Category Archives: Satire

American Beauty 2 – Men, Women & Children

 

Wenn es eine Bestandsaufnahme aus Amerikas Gegenwart braucht, ist der Regisseur Jason Reitman die erste Wahl. Er hat ein gutes Gespür für Sorgen, geheime Wünsche und Gemütszustände des Durchschnittsamerikaners aus der Provinz. Dabei nimmt er meist Abstand vom klischeehaften Denken und präsentiert ausgereifte, durch den Zeitgeist geprägte Lebensentwürfe, die trotz des soliden bürgerlichen Fundaments überraschend frisch und oft erschütternd wirken.

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So wie in „Up in the Air“(2009), in dem eine berufstätige Familienfrau ausnahmsweise den männlichen Part spielt und dem endlich bindungswilligen Clooney-Typ die Tür vor der Nase schließt (wie unzählig sind die Filmszenen, in denen Männer sich sowas leisteten!). Oder wie in „Young Adult“(2011), in dem die einstige School Beauty Queen entschied, dass sie weiterhin regieren sollte, und daraufhin einen dicken Korb bekommt. So verblüffend ehrlich, gemäßigt, sarkastisch und gleichzeitig einfühlsam ist auch der neuste Film von Jason Reitman „Men, Women & Children“ (2014).

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RL („Real Life“) – so wird die Realität von den durchdigitalisierten Kids bezeichnet. RC („Real communication“) ist am Aussterben. DL („Digital Life“) hält Einzug in die Klassenzimmer, Wohn- und Schlafräume der Teenager und ihrer Eltern. Durch die Leinwand fliegen mit therapeutischer Regelmäßigkeit die abertausenden Kästchen mit Nachrichten. Nonverbaler Austausch beherrscht die Szenerie der Schule, in der nach wie vor viel Wert auf Sport, Geschichte und gute Schulleistungen gelegt wird. Nur wird diese angebliche Normalität von den Kids und ihren Eltern in den Parallelwelten ausgelebt: was man im RL nicht bekommt, wird aus dem Netz geholt.

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So wie Helen (Rosemarie DeWitt) es vorlebt, die den heimischen Kinoabenden im Kreis der Familie überdrüssig wird und erfolgreich versucht diese mit etwas aufregenderen Events zu ergänzen – mit Hilfe von „Ashley Madison“. Wenn diese Geschichte im RL ablaufen würde, dann wäre Helen eine von 12 000 Damen, welche eine Auswahl von 30 Mio. Männer hätte (wie wir heute aus der Veröffentlichung von gehackten „Aschley Madison“-Daten wissen). Ihr Mann Don (Adam Sandler) hat andere Kanäle benutzt und eine verständnisvolle Hure nach Maß aus dem Netz geholt.

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Allerdings musste er dafür den Computer seines 15-jährigen Sohnes benutzen, da seiner vom exzessiven Porno-Konsum mit Viren verseucht wurde. Was er da im Kinderzimmer entdeckt, ist ein ganz neues Level. Chris (Travis Tope) ist dem Vater hinsichtlich digitaler Pornografie weit überlegen. Der sympathische Teenager konsumiert seit dem zehnten Lebensjahr Internet-Pornografie und verschafft sich keine Erleichterung mehr ohne eine ordentliche Portion Netz-Perversitäten. Mit einem RL-Mädchen kann er ebenso nichts mehr anfangen.

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Dieses RL-Mädchen, Cheerleader Hannah (Olivia Crocicchia) ist punkto Perversion auch keine Anfängerin mehr. Sie benutzt einen nicht stattgefundenen Sex, um eine kleine PR-Aktion daraus zu veranstalten. Das Kerlchen war halt ein passender Kandidat. Wenn kümmert es schon, was im RL passiert? Wichtig ist nur das, was man nachher berichten kann, am besten so, dass das ganze Universum darüber Bescheid weiß – und auf der eigenen heiß geliebten und liebevoll gepflegten Model-Webpage.

Nun, für die Schatz-Seite ist die Mutter (Judy Greer) zuständig, welche ihre pre-digitalen Erfahrungen als gescheiterte Schauspielerin nutzt, ihre in Sachen Selbstinszenierung begabte Tochter non-stop in aufreizenden Posen fotografiert und online publiziert um die erträumte Hollywood-Karriere anzuschieben. Irgendwann stellt Joan fest, dass die Seite einen kleinen Umsatz generieren kann und beabsichtigt, die Einnahmen für  Schauspielerkurse einzusetzen. Doch als die Absage von einer TV-Show kommt – wegen unsittlicher Tätigkeit und weil der neugewonnene Freund sich wegen ihres Web-Verhaltens von ihr distanziert – entscheidet Joan, ihre Managertätigkeit aufzugeben und sich nur noch auf ihre Mutterrolle zu fokussieren.

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Ihr Freund Kent (Dean Norris), ein grimmiger, von seiner Frau für einen Kalifornier verlassenen Mann,  ist eine grundsätzlich traurige Person. Und seinen Sohn versteht er auch nicht mehr, da dieser am Fußball, die frühere gemeinsame Passion, das Interesse verloren hat und das Einzige, was ihn noch interessiert ist “Guild Wars” – ein Computerrollenspiel.

Durch dieses Spiel hat Tim (Ansel Elgort), die von Baruch Spinoza 400 Jahre zuvor entdeckte Erkenntnis – sub specie aeternitatis („unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit“) – komplett verinnerlicht. Der Teenager hat intuitiv erfasst, dass das ganze bunte, aufwendige Treiben drumherum eigentlich keinen Sinn ergibt, dass für ein unendliches Universum das menschliche Leben nur ein Augenblick ist – ohne wesentliche Konsequenzen für die Welt, die uns ständig zu eng erscheint. Nur dieser Junge begreift, dass das Einzige, was uns vor den vielen Rätseln und Unwissen rettet, ist zu lieben und geliebt zu werden. Glücklicherweise gibt es solch ein Mädchen, das sein Anliegen versteht. Brandy.

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Dummerweise hat Brandy (Kaitlyn Dever) aber eine dogmatische, kontrollsüchtige Mutter- Patricia – welche ihre Tochter exzessiv vor allen Gefahren des DL schützen will. Patricia (Jennifer Garner) verfolgt jede einzelne Datenspur ihrer Tochter, löscht jede Nachricht, die ihr verdächtig erscheint und hat schlussendlich auch keine Skrupel,  die Beziehung ihrer Tochter eigenhändig zu beenden. Die Tragödie ist vorprogrammiert…

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Im ständigen Wechsel von RL und DL verlaufen diese Geschichten aus der amerikanischen Provinz begleitet von Off-Kommentaren (Emma Thomson) aus dem All – dem allwissenden Blick von oben – sub specie aeternitatis. Hier finden die Familien die breite problematische Vielfalt wieder, mit der sie tagtäglich konfrontiert sind; die meisten Arten von Web-Sklaverei oder Web-Entfesselung, die neuen Konstellationen, die digitale Medien in die Beziehungen installieren. Eine präzise und zutreffende Zusammenfassung der neuesten Veränderungen – von der Kritik allerdings als zu künstlich bezeichnet.

Konklusion: Der Episodenfilm „Men, Women & Children” ist ernüchternd traurig, schonungslos sarkastisch, komisch und tragisch zugleich, eine behutsame Bestandsaufnahme des Alltags von US-Familien, die nicht so weit von unserer entfernt ist, wie wir oft zu hoffen glauben. Man kann ihn auch als aktuelle Version von „American Beauty“(1999, Sam Mendes) betrachten. In den deutschen Kinos lief er unter dem Titel „#Zeitgeist“. In der Tat gibt es zur Zeit keinen Film, der mehr oder besser über das RL der Teenager und ihrer Eltern berichtet. Für Familien ist es ein unverzichtbarer Film!

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Prescription for: dysfunctional family, miscommunication between parents and kids, sex and secrecy in the online age, communication via screen, online depersonalisation, webenslavement, online porn, roleplay game culture, anorexia, infidelity, fame hunting, black-comic…

Men, Women & Children, USA, 2014, 116 min, directed by Jason Reitman, with Ansel Elgort, Adam Sander, Jennifer Garner, Emma Thompson, Judi Greer, Dean Norris, Kaitlyn Dever, Resemarie DeWitt, J.K.Simmons, Olivia Crocicchia.

A little ode to one of the piu grande film di tutti I tempi out of the shadow of Nassau – La Grande Bellezza

From the onset of this movie – one is literally taken by the hand on a journey to a place a select few have experienced and the rest only wish to be on.

The Great Beauty,” a terrestrial of knife-throwers and dwarves and epic parties and crumbling majesty. The deliriously multifaceted Jep, channels us through the chronicles of a 65-year-old luminary journalist, a man of haberdashery, a tantalizing womanizer who wrote an aspiring first novel 40 years ago and has consumed his evenings since then at nightclubs, art galleries, theaters, readings and too many all-night parties to count. Jeb didn’t just want to become part of Roman society, he recounts, he wanted to be its king; he didn’t want to be invited to the best parties, he wanted the power to ruin them. Now, speaking as a Poor Man’s version of James Bond, even in the substitute social cosmos of Roma the foundation of Jep’s prosperity and unaltered freedom would be an enigma for even 007 himself to unravel. Jeb sold his soul for an awe-inspiring penthouse apartment overlooking the Coliseum, an impeccably tailored designer wardrobe and a rotating cast of lovers that would tempt the devil himself for a similar deal. Jep had a life many other people would kill for, yet he’s burned out on it completely, and long ago lost track of the distinction between pleasure and boredom. “We’re all on the brink of despair. All we can do is look each other in the face, keep each other company, and joke a little. Don’t you agree?”

There’s an exhilarating sadness to it all that amounts to cinematic poetry and brilliance!

By INCOGNITO 2 SEE

The Facets of Revenge – Wild Tales

 

To be, or not to be, that is the question:
Whether ’tis nobler in the mind to suffer
The slings and arrows of outrageous fortune,
Or to take arms against a sea of troubles,
And by opposing, end them? To die: to sleep…

Wohl eine der bekanntesten Aussagen des Welttheaters, welche einen Monolog Hamlets einleitet, ist der Höhepunkt im Ringen des dänischen Prinzen mit sich selbst: soll er das Leid und Unrecht dieser Welt ertragen oder den Wiederstand leisten… Zur Tatkraft der Rache will er nicht gedankenlos übergehen, ihn plagen die Zweifel…

Rache… Die Rache ist süss und allgegenwärtig. Keinem sind Rachegelüste fremd. Sie erinnert uns an unsere heidnische Vergangenheit und spaltet die Geister in theologischen und rechtswissenschaftlichen Disputen. Rache hat immer etwas Unverhältnismäßiges und funktioniert wie die Vergeltung im Sinne des antiken les talionis („Auge um Auge“). Schließlich führt dieses Prinzip zur Guillotine, zur Lynchjustiz und zur Todesstrafe, welche die Vollstreckung des Urteils zum Sühneopfer macht.  Doch trotz all der Niederträchtigkeit kann die Rache als etwas Positives angesehen werden, z.B. als Treibkraft des Schöpfertums. Sie kann zerstörend und fatal, aber auch kreativ und befreiend sein. Rachegelüste treiben Menschen oft zu Hochleistungen an, schärfen ihren Gerechtigkeitssinn und bewirken tief greifende gesellschaftliche Wandlungen.

In der Filmgeschichte ist die Rache, welche um der Gerechtigkeit willen vollzogen werden muss, ist fast schon ein sakrales Motiv. Eine ganze Reihe von Genres (Western, Gangsterfilm, Kriminalfilm, Actionfilm) bedienen sich seit Jahrzehnten der Dramaturgie der Vergeltung. Dieses Thema ist auch ein roter Faden in den Werken vom Grossmeister des Rachefeldzugs Quentin Tarantino. Seine Filme (Pulp Fiction, Kill Bill, Inglourious Basterds, Django Unchained) sind die fulminantesten Rache-Streifen der Filmgeschichte. Das Böse wird ausgerottet, das Gefühl der Genugtuung wird glorifiziert.. Einem neuen Anfang steht nichts mehr im Wege… Die Welt  wird zu einem besseren Ort, wenn die Helden, die verstandesmässig dem Grafen von Monte Christo ebenbürtig sind, ihren Job erledigen… Jeder versteht diese einfache Logik und den deterministischen Zwang, ihr zu folgen.

Auf die ähnliche  Art und Weise, mit der gleichen Dreistigkeit, unverschämten Provokation, mit dem gleichen Tempo, Mut  und bitterbösen Humor erzählt der argentinische Regisseur Damiàn Szifron seine sechs Rachegeschichten im von den Brüdern Almodovar produzierten Film „Wild Tales“ (Originaltitel – Relatos salvajes).  Schon jetzt wird er als der beste argentinische Film aller Zeiten bezeichnet, hat vor kurzem grosse Erfolge (auch kommerzielle) in Amerika und Europa gefeiert (Goldene Palme-, Golden Globe-, Oskar-Nominierungen).

1. Pasternak: Rache als kategorischer Imperativ

Die Rache in der ersten Geschichte ist nicht spontan. Gabriel, ein gescheiterter Musiker, hat alle, die ihm je im Leben übel mitgespielt haben, in einem Flieger versammelt, an dessen  Steuerknüppel er selbst gerade sitzt. Die erste Szene gibt den Ton an und führt uns unsanft, aber gewieft in das thematische Schatzkiste des Episodenfilms ein.

2. Die Ratten: Rache als Mittel zum Zweck

Die zweite Episode ist die Einzige, wo die Frauen an einem Rachecoup tüfteln.  In einem Restaurantgast erkennt die Kellnerin Moza(Julieta Zylbergberg) den Kredithai (Cesar Bordon), der ihren Vater in den Selbstmord getrieben hat. Die ruppige Köchin (Rita Cortese) hat sofort einen Tipp parat, wie sie es dem Übeltäter heim zahlen können – Rattengift!  Ihre Entschlossenheit begründet die mollige Frau mit einem Exkurs in die Vergangenheit als sie noch eine zufriedene Knastinsassin war, für sich selbst nicht sorgen musste und das vergnügliche Kartenspiel in einer Damenrunde geniessen konnte. Nun wittert sie die Chance auf einen erneuerten Gefängnisaufenthalt und übernimmt die Regie in dieser Vergeltungsepisode.

3. Strasse zur Hölle: Jenseits von Gut und Böse

Auf einer einsamen Landstrasse in einem schicken Wagen geniesst ein entspannter Mann (Leonardo Sbaraglia) seine Fahrt. Der elegante Anfang dieser Geschichte könnte als Audi-Werbespot durchgehen. Doch in wenigen Kilometern macht ihm ein anderer Autofahrer  (Walter Donado) auf einer vollbeladenen Schrottkarre die Fahrbahn streitig und versucht sein Überholungsmanöver auszubremsen. Der Audi-Fahrer schafft es dann doch, den bockigen Spinner zu passieren – gewiss nicht ohne eine Fluchtirade auszulassen und den obligatorischen Stinkefinger zu zeigen. Eine durchaus verbreitete Form der Kommunikation auf der Strasse, wo die Mobilität, Anonymität und  Schutzhülle des eigenen Autos eine gewisse Gesetzlosigkeit vortäuschen.

Nun, wie im Leben, passieren auch auf der Strasse Pannen. Der Reifen platzt, der Audi bleibt stehen, in der Ferne hören wir ein donnerndes Geräusch des klapprigen Autos. Die Vergeltung ist in der Sichtweite. So fängt eine unabdingbare verhängnisvolle Kettenreaktion aus Gewalt und Verbrechen an, die einprägsam das bekannte Sprichwort illustriert: wer auf Rache aus ist, grabe zwei Gräber. Doch endet dieser extreme Fall von „road rage“ mit einem herrlichen Missverständnis. „Verbrechen aus Leidenschaft?!“ – rätseln Ermittlungsbeamten als sie die verkohlten Leichen in einer friedlichen Umarmung vorfinden. Eine grossartige Geschichte mit lehrhaften Anregungen!

4. Bombita: Rache als Wiederstand

Die vierte Episode liegt dem hamletischen Dilemma am nächsten – hinnehmen oder rebellieren? Doch für den Sprengmeister Simon Fischer (Ricardo Darin, der bekannteste argentinische Schauspieler) ist es keine Qual der Wahl. Für ihn scheint es selbstverständlich zu sein, gegen  bürokratische Willkür zu protestieren, anfangs noch zaghaft, sachlich und höflich, zu guter Letzt doch radikal und rücksichtslos.

Auch hier wird die Dramaturgie der Verheerungen an die Spitze getrieben. Ein gemachter Mann, der die monumentalen Gebäudekomplexe in Schutt und Asche legt, wird von einem scheinbar unbedeutenden Zufall aufgehalten – sein Auto wird wegen Falschparken abgeschleppt, er kommt zu spät zum Geburtstag seiner Tochter, was schon ein angespanntes Familienverhältnis erneut auf die Probe stellt… Als ihm am nächsten Tag das gleiche widerfährt, verliert er schnell die Geduld, wird handgreiflich… Im Nachhinein scheitert er im Beruf und in der Familie. Wie bekommt man sein Leben und seinen inneren Friede zurück? Mit einer kleinen feinen Sprengaktion, die tatsächlich einiges bewirkt: Simon wird als Volksheld gefeiert und gewinnt seine Familie wieder.

5. Vorschlag: Rache im handelsrechtlichen Sinne

Die nächtliche Stille eines Ehepaars wird vom aufgewühlten Sohn unterbrochen, der eine schwangere Frau überfahren und eine Fahrerflucht begangen hat. Nun, da der Papa (Oskar Martinez) ziemlich reich und mächtig ist, und alle der Meinung sind, dass dem Sohn die argentinische Haftanstalt erspart werden muss, versucht die Familie einen Ausweg zu finden. Für eine hübsche Summe erklärt sich der Gärtner bereit, den Tat auf sich zu nehmen. Doch der Staatsanwalt  findet die Wahrheit heraus und will auch selbst, genau so wie der Anwalt der Familie, ein Teil am Kuchen haben.

Alle sitzen dem Geschäftsmann am Nacken und erwarten von ihm Schweigegeld. Doch dann dreht er plötzlich den Spiess um und beschliesst, dass alle leer ausgehen sollten und der fahrerflüchtige Sohn sich stellen muss. Auch wenn er nicht genug konsequent bleibt, reduziert er mit diesem Einfall erheblich seine finanziellen Einbüsse. Eine spontane Taktik, die mindestens ihm eine Erleichterung verschafft, wird dann aber doch dem Gärtner zum Verhängnis. Ein Rachemord führt erneut in die Irre.

6. Bis dass der Tod uns scheidet: Rache als Ursache und Wirkung

Auch in der letzten Geschichte geht es um eine spiralförmige Chronik einer Eskalation. Zu sehen ist, was passiert, wenn eine junge temperamentvolle Braut (Erica Rivas) in weissem Kleid, dem Symbol der Reinheit und Unschuld, sich auf den Pfad der Rache begibt als sie instinktiv begreift, dass der Bräutigam (Diego Gentile) eine Geliebte hat.  In der Tat ziemlich viel: zerschlagenes Geschirr, eine ruinierte Torte, ein blutbeflecktes Brautkleid, ein heftiges Wortgefecht zwischen dem Paar und den Familienangehörigen, Sanitäter, die den mehreren Gästen den Blutdruck messen und die schöne Konkurrentin reanimieren müssen… Wilder geht’s nicht mehr!

Doch der richtige Knaller kommt erst zum Schluss als niemand mehr eine Hoffnung auf die Besinnung hatte.  Wie geht man mit einer äusserst peinlichen Angelegenheit um? Lässt man sich selbst und die komplette Hochzeitsgesellschaft mit einer lebenslangen psychischen Trauma zurück? Soll der Racheorkan alles vernichten? Als wir total entsetzt, fast schon beschämt die Flucht oder Mordabsichten des Bräutigams vermuten, greift er tatsächlich erwartungsgemäss zum riesigen Messer. Doch was dann passieren wird, übersteigt alle Erwartungen und beschenkt dem Streifen ein grandioses unvergessliches Finale. Am Ende wird es der Mann sein, der die zerstückelten Welten zusammenflickt und so zum Schöpfer der neuen Zukunftsaussichten wird. Diese frustrierendste und zum Schluss doch verheissungsvollste Hochzeit ist ein vorbildlicher Stoff für die cineastischen Geschichtsbücher.

Conklusion: Oft wird „Wild Tales“ mit der Frage konfrontiert: Ist es eine Reaktion auf die Dauerkrise in Argentinien? Mag sein, dass die südamerikanischen Begebenheiten eine Inspirationsquelle für Damiàn Szifron waren. Doch die subversiv erzählten Geschichten haben eine universelle Sprengkraft. Sie betreffen uns alle:  Männer und Frauen, Eltern und Kindern, Mächtigen und  Erfolglosen, Täter und Opfer, Bürger, Beamte, Autofahrer… So viel Lebenserfahrung und Weisheiten beinhalten nur wenige Filme. Obendrauf werden uns die Lösungen präsentiert. Gewiss nicht unbedingt brauchbare und nachahmungswürdige, aber auf jeden Fall präventive. Dabei löst der Film die ganze Palette von Emotionen aus, fasziniert mit raffinierten Affekten, überrascht mit Wendungen und belohnt mit einer Lawine vom rabenschwarzen Humor. Ein rasanter explosiver Film mit erheblichem Kultpotenzial! Mehr kann man von einem Kinoerlebnis kaum wünschen!

Prescription for: actually all of us

Relatos salvajes (Wild Tales – Jeder dreht mal durch!), Argentinien,  2014, 122 min., directed by Damiàn Szifron, with Ricardo Darin, Erica Rivas, Leonardo Sbaraglia, Dario Grandinetti,Oscar Martinez, Julieta Zyberberg, Rita Cortese, Diego Gentile

Russia today – Durak

In einem Rechtsstaat  ist aufrichtiges Verhalten erstrebenswert. In Russland wird es missverstanden, belächelt, in den Dreck gezogen. Davon erzählt der neue Streifen von Yurij Bykow „Durak“ („Blödmann“). Wie auch seine vorherigen Filme („Leben“, „Mayor“) ist es ein scharfes soziales Drama, in welchem ein Einzelner dem System zu trotzen versucht und dabei selbst zugrunde geht.

Der junge Regisseur dreht seine Filme fast im Alleingang. Bykow führ die Regie, schreibt selbst die Drehbücher, komponiert die Musik, macht den Schnitt und spielte sogar eine Hauptrolle („Mayor”, 2013).  Am liebsten würde er auch für die Lichtverhältnisse sorgen, – erklärt Bykow im Dezember 2014 dem russischen TV-Kinomagazin „Kinopoisk“  („Filmsuche“). Der Grund dafür ist banal. In Russland eine zuverlässige Filmcrew  aufzutreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es wird einfach viel zu viel und viel zu oft gesoffen. Deshalb übernimmt Bykow so viele Aufgaben selbst.

Viel zu viel und viel zu oft wird logischerweise auch in „Durak“ gesoffen. Das ist vermutlich eines der wenigen Verbindungselemente, das die zwei weit von einander entfernten Kasten, die regierenden Apparatschiken und das Volk, zusammenschweisst. Gesoffen wird in einem heruntergekommenen Wohnheim, wo Geschrei und Gejohle, Drogenkonsum und Schlägereien an der Tagesordnung sind. Gesoffen was das Zeug hält wird auch im noblen Restaurant, in welchem die regierende Bürgermeisterin ihren Geburtstag feiert. Zwischen diesen beiden Welten versucht der junge Bursche namens Dima (Artiom Bystrov, Bester Schauspieler in Locarno 2014)) verzweifelt zu vermitteln.

Der Klempner, Bauingenieur-Student und Vater mit gesundem Menschenverstand und angeborenem Sinn für Gerechtigkeit hat per Zufall festgestellt, dass ein maroder Wohnkomplex, in welchem 820 Menschen daheim sind, bald einstürzen wird. So beginnt seine Odyssee durch die verschneite, nächtliche Stadt auf der Suche nach Beistand und Menschlichkeit. Doch rasch wird ihm klar, dass niemand bereit ist, das Richtige zu tun:  den Notstand auszurufen und die Bewohner zu evakuieren. Die unermesslich korrupten Kleinstadtfürsten nehmen alles in Kauf (das Leben von 820 Menschen, Ermordung ihrer Kollegen), um an der Macht zu bleiben und weiter ungehindert abkassieren zu können.

Auch Dimas Familie ist nicht bereit, einer elementaren menschlichen Logik zu folgen. Für seine Mutter und seine Frau ist er ein Blödmann. Er soll sich besser um die eigene Familie und deren Wohlstand kümmern. Die Anderen sind fremd, und man kann den Systemsumpf nicht durchschauen, geschweige denn bekämpfen. Sogar die zukünftigen Opfer wollen lieber in ihren stinkenden Unterkünften sitzen und nichts gegen das eigene Elend unternehmen. Für sein Heldentum wird Dima auch von ihnen bestraft.  Ursprünglich gab es eine zweite Version des Finales – mit einem Hoffnungsschimmer. Doch der Regisseur hat sich für den absoluten Abgrund entschieden. So wird das Porträt des für viele unbegreiflichen Landes noch schärfer, entsetzlicher und realer.

Gleichermassen speziell wie die Umstände, ist auch die Sprache im Film. Von dem mächtigen Sprachvermögen der weltweit verehrten russischen Poeten ist nicht viel übrig geblieben. Gesprochen wird wie gelebt – rissig, ruppig, rau. Und gewiss kommt kaum ein Satz ohne allgegenwärtigen Mat (das System der russischen Mütterflüche) aus. Im Mai 2014 wurde in Russland ein Gesetz verabschiedet, welches das Fluchen im Kino, auf der Bühne und in der Literatur verbietet. Das Verbot wurde von den Kulturschaffenden als Verbannung des Realismus aufgenommen.  Auch aus diesem Grund hat der dieses Jahr mir dem Film „Leviathan“ auf den Oskar nominierte Regisseur Andrey Zviaguintsev (Golden Globe-Gewinner) die Befürchtung, dass sein Film in der Heimat nie aufgeführt werden wird. Der offizielle Start sollte im Februar 2015 erfolgen. Die Patriarchen der orthodoxen Kirche haben beim Kulturministerium eine Petition mit der Bitte um ein Verbot des Filmverleihs  in Russland eingereicht. Zu viel Unfug werde dort gezeigt! Der Film sei antirussisch und repräsentiere das Böse!

Nun, der Film „Durak“ war kurz  in wenigen  Kinos in Moskau zu sehen.  In Tula, wo die Dreharbeiten stattfanden, wurde er nie gezeigt.  Da es sich in diesen Filmen  um die Gegebenheiten in den Provinzen dreht, weit weg von der Hauptstadt, und da sie internationalen Erfolg geniessen, wird ihre Aufführung von der staatlichen Macht toleriert, aber auf keinen Fall gutgeheissen.

Was den Regisseur mehr beunruhigt, ist die Tatsache, dass sein Zielpublikum – der Durchschnittsbürger – den Film nie zu Gesicht bekommen könnte, falls er am TV nicht ausgestrahlt werden darf („Isvestija“, 20.08.14). Der Kulturminister Medinskuj  hat sich geäußert, dass dieser Streifen den Blick auf Russland verzerre und nur das Schlechte zeige.  Die sowjetischen Politiker waren stets um den Schein und nicht um das Sein bemüht. Die heutigen Führer folgen der gleichen Logik (z.B. beim Sotschi-Spektakel). Nur die Wahrheit sickert meistens durch. Wie es im Inneren des Riesenreiches aussieht, zeigen Filmen wie „Durak“ und „Leviathan“ auf beeindruckende Weise.

Conclusion: „Durak“ bedient keine besonderen künstlerischen Ansprüche. Das war auch nicht Bykows Ziel. Sein Film bezeichnet er selbst als Plakat, Slogan, Schrei („Isvestija“, 20.08.14). „Durak“ (ebenso wie „Leviathan“) liefert Antworten auf die folgenden Fragen: Warum und wie verschwinden die russischen Journalisten, Oppositionelle und Rechtsaktivisten spurlos? Wie weit wird man gehen, um das alte System aufrecht zu erhalten? Was sind die Ursachen der Korruption? Wieso macht das Riesenvolk mit? Bewundernswert ist der Mut der Filmemacher. Sie sind Einige  der Wenigen, die sich im heutigen Russland einen freien Blick auf das Geschehene leisten,  ihre Kameras auf die gravierende Missstände richten, um souverän und konsequent die ganze entsetzliche Wahrheit aufzuzeigen. So viel Zivilcourage muss wenigstens mit unserer Aufmerksamkeit belohnt werden!

Prescription for: family and society, priorities and moral choice, corruption and murder, Russia yesterday and today

Listen to: Calm Night (Spokojnaja Notsch) – Viktor Zoi

Durak (The Fool), Russia 2014, 112 Min. Directed by Jurij Bykow. With Artiom Bystrow, Natalia Surkowa, Juri Zurilo, Boris Newsorow

The genesis of an everlasting cult classic – or why we are always confusing love for admiration?

“You can come through or not, depending on how dark the cloud is. But I think there’s a time when things that used to satisfy you or you thought were important, you realize are not important. Time is running out, the party lights are blinking, there is no more ice in the bucket. And you begin to realize the party will finish very soon in some way or the other”

An diesem Punkt stand der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu, 51, nicht vor allzu langer Zeit, wie er dem Filmkritiker Elvis Mitchell in einem Interview verriet. An den gleichen Punkt wie auch Michael Jackson, Leo Tolstoy und Raymond Carver –  und wie wahrscheinlich noch einige, die allenfalls einen kleineren Einfluss auf die Kulturgeschichte gehabt haben – gelangten, als sie das Ende ihres 5ten Lebensjahrzehntes erreichten. Jackson und Carver starben, Tolstoy raffte sich nochmals auf und lebte weitere 30 Jahre. Dasselbe hofft man inständig auch für Iñárritu, dessen Verarbeitung seiner Lebenskrise nun in 2 Wochen in die Schweizer Kinos kommt unter dem Titel „Birdman – The Unexpected Virtue of Ignorance“.

Iñárritu, welcher sich mit seinen bisherigen Filmen (Amores Perros, 21 Gramm, Babel und Biutiful) als ungekrönter Meister des tieftraurigen Zelebrierens der unausweichlichen Niederlagen und Verluste des menschlichen Wesens hervorgetan hat – und sicherlich auch den Rekord hält, mit seinen Werken die definitiv wenigsten Lacher in der Filmgeschichte produziert zu haben (nicht umsonst nennt man seine ersten 3 Werke die sogenannte „Death Trilogy“) – hat sich nun entschlossen, das menschliche Drama als Komödie zu inszenieren. Nach dem Motto, jede Tragödie wird irgendwann komisch, wenn man sie nur genug aufbläht.

Als ich – zusammen mit Daniel Schuler (Miteditor TDS) – im letzten Herbst die Schweizer Erstausstrahlung von Birdman anlässlich des 10th Zürich Filmfestival besuchen ging, war die persönliche Erwartungshaltung eher gemischt. Trotz dem Wissen um die Qualität von Iñárritu (Amores Perros & Babel gehören zum meinen All-time Favourits) war es doch irgendwie nahezu unvorstellbar, dass genau dieser Regisseur sich jetzt auf dem Gebiet des Komischen betätigen würde. Man hätte wahrscheinlich ähnliche Vorbehalte, wenn Woody Allen den nächsten James Bond inszenieren würde (oder diesen spielen würde). Als dann der Produzent von Birdman, John Lesher, welcher im Corso 1 ein kurzes Vorwort hielt, sich dahingehend äusserte, dass sie Birdmann im Frühjahr ’14 in nur einem Monat relativ schnell abgespult haben und Iñárritu auch nicht persönlich in Zürich anwesend sein könnte, da er bereits mit Tom Hardy und Leonardo Di Caprio an den Dreharbeiten zu „The Revenant“ war, dachte ich, nun gut, eine Fingerübung so zwischendurch…hoffentlich wenigstens amüsant. Aber es kam anders. Ganz anders.

Es passiert einem sehr selten im Leben als aktiver Cineast, aber nach ca. 10 – 15 Min. Filmdauer schauten Daniel und ich uns kurz an, da wir beide intuitiv spürten, wir sind da Zeuge von etwas Grossem, etwas Neuem, ja fast schon Ungeheuerlichem. Aber in einem höchst unterhaltsamen und vor allem urkomischen Sinn. Seltsamerweise waren wir, neben der allgemein spürbaren und ungläubigen Bewunderung des Gezeigten, –  wenigstens gefühlt – die einzigen, welche sich in der dortigen Vorstellung förmlich krummgelacht haben. Und man stellte nach der Vorstellung unter dem Publikum eine beinahe andächtige Stimmung fest. Schockiert,  fasziniert und belustig zugleich. Unzählige Menschentrauben standen vor dem Corso, murmelten aufgeregt über das Gesehene. Der Versuch einer Einordnung eines an sich tragischen schockierenden Dramas. Welches zur Komödie aufgebläht wurde.

Michael Keaton, ja genau der, welcher mal in den 80-iger Jahren den Batman verkörpert hat, spielt hier Riggan Thomson, welcher vor 20 Jahren ein internationaler Superstar geworden ist, durch seine Verkörperung des Comichelden Birdman, aber nach 2 Fortsetzungen mehr Anerkennung suchte, Teil 4 ausschlug, und anschliessend in der Versenkung verschwand. Wie Michael Keaton auch (der aber nur eine Fortsetzung von Batman machte). Jetzt ist Riggan Thomson aber zurück, steckt seine ganzen verbliebenen Ersparnisse in die Inszenierung des Theaterstückes von Raymond Carver (siehe Intro) –  „What We Talk About When We Talk About Love“ –, welches er nicht nur inszeniert, für die Bühne umschreibt, sondern darin auch die Hauptrolle spielt. Und dies auf der renommiertesten Theatermeile der Welt, dem Broadway. Das perfekt inszenierte Comeback. Das Zurückgewinnen von Einfluss, Respekt, Erfolg, Macht, Reichtum, Anerkennung…und Liebe. Selbstverständlich, wie oft, wenn man nicht nur von hehren Zielen getrieben wird, kann man sich nicht vollständig auf die Unterstützung des Schicksals verlassen. Sein unfähiger Nebendarsteller im Stück lässt er kurzerhand mittels einem herunterfallenden Requisit auf der Theaterbühne ausschalten, worauf er mit einer existenzbedrohenden Schadenersatzklage konfrontiert ist, der daraufhin engagierte Nachfolger und vermeintliche Glücksgriff für die Produktion, Mike Shiner (Edward Norton), ein arroganter, selbstverliebter Hollywoodstar, welcher nicht nur auf Anhieb das Drehbuch von Riggan hinterfrägt –  obschon er es einwandfrei auswendig kann, auch die Passagen von Riggan – sondern auch in den Proben auf der Bühne richtiger Gin statt Wasser trinkt, seinen Co-Star (Naomi Watts) zum echten Sex auf der Bühne zu animieren versucht (da er es nur noch dort kann), sondern sich auch der Tochter von Riggan, welcher dieser – frisch aus der Reha – als Produktionsassistentin eingestellt hat, annähert. Zudem kündigt ihm die allmächtige New Yorker Theaterkritikerin der New York Times an, dass sie das Stück so oder so in Stücke zerreissen wird, da sie die arroganten Hollywood Typen, welche sich am Broadway profilieren wollen, grundsätzlich als unfähig betrachtet und überhaupt abgrundtief verachtet. Abgerundet wird das Szenario von Birdman selber, Riggan’s dazumalige Superhero-Rolle, welcher ihn niemals wirklich losgelassen hat und neuerdings als seine innere Stimme, Ratgeber und Mahner eine immer dominanter Rolle – wenigstens in seinem Kopf – einnimmt und ihm die Aussichtlosigkeit seines ambitionierten Unternehmens vor Augen führt und ihm anstelle die unzähligen Vorzüge einer möglichen Rückkehr zu einer weiteren Fortsetzung von Birdman unablässig eintrichtert…und es sind noch 3 Tage bis zur Premiere…

“I want to do a film about the theater, in one shot.” Dies war die Grundprämisse von Iñárritu als er die Idee zu diesem Film hatte und er setzte dies – auch nach dringendem Abraten von seinen Produzenten, Mitautoren und auch Kameramann – konsequent um. Ausser der Anfangsszene und dem Schluss, hat man das Gefühl, dass alles in einem flüssigen Shot ohne Unterbruch gedreht worden ist. Hintergrund war die Erkenntnis, welche Iñárritu durch endlose Diskussionen mit seinem Cutter Walter Murch gewonnen hat, dass wir eigentlich unser Leben,  wie einen andauernden Steadicam shot wahrnehmen. „From the time we open our eyes in the morning, we are navigating our lives without editing”. Und genau so soll es sich auch anfühlen.

In dem engräumigen Broadway-Theaterhaus, wo der Film zum grössten Teil spielt, folgt man Riggan, wie er gehetzt durch die Gänge schreitet, hie und da Wortfetzen seinen Schauspielern, Tochter (Emma Stones), Manager (Zach Galifianakis) hinschmeisst, weiterstresst zu den Proben, diese ungeduldig, genervt und manisch absolviert, dann zurückeilt in seine Umziehkabine, dort in die schizophrenen Wortgefechte mit seiner inneren Stimme – also Birdman – involviert wird (wenn er nicht gerade meint, dass die übernatürlichen Kräfte von Birdman auf ihn übergegangen sind und er im Yogasitz im Raum schwebt), die oftmals in der Demolierung des ganzen Mobiliars münden, dann wieder zurück auf den Gang, eilend zu seinem Manager…Unterlegt ist dies alles mit einem ebenso manisch gehetzten, vibrierenden Percusion Jazz von Antonio Sanchez, welcher man plötzlich – ganz nebenbei – hinter seinem Schlagzeug in einer Nische in einem der endlos scheinenden Gänge des Theaterhauses spielen sieht – natürlich den gerade in der Szene benutzten Soundtrack . Man ist Riggan immer auf den Fersen, eigentlich wird man zu Riggan und ist inmitten dieses puren Wahnsinns der Broadway Theaterszene. Natürlich nicht ohne im ständigen Meta-Dialog mit der aktuellen Superheldenmanie im Kino zu stehen, dem Verhältnis von Hollywood zum Theater, dem Selbstverwirklichungs- und Anerkennungswahn der hypersensitiven Kultur-Szene unter dem latent spürbaren Damoklesschwert des Alterungsprozesses, der Endlichkeit der Existenz, der Tatsache, dass die Party bald zu Ende sein wird.

Gemäss dem verantwortliche Kameramann Emmanuel Lubezki (Gravity) ist die ganze Inszenierung des „alles-ist-in-einem-Fluss“ nur eine grosse Illusion, Kameraführung und Bildbearbeitung sind komplett manipuliert, alles ein Trick, der aber in der Kinogeschichte in dieser Form einmalig ist und handwerklich – was Bild, Schnitt und Musik anbelangt, neue Standards setzt. Es sieht alles nach einer improvisierten Spielwiese für durchgeknallte kreative Chaoten Köpfe aus, letztlich wurde aber gar nichts dem Zufall überlassen und ist bis zum letzten Nagel durchperfektioniert. Was die Dreharbeiten extrem schwierig gestaltete. Denn obschon die Drehzeit nur 30 Tage betrug, wurde die ganze Szenengestaltung schon Monate im Voraus in einem leeren Raum choreografiert und akribisch genau geplant. Gemäss Iñárritu war dann der Drehprozess als solcher mit einem Jazzkonzert vergleichbar, da alles im Fluss bleiben und unmittelbar natürlich wirken musste, was aber enorm aufreibend war, da während dem Drehen, jedes Wort, Bewegung und Kamerabild passen musste und die Fehlertoleranz bei null lag, was auch die Darsteller an ihre emotionalen Grenzen trieb.

Was aber letztlich die Leistung aller Schauspieler nur nochmals zusätzlich beflügelte und so für alle Beteiligen (Edward Norton, Naomi Watts, Emma Stones, Zach Galifianakis) ein karrieretechnischer Meilenstein darstellt. Nicht gemessen am Einspielergebnis, sondern – wie im Film verzweifelt gesucht  – gemessen an der künstlerischen Reputation. Eine weitere Vermischung von Film und Realität, da viele der Beteiligten in letzter Zeit genau in diesem Comic-Superhelden Genre zu sehen waren (Norton: Hulk/Emma Stones: Spiderman 2).

Was Michael Keaton hier aber bietet ist pure Magie. Ein Comeback in diesem Ausmass hat es meiner Ansicht nach noch nie gegeben und stellt sogar John Travoltas damalige Rückkehr auf die Leinwand mit Pulp Fiction in den Schatten. Man weiss nicht wirklich, warum dieser Mann in der Versenkung verschwunden ist und auch in seiner Blütezeit, den 80iger, nicht wirklich mit hochkarätigen Produktionen (Beetlejuice?) gepunktet hat. Aber sein Minenspiel, welches innerhalb von Sekunden von purer scheinbarerer Selbstzufriedenheit in manische Aggression, Resignation oder schiere Verzweiflung wechseln und nie, wirklich nie antizipiert werden kann,  ist pure Genialität und trägt massgeblich zur überschiessenden Komik in diesem Film bei. Weil, wie soll wahre Komik entstehen, wenn nicht aus dem wahrlich Unerwarteten?

Für Iñárritu, welcher für diesen Film die Regie für True Detective und Hunger Games ausschlug, ist dieses Werk, wahrscheinlich auch für ihn unerwartet, zum Opus Magnum seines bisherigen Schaffens geworden. Eine Komödie. Sicherlich gehört dieser Mann zu den talentiertesten und feinfühligsten Künstler unserer Zeit, aber wahrscheinlich löste genau seine ganz persönliche Lebenskrise dieses gewisse Etwas aus,  was zu dieser ungeheuerlichen Freilegung von Kreativität beitrug und ihn befähigte, das Timing durgehend so perfekt zu treffen, was Birdman unweigerlich auf Anhieb in den Rang der besten Filme aller Zeiten katapultierte und den Zuschauer effektiv Knockout schlägt. Quasi ein Naturereignis (wer den Film gesehen hat, versteht diesen Nachsatz…)

Zu den besten Freunden Iñárritu‘s gehören die beiden mexikanischen Regisseure Guillermo del Toro (Hellboy & Pans Labyrinth) und Alfonso Cuaron (Great expectations, Gravity), welche sich untereinander in einer schonungslosen offenen Kommunikation mit Rat und Tat bei ihren jeweiligen Filmprojekten zur Seite stehen. So waren die beiden dann auch die ersten, welchen Iñárritu Birdman vorspielte. Was dann passierte schilderte Iñárritu in einem Interview folgendermassen: Guillermo never drinks but after he saw it he said, “I need a fucking drink”. And he got so drunk because he was so shocked and so moved by the film. I had never seen him like that.

Wenn Sie also zur Sorte Leute gehören, die pro Jahr höchstens einmal ins Kino gehen, dann ist die Zeit für Sie schon jetzt im Januar gekommen.

Vorgewarnt sind Sie ja jetzt.

Conclusion: Iñárritu schuf mit seiner Geschichte über einen ehemaligen Hollywoodstar, dessen Karriere sich im freien Fall befindet und sich mit einem Theaterstück am Broadway künstlerisch und finanziell wieder rehabilitieren will, aber durch widrige Umstände und wachsende Selbstzweifel langsam in den Wahnsinn abdriftet, ein Meisterstück von einer solchen kreativen und spielerischen Durchschlagskraft, die einem Faustschlag in die sprichwörtliche Fresse des Publikums gleichkommt. Da aber die Party für uns alle irgendwann langsam zu Ende geht, geniessen wir den Schmerz – amüsiert, fasziniert und irritiert – solange wir noch was fühlen können. Ein Spektakel ohnegleichen. 

Prescription for: sanity, narcissism, parenthood, marriage, creative integrity, artistic legacy, black humour

Listen to: Birdman (Original Motion Picture Soundtrack) by Antonio Sanchez (Artist) – Jazz

Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance), USA 2014, LZ 119 Min., Directed by Alejandro González Iñárritu. With Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone, Naomi Watts

Kinostart: 29.01.2015 (Deutschschweiz)

Family holidays after an Avalanche – Turist

„Zuerst Kinder und Frauen!“- diesen Ruf kennen wir allzu gut aus den zahlreichen Katastrophenfilmen à la „Titanic“. Irgendwie  steht genau so eine Reihenfolge in den Unglücksabläufen für das vernünftigste Handeln. Dass es in der Realität anderes abläuft, wissen nur wenige. Der schwedische Regisseur Ruben Östlund hat zu diesem Thema Statistiken studiert und völlig andere Erkenntnisse auf die Leinwand gezaubert.

Der grösste Teil der Überlebenden bei Schiffsunglücken seien Männer in einem bestimmten Alter, sagt er. Und die, die ertrinken, sind Frauen. Auch seien Scheidungen unter Opfern von Flugzeugentführungen statistisch gesehen sehr hoch, weil man in solchen Extremsituationen die Partner eben ganz neu kennenlerne. Darum geht es im Film „Turist“.

Der überarbeitete Familienvater Tomas (Johannes Bah Juhnke) verbringt mit seiner Frau Ebba (Lisa Loben Kongsli) und den zwei Kindern Winterferien in einem Luxusressort in den französischen Alpen. Der erste Urlaubstag verläuft noch ziemlich harmonisch. Eine leichte Dissonanz in diesem sympathischen Quartett entsteht nur kurz durch das Gejammer des müden Kindes (die Mutter hat sofort eine Erklärung parat: der Junge hat Hunger!) und ständig piepsende Smartphone (der Vater ignoriert es noch bewundernswert gelassen!).

Doch am zweiten Tag passiert etwas außergewöhnliches. Als eine Lawine das Restaurant, in dem Tomas mit der Familie zu Mittag aß, zu erfassen drohte, haben seine angeblich männliche Beschützerinstinkte versagt. Er schnappte sich Handschuhe, iPhone und rannte weg. Diese Szene wird im Film immer wieder aus der Perspektive vom Thomas, Ebba, des befreundeten Pärchens, Zufallsbekanntschaften mal emotional, mal rational analysiert. Die wichtigste Frage, die sich die Beteiligten, zwangsläufig auch die Zuschauer, stellen: Was hätte ich in dieser Situation getan? Wäre es denkbar, das Mobilgerät mitzunehmen und das Kind im Stich zu lassen?

Über die phänomenale Rolle des Smartphones im Leben eines modernen Mannes haben uns schon in „Carnage“ Roman Polanski und Christoph Walz aufgeklärt. Nachdem einem selbstbewussten Anwalt und Familienvater sein omnipräsentes Mobilephone entzogen wurde, verliert er sofort die Gelassenheit, weltmännische Haltung und kriecht schon fast auf dem Boden, unfähig weiterhin am aufgeheizten Gespräch teilzunehmen.

In „Turist“ gibt es eine ganze Reihe von derartigen modernen  Alltags- und Winterurlaubsbegleitern, die schon beinahe ausserirdisch erscheinen: Elektrische Zahnbürsten, die alle Familienmitglieder besitzen, IPhone, IPad, Multikopter, Skihelme, -brillen, -schuhe, -liften, Schneekanonen, Lawinensprengmasten, Pistenraupen… Ein modernes Rittertum! Sind in dieser übertechnisierten, unter Kontrolle gehaltenen Welt noch Helden gefragt?

Ebba wird nachsichtig, traut ihrem angeschlagenen,  frustrierten Mann wieder die Führungsrolle zu. Doch die Kinder brauchen noch Märchen. Deshalb wird der Vater von der Mutter als Held inszeniert, indem er sie aus dem Nebel rettet und zurück zu den Kids bringt. Die Fiktion bleibt erhalten. Notgedrungen braucht man Männer. Sie können wenigstens die müden Kinder auf den Händen tragen, wie in der grossartigen letzten Szene zu sehen war.

„Turist” ist ein moderner, nach Perfektion strebender und absolut gelungener Film, der trotz inhaltlicher Ernsthaftigkeit sehr komisch rüberkommt.  Er hat auch einen hohen Wiedererkennungswert: Genau so sind oft die Umstände, Konversationen, Empfindungen, Selbstreflexionen, Freundschaften, Beziehungen… Antonio Vivaldis „Sommergewitter“ bringt die komischen und tragischen Momente der Geschichte virtuos und fast schon operettenhaft  zur Geltung. Eine berührende Szene, in der alle vier  nachts vereint im entsetzlichen Heulen übereinander herfallen, hat eine katharsisartige Dimension. Es gibt doch einen echten Zusammenhalt, der nicht nur im Äusseren, sondern im Inneren des Familiengehäuses existiert. 

Konklusion:  „Der Spiegel“ hat die Wirkung des Films so zusammengefasst: Wenn Sie sich von Ihrem Partner trennen wollen, dann gehen Sie am besten in die schwedische Satire “Höhere Gewalt”: Einen böseren Film über die Widersprüchlichkeiten moderner Geschlechter- und Familienbilder gibt es 2014 nicht“ (17.11.2014).  Klare Aussage, aber stimmt nicht so ganz. Auch die zwei von uns präsentierten Filme „Gone Girl“ und „Winter Sleep“ haben wesentlich mehr Potenzial zur Erhöhung der Scheidungsraten. „Turist” ist dagegen boshaft und barmherzig zugleich. Zunehmend ging es dann doch um die Krisenbewältigung, zwar ironisch gemeint, aber je nach Familienstand frei interpretierbar.

Turist, Sweden/Denmark, 118 min., from Ruben Östlund, with Johannes Ban Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Kristofer Hivju, Clara und Vincent Wettergren