Category Archives: Science Fiction

It’s time, everybody is ready to feel better…not! The Leftovers oder das “Sad Film Paradoxon”

„Ich sehe traurige Filme dann gerne, wenn sie tragisch gut gemacht sind. […] Wenn man die Tiefen nicht hat, kann man die Höhen nicht beurteilen, und wenn man nicht weiß, was traurig bedeutet. Er [der Film] lässt mich an andere Menschen erinnern z. B., und das sensibilisiert mich dann eben […].“
(Rezipient trauriger Filme / Interviewperson, männlich, 30 Jahre alt)

Diese Aussage steht einleitend in einer 2007 veröffentlichten Diplomarbeit für das Fach Psychologie an der Universität Köln zu dem Thema „Selektionsmotive für traurige Filme und Analyse der spezifischen Rezeptionsmodalitäten. Untertitel: Eine qualitative Untersuchung zum Sad Film Paradoxon im Rahmen der Unterhaltungsrezeption“. Keine Bange, ich will jetzt niemanden mit langwierig psychologischen Abhandlungen über die Faszination von traurigen Filmen langweilen, möchte aber trotzdem auf das Phänomen hinweisen, dass es unter uns Zeitgenossen gibt, die sich an dem Elend, Leid, Unvermögen und letztendlich am Scheitern ihrer Mitmenschen nicht nur unterhalten, nein teilweise sogar daran wortwörtlich laben, erquicken und ergötzen. Seelen-Vampire. Wer mehr über diese düstere gesellschaftliche Entwicklung in Erfahrungen bringen möchte, sei explizit auf die oben stehende Diplomarbeit verwiesen, wobei der in der Einleitung zitierte Rezipient mit seiner Aussage sicherlich nicht sehr weit entfernt von den zugrundeliegenden Beweggründen und Motiven der „Betroffenen“ liegt. Deshalb erlaube ich mir an dieser Stelle den theoretischen Bereich zu verlassen, nicht ohne aber ergänzend anzumerken und letztendlich einzugestehen, dass der Schreibende selber schon länger auch von diesem schauerlichen Symptom betroffen ist und sich ebenfalls zu der Gruppe der „Leid-Watchers“ zählen muss…ja, ja, es ist schon traurig und phasenweise auch schockierend…yeahhhh!

Für diejenigen also, die sich jetzt in der Anonymität des Lesers persönliche Eingeständnisse machen müssen, derzeit aber noch hemmungslos diese Neigung ausleben möchten, muss die jetzt im deutschsprachigen Raum auf Blue Ray/DVD erschienen HBO Serie „The Leftovers“ zwingend empfohlen werden, den das seelische Leid und die Qualen der menschlichen Existenz wird dort über rund 550 Min. in allen nur möglichen Variationen zelebriert und dies – ganz nach dem Gusto des in der Einleitung zitierten Rezipient – tragisch gut gemacht. Oder nach den Worten von Matt Fowler (IGN Movies) „It’s a good pain“.

Als Grundlage dient das Neue Testament (Lukasevangelium) der Bibel, auf dem die sogenannte Lehre des Dispensationalismus aufbaut und im Groben die Prophezeiung der sogenannten Entrückung beinhaltet, worin sämtliche Christen urplötzlich von einem auf den anderen Moment von dieser Erde verschwinden, von Gott „heimgeholt“ werden. Zurückbleiben werden nur die Ungläubigen, die eine längere unangenehme Phase vor sich haben, voller Trübsal, Angst und Schmerz, in welcher der Teufel höchstpersönlich die Regentschaft übernehmen wird, bis dann Jesu Christi auf die Erde zurückkehrt um seine 1000-jährige Herrschaft anzutreten.

So beginnt die Erzählung, welche in Mapleton N.Y spielt, drei Jahre nachdem zwei Prozent der Weltbevölkerung oder 140 Mio. Menschen „verschwunden“ sind (darunter der Papst, Jennifer Lopez und Gary Busey…) und die „Leftovers“ irgendwie versuchen, das Geschehene, den Verlust der Liebsten, einzuordnen und in den Alltag zurückzufinden. Im Mittelpunkt steht der Polizeivorsteher Kevin Garvey, Jr., passend besetzt mit Justin Theroux, dessen Frau zwar nicht entrückt worden ist, er aber anderweitig „verloren“ hat und zwar an eine Sekte namens die „The Guilty Remnant“ (Die schulden Uebrigbleibsel…oder so), welche im Stadtbild von Mapleton in Form von kettenrauchenden, weiss gekleideten Mitglieder omnipräsent ist und als Mission quasi die Verhinderung des Vergessens an das schicksalhafte Ereignis haben und jegliche Form einer zukunftsgerichteten lebensbejahenden Perspektive nicht nur ablehnen, sondern auch dementsprechende Anstrengungen ihrer Mitbürger aktiv sabotieren, was ihr eigenes Dasein nicht ganz ungefährlich gestaltet. Kevin Garvey lebt somit alleine mit seiner pubertierenden Tochter, welche ihrerseits in einer passiv-aggressiv-depressiven Selbstfindungsphase steckt, während er verzweifelt versucht, nicht nur die Sicherheit der Stadt und seiner Bürger zu gewährleisten, sondern vor allem die Kontrolle über seine psychische Verfassung oder – konkreter – über seinen Verstand zu bewahren, was aber rein genetisch ein fast schon hoffnungsloses Unterfangen ist, da er eigentlich nur Polizeichef ist, da sein Vorgänger wegen hochgradiger Schizophrenie in die Klapse eingeliefert werden musste und dieser leider sein eigener Vater (Scott Glen) ist. Zudem verheissen seine nächtlichen Ausflüge, bei denen er schlafwandelnd die Hunde in seiner Nachbarschaft verschiesst, nichts Gutes, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass er bei diesem Unterfangen auch von einem imaginären Freund begleitet wird, der ihn diesbezüglich unterstützt, da es sich bei diesen streunenden Tieren eigentlich um bösartige „Zombiehunde“ handeln soll. Unterdessen sein Sohn den Kontakt zur „Familie“ ganz abgebrochen hat, da er – vom College abgehauen und eigentlich schwul – seine Zeit in der Wüste als Helfer eines schwarzen Heilsbringers verbringt, der für viel Geld magische „Umarmungen“ anbietet, die den Menschen Trost spenden und ihren stechenden Lebensschmerz zum Verschwinden bringen soll. Nebenbei beutet er noch minderjährige Mädchen sexuell aus.

Dass die doch sehr unerbauliche Szenerie immer wieder mal mit surreal-irrwitzigen Einlagen aufwartet, ist nur dem Effekt geschuldet, dass die darauf folgenden Szenen noch trauriger, noch dramatischer, noch schonungsloser „einkicken” können. Ein Konzept, das Damon Lindelof (Lost) zusammen mit Tom Perrota, auf dessem gleichnamigen Roman von 2011 die Serie basiert, konsequent durchzieht. Diesbezüglich darf auch wieder mal der Einfluss von David Lynch erwähnt werden, da – jetzt mal abgesehen von Justin Theroux, welcher ja sein Durchbruch in Lynch’s „Mullholland Drive“ erzielte – immer wieder Gestalten aus dem Lynchen’ Universe ganz nebenbei auf der grossen Trauerkulisse durchs Bild huschen (der Riese aus „Twin Peaks“, der schreiende Wohnwagenfahrer aus „Fire Walk with me“) und auch Mapleton, ein verschlafenes ur-amerikanisches Kleinstädtchen mit den seltsam wütenden Hirsche, die nächtens aus unerfindlichen Gründen die Wohnungen der Einwohnung verwüsten, den Rehen, die unmittelbar plötzlich irgendwo auf der Strasse oder in irgendwelchen Gärten stehen, verdächtig stark an Twin Peaks & Co erinnern. Ein absolut tragendes Element hierbei ist der Soundtrack von Max Richter („Waltz with Bashir”, „Perfect Sense“), der jüngst mit dem Europäischen Filmpreis für die beste Filmmusik zu „The „Duke of Burgundy“ ausgezeichnet worden ist und für „The Leftovers“ so minimalistische, wie effektive Melodien komponiert hat, die vor einer solchen Trauer triefen, dass die stillen Momente automatisch benutzt werden müssen um einfach mal krampffrei durchatmen zu können. Selbstverständlich ist das Sounddesign mit fein abgestimmten Popstücken von u.a. James Blake, Crowded House, Simon &Garfunkel, Rihanna etc. zusätzlich veredelt.

Und bei der Darstellerriege gibt es schlichtweg keine Schwachstelle. Neben Theroux brechen Liv Tyler („Armageddon“, „Stealing Beauty“), Amy Brenneman („Heat“), Carrie Coon („Gone Girl“), Christopher Eccleston („Dr. Who“, „The Others”), Sarah Margarte Qualley („Palo Alto“), geschlossen aus ihren darstellerischen Komfortzonen aus.

Die mediale Resonanz war selbstverständlich mehr als nur gemischt, von einhelliger Lobhudelei wie es für Serien wie „House of Cards“, „Game of Thrones“ etc. gibt, kann hier nicht die Rede sein. Zuviel Depro ist ja auch zum guten Glück nach wie vor kein Mainstream. Stimmen wie die vom New York Magazin (“The Leftovers is all bleakness all the time, at the bottom of the first page of my notes, “sloppy handheld camerawork” is crossed out. Beneath it is “overwhelming pain.” Even animals feel the loss“) oder The New Republic („Emotional Violence“) unterstreichen dies exemplarisch. Vielleicht am prägnantesten beschrieb die Wirkung dieser Sad-Show Alan Sepinwall von Hit Fix „Many will hate it. But there will be viewers in whom it strikes a chord so deeply that they will feel themselves overwhelmed by it in the best possible way: not like they’re drowning in the misery, but like it’s teaching them a new way to breathe“ oder Karoline Meta Beisel von der Süddeutschen, welche The Leftovers als „eine einzige lange Therapiesitzung“, in der es „um Trauer, machtlosen Zorn und Wunden ohne Heilungschancen“ gehe, beschrieb.

Um es kurz zu machen. Wenn sogar die Tiere leiden und die Trauer und Verzweiflung an emotionaler Gewalt grenzt, so, dass wir sogar unser Atmen neu erlernen müssen, aber trotzdem ungeduldig den nächsten kathartischen Anfall kaum erwarten können, kann man das, was Damen Lindelof & Tom Perrota hier kreiert haben, eigentlich nur mit einem Wort passend beschreiben. Kult. The Sheep applaudiert. Voller süsser, bizarrer Trauer.

The Leftovers, US 2014, 558 Min,, Created by Damon Lindelof and Tom Perrotta with Justin Theroux, Christopher Eccleston, Liv Tyler, Amy Brenneman, Carrie Coon, Margaret Qualley, Scott Gleen 

Ouroboros – The serpent eating its own tail

Diejenigen von uns, die den Frühling des Lebens bereits durchschritten und die 80-iger Jahre noch aus persönlicher Erfahrung im Gedächtnis haben, werden sich die Geschehnisse stets vor Augen führen können, in denen Michael J. Fox, alias Marty McFly, im ersten Teil der „Back to the Futures“ Trilogie, in der entscheidenden Szene – quasi dem vorgezogenen Showdown – des High School Abschlussballs, die Avancen seiner eigenen Mutter zurückweisen musste, damit diese nicht noch der Möglichkeit beraubt wurde, ihre – für sie natürlich unbewusste – 2. Wahl, seinen eigenen Vater, kennen zu lernen, damit Marty McFly danach überhaupt erst  gezeugt werden konnte. Es ist obsolet zu erwähnen, dass Marty McFly nur deshalb in diese – sagen wir – heikle Situation geriet, da er die physikalischen Naturgesetze – mittels einem DeLorean DMC-12 Sportwagen – überwinden konnte und 30 Jahre zurück in die Vergangenheit gereist war und zwar in seine Prä-Geburts sprich Prä-Zeugungs Periode, was absehbar – zum Vergnügen des Publikums – allerlei Turbulenzen – nicht nur bei seiner Mutter – auslöste.

Seit Bestehen der Filmindustrie sind Zeitreisefilme ein beliebtes Motiv und es sind vermutlich Hunderte von Werke, welche dieses Thema in der einen oder anderen Weise behandeln, referenzieren oder touchieren. Sei es in einer rein unterhaltenden Action-Spassvariante wie die angetönte „Back to the Futures“-Trilogie, sei es in der Form einer Slapstick Komödie, wie der Kultstreifen „Groundhog Day“, nicht zu vergessen Woody Allen’s Beitrag „Midnight in Paris“, oder dann actionhaltige Adrinalinkracher wie die „Terminator“ – Reihe, „Edge of Tomorrow“ – welcher als Actionversion von „Groundhog Day“ bezeichnet werden kann. Rein thematisch aber gehört das Zeitreisemotiv zwingend dem Science Fiction Genre zugeordnet, welches auch die cineastische Geburtsstätte dieses „Einfalles“ war und demzufolge auch die meisten Variationen anzubieten weiss. Mit einem Horror-Mystik-Drama Einschlag à la „Donnie Darko“, im Gewand eines philosophischen Actiondramas à la „Looper“, als Actionthriller wie Spielbergs „Minority Report“ oder – wie der jüngste Film von Wonderboy Chris Nolan – „Interstellar“ – mittels dem elegisch-apokalyptisch-philosophisch-melodramatisch-bombastischen Auftritt.

Obschon rein akademisch betrachtet, Zeitreisen keine absolute Fiktion per se sind (ausgehend von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie, die Schwerkraft als Krümmung der Raumzeit durch Energie und Materie beschreibt, sollte dieses Kunststück tatsächlich möglich sein), aber allenfalls noch ein Weilchen ins Lande ziehen wird, bis wir vor den Verführungskünsten unserer Grossmütter das Weite suchen müssen, ist die Attraktivität des Themas in den immens zahlreichen Auslegungsmöglichkeiten und Versuchsanordnungen der unterschiedlichsten philosophischen Fragen zur Existenz, zu unserem Wesen, unseren Triebkräften etc. zu suchen, welche so auf unterschiedlichste Weise durchgespielt werden können, nur um die aufgestellten Thesen und Reaktionen wieder mit neue Paradoxien zu brechen. Was in letzter Konsequenz zu einem cineastischen Ouroboros führen kann – Die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst…“ – ein Thema, dem sich auch schon Friedrich Nietsche mit seinem Ansatz “der ewigen Niederkunft” oder “der unendliche Wiederholung aller Ereignisse”ausführlich gewidmet hat – “Allem Zukünftigen beisst das Vergangene in den Schwanz”.

ouroboros

Eines der wohl beliebtesten und auch häufigsten beleuchteten Parodoxon  – und dies wohlgemerkt nicht nur in Zeitreisefilmen – ist wohl die ultimative philosophische  Ei- oder Huhn Frage: Free Will versus Predestination – können wir unser Leben selber bestimmen oder ist von Anfang an alles schon festgelegt?

Und in der Essenz um genau diese Frage kreist sich der im Februar 2014 im deutschen Raum direkt im Heimkino erschienene Streifen „Predestination“, von den Spierig Brothers (Daybreakers) mit Ethan Hawke, der bei den diesjährigen AACTA (Australischer Pendent zum Oscar) 9 Nominierungen (u.a. Besten Film, Adaptiertes Drehbuch, beste Regie) einheimste und Sarah Snooke den Award für die Best Leading Actress abholen konnte. Das ebenfalls am Toronto After Dark Film Festival als bester Sci-Fi Film von 2014 ausgezeichnete Werk, darf tatsächlich als Geheimtipp eingestuft werden, da mit einem Budget von ca. USD 2 Mio. gedreht und – ausser Ethan Hawke –  keinerlei bekannte Darsteller vorkommen und wenn ich nicht den expliziten Tipp erhalten hätte, würde ich jetzt sicherlich nicht darüber berichten, da Ethan Hawke in Action- oder SciFi Filmen nicht unbedingt gerade die zwingende Referenz ist (im Gegensatz zu seinen Beziehungsstudien, im Speziellen in Kombination mit Richard Linklater) und auch das Filmcover mehr nach abgestandenem oder mehrfach durchrecycletter Sci-Fi-B-Movie Actionkracher anmutet. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil. Auch wenn das Intro und noch ein, zwei zusätzliche Szenen einige actionhaltige Passagen beinhalten, also Hawke mit Pistole, ist der überwiegende Teil des Films eine Mischung aus Biopic und Kammerspiel zwischen Hawke und Snooke, stattfindend in einer Bar irgendwo in New York City irgendwann in den frühen 70-iger Jahren. Ausgehend von einer Wette um eine Flasche des besten Bourbons in der Bar, wer die spektakulärere Real Story auf Lager hat, erzählt dort ein Mann an der Theke dem Barkeeper sein Leben, das unter anderem daraus bestand, dass er eigentlich als Mädchen auf die Welt gekommen, von den Eltern verlassen in einer Waisenkrippe abgelegt und im Waisenhaus aufgewachsen ist, als junge Frau ins Rekrutierungscamp der Space Corps aufgenommen und nach Feststellung anatomischer Anomalien wieder rausgeworfen worden ist,  dann sich verliebt in einen älteren Mann, dann geschwängert und verlassen von dem älteren Mann, ihr Baby unmittelbar nach der Geburt aus dem Krankenhaus von anderem unbekannten Mann gestohlen, anschliessend von dem Arzt, welcher sie unterbunden hat,  gegen ihren Willen einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, dann – nun neu als Mann, John, – einen Job antritt, als Rubriken-Schreiber von fiktiven Lebensbeichten für ein Ratgebermagazin unter dem Synonym „Unmarried mother“. Verbittert und immer noch unermesslich tief verletzt von dem älteren Mann, der sie/ihn geschwängert und wortlos, abrupt und ohne Begründung für immer verlassen hat. Die einzige Liebe in seinem/ihrem Leben. Dazumal vor 20 Jahren, als er noch eine junge Frau war.

Stark herausgefordert von dieser spektakulären Geschichte, enthüllt der Barkeeper, dass er eigentlich kein Barkeeper ist, sondern ein Temporal Agent, ein Zeitreise Agent aus der Zukunft, der die Aufgabe hat, vergangene grosse Verbrechen zu verhindern und er nur an diesen Zeitpunkt in die Vergangenheit gereist ist, weil im März 1975 der sogenannte Fizzle Bomber 11‘000 Menschen inmitten New York City töten wird und seine Mission es ist, dies zu verhindern.

Der Barkeeper rsp. Temporal Agent bietet John darauf aber an, in die 50er Jahre zurückzureisen, an den Zeitpunkt als John noch Jane war und sie den besagten älteren Mann kennenlernte, um sich für sein grausames Verhalten ihr gegenüber zu rächen. Dies weil der Temporal Agent diesen Mann kennt und er ihn/sie zu ihm führen kann…

Wer gewinnt nun die Bourbon Flasche…?

„Predestination“ basiert auf der 1959 veröffentlichten Kurzgeschichte „- all you Zombies -„ von Robert A. Heinlein (1907 – 1988, u.a. Starship Trooper), welcher einer der erfolgreichsten Science Fiction Schriftsteller überhaupt gewesen ist und zusammen mit Isaac Asimov (I, Robot) und Arthur C. Clarke (2001: Odyssee im Weltraum) zu den sogenannten „Big three“ in diesem Genre zählt. Neben der eher nebensächlichen aber amüsanten Tatsache, dass er 1957 in seinem Roman „The Door into Summer“ vom ersten Wasserbett berichtete und dann in „Space Cadet“ vom ersten Handy, 35 Jahre vor dessen Erfindung (durch Motorola), sind in seinen Werken die Gravitas der persönlichen Freiheit und Selbständigkeit ein latent vorhandener thematischer Grundton, welcher auch in „-all you Zombies –„ unüberhörbar ist, obschon das Spiel mit Identität, Zeit, Raum und der Frage nach unserem tatsächlichen – metaphysischen – Handlungsspielraum im Vordergrund steht.

Die Verfilmung der Spierig Brother (eineiige Zwillinge, Jg 1976) hält sich sehr eng an die literarische Vorlage und zeichnet sich – neben dem behutsamen Aufbau der Geschichte unter konstantem Einflechten von versteckten Hinweisen – auch deshalb aus, weil formal auf die gewohnt spektakuläre Inszenierung des Vorgangs der Zeitreise an sich völlig verzichtet wird und sich ausschliesslich auf die Darstellung eines ausrangierten Geigenkoffers beschränkt, welcher der Temporal Agent bei sich trägt und mittels Einstellung der gewünschten Jahreszahl in dessen Zahlenschloss dann auch schon in dem gewünschten Jahr landet. Das Weglassen oder das Reduzieren der genretypischen visuellen Knalleffekten hat die Verdichtung der ohnehin schon intensiven und verwirrenden Story als Folge, welche gegen den Schluss eine nochmalige ruckartige Beschleunigung einlegt und dem Zuschauer eine Kaskade an Wendungen, Drehungen und Wiedersprüchen entgegenschleudert und im Zustand der völlig staunenden und erschöpften Verwirrung  verabschiedet. Dies alles aber nie zum Selbstzweck oder suggestiven Effekthascherei, sondern als vielschichtige Inszenierung des Ouroboros-Paradoxon.

“You know who she is, and you understand who you are, and now maybe you’re ready to understand who I am “…sagt der Bartender einmal. Will you?

Konklusion: “Predestination” überzeugt gleichermassen als philosophische Uebungsanlage wie als spannendes Zeitreise-Thrillerdrama, welches im Science Fiction – Zeitreise Genre neue Massstäbe in Bezug auf Storytwists und verschachtelte Erzähltechnik setzt, durch die enge Anbindung an die literarische Vorlage aber gleichwohl die innere Schlüssigkeit beibehält. Die intensive Schauspielleistung von Ethan Hawke und Sarah Snooke und die effiziente und verdichtete Dramaturgie in dem stillvollen Retro-Look machen diesen mehrfach ausgezeichneten und hochgelobten Low-Budget Streifen zu einem brandheissen Geheimtipp und animiert zur mehrmaligen Konsumation. Mindfuck pur, der nachhallt.

Prescription for: Identity problems, self-discovery, transgender, persistency, dealing with set backs, Nietsche lover, philosophical interests

Predestination, AU 2014, 97 min. , directed by Michael and Peter Spierig, with Ethan Hawke, Sarah Snook

The Eyes of Sofi – I Origins

Sofi: When I saw you, I had the feeling I had known you – like we are connected from past lives

Ian: I don’t believe in that

Sofi: What do you believe in?

Ian: I’m a scientist. I believe in proof

Dies sagt Ian zu Sofia, nachdem er sie endlich wieder gefunden hat, nach einer ersten Begegnung ein paar Tage vorher auf einer Art Kostümparty, die nach einem kryptischen verführerischen Wortgefecht auf einem gemeinsamen Toilettengang endete, dies aber ohne Entledigung ihres Kostümes, welches eine Art Mischung aus Catwomen Suit und Burka darstellte und nur die Augenparty enthüllte, was die Wiedererkennung bei Tageslicht nicht vereinfachte und in Anbetracht der Tatsache, dass auch weder Namen und Nummern ausgetauscht worden sind, ein Wiederfinden in einer Stadt wie New York als nicht sehr realistisch eingestuft werden konnte.

Da Ian aber Molekularbiologe ist und an der Evolution des Auges forscht und auch privat so sehr an der Iris des Menschen interessiert ist, dass er wo immer möglich Fotografien von Augenpaaren macht – wie auch von denjenigen von Sofi an der besagten Kostümparty – ist dieser einzige Anhaltspunkt – die Augen von Sofi – die Karte zum Weg zurück zu ihr…

Aber nicht nur zu ihr. Sondern vor allem auch zu ihm selbst. Denn ihre Augen werden es ganz am Ende dieses Filmes sein, welche seine Weltanschauung und seine Festklammerung am rational Wissenschaftlichen in den Grundfesten erschüttern lassen werden….

Die Augen als Spiegel zur Seele. Darwinistische Evolutionstheorie contra göttliche Schöpfungsmacht. Tod und Wiedergeburt. Schuld und Erlösung. Liebe und Schicksal. Suchen, Finden, wieder verlieren…und Wiederfinden.

Wie schon in seinem in umjubelten Erstlingswerk „Another Earth“, welches er für nur USD 200‘000.—abdrehte und 2011 am Sundance Filmfestival uraufgeführt wurde (ausgezeichnet mit dem U.S. Dramatic Competition Special Jury Prize), schafft es Mike Cahill auch in seinem neuen Werk, grosse theologische und philosophische Fragen, mit wissenschaftlichen Elementen und zugleich grossen menschlichen Dramen zu verbinden.

Es ist deshalb auch nicht wirklich möglich seine Werke zu kategorisieren. In „I origins“ wägt man sich anfänglich in einem klassischen Liebesfilm, befindet sich im nächsten Moment in einer Art semidokumentarischen Abhandlung à la Steven Hawking über die wissenschaftliche Grundierung der Evolutionstheorie, nur um in der nächsten Szene Zeuge von übernatürlichen Zeichen und mystischen Bedrohungen zu sein um dann plötzlich einem Ehe- und existentiellem Selbstfindungsdrama epischen, weltumspannenden Ausmasses beizuwohnen. Mike Cahill bleibt seinem Stil treu und inszeniert dies – wie schon auch „Another Earth“ in einer kühl-düsteren Bildsprache, die einerseits in langen intimen Einstellungen verharrt, anderseits auch immer wieder spektakuläre Weitwinkelaufnahmen auf die Leinwand zaubert, welche man gerade so gerahmt an die Wand hängen möchte…es ist schon erstaunlich, wie mit so einem minimalen Budget ein solche stringente Aesthetik umgesetzt werden kann. Nicht zu vergessen selbstverständlich die schauspielerische Leistungen, denn die Besetzung ist superb, allen voran Michael Pitt als Ilan, welcher schon in „The Dreamers“ von Bernardo Bertolucci ein markante Fussnote hinterliess, sonst aber – ausser in dem amerikanischen Remake von „Funny Games“ – unerklärlicherweise sehr selten in tragenden Rollen zu sehen ist. In den weiblichen Hauptrollen überzeugt einmal mehr Brit Marling, welche als Co-Autorin zusammen mit Mike Cahill schon „Another Earth“ geschrieben hatte, worin sie dann auch die Hauptrolle spielte (und seit dort auch u.a. in „Arbitrage“ die Tochter von Richard Gere oder „The company you keep“ von Robert Redfort mitspielte) und dann noch natürlich Àstrid Bergès-Frisbey als Sofi, genau die mit den Augen, welche von 2011 von Jerry Bruckheimer und Regisseur Rob Marshall für den vierten Teil der Piraten-Saga, „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“ entdeckt wurde und sonst eher als Model unterwegs ist, was die Qualität ihres Auftrittes in diesem Film nicht schmälert…au contrair!

Konklusion:

„I origins“ gehört zu der Sorte Film, welche man  typischerweise – ausser eingefleischte Cineasten natürlich – im Kino verpasst, da diese –  wenn überhaupt – meistens nur 1-2 Wochen laufen, ohne grosse begleitende Pressegeräusch und dann oftmals unbemerkt im Fernsehen im Nachtprogramm bei Arte anlaufen. Atmosphärisch dicht, ungeheuer spannend, visuell berauschend und tief berührend werden hier grosse philosophische Themen um die Widersprüche von Wissenschaft und Religion, Tod und Inkarnation mit einem wahrlich dramatischen Liebesdrama kunstvoll verbunden. Mike Cahill gehört schon jetzt nach seinem 2. Spielfilm zu einem der vielversprechenden und interessantesten Regisseuren in der gegenwärtigen Filmindustrie. Man wagt es sich kaum vorzustellen, was er für Filme machen würde, wenn er mal mehr als USD 200‘000.—zur Verfügung hätte.

Prescription for:  interest in philosophical discourses, interest in science affairs, religious doubts, religious interest, believer of eternal love, melancholic mood, lovers of beautiful eyes, interest in supernatural phenomenons, drama lovers.

Listen to: Dust It off – The DO

I Origins, USA 2014, 113 min., from Mike Cahill, with Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Berges-Frisbey   

The moon song

Sometimes I think I have felt everything I’m ever gonna feel. And from here on out, I’m not gonna feel anything new. Just lesser versions of what I’ve already felt. (Theodore, HER)

Liest man Artikel über wesenstypische  Eigenschaften, welche das Paarungsverhalten des Homo Sapiens beeinflussen können, begegnet man immer wieder – neben den bekannten physiognomischen Attributen –  dem Geruchssinn (oder den damit wahrgenommenen Düften), welcher als weniger offensichtliches Entscheidungskriterium bei der Partnerwahl ein massgeblicher Faktor zu sein scheint, da gewisse abgesonderte Düfte (Schweiss) als starke Lockstoffe gelten und angeblich schon fast animalische Triebkräfte freilegen können. Je nach Dossierung selbstverständlich. Und Zyklus. Bei Frauen wenigstens…

Aber welchen Stellenwert hat eigentlich die Stimme? Sicherlich hat jeder schon Aussagen à la „die hat aber ne sexy Stimme“ oder „rauchige Stimmen haben was erotisches“  vernommen oder aber, was fast noch häufiger anzutreffen ist,  eher negativ beladene Kommentare, welche bezüglich Wort-oder Stimmklang zu hören sind. Stichworte: Quitsch- oder Krächzstimmen, Männerstimmen (von Frauen) oder Frauenstimmen (von Männer) und was es sonst noch alles an nicht wohlklingenden oder erotisierenden stimmlichen Varianten gibt.  Aber wurde der Stimme wirklich je eine elementare Bedeutung beim Paarungsverhalten beigemessen?

Will man daher den wahren Stellenwert wissen,  welche die verschiedenen Einflussfaktoren (Olfaktorisch, Aestethik/Physiognomie/ Stimme/Charakter) auf dem Marktplatz der Geschlechter haben, muss man sich eigentlich nur zu jedem Punkt die Frage stellen, ob man sich in diesen alleine, von den anderen abstrahiert,  verlieben könnte. Also nur in einen (Schweiss-) Duft (Olfakorisch)? Oder allenfalls in Humor (Charakter) ? Allenfalls würden gewisse Zeitgenossen Grosszügigkeit anführen um bei den Charaktereigenschaften zu bleiben, aber auch dort könnte man wahrscheinlich nicht von einer rundum ganzheitlichen Vernarrtheit sprechen…

Wenn nach 125 min. der Abspann von „Her“, dem neuesten Werk von Spike Jonze, über den Bildschirm läuft und man – leicht paralysiert, hypnotisiert, entzückt oder entrückt –  versucht, das Geschehenen zu verarbeiten oder spezifischer, das Gesehene und Gehörte einzuordnen, wird bei vielen – zumindest bei den männlichen –  Zuschauern bald die Frage auftauchen: Habe ich mich da gerade in eine Stimme verliebt?

Sicher ist, beim Hauptdarsteller Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) war dies der Fall. Und noch besser, die Stimme auch in ihn. Glaubt er und wir jedenfalls. Und die Stimme irgendwie auch.

„Her“ spielt in nicht allzu ferner Zukunft und Theodore Twombly ist ein professioneller Briefschreiber, irgendwo im mittleren Alter, seit einem Jahr getrennt von seiner Frau, mit welcher er sein halbes Leben zusammen war. Da er diese Beziehung ganz und gar noch nicht verarbeitet hat, lebt er eher zurückgezogen und hat nur noch mit einer Jugendkollegin, welche mit ihrem Freund in der Nachbarschaftswohnung lebt, regelmässig persönlichen Kontakt. Bis er nach dem Erwerb eines neuen OS Betriebssystems, welches als revolutionäre Neuentwicklung permanent dazulernt und sich auf die Bedürfnisse des jeweiligen Users einstellen kann, sich in dessen weibliche Stimme verliebt und eine Liebesbeziehung mit „her“ beginnt.

Dieser Grundplot, welcher noch vor 10 Jahren allerhöchstens für eine durchgeknallte Science-Fiction Komödie verwendet worden wäre, wirkt trotz skurril anhörender Ausgangslage beängstigend real und echt und es sind erstaunlich wenige Momente in diesem Film, die einem den utopischen Aspekt – den es ja wahrlich noch gibt – bewusst werden lassen.  Es fliegen keine Autos oder Raumschiffe durch die Luft und die Leute tragen auch keine seltsamen weissen Schutzanzüge, sondern im Gegenteil, wenn man Joaquin Phoenix mit den bis zum Bauch hochgezogenen Hochwasserhosen mit rotem Holzfäller-Sporthemd und weissem T-Shirt darunter durch die Szenerie schlendern sieht, fühlt man sich irgendwie in die 70-er Jahre zurückversetzt, einfach vor dem Hintergrund einer Grossstadt-Kulisse, die wie eine seltsam warme Mischung aus L.A. und Tokyo anmutet (warm, da für sämtliche Innenräume und auch öffentliche Plätze und Orte freundliche Pastellfarben verwendet werden). Eine Art retro-futuristischer Stil als Designkonzept, welches dadurch aber den bewussten Bezug zur realen Welt in den Vordergrund rückt.

Schlussendlich ist dann auch die Zeitebene nur eine Randnotiz, genauso wie die – noch – utopische Annahme, dass Betriebssysteme eine quasi eigene Persönlichkeit entwickeln können.

Dass diese ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Mensch und Betriebssystem funktioniert und schlussendlich zutiefst berührt, ist zu einem Grossteil dem Drehbuch zu verdanken, welches Spike Jones mehr oder weniger im Alleingang im Verlauf von 15 Jahren geschrieben hat, welches gerade wegen dieser irrealen Ausgangslage das Wesen der Liebe an sich hinterfragen und behandeln kann und dies mit einer selten gesehenen Direktheit,  aber auch Feinfühligkeit  und Tiefe tut.  Zudem meistert die Geschichte meisterlich den Balanceakt zwischen subtiler Ueberzeichnung des technologischen Einflusses auf den gesellschaftlichen Alltag und der damit einhergehenden Isolierung des einzelnen Individuums kontrastiert mit dem unveränderten Bedürfnis nach persönlicher Nähe und der Suche nach einem erlösenden Seelenverwandten.  Das Drehbuch wurde dann auch fast unvermeidbar mit sämtlichen wichtigen Filmpreisen im 2014 ausgezeichnet (Oscar, Golden Globe, Writers Guild of America Award, Critics‘ Choice Award). Dies ist insofern bemerkenswert, als das Spike Jonze in der Vergangenheit nicht gerade durch zart-poetische Werke auf sich aufmerksam gemacht hat, sondern als Erfinder von der MTV-Serie „Jackass“ den internationalen Durchbruch feierte und mit seinem Spielfilmdebüt, der durchgeknallten Surreal-Komödie „Beeing John Malkovich“, seinen Ruf als unberechenbaren aber genialen Filmemacher begründete.

Der andere Erfolgsfaktor dieses Streifens ist dann nicht zuletzt auch in der Besetzung zu finden, allen voran Joachin Phoenix (Gladiator, It’s all about Love, Walk the Line, The Master), der mit seinem höchst zurückhaltendem Spiel es schafft, dass sich sämtliche Gefühlszustände, welche er in dieser Tour de Force durchläuft, auf eine unaufgeregte Art und Weise in seinem Gesicht und durch sein Wesen reflektiert werden und dadurch die völlige Anteilnahme an dieser Geschichte ermöglicht, auch in den dialogfreien Momenten.

Zu guter Letzt wären wir wieder bei dem einleitenden Thema, genau, der Stimme. Gesprochen wird diese von Scarlett Johansson, welche erst in der Postproduktion dazu gestossen ist und Samantha Morton (Minority Report, Cosmopolis) ersetzte, nachdem diese den ganzen Film schon abgedreht hatte (gem. Jonze eine seiner schwierigsten Entscheidung in seinem Leben – welche er nicht begründen könne – reine Intuition). Mal abgesehen von der im Raum stehenden These, dass die Stimme einer bekannten Person, von welcher man ja die äussere Hülle schon kennt und demzufolge diese auch nur beim Wahrnehmen der Stimme projektziert,  sowie auch unter Ausblendung der sehr einfühlsamen Dialogen ihrerseits, welche sämtliche anziehenden Elemente, wie Humor, Unsicherheit, Neugier, Erregung, Freude und Trauer beinhalten und dadurch automatischen eine menschliche Wirkung entfalten, muss trotzdem einfach mal auf die rein stimmliche Qualität hingewiesen werden, welcher man unter dem visuellen Eindruck der Gesamtperson tendenziell sicherlich zu wenig Beachtung schenkt. Um sich jetzt nicht komplett der Lächerlichkeit preiszugeben und etwelchen Versuchen zu verfallen, die Stimme an sich jetzt lang und breit zu beschreiben, anbei eine Hörprobe von dem berührenden Stück „The Moon Song“,  welcher das musikalische Herzstück von „Her“ ist:(ursprünglich interpretiert von Karon O)

Ich überlasse es somit jedem Hörer, die einleitende Frage für sich abschliessend zu beantworten…

Konklusion: „Her“ ist eine zutiefst poetische, zärtliche und hochintelligente Versuchsanordnung über die Liebe in jeglicher Form, losgelöst von konventionellen Schranken und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Ein Balanceakt zwischen feiner gesellschaftskritischer Groteske über die Einflüsse der ausufernden technologischen Entwicklungen und melancholischer Liebesgeschichte, gespickt mit schonungslos, tieftraurigen Wahrheiten und wahren lyrischen Schönheiten….Irgendwann in naher Zukunft und irgendwo in einer grossen Stadt auf der Welt. Und darüber spielt „The Moon Song“.

Prescription for: Romantic-Manicas, Lovers, lovers’ grieve, Feeling lonely, poetic lovers, in love with Siri and/or I-Phone, phone sex lovers

Listening to: Anywhere I Lay My Head is the debut studio album by American actress Scarlett Johansson, released on May 16, 2008 by Atco Records (contains four songs written by Tom Waits, six songs written by Waits and his wife Kathleen Brennan,)

Her, USA 2013, Director Spike Jonze, 126 min. with Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde, Scarlette Johansson

 

 

When Modern Art meets Cinema – Under the Skin

Wenn in nicht allzu ferner Zukunft die emanzipatorische Mission der Frauen ihr Ziel erfüllt hat und das Kräfteverhältnis zwischen Mann und Frau endlich in die naturgemäss korrekte Position gerückt ist, sprich die Männer ohne explizite Bewilligung ihrer Frauen die Häuser nicht mehr verlassen dürfen und sich das demokratische Wahlrecht nur noch auf das aufgeklärte weibliche Geschlecht beschränkt (auch Autofahren dürfen Männer nur noch an speziellen „Men-Fun-days“ ), könnte dem neuen Film von Jonathan Glazer „Under the Skin „ retrospektiv die prophezeiische Rolle zugesprochen werden, als erstes öffentliche Medium auf eine revolutionär unvermittelte Art den bevorstehenden gesellschaftlichen Wendepunkt der jahrhundertelang festgefahrenen Genderkonstellation aufgezeigt und gleichzeitig  – in einem gewissen Sinne – auch plausibilisiert zu haben.

Solche Gedanken schiessen einem beim Betrachten dieses Filmes spätestens dann durch den Kopf, wenn das von Scarlett Johansson verkörperte Alien scharenweise Männer nach kurzer Anrede in eine abgelegene verfügbare Unterkunft lockt und sie dort wie hypnotisierte ferngesteuerte Spielpuppen mit aufgerichtetem Marschkörper in eine schwarze, klebrige, undefinierbare Masse waten lässt, hinein in die eigene Selbstauflösung, in den sicheren Tod. Gefangen in ihrer biologischen Triebhaftigkeit, den Blick starr und geil auf das sich enthüllende Alienweibchen gerichtet, unfähig zur Erfassung weiterer Informationen. Stehengeblieben im Primatenstatut. Mann halt.

Dabei ist die naheliegende Thematik in diesem Film eine andere: Das erwähnte Alien fährt in einem weissen Van durch Schottland und gabelt wahllos Männer auf, welche dann das oben erwähnte Schicksal erleiden. Aber ihre Mission, so scheint es, ist nicht von bösartiger Natur, sondern mehr das Erkunden des Menschen oder des Menschseins aus der Sicht einer Ausserirdischen. Gefolgt wird sie von einem „Aufpasser“ auf einem Motorrad, welcher sicherzustellen scheint, dass sie ihre Aufgabe als Köder effizient und unbehindert ausführen kann. Dies klappt solange gut, bis das Alien selber emotionale Regungen anfängt zu verspüren und sich auch eine Form der Empathie mit ihren menschlichen Gegenübern einschleicht. Als sie ein schon sicheres Opfer aus Mitleid laufen lässt, wird aus der Jägerin plötzlich eine Gejagte…

Jonathan Glazer, nach seinem Regiedebut „Sexy Beast“ (2000) mit Ben Kinsley und „Birth“ (2004) mit Nicole Kidman als Regie-Shooting Star gefeiert, benötigte 9 Jahre um diesen Streifen zu realisieren. Einige davon alleine um sich selbst und Scarlett Johansson davon zu überzeugen, dass dies ein lohnenswertes Wagnis sein könnte. Was sicherlich gesagt werden kann ist, dass sich Scarlett Johansson mit der Zusage zu dieser Rolle einmal mehr von den meisten ihren derzeitigen weiblichen Shootings-Star-Kolleginnen  absetzt und selten gesehener Mut zur Radikalität auf der Leinwand zeigt. Und dies wahrhaftig überzeugend.

Gedreht wurde der Film u.a. mit Laiendarsteller und an öffentlichen Plätzen in Glasgow (teilweise ohne Drehgenehmigung). Im Einsatz waren auch versteckte Handkameras, zum Beispiel in den Szenen, in denen Scarlett Johansson aus dem Van hinaus völlig ahnungslose männliche Protagonisten nach dem Weg frägt und sie so in ein Gespräch verwickelt, oder auch wenn sie – und dies scheinbar völlig unerkannt – durch irgendwelche Shopping-Hallen wandelt oder vollgedrängte Discos besucht. Dieser rohe Authentizismus verleiht dem Film eine zeitweilen fast dokumentarische Note, welche dann aber wieder durch die experimentell und kunstvoll arrangierten Aufnahmen der vom „Alien“ wahrgenommen Sicht auf die Welt gebrochen wird.  Unterlegt ist dies alles mit der gespenstisch fremdartigen Klangwelt von Mica Levi, welche die Verwirrung, Orientierungslosigkeit und schlussendlich auch Einsamkeit des Aliens noch mehr hinausstreicht. Formal betrachtet würde es einen nicht verwundern, wenn „Under the Skin“ in ein paar Jahren als fixen Bestandteil im Repertoire des MoMa (Museum of Modern Art) oder an der Art Basel als permanente Video-Installation gezeigt werden würde.

„Under the Skin“ wurde an den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2014 präsentiert und erhielt neben zahlreichen Buhrufen und anfänglich hauptsächlich vernichtenden Kritiken, mit der Zeit immer mehr auch gegenteilige Resonanzen, welche das Werk als eines der grossen möglichen Meilensteine in der Kinogeschichte bezeichneten und sehr häufig wurde auch auf die – offensichtliche – Verwandtschaft mit  den Werken von Stanley Kubrick verwiesen. Die „Chicago Sun-Times“ nannte den Film als ein Werk, das in unsere Psyche eindringt und für immer dort bleiben werde und die „NZZ am Sonntag“  klassifizierte ihn, als den visionärsten Sci-Fi Film seit Kubricks „2001 Odyssee im Weltraum“. Ansonsten sind die Begriffe „verstörend, faszinierend, schockierend, erschütternd und rätselhaft“ die bevorzugten Adjektive bei den Rezensionen dieses Streifens.

Sicher ist, wer mit moderner Kunst im herkömmlichen Sinne nichts anzufangen weiss, wird auch hier keine lustvolle Zeit erleben. Wirklich nur für progressive Cineasten geeignet.

Konklusion: „Under the skin“ ist ein Versuch der Kern des Menschseins zu erfassen. Fast ohne Dialog, experimentell in der Form, radikal in der Umsetzung, aber nicht zuletzt tief berührend und zärtlich in der Aussage. Eine Ode an die Menschlichkeit. Wenn man sich darauf einlässt.

Prescription: alienation, loneliness, uptightness, intolerance, force to see Scarlett Johansson nude, anxiety for extraterrestrials, loss of humanity, modern art Lovers

http://undertheskinmovie.com/