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It’s time, everybody is ready to feel better…not! The Leftovers oder das “Sad Film Paradoxon”

„Ich sehe traurige Filme dann gerne, wenn sie tragisch gut gemacht sind. […] Wenn man die Tiefen nicht hat, kann man die Höhen nicht beurteilen, und wenn man nicht weiß, was traurig bedeutet. Er [der Film] lässt mich an andere Menschen erinnern z. B., und das sensibilisiert mich dann eben […].“
(Rezipient trauriger Filme / Interviewperson, männlich, 30 Jahre alt)

Diese Aussage steht einleitend in einer 2007 veröffentlichten Diplomarbeit für das Fach Psychologie an der Universität Köln zu dem Thema „Selektionsmotive für traurige Filme und Analyse der spezifischen Rezeptionsmodalitäten. Untertitel: Eine qualitative Untersuchung zum Sad Film Paradoxon im Rahmen der Unterhaltungsrezeption“. Keine Bange, ich will jetzt niemanden mit langwierig psychologischen Abhandlungen über die Faszination von traurigen Filmen langweilen, möchte aber trotzdem auf das Phänomen hinweisen, dass es unter uns Zeitgenossen gibt, die sich an dem Elend, Leid, Unvermögen und letztendlich am Scheitern ihrer Mitmenschen nicht nur unterhalten, nein teilweise sogar daran wortwörtlich laben, erquicken und ergötzen. Seelen-Vampire. Wer mehr über diese düstere gesellschaftliche Entwicklung in Erfahrungen bringen möchte, sei explizit auf die oben stehende Diplomarbeit verwiesen, wobei der in der Einleitung zitierte Rezipient mit seiner Aussage sicherlich nicht sehr weit entfernt von den zugrundeliegenden Beweggründen und Motiven der „Betroffenen“ liegt. Deshalb erlaube ich mir an dieser Stelle den theoretischen Bereich zu verlassen, nicht ohne aber ergänzend anzumerken und letztendlich einzugestehen, dass der Schreibende selber schon länger auch von diesem schauerlichen Symptom betroffen ist und sich ebenfalls zu der Gruppe der „Leid-Watchers“ zählen muss…ja, ja, es ist schon traurig und phasenweise auch schockierend…yeahhhh!

Für diejenigen also, die sich jetzt in der Anonymität des Lesers persönliche Eingeständnisse machen müssen, derzeit aber noch hemmungslos diese Neigung ausleben möchten, muss die jetzt im deutschsprachigen Raum auf Blue Ray/DVD erschienen HBO Serie „The Leftovers“ zwingend empfohlen werden, den das seelische Leid und die Qualen der menschlichen Existenz wird dort über rund 550 Min. in allen nur möglichen Variationen zelebriert und dies – ganz nach dem Gusto des in der Einleitung zitierten Rezipient – tragisch gut gemacht. Oder nach den Worten von Matt Fowler (IGN Movies) „It’s a good pain“.

Als Grundlage dient das Neue Testament (Lukasevangelium) der Bibel, auf dem die sogenannte Lehre des Dispensationalismus aufbaut und im Groben die Prophezeiung der sogenannten Entrückung beinhaltet, worin sämtliche Christen urplötzlich von einem auf den anderen Moment von dieser Erde verschwinden, von Gott „heimgeholt“ werden. Zurückbleiben werden nur die Ungläubigen, die eine längere unangenehme Phase vor sich haben, voller Trübsal, Angst und Schmerz, in welcher der Teufel höchstpersönlich die Regentschaft übernehmen wird, bis dann Jesu Christi auf die Erde zurückkehrt um seine 1000-jährige Herrschaft anzutreten.

So beginnt die Erzählung, welche in Mapleton N.Y spielt, drei Jahre nachdem zwei Prozent der Weltbevölkerung oder 140 Mio. Menschen „verschwunden“ sind (darunter der Papst, Jennifer Lopez und Gary Busey…) und die „Leftovers“ irgendwie versuchen, das Geschehene, den Verlust der Liebsten, einzuordnen und in den Alltag zurückzufinden. Im Mittelpunkt steht der Polizeivorsteher Kevin Garvey, Jr., passend besetzt mit Justin Theroux, dessen Frau zwar nicht entrückt worden ist, er aber anderweitig „verloren“ hat und zwar an eine Sekte namens die „The Guilty Remnant“ (Die schulden Uebrigbleibsel…oder so), welche im Stadtbild von Mapleton in Form von kettenrauchenden, weiss gekleideten Mitglieder omnipräsent ist und als Mission quasi die Verhinderung des Vergessens an das schicksalhafte Ereignis haben und jegliche Form einer zukunftsgerichteten lebensbejahenden Perspektive nicht nur ablehnen, sondern auch dementsprechende Anstrengungen ihrer Mitbürger aktiv sabotieren, was ihr eigenes Dasein nicht ganz ungefährlich gestaltet. Kevin Garvey lebt somit alleine mit seiner pubertierenden Tochter, welche ihrerseits in einer passiv-aggressiv-depressiven Selbstfindungsphase steckt, während er verzweifelt versucht, nicht nur die Sicherheit der Stadt und seiner Bürger zu gewährleisten, sondern vor allem die Kontrolle über seine psychische Verfassung oder – konkreter – über seinen Verstand zu bewahren, was aber rein genetisch ein fast schon hoffnungsloses Unterfangen ist, da er eigentlich nur Polizeichef ist, da sein Vorgänger wegen hochgradiger Schizophrenie in die Klapse eingeliefert werden musste und dieser leider sein eigener Vater (Scott Glen) ist. Zudem verheissen seine nächtlichen Ausflüge, bei denen er schlafwandelnd die Hunde in seiner Nachbarschaft verschiesst, nichts Gutes, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass er bei diesem Unterfangen auch von einem imaginären Freund begleitet wird, der ihn diesbezüglich unterstützt, da es sich bei diesen streunenden Tieren eigentlich um bösartige „Zombiehunde“ handeln soll. Unterdessen sein Sohn den Kontakt zur „Familie“ ganz abgebrochen hat, da er – vom College abgehauen und eigentlich schwul – seine Zeit in der Wüste als Helfer eines schwarzen Heilsbringers verbringt, der für viel Geld magische „Umarmungen“ anbietet, die den Menschen Trost spenden und ihren stechenden Lebensschmerz zum Verschwinden bringen soll. Nebenbei beutet er noch minderjährige Mädchen sexuell aus.

Dass die doch sehr unerbauliche Szenerie immer wieder mal mit surreal-irrwitzigen Einlagen aufwartet, ist nur dem Effekt geschuldet, dass die darauf folgenden Szenen noch trauriger, noch dramatischer, noch schonungsloser „einkicken” können. Ein Konzept, das Damon Lindelof (Lost) zusammen mit Tom Perrota, auf dessem gleichnamigen Roman von 2011 die Serie basiert, konsequent durchzieht. Diesbezüglich darf auch wieder mal der Einfluss von David Lynch erwähnt werden, da – jetzt mal abgesehen von Justin Theroux, welcher ja sein Durchbruch in Lynch’s „Mullholland Drive“ erzielte – immer wieder Gestalten aus dem Lynchen’ Universe ganz nebenbei auf der grossen Trauerkulisse durchs Bild huschen (der Riese aus „Twin Peaks“, der schreiende Wohnwagenfahrer aus „Fire Walk with me“) und auch Mapleton, ein verschlafenes ur-amerikanisches Kleinstädtchen mit den seltsam wütenden Hirsche, die nächtens aus unerfindlichen Gründen die Wohnungen der Einwohnung verwüsten, den Rehen, die unmittelbar plötzlich irgendwo auf der Strasse oder in irgendwelchen Gärten stehen, verdächtig stark an Twin Peaks & Co erinnern. Ein absolut tragendes Element hierbei ist der Soundtrack von Max Richter („Waltz with Bashir”, „Perfect Sense“), der jüngst mit dem Europäischen Filmpreis für die beste Filmmusik zu „The „Duke of Burgundy“ ausgezeichnet worden ist und für „The Leftovers“ so minimalistische, wie effektive Melodien komponiert hat, die vor einer solchen Trauer triefen, dass die stillen Momente automatisch benutzt werden müssen um einfach mal krampffrei durchatmen zu können. Selbstverständlich ist das Sounddesign mit fein abgestimmten Popstücken von u.a. James Blake, Crowded House, Simon &Garfunkel, Rihanna etc. zusätzlich veredelt.

Und bei der Darstellerriege gibt es schlichtweg keine Schwachstelle. Neben Theroux brechen Liv Tyler („Armageddon“, „Stealing Beauty“), Amy Brenneman („Heat“), Carrie Coon („Gone Girl“), Christopher Eccleston („Dr. Who“, „The Others”), Sarah Margarte Qualley („Palo Alto“), geschlossen aus ihren darstellerischen Komfortzonen aus.

Die mediale Resonanz war selbstverständlich mehr als nur gemischt, von einhelliger Lobhudelei wie es für Serien wie „House of Cards“, „Game of Thrones“ etc. gibt, kann hier nicht die Rede sein. Zuviel Depro ist ja auch zum guten Glück nach wie vor kein Mainstream. Stimmen wie die vom New York Magazin (“The Leftovers is all bleakness all the time, at the bottom of the first page of my notes, “sloppy handheld camerawork” is crossed out. Beneath it is “overwhelming pain.” Even animals feel the loss“) oder The New Republic („Emotional Violence“) unterstreichen dies exemplarisch. Vielleicht am prägnantesten beschrieb die Wirkung dieser Sad-Show Alan Sepinwall von Hit Fix „Many will hate it. But there will be viewers in whom it strikes a chord so deeply that they will feel themselves overwhelmed by it in the best possible way: not like they’re drowning in the misery, but like it’s teaching them a new way to breathe“ oder Karoline Meta Beisel von der Süddeutschen, welche The Leftovers als „eine einzige lange Therapiesitzung“, in der es „um Trauer, machtlosen Zorn und Wunden ohne Heilungschancen“ gehe, beschrieb.

Um es kurz zu machen. Wenn sogar die Tiere leiden und die Trauer und Verzweiflung an emotionaler Gewalt grenzt, so, dass wir sogar unser Atmen neu erlernen müssen, aber trotzdem ungeduldig den nächsten kathartischen Anfall kaum erwarten können, kann man das, was Damen Lindelof & Tom Perrota hier kreiert haben, eigentlich nur mit einem Wort passend beschreiben. Kult. The Sheep applaudiert. Voller süsser, bizarrer Trauer.

The Leftovers, US 2014, 558 Min,, Created by Damon Lindelof and Tom Perrotta with Justin Theroux, Christopher Eccleston, Liv Tyler, Amy Brenneman, Carrie Coon, Margaret Qualley, Scott Gleen 

Ouroboros – The serpent eating its own tail

Diejenigen von uns, die den Frühling des Lebens bereits durchschritten und die 80-iger Jahre noch aus persönlicher Erfahrung im Gedächtnis haben, werden sich die Geschehnisse stets vor Augen führen können, in denen Michael J. Fox, alias Marty McFly, im ersten Teil der „Back to the Futures“ Trilogie, in der entscheidenden Szene – quasi dem vorgezogenen Showdown – des High School Abschlussballs, die Avancen seiner eigenen Mutter zurückweisen musste, damit diese nicht noch der Möglichkeit beraubt wurde, ihre – für sie natürlich unbewusste – 2. Wahl, seinen eigenen Vater, kennen zu lernen, damit Marty McFly danach überhaupt erst  gezeugt werden konnte. Es ist obsolet zu erwähnen, dass Marty McFly nur deshalb in diese – sagen wir – heikle Situation geriet, da er die physikalischen Naturgesetze – mittels einem DeLorean DMC-12 Sportwagen – überwinden konnte und 30 Jahre zurück in die Vergangenheit gereist war und zwar in seine Prä-Geburts sprich Prä-Zeugungs Periode, was absehbar – zum Vergnügen des Publikums – allerlei Turbulenzen – nicht nur bei seiner Mutter – auslöste.

Seit Bestehen der Filmindustrie sind Zeitreisefilme ein beliebtes Motiv und es sind vermutlich Hunderte von Werke, welche dieses Thema in der einen oder anderen Weise behandeln, referenzieren oder touchieren. Sei es in einer rein unterhaltenden Action-Spassvariante wie die angetönte „Back to the Futures“-Trilogie, sei es in der Form einer Slapstick Komödie, wie der Kultstreifen „Groundhog Day“, nicht zu vergessen Woody Allen’s Beitrag „Midnight in Paris“, oder dann actionhaltige Adrinalinkracher wie die „Terminator“ – Reihe, „Edge of Tomorrow“ – welcher als Actionversion von „Groundhog Day“ bezeichnet werden kann. Rein thematisch aber gehört das Zeitreisemotiv zwingend dem Science Fiction Genre zugeordnet, welches auch die cineastische Geburtsstätte dieses „Einfalles“ war und demzufolge auch die meisten Variationen anzubieten weiss. Mit einem Horror-Mystik-Drama Einschlag à la „Donnie Darko“, im Gewand eines philosophischen Actiondramas à la „Looper“, als Actionthriller wie Spielbergs „Minority Report“ oder – wie der jüngste Film von Wonderboy Chris Nolan – „Interstellar“ – mittels dem elegisch-apokalyptisch-philosophisch-melodramatisch-bombastischen Auftritt.

Obschon rein akademisch betrachtet, Zeitreisen keine absolute Fiktion per se sind (ausgehend von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie, die Schwerkraft als Krümmung der Raumzeit durch Energie und Materie beschreibt, sollte dieses Kunststück tatsächlich möglich sein), aber allenfalls noch ein Weilchen ins Lande ziehen wird, bis wir vor den Verführungskünsten unserer Grossmütter das Weite suchen müssen, ist die Attraktivität des Themas in den immens zahlreichen Auslegungsmöglichkeiten und Versuchsanordnungen der unterschiedlichsten philosophischen Fragen zur Existenz, zu unserem Wesen, unseren Triebkräften etc. zu suchen, welche so auf unterschiedlichste Weise durchgespielt werden können, nur um die aufgestellten Thesen und Reaktionen wieder mit neue Paradoxien zu brechen. Was in letzter Konsequenz zu einem cineastischen Ouroboros führen kann – Die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst…“ – ein Thema, dem sich auch schon Friedrich Nietsche mit seinem Ansatz “der ewigen Niederkunft” oder “der unendliche Wiederholung aller Ereignisse”ausführlich gewidmet hat – “Allem Zukünftigen beisst das Vergangene in den Schwanz”.

ouroboros

Eines der wohl beliebtesten und auch häufigsten beleuchteten Parodoxon  – und dies wohlgemerkt nicht nur in Zeitreisefilmen – ist wohl die ultimative philosophische  Ei- oder Huhn Frage: Free Will versus Predestination – können wir unser Leben selber bestimmen oder ist von Anfang an alles schon festgelegt?

Und in der Essenz um genau diese Frage kreist sich der im Februar 2014 im deutschen Raum direkt im Heimkino erschienene Streifen „Predestination“, von den Spierig Brothers (Daybreakers) mit Ethan Hawke, der bei den diesjährigen AACTA (Australischer Pendent zum Oscar) 9 Nominierungen (u.a. Besten Film, Adaptiertes Drehbuch, beste Regie) einheimste und Sarah Snooke den Award für die Best Leading Actress abholen konnte. Das ebenfalls am Toronto After Dark Film Festival als bester Sci-Fi Film von 2014 ausgezeichnete Werk, darf tatsächlich als Geheimtipp eingestuft werden, da mit einem Budget von ca. USD 2 Mio. gedreht und – ausser Ethan Hawke –  keinerlei bekannte Darsteller vorkommen und wenn ich nicht den expliziten Tipp erhalten hätte, würde ich jetzt sicherlich nicht darüber berichten, da Ethan Hawke in Action- oder SciFi Filmen nicht unbedingt gerade die zwingende Referenz ist (im Gegensatz zu seinen Beziehungsstudien, im Speziellen in Kombination mit Richard Linklater) und auch das Filmcover mehr nach abgestandenem oder mehrfach durchrecycletter Sci-Fi-B-Movie Actionkracher anmutet. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil. Auch wenn das Intro und noch ein, zwei zusätzliche Szenen einige actionhaltige Passagen beinhalten, also Hawke mit Pistole, ist der überwiegende Teil des Films eine Mischung aus Biopic und Kammerspiel zwischen Hawke und Snooke, stattfindend in einer Bar irgendwo in New York City irgendwann in den frühen 70-iger Jahren. Ausgehend von einer Wette um eine Flasche des besten Bourbons in der Bar, wer die spektakulärere Real Story auf Lager hat, erzählt dort ein Mann an der Theke dem Barkeeper sein Leben, das unter anderem daraus bestand, dass er eigentlich als Mädchen auf die Welt gekommen, von den Eltern verlassen in einer Waisenkrippe abgelegt und im Waisenhaus aufgewachsen ist, als junge Frau ins Rekrutierungscamp der Space Corps aufgenommen und nach Feststellung anatomischer Anomalien wieder rausgeworfen worden ist,  dann sich verliebt in einen älteren Mann, dann geschwängert und verlassen von dem älteren Mann, ihr Baby unmittelbar nach der Geburt aus dem Krankenhaus von anderem unbekannten Mann gestohlen, anschliessend von dem Arzt, welcher sie unterbunden hat,  gegen ihren Willen einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, dann – nun neu als Mann, John, – einen Job antritt, als Rubriken-Schreiber von fiktiven Lebensbeichten für ein Ratgebermagazin unter dem Synonym „Unmarried mother“. Verbittert und immer noch unermesslich tief verletzt von dem älteren Mann, der sie/ihn geschwängert und wortlos, abrupt und ohne Begründung für immer verlassen hat. Die einzige Liebe in seinem/ihrem Leben. Dazumal vor 20 Jahren, als er noch eine junge Frau war.

Stark herausgefordert von dieser spektakulären Geschichte, enthüllt der Barkeeper, dass er eigentlich kein Barkeeper ist, sondern ein Temporal Agent, ein Zeitreise Agent aus der Zukunft, der die Aufgabe hat, vergangene grosse Verbrechen zu verhindern und er nur an diesen Zeitpunkt in die Vergangenheit gereist ist, weil im März 1975 der sogenannte Fizzle Bomber 11‘000 Menschen inmitten New York City töten wird und seine Mission es ist, dies zu verhindern.

Der Barkeeper rsp. Temporal Agent bietet John darauf aber an, in die 50er Jahre zurückzureisen, an den Zeitpunkt als John noch Jane war und sie den besagten älteren Mann kennenlernte, um sich für sein grausames Verhalten ihr gegenüber zu rächen. Dies weil der Temporal Agent diesen Mann kennt und er ihn/sie zu ihm führen kann…

Wer gewinnt nun die Bourbon Flasche…?

„Predestination“ basiert auf der 1959 veröffentlichten Kurzgeschichte „- all you Zombies -„ von Robert A. Heinlein (1907 – 1988, u.a. Starship Trooper), welcher einer der erfolgreichsten Science Fiction Schriftsteller überhaupt gewesen ist und zusammen mit Isaac Asimov (I, Robot) und Arthur C. Clarke (2001: Odyssee im Weltraum) zu den sogenannten „Big three“ in diesem Genre zählt. Neben der eher nebensächlichen aber amüsanten Tatsache, dass er 1957 in seinem Roman „The Door into Summer“ vom ersten Wasserbett berichtete und dann in „Space Cadet“ vom ersten Handy, 35 Jahre vor dessen Erfindung (durch Motorola), sind in seinen Werken die Gravitas der persönlichen Freiheit und Selbständigkeit ein latent vorhandener thematischer Grundton, welcher auch in „-all you Zombies –„ unüberhörbar ist, obschon das Spiel mit Identität, Zeit, Raum und der Frage nach unserem tatsächlichen – metaphysischen – Handlungsspielraum im Vordergrund steht.

Die Verfilmung der Spierig Brother (eineiige Zwillinge, Jg 1976) hält sich sehr eng an die literarische Vorlage und zeichnet sich – neben dem behutsamen Aufbau der Geschichte unter konstantem Einflechten von versteckten Hinweisen – auch deshalb aus, weil formal auf die gewohnt spektakuläre Inszenierung des Vorgangs der Zeitreise an sich völlig verzichtet wird und sich ausschliesslich auf die Darstellung eines ausrangierten Geigenkoffers beschränkt, welcher der Temporal Agent bei sich trägt und mittels Einstellung der gewünschten Jahreszahl in dessen Zahlenschloss dann auch schon in dem gewünschten Jahr landet. Das Weglassen oder das Reduzieren der genretypischen visuellen Knalleffekten hat die Verdichtung der ohnehin schon intensiven und verwirrenden Story als Folge, welche gegen den Schluss eine nochmalige ruckartige Beschleunigung einlegt und dem Zuschauer eine Kaskade an Wendungen, Drehungen und Wiedersprüchen entgegenschleudert und im Zustand der völlig staunenden und erschöpften Verwirrung  verabschiedet. Dies alles aber nie zum Selbstzweck oder suggestiven Effekthascherei, sondern als vielschichtige Inszenierung des Ouroboros-Paradoxon.

“You know who she is, and you understand who you are, and now maybe you’re ready to understand who I am “…sagt der Bartender einmal. Will you?

Konklusion: “Predestination” überzeugt gleichermassen als philosophische Uebungsanlage wie als spannendes Zeitreise-Thrillerdrama, welches im Science Fiction – Zeitreise Genre neue Massstäbe in Bezug auf Storytwists und verschachtelte Erzähltechnik setzt, durch die enge Anbindung an die literarische Vorlage aber gleichwohl die innere Schlüssigkeit beibehält. Die intensive Schauspielleistung von Ethan Hawke und Sarah Snooke und die effiziente und verdichtete Dramaturgie in dem stillvollen Retro-Look machen diesen mehrfach ausgezeichneten und hochgelobten Low-Budget Streifen zu einem brandheissen Geheimtipp und animiert zur mehrmaligen Konsumation. Mindfuck pur, der nachhallt.

Prescription for: Identity problems, self-discovery, transgender, persistency, dealing with set backs, Nietsche lover, philosophical interests

Predestination, AU 2014, 97 min. , directed by Michael and Peter Spierig, with Ethan Hawke, Sarah Snook

Snobs get wild – The Riot Club

 

Der erste nennenswerte Film von dänischer Regisseurin  Lone Scherfig „Italienisch für Anfänger“ (2000) wurde konsequent nach den Dogma 95-Regeln gedreht. Im Vergleich zu den schrillen und rebellischen Dogma—Vorgängern wie „Das Fest“ (Thomas Vinterberg) oder „Idioten“ (Lars von Trier) war er schon ein fast besinnlicher Film über normale Menschen in der gewöhnlichen Umgebung. Auch ein Beispiel dafür, dass der innovative Dogma-Kodex sich genau so prächtig in stillen Gewässern entwickeln konnte.

Nun, nach ein paar weiteren erfolgreichen Filmen (An Education, One Day) ist der neuer Film „The Riot Club“ von Lohne Scherfig der aussagekräftigste, eine klare Fallstudie des Soziotops der reichsten Oxford-Studenten. Der Film basiert auf dem Theaterstück „Posh“. Seine Autorin Laura Wade hat es für Scherfig in ein Drehbuch umgeschrieben.

Die Ereignisse beobachten wir aus der Perspektive von zwei Ankömmlingen an der Oxford-Uni, die in einem berühmt-berüchtigten Riot Club aufgenommen wurden. Zwingende Grundvoraussetzungen dafür sind, dass man ein Absolvent der Eton, Clifton oder Harrow ist, aus reichen und/oder adligen Haus kommt und gewissermassen das grenzloses Vergnügen als oberstes Gebot zu verinnerlichen gedenkt. Die beiden Jungs, Miles (Jeremy Irons’Sohn Max) und Alistair (Sam Claflin) stürzen sich voller Neugier und Vorfreude in diese scheinbar von Freiheit und Erfolg umgarnte Welt.

Der Höhepunkt der Clubaktivitäten ist das jährliche Treffen der Mitglieder in einem traditionellen englischen Pub. Das Konzept dieses Treffens ist denkbar einfach –  sich zu feiern, ein Besäufnis zelebrieren, die Sau rauslassen, nach dem Motto:  Da wir in der Zukunft „grosse Tiere“ werden, können wir uns später keine Eskapaden erlauben. Also werden wir jetzt zu Tieren. Unsere Jugend, Attraktivität und Reichtum biegen schon den moralischen Skrupel zurecht.

Das exzessive Trinken und/oder Drogenkonsum ist kein Klassenphänomen an sich, sondern ist immer noch in vielen Kulturen und Gesellschaftsschichten verbreitet und wird dort auch kultiviert. Doch bei den Kids aus dem Riot Club stechen die menschen- und armutsverachtenden  Antriebe deutlich hervor.  Die eigene, quasi genetische Dominanz gräbt jeglichen emotionalen Bezug zum Rest der Welt unter.

Die drei weiblichen Figuren in Film haben das hemmungslose Treiben der selbsternannten Oxford-Elite rasch durchschaut. Als die Freundin von Miles Zeugin der zerstörerischen Wucht der Club-Kollegen wird, ist sie sofort der Ansicht: „Sie sind nicht deine Freude, Miles. Sie kennen keine Grenzen“. Die Tochter vom Wirt, kurz geblendet von der imposanten Erscheinung der jungen Männer, hat schnell erkannt, was diese im Schilde führen und sogar die beorderte Prostituierte ergreift kurzerhand die Flucht.

Ein leiser Wiederstand in dem als Bühne zum dekadenten Reigen dienenden Pub macht sich doch zunehmend breit. Die Stammgäste verlassen empört das Lokal, nach kurzem Zögern lässt sich auch der Wirt nicht bestechen und bietet den Bengeln die Stirn, was ihn fast das Leben kostet. Die staatliche Justiz erfühlt im 21. Jahrhundert ihren Zweck und obwohl die Club-Mitglieder den eigenen Sündenbock Miles ernennen, wird der Richtige verhaftet und aus der Uni verbannt. Daraufhin will Miles nichts mehr mit dem Club zu tun haben.

Dennoch lässt der Film wenig Raum für Interpretationen. Die feinen Kerle der britischen Oberschicht sind nun mal so, sie halten den Rücken für ihresgleichen frei. Und sie haben nicht vor, daran irgendetwas zu ändern. Das selbstgefällige Grinsen des Alistair am Ende der Geschichte ist ein Appell an die Beständigkeit der Sitten. Der einzige Trost liegt in der Kraft des Filmes, uns davon zu berichten, was für Früchtchen das britische elitäre Bildungssystem zu züchten vermag, uns davor zu bewahren, hinter der glänzenden Fassade eine Aufrichtigkeit und geistige Gesundheit zu vermuten.

Die politische Elite des Großbritanniens besteht übrigens zum Teil aus den „Absolventen“ des Bullingdon Clubs, der ein reales Vorbild des Riot Clubs war:  David Cameron (Premier), George Osborn (Schatzkanzler) Premier, Boris Johnson (aktueller Bürgermeister von London)…

Konklusion: Für alle, die schon immer der britischen Monarchie misstrauten, den Snobismus für das Relikt aus vergangenen Tagen hielten und das sture Klassendenken verabscheuten. Abgesehen von politischen und sozialen Konnotationen, imponiert „The Riot Club“ mit schockierender Erzählungsintensität, klarer Struktur und naturalistischen Bildern des Abgrunds.

Prescription: friends of vulgarity, snobs, parents with too less money for sending their kids to a distinguished university and therefore get an excuse not to do so, for people highly interest in the youth and the grow up of David Cameron and Boris Johnson.

The Riot Club, GBP 2014, Länge 107 min., Director: Lone Scherfig with Max Irons, Sam Claflin, Douglas Booth

Till Death Do Us Part – Gone Girl

 

Es gibt eine kleine erlauchte Gruppe von Regisseuren, wo man grundsätzlich davon ausgehen kann, dass jedes ihrer Werke ein hohes Mass an unterhaltsamen spannenden Filmgenuss verspricht, selbst dann noch, wenn sie die Herbstedition des Neckermann-Kataloges verfilmen würden.

Einer von dieser Gruppe ist zweifelsohne David Fincher. Seine Filmografie liest sich wie die Auflistung der besten – oder die sich zuweilen am tiefsten ins Gedächtnis eingenisteten – Thriller-Klassiker seit den 90-er Jahren,  u.a. „Se7en“, „The Game“, „Fight Club“, „Panic Room“, „Zodiac“ und „The Girl with the Dragon Tattoo“. Zusätzlich sind da noch die “non-thriller” Evergreens à la „The Curious Case of Benjamin Button“, „The Social Network“ zu erwähnen, nicht zu vergessen die aktuell laufende vielgepriesene TV-Politshow „The house of cards“ auf Netflix.

Wenn also der ehemalige Werbe- und Musikclipregisseur einen neuen Film präsentiert, ist Grund zur Freude angesagt, sofern man Freude hat,  an düsteren, zynischen und abgefahrenen Ausflügen in die dunklen Seiten der menschlichen Existenz, welche von Fincher inszenatorisch immer mit einer distanziert kühlen,  wuchtig kraftvollen und hyper-stylischen Art umgesetzt werden, die bevorzugten Farbtöne sind Grau, Blau und Braun. Zudem zieht sich durch sein Oeuvre seine Vorliebe für „ungewöhnliche“ sprich unvorhersehbare Geschichten, welche gerne die konventionellen Erzählstrukturen strapazieren, die Erwartungshaltung der Zuschauer unterwandern und auch gerne zwischen verschiedenen Genres umherspringen und fast immer mit einem unterwartet abgefahrenem Ende aufwarten können.

So ist also auch „Gone Girl“, die Verfilmung vom gleichnamigen Bestseller-Roman von Gillian Flynn (welche auch das Drehbuch mitverfasste), wo ein Ehemann (Ben Affleck) aufgrund seiner am helllichten Tag spurlos verschwundenen Ehefrau (Rosamunde Pike) unter Mordverdacht gerät, in der Grundkonzeption als klassischer Whodunit Psycho-Thriller angelegt, er entwickelt sich aber dann schleichend immer mehr in Richtung eines Psychogrammes eines sich entfremdenden Ehepaares oder der Sezierung des zwischenmenschlichen Beziehungsschemas ganz grundsätzlich, versetzt mit Ansätzen einer Mediensatire, bis er dann über Fetzen von Horror-Slasher Versatzstücken in einem typisch zynisch-perfiden Fincher-Finale mündet…

Getragen wird der – keine Sekunde langweilige – 150 Min. lange Streifen absolut souverän von Ben Affleck und Rosamunde Pike (ex Bond Girl Miranda Frost – Die Another Day), „der dem Zuschauer in von den Twists, Ueberraschungen und der konsequenten Darstellung moralischer Verdorbenheit Schwindelgefühle verursacht“ (Empire Magazin).

By the way: Ausführende Produzentin ist Reese Witherspoon, welche sich die Recht an dem Roman als erste unter den Nagel gerissen hatte. Sie war auch im Gespräch – neben Nathalie Portman, Charlize Theron und Emely Blunt, die Hauptrolle der Amy Dunne zu übernehmen.

Conclusion: Fincher ist zurück mit der Demontage einer amerikanischen Vorzeigeehe. Hochspannend, perfide, abgedreht, verwegen, smart und stylisch gepaart mit einem gehörigen Schuss schwarzem Humors. Frisch verheirateten, glücklichen oder gar verlobten Paaren wird dringendst vom Konsum dieses Filmes abgeraten!

Prescription for: Lover’s Grief, marriage problems, problems with the parents-in-law, facing a media shit storm, people under pressure

http://www.gonegirlmovie.com/

Catharsis in the bleakness of a star-bright night somewhere in the south

Watch it and try not to loose your faith in live!

“To realize that all your life – you know, all your love, all your hate, all your memory, all your pain – it was all the same thing. It was all the same dream. A dream that you had inside a locked room. A dream about being a person. And like a lot of dreams there’s a monster at the end of it”

Mit diesen Worten endet die 3. Folge der 8-teiligen Miniserie „True detective“, welche im Frühjahr 2014 auf HBO seine Premiere feierte und im August in Europa auf DVD/BlueRay erschienen ist.

Es sind die Worte von Rust Cole – selber benannt als „The Michael Jordan of being a son of a bitch“ – einer der beiden titelgebenden „True“ Detektiven, welcher seine Umwelt in verlässlich regelmässigen Abständen mit teilweise zutiefst irritierenden, immer nihilistisch geprägten und vorzugsweise pessimistisch philosophischen Ergüssen beglückt, was zugleich auch das Herzstück und unverwechselbare Erkennungsmerkmal dieses Epic-Film Noir und vor allem Psychogramm zweier Männer über den Zeitraum von 17 Jahren ist, welcher der neu gewonnenen und geschätzten künstlerischen Freiheiten der TV-Serien Formate der amerikanischen Bezahlsender (HBO/Showtime/Netflix) nochmals eine neue Note verleiht und sich radikaler als die bisher bekannten und gelobten Formate (Mad Men, Breaking Bad, Games of Throne etc.) von den konventionellen Erzählstrukturen verabschiedet.

Der vordergründige Plot ist zwar eine klassische Whodunit Geschichte im Gewand eines düsteren Psychothrillers à la „Seven“, mit der obligat schaurigen Leiche am Beginn – wie immer eine junge Prostituierte, pathologisch-dekorativ und symbolbeladen in einem Maisfeld vor einer ausladenden Eiche unter dem kalt blau-grau eingefärbten Abendhimmel von Louisiana „arrangiert“, – und der anschliessenden klassischen Suche von 2 Mordermittler nach dem Täter, welcher – wie sich schon bald herausstellt – mit okkulten Ritualmorden in Verbindung zu stehen scheint. Die Serie schlägt ein sehr gemächliches ja schon fast meditatives Tempo ein und lässt sich viel Zeit für die Befragungen von Zeugen, erstes Zusammentragen von Indizien, Schilderungen über die lokalpolitische Auswirkungen in der betroffenen religiös konservativ verbrämten Kleinstadt, man darf sie guten Gewissens auch als Kaff betiteln (Cole: „This place is like somebody’s memory of a town, and the memory is fading. It’s like there was never anything here but jungle“) mit dem dazugehörigen Druck der politischen Machtstellen auf die Polizeibehörde für eine schnellen Auflösungen des Falles. Vor allem aber steht von Anfang an die Charakterisierung der 3 Hauptdarsteller, Rust Cole (Matthew McConaughey), sein Partner Martin Hart (Woody Harrelson)  und dessen Ehefrau (Michelle Monaghanj), welche alle 3 den ursprünglichen eingangs erwähnten Mordfall vor einer polizeilichen Untersuchungskommission – in die im Verhörraum aufzeichnende Kamera – kommentieren müssen, da dieser sich im Jahre 1995 ereignete und in 2002 vermeintlich „gelöst“ wurde, was sich aber mit den ersten gleichgelagerten Morden, welche ab 2012 wieder auftauchen, als Trugschluss erweist. Da Cole und Hart sich wegen eines heftigen Streites (was könnte der Auslöser sein…?) vor 8 Jahren trennten und nie mehr wieder sahen, beide zwischenzeitlich auch nicht mehr als Ermittler in Staatsdiensten tätig sind und Cole für Jahre komplett von der Bildfläche abtauchte und für niemand mehr auffindbar war, stellt sich bald heraus, dass ihn die Behörden beim Aufflammen der neuen Mordserie im Verdacht haben. So stellen sich die angekündigt informellen Befragungen schleichend als ein offizielles Verhör dar mit der Absicht Cole zu entlarven. Dieser war aber zu seiner aktiven Zeit selber als effektiver Verhörexperte berüchtigt, insbesondere wegen seiner manipulativ perfiden Technik…

Die Befragung der 3 Hauptpersonen in der Jetztzeit zum zurückliegenden Fall, ist dann auch einer der inszenatorischen Kniffs, da sich diese immer mehr zur Plattform für ausgiebige Monologe und Reflektionen über den Verlauf ihres eng mit dem Fall verknüpften privaten Lebens entwickelt, welches unvermeidbar mit schmerzhaften Brüchen, Enttäuschungen und Desillusionierungen durchsetzt ist und schlussendlich unausweichlich auch zum Auseinanderbrechen ihrer gemeinsamen Verbindungen führen musste. Dieser stetig kommentierende dramaturgische Unterbau, teilweise überlagernd oder parallel verlaufend zum Hauptplot, verleiht diesem eine philosophische Vertiefung und verschiebt die Geschichte weg vom konventionellen Psychothriller, hin zum intensiven, wortgewaltigen Kammerspiel und Psychogramm von 3 gescheiterten Existenzen, für welche sich aber die Möglichkeit zur seelischen Reinigung noch nicht komplett verschlossen hat…

Es ist beinahe obsolet zu erwähnen, dass das Schauspiel der 3 Hauptfiguren (McConaughey, Harrelson und auch Monaghani) sich hier auf höchster Ebene abspielt, wobei McConaughey schon alleine vom Plot und Charakterisierung dominant auf die Bühne gehievt wird, was er aber nicht nur mit einer erwartungsmässig starken Leistung (Oscarpreisträger für „The Dallas Buyers Club“ 2014) quitiert, sondern derart intensiv und abgefahren in seiner Figur aufgeht, dass er – falls dies kein TV – Konzept wäre – auch für den Oscar 2015 in der Pole-Position stehen würde. Sein Verkörperung dieses selbstzerstörerischen, nihilistischen Soziopathen, welcher im Dauerrasch, kettenrauchend, von Visionen geplagt, pessimistische Weisheiten à la Nitsche von sich rezitierend und trotz alledem komplett fatalistisch und obsessiv dem Täter nachjagendem menschlichem Wrack, ist gerade deshalb so wuchtig und kraftvoll, weil sein Spiel ungemein zurückhaltend, ja fast schon gespenstig abwesend aber umso mehr empfindlich und präzise angelegt ist. Es ist schon erstaunlich, wie sich dieser McConaughey vom stetig oben entblössten, kiefenden Bongospieler, dauergrinsend die Wunschwahl in schmerzfreien „Wohlfühl“-Romantic-Comedy Filmen à la „The Wedding Planner“, „The Womanizer“ oder „Wie werde ich ihn los in 10 Tagen“ zum monströsen agnostischen Misanthropologen mutierien konnte. Quasi die Verkörperung des diametralen Werdeganges von Nicolas Cage. Dies ist aber wieder ein anderes Kapitel (By the way, Wendepunkt in seiner Karriere war der 2012 erschienen Streifen „Mud“ von Jeff Nichols, welcher auch Chris Nolan davon überzeugte McConaughey in seinem Ende 2014 erscheinenden Sci-Fi Drama „Interstellar“ die Hauptrolle anzuvertrauen)

Geschrieben wurde der Plot zu True Detective alleine von dem amerikanischen Schriftsteller Nic Pizzolatto, geboren 1975, welcher für seinen Roman „Galveston“ von der New York Times mit Grössen wie James Ellroy verglichen worden ist und an der University of North Coarolina kreatives Schreiben unterrichtet. Erstaunlich und einzigartig ist diese Tatsache sicherlich insofern, dass normalerweise an solchen sehr kostspieligen Referenz-Serien der grossen US-Sender grössere Teams von Creative-writers arbeiten. Er war es auch, der unter anderem auch T-Bone Burnett ins Boot für das musikalische Konzept holte, T-Bone Burnett, der Altguru der amerikanischen Country- und Folkszene u.a. ehemaligen Produzent von Bob Dylen, Elvis Costello und auch Verantwortlich für Soundtracks von „O Brother, Where art thou“, „Inside Llewyn Davis“ (Coen-Brothers) , „Walk the line“ (Johnny-Cash-Biography) und „Crazy Heart“ (Oscargewinn).

Regie führte durchgehend bei allen Folgen Cary Joji Fukunaga, Sohn eines Japaners und einer Schwedin, welcher 2009 mit dem Film „Sin nombre“ der internationale Durchbruch schaffte  und 2010 „Jane Eyre“ mit Mia Wasikowska und Michael Fassbinder in die Kinos brachte. Erklärtes Vorbild und grösster Beeinflusser seines Schaffens sei ganz klar „David Lynch“ und dessen „Twin Peaks“.

„True detective“ ist als sogenannte Anthologie konzipiert, was bedeuted, dass in der geplanten 2. Staffel ein neuer Plot, mit neuen Darstellern (voraussichtlich Colin Farrell und Vince Vaughn) und neuem Set Up entwickelt wird.

„The man is the cruelest animal“ – Der Subliner, in welchem in den USA für die Serie geworben wird, trifft die Essenz haargenau (Pizzolatto wird sich wahrscheinlich auch für Vermarkting das „final go“ ausbedungen haben) und bringt die Radikalität dieser Serie auf den Punkt: Es sind nicht die gezeigten Brutalitäten, die Gräueltaten des Serienkillers, welche schockieren, auch nicht die relativ freizügigen Sexszenen oder die harsche unzensierte Wortwahl der Protagonisten, es ist schlussendlich die Abkehr von jedem Prinzip des Menschlichen und Tröstlichen, sei es Liebe, Gott, Familie, Kinder oder Moral, nennen wir es die humanistischen Eckpfeiler der Menschheit, die hier bis fast zur Unerträglichkeit durch Cole’s Zynismus ausradiert und zur Lächerlichkeit preisgegeben werden. Ist in den bisher bekannten Psychothriller immer noch der Ausgleich da zwischen dem perversen, unmenschlichen Täter und den gegenüberstehenden Ermittler, welche bisweilen auch mit moralischen Grundsatzfragen und allzu menschlichen Schwächen zu kämpfen haben, aber schlussendlich immer noch ihrem Glauben an Menschlichkeit und Gerechtigkeit nachfolgen, lösen sich in True Detective sämtliche moralische Trennlinien in nichts auf. Cole hat den Glauben an alles schon längst verloren und begründet die Tatsache, dass er am Morgen überhaupt noch aufsteht mit einem biologischen Reflex. Phasenweise löst seine radikale Verachtung des Lebens mehr Grauen aus, als das vermeintlich „Böse“ hinter dem er her ist. Aber wie wir wissen, müssen wir nicht nur uns selbst, sondern alles, an das wir seit je zu glauben dachten, verlieren, um das zu finden, was wir wirklich sind…ein Weg durch die Dunkelheit, schmerzhaft und verstörend…und nicht alle werden ans Ziel gelangen.

Nach dem Internetportal GIGA ist True detective ein „Meilenstein in der Entwicklung von Film und Fernsehen“ und, dass es das „Kino neu erfinde“. Ob dem so ist, wird man noch zu beurteilen haben,  da es fraglich ist, wie gross das Publikum für solche existenziellen, desillusionierenden Philosophiediskurse auf längere Sicht wirklich sein wird, denn eines ist klar, wer auf der Suche ist nach einem „spannenden“ Krimi oder einer schaurigen „Horrorstory“ ist, wird sich hier relativ rasch von den Geschehnissen lossagen. Wer aber an Schwermut, düsteren Gedanken und Lebensüberdruss leidet oder sich aber auf seiner Sinnsuche zwischen Zeugen Jehovas, Hatha Yoga, Geistheiler und Veganismus verirrt hat und die ersten schmerzhaften Enttäuschungen erleiden musste und wieder mal einen mentalen Reset benötigt, verbunden mit einer adäquat düsteren Story, elektrisierend trostlose Bilder und verlorenen Charaktere wird hier das richtige Programm vorfinden. Denn eines ist klar,

“The world needs bad men. We keep the other bad men from the door”. Cole.

Conclusion:

Apart from a world with love, relieve and moral integrity the truth is waiting for all of us. True Detective is from the conception a search for a murderer but in fact it’s the path to the darkness of humanity before capturing the capability to see the sparkles of the stars…a painful way to the light. Catharsis in its purity. And the opus magnum of the actor Matthew McConaughey.

Prescription for: depression, weariness of life, chronical pessimism, chronical happiness and naivety, addiction problems (tobacco and alcohol), marriage problems.

To listen: The Handsome Family – Far From Any Road

True detective, US 2014, 480 min. available in DVD/Blue Ray

Official website: Click here