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Ouroboros – The serpent eating its own tail

Diejenigen von uns, die den Frühling des Lebens bereits durchschritten und die 80-iger Jahre noch aus persönlicher Erfahrung im Gedächtnis haben, werden sich die Geschehnisse stets vor Augen führen können, in denen Michael J. Fox, alias Marty McFly, im ersten Teil der „Back to the Futures“ Trilogie, in der entscheidenden Szene – quasi dem vorgezogenen Showdown – des High School Abschlussballs, die Avancen seiner eigenen Mutter zurückweisen musste, damit diese nicht noch der Möglichkeit beraubt wurde, ihre – für sie natürlich unbewusste – 2. Wahl, seinen eigenen Vater, kennen zu lernen, damit Marty McFly danach überhaupt erst  gezeugt werden konnte. Es ist obsolet zu erwähnen, dass Marty McFly nur deshalb in diese – sagen wir – heikle Situation geriet, da er die physikalischen Naturgesetze – mittels einem DeLorean DMC-12 Sportwagen – überwinden konnte und 30 Jahre zurück in die Vergangenheit gereist war und zwar in seine Prä-Geburts sprich Prä-Zeugungs Periode, was absehbar – zum Vergnügen des Publikums – allerlei Turbulenzen – nicht nur bei seiner Mutter – auslöste.

Seit Bestehen der Filmindustrie sind Zeitreisefilme ein beliebtes Motiv und es sind vermutlich Hunderte von Werke, welche dieses Thema in der einen oder anderen Weise behandeln, referenzieren oder touchieren. Sei es in einer rein unterhaltenden Action-Spassvariante wie die angetönte „Back to the Futures“-Trilogie, sei es in der Form einer Slapstick Komödie, wie der Kultstreifen „Groundhog Day“, nicht zu vergessen Woody Allen’s Beitrag „Midnight in Paris“, oder dann actionhaltige Adrinalinkracher wie die „Terminator“ – Reihe, „Edge of Tomorrow“ – welcher als Actionversion von „Groundhog Day“ bezeichnet werden kann. Rein thematisch aber gehört das Zeitreisemotiv zwingend dem Science Fiction Genre zugeordnet, welches auch die cineastische Geburtsstätte dieses „Einfalles“ war und demzufolge auch die meisten Variationen anzubieten weiss. Mit einem Horror-Mystik-Drama Einschlag à la „Donnie Darko“, im Gewand eines philosophischen Actiondramas à la „Looper“, als Actionthriller wie Spielbergs „Minority Report“ oder – wie der jüngste Film von Wonderboy Chris Nolan – „Interstellar“ – mittels dem elegisch-apokalyptisch-philosophisch-melodramatisch-bombastischen Auftritt.

Obschon rein akademisch betrachtet, Zeitreisen keine absolute Fiktion per se sind (ausgehend von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie, die Schwerkraft als Krümmung der Raumzeit durch Energie und Materie beschreibt, sollte dieses Kunststück tatsächlich möglich sein), aber allenfalls noch ein Weilchen ins Lande ziehen wird, bis wir vor den Verführungskünsten unserer Grossmütter das Weite suchen müssen, ist die Attraktivität des Themas in den immens zahlreichen Auslegungsmöglichkeiten und Versuchsanordnungen der unterschiedlichsten philosophischen Fragen zur Existenz, zu unserem Wesen, unseren Triebkräften etc. zu suchen, welche so auf unterschiedlichste Weise durchgespielt werden können, nur um die aufgestellten Thesen und Reaktionen wieder mit neue Paradoxien zu brechen. Was in letzter Konsequenz zu einem cineastischen Ouroboros führen kann – Die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst…“ – ein Thema, dem sich auch schon Friedrich Nietsche mit seinem Ansatz “der ewigen Niederkunft” oder “der unendliche Wiederholung aller Ereignisse”ausführlich gewidmet hat – “Allem Zukünftigen beisst das Vergangene in den Schwanz”.

ouroboros

Eines der wohl beliebtesten und auch häufigsten beleuchteten Parodoxon  – und dies wohlgemerkt nicht nur in Zeitreisefilmen – ist wohl die ultimative philosophische  Ei- oder Huhn Frage: Free Will versus Predestination – können wir unser Leben selber bestimmen oder ist von Anfang an alles schon festgelegt?

Und in der Essenz um genau diese Frage kreist sich der im Februar 2014 im deutschen Raum direkt im Heimkino erschienene Streifen „Predestination“, von den Spierig Brothers (Daybreakers) mit Ethan Hawke, der bei den diesjährigen AACTA (Australischer Pendent zum Oscar) 9 Nominierungen (u.a. Besten Film, Adaptiertes Drehbuch, beste Regie) einheimste und Sarah Snooke den Award für die Best Leading Actress abholen konnte. Das ebenfalls am Toronto After Dark Film Festival als bester Sci-Fi Film von 2014 ausgezeichnete Werk, darf tatsächlich als Geheimtipp eingestuft werden, da mit einem Budget von ca. USD 2 Mio. gedreht und – ausser Ethan Hawke –  keinerlei bekannte Darsteller vorkommen und wenn ich nicht den expliziten Tipp erhalten hätte, würde ich jetzt sicherlich nicht darüber berichten, da Ethan Hawke in Action- oder SciFi Filmen nicht unbedingt gerade die zwingende Referenz ist (im Gegensatz zu seinen Beziehungsstudien, im Speziellen in Kombination mit Richard Linklater) und auch das Filmcover mehr nach abgestandenem oder mehrfach durchrecycletter Sci-Fi-B-Movie Actionkracher anmutet. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil. Auch wenn das Intro und noch ein, zwei zusätzliche Szenen einige actionhaltige Passagen beinhalten, also Hawke mit Pistole, ist der überwiegende Teil des Films eine Mischung aus Biopic und Kammerspiel zwischen Hawke und Snooke, stattfindend in einer Bar irgendwo in New York City irgendwann in den frühen 70-iger Jahren. Ausgehend von einer Wette um eine Flasche des besten Bourbons in der Bar, wer die spektakulärere Real Story auf Lager hat, erzählt dort ein Mann an der Theke dem Barkeeper sein Leben, das unter anderem daraus bestand, dass er eigentlich als Mädchen auf die Welt gekommen, von den Eltern verlassen in einer Waisenkrippe abgelegt und im Waisenhaus aufgewachsen ist, als junge Frau ins Rekrutierungscamp der Space Corps aufgenommen und nach Feststellung anatomischer Anomalien wieder rausgeworfen worden ist,  dann sich verliebt in einen älteren Mann, dann geschwängert und verlassen von dem älteren Mann, ihr Baby unmittelbar nach der Geburt aus dem Krankenhaus von anderem unbekannten Mann gestohlen, anschliessend von dem Arzt, welcher sie unterbunden hat,  gegen ihren Willen einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, dann – nun neu als Mann, John, – einen Job antritt, als Rubriken-Schreiber von fiktiven Lebensbeichten für ein Ratgebermagazin unter dem Synonym „Unmarried mother“. Verbittert und immer noch unermesslich tief verletzt von dem älteren Mann, der sie/ihn geschwängert und wortlos, abrupt und ohne Begründung für immer verlassen hat. Die einzige Liebe in seinem/ihrem Leben. Dazumal vor 20 Jahren, als er noch eine junge Frau war.

Stark herausgefordert von dieser spektakulären Geschichte, enthüllt der Barkeeper, dass er eigentlich kein Barkeeper ist, sondern ein Temporal Agent, ein Zeitreise Agent aus der Zukunft, der die Aufgabe hat, vergangene grosse Verbrechen zu verhindern und er nur an diesen Zeitpunkt in die Vergangenheit gereist ist, weil im März 1975 der sogenannte Fizzle Bomber 11‘000 Menschen inmitten New York City töten wird und seine Mission es ist, dies zu verhindern.

Der Barkeeper rsp. Temporal Agent bietet John darauf aber an, in die 50er Jahre zurückzureisen, an den Zeitpunkt als John noch Jane war und sie den besagten älteren Mann kennenlernte, um sich für sein grausames Verhalten ihr gegenüber zu rächen. Dies weil der Temporal Agent diesen Mann kennt und er ihn/sie zu ihm führen kann…

Wer gewinnt nun die Bourbon Flasche…?

„Predestination“ basiert auf der 1959 veröffentlichten Kurzgeschichte „- all you Zombies -„ von Robert A. Heinlein (1907 – 1988, u.a. Starship Trooper), welcher einer der erfolgreichsten Science Fiction Schriftsteller überhaupt gewesen ist und zusammen mit Isaac Asimov (I, Robot) und Arthur C. Clarke (2001: Odyssee im Weltraum) zu den sogenannten „Big three“ in diesem Genre zählt. Neben der eher nebensächlichen aber amüsanten Tatsache, dass er 1957 in seinem Roman „The Door into Summer“ vom ersten Wasserbett berichtete und dann in „Space Cadet“ vom ersten Handy, 35 Jahre vor dessen Erfindung (durch Motorola), sind in seinen Werken die Gravitas der persönlichen Freiheit und Selbständigkeit ein latent vorhandener thematischer Grundton, welcher auch in „-all you Zombies –„ unüberhörbar ist, obschon das Spiel mit Identität, Zeit, Raum und der Frage nach unserem tatsächlichen – metaphysischen – Handlungsspielraum im Vordergrund steht.

Die Verfilmung der Spierig Brother (eineiige Zwillinge, Jg 1976) hält sich sehr eng an die literarische Vorlage und zeichnet sich – neben dem behutsamen Aufbau der Geschichte unter konstantem Einflechten von versteckten Hinweisen – auch deshalb aus, weil formal auf die gewohnt spektakuläre Inszenierung des Vorgangs der Zeitreise an sich völlig verzichtet wird und sich ausschliesslich auf die Darstellung eines ausrangierten Geigenkoffers beschränkt, welcher der Temporal Agent bei sich trägt und mittels Einstellung der gewünschten Jahreszahl in dessen Zahlenschloss dann auch schon in dem gewünschten Jahr landet. Das Weglassen oder das Reduzieren der genretypischen visuellen Knalleffekten hat die Verdichtung der ohnehin schon intensiven und verwirrenden Story als Folge, welche gegen den Schluss eine nochmalige ruckartige Beschleunigung einlegt und dem Zuschauer eine Kaskade an Wendungen, Drehungen und Wiedersprüchen entgegenschleudert und im Zustand der völlig staunenden und erschöpften Verwirrung  verabschiedet. Dies alles aber nie zum Selbstzweck oder suggestiven Effekthascherei, sondern als vielschichtige Inszenierung des Ouroboros-Paradoxon.

“You know who she is, and you understand who you are, and now maybe you’re ready to understand who I am “…sagt der Bartender einmal. Will you?

Konklusion: “Predestination” überzeugt gleichermassen als philosophische Uebungsanlage wie als spannendes Zeitreise-Thrillerdrama, welches im Science Fiction – Zeitreise Genre neue Massstäbe in Bezug auf Storytwists und verschachtelte Erzähltechnik setzt, durch die enge Anbindung an die literarische Vorlage aber gleichwohl die innere Schlüssigkeit beibehält. Die intensive Schauspielleistung von Ethan Hawke und Sarah Snooke und die effiziente und verdichtete Dramaturgie in dem stillvollen Retro-Look machen diesen mehrfach ausgezeichneten und hochgelobten Low-Budget Streifen zu einem brandheissen Geheimtipp und animiert zur mehrmaligen Konsumation. Mindfuck pur, der nachhallt.

Prescription for: Identity problems, self-discovery, transgender, persistency, dealing with set backs, Nietsche lover, philosophical interests

Predestination, AU 2014, 97 min. , directed by Michael and Peter Spierig, with Ethan Hawke, Sarah Snook