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It’s time, everybody is ready to feel better…not! The Leftovers oder das “Sad Film Paradoxon”

„Ich sehe traurige Filme dann gerne, wenn sie tragisch gut gemacht sind. […] Wenn man die Tiefen nicht hat, kann man die Höhen nicht beurteilen, und wenn man nicht weiß, was traurig bedeutet. Er [der Film] lässt mich an andere Menschen erinnern z. B., und das sensibilisiert mich dann eben […].“
(Rezipient trauriger Filme / Interviewperson, männlich, 30 Jahre alt)

Diese Aussage steht einleitend in einer 2007 veröffentlichten Diplomarbeit für das Fach Psychologie an der Universität Köln zu dem Thema „Selektionsmotive für traurige Filme und Analyse der spezifischen Rezeptionsmodalitäten. Untertitel: Eine qualitative Untersuchung zum Sad Film Paradoxon im Rahmen der Unterhaltungsrezeption“. Keine Bange, ich will jetzt niemanden mit langwierig psychologischen Abhandlungen über die Faszination von traurigen Filmen langweilen, möchte aber trotzdem auf das Phänomen hinweisen, dass es unter uns Zeitgenossen gibt, die sich an dem Elend, Leid, Unvermögen und letztendlich am Scheitern ihrer Mitmenschen nicht nur unterhalten, nein teilweise sogar daran wortwörtlich laben, erquicken und ergötzen. Seelen-Vampire. Wer mehr über diese düstere gesellschaftliche Entwicklung in Erfahrungen bringen möchte, sei explizit auf die oben stehende Diplomarbeit verwiesen, wobei der in der Einleitung zitierte Rezipient mit seiner Aussage sicherlich nicht sehr weit entfernt von den zugrundeliegenden Beweggründen und Motiven der „Betroffenen“ liegt. Deshalb erlaube ich mir an dieser Stelle den theoretischen Bereich zu verlassen, nicht ohne aber ergänzend anzumerken und letztendlich einzugestehen, dass der Schreibende selber schon länger auch von diesem schauerlichen Symptom betroffen ist und sich ebenfalls zu der Gruppe der „Leid-Watchers“ zählen muss…ja, ja, es ist schon traurig und phasenweise auch schockierend…yeahhhh!

Für diejenigen also, die sich jetzt in der Anonymität des Lesers persönliche Eingeständnisse machen müssen, derzeit aber noch hemmungslos diese Neigung ausleben möchten, muss die jetzt im deutschsprachigen Raum auf Blue Ray/DVD erschienen HBO Serie „The Leftovers“ zwingend empfohlen werden, den das seelische Leid und die Qualen der menschlichen Existenz wird dort über rund 550 Min. in allen nur möglichen Variationen zelebriert und dies – ganz nach dem Gusto des in der Einleitung zitierten Rezipient – tragisch gut gemacht. Oder nach den Worten von Matt Fowler (IGN Movies) „It’s a good pain“.

Als Grundlage dient das Neue Testament (Lukasevangelium) der Bibel, auf dem die sogenannte Lehre des Dispensationalismus aufbaut und im Groben die Prophezeiung der sogenannten Entrückung beinhaltet, worin sämtliche Christen urplötzlich von einem auf den anderen Moment von dieser Erde verschwinden, von Gott „heimgeholt“ werden. Zurückbleiben werden nur die Ungläubigen, die eine längere unangenehme Phase vor sich haben, voller Trübsal, Angst und Schmerz, in welcher der Teufel höchstpersönlich die Regentschaft übernehmen wird, bis dann Jesu Christi auf die Erde zurückkehrt um seine 1000-jährige Herrschaft anzutreten.

So beginnt die Erzählung, welche in Mapleton N.Y spielt, drei Jahre nachdem zwei Prozent der Weltbevölkerung oder 140 Mio. Menschen „verschwunden“ sind (darunter der Papst, Jennifer Lopez und Gary Busey…) und die „Leftovers“ irgendwie versuchen, das Geschehene, den Verlust der Liebsten, einzuordnen und in den Alltag zurückzufinden. Im Mittelpunkt steht der Polizeivorsteher Kevin Garvey, Jr., passend besetzt mit Justin Theroux, dessen Frau zwar nicht entrückt worden ist, er aber anderweitig „verloren“ hat und zwar an eine Sekte namens die „The Guilty Remnant“ (Die schulden Uebrigbleibsel…oder so), welche im Stadtbild von Mapleton in Form von kettenrauchenden, weiss gekleideten Mitglieder omnipräsent ist und als Mission quasi die Verhinderung des Vergessens an das schicksalhafte Ereignis haben und jegliche Form einer zukunftsgerichteten lebensbejahenden Perspektive nicht nur ablehnen, sondern auch dementsprechende Anstrengungen ihrer Mitbürger aktiv sabotieren, was ihr eigenes Dasein nicht ganz ungefährlich gestaltet. Kevin Garvey lebt somit alleine mit seiner pubertierenden Tochter, welche ihrerseits in einer passiv-aggressiv-depressiven Selbstfindungsphase steckt, während er verzweifelt versucht, nicht nur die Sicherheit der Stadt und seiner Bürger zu gewährleisten, sondern vor allem die Kontrolle über seine psychische Verfassung oder – konkreter – über seinen Verstand zu bewahren, was aber rein genetisch ein fast schon hoffnungsloses Unterfangen ist, da er eigentlich nur Polizeichef ist, da sein Vorgänger wegen hochgradiger Schizophrenie in die Klapse eingeliefert werden musste und dieser leider sein eigener Vater (Scott Glen) ist. Zudem verheissen seine nächtlichen Ausflüge, bei denen er schlafwandelnd die Hunde in seiner Nachbarschaft verschiesst, nichts Gutes, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass er bei diesem Unterfangen auch von einem imaginären Freund begleitet wird, der ihn diesbezüglich unterstützt, da es sich bei diesen streunenden Tieren eigentlich um bösartige „Zombiehunde“ handeln soll. Unterdessen sein Sohn den Kontakt zur „Familie“ ganz abgebrochen hat, da er – vom College abgehauen und eigentlich schwul – seine Zeit in der Wüste als Helfer eines schwarzen Heilsbringers verbringt, der für viel Geld magische „Umarmungen“ anbietet, die den Menschen Trost spenden und ihren stechenden Lebensschmerz zum Verschwinden bringen soll. Nebenbei beutet er noch minderjährige Mädchen sexuell aus.

Dass die doch sehr unerbauliche Szenerie immer wieder mal mit surreal-irrwitzigen Einlagen aufwartet, ist nur dem Effekt geschuldet, dass die darauf folgenden Szenen noch trauriger, noch dramatischer, noch schonungsloser „einkicken” können. Ein Konzept, das Damon Lindelof (Lost) zusammen mit Tom Perrota, auf dessem gleichnamigen Roman von 2011 die Serie basiert, konsequent durchzieht. Diesbezüglich darf auch wieder mal der Einfluss von David Lynch erwähnt werden, da – jetzt mal abgesehen von Justin Theroux, welcher ja sein Durchbruch in Lynch’s „Mullholland Drive“ erzielte – immer wieder Gestalten aus dem Lynchen’ Universe ganz nebenbei auf der grossen Trauerkulisse durchs Bild huschen (der Riese aus „Twin Peaks“, der schreiende Wohnwagenfahrer aus „Fire Walk with me“) und auch Mapleton, ein verschlafenes ur-amerikanisches Kleinstädtchen mit den seltsam wütenden Hirsche, die nächtens aus unerfindlichen Gründen die Wohnungen der Einwohnung verwüsten, den Rehen, die unmittelbar plötzlich irgendwo auf der Strasse oder in irgendwelchen Gärten stehen, verdächtig stark an Twin Peaks & Co erinnern. Ein absolut tragendes Element hierbei ist der Soundtrack von Max Richter („Waltz with Bashir”, „Perfect Sense“), der jüngst mit dem Europäischen Filmpreis für die beste Filmmusik zu „The „Duke of Burgundy“ ausgezeichnet worden ist und für „The Leftovers“ so minimalistische, wie effektive Melodien komponiert hat, die vor einer solchen Trauer triefen, dass die stillen Momente automatisch benutzt werden müssen um einfach mal krampffrei durchatmen zu können. Selbstverständlich ist das Sounddesign mit fein abgestimmten Popstücken von u.a. James Blake, Crowded House, Simon &Garfunkel, Rihanna etc. zusätzlich veredelt.

Und bei der Darstellerriege gibt es schlichtweg keine Schwachstelle. Neben Theroux brechen Liv Tyler („Armageddon“, „Stealing Beauty“), Amy Brenneman („Heat“), Carrie Coon („Gone Girl“), Christopher Eccleston („Dr. Who“, „The Others”), Sarah Margarte Qualley („Palo Alto“), geschlossen aus ihren darstellerischen Komfortzonen aus.

Die mediale Resonanz war selbstverständlich mehr als nur gemischt, von einhelliger Lobhudelei wie es für Serien wie „House of Cards“, „Game of Thrones“ etc. gibt, kann hier nicht die Rede sein. Zuviel Depro ist ja auch zum guten Glück nach wie vor kein Mainstream. Stimmen wie die vom New York Magazin (“The Leftovers is all bleakness all the time, at the bottom of the first page of my notes, “sloppy handheld camerawork” is crossed out. Beneath it is “overwhelming pain.” Even animals feel the loss“) oder The New Republic („Emotional Violence“) unterstreichen dies exemplarisch. Vielleicht am prägnantesten beschrieb die Wirkung dieser Sad-Show Alan Sepinwall von Hit Fix „Many will hate it. But there will be viewers in whom it strikes a chord so deeply that they will feel themselves overwhelmed by it in the best possible way: not like they’re drowning in the misery, but like it’s teaching them a new way to breathe“ oder Karoline Meta Beisel von der Süddeutschen, welche The Leftovers als „eine einzige lange Therapiesitzung“, in der es „um Trauer, machtlosen Zorn und Wunden ohne Heilungschancen“ gehe, beschrieb.

Um es kurz zu machen. Wenn sogar die Tiere leiden und die Trauer und Verzweiflung an emotionaler Gewalt grenzt, so, dass wir sogar unser Atmen neu erlernen müssen, aber trotzdem ungeduldig den nächsten kathartischen Anfall kaum erwarten können, kann man das, was Damen Lindelof & Tom Perrota hier kreiert haben, eigentlich nur mit einem Wort passend beschreiben. Kult. The Sheep applaudiert. Voller süsser, bizarrer Trauer.

The Leftovers, US 2014, 558 Min,, Created by Damon Lindelof and Tom Perrotta with Justin Theroux, Christopher Eccleston, Liv Tyler, Amy Brenneman, Carrie Coon, Margaret Qualley, Scott Gleen 

EDEN – The Rhythm Poem

 

It is all a rhythm,

from the shutting

door, to the window

opening,

 

the seasons, the sun’s

light, the moon,

the oceans, the

growing of things,

 

the mind in men

personal, recurring

in them again,

thinking the end

 

is not the end, the

time returning,

themselves dead but

someone else coming.

 

If in death I am dead,

then in life also

dying, dying…

And the women cry and die.

 

The little children

grown only to old men.

The grass dries,

the force goes.

 

But is met by another

returning, oh not mine,

not mine, and

in turn dies.

 

The rhythm which projects

from itself continuity

bending all to its force

from window to door,

from ceiling to floor,

light at the opening,

dark at the closing.

 

(The End by  Robert Creeley)

 

Konklusion: Mia Hansen-Love, die Ehefrau von Olivier Assayas (Carlos, Clouds of Sils Maria) inszeniert in ihrem 4ten Spielfilm einen epischen Abgesang auf die hedonistische Clubszene der 90-ier Jahre und verknüpft diesen direkt mit den Ursprüngen der französischen Electro- und Houseszene und indirekt mit der Geschichte von „Daft Punk“. Unter einer radikalen Verweigerung eines klassischen Spannungsbogens in der Erzählung einerseits aber auch unter Weglassung von inszenatorischen Zuspitzungen oder Dramatisierungen anderseits, zeichnet „Eden“ fast schon dokumentarisch über 2 Dekaden den Aufstieg und Fall des DJ’s Paul (inspiriert vom Bruder von Hansen-Love, welcher ein DJ der French-Touch-Szene war) nach, welcher zur selben Zeit wie seine Kumpels Thomas und Guy-Man (Daft Punk), Anfangs der 90-ier Jahre, mit seinem DJ Duo „Cheers“ in der Pariser Nachtclubszene und später auch in den USA Erfolge feiert, aufgrund seinem Verharren auf dem Status Quo sprich fehlender Erneuerung seines musikalischen Oeuvres nach dem Milleniumswechsel aber seinen schleichenden Untergang einläutet, welcher durch seinen zunehmenden Drogenkonsum, fehlendem persönlichem Antrieb und wechselnden amourösen Beziehung noch beschleunigt wird, bis ihn die finanzielle Notlage zu einer Neuorientierung zwingt. Dies stetig begleitet, aufgrund des zunehmenden internationalen Erfolges seiner ehemaligen Weggefährten, mit einer quasi musikalischen Omnipräsenz von Daft Punk.  „Eden“ ist ein schmerzhaft schöner Trip in die noch nicht allzu lang zurückliegenden Vergangenheit für die Vertreter der Generation X, welcher die angeboren zu scheinende Orientierungslosigkeit und Unentschlossenheit dieses Jahrgangs auch filmisch konsequent und dadurch teilweise ungewohnt ereignislos darstellt, durch die eingefangene Poesie der flüchtigen Momente aber die hoffnungslos melancholische Monotonie schlussendlich in eine zarte Zuversicht zu wandeln vermag.

Und seien Sie versichert, wenn das nächste Mal irgendwo ein Song von Daft Punk ertönt, werden unweigerlich die Bilder der verlorenen Epoche von Hansen-Love vor Ihrem inneren Auge wieder ablaufen. Auch lange nachdem Sie den Film gesehen haben. One more time.

Prescription for: existential crisis, hedonism, drug habit, scheme of life, relationship conflict, transitoriness of life

Listen to: Eden – Orginal Motion Picture Soundtrack (Various artists incl. Frankie Knuckles, Daft Punk, Crystal Waters etc.)

Eden, F 2014, 131 min. Regie: Mia Hansen-Løve. Mit Félix de Givry, Pauline Etienne, Greta Gerwig, Arsinée Khanjian

Palo Alto oder Das kleine Mädchen im weissen Kleid

 

Aufblende: Wir sehen ein kleines Mädchen in einem weissen Kleid, das einem wuscheligen braunhaarigen kleinen Hund auf der grünen Rasenfläche, welche sich unterhalb der Veranda bis zu den Weinbergen hinzieht, hinterher rennt, bald aber innehält und den Kopf zur Veranda dreht, wo ihr Grossvater in einem Schaukelstuhl sitzt, eine Zigarre in der Hand hält und hinter der Zeitung ihr freundlich entgegen lächelt. Wir schreiben das Jahr 1989 und befinden uns auf einem Weingut im Napa Valley in Bundesstaat Kalifornien. Das kleine Mädchen ist gerade mal 2 Jahre alt und heisst Gian-Carla benannt nach ihrem Vater Gian-Carlo, welcher 2.5 Jahre davor, als ihre Mutter noch mit ihr im zweiten Monat schwanger war, in einem Bootsunfall grauenvoll geköpft wurde. Er fuhr nicht selber, sondern der Sohn von Filmstar Ryan O’Neal, Griffin, welcher im Hafenbecken zwischen zwei Booten durchfahren wollte und übersehen hatte, dass diese durch eine Schleppleine verbunden waren. Was Gian-Carla, später nur noch Gia genannt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss ist, das ihre Mami, Jacqui de La Fontaine, gerade mal zarte 21 Jahre alt, bald einen neuen Mann kennenlernen und 10 Jahre später heiraten sollte. Sein Name ist Peter Getty, ein Nachkomme vom Oelbaron Jean Paul Getty, welchem mit dem Getty Museum ein Denkmal gesetzt wurde. Peter’s Vater war ebenfalls ein steinreicher Wohltäter, welcher sein Oelgeschäft für 10 Milliarden an Texaco verkauft hatte, aber neben seiner Musterehe noch eine Parallelexistenz mit einer Geliebten führte. So erfuhr Peter erst kurz vor der Hochzeit mit Gia’s Mami, dass er noch drei Halbgeschwister hat. Peter’s Onkel musste mit 60 in eine Entziehungskur, seine Tante starb an einer Ueberdosis Heroin, sein Cousin Jean Paul Getty III. knallte sich nach seiner Entführung (ihm wurde dabei sein Ohr abgeschnitten, weil sein Grossvater, eben Jean Paul, der mit dem Museum, nicht zahlen wollte) so lange mit Drogen zu, bis ihn der Schlag traf und er zum Pflegefall wurde. Was Gia zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wissen konnte war, dass ihr Grossvater, der auf dem Schaukelstuhl, welcher ihr gütig hinter der Zeitung zuzwinkerte, ihrer Mami 2 Jahre später, zu ihrem vierten Geburtstag, ein Haus in den Hollywood Hills schenken würde und ihre idyllische Zeit auf dem Weingut im Nappa Valley damit enden würde. Dafür würde das Haus, welche ihre Mami, die ein wenig wie Ali MacGraw (Synonym für weiblichen Hippietyp, dunkelhaarig und extrem attraktiv) aussah und einen Stil zwischen Hautevolee und Boheme-Chic pflegte und die neue Bleibe auch dementsprechend einrichtete, später die mythische Partyzentrale von L.A. werden. Wenn Gia dann in dem neuen Haus Geburtstag feiern würde, kämen viele neue Freunde aus der Stadt zu Besuch, Leonardo , Demi, Jack, Kate und wie sie alle heissen. Ihr Cousin Nicolas würde Karaoke singen und ihre Tante Sofia würde ihr eine selbstgebackene Torte mitbringen. Was das kleine Mädchen schlussendlich gar nicht wissen konnte, an dem Zeitpunkt, wo sie vom Hund abliess und wieder über die grüne Rasenfläche in Richtung ihres Grossvaters auf der Veranda, Francis Ford, rannte, lachend und kreischend, war die Tatsache, dass sie 26 Jahre später, ihren ersten Film als Regisseurin rausbringen und damit die Familientradition in die nächste Generation fortführen würde. Nach Francis Ford und Sofia. Coppola. Abblende.

Ihr erster Film heisst „Palo Alto“, nach dem gleichnamigen Roman von Multitalent James Franco (u.a. auch Schauspieler „127 Hours“, „Spring Breakers“), welcher darin seine Collegezeit in dieser kalifornischen Kleinstadt in diversen Kurzgeschichten beschreibt, in welchen sich eine Gruppe Jugendlicher mehrheitlich mit Sex, Drogen und Alkohol auf ihr späteres Erwachsenenleben vorzubereiten versucht und zwischen Identitätssuche, erstes Verlieben, provokativen Auflehnungen gegen die Autoritäten, Grenzüberschreitungen und tiefer Einsamkeit und Unsicherheit oszilliert. Das Buch war, trotz gelegentlich krassen Einschüben, sehr zurückhaltend geschrieben, in einem guten Sinne unspektakulär und alltäglich und bekam gerade dadurch eine sehr realistische, ja fast schon dokumentarische Note. Diesem Geist blieb auch Gia Coppola treu, was James Franco wohl auch erahnte, als er ihr die Rechte an der Verfilmung abtritt und ihr nicht nur die alleinige Entscheidungshoheit über jedes Gebiet (Casting, Endschnitt etc.) überlies, sondern auch gleich die ungefähre USD 1 Mio. Finanzierung bereitstellte, so dass auch keine Studios oder sonstige Geldgeber in den kreativen Prozess von Madame Coppola reinreden würden. Ein ungewöhnlich hoher Vertrauensvorschuss in eine 26-jährige Frau, ohne jegliche Regie-Erfahrung, welcher aber die herausragende Stellung unterstreicht und erklärt, welche James Franco im zeitgenössischen Kulturbereich geniesst, gerade auch wegen seiner Gabe junge Talente zu entdecken und fördern. Er wird ja schon seit längerem als kreativer Genius der Generation X gehandelt, da er ja nicht nur Schriftsteller und Schauspieler ist, sondern auch Regisseur, Drehbuchautor und Maler. Sein Oeuvre reicht von „Spider-Man“, „Die fantastische Welt von Oz“ über „Milk“ bis zu „Everything will be fine“ – die Zusammenarbeit mit Wim Wenders – oder Ausstellungen im MoMa PS1 zusammen mit Gus Van Sant. Wie viele andere ambitionierte Berufskollegen benutzt er das im Mainstream verdiente Geld um seine künstlerischen Herzensprojekte zu finanzieren, was „Palo Alto“ logischerweise ist. Das Geld darf man dann auch hier als effizient eingesetzt sehen. Viele der Darsteller sind das erste Mal in ihrem Leben vor der Kamera gestanden, die Kleider durften die Jugendlichen selber von zu Hause mitnehmen und auch viele Szenen sind gleich in deren realen Häuser u.a. auch Schlafzimmer gedreht worden. Auch die Settings sind so authentisch wie möglich gehalten worden, viele Szenen spielen auf Fussplätzen, Vorhöfen, Spielplätze und eben halt einfach zu Hause. Dass trotz diesen geerdeten Ansätzen kein muffiges Jugenddrama herausgekommen ist, sondern ein höchst ästhetisches Filmsoufflé, unterlegt mit einem zart-melancholischen Soundtrack, welcher die hypnotische Spannung dieser rauen und schlussendlich tieftraurigen Geschichte noch verstärkt, verwundert einem dann aber doch nicht wirklich. Denn eben, die Coppolas müssen es in den Genen haben und der Geschmack der Mutter, diese Mélange aus Hautevolee und Boheme-Chic, welche auch ihre Cousine Sofia zelebriert, hat die Tochter gänzlich übernommen. Verbunden mit einer filigranen Sensibilität für die Schönheit der alltäglichen Dinge und einer tiefen Empathie für das menschliche Wesen, darf man auch von Gia noch Grosses erwarten und dies zu recht. „Palo Alto“ ist thematisch und atmosphärisch eigentlich nur mit dem Filmklassiker „The last Picture Show“ von Peter Bogdanovich aus dem Jahre 1971 vergleichbar, welcher als einer der wichtigsten und einflussreichsten Filme des amerikanischen Kinos gilt. Vielleicht hat das kleine Mädchen auf der grünen Wiese es schon dazumal gespürt, dass es das Leben doch irgendwie gut mit ihr meinen wird.

Konklusion: Es gibt Menschen, die sind mit einer aussergewöhnlichen Intelligenz, Kreativität und Sensibilität, sowie mit einem Auge für die Schönheit der Dinge gesegnet. Und können zudem ihre Wahrnehmungen in filmische Reflexionen umsetzen. Mit Gia Coppola und James Franco, zwei angehende kreative Ikonen der Generation X und Y, treffen 2 solcher hochbegabten Menschen in diesem Erstlingswerk zusammen und dieser kreative Superclash ist in jeder Sekunde des Films spürbar. Nicht mit Exaltiertheit und extravaganten kreativen Einfällen. Keine Posen. Sondern durch eine poetische Feinfühligkeit, mit welcher das letzte Collegejahr einer Gruppe Jugendlicher in Palo Alto gezeigt wird und den Fokus auf die kleinen Dinge vor und nach den Ereignissen richtet. Und schlussendlich über das unwiderrufliche Ende der Jugend und der Unschuld reflektiert.  Emma Roberts (hat was von Amanda Peet) und James Franco führen kongenial eine Darstellerriege an, welche zumeist keine Kameraerfahrungen mitbringen und dadurch eine authentische fast schon semidokumentarischen Note einbringen. Der Soundtrack ist hypnotisch und der Film insgesamt wie ein trauriger Traum. Immer wenn es zu schmerzhaft werden droht, wacht man auf. Der Traum aber bleibt haften.

Prescpriction for: Identity crisis, adolescence issues, loneliness, insecurity,  first love

Listen to: Palo Alto Soundtrack (Devonté Hynes, Robert Schwartzman) 

Palo Alto, US 2013, 100 Min., from Gia Coppola, with Emma Roberts, James Franco, Jack Kilmer, Nat Wolff, Van Kilmer 

All you need is Love – Love&Mercy

 

Die meisten Spielfilme über die realen oder fiktiven Musikidolen würde ich auf einer Bewertungsskala von sehr gut bis hervorragen platzieren. An Filme, die nur gut waren, kann ich mich nicht erinnern, schon gar nicht an einen darunter. „Amadeus“ (ein Klassiker des Genres, 1984, Miloš Forman), „Sid und Nancy“(Liebesgeschichte zwischen Nancy Spungen und dem Sex Pistols-Bassisten Sid Vicious, 1986, Alex Cox), „The Doors“ (Jim Morrison, 1991, Oliver Stone), „ Almost Famous“ (2000, Cameron Crowe), „Ray“ (Ray Charles, 2004, Taylor Hackford), “Walk the Line“ (Johny Cash, 2005, James Mangold),„Control“ (Ian Curtis, 2007, Anton Corbijn), „Liberace“ (2013, Steven Soderbergh), „Danny Collins“ (Steve Tilston, 2015, Dan Fogelman)…

Das neue Biopik „Love&Mercy“ von Bill Pohlad („Wild“, „12 Years a Slave”, „Into the Wild“) über Brian Wilson (Beach Boys kreativer Kopf) ist keine Ausnahme. Woran liegt es? Wieso werden Musiker von Cineasten dermassen gut verstanden? Obwohl fast alle Filme dem gleichen Muster folgen – Erfolg – Alkohol, Drogen, Groupies – Absturz – Comeback oder Tod, ist jeder einzelne sehenswert. Es mag daran liegen, dass die Filmemacher den gleichen Tücken des Berühmtseins ausgesetzt sind und genau so an Ruhm, Verzweiflung und Kreativitätsverlust leiden wie ihre Kollegen aus der Musikbranche. Nicht zuletzt liegt es an der herrlichen Musik, an heiss geliebten Songs, die uns immer wieder aufs Neue inspirieren, alle Eskapaden ihrer Erfinder unbedeutend erscheinen lassen und so implizit eine Rehabilitation versprechen.

Den jungen Bryan Wilson spielt der ihm optisch sehr ähnliche Paul Dano (Nebenrollen in „Little Miss Sunshine“, „Taking Woodstock“, „12 Years a Slave”, „Prisoners“). Eine hervorragende und mutige Leistung, da er versucht das innere Leben und die kreativste Phase seines Protagonisten akribisch genau und schonungslos darzustellen. Nur am Rande werden die Extravaganzen des Popidol-Daseins skizziert: ein im Sandkasten stehender Flügel oder ein grosses Baldachin-Zelt mitten im Wohnzimmer – für den ungestörten Drogenkonsum und interne Gespräche der Bandmitglieder.

Was an diesem Film so gelungen ist, sind die Entstehungsgeschichten der berühmtesten Lieder von Wilson – z.B. „Good Vibrations“ oder seine Zusammenarbeit mit Studiomusikern für das Konzeptalbum „Pet Sounds“. Die Proben und Aufnahmesessionen im Studio wurden in der körnigen Sequenz einer alten Dokumentation gefilmt. Die Zuschauer sind fast schon live dabei – so lebendig und eindringlich werden diese erfüllenden Schaffungsprozesse dargestellt! Paul Dano ist überhaupt nicht verlegen, was die eher peinlichen körperlichen Makel angeht – sein quälend über den Hosenbund hängender Bauch, Doppelkinn, schmale Schulter sind omnipräsent in vielen Szenen. So kommt er allzu menschlich rüber – ein junger Mann, der sich wie ein Kind am Sandkasten des Lebens bedient, und alle Anstrengungen aus seinem Verstand verbannt – außer Musik. Um ein perfektes Lied hinzukriegen, scheut er keine Mühen. Seine Visionen stützen sich auf die absolut klaren Vorstellungen darüber wie die perfekten Kompositionen zu erreichen sind. Diese ständige Suche nach Perfektion, gepaart mit exzessiven Drogenkonsum, treibt Brian schlussendlich in den Wahnsinn.

Einen schwächeren Part (Brian Wilson in 20 Jahren) spielt John Cusak, der sich bestens mit verzweifelten Existenzen auskennt („High Fidelity“, „Amerika`s Sweethearts“, „Maps to the Stars“). Die Musik ist ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, aus dem einst herausragenden Musiker ist ein Wrack geworden. Obwohl Brian aussieht wie ein gealterter Mann, benimmt er sich wie ein Kind (absolut glaubwürdig dargestellt von Cusack). Dies wird von seinem Vormund Dr. Eugene Landy ausgenutzt. Den cholerischen und hinterhältigen Doktor spielt Paul Giammatti, der für Schurkenrollen in Hollywood zuständig ist, exzellent.

Dieses abgekartete Spiel durchhaut die sympathische Cadillac -Verkäuferin Melinda (Elizabeth Banks), bei welcher Brian ein Auto bestellt. Ihr übertriebener Sinn für Mode (XXL-Schulterpolster, knallige Farben, trashiger Schmuck, in der Starre einbetonierte gelbliche Haarlocken – alles Sünden aus den späten 80-ern) steht im Kontrast zu ihrem sanften Wesen. Mit viel zurückhaltender Neugier und Geduld begegnet Melinda den 24 Stunden unter Beobachtung stehenden Brian. Sie versucht etwas Glück und Normalität in sein aus Verboten und Einschränkungen bestehendes Leben einzupflanzen. Bedienungslose Liebe ist das Einzige, was dem immer noch unter der Lieblosigkeit seines Vaters Murray (Bill Camp) leidenden Brian helfen kann. Der Epilog (der Mitproduzent des Filmes Brian Wilson im Jahre 2014) bekräftigt diese Annahme.

Konklusion: „Love&Mercy“ ist eine Filmbiografie, welche die entscheidenden Umstände im Leben und in der musikalischen Karriere von Brian Wilson meisterhaft widerspiegelt, hervorragend gespielt und mit fundamentalen existenziellen Fragen ausgestattet. Hier werden weniger Fallen des Ruhms erläutert (wie in den meisten Biopics), dafür aber wird es vielmehr auf die wertvollen Momente des Schaffens eingegangen. Da es sich um die glücklichen Begegnungen und Zusammenfügungen handelt, verströmt „Love&Mercy“ viel Optimismus. Wenn man den richtigen Menschen findet (in diesem Fall die richtige Frau), der bereit ist, den Notleidenden aus dem Sog zu ziehen, dann gibt es ein Weg zurück ins Leben. Eigenständigkeit und Lebensmut sind befreiend nicht nur für jene, die sie vollziehen, sondern für die, die sie empfangen.

Prescription for: warm, neat tribute to the Beach Boys mastermind Brian Wilson

Love&Mercy, USA 2014, 121 min., directed by Bill Pohlad, with Paul Dano, John Cusak, Paul Giammatti, Elizabeth Banks, Bill Camp

The Irish way of the cross – Calvary

Der Mann hinter dem vergitterten Innenraum in dem Beichtstuhl drückt sich gegenüber dem der Beichte abnehmenden irischen Priester klar aus. Er wird ihn am nächsten Sonntag erschiessen und erwartet ihn zur diesbezüglichen Ausführung am nahen Strand. Ebenso klar formuliert er sein Motiv. Er wurde als Kind jahrelang sexuell geschändet von einem anderen Priester, der zwar schon lange tot ist, aber um ein Zeichen zu setzen, dass auch vernommen wird, wird er ihn, den in der Gemeinschaft geschätzten, moralisch integren und den sich nichts zuschulden lassenden Dorfpriester, stellvertretend für die gesamte katholische Kirche umbringen. Auf das aufgewühlte Schweigen des Priesters fragt der künftige Mörder, ob er denn nichts dazu sagen wolle. „Not right now, no. But I’m sure I’ll think of something. By Sunday week”

Irische Filme zeichnen sich in der landläufigen Vorstellung – oder wenigstens in meiner – vor allem durch ihren warmen und lebensbejahenden Charme aus. Schrullige und wahrhaftige Charaktertypen, meistens schon im Rentenalter, die mit Knollennasen, geröteten Bäckchen und braun-grauen Schlapphütten in dem heimeligen Pub um die Ecke, in dem sich meist sowieso das halbe Dorf befindet, leckere Pints kippen und zu der unverkennbaren, irischen Folkloremusik lebenslustig-spastische Tänze  vollführen, freudig brüllend, ab und zu unterbrochen von einer nie wirklich bös gemeinten Rauferei oder sich selbstständig gemachten Pint-Gläser, welche beim freien Flug durch den Kubus des Pubs allenfalls den lästigen Nachbarn, welchen man schon jahrelang auf dem Kecker hatte, am Hinterkopf touchieren. Meistens haben dann die zentralen Handlungstreiber auch mit der seit Ewigkeiten festgefahren Hackordnung in der Gemeinde zu tun,  welche plötzlich und unerwartet von etwas Neuem gestört wird, sei es, dass ein alter Strolch das vermeintlich grosse Los beim Lotto zieht (Waking Ned Devine) oder dass einem Fischer aus Versehen eine Meerjungfrau ins Netz geht, diese mit nach Hause nimmt und damit die Dorfbevölkerung hochgradigen Irritationen aussetzt (Ondine – Das Mädchen aus dem Meer).

Diese Elemente findet man in „Calvary“ auch, sind sie doch keine Erfindung der Filmstudios, sondern spiegeln zu grossen Teilen auch die echten irischen (Land-)Verhältnisse wider. Die Geschichte spielt in einem abgelegenen kleinen Dorf in Strandhill in County Sligo an der Atlantikküste Irlands und die wenigen Protagonisten sind schon fast klischierte Abbilder der gängigen Vorstellung von einer irischen Dorfgemeinschaft. Neben der Hauptperson, James Lavelle (kongenial dargestellt von Brendan Gleeson), der fürsorgende und in der Gemeinde tief verankerte Dorfpriester, welcher intellektuell seinen Schäfchen inkl. seinem nerdigen, ignoranten und rückgratlosen Junior-Priester haushoch überlegen, aber trotzdem vor den irdischen Schwächen wie Alkohol nicht gefeit ist und sich schon mal wild um sich schiessend in einem Pub vorfinden kann,  finden wir die seelisch beschädigte, offen untreue Ehefrau, ihren – in der Gemeinde natürlich einzig schwarzen – Geliebten, den offiziellen Ehemann, dem Metzger, welcher über die Affäre seiner Frau mehr erleichtert und froh, als eifersüchtig wäre und deshalb auch im Pub mit dem Geliebten regelmässig Schach spielt, der fundamental-buddhistische und trotzdem immer leicht aggressive Barbetreiber, der soziopathische (und selbstverständlich kriminelle) stinkreiche Bankier namens Fitzgerald im leicht abgelegenen Landsitz, der sympathisch-korrupte Polizeivorsteher mit seinem hypernervösen Latino-Callboy-Lover und der – genau – steinalte schrullige alte Schriftsteller mit Knollennase, welcher auf einer nahen Insel seinen letzten Roman schreibt und zynisch vermeldet, dass man erst dann wirklich alt ist, wenn niemand sich mehr getraut in seiner Gegenwart das Wort Tod in den Mund zu nehmen. Er ist es auch, der den Priester bittet, ihm eine Pistole zu besorgen, offenbar um ihm einen menschenwürdigen Abgang zu ermöglichen, wenn es dann soweit sein sollte…

In sieben – von jedem Wochentag bezeichneten – unterteilten Kapiteln macht sich der Priester daran, wofür ihm sein künftiger Mörder auch den Aufschub gewährt hat und zwar die unerledigten Konflikte in seiner Gemeinde zu klären, sich seiner ihm entfernten Tochter (Kelly Reilly – „Flight“, „True Detective“) wieder zu nähern, welche ihn in dieser Woche nach einem Selbstmordversucht besucht und seine ganz persönlichen Wertvorstellungen inkl. seinen Glauben auf den Prüfstein zu stellen. Und obschon er sich – neben dem mörderischen Ultimatum – den stetigen Anfeindungen, unmoralischen Handlungen, zynischen Gesinnungen, kompletter Orientierungslosigkeit und spiritueller Degenerierung, nicht nur der Dorfbewohner, sondern auch seiner Tochter, ausgesetzt sieht, kämpft er tapfer dagegen an, den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren.

Einer der inszenatorischen Kniffs, welcher Michael McDonaugh („The Guard“) – Bruder von Martin McDonaugh („Brügge sehen und sterben?“/“7 Psychos“), clever einsetzt, ist die Tatsache, dass der Priester ja von Anfang an weiss, wer sein möglicher Mörder ist, was dem Zuschauer aber erst am Schluss enthüllt wird. Dadurch stellt man sich bei jedem Schäfchen der Gemeinde, welches mit ihm in Kontakt kommt, die entsprechende „could it be?“ Frage, was den Spannungsbogen durch den ganzen Film hindurch hoch hält und den Freiraum schafft, um die eigentliche Essenz dieses Stoffes, eine Art Kreuzweg des Pfarrers, welcher wie das grosse Vorbild, quasi unter den Augen seines Henkers mit den unvermeidlichen Selbstzweifeln und Quallen von statten geht. Nicht umsonst heisst der Film Calvary. Der Kalvarienberg vor den Toren Jerusalems ist der Ort auf dem Jesus schliesslich gekreuzigt worden ist.

Die Nachwirkungen des wirtschaftlichen Kollapses von Irland immer noch latent spürbar, geht die Erzählung – trotz bitterem Witz und verzweifeltem Sarkasmus – einen grundsätzlich ernsten und Ironie freien, konsequenten Weg und gleicht in diesem verdichtetem Diskurs über den Stellenwert von Moral und Ethik, Schuld und Vergebung und die Konfrontation mit dem eigenen Tod einer heroischen Helden-Saga biblischen Ausmasses und thematisiert nebenbei – unaufdringlich und doch akkurat – den Platz und die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in der heutigen Gesellschaft, welche speziell in Irland nach dem Bekanntwerden der eklatanten Missbrauchsfälle in der jüngeren Vergangenheit einen fundamentalen Vertrauensverlust erlitten hat. Dies alles aber ohne didaktischen  Zeigefinger oder der Präsentation einer erlösenden Wahrheit. Wie wir alle, leidet James Lavelle an der Unzulänglichkeit unseres Wesens und den Launen des Lebens. Aber er schreitet voran, mit Würde, Mitgefühl, Stärke und Liebe und dem Wissen, dass dem vorbestimmten Schicksal so oder so nicht zu entgehen ist. Allenfalls sogar schon am nächsten Sonntag nicht mehr.

Konklusion: In rauen und kraftvollen Bildern unterlegt mit einem gänsehauterzeugenden bombastisch-klerikalen Soundtrack setzt uns Michael McDonaugh eine dichte, wahrhaftige und emotional mitreissende Erzählung mit subkutaner Langzeitwirkung um den Kreuzweg eines irischen Pfarrers vor, der in einer Woche die Erlösung mit sich, seiner Tochter und seiner Gemeinde finden muss. Trotz schrulligen und sarkastischen Szenen mit schrägen Typen und abgefahrenen, überdrehten Einschüben, ein zutiefst nachdenkliches, düsteres und konsequentes Werk, aber mit einer stark humanistischen und  – ja – christlichen Botschaft, unter Vermeidung einer eigentlichen Rhetorik der Moral. Trotzdem oder gerade deswegen auch für Atheisten interessant. Ein verpasster Kandidat für die Liste der besten Filme von 2014! Sheep on me!;)

Prescription for: Confrontation with dead, religious doubts, family issue, problem solving within society, dealing with forgiveness, dealing with pressure

Listen to: Soundtrack “Calvary” from Patrick Cassidy

Calvary, IE/UK 2014, 101 min., written and directed by John Michael McDonagh, with Brendan Gleeson, Chris O’Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen