French joie de vivre – Une nouvelle amie

Manchmal überkommt mich eine Sehnsucht nach einem Zustand, in dem das Praktische,  Rationale auf die Seite tritt und den Platz für die Ausgelassenheit und Spontanität räumt. Dann weiss ich – ein Franzose muss her, ein Film natürlich! Ein Schächtelchen Makronen, eine BFF-Freundin und der Spass im Arthouse Le Paris kann los gehen. Diesmal mit dem fünfzehnten Streifen des grossen französischen Frauenkenners François Ozon „ Une nouvelle amie”.

Wie bei den meisten Filmen von Ozon ist auch hier die Handlung auf ein paar Ereignisse beschränkt, die ausgiebig emotional interpretiert werden. Eine geliebte Frau, Mutter eines Babys, Tochter und Freundin stirbt in der Blüte ihres Lebens. Diejenigen, die in „ Une nouvelle amie“ damit klar kommen müssen, sind ihr Mann David (Romain Duris) und ihre beste Freundin Claire (Anaïs Demoustier). In erster Linie geht es in diesem Film um die Trauerarbeit.

Wenn es eine Hollywood-Produktion wäre, würden die Protagonisten höchstwahrscheinlich in einer Gesprächsgruppe oder auf der  Couch eines attraktiven Psychotherapeuten landen… Ein skandinavischer Film würde möglicherweise versuchen die Familienangehörigen zu involvieren, wonach alle Beteiligten noch stärker traumatisiert wären… Die Japaner könnten ihre Ahnen konsultieren… Auf jeden Fall hätte man recht häufig eine vage, manchmal eine deutliche Vermutung, wie das Szenario verlaufen könnte.

Was machen die Franzosen mit so einem Stoff? Man weiss es nie so genau. Bei einem französischen Film ist es selten möglich zu sagen, wohin er führt und wie er endet. Und deshalb ist es oft eine spannende Reise ins Ungewisse. Die Klischees werden zu Staub gemahlen, Erwartungen niedergeschmettert…Frische und kecke Interpretationen mit hoher Happyend-Wahrscheinlichkeit verblüffen anhaltend. Wenn das Leben die Tristesse verbreitet und die Nachrichtenströme entmutigend wirken, bemühen sich die Filmschaffenden stets die Leichtigkeit des Seins hervorzuheben.

So ist es auch flagrant in „ Une nouvelle amie“ zu spüren. Und obwohl es um Verluste, Identitätskrisen, Unfälle, Depressionen, sogar um die Nekrophilie geht, ist dieser Streifen keine schwere Kost. Er ist mit so einer Leichtigkeit und einem Lebensdurst gezeichnet, dass es einem ganz warm ums Herz wird. Ohne den moralischen Kompass aus den Augen zu verlieren, wie einst bei Roberto Benigni (La vita è bella, 1997), wird das Schwere, fast Unerträgliche in eine sanfte humanistische Hülle eingewickelt. Und so können wir die Verwandlung des Davids in Virginia relativ schmerzfrei geniessen.

Eher zufällig entdeckt Claire die alte Passion Davids, sich als Frau zu verkleiden, welche nach dem Tod seiner Ehefrau erneut entflammt. Zuerst skeptisch und dann zunehmend wohlgesinnt begleitet sie ihn bei seiner Identitätssuche. Und so erholen sich die beiden Trauernden von ihrem Kummer. Die Tragik des Verlustes wird von der Neugier und Entdeckungsfreude verdrängt.

Abgesehen vom Selbstfindungstrip ist „ Une nouvelle amie“ eine Hommage an die Weiblichkeit, die auch in den anderen Filmen von Ozon auffallend präsent ist  („8 femmes“, ,„Swimming Pool“, „Potiche“, „Jeune et jolie“…) Fasziniert von allem, was das Frauendasein umgibt (High Heels, Nylonstrümpfe, Perücken, Kleider, Mascara, Rouge, Nagellack…) stürzt sich David mit Hingabe in die neue Rolle, bekommt von Claire Tipps zur Umsetzung der Make-up-Ritualen und – für ihn besonders wertvoll – auch ihre Anerkennung.

Langsam findet Claire Gefallen an ihrer neuen Freundin Virginia und entdeckt sogar den erotischen Reiz an der Verkleidungsgeschichte. David ist beides und kann beides sein.  Anders als Männer, die eine Frau eher als Gesamtkonzept sehen, ist er in der Lage die Details wahrzunehmen (die Farbe des Lippenstifts, den Schnitt des Kleides, der vorteilhaft für die Taille wäre…) So verwandelt sich auch die anfänglich graue Maus Claire in eine sinnliche Frau. Allmählich nehmen die Transvestismusverwicklungen gefährliche Ausmasse an: Claire ist verheiratet, David muss sich um seine Tochter kümmern…

Doch so abgründig wie in Almodóvar’s Welten (z.B. „Todo sobre mi madre”, 1999, „La piel que habito“, 2011;  – „Une nouvelle amie“ basiert auf einer Geschichte der britischen Bestsellerautorin Ruth Rendell, die Pedro Almodóvar auch schon verfilmte) wird es nicht werden. Nach einem Autounfall, welchen Claire indirekt verursacht, ist sie bereit, Virginia bedingungslos zu unterstützen. Etwas unrealistisch und dick aufgetragen, aber so wünschenswert!

Unverkennbar, wie die meisten Filme von Ozon, besteht „Une nouvelle amie“ ebenfalls aus einem musikalischen Feuerwerk, das die verschiedenen Stimmungen aufgreift und eine ergänzende, oft sogar richtungsweisende Funktion im Filmskript spielt. So wird ein Wendepunkt in David’s/Virginia’s Überlegungen markiert – in einer Szenebar mit dem alten französischen Chanson „Une Femme avec Toi“ von Nicole Croisille,  das von einem/einer Transvestit-Sänger/Sängerin grandios neu interpretiert wurde. Ein Befreiungsakt par excellence!

Conclusion: „ Une nouvelle amie“ ist ein liebenswerter Film mit all den Freuden und Verwirrungen, die zu einem französischen Film gehören. Ihn anzuschauen ist ein freudiges, abenteuerliches Ereignis. Im Übrigen, da es um die Selbstbestimmung als absolutes Menschenrecht geht, ist er auf der Augenhöhe der Zeit. In vielen Ländern und Kulturkreisen wird das Anderssein missbilligt, verpönt und bestraft. Deshalb ist er wie ein Lichtstrahl der Toleranz und ein klares Statement in einem Land,  wo der Kulturkampf  um die Homo-Ehe trotz der gesetzlichen Konformität noch nicht abgeschlossen ist.

Prescription for: process of grieving, transvestism, identity problems, self-disclosure, inner guidance,  striving for endorsement, intolerance, courage 

Une nouvelle amie (Eine neue Freundin), France 2014, 105 min., directed by François Ozon, with Jonathan Louis, Roman Duris, Anaїs Demoustier  

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