Category Archives: Südamerika

The Facets of Revenge – Wild Tales

 

To be, or not to be, that is the question:
Whether ’tis nobler in the mind to suffer
The slings and arrows of outrageous fortune,
Or to take arms against a sea of troubles,
And by opposing, end them? To die: to sleep…

Wohl eine der bekanntesten Aussagen des Welttheaters, welche einen Monolog Hamlets einleitet, ist der Höhepunkt im Ringen des dänischen Prinzen mit sich selbst: soll er das Leid und Unrecht dieser Welt ertragen oder den Wiederstand leisten… Zur Tatkraft der Rache will er nicht gedankenlos übergehen, ihn plagen die Zweifel…

Rache… Die Rache ist süss und allgegenwärtig. Keinem sind Rachegelüste fremd. Sie erinnert uns an unsere heidnische Vergangenheit und spaltet die Geister in theologischen und rechtswissenschaftlichen Disputen. Rache hat immer etwas Unverhältnismäßiges und funktioniert wie die Vergeltung im Sinne des antiken les talionis („Auge um Auge“). Schließlich führt dieses Prinzip zur Guillotine, zur Lynchjustiz und zur Todesstrafe, welche die Vollstreckung des Urteils zum Sühneopfer macht.  Doch trotz all der Niederträchtigkeit kann die Rache als etwas Positives angesehen werden, z.B. als Treibkraft des Schöpfertums. Sie kann zerstörend und fatal, aber auch kreativ und befreiend sein. Rachegelüste treiben Menschen oft zu Hochleistungen an, schärfen ihren Gerechtigkeitssinn und bewirken tief greifende gesellschaftliche Wandlungen.

In der Filmgeschichte ist die Rache, welche um der Gerechtigkeit willen vollzogen werden muss, ist fast schon ein sakrales Motiv. Eine ganze Reihe von Genres (Western, Gangsterfilm, Kriminalfilm, Actionfilm) bedienen sich seit Jahrzehnten der Dramaturgie der Vergeltung. Dieses Thema ist auch ein roter Faden in den Werken vom Grossmeister des Rachefeldzugs Quentin Tarantino. Seine Filme (Pulp Fiction, Kill Bill, Inglourious Basterds, Django Unchained) sind die fulminantesten Rache-Streifen der Filmgeschichte. Das Böse wird ausgerottet, das Gefühl der Genugtuung wird glorifiziert.. Einem neuen Anfang steht nichts mehr im Wege… Die Welt  wird zu einem besseren Ort, wenn die Helden, die verstandesmässig dem Grafen von Monte Christo ebenbürtig sind, ihren Job erledigen… Jeder versteht diese einfache Logik und den deterministischen Zwang, ihr zu folgen.

Auf die ähnliche  Art und Weise, mit der gleichen Dreistigkeit, unverschämten Provokation, mit dem gleichen Tempo, Mut  und bitterbösen Humor erzählt der argentinische Regisseur Damiàn Szifron seine sechs Rachegeschichten im von den Brüdern Almodovar produzierten Film „Wild Tales“ (Originaltitel – Relatos salvajes).  Schon jetzt wird er als der beste argentinische Film aller Zeiten bezeichnet, hat vor kurzem grosse Erfolge (auch kommerzielle) in Amerika und Europa gefeiert (Goldene Palme-, Golden Globe-, Oskar-Nominierungen).

1. Pasternak: Rache als kategorischer Imperativ

Die Rache in der ersten Geschichte ist nicht spontan. Gabriel, ein gescheiterter Musiker, hat alle, die ihm je im Leben übel mitgespielt haben, in einem Flieger versammelt, an dessen  Steuerknüppel er selbst gerade sitzt. Die erste Szene gibt den Ton an und führt uns unsanft, aber gewieft in das thematische Schatzkiste des Episodenfilms ein.

2. Die Ratten: Rache als Mittel zum Zweck

Die zweite Episode ist die Einzige, wo die Frauen an einem Rachecoup tüfteln.  In einem Restaurantgast erkennt die Kellnerin Moza(Julieta Zylbergberg) den Kredithai (Cesar Bordon), der ihren Vater in den Selbstmord getrieben hat. Die ruppige Köchin (Rita Cortese) hat sofort einen Tipp parat, wie sie es dem Übeltäter heim zahlen können – Rattengift!  Ihre Entschlossenheit begründet die mollige Frau mit einem Exkurs in die Vergangenheit als sie noch eine zufriedene Knastinsassin war, für sich selbst nicht sorgen musste und das vergnügliche Kartenspiel in einer Damenrunde geniessen konnte. Nun wittert sie die Chance auf einen erneuerten Gefängnisaufenthalt und übernimmt die Regie in dieser Vergeltungsepisode.

3. Strasse zur Hölle: Jenseits von Gut und Böse

Auf einer einsamen Landstrasse in einem schicken Wagen geniesst ein entspannter Mann (Leonardo Sbaraglia) seine Fahrt. Der elegante Anfang dieser Geschichte könnte als Audi-Werbespot durchgehen. Doch in wenigen Kilometern macht ihm ein anderer Autofahrer  (Walter Donado) auf einer vollbeladenen Schrottkarre die Fahrbahn streitig und versucht sein Überholungsmanöver auszubremsen. Der Audi-Fahrer schafft es dann doch, den bockigen Spinner zu passieren – gewiss nicht ohne eine Fluchtirade auszulassen und den obligatorischen Stinkefinger zu zeigen. Eine durchaus verbreitete Form der Kommunikation auf der Strasse, wo die Mobilität, Anonymität und  Schutzhülle des eigenen Autos eine gewisse Gesetzlosigkeit vortäuschen.

Nun, wie im Leben, passieren auch auf der Strasse Pannen. Der Reifen platzt, der Audi bleibt stehen, in der Ferne hören wir ein donnerndes Geräusch des klapprigen Autos. Die Vergeltung ist in der Sichtweite. So fängt eine unabdingbare verhängnisvolle Kettenreaktion aus Gewalt und Verbrechen an, die einprägsam das bekannte Sprichwort illustriert: wer auf Rache aus ist, grabe zwei Gräber. Doch endet dieser extreme Fall von „road rage“ mit einem herrlichen Missverständnis. „Verbrechen aus Leidenschaft?!“ – rätseln Ermittlungsbeamten als sie die verkohlten Leichen in einer friedlichen Umarmung vorfinden. Eine grossartige Geschichte mit lehrhaften Anregungen!

4. Bombita: Rache als Wiederstand

Die vierte Episode liegt dem hamletischen Dilemma am nächsten – hinnehmen oder rebellieren? Doch für den Sprengmeister Simon Fischer (Ricardo Darin, der bekannteste argentinische Schauspieler) ist es keine Qual der Wahl. Für ihn scheint es selbstverständlich zu sein, gegen  bürokratische Willkür zu protestieren, anfangs noch zaghaft, sachlich und höflich, zu guter Letzt doch radikal und rücksichtslos.

Auch hier wird die Dramaturgie der Verheerungen an die Spitze getrieben. Ein gemachter Mann, der die monumentalen Gebäudekomplexe in Schutt und Asche legt, wird von einem scheinbar unbedeutenden Zufall aufgehalten – sein Auto wird wegen Falschparken abgeschleppt, er kommt zu spät zum Geburtstag seiner Tochter, was schon ein angespanntes Familienverhältnis erneut auf die Probe stellt… Als ihm am nächsten Tag das gleiche widerfährt, verliert er schnell die Geduld, wird handgreiflich… Im Nachhinein scheitert er im Beruf und in der Familie. Wie bekommt man sein Leben und seinen inneren Friede zurück? Mit einer kleinen feinen Sprengaktion, die tatsächlich einiges bewirkt: Simon wird als Volksheld gefeiert und gewinnt seine Familie wieder.

5. Vorschlag: Rache im handelsrechtlichen Sinne

Die nächtliche Stille eines Ehepaars wird vom aufgewühlten Sohn unterbrochen, der eine schwangere Frau überfahren und eine Fahrerflucht begangen hat. Nun, da der Papa (Oskar Martinez) ziemlich reich und mächtig ist, und alle der Meinung sind, dass dem Sohn die argentinische Haftanstalt erspart werden muss, versucht die Familie einen Ausweg zu finden. Für eine hübsche Summe erklärt sich der Gärtner bereit, den Tat auf sich zu nehmen. Doch der Staatsanwalt  findet die Wahrheit heraus und will auch selbst, genau so wie der Anwalt der Familie, ein Teil am Kuchen haben.

Alle sitzen dem Geschäftsmann am Nacken und erwarten von ihm Schweigegeld. Doch dann dreht er plötzlich den Spiess um und beschliesst, dass alle leer ausgehen sollten und der fahrerflüchtige Sohn sich stellen muss. Auch wenn er nicht genug konsequent bleibt, reduziert er mit diesem Einfall erheblich seine finanziellen Einbüsse. Eine spontane Taktik, die mindestens ihm eine Erleichterung verschafft, wird dann aber doch dem Gärtner zum Verhängnis. Ein Rachemord führt erneut in die Irre.

6. Bis dass der Tod uns scheidet: Rache als Ursache und Wirkung

Auch in der letzten Geschichte geht es um eine spiralförmige Chronik einer Eskalation. Zu sehen ist, was passiert, wenn eine junge temperamentvolle Braut (Erica Rivas) in weissem Kleid, dem Symbol der Reinheit und Unschuld, sich auf den Pfad der Rache begibt als sie instinktiv begreift, dass der Bräutigam (Diego Gentile) eine Geliebte hat.  In der Tat ziemlich viel: zerschlagenes Geschirr, eine ruinierte Torte, ein blutbeflecktes Brautkleid, ein heftiges Wortgefecht zwischen dem Paar und den Familienangehörigen, Sanitäter, die den mehreren Gästen den Blutdruck messen und die schöne Konkurrentin reanimieren müssen… Wilder geht’s nicht mehr!

Doch der richtige Knaller kommt erst zum Schluss als niemand mehr eine Hoffnung auf die Besinnung hatte.  Wie geht man mit einer äusserst peinlichen Angelegenheit um? Lässt man sich selbst und die komplette Hochzeitsgesellschaft mit einer lebenslangen psychischen Trauma zurück? Soll der Racheorkan alles vernichten? Als wir total entsetzt, fast schon beschämt die Flucht oder Mordabsichten des Bräutigams vermuten, greift er tatsächlich erwartungsgemäss zum riesigen Messer. Doch was dann passieren wird, übersteigt alle Erwartungen und beschenkt dem Streifen ein grandioses unvergessliches Finale. Am Ende wird es der Mann sein, der die zerstückelten Welten zusammenflickt und so zum Schöpfer der neuen Zukunftsaussichten wird. Diese frustrierendste und zum Schluss doch verheissungsvollste Hochzeit ist ein vorbildlicher Stoff für die cineastischen Geschichtsbücher.

Conklusion: Oft wird „Wild Tales“ mit der Frage konfrontiert: Ist es eine Reaktion auf die Dauerkrise in Argentinien? Mag sein, dass die südamerikanischen Begebenheiten eine Inspirationsquelle für Damiàn Szifron waren. Doch die subversiv erzählten Geschichten haben eine universelle Sprengkraft. Sie betreffen uns alle:  Männer und Frauen, Eltern und Kindern, Mächtigen und  Erfolglosen, Täter und Opfer, Bürger, Beamte, Autofahrer… So viel Lebenserfahrung und Weisheiten beinhalten nur wenige Filme. Obendrauf werden uns die Lösungen präsentiert. Gewiss nicht unbedingt brauchbare und nachahmungswürdige, aber auf jeden Fall präventive. Dabei löst der Film die ganze Palette von Emotionen aus, fasziniert mit raffinierten Affekten, überrascht mit Wendungen und belohnt mit einer Lawine vom rabenschwarzen Humor. Ein rasanter explosiver Film mit erheblichem Kultpotenzial! Mehr kann man von einem Kinoerlebnis kaum wünschen!

Prescription for: actually all of us

Relatos salvajes (Wild Tales – Jeder dreht mal durch!), Argentinien,  2014, 122 min., directed by Damiàn Szifron, with Ricardo Darin, Erica Rivas, Leonardo Sbaraglia, Dario Grandinetti,Oscar Martinez, Julieta Zyberberg, Rita Cortese, Diego Gentile

Manos Sucias

Ein weiteres Highlight des diesjährigen ZFF Zürich Film Festival war die Kolumbianische Produktion „Manos Sucias“. Aufgrund meiner Liebe zum Land Kolumbien bin ich natürlich etwas voreingenommen – dennoch ist der Film absolut sehenswert. Ich selber habe mich in der Nähe des Schauplatzes 7 Tage lang aufgehalten und hatte während den 84 Film-Minuten ständig das Gefühl ich sei selber wieder vor Ort an der Küste in Kolumbien. Dem Regisseur Josef Wladyka ist mit seinem Erstlingswerk ein sehr realistisches Drama respektive spannender Thriller gelungen.

Zum Inhalt: Die beiden dunkelhäutigen Kolumbianer, der Fischer Jacobo und der Hobby-Rapper Delio, haben in der Hoffnung auf das schnelle Geld den Auftrag gefasst, eine grosse Menge Kokain mit einem Fischerboot zur Grenze Panamas zu schmuggeln. Je länger der Auftrag dauert, desto mehr erkennen sie die hoffnungslose und gefährliche Situation in die sich die beiden begeben haben. Als dann das ganze Kokain plötzlich weg ist, haben sie nur noch ein paar Stunden Zeit um das Kokain zurückzuerobern. Es beginnt ein spannender Wettkampf gegen die Zeit!

Die Gegend selber ist tatsächlich ein heisses Pflaster. Als ich mit meiner Freundin selber da war haben wir viele dubiose Gestalten kennengelernt, die vermutlich selber auch in ähnliche Geschäfte verwickelt sind. Bis vor wenigen Jahren war die Gegend für ausländische Touristen nicht erschlossen und viel zu gefährlich. Noch heute ist die Route an der Pazifikküste eine der wichtigsten Verbindungen des Kokain-Schmuggels Richtung USA. Die ganze Küste ist nur per Boot und kleinen Flugzeugen erreichbar. Wenn man das natürlich selber gesehen hat ist der Film noch packender.

Im Film kommen praktisch keine Frauen vor und um dieses Gleichgewicht ein bisschen auszugleichen hat der Regisseur absichtlich viele kolumbianische Lieder gewählt mit Frauengesang. Die Musik ist im ganzen Film sehr gut und passend gewählt, weshalb ich auch ein paar Lieder als Links verfügbar gemacht habe.

Der durch Spike Lee co-produzierte Streifen lief beim New Yorker Filmfestival „Tribeca“ und wurde dort sehr gut aufgenommen. Auch die Schweizer Presse hat den Film gelobt. Ob er schlussendlich in Europäische Kinos gelangt, ist leider noch nicht bekannt. Seit Anfang Oktober läuft er in Kolumbien und es bleibt zu hoffen dass er sich durchsetzen kann und es auch in die Schweizer Kinos schafft.

Wer gerne Südamerikanische Kost schaut und oft Fernweh verspürt der sollte Manos Sucias unbedingt schauen sobald er anläuft. Wer gerne spannende Thriller schaut, der wird auch auf seine Kosten kommen.

Bleibt mir noch zu sagen, dass Kolumbien in Wirklichkeit ein friedliches Land mit den (statistisch betrachtet) glücklichsten Menschen ist und leider hilft dieser Film nicht, den immer noch schlechten Ruf von Kolumbien zu verbessern. Immerhin ist es gelungen dadurch gute und realistische Unterhaltung zu schaffen!