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It’s time, everybody is ready to feel better…not! The Leftovers oder das “Sad Film Paradoxon”

„Ich sehe traurige Filme dann gerne, wenn sie tragisch gut gemacht sind. […] Wenn man die Tiefen nicht hat, kann man die Höhen nicht beurteilen, und wenn man nicht weiß, was traurig bedeutet. Er [der Film] lässt mich an andere Menschen erinnern z. B., und das sensibilisiert mich dann eben […].“
(Rezipient trauriger Filme / Interviewperson, männlich, 30 Jahre alt)

Diese Aussage steht einleitend in einer 2007 veröffentlichten Diplomarbeit für das Fach Psychologie an der Universität Köln zu dem Thema „Selektionsmotive für traurige Filme und Analyse der spezifischen Rezeptionsmodalitäten. Untertitel: Eine qualitative Untersuchung zum Sad Film Paradoxon im Rahmen der Unterhaltungsrezeption“. Keine Bange, ich will jetzt niemanden mit langwierig psychologischen Abhandlungen über die Faszination von traurigen Filmen langweilen, möchte aber trotzdem auf das Phänomen hinweisen, dass es unter uns Zeitgenossen gibt, die sich an dem Elend, Leid, Unvermögen und letztendlich am Scheitern ihrer Mitmenschen nicht nur unterhalten, nein teilweise sogar daran wortwörtlich laben, erquicken und ergötzen. Seelen-Vampire. Wer mehr über diese düstere gesellschaftliche Entwicklung in Erfahrungen bringen möchte, sei explizit auf die oben stehende Diplomarbeit verwiesen, wobei der in der Einleitung zitierte Rezipient mit seiner Aussage sicherlich nicht sehr weit entfernt von den zugrundeliegenden Beweggründen und Motiven der „Betroffenen“ liegt. Deshalb erlaube ich mir an dieser Stelle den theoretischen Bereich zu verlassen, nicht ohne aber ergänzend anzumerken und letztendlich einzugestehen, dass der Schreibende selber schon länger auch von diesem schauerlichen Symptom betroffen ist und sich ebenfalls zu der Gruppe der „Leid-Watchers“ zählen muss…ja, ja, es ist schon traurig und phasenweise auch schockierend…yeahhhh!

Für diejenigen also, die sich jetzt in der Anonymität des Lesers persönliche Eingeständnisse machen müssen, derzeit aber noch hemmungslos diese Neigung ausleben möchten, muss die jetzt im deutschsprachigen Raum auf Blue Ray/DVD erschienen HBO Serie „The Leftovers“ zwingend empfohlen werden, den das seelische Leid und die Qualen der menschlichen Existenz wird dort über rund 550 Min. in allen nur möglichen Variationen zelebriert und dies – ganz nach dem Gusto des in der Einleitung zitierten Rezipient – tragisch gut gemacht. Oder nach den Worten von Matt Fowler (IGN Movies) „It’s a good pain“.

Als Grundlage dient das Neue Testament (Lukasevangelium) der Bibel, auf dem die sogenannte Lehre des Dispensationalismus aufbaut und im Groben die Prophezeiung der sogenannten Entrückung beinhaltet, worin sämtliche Christen urplötzlich von einem auf den anderen Moment von dieser Erde verschwinden, von Gott „heimgeholt“ werden. Zurückbleiben werden nur die Ungläubigen, die eine längere unangenehme Phase vor sich haben, voller Trübsal, Angst und Schmerz, in welcher der Teufel höchstpersönlich die Regentschaft übernehmen wird, bis dann Jesu Christi auf die Erde zurückkehrt um seine 1000-jährige Herrschaft anzutreten.

So beginnt die Erzählung, welche in Mapleton N.Y spielt, drei Jahre nachdem zwei Prozent der Weltbevölkerung oder 140 Mio. Menschen „verschwunden“ sind (darunter der Papst, Jennifer Lopez und Gary Busey…) und die „Leftovers“ irgendwie versuchen, das Geschehene, den Verlust der Liebsten, einzuordnen und in den Alltag zurückzufinden. Im Mittelpunkt steht der Polizeivorsteher Kevin Garvey, Jr., passend besetzt mit Justin Theroux, dessen Frau zwar nicht entrückt worden ist, er aber anderweitig „verloren“ hat und zwar an eine Sekte namens die „The Guilty Remnant“ (Die schulden Uebrigbleibsel…oder so), welche im Stadtbild von Mapleton in Form von kettenrauchenden, weiss gekleideten Mitglieder omnipräsent ist und als Mission quasi die Verhinderung des Vergessens an das schicksalhafte Ereignis haben und jegliche Form einer zukunftsgerichteten lebensbejahenden Perspektive nicht nur ablehnen, sondern auch dementsprechende Anstrengungen ihrer Mitbürger aktiv sabotieren, was ihr eigenes Dasein nicht ganz ungefährlich gestaltet. Kevin Garvey lebt somit alleine mit seiner pubertierenden Tochter, welche ihrerseits in einer passiv-aggressiv-depressiven Selbstfindungsphase steckt, während er verzweifelt versucht, nicht nur die Sicherheit der Stadt und seiner Bürger zu gewährleisten, sondern vor allem die Kontrolle über seine psychische Verfassung oder – konkreter – über seinen Verstand zu bewahren, was aber rein genetisch ein fast schon hoffnungsloses Unterfangen ist, da er eigentlich nur Polizeichef ist, da sein Vorgänger wegen hochgradiger Schizophrenie in die Klapse eingeliefert werden musste und dieser leider sein eigener Vater (Scott Glen) ist. Zudem verheissen seine nächtlichen Ausflüge, bei denen er schlafwandelnd die Hunde in seiner Nachbarschaft verschiesst, nichts Gutes, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass er bei diesem Unterfangen auch von einem imaginären Freund begleitet wird, der ihn diesbezüglich unterstützt, da es sich bei diesen streunenden Tieren eigentlich um bösartige „Zombiehunde“ handeln soll. Unterdessen sein Sohn den Kontakt zur „Familie“ ganz abgebrochen hat, da er – vom College abgehauen und eigentlich schwul – seine Zeit in der Wüste als Helfer eines schwarzen Heilsbringers verbringt, der für viel Geld magische „Umarmungen“ anbietet, die den Menschen Trost spenden und ihren stechenden Lebensschmerz zum Verschwinden bringen soll. Nebenbei beutet er noch minderjährige Mädchen sexuell aus.

Dass die doch sehr unerbauliche Szenerie immer wieder mal mit surreal-irrwitzigen Einlagen aufwartet, ist nur dem Effekt geschuldet, dass die darauf folgenden Szenen noch trauriger, noch dramatischer, noch schonungsloser „einkicken” können. Ein Konzept, das Damon Lindelof (Lost) zusammen mit Tom Perrota, auf dessem gleichnamigen Roman von 2011 die Serie basiert, konsequent durchzieht. Diesbezüglich darf auch wieder mal der Einfluss von David Lynch erwähnt werden, da – jetzt mal abgesehen von Justin Theroux, welcher ja sein Durchbruch in Lynch’s „Mullholland Drive“ erzielte – immer wieder Gestalten aus dem Lynchen’ Universe ganz nebenbei auf der grossen Trauerkulisse durchs Bild huschen (der Riese aus „Twin Peaks“, der schreiende Wohnwagenfahrer aus „Fire Walk with me“) und auch Mapleton, ein verschlafenes ur-amerikanisches Kleinstädtchen mit den seltsam wütenden Hirsche, die nächtens aus unerfindlichen Gründen die Wohnungen der Einwohnung verwüsten, den Rehen, die unmittelbar plötzlich irgendwo auf der Strasse oder in irgendwelchen Gärten stehen, verdächtig stark an Twin Peaks & Co erinnern. Ein absolut tragendes Element hierbei ist der Soundtrack von Max Richter („Waltz with Bashir”, „Perfect Sense“), der jüngst mit dem Europäischen Filmpreis für die beste Filmmusik zu „The „Duke of Burgundy“ ausgezeichnet worden ist und für „The Leftovers“ so minimalistische, wie effektive Melodien komponiert hat, die vor einer solchen Trauer triefen, dass die stillen Momente automatisch benutzt werden müssen um einfach mal krampffrei durchatmen zu können. Selbstverständlich ist das Sounddesign mit fein abgestimmten Popstücken von u.a. James Blake, Crowded House, Simon &Garfunkel, Rihanna etc. zusätzlich veredelt.

Und bei der Darstellerriege gibt es schlichtweg keine Schwachstelle. Neben Theroux brechen Liv Tyler („Armageddon“, „Stealing Beauty“), Amy Brenneman („Heat“), Carrie Coon („Gone Girl“), Christopher Eccleston („Dr. Who“, „The Others”), Sarah Margarte Qualley („Palo Alto“), geschlossen aus ihren darstellerischen Komfortzonen aus.

Die mediale Resonanz war selbstverständlich mehr als nur gemischt, von einhelliger Lobhudelei wie es für Serien wie „House of Cards“, „Game of Thrones“ etc. gibt, kann hier nicht die Rede sein. Zuviel Depro ist ja auch zum guten Glück nach wie vor kein Mainstream. Stimmen wie die vom New York Magazin (“The Leftovers is all bleakness all the time, at the bottom of the first page of my notes, “sloppy handheld camerawork” is crossed out. Beneath it is “overwhelming pain.” Even animals feel the loss“) oder The New Republic („Emotional Violence“) unterstreichen dies exemplarisch. Vielleicht am prägnantesten beschrieb die Wirkung dieser Sad-Show Alan Sepinwall von Hit Fix „Many will hate it. But there will be viewers in whom it strikes a chord so deeply that they will feel themselves overwhelmed by it in the best possible way: not like they’re drowning in the misery, but like it’s teaching them a new way to breathe“ oder Karoline Meta Beisel von der Süddeutschen, welche The Leftovers als „eine einzige lange Therapiesitzung“, in der es „um Trauer, machtlosen Zorn und Wunden ohne Heilungschancen“ gehe, beschrieb.

Um es kurz zu machen. Wenn sogar die Tiere leiden und die Trauer und Verzweiflung an emotionaler Gewalt grenzt, so, dass wir sogar unser Atmen neu erlernen müssen, aber trotzdem ungeduldig den nächsten kathartischen Anfall kaum erwarten können, kann man das, was Damen Lindelof & Tom Perrota hier kreiert haben, eigentlich nur mit einem Wort passend beschreiben. Kult. The Sheep applaudiert. Voller süsser, bizarrer Trauer.

The Leftovers, US 2014, 558 Min,, Created by Damon Lindelof and Tom Perrotta with Justin Theroux, Christopher Eccleston, Liv Tyler, Amy Brenneman, Carrie Coon, Margaret Qualley, Scott Gleen 

Palo Alto oder Das kleine Mädchen im weissen Kleid

 

Aufblende: Wir sehen ein kleines Mädchen in einem weissen Kleid, das einem wuscheligen braunhaarigen kleinen Hund auf der grünen Rasenfläche, welche sich unterhalb der Veranda bis zu den Weinbergen hinzieht, hinterher rennt, bald aber innehält und den Kopf zur Veranda dreht, wo ihr Grossvater in einem Schaukelstuhl sitzt, eine Zigarre in der Hand hält und hinter der Zeitung ihr freundlich entgegen lächelt. Wir schreiben das Jahr 1989 und befinden uns auf einem Weingut im Napa Valley in Bundesstaat Kalifornien. Das kleine Mädchen ist gerade mal 2 Jahre alt und heisst Gian-Carla benannt nach ihrem Vater Gian-Carlo, welcher 2.5 Jahre davor, als ihre Mutter noch mit ihr im zweiten Monat schwanger war, in einem Bootsunfall grauenvoll geköpft wurde. Er fuhr nicht selber, sondern der Sohn von Filmstar Ryan O’Neal, Griffin, welcher im Hafenbecken zwischen zwei Booten durchfahren wollte und übersehen hatte, dass diese durch eine Schleppleine verbunden waren. Was Gian-Carla, später nur noch Gia genannt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss ist, das ihre Mami, Jacqui de La Fontaine, gerade mal zarte 21 Jahre alt, bald einen neuen Mann kennenlernen und 10 Jahre später heiraten sollte. Sein Name ist Peter Getty, ein Nachkomme vom Oelbaron Jean Paul Getty, welchem mit dem Getty Museum ein Denkmal gesetzt wurde. Peter’s Vater war ebenfalls ein steinreicher Wohltäter, welcher sein Oelgeschäft für 10 Milliarden an Texaco verkauft hatte, aber neben seiner Musterehe noch eine Parallelexistenz mit einer Geliebten führte. So erfuhr Peter erst kurz vor der Hochzeit mit Gia’s Mami, dass er noch drei Halbgeschwister hat. Peter’s Onkel musste mit 60 in eine Entziehungskur, seine Tante starb an einer Ueberdosis Heroin, sein Cousin Jean Paul Getty III. knallte sich nach seiner Entführung (ihm wurde dabei sein Ohr abgeschnitten, weil sein Grossvater, eben Jean Paul, der mit dem Museum, nicht zahlen wollte) so lange mit Drogen zu, bis ihn der Schlag traf und er zum Pflegefall wurde. Was Gia zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wissen konnte war, dass ihr Grossvater, der auf dem Schaukelstuhl, welcher ihr gütig hinter der Zeitung zuzwinkerte, ihrer Mami 2 Jahre später, zu ihrem vierten Geburtstag, ein Haus in den Hollywood Hills schenken würde und ihre idyllische Zeit auf dem Weingut im Nappa Valley damit enden würde. Dafür würde das Haus, welche ihre Mami, die ein wenig wie Ali MacGraw (Synonym für weiblichen Hippietyp, dunkelhaarig und extrem attraktiv) aussah und einen Stil zwischen Hautevolee und Boheme-Chic pflegte und die neue Bleibe auch dementsprechend einrichtete, später die mythische Partyzentrale von L.A. werden. Wenn Gia dann in dem neuen Haus Geburtstag feiern würde, kämen viele neue Freunde aus der Stadt zu Besuch, Leonardo , Demi, Jack, Kate und wie sie alle heissen. Ihr Cousin Nicolas würde Karaoke singen und ihre Tante Sofia würde ihr eine selbstgebackene Torte mitbringen. Was das kleine Mädchen schlussendlich gar nicht wissen konnte, an dem Zeitpunkt, wo sie vom Hund abliess und wieder über die grüne Rasenfläche in Richtung ihres Grossvaters auf der Veranda, Francis Ford, rannte, lachend und kreischend, war die Tatsache, dass sie 26 Jahre später, ihren ersten Film als Regisseurin rausbringen und damit die Familientradition in die nächste Generation fortführen würde. Nach Francis Ford und Sofia. Coppola. Abblende.

Ihr erster Film heisst „Palo Alto“, nach dem gleichnamigen Roman von Multitalent James Franco (u.a. auch Schauspieler „127 Hours“, „Spring Breakers“), welcher darin seine Collegezeit in dieser kalifornischen Kleinstadt in diversen Kurzgeschichten beschreibt, in welchen sich eine Gruppe Jugendlicher mehrheitlich mit Sex, Drogen und Alkohol auf ihr späteres Erwachsenenleben vorzubereiten versucht und zwischen Identitätssuche, erstes Verlieben, provokativen Auflehnungen gegen die Autoritäten, Grenzüberschreitungen und tiefer Einsamkeit und Unsicherheit oszilliert. Das Buch war, trotz gelegentlich krassen Einschüben, sehr zurückhaltend geschrieben, in einem guten Sinne unspektakulär und alltäglich und bekam gerade dadurch eine sehr realistische, ja fast schon dokumentarische Note. Diesem Geist blieb auch Gia Coppola treu, was James Franco wohl auch erahnte, als er ihr die Rechte an der Verfilmung abtritt und ihr nicht nur die alleinige Entscheidungshoheit über jedes Gebiet (Casting, Endschnitt etc.) überlies, sondern auch gleich die ungefähre USD 1 Mio. Finanzierung bereitstellte, so dass auch keine Studios oder sonstige Geldgeber in den kreativen Prozess von Madame Coppola reinreden würden. Ein ungewöhnlich hoher Vertrauensvorschuss in eine 26-jährige Frau, ohne jegliche Regie-Erfahrung, welcher aber die herausragende Stellung unterstreicht und erklärt, welche James Franco im zeitgenössischen Kulturbereich geniesst, gerade auch wegen seiner Gabe junge Talente zu entdecken und fördern. Er wird ja schon seit längerem als kreativer Genius der Generation X gehandelt, da er ja nicht nur Schriftsteller und Schauspieler ist, sondern auch Regisseur, Drehbuchautor und Maler. Sein Oeuvre reicht von „Spider-Man“, „Die fantastische Welt von Oz“ über „Milk“ bis zu „Everything will be fine“ – die Zusammenarbeit mit Wim Wenders – oder Ausstellungen im MoMa PS1 zusammen mit Gus Van Sant. Wie viele andere ambitionierte Berufskollegen benutzt er das im Mainstream verdiente Geld um seine künstlerischen Herzensprojekte zu finanzieren, was „Palo Alto“ logischerweise ist. Das Geld darf man dann auch hier als effizient eingesetzt sehen. Viele der Darsteller sind das erste Mal in ihrem Leben vor der Kamera gestanden, die Kleider durften die Jugendlichen selber von zu Hause mitnehmen und auch viele Szenen sind gleich in deren realen Häuser u.a. auch Schlafzimmer gedreht worden. Auch die Settings sind so authentisch wie möglich gehalten worden, viele Szenen spielen auf Fussplätzen, Vorhöfen, Spielplätze und eben halt einfach zu Hause. Dass trotz diesen geerdeten Ansätzen kein muffiges Jugenddrama herausgekommen ist, sondern ein höchst ästhetisches Filmsoufflé, unterlegt mit einem zart-melancholischen Soundtrack, welcher die hypnotische Spannung dieser rauen und schlussendlich tieftraurigen Geschichte noch verstärkt, verwundert einem dann aber doch nicht wirklich. Denn eben, die Coppolas müssen es in den Genen haben und der Geschmack der Mutter, diese Mélange aus Hautevolee und Boheme-Chic, welche auch ihre Cousine Sofia zelebriert, hat die Tochter gänzlich übernommen. Verbunden mit einer filigranen Sensibilität für die Schönheit der alltäglichen Dinge und einer tiefen Empathie für das menschliche Wesen, darf man auch von Gia noch Grosses erwarten und dies zu recht. „Palo Alto“ ist thematisch und atmosphärisch eigentlich nur mit dem Filmklassiker „The last Picture Show“ von Peter Bogdanovich aus dem Jahre 1971 vergleichbar, welcher als einer der wichtigsten und einflussreichsten Filme des amerikanischen Kinos gilt. Vielleicht hat das kleine Mädchen auf der grünen Wiese es schon dazumal gespürt, dass es das Leben doch irgendwie gut mit ihr meinen wird.

Konklusion: Es gibt Menschen, die sind mit einer aussergewöhnlichen Intelligenz, Kreativität und Sensibilität, sowie mit einem Auge für die Schönheit der Dinge gesegnet. Und können zudem ihre Wahrnehmungen in filmische Reflexionen umsetzen. Mit Gia Coppola und James Franco, zwei angehende kreative Ikonen der Generation X und Y, treffen 2 solcher hochbegabten Menschen in diesem Erstlingswerk zusammen und dieser kreative Superclash ist in jeder Sekunde des Films spürbar. Nicht mit Exaltiertheit und extravaganten kreativen Einfällen. Keine Posen. Sondern durch eine poetische Feinfühligkeit, mit welcher das letzte Collegejahr einer Gruppe Jugendlicher in Palo Alto gezeigt wird und den Fokus auf die kleinen Dinge vor und nach den Ereignissen richtet. Und schlussendlich über das unwiderrufliche Ende der Jugend und der Unschuld reflektiert.  Emma Roberts (hat was von Amanda Peet) und James Franco führen kongenial eine Darstellerriege an, welche zumeist keine Kameraerfahrungen mitbringen und dadurch eine authentische fast schon semidokumentarischen Note einbringen. Der Soundtrack ist hypnotisch und der Film insgesamt wie ein trauriger Traum. Immer wenn es zu schmerzhaft werden droht, wacht man auf. Der Traum aber bleibt haften.

Prescpriction for: Identity crisis, adolescence issues, loneliness, insecurity,  first love

Listen to: Palo Alto Soundtrack (Devonté Hynes, Robert Schwartzman) 

Palo Alto, US 2013, 100 Min., from Gia Coppola, with Emma Roberts, James Franco, Jack Kilmer, Nat Wolff, Van Kilmer 

The Irish way of the cross – Calvary

Der Mann hinter dem vergitterten Innenraum in dem Beichtstuhl drückt sich gegenüber dem der Beichte abnehmenden irischen Priester klar aus. Er wird ihn am nächsten Sonntag erschiessen und erwartet ihn zur diesbezüglichen Ausführung am nahen Strand. Ebenso klar formuliert er sein Motiv. Er wurde als Kind jahrelang sexuell geschändet von einem anderen Priester, der zwar schon lange tot ist, aber um ein Zeichen zu setzen, dass auch vernommen wird, wird er ihn, den in der Gemeinschaft geschätzten, moralisch integren und den sich nichts zuschulden lassenden Dorfpriester, stellvertretend für die gesamte katholische Kirche umbringen. Auf das aufgewühlte Schweigen des Priesters fragt der künftige Mörder, ob er denn nichts dazu sagen wolle. „Not right now, no. But I’m sure I’ll think of something. By Sunday week”

Irische Filme zeichnen sich in der landläufigen Vorstellung – oder wenigstens in meiner – vor allem durch ihren warmen und lebensbejahenden Charme aus. Schrullige und wahrhaftige Charaktertypen, meistens schon im Rentenalter, die mit Knollennasen, geröteten Bäckchen und braun-grauen Schlapphütten in dem heimeligen Pub um die Ecke, in dem sich meist sowieso das halbe Dorf befindet, leckere Pints kippen und zu der unverkennbaren, irischen Folkloremusik lebenslustig-spastische Tänze  vollführen, freudig brüllend, ab und zu unterbrochen von einer nie wirklich bös gemeinten Rauferei oder sich selbstständig gemachten Pint-Gläser, welche beim freien Flug durch den Kubus des Pubs allenfalls den lästigen Nachbarn, welchen man schon jahrelang auf dem Kecker hatte, am Hinterkopf touchieren. Meistens haben dann die zentralen Handlungstreiber auch mit der seit Ewigkeiten festgefahren Hackordnung in der Gemeinde zu tun,  welche plötzlich und unerwartet von etwas Neuem gestört wird, sei es, dass ein alter Strolch das vermeintlich grosse Los beim Lotto zieht (Waking Ned Devine) oder dass einem Fischer aus Versehen eine Meerjungfrau ins Netz geht, diese mit nach Hause nimmt und damit die Dorfbevölkerung hochgradigen Irritationen aussetzt (Ondine – Das Mädchen aus dem Meer).

Diese Elemente findet man in „Calvary“ auch, sind sie doch keine Erfindung der Filmstudios, sondern spiegeln zu grossen Teilen auch die echten irischen (Land-)Verhältnisse wider. Die Geschichte spielt in einem abgelegenen kleinen Dorf in Strandhill in County Sligo an der Atlantikküste Irlands und die wenigen Protagonisten sind schon fast klischierte Abbilder der gängigen Vorstellung von einer irischen Dorfgemeinschaft. Neben der Hauptperson, James Lavelle (kongenial dargestellt von Brendan Gleeson), der fürsorgende und in der Gemeinde tief verankerte Dorfpriester, welcher intellektuell seinen Schäfchen inkl. seinem nerdigen, ignoranten und rückgratlosen Junior-Priester haushoch überlegen, aber trotzdem vor den irdischen Schwächen wie Alkohol nicht gefeit ist und sich schon mal wild um sich schiessend in einem Pub vorfinden kann,  finden wir die seelisch beschädigte, offen untreue Ehefrau, ihren – in der Gemeinde natürlich einzig schwarzen – Geliebten, den offiziellen Ehemann, dem Metzger, welcher über die Affäre seiner Frau mehr erleichtert und froh, als eifersüchtig wäre und deshalb auch im Pub mit dem Geliebten regelmässig Schach spielt, der fundamental-buddhistische und trotzdem immer leicht aggressive Barbetreiber, der soziopathische (und selbstverständlich kriminelle) stinkreiche Bankier namens Fitzgerald im leicht abgelegenen Landsitz, der sympathisch-korrupte Polizeivorsteher mit seinem hypernervösen Latino-Callboy-Lover und der – genau – steinalte schrullige alte Schriftsteller mit Knollennase, welcher auf einer nahen Insel seinen letzten Roman schreibt und zynisch vermeldet, dass man erst dann wirklich alt ist, wenn niemand sich mehr getraut in seiner Gegenwart das Wort Tod in den Mund zu nehmen. Er ist es auch, der den Priester bittet, ihm eine Pistole zu besorgen, offenbar um ihm einen menschenwürdigen Abgang zu ermöglichen, wenn es dann soweit sein sollte…

In sieben – von jedem Wochentag bezeichneten – unterteilten Kapiteln macht sich der Priester daran, wofür ihm sein künftiger Mörder auch den Aufschub gewährt hat und zwar die unerledigten Konflikte in seiner Gemeinde zu klären, sich seiner ihm entfernten Tochter (Kelly Reilly – „Flight“, „True Detective“) wieder zu nähern, welche ihn in dieser Woche nach einem Selbstmordversucht besucht und seine ganz persönlichen Wertvorstellungen inkl. seinen Glauben auf den Prüfstein zu stellen. Und obschon er sich – neben dem mörderischen Ultimatum – den stetigen Anfeindungen, unmoralischen Handlungen, zynischen Gesinnungen, kompletter Orientierungslosigkeit und spiritueller Degenerierung, nicht nur der Dorfbewohner, sondern auch seiner Tochter, ausgesetzt sieht, kämpft er tapfer dagegen an, den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren.

Einer der inszenatorischen Kniffs, welcher Michael McDonaugh („The Guard“) – Bruder von Martin McDonaugh („Brügge sehen und sterben?“/“7 Psychos“), clever einsetzt, ist die Tatsache, dass der Priester ja von Anfang an weiss, wer sein möglicher Mörder ist, was dem Zuschauer aber erst am Schluss enthüllt wird. Dadurch stellt man sich bei jedem Schäfchen der Gemeinde, welches mit ihm in Kontakt kommt, die entsprechende „could it be?“ Frage, was den Spannungsbogen durch den ganzen Film hindurch hoch hält und den Freiraum schafft, um die eigentliche Essenz dieses Stoffes, eine Art Kreuzweg des Pfarrers, welcher wie das grosse Vorbild, quasi unter den Augen seines Henkers mit den unvermeidlichen Selbstzweifeln und Quallen von statten geht. Nicht umsonst heisst der Film Calvary. Der Kalvarienberg vor den Toren Jerusalems ist der Ort auf dem Jesus schliesslich gekreuzigt worden ist.

Die Nachwirkungen des wirtschaftlichen Kollapses von Irland immer noch latent spürbar, geht die Erzählung – trotz bitterem Witz und verzweifeltem Sarkasmus – einen grundsätzlich ernsten und Ironie freien, konsequenten Weg und gleicht in diesem verdichtetem Diskurs über den Stellenwert von Moral und Ethik, Schuld und Vergebung und die Konfrontation mit dem eigenen Tod einer heroischen Helden-Saga biblischen Ausmasses und thematisiert nebenbei – unaufdringlich und doch akkurat – den Platz und die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in der heutigen Gesellschaft, welche speziell in Irland nach dem Bekanntwerden der eklatanten Missbrauchsfälle in der jüngeren Vergangenheit einen fundamentalen Vertrauensverlust erlitten hat. Dies alles aber ohne didaktischen  Zeigefinger oder der Präsentation einer erlösenden Wahrheit. Wie wir alle, leidet James Lavelle an der Unzulänglichkeit unseres Wesens und den Launen des Lebens. Aber er schreitet voran, mit Würde, Mitgefühl, Stärke und Liebe und dem Wissen, dass dem vorbestimmten Schicksal so oder so nicht zu entgehen ist. Allenfalls sogar schon am nächsten Sonntag nicht mehr.

Konklusion: In rauen und kraftvollen Bildern unterlegt mit einem gänsehauterzeugenden bombastisch-klerikalen Soundtrack setzt uns Michael McDonaugh eine dichte, wahrhaftige und emotional mitreissende Erzählung mit subkutaner Langzeitwirkung um den Kreuzweg eines irischen Pfarrers vor, der in einer Woche die Erlösung mit sich, seiner Tochter und seiner Gemeinde finden muss. Trotz schrulligen und sarkastischen Szenen mit schrägen Typen und abgefahrenen, überdrehten Einschüben, ein zutiefst nachdenkliches, düsteres und konsequentes Werk, aber mit einer stark humanistischen und  – ja – christlichen Botschaft, unter Vermeidung einer eigentlichen Rhetorik der Moral. Trotzdem oder gerade deswegen auch für Atheisten interessant. Ein verpasster Kandidat für die Liste der besten Filme von 2014! Sheep on me!;)

Prescription for: Confrontation with dead, religious doubts, family issue, problem solving within society, dealing with forgiveness, dealing with pressure

Listen to: Soundtrack “Calvary” from Patrick Cassidy

Calvary, IE/UK 2014, 101 min., written and directed by John Michael McDonagh, with Brendan Gleeson, Chris O’Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen

 

A little ode to one of the piu grande film di tutti I tempi out of the shadow of Nassau – La Grande Bellezza

From the onset of this movie – one is literally taken by the hand on a journey to a place a select few have experienced and the rest only wish to be on.

The Great Beauty,” a terrestrial of knife-throwers and dwarves and epic parties and crumbling majesty. The deliriously multifaceted Jep, channels us through the chronicles of a 65-year-old luminary journalist, a man of haberdashery, a tantalizing womanizer who wrote an aspiring first novel 40 years ago and has consumed his evenings since then at nightclubs, art galleries, theaters, readings and too many all-night parties to count. Jeb didn’t just want to become part of Roman society, he recounts, he wanted to be its king; he didn’t want to be invited to the best parties, he wanted the power to ruin them. Now, speaking as a Poor Man’s version of James Bond, even in the substitute social cosmos of Roma the foundation of Jep’s prosperity and unaltered freedom would be an enigma for even 007 himself to unravel. Jeb sold his soul for an awe-inspiring penthouse apartment overlooking the Coliseum, an impeccably tailored designer wardrobe and a rotating cast of lovers that would tempt the devil himself for a similar deal. Jep had a life many other people would kill for, yet he’s burned out on it completely, and long ago lost track of the distinction between pleasure and boredom. “We’re all on the brink of despair. All we can do is look each other in the face, keep each other company, and joke a little. Don’t you agree?”

There’s an exhilarating sadness to it all that amounts to cinematic poetry and brilliance!

By INCOGNITO 2 SEE

The Facets of Revenge – Wild Tales

 

To be, or not to be, that is the question:
Whether ’tis nobler in the mind to suffer
The slings and arrows of outrageous fortune,
Or to take arms against a sea of troubles,
And by opposing, end them? To die: to sleep…

Wohl eine der bekanntesten Aussagen des Welttheaters, welche einen Monolog Hamlets einleitet, ist der Höhepunkt im Ringen des dänischen Prinzen mit sich selbst: soll er das Leid und Unrecht dieser Welt ertragen oder den Wiederstand leisten… Zur Tatkraft der Rache will er nicht gedankenlos übergehen, ihn plagen die Zweifel…

Rache… Die Rache ist süss und allgegenwärtig. Keinem sind Rachegelüste fremd. Sie erinnert uns an unsere heidnische Vergangenheit und spaltet die Geister in theologischen und rechtswissenschaftlichen Disputen. Rache hat immer etwas Unverhältnismäßiges und funktioniert wie die Vergeltung im Sinne des antiken les talionis („Auge um Auge“). Schließlich führt dieses Prinzip zur Guillotine, zur Lynchjustiz und zur Todesstrafe, welche die Vollstreckung des Urteils zum Sühneopfer macht.  Doch trotz all der Niederträchtigkeit kann die Rache als etwas Positives angesehen werden, z.B. als Treibkraft des Schöpfertums. Sie kann zerstörend und fatal, aber auch kreativ und befreiend sein. Rachegelüste treiben Menschen oft zu Hochleistungen an, schärfen ihren Gerechtigkeitssinn und bewirken tief greifende gesellschaftliche Wandlungen.

In der Filmgeschichte ist die Rache, welche um der Gerechtigkeit willen vollzogen werden muss, ist fast schon ein sakrales Motiv. Eine ganze Reihe von Genres (Western, Gangsterfilm, Kriminalfilm, Actionfilm) bedienen sich seit Jahrzehnten der Dramaturgie der Vergeltung. Dieses Thema ist auch ein roter Faden in den Werken vom Grossmeister des Rachefeldzugs Quentin Tarantino. Seine Filme (Pulp Fiction, Kill Bill, Inglourious Basterds, Django Unchained) sind die fulminantesten Rache-Streifen der Filmgeschichte. Das Böse wird ausgerottet, das Gefühl der Genugtuung wird glorifiziert.. Einem neuen Anfang steht nichts mehr im Wege… Die Welt  wird zu einem besseren Ort, wenn die Helden, die verstandesmässig dem Grafen von Monte Christo ebenbürtig sind, ihren Job erledigen… Jeder versteht diese einfache Logik und den deterministischen Zwang, ihr zu folgen.

Auf die ähnliche  Art und Weise, mit der gleichen Dreistigkeit, unverschämten Provokation, mit dem gleichen Tempo, Mut  und bitterbösen Humor erzählt der argentinische Regisseur Damiàn Szifron seine sechs Rachegeschichten im von den Brüdern Almodovar produzierten Film „Wild Tales“ (Originaltitel – Relatos salvajes).  Schon jetzt wird er als der beste argentinische Film aller Zeiten bezeichnet, hat vor kurzem grosse Erfolge (auch kommerzielle) in Amerika und Europa gefeiert (Goldene Palme-, Golden Globe-, Oskar-Nominierungen).

1. Pasternak: Rache als kategorischer Imperativ

Die Rache in der ersten Geschichte ist nicht spontan. Gabriel, ein gescheiterter Musiker, hat alle, die ihm je im Leben übel mitgespielt haben, in einem Flieger versammelt, an dessen  Steuerknüppel er selbst gerade sitzt. Die erste Szene gibt den Ton an und führt uns unsanft, aber gewieft in das thematische Schatzkiste des Episodenfilms ein.

2. Die Ratten: Rache als Mittel zum Zweck

Die zweite Episode ist die Einzige, wo die Frauen an einem Rachecoup tüfteln.  In einem Restaurantgast erkennt die Kellnerin Moza(Julieta Zylbergberg) den Kredithai (Cesar Bordon), der ihren Vater in den Selbstmord getrieben hat. Die ruppige Köchin (Rita Cortese) hat sofort einen Tipp parat, wie sie es dem Übeltäter heim zahlen können – Rattengift!  Ihre Entschlossenheit begründet die mollige Frau mit einem Exkurs in die Vergangenheit als sie noch eine zufriedene Knastinsassin war, für sich selbst nicht sorgen musste und das vergnügliche Kartenspiel in einer Damenrunde geniessen konnte. Nun wittert sie die Chance auf einen erneuerten Gefängnisaufenthalt und übernimmt die Regie in dieser Vergeltungsepisode.

3. Strasse zur Hölle: Jenseits von Gut und Böse

Auf einer einsamen Landstrasse in einem schicken Wagen geniesst ein entspannter Mann (Leonardo Sbaraglia) seine Fahrt. Der elegante Anfang dieser Geschichte könnte als Audi-Werbespot durchgehen. Doch in wenigen Kilometern macht ihm ein anderer Autofahrer  (Walter Donado) auf einer vollbeladenen Schrottkarre die Fahrbahn streitig und versucht sein Überholungsmanöver auszubremsen. Der Audi-Fahrer schafft es dann doch, den bockigen Spinner zu passieren – gewiss nicht ohne eine Fluchtirade auszulassen und den obligatorischen Stinkefinger zu zeigen. Eine durchaus verbreitete Form der Kommunikation auf der Strasse, wo die Mobilität, Anonymität und  Schutzhülle des eigenen Autos eine gewisse Gesetzlosigkeit vortäuschen.

Nun, wie im Leben, passieren auch auf der Strasse Pannen. Der Reifen platzt, der Audi bleibt stehen, in der Ferne hören wir ein donnerndes Geräusch des klapprigen Autos. Die Vergeltung ist in der Sichtweite. So fängt eine unabdingbare verhängnisvolle Kettenreaktion aus Gewalt und Verbrechen an, die einprägsam das bekannte Sprichwort illustriert: wer auf Rache aus ist, grabe zwei Gräber. Doch endet dieser extreme Fall von „road rage“ mit einem herrlichen Missverständnis. „Verbrechen aus Leidenschaft?!“ – rätseln Ermittlungsbeamten als sie die verkohlten Leichen in einer friedlichen Umarmung vorfinden. Eine grossartige Geschichte mit lehrhaften Anregungen!

4. Bombita: Rache als Wiederstand

Die vierte Episode liegt dem hamletischen Dilemma am nächsten – hinnehmen oder rebellieren? Doch für den Sprengmeister Simon Fischer (Ricardo Darin, der bekannteste argentinische Schauspieler) ist es keine Qual der Wahl. Für ihn scheint es selbstverständlich zu sein, gegen  bürokratische Willkür zu protestieren, anfangs noch zaghaft, sachlich und höflich, zu guter Letzt doch radikal und rücksichtslos.

Auch hier wird die Dramaturgie der Verheerungen an die Spitze getrieben. Ein gemachter Mann, der die monumentalen Gebäudekomplexe in Schutt und Asche legt, wird von einem scheinbar unbedeutenden Zufall aufgehalten – sein Auto wird wegen Falschparken abgeschleppt, er kommt zu spät zum Geburtstag seiner Tochter, was schon ein angespanntes Familienverhältnis erneut auf die Probe stellt… Als ihm am nächsten Tag das gleiche widerfährt, verliert er schnell die Geduld, wird handgreiflich… Im Nachhinein scheitert er im Beruf und in der Familie. Wie bekommt man sein Leben und seinen inneren Friede zurück? Mit einer kleinen feinen Sprengaktion, die tatsächlich einiges bewirkt: Simon wird als Volksheld gefeiert und gewinnt seine Familie wieder.

5. Vorschlag: Rache im handelsrechtlichen Sinne

Die nächtliche Stille eines Ehepaars wird vom aufgewühlten Sohn unterbrochen, der eine schwangere Frau überfahren und eine Fahrerflucht begangen hat. Nun, da der Papa (Oskar Martinez) ziemlich reich und mächtig ist, und alle der Meinung sind, dass dem Sohn die argentinische Haftanstalt erspart werden muss, versucht die Familie einen Ausweg zu finden. Für eine hübsche Summe erklärt sich der Gärtner bereit, den Tat auf sich zu nehmen. Doch der Staatsanwalt  findet die Wahrheit heraus und will auch selbst, genau so wie der Anwalt der Familie, ein Teil am Kuchen haben.

Alle sitzen dem Geschäftsmann am Nacken und erwarten von ihm Schweigegeld. Doch dann dreht er plötzlich den Spiess um und beschliesst, dass alle leer ausgehen sollten und der fahrerflüchtige Sohn sich stellen muss. Auch wenn er nicht genug konsequent bleibt, reduziert er mit diesem Einfall erheblich seine finanziellen Einbüsse. Eine spontane Taktik, die mindestens ihm eine Erleichterung verschafft, wird dann aber doch dem Gärtner zum Verhängnis. Ein Rachemord führt erneut in die Irre.

6. Bis dass der Tod uns scheidet: Rache als Ursache und Wirkung

Auch in der letzten Geschichte geht es um eine spiralförmige Chronik einer Eskalation. Zu sehen ist, was passiert, wenn eine junge temperamentvolle Braut (Erica Rivas) in weissem Kleid, dem Symbol der Reinheit und Unschuld, sich auf den Pfad der Rache begibt als sie instinktiv begreift, dass der Bräutigam (Diego Gentile) eine Geliebte hat.  In der Tat ziemlich viel: zerschlagenes Geschirr, eine ruinierte Torte, ein blutbeflecktes Brautkleid, ein heftiges Wortgefecht zwischen dem Paar und den Familienangehörigen, Sanitäter, die den mehreren Gästen den Blutdruck messen und die schöne Konkurrentin reanimieren müssen… Wilder geht’s nicht mehr!

Doch der richtige Knaller kommt erst zum Schluss als niemand mehr eine Hoffnung auf die Besinnung hatte.  Wie geht man mit einer äusserst peinlichen Angelegenheit um? Lässt man sich selbst und die komplette Hochzeitsgesellschaft mit einer lebenslangen psychischen Trauma zurück? Soll der Racheorkan alles vernichten? Als wir total entsetzt, fast schon beschämt die Flucht oder Mordabsichten des Bräutigams vermuten, greift er tatsächlich erwartungsgemäss zum riesigen Messer. Doch was dann passieren wird, übersteigt alle Erwartungen und beschenkt dem Streifen ein grandioses unvergessliches Finale. Am Ende wird es der Mann sein, der die zerstückelten Welten zusammenflickt und so zum Schöpfer der neuen Zukunftsaussichten wird. Diese frustrierendste und zum Schluss doch verheissungsvollste Hochzeit ist ein vorbildlicher Stoff für die cineastischen Geschichtsbücher.

Conklusion: Oft wird „Wild Tales“ mit der Frage konfrontiert: Ist es eine Reaktion auf die Dauerkrise in Argentinien? Mag sein, dass die südamerikanischen Begebenheiten eine Inspirationsquelle für Damiàn Szifron waren. Doch die subversiv erzählten Geschichten haben eine universelle Sprengkraft. Sie betreffen uns alle:  Männer und Frauen, Eltern und Kindern, Mächtigen und  Erfolglosen, Täter und Opfer, Bürger, Beamte, Autofahrer… So viel Lebenserfahrung und Weisheiten beinhalten nur wenige Filme. Obendrauf werden uns die Lösungen präsentiert. Gewiss nicht unbedingt brauchbare und nachahmungswürdige, aber auf jeden Fall präventive. Dabei löst der Film die ganze Palette von Emotionen aus, fasziniert mit raffinierten Affekten, überrascht mit Wendungen und belohnt mit einer Lawine vom rabenschwarzen Humor. Ein rasanter explosiver Film mit erheblichem Kultpotenzial! Mehr kann man von einem Kinoerlebnis kaum wünschen!

Prescription for: actually all of us

Relatos salvajes (Wild Tales – Jeder dreht mal durch!), Argentinien,  2014, 122 min., directed by Damiàn Szifron, with Ricardo Darin, Erica Rivas, Leonardo Sbaraglia, Dario Grandinetti,Oscar Martinez, Julieta Zyberberg, Rita Cortese, Diego Gentile

The genesis of an everlasting cult classic – or why we are always confusing love for admiration?

“You can come through or not, depending on how dark the cloud is. But I think there’s a time when things that used to satisfy you or you thought were important, you realize are not important. Time is running out, the party lights are blinking, there is no more ice in the bucket. And you begin to realize the party will finish very soon in some way or the other”

An diesem Punkt stand der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu, 51, nicht vor allzu langer Zeit, wie er dem Filmkritiker Elvis Mitchell in einem Interview verriet. An den gleichen Punkt wie auch Michael Jackson, Leo Tolstoy und Raymond Carver –  und wie wahrscheinlich noch einige, die allenfalls einen kleineren Einfluss auf die Kulturgeschichte gehabt haben – gelangten, als sie das Ende ihres 5ten Lebensjahrzehntes erreichten. Jackson und Carver starben, Tolstoy raffte sich nochmals auf und lebte weitere 30 Jahre. Dasselbe hofft man inständig auch für Iñárritu, dessen Verarbeitung seiner Lebenskrise nun in 2 Wochen in die Schweizer Kinos kommt unter dem Titel „Birdman – The Unexpected Virtue of Ignorance“.

Iñárritu, welcher sich mit seinen bisherigen Filmen (Amores Perros, 21 Gramm, Babel und Biutiful) als ungekrönter Meister des tieftraurigen Zelebrierens der unausweichlichen Niederlagen und Verluste des menschlichen Wesens hervorgetan hat – und sicherlich auch den Rekord hält, mit seinen Werken die definitiv wenigsten Lacher in der Filmgeschichte produziert zu haben (nicht umsonst nennt man seine ersten 3 Werke die sogenannte „Death Trilogy“) – hat sich nun entschlossen, das menschliche Drama als Komödie zu inszenieren. Nach dem Motto, jede Tragödie wird irgendwann komisch, wenn man sie nur genug aufbläht.

Als ich – zusammen mit Daniel Schuler (Miteditor TDS) – im letzten Herbst die Schweizer Erstausstrahlung von Birdman anlässlich des 10th Zürich Filmfestival besuchen ging, war die persönliche Erwartungshaltung eher gemischt. Trotz dem Wissen um die Qualität von Iñárritu (Amores Perros & Babel gehören zum meinen All-time Favourits) war es doch irgendwie nahezu unvorstellbar, dass genau dieser Regisseur sich jetzt auf dem Gebiet des Komischen betätigen würde. Man hätte wahrscheinlich ähnliche Vorbehalte, wenn Woody Allen den nächsten James Bond inszenieren würde (oder diesen spielen würde). Als dann der Produzent von Birdman, John Lesher, welcher im Corso 1 ein kurzes Vorwort hielt, sich dahingehend äusserte, dass sie Birdmann im Frühjahr ’14 in nur einem Monat relativ schnell abgespult haben und Iñárritu auch nicht persönlich in Zürich anwesend sein könnte, da er bereits mit Tom Hardy und Leonardo Di Caprio an den Dreharbeiten zu „The Revenant“ war, dachte ich, nun gut, eine Fingerübung so zwischendurch…hoffentlich wenigstens amüsant. Aber es kam anders. Ganz anders.

Es passiert einem sehr selten im Leben als aktiver Cineast, aber nach ca. 10 – 15 Min. Filmdauer schauten Daniel und ich uns kurz an, da wir beide intuitiv spürten, wir sind da Zeuge von etwas Grossem, etwas Neuem, ja fast schon Ungeheuerlichem. Aber in einem höchst unterhaltsamen und vor allem urkomischen Sinn. Seltsamerweise waren wir, neben der allgemein spürbaren und ungläubigen Bewunderung des Gezeigten, –  wenigstens gefühlt – die einzigen, welche sich in der dortigen Vorstellung förmlich krummgelacht haben. Und man stellte nach der Vorstellung unter dem Publikum eine beinahe andächtige Stimmung fest. Schockiert,  fasziniert und belustig zugleich. Unzählige Menschentrauben standen vor dem Corso, murmelten aufgeregt über das Gesehene. Der Versuch einer Einordnung eines an sich tragischen schockierenden Dramas. Welches zur Komödie aufgebläht wurde.

Michael Keaton, ja genau der, welcher mal in den 80-iger Jahren den Batman verkörpert hat, spielt hier Riggan Thomson, welcher vor 20 Jahren ein internationaler Superstar geworden ist, durch seine Verkörperung des Comichelden Birdman, aber nach 2 Fortsetzungen mehr Anerkennung suchte, Teil 4 ausschlug, und anschliessend in der Versenkung verschwand. Wie Michael Keaton auch (der aber nur eine Fortsetzung von Batman machte). Jetzt ist Riggan Thomson aber zurück, steckt seine ganzen verbliebenen Ersparnisse in die Inszenierung des Theaterstückes von Raymond Carver (siehe Intro) –  „What We Talk About When We Talk About Love“ –, welches er nicht nur inszeniert, für die Bühne umschreibt, sondern darin auch die Hauptrolle spielt. Und dies auf der renommiertesten Theatermeile der Welt, dem Broadway. Das perfekt inszenierte Comeback. Das Zurückgewinnen von Einfluss, Respekt, Erfolg, Macht, Reichtum, Anerkennung…und Liebe. Selbstverständlich, wie oft, wenn man nicht nur von hehren Zielen getrieben wird, kann man sich nicht vollständig auf die Unterstützung des Schicksals verlassen. Sein unfähiger Nebendarsteller im Stück lässt er kurzerhand mittels einem herunterfallenden Requisit auf der Theaterbühne ausschalten, worauf er mit einer existenzbedrohenden Schadenersatzklage konfrontiert ist, der daraufhin engagierte Nachfolger und vermeintliche Glücksgriff für die Produktion, Mike Shiner (Edward Norton), ein arroganter, selbstverliebter Hollywoodstar, welcher nicht nur auf Anhieb das Drehbuch von Riggan hinterfrägt –  obschon er es einwandfrei auswendig kann, auch die Passagen von Riggan – sondern auch in den Proben auf der Bühne richtiger Gin statt Wasser trinkt, seinen Co-Star (Naomi Watts) zum echten Sex auf der Bühne zu animieren versucht (da er es nur noch dort kann), sondern sich auch der Tochter von Riggan, welcher dieser – frisch aus der Reha – als Produktionsassistentin eingestellt hat, annähert. Zudem kündigt ihm die allmächtige New Yorker Theaterkritikerin der New York Times an, dass sie das Stück so oder so in Stücke zerreissen wird, da sie die arroganten Hollywood Typen, welche sich am Broadway profilieren wollen, grundsätzlich als unfähig betrachtet und überhaupt abgrundtief verachtet. Abgerundet wird das Szenario von Birdman selber, Riggan’s dazumalige Superhero-Rolle, welcher ihn niemals wirklich losgelassen hat und neuerdings als seine innere Stimme, Ratgeber und Mahner eine immer dominanter Rolle – wenigstens in seinem Kopf – einnimmt und ihm die Aussichtlosigkeit seines ambitionierten Unternehmens vor Augen führt und ihm anstelle die unzähligen Vorzüge einer möglichen Rückkehr zu einer weiteren Fortsetzung von Birdman unablässig eintrichtert…und es sind noch 3 Tage bis zur Premiere…

“I want to do a film about the theater, in one shot.” Dies war die Grundprämisse von Iñárritu als er die Idee zu diesem Film hatte und er setzte dies – auch nach dringendem Abraten von seinen Produzenten, Mitautoren und auch Kameramann – konsequent um. Ausser der Anfangsszene und dem Schluss, hat man das Gefühl, dass alles in einem flüssigen Shot ohne Unterbruch gedreht worden ist. Hintergrund war die Erkenntnis, welche Iñárritu durch endlose Diskussionen mit seinem Cutter Walter Murch gewonnen hat, dass wir eigentlich unser Leben,  wie einen andauernden Steadicam shot wahrnehmen. „From the time we open our eyes in the morning, we are navigating our lives without editing”. Und genau so soll es sich auch anfühlen.

In dem engräumigen Broadway-Theaterhaus, wo der Film zum grössten Teil spielt, folgt man Riggan, wie er gehetzt durch die Gänge schreitet, hie und da Wortfetzen seinen Schauspielern, Tochter (Emma Stones), Manager (Zach Galifianakis) hinschmeisst, weiterstresst zu den Proben, diese ungeduldig, genervt und manisch absolviert, dann zurückeilt in seine Umziehkabine, dort in die schizophrenen Wortgefechte mit seiner inneren Stimme – also Birdman – involviert wird (wenn er nicht gerade meint, dass die übernatürlichen Kräfte von Birdman auf ihn übergegangen sind und er im Yogasitz im Raum schwebt), die oftmals in der Demolierung des ganzen Mobiliars münden, dann wieder zurück auf den Gang, eilend zu seinem Manager…Unterlegt ist dies alles mit einem ebenso manisch gehetzten, vibrierenden Percusion Jazz von Antonio Sanchez, welcher man plötzlich – ganz nebenbei – hinter seinem Schlagzeug in einer Nische in einem der endlos scheinenden Gänge des Theaterhauses spielen sieht – natürlich den gerade in der Szene benutzten Soundtrack . Man ist Riggan immer auf den Fersen, eigentlich wird man zu Riggan und ist inmitten dieses puren Wahnsinns der Broadway Theaterszene. Natürlich nicht ohne im ständigen Meta-Dialog mit der aktuellen Superheldenmanie im Kino zu stehen, dem Verhältnis von Hollywood zum Theater, dem Selbstverwirklichungs- und Anerkennungswahn der hypersensitiven Kultur-Szene unter dem latent spürbaren Damoklesschwert des Alterungsprozesses, der Endlichkeit der Existenz, der Tatsache, dass die Party bald zu Ende sein wird.

Gemäss dem verantwortliche Kameramann Emmanuel Lubezki (Gravity) ist die ganze Inszenierung des „alles-ist-in-einem-Fluss“ nur eine grosse Illusion, Kameraführung und Bildbearbeitung sind komplett manipuliert, alles ein Trick, der aber in der Kinogeschichte in dieser Form einmalig ist und handwerklich – was Bild, Schnitt und Musik anbelangt, neue Standards setzt. Es sieht alles nach einer improvisierten Spielwiese für durchgeknallte kreative Chaoten Köpfe aus, letztlich wurde aber gar nichts dem Zufall überlassen und ist bis zum letzten Nagel durchperfektioniert. Was die Dreharbeiten extrem schwierig gestaltete. Denn obschon die Drehzeit nur 30 Tage betrug, wurde die ganze Szenengestaltung schon Monate im Voraus in einem leeren Raum choreografiert und akribisch genau geplant. Gemäss Iñárritu war dann der Drehprozess als solcher mit einem Jazzkonzert vergleichbar, da alles im Fluss bleiben und unmittelbar natürlich wirken musste, was aber enorm aufreibend war, da während dem Drehen, jedes Wort, Bewegung und Kamerabild passen musste und die Fehlertoleranz bei null lag, was auch die Darsteller an ihre emotionalen Grenzen trieb.

Was aber letztlich die Leistung aller Schauspieler nur nochmals zusätzlich beflügelte und so für alle Beteiligen (Edward Norton, Naomi Watts, Emma Stones, Zach Galifianakis) ein karrieretechnischer Meilenstein darstellt. Nicht gemessen am Einspielergebnis, sondern – wie im Film verzweifelt gesucht  – gemessen an der künstlerischen Reputation. Eine weitere Vermischung von Film und Realität, da viele der Beteiligten in letzter Zeit genau in diesem Comic-Superhelden Genre zu sehen waren (Norton: Hulk/Emma Stones: Spiderman 2).

Was Michael Keaton hier aber bietet ist pure Magie. Ein Comeback in diesem Ausmass hat es meiner Ansicht nach noch nie gegeben und stellt sogar John Travoltas damalige Rückkehr auf die Leinwand mit Pulp Fiction in den Schatten. Man weiss nicht wirklich, warum dieser Mann in der Versenkung verschwunden ist und auch in seiner Blütezeit, den 80iger, nicht wirklich mit hochkarätigen Produktionen (Beetlejuice?) gepunktet hat. Aber sein Minenspiel, welches innerhalb von Sekunden von purer scheinbarerer Selbstzufriedenheit in manische Aggression, Resignation oder schiere Verzweiflung wechseln und nie, wirklich nie antizipiert werden kann,  ist pure Genialität und trägt massgeblich zur überschiessenden Komik in diesem Film bei. Weil, wie soll wahre Komik entstehen, wenn nicht aus dem wahrlich Unerwarteten?

Für Iñárritu, welcher für diesen Film die Regie für True Detective und Hunger Games ausschlug, ist dieses Werk, wahrscheinlich auch für ihn unerwartet, zum Opus Magnum seines bisherigen Schaffens geworden. Eine Komödie. Sicherlich gehört dieser Mann zu den talentiertesten und feinfühligsten Künstler unserer Zeit, aber wahrscheinlich löste genau seine ganz persönliche Lebenskrise dieses gewisse Etwas aus,  was zu dieser ungeheuerlichen Freilegung von Kreativität beitrug und ihn befähigte, das Timing durgehend so perfekt zu treffen, was Birdman unweigerlich auf Anhieb in den Rang der besten Filme aller Zeiten katapultierte und den Zuschauer effektiv Knockout schlägt. Quasi ein Naturereignis (wer den Film gesehen hat, versteht diesen Nachsatz…)

Zu den besten Freunden Iñárritu‘s gehören die beiden mexikanischen Regisseure Guillermo del Toro (Hellboy & Pans Labyrinth) und Alfonso Cuaron (Great expectations, Gravity), welche sich untereinander in einer schonungslosen offenen Kommunikation mit Rat und Tat bei ihren jeweiligen Filmprojekten zur Seite stehen. So waren die beiden dann auch die ersten, welchen Iñárritu Birdman vorspielte. Was dann passierte schilderte Iñárritu in einem Interview folgendermassen: Guillermo never drinks but after he saw it he said, “I need a fucking drink”. And he got so drunk because he was so shocked and so moved by the film. I had never seen him like that.

Wenn Sie also zur Sorte Leute gehören, die pro Jahr höchstens einmal ins Kino gehen, dann ist die Zeit für Sie schon jetzt im Januar gekommen.

Vorgewarnt sind Sie ja jetzt.

Conclusion: Iñárritu schuf mit seiner Geschichte über einen ehemaligen Hollywoodstar, dessen Karriere sich im freien Fall befindet und sich mit einem Theaterstück am Broadway künstlerisch und finanziell wieder rehabilitieren will, aber durch widrige Umstände und wachsende Selbstzweifel langsam in den Wahnsinn abdriftet, ein Meisterstück von einer solchen kreativen und spielerischen Durchschlagskraft, die einem Faustschlag in die sprichwörtliche Fresse des Publikums gleichkommt. Da aber die Party für uns alle irgendwann langsam zu Ende geht, geniessen wir den Schmerz – amüsiert, fasziniert und irritiert – solange wir noch was fühlen können. Ein Spektakel ohnegleichen. 

Prescription for: sanity, narcissism, parenthood, marriage, creative integrity, artistic legacy, black humour

Listen to: Birdman (Original Motion Picture Soundtrack) by Antonio Sanchez (Artist) – Jazz

Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance), USA 2014, LZ 119 Min., Directed by Alejandro González Iñárritu. With Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone, Naomi Watts

Kinostart: 29.01.2015 (Deutschschweiz)

The 10 most unmistakable crickets in the dark in 2014 by THE DREAMING SHEEP

Boyhood – Richard Linklater, der cineastische Hohepriester der Darstellung des realen und authentischen Lebens. Eine – bis anhin einmalige – cineastische Langzeitbeobachtung eines Jungen über den Zeitraum von 12 Jahren von seinem sechsten bis 18ten Altersjahr. Sein Aufwachsen und Erwachsenwerden in diversen amerikanischen Vororten in wechselnden Städten zusammen mit seiner Mutter, deren wechselnden – meist alkoholabhängigen – Lebenspartnern, seiner Schwester und seinem von der Mutter getrennt lebenden Vater. Eine Kindheit,  so normal und unspektakulär, dass sich jeder zu einem gewissen Stück darin wiederfinden kann. Und eben, dies nicht mit Effekten oder wechselnden Darsteller inszeniert, sondern wir werden innerhalb von 165 min. Zeuge, wie alle Darsteller inkl. Ethan Hawke und Patricia Arquette 12 Jahre älter werden. Hat nicht ganz die kulturhistorische Relevanz von seinem – vermutlich immer noch nicht abgeschlossenen – Opus Magnum, der „Before-Serie“, ist aber in seiner ganzen Schlichtheit und Wahrhaftigkeit das spektakulärste Werk im 2014.

Boyhood, US 2014,  163 min., from Richard Linklater, with Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke

Le passé – Das Vergangene Der Nachfolger von dem Oscar-Sieger Film „Nader und Simin“ vom iranischen Regisseur Asghar Farhadi  ist ein ungemein feinfühliges, intensives, kluges und schnörkellos inszeniertes Beziehungsdrama, welches – bis fast zum Schluss – auch auf jede musikalische Untermalung verzichtet,  über die Konsequenzen einer Trennung und deren unmittelbare Implikationen auf die Familie, Kinder und die neu eingeschlagenen Beziehungen. Eine Studie über das Akzeptieren von Niederlagen und den eigenen Entscheidungen, wo aber die vergangene Liebe noch jeden Moment wie eine elektrisierende Spannung in jeder Szene schmerzhaft und herzzerreissend zu spüren ist.  Atemberaubendes grosses Schauspiel u.a. mit der wunderschönen Bérénice Bejo (The Artist)

Le passé, F 2013, 130 min., from Asghar Farhadi,  with Tahar Rahim, Bérénice Bejo, Ali Mosaffa 

I Origins – Indi-Film über einen Molekularbiologen und dessen Beziehung zu einem Augenpaar…Atmosphärisch dicht, ungeheuer spannend, visuell berauschend und tief berührend werden hier grosse philosophische Themen um die Widersprüche von Wissenschaft und Religion, Tod und Inkarnation mit einem wahrlich dramatischen Liebesdrama kunstvoll verbunden. Mike Cahill gehört schon jetzt mit seinem 2. Spielfilm nach „Another Earth“ zu einem der vielversprechenden und interessantesten Regisseuren in der gegenwärtigen Filmindustrie. Man wagt es sich kaum vorzustellen, was er für Filme machen würde, wenn er mal mehr als USD 200‘000.– zur Verfügung hätte.

I Origins, US 2014, 116 min., from Mike Cahill, with Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Bergès-Frisbey 

http://thedreamingsheep.com/the-eyes-of-sofi-i-origins/

 

Gone Girl – Beginnend als klassischer Thriller, wo eines Morgens die Ehefrau eines wohlsituierten und gesellschaftlich geachteten Ehepaares verschwindet, entwickelt sich der neue Wurf von David Fincher schleichend immer mehr in Richtung eines Psychogrammes eines sich entfremdenden Ehepaares oder der Sezierung des zwischenmenschlichen Beziehungsschemas ganz grundsätzlich, versetzt mit Ansätzen einer Mediensatire, bis er dann über Fetzen von Horror-Slasher Versatzstücken in einem typisch zynisch-perfiden Fincher-Finale mündet… Hochspannend, perfide, abgedreht, verwegen, smart und stylisch, gepaart mit einem gehörigen Schuss schwarzem Humors. Frisch verheirateten, glücklichen oder gar verlobten Paaren wird dringendst vom Konsum dieses Filmes abgeraten!

Gone Girl, US 2014, 149 Min., from David Fincher, with Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry

http://thedreamingsheep.com/till-death-do-us-part-gone-girl/

Her – Ein Mann in einer nicht allzu fernen Zukunft verliebt sich in die Stimme seines OS-Betriebssystems und geht eine Beziehung mit ihr ein. Was sich höchst bizarr anhört, artet in Mike Jones bisher ernsthaftesten Films in eine zutiefst poetische, zärtliche und hochintelligente Versuchsanordnung über die Liebe in jeglicher Form aus, losgelöst von konventionellen Schranken und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Ein Balanceakt zwischen feiner gesellschaftskritischer Groteske über die Einflüsse der ausufernden technologischen Entwicklungen und melancholischer Liebesgeschichte, gespickt mit schonungslos, tieftraurigen Wahrheiten und wahren lyrischen Schönheiten.

Her, US 2013, 126 min., from Spike Jonze, with Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde, Scarlett Johansson.

http://thedreamingsheep.com/the-moon-song/

Enemy: So könnte es ausschauen, wenn David Lynch mit David Cronenberg zusammen einen Film inszenieren würde.  Der Geschichtsprofessor Adam Bell, welcher an seinem eintönigen Leben leidet, entdeckt eines Tages einen Nebendarsteller in einem Film, der genau so aussieht, wie er selbst  und macht sich auf die Suche nach diesem. Denis Villeneuve‘s (Prisoners) Umsetzung von dem Roman „Der Doppelgänger“ vom Literatur-Nobelpreisträger José Saramago mit Jake Gyllenhaal in einer Doppelrolle ist elektrisierend, hypnotisch, fremdartig, erotisch, hochästhetisch und spannend. Eine (alb-)traumartige Identitätssuche.

Enemy, CAD/Spanien 2013, 90 Min., from Denis Villeneuve, with Jake Gyllenhaal, Melanie Laurent, Sarah Gadon and Isabella Rossellini 

True detective – Anthologie von HBO, welche vordergründig als klassischer Whodunit Thriller à la „Seven“ konzipiert ist, worin 2 Detektive sich im schwülen Louisiana auf die Fersen eines Serienmörders heften, welcher mit okkulten Ritualmorden in Verbindung zu stehen scheint, aber schlussendlich sich mehr als wortgewaltiges Kammerspiel und Psychogramm der 2 grundverschiedenen Strafverfolger und ihrer beidseitig verbundenen Existenzen entpuppt. Eine Reise in die Abgründe der menschlichen Psyche, welche die bisherigen – jüngst schon stark aufgeweichten – Erzählstrukturen der TV Serien Formate komplett aushebelt und einen bis anhin noch nie gesehenen, konsequent nihilistisch-philosophischen Diskurs fernab von sämtlichen gesellschaftlich festgesetzt moralisch-ethischen Werten führt…aber ohne endgültiger Versperrung für die erlösenden Katharsis. Matthew McConaughey zeigt hier nicht nur die Darstellung seines Lebens, sondern spielt sich hier in den Olymp der besten Acts in der Filmgeschichte schlechthin.

True detective, US 2014, 480 min, from Cary Joji Fukunaga, created by Nic Pizzolatto with Matthew McConaughey, Woody Harrelson, Michelle Monaghan,  Michael Potts.

http://thedreamingsheep.com/katharsis-under-the-sky-true-detectiv/

Under the skin –  Der kryptischste Sci-Fi Film seit Kubricks „2001 – Odysee im Weltraum“ und spürbar assoziativ mit den Werken von Andrei Tarkovsky. 9 Jahre benötigte Regisseur Jonathan Glazer um diesen Film zu verwirklichen und Scarlett Johansson zur Mitwirkung zu überzeugen. Fernab von jeglichem Mainstream und Anbiederung an den Massengeschmack wird hier die Natur des Menschen extraterrestrisch reflektiert und seziert.  Fast ohne Dialog, experimentell in der Form, radikal in der Umsetzung, aber nicht zuletzt eine tief berührende Ode an die Menschlichkeit. Die Anti-These zu den Stimmen, welche die aktuelle Kinolandschaft als repetitiv, vorhersehbar und mutlos bezeichnen.

Under the Skin, GB 2013, 107 min., from Jonathan Glazer with Scarlett Johansson, Jeremy McWilliams

http://thedreamingsheep.com/when-modern-art-meets-cinema-under-the-skin/

August: Osange County –  Allenfalls teilweile leicht überzogenes, aber mit tiefschwarzem Humor durchsetztes und selten amüsantes, intensives Familiendrama über gegenseitige Entfremdung, aufgebaute Abhängigkeiten, falschen Erwartungen und letztlich über die Aufgabe  der individuellen Lebenslügen. Das Pulitzerpreisgekrönte Theaterstück von Tracy Letts (welche auch das Drehbuch schrieb) wird von einem grandios lustvoll aufspielenden Schauspielerensemble angeführt. Neben der wie immer tadellosen Meryl Streep vollzieht hier Julia Roberts den sogenannten „Sandra Bullock – Gravity – Loop“ Effekt. Egal wie unsympathisch und nervig sie in den letzten Jahren gewirkt haben man – privat, wie ihn ihrer dürftigen jüngeren Filmografie – hier zeigt sie endlich wieder einmal, warum sie ursprünglich mal als Superstar auf die internationale Bühne gehievt worden ist. Gerechtfertigte Oscarnominierung 2014 für beide weibliche Hauptrollen.

August: Osange County, US 2013, 130 min., from John Wells with Meryl Streep, Julia Roberts, Chris Cooper, Benedict Cumberbatch, Ewan McGregor

Clouds of Sils Maria: Vor 30 Jahren schrieb Olivier Assayas zusammen mit Andé Téchiné das Drehbuch zu „Rendez-vous“, welcher der Karrierestart der dazumal 21-jährigen französischen Jungschauspielerin namens Juliette Binoche darstellte. Nun, 30 Jahre später ist „La Binoche“ eine Ikone des französischen Film und reiht sich in die Riege mit Catarine Deuneuve, Emmanuelle Beart und Brigitte Bardot ein und macht wieder einen Film zusammen mit Olivier Assayas (welcher diesmal Regie führt) und spielt darin einen Theater- und Filmstar, welche den Kontrapart von ihrer Rolle vor 20 Jahren spielen soll, mit welcher sie dazumal den grossen Durchbruch schaffte. Jetzt aber nicht mehr als 18-jährige Verführerin, sondern als 40-jährige Verführte. Dass ihr dies zu schaffen macht ist  absehbar. Obschon sie eigentlich von der Roller zurücktreten möchte, zieht sie sich in die Schweizer Alpen zurück – eben ins Engadin nach Sils Maria – und probt ihre Rolle zusammen mit ihrer persönlichen Assistentin, welche ebenfalls noch sehr jung ist und man spürt sofort, dass ihre gegenseitige Beziehung über das berufliche hinausgeht, was den Textproben (wo die junge Assistentin logischerweise die Rolle der 20-jährige Verführerin einnimmt) eine doppelbödige prickelnde Note verleiht und das spürbar unausgesprochene Begehren reflektiert. Verkörpert wird die Assistentin von Kristen Steward, welche schon in „On the road“ gezeigt hat, dass sie ihre Rolle in der Filmszene ein wenig anders definiert, als es ihre Fans von „Twillight“ wahrscheinlich gerne hätten. Ein faszinierender, eleganter, raffiniert inszenierter Film, unterlegt mit Händel und Pachelbel , welcher 3 Ebenen (Realität, Fiktion, Fiktion-in-Fiktion) kunstvoll miteinander verwebt und mit Binoche und Steward ein hochkarätiges Schauspielerinnen-Generationenduell der Extraklasse bietet. Zudem der erste internationale Film, welcher effektiv die Schweiz als Kulisse hat (kurze Ausflüge von James Bond oder Verblendung von Fincher zählen nicht).

Clouds of Sils Maria, D/F/CH 2014, 124 Minuten, from Olivier Assayas, with Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz

 

Family holidays after an Avalanche – Turist

„Zuerst Kinder und Frauen!“- diesen Ruf kennen wir allzu gut aus den zahlreichen Katastrophenfilmen à la „Titanic“. Irgendwie  steht genau so eine Reihenfolge in den Unglücksabläufen für das vernünftigste Handeln. Dass es in der Realität anderes abläuft, wissen nur wenige. Der schwedische Regisseur Ruben Östlund hat zu diesem Thema Statistiken studiert und völlig andere Erkenntnisse auf die Leinwand gezaubert.

Der grösste Teil der Überlebenden bei Schiffsunglücken seien Männer in einem bestimmten Alter, sagt er. Und die, die ertrinken, sind Frauen. Auch seien Scheidungen unter Opfern von Flugzeugentführungen statistisch gesehen sehr hoch, weil man in solchen Extremsituationen die Partner eben ganz neu kennenlerne. Darum geht es im Film „Turist“.

Der überarbeitete Familienvater Tomas (Johannes Bah Juhnke) verbringt mit seiner Frau Ebba (Lisa Loben Kongsli) und den zwei Kindern Winterferien in einem Luxusressort in den französischen Alpen. Der erste Urlaubstag verläuft noch ziemlich harmonisch. Eine leichte Dissonanz in diesem sympathischen Quartett entsteht nur kurz durch das Gejammer des müden Kindes (die Mutter hat sofort eine Erklärung parat: der Junge hat Hunger!) und ständig piepsende Smartphone (der Vater ignoriert es noch bewundernswert gelassen!).

Doch am zweiten Tag passiert etwas außergewöhnliches. Als eine Lawine das Restaurant, in dem Tomas mit der Familie zu Mittag aß, zu erfassen drohte, haben seine angeblich männliche Beschützerinstinkte versagt. Er schnappte sich Handschuhe, iPhone und rannte weg. Diese Szene wird im Film immer wieder aus der Perspektive vom Thomas, Ebba, des befreundeten Pärchens, Zufallsbekanntschaften mal emotional, mal rational analysiert. Die wichtigste Frage, die sich die Beteiligten, zwangsläufig auch die Zuschauer, stellen: Was hätte ich in dieser Situation getan? Wäre es denkbar, das Mobilgerät mitzunehmen und das Kind im Stich zu lassen?

Über die phänomenale Rolle des Smartphones im Leben eines modernen Mannes haben uns schon in „Carnage“ Roman Polanski und Christoph Walz aufgeklärt. Nachdem einem selbstbewussten Anwalt und Familienvater sein omnipräsentes Mobilephone entzogen wurde, verliert er sofort die Gelassenheit, weltmännische Haltung und kriecht schon fast auf dem Boden, unfähig weiterhin am aufgeheizten Gespräch teilzunehmen.

In „Turist“ gibt es eine ganze Reihe von derartigen modernen  Alltags- und Winterurlaubsbegleitern, die schon beinahe ausserirdisch erscheinen: Elektrische Zahnbürsten, die alle Familienmitglieder besitzen, IPhone, IPad, Multikopter, Skihelme, -brillen, -schuhe, -liften, Schneekanonen, Lawinensprengmasten, Pistenraupen… Ein modernes Rittertum! Sind in dieser übertechnisierten, unter Kontrolle gehaltenen Welt noch Helden gefragt?

Ebba wird nachsichtig, traut ihrem angeschlagenen,  frustrierten Mann wieder die Führungsrolle zu. Doch die Kinder brauchen noch Märchen. Deshalb wird der Vater von der Mutter als Held inszeniert, indem er sie aus dem Nebel rettet und zurück zu den Kids bringt. Die Fiktion bleibt erhalten. Notgedrungen braucht man Männer. Sie können wenigstens die müden Kinder auf den Händen tragen, wie in der grossartigen letzten Szene zu sehen war.

„Turist” ist ein moderner, nach Perfektion strebender und absolut gelungener Film, der trotz inhaltlicher Ernsthaftigkeit sehr komisch rüberkommt.  Er hat auch einen hohen Wiedererkennungswert: Genau so sind oft die Umstände, Konversationen, Empfindungen, Selbstreflexionen, Freundschaften, Beziehungen… Antonio Vivaldis „Sommergewitter“ bringt die komischen und tragischen Momente der Geschichte virtuos und fast schon operettenhaft  zur Geltung. Eine berührende Szene, in der alle vier  nachts vereint im entsetzlichen Heulen übereinander herfallen, hat eine katharsisartige Dimension. Es gibt doch einen echten Zusammenhalt, der nicht nur im Äusseren, sondern im Inneren des Familiengehäuses existiert. 

Konklusion:  „Der Spiegel“ hat die Wirkung des Films so zusammengefasst: Wenn Sie sich von Ihrem Partner trennen wollen, dann gehen Sie am besten in die schwedische Satire “Höhere Gewalt”: Einen böseren Film über die Widersprüchlichkeiten moderner Geschlechter- und Familienbilder gibt es 2014 nicht“ (17.11.2014).  Klare Aussage, aber stimmt nicht so ganz. Auch die zwei von uns präsentierten Filme „Gone Girl“ und „Winter Sleep“ haben wesentlich mehr Potenzial zur Erhöhung der Scheidungsraten. „Turist” ist dagegen boshaft und barmherzig zugleich. Zunehmend ging es dann doch um die Krisenbewältigung, zwar ironisch gemeint, aber je nach Familienstand frei interpretierbar.

Turist, Sweden/Denmark, 118 min., from Ruben Östlund, with Johannes Ban Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Kristofer Hivju, Clara und Vincent Wettergren

The moon song

Sometimes I think I have felt everything I’m ever gonna feel. And from here on out, I’m not gonna feel anything new. Just lesser versions of what I’ve already felt. (Theodore, HER)

Liest man Artikel über wesenstypische  Eigenschaften, welche das Paarungsverhalten des Homo Sapiens beeinflussen können, begegnet man immer wieder – neben den bekannten physiognomischen Attributen –  dem Geruchssinn (oder den damit wahrgenommenen Düften), welcher als weniger offensichtliches Entscheidungskriterium bei der Partnerwahl ein massgeblicher Faktor zu sein scheint, da gewisse abgesonderte Düfte (Schweiss) als starke Lockstoffe gelten und angeblich schon fast animalische Triebkräfte freilegen können. Je nach Dossierung selbstverständlich. Und Zyklus. Bei Frauen wenigstens…

Aber welchen Stellenwert hat eigentlich die Stimme? Sicherlich hat jeder schon Aussagen à la „die hat aber ne sexy Stimme“ oder „rauchige Stimmen haben was erotisches“  vernommen oder aber, was fast noch häufiger anzutreffen ist,  eher negativ beladene Kommentare, welche bezüglich Wort-oder Stimmklang zu hören sind. Stichworte: Quitsch- oder Krächzstimmen, Männerstimmen (von Frauen) oder Frauenstimmen (von Männer) und was es sonst noch alles an nicht wohlklingenden oder erotisierenden stimmlichen Varianten gibt.  Aber wurde der Stimme wirklich je eine elementare Bedeutung beim Paarungsverhalten beigemessen?

Will man daher den wahren Stellenwert wissen,  welche die verschiedenen Einflussfaktoren (Olfaktorisch, Aestethik/Physiognomie/ Stimme/Charakter) auf dem Marktplatz der Geschlechter haben, muss man sich eigentlich nur zu jedem Punkt die Frage stellen, ob man sich in diesen alleine, von den anderen abstrahiert,  verlieben könnte. Also nur in einen (Schweiss-) Duft (Olfakorisch)? Oder allenfalls in Humor (Charakter) ? Allenfalls würden gewisse Zeitgenossen Grosszügigkeit anführen um bei den Charaktereigenschaften zu bleiben, aber auch dort könnte man wahrscheinlich nicht von einer rundum ganzheitlichen Vernarrtheit sprechen…

Wenn nach 125 min. der Abspann von „Her“, dem neuesten Werk von Spike Jonze, über den Bildschirm läuft und man – leicht paralysiert, hypnotisiert, entzückt oder entrückt –  versucht, das Geschehenen zu verarbeiten oder spezifischer, das Gesehene und Gehörte einzuordnen, wird bei vielen – zumindest bei den männlichen –  Zuschauern bald die Frage auftauchen: Habe ich mich da gerade in eine Stimme verliebt?

Sicher ist, beim Hauptdarsteller Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) war dies der Fall. Und noch besser, die Stimme auch in ihn. Glaubt er und wir jedenfalls. Und die Stimme irgendwie auch.

„Her“ spielt in nicht allzu ferner Zukunft und Theodore Twombly ist ein professioneller Briefschreiber, irgendwo im mittleren Alter, seit einem Jahr getrennt von seiner Frau, mit welcher er sein halbes Leben zusammen war. Da er diese Beziehung ganz und gar noch nicht verarbeitet hat, lebt er eher zurückgezogen und hat nur noch mit einer Jugendkollegin, welche mit ihrem Freund in der Nachbarschaftswohnung lebt, regelmässig persönlichen Kontakt. Bis er nach dem Erwerb eines neuen OS Betriebssystems, welches als revolutionäre Neuentwicklung permanent dazulernt und sich auf die Bedürfnisse des jeweiligen Users einstellen kann, sich in dessen weibliche Stimme verliebt und eine Liebesbeziehung mit „her“ beginnt.

Dieser Grundplot, welcher noch vor 10 Jahren allerhöchstens für eine durchgeknallte Science-Fiction Komödie verwendet worden wäre, wirkt trotz skurril anhörender Ausgangslage beängstigend real und echt und es sind erstaunlich wenige Momente in diesem Film, die einem den utopischen Aspekt – den es ja wahrlich noch gibt – bewusst werden lassen.  Es fliegen keine Autos oder Raumschiffe durch die Luft und die Leute tragen auch keine seltsamen weissen Schutzanzüge, sondern im Gegenteil, wenn man Joaquin Phoenix mit den bis zum Bauch hochgezogenen Hochwasserhosen mit rotem Holzfäller-Sporthemd und weissem T-Shirt darunter durch die Szenerie schlendern sieht, fühlt man sich irgendwie in die 70-er Jahre zurückversetzt, einfach vor dem Hintergrund einer Grossstadt-Kulisse, die wie eine seltsam warme Mischung aus L.A. und Tokyo anmutet (warm, da für sämtliche Innenräume und auch öffentliche Plätze und Orte freundliche Pastellfarben verwendet werden). Eine Art retro-futuristischer Stil als Designkonzept, welches dadurch aber den bewussten Bezug zur realen Welt in den Vordergrund rückt.

Schlussendlich ist dann auch die Zeitebene nur eine Randnotiz, genauso wie die – noch – utopische Annahme, dass Betriebssysteme eine quasi eigene Persönlichkeit entwickeln können.

Dass diese ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Mensch und Betriebssystem funktioniert und schlussendlich zutiefst berührt, ist zu einem Grossteil dem Drehbuch zu verdanken, welches Spike Jones mehr oder weniger im Alleingang im Verlauf von 15 Jahren geschrieben hat, welches gerade wegen dieser irrealen Ausgangslage das Wesen der Liebe an sich hinterfragen und behandeln kann und dies mit einer selten gesehenen Direktheit,  aber auch Feinfühligkeit  und Tiefe tut.  Zudem meistert die Geschichte meisterlich den Balanceakt zwischen subtiler Ueberzeichnung des technologischen Einflusses auf den gesellschaftlichen Alltag und der damit einhergehenden Isolierung des einzelnen Individuums kontrastiert mit dem unveränderten Bedürfnis nach persönlicher Nähe und der Suche nach einem erlösenden Seelenverwandten.  Das Drehbuch wurde dann auch fast unvermeidbar mit sämtlichen wichtigen Filmpreisen im 2014 ausgezeichnet (Oscar, Golden Globe, Writers Guild of America Award, Critics‘ Choice Award). Dies ist insofern bemerkenswert, als das Spike Jonze in der Vergangenheit nicht gerade durch zart-poetische Werke auf sich aufmerksam gemacht hat, sondern als Erfinder von der MTV-Serie „Jackass“ den internationalen Durchbruch feierte und mit seinem Spielfilmdebüt, der durchgeknallten Surreal-Komödie „Beeing John Malkovich“, seinen Ruf als unberechenbaren aber genialen Filmemacher begründete.

Der andere Erfolgsfaktor dieses Streifens ist dann nicht zuletzt auch in der Besetzung zu finden, allen voran Joachin Phoenix (Gladiator, It’s all about Love, Walk the Line, The Master), der mit seinem höchst zurückhaltendem Spiel es schafft, dass sich sämtliche Gefühlszustände, welche er in dieser Tour de Force durchläuft, auf eine unaufgeregte Art und Weise in seinem Gesicht und durch sein Wesen reflektiert werden und dadurch die völlige Anteilnahme an dieser Geschichte ermöglicht, auch in den dialogfreien Momenten.

Zu guter Letzt wären wir wieder bei dem einleitenden Thema, genau, der Stimme. Gesprochen wird diese von Scarlett Johansson, welche erst in der Postproduktion dazu gestossen ist und Samantha Morton (Minority Report, Cosmopolis) ersetzte, nachdem diese den ganzen Film schon abgedreht hatte (gem. Jonze eine seiner schwierigsten Entscheidung in seinem Leben – welche er nicht begründen könne – reine Intuition). Mal abgesehen von der im Raum stehenden These, dass die Stimme einer bekannten Person, von welcher man ja die äussere Hülle schon kennt und demzufolge diese auch nur beim Wahrnehmen der Stimme projektziert,  sowie auch unter Ausblendung der sehr einfühlsamen Dialogen ihrerseits, welche sämtliche anziehenden Elemente, wie Humor, Unsicherheit, Neugier, Erregung, Freude und Trauer beinhalten und dadurch automatischen eine menschliche Wirkung entfalten, muss trotzdem einfach mal auf die rein stimmliche Qualität hingewiesen werden, welcher man unter dem visuellen Eindruck der Gesamtperson tendenziell sicherlich zu wenig Beachtung schenkt. Um sich jetzt nicht komplett der Lächerlichkeit preiszugeben und etwelchen Versuchen zu verfallen, die Stimme an sich jetzt lang und breit zu beschreiben, anbei eine Hörprobe von dem berührenden Stück „The Moon Song“,  welcher das musikalische Herzstück von „Her“ ist:(ursprünglich interpretiert von Karon O)

Ich überlasse es somit jedem Hörer, die einleitende Frage für sich abschliessend zu beantworten…

Konklusion: „Her“ ist eine zutiefst poetische, zärtliche und hochintelligente Versuchsanordnung über die Liebe in jeglicher Form, losgelöst von konventionellen Schranken und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Ein Balanceakt zwischen feiner gesellschaftskritischer Groteske über die Einflüsse der ausufernden technologischen Entwicklungen und melancholischer Liebesgeschichte, gespickt mit schonungslos, tieftraurigen Wahrheiten und wahren lyrischen Schönheiten….Irgendwann in naher Zukunft und irgendwo in einer grossen Stadt auf der Welt. Und darüber spielt „The Moon Song“.

Prescription for: Romantic-Manicas, Lovers, lovers’ grieve, Feeling lonely, poetic lovers, in love with Siri and/or I-Phone, phone sex lovers

Listening to: Anywhere I Lay My Head is the debut studio album by American actress Scarlett Johansson, released on May 16, 2008 by Atco Records (contains four songs written by Tom Waits, six songs written by Waits and his wife Kathleen Brennan,)

Her, USA 2013, Director Spike Jonze, 126 min. with Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde, Scarlette Johansson

 

 

Till Death Do Us Part – Gone Girl

 

Es gibt eine kleine erlauchte Gruppe von Regisseuren, wo man grundsätzlich davon ausgehen kann, dass jedes ihrer Werke ein hohes Mass an unterhaltsamen spannenden Filmgenuss verspricht, selbst dann noch, wenn sie die Herbstedition des Neckermann-Kataloges verfilmen würden.

Einer von dieser Gruppe ist zweifelsohne David Fincher. Seine Filmografie liest sich wie die Auflistung der besten – oder die sich zuweilen am tiefsten ins Gedächtnis eingenisteten – Thriller-Klassiker seit den 90-er Jahren,  u.a. „Se7en“, „The Game“, „Fight Club“, „Panic Room“, „Zodiac“ und „The Girl with the Dragon Tattoo“. Zusätzlich sind da noch die “non-thriller” Evergreens à la „The Curious Case of Benjamin Button“, „The Social Network“ zu erwähnen, nicht zu vergessen die aktuell laufende vielgepriesene TV-Politshow „The house of cards“ auf Netflix.

Wenn also der ehemalige Werbe- und Musikclipregisseur einen neuen Film präsentiert, ist Grund zur Freude angesagt, sofern man Freude hat,  an düsteren, zynischen und abgefahrenen Ausflügen in die dunklen Seiten der menschlichen Existenz, welche von Fincher inszenatorisch immer mit einer distanziert kühlen,  wuchtig kraftvollen und hyper-stylischen Art umgesetzt werden, die bevorzugten Farbtöne sind Grau, Blau und Braun. Zudem zieht sich durch sein Oeuvre seine Vorliebe für „ungewöhnliche“ sprich unvorhersehbare Geschichten, welche gerne die konventionellen Erzählstrukturen strapazieren, die Erwartungshaltung der Zuschauer unterwandern und auch gerne zwischen verschiedenen Genres umherspringen und fast immer mit einem unterwartet abgefahrenem Ende aufwarten können.

So ist also auch „Gone Girl“, die Verfilmung vom gleichnamigen Bestseller-Roman von Gillian Flynn (welche auch das Drehbuch mitverfasste), wo ein Ehemann (Ben Affleck) aufgrund seiner am helllichten Tag spurlos verschwundenen Ehefrau (Rosamunde Pike) unter Mordverdacht gerät, in der Grundkonzeption als klassischer Whodunit Psycho-Thriller angelegt, er entwickelt sich aber dann schleichend immer mehr in Richtung eines Psychogrammes eines sich entfremdenden Ehepaares oder der Sezierung des zwischenmenschlichen Beziehungsschemas ganz grundsätzlich, versetzt mit Ansätzen einer Mediensatire, bis er dann über Fetzen von Horror-Slasher Versatzstücken in einem typisch zynisch-perfiden Fincher-Finale mündet…

Getragen wird der – keine Sekunde langweilige – 150 Min. lange Streifen absolut souverän von Ben Affleck und Rosamunde Pike (ex Bond Girl Miranda Frost – Die Another Day), „der dem Zuschauer in von den Twists, Ueberraschungen und der konsequenten Darstellung moralischer Verdorbenheit Schwindelgefühle verursacht“ (Empire Magazin).

By the way: Ausführende Produzentin ist Reese Witherspoon, welche sich die Recht an dem Roman als erste unter den Nagel gerissen hatte. Sie war auch im Gespräch – neben Nathalie Portman, Charlize Theron und Emely Blunt, die Hauptrolle der Amy Dunne zu übernehmen.

Conclusion: Fincher ist zurück mit der Demontage einer amerikanischen Vorzeigeehe. Hochspannend, perfide, abgedreht, verwegen, smart und stylisch gepaart mit einem gehörigen Schuss schwarzem Humors. Frisch verheirateten, glücklichen oder gar verlobten Paaren wird dringendst vom Konsum dieses Filmes abgeraten!

Prescription for: Lover’s Grief, marriage problems, problems with the parents-in-law, facing a media shit storm, people under pressure

http://www.gonegirlmovie.com/