hand hält und hinter der Zeitung ihr freundlich entgegen lächelt. Wir schreiben das Jahr 1989 und befinden uns auf einem Weingut im Napa Valley in Bundesstaat Kalifornien. Das kleine Mädchen ist gerade mal 2 Jahre alt und heisst Gian-Carla benannt nach ihrem Vater Gian-Carlo, welcher 2.5 Jahre davor, als ihre Mutter noch mit ihr im zweiten Monat schwanger war, in einem Bootsunfall grauenvoll geköpft wurde. Er fuhr nicht selber, sondern der Sohn von Filmstar Ryan O’Neal, Griffin, welcher im Hafenbecken zwischen zwei Booten durchfahren wollte und übersehen hatte, dass diese durch eine Schleppleine verbunden waren. Was Gian-Carla, später nur noch Gia genannt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss ist, das ihre Mami, Jacqui de La Fontaine, gerade mal zarte 21 Jahre alt, bald einen neuen Mann kennenlernen und 10 Jahre später heiraten sollte. Sein Name ist Peter Getty, ein Nachkomme vom Oelbaron Jean Paul Getty, welchem mit dem Getty Museum ein Denkmal gesetzt wurde. Peter’s Vater war ebenfalls ein steinreicher Wohltäter, welcher sein Oelgeschäft für 10 Milliarden an Texaco verkauft hatte, aber neben seiner Musterehe noch eine Parallelexistenz mit einer Geliebten führte. So erfuhr Peter erst kurz vor der Hochzeit mit Gia’s Mami, dass er noch drei Halbgeschwister hat. Peter’s Onkel musste mit 60 in eine Entziehungskur, seine Tante starb an einer Ueberdosis Heroin, sein Cousin Jean Paul Getty III. knallte sich nach seiner Entführung (ihm wurde dabei sein Ohr abgeschnitten, weil sein Grossvater, eben Jean Paul, der mit dem Museum, nicht zahlen wollte) so lange mit Drogen zu, bis ihn der Schlag traf und er zum Pflegefall wurde. Was Gia zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wissen konnte war, dass ihr Grossvater, der auf dem Schaukelstuhl, welcher ihr gütig hinter der Zeitung zuzwinkerte, ihrer Mami 2 Jahre später, zu ihrem vierten Geburtstag, ein Haus in den Hollywood Hills schenken würde und ihre idyllische Zeit auf dem Weingut im Nappa Valley damit enden würde. Dafür würde das Haus, welche ihre Mami, die ein wenig wie Ali MacGraw (Synonym für weiblichen Hippietyp, dunkelhaarig und extrem attraktiv) aussah und einen Stil zwischen Hautevolee und Boheme-Chic pflegte und die neue Bleibe auch dementsprechend einrichtete, später die mythische Partyzentrale von L.A. werden. Wenn Gia dann in dem neuen Haus Geburtstag feiern würde, kämen viele neue Freunde aus der Stadt zu Besuch, Leonardo , Demi, Jack, Kate und wie sie alle heissen. Ihr Cousin Nicolas würde Karaoke singen und ihre Tante Sofia würde ihr eine selbstgebackene Torte mitbringen. Was das kleine Mädchen schlussendlich gar nicht wissen konnte, an dem Zeitpunkt, wo sie vom Hund abliess und wieder über die grüne Rasenfläche in Richtung ihres Grossvaters auf der Veranda, Francis Ford, rannte, lachend und kreischend, war die Tatsache, dass sie 26 Jahre später, ihren ersten Film als Regisseurin rausbringen und damit die Familientradition in die nächste Generation fortführen würde. Nach Francis Ford und Sofia. Coppola. Abblende.

Ihr erster Film heisst „Palo Alto“, nach dem gleichnamigen Roman von Multitalent James Franco (u.a. auch Schauspieler „127 Hours“, „Spring Breakers“), welcher darin seine Collegezeit in dieser kalifornischen Kleinstadt in diversen Kurzgeschichten beschreibt, in welchen sich eine Gruppe Jugendlicher mehrheitlich mit Sex, Drogen und Alkohol auf ihr späteres Erwachsenenleben vorzubereiten versucht und zwischen Identitätssuche, erstes Verlieben, provokativen Auflehnungen gegen die Autoritäten, Grenzüberschreitungen und tiefer Einsamkeit und Unsicherheit oszilliert. Das Buch war, trotz gelegentlich krassen Einschüben, sehr zurückhaltend geschrieben, in einem guten Sinne unspektakulär und alltäglich und bekam gerade dadurch eine sehr realistische, ja fast schon dokumentarische Note. Diesem Geist blieb auch Gia Coppola treu, was James Franco wohl auch erahnte, als er ihr die Rechte an der Verfilmung abtritt und ihr nicht nur die alleinige Entscheidungshoheit über jedes Gebiet (Casting, Endschnitt etc.) überlies, sondern auch gleich die ungefähre USD 1 Mio. Finanzierung bereitstellte, so dass auch keine Studios oder sonstige Geldgeber in den kreativen Prozess von Madame Coppola reinreden würden. Ein ungewöhnlich hoher Vertrauensvorschuss in eine 26-jährige Frau, ohne jegliche Regie-Erfahrung, welcher aber die herausragende Stellung unterstreicht und erklärt, welche James Franco im zeitgenössischen Kulturbereich geniesst, gerade auch wegen seiner Gabe junge Talente zu entdecken und fördern. Er wird ja schon seit längerem als kreativer Genius der Generation X gehandelt, da er ja nicht nur Schriftsteller und Schauspieler ist, sondern auch Regisseur, Drehbuchautor und Maler. Sein Oeuvre reicht von „Spider-Man“, „Die fantastische Welt von Oz“ über „Milk“ bis zu „Everything will be fine“ – die Zusammenarbeit mit Wim Wenders – oder Ausstellungen im MoMa PS1 zusammen mit Gus Van Sant. Wie viele andere ambitionierte Berufskollegen benutzt er das im Mainstream verdiente Geld um seine künstlerischen Herzensprojekte zu finanzieren, was „Palo Alto“ logischerweise ist. Das Geld darf man dann auch hier als effizient eingesetzt sehen. Viele der Darsteller sind das erste Mal in ihrem Leben vor der Kamera gestanden, die Kleider durften die Jugendlichen selber von zu Hause mitnehmen und auch viele Szenen sind gleich in deren realen Häuser u.a. auch Schlafzimmer gedreht worden. Auch die Settings sind so authentisch wie möglich gehalten worden, viele Szenen spielen auf Fussplätzen, Vorhöfen, Spielplätze und eben halt einfach zu Hause. Dass trotz diesen geerdeten Ansätzen kein muffiges Jugenddrama herausgekommen ist, sondern ein höchst ästhetisches Filmsoufflé, unterlegt mit einem zart-melancholischen Soundtrack, welcher die hypnotische Spannung dieser rauen und schlussendlich tieftraurigen Geschichte noch verstärkt, verwundert einem dann aber doch nicht wirklich. Denn eben, die Coppolas müssen es in den Genen haben und der Geschmack der Mutter, diese Mélange aus Hautevolee und Boheme-Chic, welche auch ihre Cousine Sofia zelebriert, hat die Tochter gänzlich übernommen. Verbunden mit einer filigranen Sensibilität für die Schönheit der alltäglichen Dinge und einer tiefen Empathie für das menschliche Wesen, darf man auch von Gia noch Grosses erwarten und dies zu recht. „Palo Alto“ ist thematisch und atmosphärisch eigentlich nur mit dem Filmklassiker „The last Picture Show“ von Peter Bogdanovich aus dem Jahre 1971 vergleichbar, welcher als einer der wichtigsten und einflussreichsten Filme des amerikanischen Kinos gilt. Vielleicht hat das kleine Mädchen auf der grünen Wiese es schon dazumal gespürt, dass es das Leben doch irgendwie gut mit ihr meinen wird.

Konklusion: Es gibt Menschen, die sind mit einer aussergewöhnlichen Intelligenz, Kreativität und Sensibilität, sowie mit einem Auge für die Schönheit der Dinge gesegnet. Und können zudem ihre Wahrnehmungen in filmische Reflexionen umsetzen. Mit Gia Coppola und James Franco, zwei angehende kreative Ikonen der Generation X und Y, treffen 2 solcher hochbegabten Menschen in diesem Erstlingswerk zusammen und dieser kreative Superclash ist in jeder Sekunde des Films spürbar. Nicht mit Exaltiertheit und extravaganten kreativen Einfällen. Keine Posen. Sondern durch eine poetische Feinfühligkeit, mit welcher das letzte Collegejahr einer Gruppe Jugendlicher in Palo Alto gezeigt wird und den Fokus auf die kleinen Dinge vor und nach den Ereignissen richtet. Und schlussendlich über das unwiderrufliche Ende der Jugend und der Unschuld reflektiert.  Emma Roberts (hat was von Amanda Peet) und James Franco führen kongenial eine Darstellerriege an, welche zumeist keine Kameraerfahrungen mitbringen und dadurch eine authentische fast schon semidokumentarischen Note einbringen. Der Soundtrack ist hypnotisch und der Film insgesamt wie ein trauriger Traum. Immer wenn es zu schmerzhaft werden droht, wacht man auf. Der Traum aber bleibt haften.

Prescpriction for: Identity crisis, adolescence issues, loneliness, insecurity,  first love

Listen to: Palo Alto Soundtrack (Devonté Hynes, Robert Schwartzman) 

Palo Alto, US 2013, 100 Min., from Gia Coppola, with Emma Roberts, James Franco, Jack Kilmer, Nat Wolff, Van Kilmer 

All you need is Love – Love&Mercy

 

Die meisten Spielfilme über die realen oder fiktiven Musikidolen würde ich auf einer Bewertungsskala von sehr gut bis hervorragen platzieren. An Filme, die nur gut waren, kann ich mich nicht erinnern, schon gar nicht an einen darunter. „Amadeus“ (ein Klassiker des Genres, 1984, Miloš Forman), „Sid und Nancy“(Liebesgeschichte zwischen Nancy Spungen und dem Sex Pistols-Bassisten Sid Vicious, 1986, Alex Cox), „The Doors“ (Jim Morrison, 1991, Oliver Stone), „ Almost Famous“ (2000, Cameron Crowe), „Ray“ (Ray Charles, 2004, Taylor Hackford), “Walk the Line“ (Johny Cash, 2005, James Mangold),„Control“ (Ian Curtis, 2007, Anton Corbijn), „Liberace“ (2013, Steven Soderbergh), „Danny Collins“ (Steve Tilston, 2015, Dan Fogelman)…

Das neue Biopik „Love&Mercy“ von Bill Pohlad („Wild“, „12 Years a Slave”, „Into the Wild“) über Brian Wilson (Beach Boys kreativer Kopf) ist keine Ausnahme. Woran liegt es? Wieso werden Musiker von Cineasten dermassen gut verstanden? Obwohl fast alle Filme dem gleichen Muster folgen – Erfolg – Alkohol, Drogen, Groupies – Absturz – Comeback oder Tod, ist jeder einzelne sehenswert. Es mag daran liegen, dass die Filmemacher den gleichen Tücken des Berühmtseins ausgesetzt sind und genau so an Ruhm, Verzweiflung und Kreativitätsverlust leiden wie ihre Kollegen aus der Musikbranche. Nicht zuletzt liegt es an der herrlichen Musik, an heiss geliebten Songs, die uns immer wieder aufs Neue inspirieren, alle Eskapaden ihrer Erfinder unbedeutend erscheinen lassen und so implizit eine Rehabilitation versprechen.

Den jungen Bryan Wilson spielt der ihm optisch sehr ähnliche Paul Dano (Nebenrollen in „Little Miss Sunshine“, „Taking Woodstock“, „12 Years a Slave”, „Prisoners“). Eine hervorragende und mutige Leistung, da er versucht das innere Leben und die kreativste Phase seines Protagonisten akribisch genau und schonungslos darzustellen. Nur am Rande werden die Extravaganzen des Popidol-Daseins skizziert: ein im Sandkasten stehender Flügel oder ein grosses Baldachin-Zelt mitten im Wohnzimmer – für den ungestörten Drogenkonsum und interne Gespräche der Bandmitglieder.

Was an diesem Film so gelungen ist, sind die Entstehungsgeschichten der berühmtesten Lieder von Wilson – z.B. „Good Vibrations“ oder seine Zusammenarbeit mit Studiomusikern für das Konzeptalbum „Pet Sounds“. Die Proben und Aufnahmesessionen im Studio wurden in der körnigen Sequenz einer alten Dokumentation gefilmt. Die Zuschauer sind fast schon live dabei – so lebendig und eindringlich werden diese erfüllenden Schaffungsprozesse dargestellt! Paul Dano ist überhaupt nicht verlegen, was die eher peinlichen körperlichen Makel angeht – sein quälend über den Hosenbund hängender Bauch, Doppelkinn, schmale Schulter sind omnipräsent in vielen Szenen. So kommt er allzu menschlich rüber – ein junger Mann, der sich wie ein Kind am Sandkasten des Lebens bedient, und alle Anstrengungen aus seinem Verstand verbannt – außer Musik. Um ein perfektes Lied hinzukriegen, scheut er keine Mühen. Seine Visionen stützen sich auf die absolut klaren Vorstellungen darüber wie die perfekten Kompositionen zu erreichen sind. Diese ständige Suche nach Perfektion, gepaart mit exzessiven Drogenkonsum, treibt Brian schlussendlich in den Wahnsinn.

Einen schwächeren Part (Brian Wilson in 20 Jahren) spielt John Cusak, der sich bestens mit verzweifelten Existenzen auskennt („High Fidelity“, „Amerika`s Sweethearts“, „Maps to the Stars“). Die Musik ist ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, aus dem einst herausragenden Musiker ist ein Wrack geworden. Obwohl Brian aussieht wie ein gealterter Mann, benimmt er sich wie ein Kind (absolut glaubwürdig dargestellt von Cusack). Dies wird von seinem Vormund Dr. Eugene Landy ausgenutzt. Den cholerischen und hinterhältigen Doktor spielt Paul Giammatti, der für Schurkenrollen in Hollywood zuständig ist, exzellent.

Dieses abgekartete Spiel durchhaut die sympathische Cadillac -Verkäuferin Melinda (Elizabeth Banks), bei welcher Brian ein Auto bestellt. Ihr übertriebener Sinn für Mode (XXL-Schulterpolster, knallige Farben, trashiger Schmuck, in der Starre einbetonierte gelbliche Haarlocken – alles Sünden aus den späten 80-ern) steht im Kontrast zu ihrem sanften Wesen. Mit viel zurückhaltender Neugier und Geduld begegnet Melinda den 24 Stunden unter Beobachtung stehenden Brian. Sie versucht etwas Glück und Normalität in sein aus Verboten und Einschränkungen bestehendes Leben einzupflanzen. Bedienungslose Liebe ist das Einzige, was dem immer noch unter der Lieblosigkeit seines Vaters Murray (Bill Camp) leidenden Brian helfen kann. Der Epilog (der Mitproduzent des Filmes Brian Wilson im Jahre 2014) bekräftigt diese Annahme.

Konklusion: „Love&Mercy“ ist eine Filmbiografie, welche die entscheidenden Umstände im Leben und in der musikalischen Karriere von Brian Wilson meisterhaft widerspiegelt, hervorragend gespielt und mit fundamentalen existenziellen Fragen ausgestattet. Hier werden weniger Fallen des Ruhms erläutert (wie in den meisten Biopics), dafür aber wird es vielmehr auf die wertvollen Momente des Schaffens eingegangen. Da es sich um die glücklichen Begegnungen und Zusammenfügungen handelt, verströmt „Love&Mercy“ viel Optimismus. Wenn man den richtigen Menschen findet (in diesem Fall die richtige Frau), der bereit ist, den Notleidenden aus dem Sog zu ziehen, dann gibt es ein Weg zurück ins Leben. Eigenständigkeit und Lebensmut sind befreiend nicht nur für jene, die sie vollziehen, sondern für die, die sie empfangen.

Prescription for: warm, neat tribute to the Beach Boys mastermind Brian Wilson

Love&Mercy, USA 2014, 121 min., directed by Bill Pohlad, with Paul Dano, John Cusak, Paul Giammatti, Elizabeth Banks, Bill Camp

I own a dog – The Age of Adaline

Es gibt diese Geschichten, welche über die Anfänge erzählen, – glückliche, hoffnungsvolle… Die gemeinsamen Sorgen und Ängste liegen weit vorne – in der Zukunft… Nur das gemeinsame Streben nach Einzigartigkeit zählt… Die Jahrtausende alte Mythologie der Liebe trommelt ihre Leibeigenen zusammen, um den Triumph der Leidenschaft aufs Neu zu besingen… Obwohl mittlerweile immer weniger von Romantik und lebenslanger Perfektion auf der grossen Leinwand erzählt wird, entstehen vereinzelt Filme, die die alten Ideale auferstehen lassen und den Glauben an die außergewöhnlichen Wege der Liebe beleben.

Eine erfrischende Möglichkeit, solche Geschichten anderes aufzutischen, wäre sie in eine zeitrelevante Hülle zu verpacken: mal glaubwürdiger, physikalisch nachvollziehbarer („Interstellar“), oft völlig unergründlich,  mystisch („The Curious Case of Benjamin Button“ oder „The Age of Adaline“). In diesen Filmen spielt die Zeit die eigentliche Hautrolle, da sie oft verrückt spielt und den Menschen ihre natürlichen oder von jemandem zugewiesenen Lebensräume entzieht. Meistens sind solche Gebilde mit einer Tragik und Melancholie überzogen, die immer seltener im Kino anzutreffen sind. Deshalb berühren sie uns auf eine eigentümlich nostalgische Art und Weise.

Nach einem Unfall hört Adaline Bowman (Blake Lively – „Gossip Girl“) zu altern auf und bleibt seit 1933 29 Jahre alt. Damit das Geheimnis ihrer ewigen Jugend nicht auffliegt, ändert sie alle zehn Jahre ihre Identität und ihren Wohnort. Was wie ein Traum klingt, bedeutet für die Frau ein einsames und zurückgezogenes Leben. Nur ihre inzwischen ergraute Tochter kennt ihr Geheimnis. Das ereignisreiche Leben von Adaline ist von Anfängen, von Verliebtheiten, die in keiner Liebe ausreifen und mit einer Flucht enden, geprägt. Für die Frau, die nicht älter wird, gibt es keine Zukunftsaussichten . Wieso eigentlich nicht?

Ein vielversprechendes Thema: eine Greisin steckt  in einem jungen, vitalen Körper… Ein junges Gesicht strahlt Geheimnisse der vergangenen Jahrzehnten und Überdruss aus…Dennoch wurden alle diese Spannungsfelder nur oberflächlich behandelt und die grossen psychologischen Fragen nur flüchtig gestreift… Obwohl Adaline viel zu erzählen hat, tut sie das nie. Das einzige, was sie zum Beispiel bei einem Date von sich preisgibt, ist eine knappe Information – „I own a dog“. Man bemüht sich, ihrem Gesicht einiges abzulesen, doch es ist zu schön und zu jung, um die Erkenntnisse des langen Lebens zu beherbergen. Trotz aller möglichen philosophischen Projektionen bleibt der Film ziemlich konventionell. Er spielt in einer perfekten Welt ab, wo die Liebenden nach den Sternen greifen, die Eltern den Kinder nur das Richtige sagen und wo alles mit Sinn und Zweck erfüllt ist. Deshalb ist er nur ein hübsches Konstrukt, dem die wahren Lebenselixiere fehlen.

Umhüllt in Retro-Chic schwebt Blake Lively grazil durch die eigene Geschichte. Aus Harrison Ford, dem Liebhaber Elvis aus der Vergangenheit, ist ein gütiger Mann geworden, der zwar seiner alten Liebe Anabelle nachtrauert, doch beruhigende und anerkennende Worte für seine 40 Jahre mit ihm lebende Ehefrau findet. Michael Huisman, sein Sohn Ellis, ist die aktuelle Liebe von Adaline, die jetzt Jenny heisst, ein netter, humorvoller, natürlich absolut liebenswerter Kerl… Das Eigenartige ist nur, dass alle in „The Age of Adaline“ so vollkommen und aufrichtig sind. Deswegen geht es hier um eine klassische romantische Liebesgeschichte, die wir noch halbwegs abkaufen, weil sie diesen mässigen philosophischen Hintergrund hat – das Ringen mit der Zeit.

Dennoch birgt das Thema viel mehr Potenzial. Wie wäre es, wenn aus Elvis ein verbitterter hässlicher Mann geworden wäre, der gegenüber seinem Sohn Missgunst empfindet, seine Frau nicht ausstehen kann und sich an der Adaline rächen will? Wie wäre es, wenn Ellis ein gerissener Kerl wäre, wie etwa mit einer Neigung zum Alkoholismus oder Stalking? Wie wäre es, wenn die bildschöne, ewig junge und alles wissende Adaline ihre Schönheit, Jugend und Erfahrungen einsetzen würde, um eine Herrscherin zu sein – Salome, Medea oder wie Adaline aus San Francisco stammende Catherine Trameli aus „Basic Instinct“? Vielleicht wäre dann so ein Streifen für die Ewigkeit vorbestimmt und nicht nur für die romantischen Stunden zu zweit?

Konklusion: „The Age of Adaline“ ist eine nette melancholische, dennoch gut ausgehende Geschichte über die Liebe, das Alter und so manche Schicksalswenden. Sie erreicht keinesfalls Tiefen und Vielschichtigkeit des thematisch ähnlichen Liebesstreifen von David Fincher „The Curious Case of Benjamin Button“ (2008). Doch genau diese Art Tragik, welche die in verkehrte Richtung marschierte oder stehen gebliebene Zeit auslöst, ist auch hier zu spüren. Durchaus ist der Film  geeignet für diejenigen, die die romantischen Adern des alten Hollywood und die alles einschliessende Schönheit der Inszenierung schätzen. Ein bitter-süsslicher Film über die Tücken der Zeit, sowie die einleuchtende Kraft der Liebe und die Menschen, die daran glauben. Wenigstens solange sie im Kino sind!

Prescription for: melancholic mood, love venture, age, beauty, romantic lovers

The Age of Adaline, USA 2015, 112 min., directed by lee Toland Krieger, with Blake Lively, Michiel Huisman, Harrison Ford, Ellen Burstyn, Kathy Baker

The Knick – dark and intriguing

The show plays around the 1900s in New York City and centres around a hospital called the Knickerbocker. Clive Owen stars in the main role of the ill-tempered surgeon Dr. John Thackery, who revolutionises surgery on the forefront of science.

The series is brilliantly filmed, visually stunning and is tied in with highly unusual music. One cannot help but feeling emotionally exposed and vulnerable at times when watching. It touches on racial issues, racism and sexism of the era, which seem uncannily contemporary at times, and deals with drug abuse and class dived. Its’ tone is dark and moody and does not leave much room for romance and comfort. Certainly not a light watch.

All hospitals of the time have moved uptown only the Knickerbocker has stayed behind caring for the poor, struggling to keep the doors open in tough financial times while simultaneously, trying to compete at the scientific front. The Knicks’ leading surgeon Dr. Thackery (Clive Owen) is committed to the art of surgical science but is also tragically entangled in a dark web of drug addiction, which forces the storyline to erupt as the city’s opium and cocaine supplies run dry. (During those times cocaine was freely available in pharmacies, prescription free and widely used in medical procedures.)

Although there is to say that the series could have done more with the character of Dr. Thackery who basically is a 1900’s version of Dr. House, Clive Owen does play his character brilliantly. Especially as the season comes to conclusion his talent becomes intensely apparent.

Bono’s daughter (Eve Hewson) gives an excellent performance in the role of nurse Lucy Elkins, Dr. Thackery’s dewy eyed love interest. Her presence adds substance to the show and the relationship with the doctor is subtle and seems precious in a world where tenderness is far and few between.

Lucy Elkins

 

The Knick is a series that does not ease you into things. You need a good stomach to endure all the blood, racism and sexism that are constantly on display. But this in combination with the astounding artistic visual flavour makes it very unique and worth a watch.

What also makes a compelling argument for giving the Knick a try is its focus on two men’s relationship: Owen’s Dr. Thackery, and the African-American Andre Holland’s Dr. Algernon Edward. The latter comes to the Knick at the behest of Cornelia Robertson played by Juliet Rylance, the daughter of a progressive shipping magnate. The Robertson’s want Edwards to succeed and as the main donors of the hospital funds have the last word. This creates tension in the Knick and as the story unfolds and social unrests in New York take their toll.

Thack and Al

The director, Steven Soderbergh who is responsible for movies such as “Oceans 11” and “Traffic” has once famously announced that he would retire after the end of shooting in 2012 of his hitherto last film “Behind the Candelabra” but later down played the comments and said that a sabbatical from filming would be more realist. His words would ring true as he reemerged with the Knick on the creative scene. He takes fantastic close up shots, let’s his actors speak volumes without words, plays with light and shade and has created an art work which no doubt is worth contemplating. However, it is dark and a bit depressing, it is thought provoking and rather gory at times.

Nevertheless, it has been already renews for a second season and it remains to be seen if all that passion will translate to the audience.

The Sheep will stay tuned.

Faits divers about Madame Bovery – Gemma Bovery

„Madame Bovery“ von Gustave Flaubert erschien im Jahre 1856. Der Gesellschaftsroman hatte früher den Untertitel – „Ein Sittenbild aus der Provinz“. Prompt nach der Veröffentlichung in der Zeitschrift La Revue de Paris wurde Flaubert von der Zensurbehörde wegen Verstosses gegen die guten Sitten und Verleitens zum Ehebruch angeklagt. In diesem Prozess wurde  Flaubert jedoch freigesprochen. Heute gilt „Madame Bovery“ als eines der bedeuteten Werke der Weltliteratur. Zusammen mit „Anna Karenina“ von Leo Tolstoj liegt der Roman das umfassendste Bild der Seelenzustände und Wunschprojektionen von Frauen vor.

Wenn Männer ratlos mit den Schultern zucken und den betagten Ausdruck  in die Runde schmeissen – man würde Frauen nie verstehen -, hätte ich stets einen Tipp  parat: Lassen sie Datig- und Flirt-Ratgeber weg, lesen sie nur diese zwei Romane. Wenn man einen Modernisierungsbedarf verspürt, wäre da der Beistand von Simone de Beauvoir ganz hilfreich („Le Deuxième Sexe“ zum Beispiel). Mehr braucht es wirklich nicht, um die Rätsel zu entschlüsseln.

In Frankreich gehört längst Madame Bovery, wie die Marianne und Marseillaise, zum berühmten Nationalstolz der Franzosen. Noch im Jahre 1896 hat der junge Heinrich Mann folgendes über die Bedeutung vom Flauberts Roman geschrieben: „Madame Bovery“ ist von mehreren Literatengenerationen studiert worden wie die Bibel von Theologen studiert wird. Ihr Geist und Teile ihrer unvergleichlichen Lebensfülle sind in unzählige Bücher übergegangen“. Bis heute hat das Interesse am Roman und seinem Autor kaum nachgelassen. Aus verschiedenen kulturellen Inputs ist Flaubert nicht mehr wegzudenken. Nur ein Beispiel aus unserem Metier: Im von uns hoch geschätzten diesjährigen Oscar-Gewinner „Birdman“ (auf TDS im Januar umfangreich rezensiert) wurde Flaubert vom Mike Shiner (Edward Norton) zitiert, um seine Verachtung gegenüber der Theaterkritikerin zu verdeutlichen.

Der Roman selbst wurde seit 1934 zwölf Mal verfilmt – in Frankreich, Deutschland Argentinien, England, Bulgarien, Indien, USA. Die beste Interpretation bis jetzt hat Claude Chabrol mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle geliefert (1991). Ihre unterkühlte, introvertierte Art,  gepaart mit wachsamer Lebendigkeit, erzeugt eine bis dahin unbekannte Emma – weniger romantisch, viel mehr lapidarer und lustorientierter. Nun, in wenigen Monaten kommt die nächste „Madame Bovery“ ins Kino – von Sophie Bartes mit Mia Wasikowska (war bereits in den Literaturverfilmungen „Alice im Wunderland“ und „Jane Eyre“ zu sehen)  als Emma aus der heutigen Perspektive.

Aus oben genannten Gründen war es für mich kaum überraschend, die französische Produktion „Gemma Bovery“ (2014) von Anne Fontaine zu entdecken. Es ist keine Verfilmung des Romans im klassischen Sinne, nur eine Hommage an den Kult-Roman, seine unvergängliche Aktualität und Wege, welche die Literatur einschlägt, wenn sie versucht, das wahre Leben zu beeinflussen. Es ist oft aufregend, inspirierend, doch nicht immer wünschenswert, wie „Gemma Bovery“  humorvoll und der Realität Tribut leistend zeigt.

Genervt von ihrer kleinbürgerlichen Existenz in London überredet Gemma (Gemma Arterton) ihren Ehemann Charles (Jason Flemyng), mit ihr in ein beschauliches Dorf in der Normandie zu ziehen. Dort angekommen, scheint es so, als hätte der Bäcker Martin (Fabrice Luchini) nur auf sie gewartet, um seine literarischen Vorlieben auf die Probe zu stellen. Der Tag, an dem Gemma ihn geheimnisvoll anlächelte,  nennt er das Ende seiner sexuellen Abstinenz. Nicht, dass der Ex-Pariser der jungen Dame gleich Avancen macht, er versucht nur nett und behilflich zu sein, geniesst die betörenden Momente der körperlichen Nähe zu Gemma und beobachtet…

Das Verhalten der englischen Großstädter, wie auch ihre Namen, scheinen tatsächlich durch Flauberts Roman inspiriert zu sein. Da Martin das Leben von Gemma auf das Romanleben von Emma projiziert, versucht er die Engländerin vor dem Unglücklichsein der berühmten Französin zu schützen. Doch genau das verursacht eine ganze Reihe von Missverständnissen und schliesslich ein tragisches verblüffendes Finale. In seinem literarischen Gedankensumpf verliert Martin anschliessend den Bezug zur Realität und spricht seine neue Nachbarin als Anna Karenina an.

Konclusion: Ein typisch französischer Film (auf TDS in April – French joie de vivre), welcher keine bandbrechenden Erkenntnisse anbietet, jedoch ein malerisches Ambiente mit lustvollen Verwicklungen ausmalt.  Obwohl ihm definitiv der Tiefgang fehlt,  geeignet für diejenigen, die den Roman Flauberts lieben, die französische Gelassenheit im Umgang mit Lebenskrisen bewundern und Überraschungen schätzen.  Bon voyage!

Prescription for: Flaubert, Normandy and French Film lovers

Gemma Bovery, 2014, France, 100 min, by Anne Fontaine, with Gemma Arterton, Fabrice Luchini, Jason Flemyng, Mel Raido, Niels Schneider

Have courage and be kind! – Cinderella

Wie viele Verfilmungen des beliebten Märchens aus der Gebrüder Grimm-Sammlung gab es bis jetzt? Laut Wikipedia – 28, wenn man die zahlreichen Interpretationen à la „Pretty Woman“ nicht dazu zählt. Der allergrößte Hit ist ein tschechischer Weihnachtsklassiker “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” (Tři oříšky pro Popelku, Václav Vorlíček, 1973). Brauchte die Welt noch eine weitere Version des liebenswerten, verwaisten Mädchens, dass auf eine sehr konventionelle Art plötzlich glücklich und reich wurde? Ja, wie die neue Cinderella-Verfilmung zeigt, sie braucht es. Woran liegt es?

Erstens, am Regisseur – dem Multitalent Kenneth Branagh. Fünf Mal wurde er für den Academy Award nominiert – je einmal als bester Hauptdarsteller, Nebendarsteller, Drehbuchautor, Regisseur sowie für den besten Kurzfilm. Branagh ist damit bislang der einzige Künstler, der in fünf verschiedenen Kategorien im Rennen für die höchste Auszeichnung der Filmwelt lag. Er gilt auch als großer Shakespeare-Interpret. Bestimmt eine gute Voraussetzung, einer verstaubten Geschichte ein neues Leben zu verpassen und sie mit Tiefgründigkeit zu versehen! Der inzwischen geadelte Brite erzählt die Cinderella-Story in Dialogen, die an höfische Kultur aus Shakespeare-Zeiten erinnern und oft die Gestalt des klassisch-britischen Zeitgeistes verbreiten.

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Zweitens, am durchgedachten Casting. Die zwei Hauptrollen spielen noch relativ unbekannte Schauspieler (Lily James, bekannt als Lady Rose aus „Downton Abbey“ und Richard Madden aus “Game of Thrones”).  Als prominente Besetzung ist Drew Barrymore für „A Cinderella Story“(1998) eher zum Verhängnis geworden als sie das Aschenputtel in der Postrenaissance-Zeit spielte – zu viel Aufklärung und Feminismus wurde schon allein durch ihren dominanten Part  in die simple Geschichte hineininterpretiert. Der Film lief nicht schlecht, geriet aber schnell in Vergessenheit.

Alles, was  Aschenbrödel Ella in “Cinderella” tun musste, war um die Wette zu strahlen, in allen Kostümen hübsch und würdevoll auszusehen, überzeugend nach der Muttermaxime zu handeln – mit Mut und Freundlichkeit alle Situationen im Leben meistern. Das gelingt Lily James perfekt. Alles, was von Prinz Kit Charming erwartet wird, ist diese bezaubernde Existenz ins Herz zu schliessen und seine Liebe dem König und  Hof gegenüber zu verteidigen. Auch das gelingt Richard Madden reibungslos,.

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Was jedoch an dieser Verfilmung so reizend erscheint, sind seine zwei Nebendarstellerinnen – Cate Blanchett (die böse Stiefmutter) und Helena Bonham Carter (die gute Fee). Mit ihren Posen, ihrer Manierlichkeit und gehässigem Lachen macht Blanchett den Hauptunterschied zwischen dem Leben als Schein (in der Hoffnung auf Macht und Einfluss), was seit ihrem Einzug in die Patchworkfamilie herrscht, und dem Leben als Sein (in der Hoffnung auf Glück und Rechtschaffenheit), was die Seele des Hauses ausmachte als die Mutter noch lebte, deutlich.  Vermutlich zum ersten Mal erfahren wir, wieso die intrigante Stiefmutter so geworden sei wie sie ist, und wieso sie das tut, was sie tut. Eine kleine Sensation, grandios, wie gewohnt, gemeistert von Cate Blanchett: Sie hat einen Schicksalsschlag erlebt, ist sich der Unzulänglichkeiten ihrer Töchter bewusst, eifersüchtig auf Cinderellas Jugend und Schönheit und von Existenzängsten geplagt. Nachvollziehbar!

Überhaupt wird im neuen Film der Entfaltung der menschlichen Charaktere wesentlich mehr Raum zugestanden. Der Vater (Ben Chaplin) wird nicht einfach von heute auf morgen böse. In der Hoffnung auf einen neuen Anfang heiratet er diese durchaus attraktive und elegante Frau mit puppenhaften Töchtern. Doch die „Ersatz-Schönheit“ und mit Opulenz aufgefüllte Leere hat eher etwas mit Präsentation  als mit wahren Werten zu tun. Er versteht es bald selbst, doch leider zu spät. Zu seiner Tochter bleibt er stets nett und fürsorglich. Verständlich! Der Königsberater, welcher den Staatsapparat repräsentiert, hervorragend, wie gewohnt, vom Stellan Skarsgärd gespielt, erklärt dem Prinzen, dass die Heirat mit Mädchen aus dem Volk keine Armeen und volle Staatskassen mit sich bringt. Plausibel!

Die klassischen Märchen bemühen sich nie um die Hintergrund-informationen. Die Umstände und Charaktere sind so wie sie sind, die Helden müssen da einfach durch. Der Film dagegen erlaubt sich ein wenig Logik und Psychoanalyse. Nicht zu viel, nicht zu wenig, genau die richtige Dosierung, um das Unerklärliche zu erläutern. Jeder hat einen Anspruch auf eigene Sicht der Dinge. Ein ziemlich moderner Ansatz!

Absolut zeitgemäss wirkt die gute, dabei tollpatschige, übergeschnappte und selbstironische Fee, vergnüglich gespielt von Helena Bonham Carter. Die Verwandlungsszene, in welcher sie die Kutsche mit der ganzen Ausstattung, das blaue Ballkleid und die Schuhe mit der herrlichen anspielungsreichen Bemerkung – sie sei „good at shoes“- herzaubert,  gehört zu den amüsantesten im Film.  So viel Witz, gepaart mit so viel Magie, verströmen eifach Harmonie und bezeugen das Können aller Beteiligten.

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Drittens, an den visuellen Effekten und prächtigen Kostümen. Die neuste Produktion aus dem Hause Disney ist vor allem ein Spektakel für die Augen. Die Produktionskosten betrugen 90 Millionen Euro. Die ganze  Disney-Maschinerie (inkl. Marketing) hat auf Hochtouren gearbeitet. Für das Kostümdesign wurde die dreifache Oskar-Preisträgerin Sandy Powell engagiert (“Shakespeare in Love“, “Gangs of New York“, “The Young Victoria“, „Aviator“, „Carol“).

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Ausladende Ballkleider, traumhafte Farben und Lichtinstallationen, unzählige Lagen von Seide und Tüll haben zum Erfolg des Filmes viel beigetragen. Neun Monate lang haben Powell und ihr Team das Design des blauen Ballkleids entwickelt, das am Ende aus 90m Stoff bestand, mit insgesamt 10.000 kleinen Swarovski-Kristallen, die Nähte sind mehr als fünf Kilometer lang. Dennoch war das Kleid so leicht, dass es in der Luft schweben könnte. Das überdimensionale Wolkenkleid der Guten Fee war mit kleinen LED-Lämpchen übersät, man musste es anknipsen, damit es leuchtete. Die Schuhe zu den kontrastreichen Stiefmutter-Ensembles hat allesamt Salvatore Ferragamo designt.

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Zur Produktion eines glitzernden Kristallschuhs musste eine spezielle Maschine hergestellt werden. Er kommt im Film zum Einsatz, wenn Stiefmutter, Prinz oder Cinderella ihn in den Händen halten. Das einzige Problem: weil Kristall natürlich nicht im Geringsten nachgibt, konnte Lily James diesen Schuh niemals wirklich anziehen. Und da brauchte man dann doch noch die Hilfe des Computers: aus Lederschuhen mit den Proportionen der Kristallschuhe zauberten visuelle Effekte den Glitzerschuh. Parallel zu der Filmpremiere waren die anderen Designer (Jimmy Choo,  Manolo Blahnik, Charlotte Olympia) mit Cinderella-Schuh-Entwürfen fertig,  alle tragbar, doch ohne Einmischung der Guten kaum zu erwerben. 

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Viertens, am Humor und am Witz, der viele narrativen Stellen erfrischt und die alte  Geschichte so lebendig und modern macht. Die klassischen Märchen sind normalerweise ernst, ab und zu auch komisch, weil die Situationen so undenkbar erscheinen. Doch mit Witz oder Ironie haben sie selten etwas gemein. Gerade ohne diese Komponenten wäre der Film öde. Die Zuschauer sind heute kaum bereit, einen komplett humorlosen Film zu ertragen. Deshalb gibt es keine Tragödien mehr ohne Komik, genau so wie Märchen ohne Witz. Einzig werden noch die Mythen und Sagen mit der heroischen Tradition verbunden und kommen noch ohne Humor aus (z.B.  „Exodus: Gods and Kings“, 2014).

Konklusion: Das neu inszenierte Aschenbrödel-Märchen mit Übermass an Herz, Esprit und Charme spricht Menschen jeden Alters an und entzückt mit einer wohldosierten Mischung aus Kitsch, Magie, Humor und dem respektvollen Umgang mit den guten alten Werten. In diesem Sinne verströmt der Film eine subtile Botschaft an alle Paris-Hilton-Klone dieser Welt, Dschungelköniginnen, Bacheloretten, Shopping Queens, Superstars und Next-Top-Models  – mit Anstand, Güte und Prinzipien kommt man besser durch’s Leben als mit Intrigen, Herumgezicke und Selbstverleumdung. Wir sind uns es wert, das Wichtige und das Richtige im Leben nicht aus den Augen zu verlieren! Fröhlich mutet das unvermeidbare Happy-End an – alles wird gut, Mädels!

Prescription for: love, magic, sense of decency, courage, blended family issue, dreams, inspiration and hope, responsibility and  personal qualities.

Listen to: Cinderella Soundtrack  from Patrick Doyle

Cinderella, USA 2015, 105 min., directed by Kenneth Branagh, with Lily Jemes, Cate Blanchett, Helena Bonham Carter, Richard Madden, Stellan Skargärd, Derek Jacobi, Ben Chapin, Hayley Atwell

Madonna – Nothing is indestructible

Madonna

Lange habe ich mit meinen Engelchen und Teufelchen gekämpft und nun doch, ich muss es loswerden. Es geht um das neue Madonna Album „Rebel Heart“ oder besser um die ganze Situation rund um einen etwas missglückten Album-Start.

Eine Künstlerin wie Madonna mag man oder man mag sie nicht. Es gibt wohl nichts dazwischen. Ich habe ja schon ein paar Jahre auf dem Buckel und als Jugendlicher – als es noch schwarzglänzende Vinyl-Platten in 33‘‘ und 45‘‘ gab (am Plattenspieler musste man den Geschwindigkeitshebel betätigen) – kaufte ich mir die Maxi von „Like a Prayer“. Ein grossartiger Song! Es gab drei Versionen dieser Maxi-Single. Immer dieselbe skizierte Madonnen-Figur vorne drauf, jedoch einmal mit einem blauen, einem gelben und weissen Hintergrund. Ich musste natürlich alle haben. Ich denke, es war einer meiner ersten Maxi-Käufe. (FYI für die jüngeren Leser. Maxi-Singles waren Platten mit unendlich in die Länge gezogenen Versionen des ursprünglichen Songs drauf, meistens Disco-Versionen oder sogenannte Extended-Remixes. Mischwerke von angesagten DJs kamen erst später auf die Tonträger. “Normale“ Singles hingegen spielten auf der A-Seite nur einen Song ab – Radio-Version – und auf der B-Seite gab es meist einen unveröffentlichten B-Track – oft schlecht – oder eine instrumentale Version des originalen Songs)

Zurück zu Madonna. Und ja, ich mag Madonna. Sie hat ab 1983 grossartige Musik veröffentlicht und ist seitdem aus dem Musik-Olymp nicht mehr wegzudenken. Sie räkelte sich im Hochzeitskleid als „Toy Boy“- Girl durch die sinkende Stadt Venedig, tanzte zwei Jahre später mit einer blonden Kurzhaarfrisur in Lederjacke durch Brooklyn, suchte danach verzweifelt nach Susanne und legte einen divenhaften Auftritt mit Mafiajäger Dick Tracy hin. Bei der „Blond Ambition Tour“ brachte sie als wohl erste Künstlerin eine Masturbationsszene auf die Bühne und knutschte mit Vanilla-Ice Ice Baby nackt in einem Erwachsenen-Bildband rum. Dort hat das mit den Zungenküssen wohl angefangen. Weitere geküsste sind Britney, Christina und gerade vor kurzem der amerikanische Rapper Drake. Googelt doch mal „Madonna kissing“! Zudem verärgerte sie als gläubige Katholikin immer wieder die Kirche. Chapeau!

Die „Rebel Heart“ Situation fing kurz vor Weihnachten 2014 an. Das damals noch unbenannte 13te Studio Album wurde auf März 2015 angekündigt. Ein Augenzwinkern später leakten auch schon die ersten Songs ins Internet. Madonna reagierte auf Instagram und Facebook sichtlich sauer über die Situation und bat die Fans darum, die Tracks nicht zu hören, da es sich um gestohlene, unfertige Demo-Songs handeln würde. Es gab später sogar eine Gerichtsverhandlung,  jedoch vermute ich eine geschickte PR-Strategie dahinter, tauchten doch plötzlich immer mehr Songs auf. Und mit mehr Songs meine ich mehr als 30 Tracks! Dass ein Song leakt ist heutzutage ja schon fast werbetechnischer Alltag, in diesem Ausmass kann man dies jedoch als etwas zu viel des Guten bezeichnen. Reaktion auf das Leaking war, dass Künstlerin und Management entschieden, am 20. Dezember 6 Tracks des finalen Albums zu veröffentlichen. Medien lästerten erst, danach kehrten sie ihre Meinung und sprachen lobend von einem „Beyoncé-Moment“. (Ein Beyoncé-Moment ist, wenn ein Künstler aus heiterem Himmel, also ganz überraschend ein komplettes Album auf iTunes veröffentlicht und dies ohne Ankündigung und Promo-Kiste. Die Göttergattin von Jay-Z raste dadurch im Dezember 2013 mit dem Album „Beyoncé“ die Charts hoch und überraschte alle) Madonnas Aktion hingegen wirkte – wenigstens meiner Meinung nach – etwas hilflos und schlecht kopiert. Selbstverständlich bin ich Madonnas Bitte nicht gefolgt und habe mir sämtliche vorab geleakten  Demo-Songs reingezogen. Ich freute mich aufs neue Album, denn was ich dort zu hören bekam, schmeckte nach mehr. Aus Loyalität zur Künstlerin setzte ich eine Vorbestellung des Albums auf und bekam dann vorab die erwähnten ersten 6 „offiziellen“ Songs, welche auch die ersten beiden Singles „Living for Love“ und „Ghost Town“ beinhalteten.

Aber damit nicht genug. Nicht dass es mit dem ersten Leaking der Demos genug war. Nein, im Januar des neuen Jahres war das komplette Album, diesmal fertig abgemischt, schon wieder im Internet geleakt. Fast zwei Monate vor dem offiziellen Release. Jedoch blieb der mediale (und juristische) Aufschrei dieses Mal aus.  Madonna instagrammte stattdessen Hash-Tags mit den bereits bekannten Song-Titeln und die Promo-Maschinerie rollte mit grossem Getöse heran. Die erste Single wurde auf Snap-Chat veröffentlicht, Auftritte wie bei den Grammys und Brit-Awards standen auf dem Programm. Der berühmte Bühnen-Unfall (sie stürzte bei den Brit Awards in der Londoner 02-Arena rückwärts von der Bühne) war aber – ausnahmsweise – nicht inszeniert. Dafür leg ich meine Hand ins Feuer.

Meine Hoffnung auf ein zweites „Ray of Light“ Album, welches dazumal (1998) ein weiterer bahnbrechender und – auch musikalisch – überzeugender und fast schon radikaler Imagewandel  von Madonna darstellte, wurde jedoch enttäuscht. Das Album hat gute Momente, jedoch klingt alles sehr überproduziert. Was in der Demo-Version noch frisch, geerdet und vielversprechend klang, wurde in der finalen Version bis auf den kleinsten Ton abgemischt und somit einem grossen Teil der Authentizität beraubt. Und zudem mag ich die Stimme von Madonna nicht mehr. Oft quietsch sie und von den bei Evita erlernten Gesangskünsten ist leider nicht mehr viel zu hören. Zugegebenermassen war Madonna nie die grossartigste Sängerin, jedoch mochte ich ihre Stimme. Sie hatte irgendwas…liebliches…reines…jetzt irgendwie nicht mehr.

Vor ein paar Wochen erschien das offizielle Musik-Video zur zweiten Single „Ghost Town“. Madonna sieht toll aus, perfektes Styling. Die Szenen erinnern ein wenig an „I am Legend“ mit Will Smith. Bisschen Apokalypse mit zerstörten Gebäuden, Rauch und so. Auch ein Hund oder Wolf streift durchs brennende Set. Alles toll, jedoch habe ich Madonna noch nie so schlecht als Schauspielerin gesehen. Es gibt ein paar grosse Momente des Fremdschämens. Einziger Höhepunkt ist das Tänzchen am Ende des Clips mit dem Schauspieler Terrence Howard.

Schaut euch das Video doch mal an:

 

Und wenn ihr schon auf Youtube seit, anbei noch das Video zum mit Abstand besten Song auf “Rebel Heart” – Inside out (auch wenn hier ebenfalls die Demo Version nochmals um ein Quäntchen mehr gerockt hat)

Aber wie es so ist, echte Enttäuschungen können nur Künstler erzeugen, die einem etwas bedeuten und möchte deshalb  – als versöhnendes Schlusswort – nicht vergessen, meinen nach wie vor ungebrochenen grossen Respekt an diese grossartige Frau auszusprechen, die es immer wieder verstanden hatte, sich permanent neu zu erfinden und die Popgeschichte über Jahrzehnte zu prägen um nicht zu sagen,  zu dominieren. Und warte deshalb weiter – ausdauernd und doch zuversichtlich –  auf den nächsten grossen  „Ray of Light“ Moment. „Rebel Heart“ war ihn sicherlich nicht.

Um Euch die Wartezeit bis dahin zu verkürzen, habe ich Euch untenstehend noch die Liste mit den grössten und besten Songs, die Madonna je veröffentlichte, aufgeführt. Und kein Widerspruch!;)

So long und bis bald mal wieder!

Guido

 

– Time stood still (Soundtrack zu “The Next Best Thing” – 2000)

– You’ll see / Véras (Something to Remember – 1995)

– Nothing really matters (Ray of Light – 1998)

– I want you (Something to Remember – 1995)

– Frozen (Ray of Light –  1998)

– Like a prayer (Like a prayer – 1989)

– Papa don’t preach (True blue – 1986)

– This Used to be my playground (Title song for “A League of Their Own” – 1992 and Something to remember – 1995)

– Paradise not for me (Music – 2000)

– Sorry (Confessions on a Dance Floor – 2005)

– Masterpiece (MDNA – 2012)

– Vogue (I’am Breathless – 1990)

– Justify my love  (The Girlie Show – Live Down Under – 1993)

– Don’t cry for me Argentina (Evita – 1996)

 

 

 

 

 

 

 

 

The Irish way of the cross – Calvary

Der Mann hinter dem vergitterten Innenraum in dem Beichtstuhl drückt sich gegenüber dem der Beichte abnehmenden irischen Priester klar aus. Er wird ihn am nächsten Sonntag erschiessen und erwartet ihn zur diesbezüglichen Ausführung am nahen Strand. Ebenso klar formuliert er sein Motiv. Er wurde als Kind jahrelang sexuell geschändet von einem anderen Priester, der zwar schon lange tot ist, aber um ein Zeichen zu setzen, dass auch vernommen wird, wird er ihn, den in der Gemeinschaft geschätzten, moralisch integren und den sich nichts zuschulden lassenden Dorfpriester, stellvertretend für die gesamte katholische Kirche umbringen. Auf das aufgewühlte Schweigen des Priesters fragt der künftige Mörder, ob er denn nichts dazu sagen wolle. „Not right now, no. But I’m sure I’ll think of something. By Sunday week”

Irische Filme zeichnen sich in der landläufigen Vorstellung – oder wenigstens in meiner – vor allem durch ihren warmen und lebensbejahenden Charme aus. Schrullige und wahrhaftige Charaktertypen, meistens schon im Rentenalter, die mit Knollennasen, geröteten Bäckchen und braun-grauen Schlapphütten in dem heimeligen Pub um die Ecke, in dem sich meist sowieso das halbe Dorf befindet, leckere Pints kippen und zu der unverkennbaren, irischen Folkloremusik lebenslustig-spastische Tänze  vollführen, freudig brüllend, ab und zu unterbrochen von einer nie wirklich bös gemeinten Rauferei oder sich selbstständig gemachten Pint-Gläser, welche beim freien Flug durch den Kubus des Pubs allenfalls den lästigen Nachbarn, welchen man schon jahrelang auf dem Kecker hatte, am Hinterkopf touchieren. Meistens haben dann die zentralen Handlungstreiber auch mit der seit Ewigkeiten festgefahren Hackordnung in der Gemeinde zu tun,  welche plötzlich und unerwartet von etwas Neuem gestört wird, sei es, dass ein alter Strolch das vermeintlich grosse Los beim Lotto zieht (Waking Ned Devine) oder dass einem Fischer aus Versehen eine Meerjungfrau ins Netz geht, diese mit nach Hause nimmt und damit die Dorfbevölkerung hochgradigen Irritationen aussetzt (Ondine – Das Mädchen aus dem Meer).

Diese Elemente findet man in „Calvary“ auch, sind sie doch keine Erfindung der Filmstudios, sondern spiegeln zu grossen Teilen auch die echten irischen (Land-)Verhältnisse wider. Die Geschichte spielt in einem abgelegenen kleinen Dorf in Strandhill in County Sligo an der Atlantikküste Irlands und die wenigen Protagonisten sind schon fast klischierte Abbilder der gängigen Vorstellung von einer irischen Dorfgemeinschaft. Neben der Hauptperson, James Lavelle (kongenial dargestellt von Brendan Gleeson), der fürsorgende und in der Gemeinde tief verankerte Dorfpriester, welcher intellektuell seinen Schäfchen inkl. seinem nerdigen, ignoranten und rückgratlosen Junior-Priester haushoch überlegen, aber trotzdem vor den irdischen Schwächen wie Alkohol nicht gefeit ist und sich schon mal wild um sich schiessend in einem Pub vorfinden kann,  finden wir die seelisch beschädigte, offen untreue Ehefrau, ihren – in der Gemeinde natürlich einzig schwarzen – Geliebten, den offiziellen Ehemann, dem Metzger, welcher über die Affäre seiner Frau mehr erleichtert und froh, als eifersüchtig wäre und deshalb auch im Pub mit dem Geliebten regelmässig Schach spielt, der fundamental-buddhistische und trotzdem immer leicht aggressive Barbetreiber, der soziopathische (und selbstverständlich kriminelle) stinkreiche Bankier namens Fitzgerald im leicht abgelegenen Landsitz, der sympathisch-korrupte Polizeivorsteher mit seinem hypernervösen Latino-Callboy-Lover und der – genau – steinalte schrullige alte Schriftsteller mit Knollennase, welcher auf einer nahen Insel seinen letzten Roman schreibt und zynisch vermeldet, dass man erst dann wirklich alt ist, wenn niemand sich mehr getraut in seiner Gegenwart das Wort Tod in den Mund zu nehmen. Er ist es auch, der den Priester bittet, ihm eine Pistole zu besorgen, offenbar um ihm einen menschenwürdigen Abgang zu ermöglichen, wenn es dann soweit sein sollte…

In sieben – von jedem Wochentag bezeichneten – unterteilten Kapiteln macht sich der Priester daran, wofür ihm sein künftiger Mörder auch den Aufschub gewährt hat und zwar die unerledigten Konflikte in seiner Gemeinde zu klären, sich seiner ihm entfernten Tochter (Kelly Reilly – „Flight“, „True Detective“) wieder zu nähern, welche ihn in dieser Woche nach einem Selbstmordversucht besucht und seine ganz persönlichen Wertvorstellungen inkl. seinen Glauben auf den Prüfstein zu stellen. Und obschon er sich – neben dem mörderischen Ultimatum – den stetigen Anfeindungen, unmoralischen Handlungen, zynischen Gesinnungen, kompletter Orientierungslosigkeit und spiritueller Degenerierung, nicht nur der Dorfbewohner, sondern auch seiner Tochter, ausgesetzt sieht, kämpft er tapfer dagegen an, den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren.

Einer der inszenatorischen Kniffs, welcher Michael McDonaugh („The Guard“) – Bruder von Martin McDonaugh („Brügge sehen und sterben?“/“7 Psychos“), clever einsetzt, ist die Tatsache, dass der Priester ja von Anfang an weiss, wer sein möglicher Mörder ist, was dem Zuschauer aber erst am Schluss enthüllt wird. Dadurch stellt man sich bei jedem Schäfchen der Gemeinde, welches mit ihm in Kontakt kommt, die entsprechende „could it be?“ Frage, was den Spannungsbogen durch den ganzen Film hindurch hoch hält und den Freiraum schafft, um die eigentliche Essenz dieses Stoffes, eine Art Kreuzweg des Pfarrers, welcher wie das grosse Vorbild, quasi unter den Augen seines Henkers mit den unvermeidlichen Selbstzweifeln und Quallen von statten geht. Nicht umsonst heisst der Film Calvary. Der Kalvarienberg vor den Toren Jerusalems ist der Ort auf dem Jesus schliesslich gekreuzigt worden ist.

Die Nachwirkungen des wirtschaftlichen Kollapses von Irland immer noch latent spürbar, geht die Erzählung – trotz bitterem Witz und verzweifeltem Sarkasmus – einen grundsätzlich ernsten und Ironie freien, konsequenten Weg und gleicht in diesem verdichtetem Diskurs über den Stellenwert von Moral und Ethik, Schuld und Vergebung und die Konfrontation mit dem eigenen Tod einer heroischen Helden-Saga biblischen Ausmasses und thematisiert nebenbei – unaufdringlich und doch akkurat – den Platz und die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in der heutigen Gesellschaft, welche speziell in Irland nach dem Bekanntwerden der eklatanten Missbrauchsfälle in der jüngeren Vergangenheit einen fundamentalen Vertrauensverlust erlitten hat. Dies alles aber ohne didaktischen  Zeigefinger oder der Präsentation einer erlösenden Wahrheit. Wie wir alle, leidet James Lavelle an der Unzulänglichkeit unseres Wesens und den Launen des Lebens. Aber er schreitet voran, mit Würde, Mitgefühl, Stärke und Liebe und dem Wissen, dass dem vorbestimmten Schicksal so oder so nicht zu entgehen ist. Allenfalls sogar schon am nächsten Sonntag nicht mehr.

Konklusion: In rauen und kraftvollen Bildern unterlegt mit einem gänsehauterzeugenden bombastisch-klerikalen Soundtrack setzt uns Michael McDonaugh eine dichte, wahrhaftige und emotional mitreissende Erzählung mit subkutaner Langzeitwirkung um den Kreuzweg eines irischen Pfarrers vor, der in einer Woche die Erlösung mit sich, seiner Tochter und seiner Gemeinde finden muss. Trotz schrulligen und sarkastischen Szenen mit schrägen Typen und abgefahrenen, überdrehten Einschüben, ein zutiefst nachdenkliches, düsteres und konsequentes Werk, aber mit einer stark humanistischen und  – ja – christlichen Botschaft, unter Vermeidung einer eigentlichen Rhetorik der Moral. Trotzdem oder gerade deswegen auch für Atheisten interessant. Ein verpasster Kandidat für die Liste der besten Filme von 2014! Sheep on me!;)

Prescription for: Confrontation with dead, religious doubts, family issue, problem solving within society, dealing with forgiveness, dealing with pressure

Listen to: Soundtrack “Calvary” from Patrick Cassidy

Calvary, IE/UK 2014, 101 min., written and directed by John Michael McDonagh, with Brendan Gleeson, Chris O’Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen

 

Game of Thrones – Did you know?

What is there to say…no introduction needed, no comments have to be added, the words: Winter is coming & You don’t know nothing, Jon Snow stand synonymously for great entertainment where no one is save from being killed off!

Just in time for the NEW SEASON’S kick off (and in preparation for “Winter”) The Dreaming Sheep has compiled a list of some rather interesting little snippets.

Here we go:

  • Alfie Allon (Theon Greyjoy) is the brother of pop singer Lily Allen.

Alfie Allon

And was engaged to Jaime Winstone, who’s the daughter of Ray Winstone (they broke off their engagement after two years though).

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  • Sophie Turner (Sansa Stark) adopted Lady

The Northern Inuit Dog who played her Dire Wolf on the show called Zunni in real life and lives with her and her family.

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The dire wolfs went of course extinct about 10’000 years ago. They were about the size of a grey wolf but were much heavier in built. Now, the dire wolf project is attempting to resurrect the species from their grave. Well, almost. The breed is actually called American Alsatians. The dogs have little genetic material in common with the real dire wolf and are not as big, which is just as well as the real deal was extremely big and heavy and may not be suited to snuggle up with you on the sofa to watch GoT. They look rather similar though and the breeding association claims that they are much calmer in temperament than many other wolfhound species. With USD3’000 a puppy the association is cashing in on the hype and you might be better off training your poodle to look grim and fierce.

American Alsatians

 

 

  • GoT is the most pirated show in the world

According to the file sharing website TorrentFreak, more people are illegally downloading GoT than any other show in the world.

 

  • Westeros has quite the wine list

Even after the massacre at the red wedding (which led to Joffrey’s death by poison) there is a culinary guide available to a GoT inspired Menu including wine suggestions. The Inn at the Crossroads features the official GoT cookbook “a Feast of Ice and Fire” detailing meals such as “Dothraki goat roasted with sweetgrass, firepods, and honey” and “Tywin’s Rack of Venison” (“Theon’s sausage” is not on the list, luckily). The menu even includes a vegetarian section. Meanwhile, wine blog Vinepair have created a fictional guide to the wines of Westeros. (The blog recommends the “Tempranillo-driven dry red blends” of Dorne, and the “underappreciated Cabernets” of House Lannister.)

 

  • Jojen Reed (Thomas Brodie-Sangster) is the kid from Love, Actually.

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  • Viserys Targaryen (Harry Lloyd) is the great-great-great grandson of Charles Dickens.

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  • Peter Dinklage is vegetarian

Any time you see him eating “meat” on screen, it’s actually tofu.

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  • Jon Snow (Kit Harington) is dating Ygritte (Rose Leslie) in real life.

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  • Mother of Dragons? How about Mother of Sea Slugs?!

In 2013, researchers discovered a new species of sea slugs off the coast of Brazil. The marine biologists who discovered the species, were struck by the similarity of the creatures’ skin colour and it’s resemblance of the hair and skin tones to the famous mother of dragons; Daenerys Targaryen, otherwise known as ‘the Khaleesi’. In honour of the warrior queen, (Emilia Clarke), the team decided to name their new find Tritonia khaleesi. The researchers have stated that the sea slug has a silver strand on its back, which “is especially reminiscent of the Khaleesi’s hair”… that is truly SciFi for Science. 🙂

Slugs

French joie de vivre – Une nouvelle amie

Manchmal überkommt mich eine Sehnsucht nach einem Zustand, in dem das Praktische,  Rationale auf die Seite tritt und den Platz für die Ausgelassenheit und Spontanität räumt. Dann weiss ich – ein Franzose muss her, ein Film natürlich! Ein Schächtelchen Makronen, eine BFF-Freundin und der Spass im Arthouse Le Paris kann los gehen. Diesmal mit dem fünfzehnten Streifen des grossen französischen Frauenkenners François Ozon „ Une nouvelle amie”.

Wie bei den meisten Filmen von Ozon ist auch hier die Handlung auf ein paar Ereignisse beschränkt, die ausgiebig emotional interpretiert werden. Eine geliebte Frau, Mutter eines Babys, Tochter und Freundin stirbt in der Blüte ihres Lebens. Diejenigen, die in „ Une nouvelle amie“ damit klar kommen müssen, sind ihr Mann David (Romain Duris) und ihre beste Freundin Claire (Anaïs Demoustier). In erster Linie geht es in diesem Film um die Trauerarbeit.

Wenn es eine Hollywood-Produktion wäre, würden die Protagonisten höchstwahrscheinlich in einer Gesprächsgruppe oder auf der  Couch eines attraktiven Psychotherapeuten landen… Ein skandinavischer Film würde möglicherweise versuchen die Familienangehörigen zu involvieren, wonach alle Beteiligten noch stärker traumatisiert wären… Die Japaner könnten ihre Ahnen konsultieren… Auf jeden Fall hätte man recht häufig eine vage, manchmal eine deutliche Vermutung, wie das Szenario verlaufen könnte.

Was machen die Franzosen mit so einem Stoff? Man weiss es nie so genau. Bei einem französischen Film ist es selten möglich zu sagen, wohin er führt und wie er endet. Und deshalb ist es oft eine spannende Reise ins Ungewisse. Die Klischees werden zu Staub gemahlen, Erwartungen niedergeschmettert…Frische und kecke Interpretationen mit hoher Happyend-Wahrscheinlichkeit verblüffen anhaltend. Wenn das Leben die Tristesse verbreitet und die Nachrichtenströme entmutigend wirken, bemühen sich die Filmschaffenden stets die Leichtigkeit des Seins hervorzuheben.

So ist es auch flagrant in „ Une nouvelle amie“ zu spüren. Und obwohl es um Verluste, Identitätskrisen, Unfälle, Depressionen, sogar um die Nekrophilie geht, ist dieser Streifen keine schwere Kost. Er ist mit so einer Leichtigkeit und einem Lebensdurst gezeichnet, dass es einem ganz warm ums Herz wird. Ohne den moralischen Kompass aus den Augen zu verlieren, wie einst bei Roberto Benigni (La vita è bella, 1997), wird das Schwere, fast Unerträgliche in eine sanfte humanistische Hülle eingewickelt. Und so können wir die Verwandlung des Davids in Virginia relativ schmerzfrei geniessen.

Eher zufällig entdeckt Claire die alte Passion Davids, sich als Frau zu verkleiden, welche nach dem Tod seiner Ehefrau erneut entflammt. Zuerst skeptisch und dann zunehmend wohlgesinnt begleitet sie ihn bei seiner Identitätssuche. Und so erholen sich die beiden Trauernden von ihrem Kummer. Die Tragik des Verlustes wird von der Neugier und Entdeckungsfreude verdrängt.

Abgesehen vom Selbstfindungstrip ist „ Une nouvelle amie“ eine Hommage an die Weiblichkeit, die auch in den anderen Filmen von Ozon auffallend präsent ist  („8 femmes“, ,„Swimming Pool“, „Potiche“, „Jeune et jolie“…) Fasziniert von allem, was das Frauendasein umgibt (High Heels, Nylonstrümpfe, Perücken, Kleider, Mascara, Rouge, Nagellack…) stürzt sich David mit Hingabe in die neue Rolle, bekommt von Claire Tipps zur Umsetzung der Make-up-Ritualen und – für ihn besonders wertvoll – auch ihre Anerkennung.

Langsam findet Claire Gefallen an ihrer neuen Freundin Virginia und entdeckt sogar den erotischen Reiz an der Verkleidungsgeschichte. David ist beides und kann beides sein.  Anders als Männer, die eine Frau eher als Gesamtkonzept sehen, ist er in der Lage die Details wahrzunehmen (die Farbe des Lippenstifts, den Schnitt des Kleides, der vorteilhaft für die Taille wäre…) So verwandelt sich auch die anfänglich graue Maus Claire in eine sinnliche Frau. Allmählich nehmen die Transvestismusverwicklungen gefährliche Ausmasse an: Claire ist verheiratet, David muss sich um seine Tochter kümmern…

Doch so abgründig wie in Almodóvar’s Welten (z.B. „Todo sobre mi madre”, 1999, „La piel que habito“, 2011;  – „Une nouvelle amie“ basiert auf einer Geschichte der britischen Bestsellerautorin Ruth Rendell, die Pedro Almodóvar auch schon verfilmte) wird es nicht werden. Nach einem Autounfall, welchen Claire indirekt verursacht, ist sie bereit, Virginia bedingungslos zu unterstützen. Etwas unrealistisch und dick aufgetragen, aber so wünschenswert!

Unverkennbar, wie die meisten Filme von Ozon, besteht „Une nouvelle amie“ ebenfalls aus einem musikalischen Feuerwerk, das die verschiedenen Stimmungen aufgreift und eine ergänzende, oft sogar richtungsweisende Funktion im Filmskript spielt. So wird ein Wendepunkt in David’s/Virginia’s Überlegungen markiert – in einer Szenebar mit dem alten französischen Chanson „Une Femme avec Toi“ von Nicole Croisille,  das von einem/einer Transvestit-Sänger/Sängerin grandios neu interpretiert wurde. Ein Befreiungsakt par excellence!

Conclusion: „ Une nouvelle amie“ ist ein liebenswerter Film mit all den Freuden und Verwirrungen, die zu einem französischen Film gehören. Ihn anzuschauen ist ein freudiges, abenteuerliches Ereignis. Im Übrigen, da es um die Selbstbestimmung als absolutes Menschenrecht geht, ist er auf der Augenhöhe der Zeit. In vielen Ländern und Kulturkreisen wird das Anderssein missbilligt, verpönt und bestraft. Deshalb ist er wie ein Lichtstrahl der Toleranz und ein klares Statement in einem Land,  wo der Kulturkampf  um die Homo-Ehe trotz der gesetzlichen Konformität noch nicht abgeschlossen ist.

Prescription for: process of grieving, transvestism, identity problems, self-disclosure, inner guidance,  striving for endorsement, intolerance, courage 

Une nouvelle amie (Eine neue Freundin), France 2014, 105 min., directed by François Ozon, with Jonathan Louis, Roman Duris, Anaїs Demoustier  

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