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The Sheep says Yes: Papertowns

 

Es gibt Momente, da tut Rückbesinnung auf die eigene Jugend gut und was könnte dabei hilfreicher sein, als ein Film, der es schafft, Empfindungen und Emotionen aufflammen zu lassen, die schon längst unter den Eindrücken und Strukturen des späteren, „realistischeren“ und oftmals desillusionierten Ballastes des Erwachsenenlebens irgendwo in den dunkelsten Ecken des Bewusstseins ins Vergessen geraten zu sein schienen.

„Paper Towns“ oder „Margos Spuren“ nach der Romanvorlage von John Green („Das Schicksal ist ein mieser Verräter) ist so ein Film.

Die Geschichte von Q, oder mit bürgerlichem Namen Quentin Jacobson, der sich als kleiner Bub unsterblich in das Nachbarsmädchen verliebt, die Kinderjahre dann auch mit ihr verbringt – sogar mal mit ihr eine Leiche findet – aber dann in der Highschool den Kontakt verliert, da er sich eher zu einem pflichtbewussten, ambitiösen Schüler entwickelt, während sie eher in Richtung unzähmbares, geheimnisvolles Wild Girl geht und sich dabei natürlich auch auf einer ganz anderen sozialen Hierarchiestufe im schulhausinternen Sozialranking bewegt als er, der noch nie wirklich an einer der berühmt-berüchtigten Saufgelagen in Häusern abwesender Eltern teilgenommen hat. Bis sie plötzlich eines Nachts bei ihm auf der Fensterbank vor seinem Schlafzimmer sitzt und ihn bittet, ihr bei einer nächtliche Rachetour – ihr Freund hat sie betrogen – Wache zu stehen, was er natürlich trotz seiner Natur nicht ausschlagen kann und er ihr im Verlaufe  dieser bewegten Nacht zum ersten Mal im Leben im romantischen Sinne nahekommt. Doch am nächsten Tag erscheint sie plötzlich nicht mehr in der Schule. Sie verschwindet spurlos. Q und seine Freunde entdecken aber überall kleine versteckte Hinweise zu ihrem möglichen Aufenthaltsort, die sie anscheinend speziell für Q hinterlegt hat….

Ein wenig Coming-of-Age Geschichte über die persönlichen Lebensträume und die Suche nach seiner Identität, ein wenig nachdenkliches High-School Drama über das unwiderrufliche Ende der Jugendzeit und den damit verbundenen Freundschaften, ein wenig Road-Movie und natürlich die Suche nach der grossen (Jugend-) Liebe…aber alles serviert mit einem witzigen und jugendlich-lockerem Unterton, unaufgeregt, lebensecht und ohne jegliche bedeutungsschwangeren oder sonstige hochtrabende  Regiekapriolen. Und mit Shootingstar Nat Wolf („Palo Alto“, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) und Topmodel Cara Delevinge  („The face of an Angel“) hoch sympathisch besetzt.

“Also, wie ich die Sache sehe, erlebt jeder irgendwann mal ein Wunder. Ich meine, es ist zwar unwahrscheinlich, dass ich vom Blitz getroffen werde oder einen Nobelpreis kriege, Diktator eines Inselstaats im Pazifik werde, an Ohrenkrebs sterbe oder mich spontan selbst entzünde. Aber wenn man alle unwahrscheinlichen Dinge, die passieren könnten, zusammennimmt, ist es wahrscheinlich, dass jedem von uns zumindest einmal etwas davon passiert.”

Eine Erkenntnis, an der Q am Ende des Filmes festhalten wird, obschon er sich eingestehen muss, dass er sich bei vielen anderen Dingen geirrt hat und seine Sicht darauf korrigieren muss. Dies nicht resignierend oder verbittert, sondern dankbar für all das Erlebte und die daraus resultierten Erkenntnisse. Und das Feuer brennt mehr denn je für den Rest seines kommenden Lebens.

effect: heart-warming, depression-reliefe, mental revitalising, rediscovering of boyhood memories

Paper Towns, US 2015, 109 Min., Directed by Jack Schreier, with Nat Wolf, Cara Delevinge

Palo Alto oder Das kleine Mädchen im weissen Kleid

 

Aufblende: Wir sehen ein kleines Mädchen in einem weissen Kleid, das einem wuscheligen braunhaarigen kleinen Hund auf der grünen Rasenfläche, welche sich unterhalb der Veranda bis zu den Weinbergen hinzieht, hinterher rennt, bald aber innehält und den Kopf zur Veranda dreht, wo ihr Grossvater in einem Schaukelstuhl sitzt, eine Zigarre in der Hand hält und hinter der Zeitung ihr freundlich entgegen lächelt. Wir schreiben das Jahr 1989 und befinden uns auf einem Weingut im Napa Valley in Bundesstaat Kalifornien. Das kleine Mädchen ist gerade mal 2 Jahre alt und heisst Gian-Carla benannt nach ihrem Vater Gian-Carlo, welcher 2.5 Jahre davor, als ihre Mutter noch mit ihr im zweiten Monat schwanger war, in einem Bootsunfall grauenvoll geköpft wurde. Er fuhr nicht selber, sondern der Sohn von Filmstar Ryan O’Neal, Griffin, welcher im Hafenbecken zwischen zwei Booten durchfahren wollte und übersehen hatte, dass diese durch eine Schleppleine verbunden waren. Was Gian-Carla, später nur noch Gia genannt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss ist, das ihre Mami, Jacqui de La Fontaine, gerade mal zarte 21 Jahre alt, bald einen neuen Mann kennenlernen und 10 Jahre später heiraten sollte. Sein Name ist Peter Getty, ein Nachkomme vom Oelbaron Jean Paul Getty, welchem mit dem Getty Museum ein Denkmal gesetzt wurde. Peter’s Vater war ebenfalls ein steinreicher Wohltäter, welcher sein Oelgeschäft für 10 Milliarden an Texaco verkauft hatte, aber neben seiner Musterehe noch eine Parallelexistenz mit einer Geliebten führte. So erfuhr Peter erst kurz vor der Hochzeit mit Gia’s Mami, dass er noch drei Halbgeschwister hat. Peter’s Onkel musste mit 60 in eine Entziehungskur, seine Tante starb an einer Ueberdosis Heroin, sein Cousin Jean Paul Getty III. knallte sich nach seiner Entführung (ihm wurde dabei sein Ohr abgeschnitten, weil sein Grossvater, eben Jean Paul, der mit dem Museum, nicht zahlen wollte) so lange mit Drogen zu, bis ihn der Schlag traf und er zum Pflegefall wurde. Was Gia zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wissen konnte war, dass ihr Grossvater, der auf dem Schaukelstuhl, welcher ihr gütig hinter der Zeitung zuzwinkerte, ihrer Mami 2 Jahre später, zu ihrem vierten Geburtstag, ein Haus in den Hollywood Hills schenken würde und ihre idyllische Zeit auf dem Weingut im Nappa Valley damit enden würde. Dafür würde das Haus, welche ihre Mami, die ein wenig wie Ali MacGraw (Synonym für weiblichen Hippietyp, dunkelhaarig und extrem attraktiv) aussah und einen Stil zwischen Hautevolee und Boheme-Chic pflegte und die neue Bleibe auch dementsprechend einrichtete, später die mythische Partyzentrale von L.A. werden. Wenn Gia dann in dem neuen Haus Geburtstag feiern würde, kämen viele neue Freunde aus der Stadt zu Besuch, Leonardo , Demi, Jack, Kate und wie sie alle heissen. Ihr Cousin Nicolas würde Karaoke singen und ihre Tante Sofia würde ihr eine selbstgebackene Torte mitbringen. Was das kleine Mädchen schlussendlich gar nicht wissen konnte, an dem Zeitpunkt, wo sie vom Hund abliess und wieder über die grüne Rasenfläche in Richtung ihres Grossvaters auf der Veranda, Francis Ford, rannte, lachend und kreischend, war die Tatsache, dass sie 26 Jahre später, ihren ersten Film als Regisseurin rausbringen und damit die Familientradition in die nächste Generation fortführen würde. Nach Francis Ford und Sofia. Coppola. Abblende.

Ihr erster Film heisst „Palo Alto“, nach dem gleichnamigen Roman von Multitalent James Franco (u.a. auch Schauspieler „127 Hours“, „Spring Breakers“), welcher darin seine Collegezeit in dieser kalifornischen Kleinstadt in diversen Kurzgeschichten beschreibt, in welchen sich eine Gruppe Jugendlicher mehrheitlich mit Sex, Drogen und Alkohol auf ihr späteres Erwachsenenleben vorzubereiten versucht und zwischen Identitätssuche, erstes Verlieben, provokativen Auflehnungen gegen die Autoritäten, Grenzüberschreitungen und tiefer Einsamkeit und Unsicherheit oszilliert. Das Buch war, trotz gelegentlich krassen Einschüben, sehr zurückhaltend geschrieben, in einem guten Sinne unspektakulär und alltäglich und bekam gerade dadurch eine sehr realistische, ja fast schon dokumentarische Note. Diesem Geist blieb auch Gia Coppola treu, was James Franco wohl auch erahnte, als er ihr die Rechte an der Verfilmung abtritt und ihr nicht nur die alleinige Entscheidungshoheit über jedes Gebiet (Casting, Endschnitt etc.) überlies, sondern auch gleich die ungefähre USD 1 Mio. Finanzierung bereitstellte, so dass auch keine Studios oder sonstige Geldgeber in den kreativen Prozess von Madame Coppola reinreden würden. Ein ungewöhnlich hoher Vertrauensvorschuss in eine 26-jährige Frau, ohne jegliche Regie-Erfahrung, welcher aber die herausragende Stellung unterstreicht und erklärt, welche James Franco im zeitgenössischen Kulturbereich geniesst, gerade auch wegen seiner Gabe junge Talente zu entdecken und fördern. Er wird ja schon seit längerem als kreativer Genius der Generation X gehandelt, da er ja nicht nur Schriftsteller und Schauspieler ist, sondern auch Regisseur, Drehbuchautor und Maler. Sein Oeuvre reicht von „Spider-Man“, „Die fantastische Welt von Oz“ über „Milk“ bis zu „Everything will be fine“ – die Zusammenarbeit mit Wim Wenders – oder Ausstellungen im MoMa PS1 zusammen mit Gus Van Sant. Wie viele andere ambitionierte Berufskollegen benutzt er das im Mainstream verdiente Geld um seine künstlerischen Herzensprojekte zu finanzieren, was „Palo Alto“ logischerweise ist. Das Geld darf man dann auch hier als effizient eingesetzt sehen. Viele der Darsteller sind das erste Mal in ihrem Leben vor der Kamera gestanden, die Kleider durften die Jugendlichen selber von zu Hause mitnehmen und auch viele Szenen sind gleich in deren realen Häuser u.a. auch Schlafzimmer gedreht worden. Auch die Settings sind so authentisch wie möglich gehalten worden, viele Szenen spielen auf Fussplätzen, Vorhöfen, Spielplätze und eben halt einfach zu Hause. Dass trotz diesen geerdeten Ansätzen kein muffiges Jugenddrama herausgekommen ist, sondern ein höchst ästhetisches Filmsoufflé, unterlegt mit einem zart-melancholischen Soundtrack, welcher die hypnotische Spannung dieser rauen und schlussendlich tieftraurigen Geschichte noch verstärkt, verwundert einem dann aber doch nicht wirklich. Denn eben, die Coppolas müssen es in den Genen haben und der Geschmack der Mutter, diese Mélange aus Hautevolee und Boheme-Chic, welche auch ihre Cousine Sofia zelebriert, hat die Tochter gänzlich übernommen. Verbunden mit einer filigranen Sensibilität für die Schönheit der alltäglichen Dinge und einer tiefen Empathie für das menschliche Wesen, darf man auch von Gia noch Grosses erwarten und dies zu recht. „Palo Alto“ ist thematisch und atmosphärisch eigentlich nur mit dem Filmklassiker „The last Picture Show“ von Peter Bogdanovich aus dem Jahre 1971 vergleichbar, welcher als einer der wichtigsten und einflussreichsten Filme des amerikanischen Kinos gilt. Vielleicht hat das kleine Mädchen auf der grünen Wiese es schon dazumal gespürt, dass es das Leben doch irgendwie gut mit ihr meinen wird.

Konklusion: Es gibt Menschen, die sind mit einer aussergewöhnlichen Intelligenz, Kreativität und Sensibilität, sowie mit einem Auge für die Schönheit der Dinge gesegnet. Und können zudem ihre Wahrnehmungen in filmische Reflexionen umsetzen. Mit Gia Coppola und James Franco, zwei angehende kreative Ikonen der Generation X und Y, treffen 2 solcher hochbegabten Menschen in diesem Erstlingswerk zusammen und dieser kreative Superclash ist in jeder Sekunde des Films spürbar. Nicht mit Exaltiertheit und extravaganten kreativen Einfällen. Keine Posen. Sondern durch eine poetische Feinfühligkeit, mit welcher das letzte Collegejahr einer Gruppe Jugendlicher in Palo Alto gezeigt wird und den Fokus auf die kleinen Dinge vor und nach den Ereignissen richtet. Und schlussendlich über das unwiderrufliche Ende der Jugend und der Unschuld reflektiert.  Emma Roberts (hat was von Amanda Peet) und James Franco führen kongenial eine Darstellerriege an, welche zumeist keine Kameraerfahrungen mitbringen und dadurch eine authentische fast schon semidokumentarischen Note einbringen. Der Soundtrack ist hypnotisch und der Film insgesamt wie ein trauriger Traum. Immer wenn es zu schmerzhaft werden droht, wacht man auf. Der Traum aber bleibt haften.

Prescpriction for: Identity crisis, adolescence issues, loneliness, insecurity,  first love

Listen to: Palo Alto Soundtrack (Devonté Hynes, Robert Schwartzman) 

Palo Alto, US 2013, 100 Min., from Gia Coppola, with Emma Roberts, James Franco, Jack Kilmer, Nat Wolff, Van Kilmer 

All you need is Love – Love&Mercy

 

Die meisten Spielfilme über die realen oder fiktiven Musikidolen würde ich auf einer Bewertungsskala von sehr gut bis hervorragen platzieren. An Filme, die nur gut waren, kann ich mich nicht erinnern, schon gar nicht an einen darunter. „Amadeus“ (ein Klassiker des Genres, 1984, Miloš Forman), „Sid und Nancy“(Liebesgeschichte zwischen Nancy Spungen und dem Sex Pistols-Bassisten Sid Vicious, 1986, Alex Cox), „The Doors“ (Jim Morrison, 1991, Oliver Stone), „ Almost Famous“ (2000, Cameron Crowe), „Ray“ (Ray Charles, 2004, Taylor Hackford), “Walk the Line“ (Johny Cash, 2005, James Mangold),„Control“ (Ian Curtis, 2007, Anton Corbijn), „Liberace“ (2013, Steven Soderbergh), „Danny Collins“ (Steve Tilston, 2015, Dan Fogelman)…

Das neue Biopik „Love&Mercy“ von Bill Pohlad („Wild“, „12 Years a Slave”, „Into the Wild“) über Brian Wilson (Beach Boys kreativer Kopf) ist keine Ausnahme. Woran liegt es? Wieso werden Musiker von Cineasten dermassen gut verstanden? Obwohl fast alle Filme dem gleichen Muster folgen – Erfolg – Alkohol, Drogen, Groupies – Absturz – Comeback oder Tod, ist jeder einzelne sehenswert. Es mag daran liegen, dass die Filmemacher den gleichen Tücken des Berühmtseins ausgesetzt sind und genau so an Ruhm, Verzweiflung und Kreativitätsverlust leiden wie ihre Kollegen aus der Musikbranche. Nicht zuletzt liegt es an der herrlichen Musik, an heiss geliebten Songs, die uns immer wieder aufs Neue inspirieren, alle Eskapaden ihrer Erfinder unbedeutend erscheinen lassen und so implizit eine Rehabilitation versprechen.

Den jungen Bryan Wilson spielt der ihm optisch sehr ähnliche Paul Dano (Nebenrollen in „Little Miss Sunshine“, „Taking Woodstock“, „12 Years a Slave”, „Prisoners“). Eine hervorragende und mutige Leistung, da er versucht das innere Leben und die kreativste Phase seines Protagonisten akribisch genau und schonungslos darzustellen. Nur am Rande werden die Extravaganzen des Popidol-Daseins skizziert: ein im Sandkasten stehender Flügel oder ein grosses Baldachin-Zelt mitten im Wohnzimmer – für den ungestörten Drogenkonsum und interne Gespräche der Bandmitglieder.

Was an diesem Film so gelungen ist, sind die Entstehungsgeschichten der berühmtesten Lieder von Wilson – z.B. „Good Vibrations“ oder seine Zusammenarbeit mit Studiomusikern für das Konzeptalbum „Pet Sounds“. Die Proben und Aufnahmesessionen im Studio wurden in der körnigen Sequenz einer alten Dokumentation gefilmt. Die Zuschauer sind fast schon live dabei – so lebendig und eindringlich werden diese erfüllenden Schaffungsprozesse dargestellt! Paul Dano ist überhaupt nicht verlegen, was die eher peinlichen körperlichen Makel angeht – sein quälend über den Hosenbund hängender Bauch, Doppelkinn, schmale Schulter sind omnipräsent in vielen Szenen. So kommt er allzu menschlich rüber – ein junger Mann, der sich wie ein Kind am Sandkasten des Lebens bedient, und alle Anstrengungen aus seinem Verstand verbannt – außer Musik. Um ein perfektes Lied hinzukriegen, scheut er keine Mühen. Seine Visionen stützen sich auf die absolut klaren Vorstellungen darüber wie die perfekten Kompositionen zu erreichen sind. Diese ständige Suche nach Perfektion, gepaart mit exzessiven Drogenkonsum, treibt Brian schlussendlich in den Wahnsinn.

Einen schwächeren Part (Brian Wilson in 20 Jahren) spielt John Cusak, der sich bestens mit verzweifelten Existenzen auskennt („High Fidelity“, „Amerika`s Sweethearts“, „Maps to the Stars“). Die Musik ist ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, aus dem einst herausragenden Musiker ist ein Wrack geworden. Obwohl Brian aussieht wie ein gealterter Mann, benimmt er sich wie ein Kind (absolut glaubwürdig dargestellt von Cusack). Dies wird von seinem Vormund Dr. Eugene Landy ausgenutzt. Den cholerischen und hinterhältigen Doktor spielt Paul Giammatti, der für Schurkenrollen in Hollywood zuständig ist, exzellent.

Dieses abgekartete Spiel durchhaut die sympathische Cadillac -Verkäuferin Melinda (Elizabeth Banks), bei welcher Brian ein Auto bestellt. Ihr übertriebener Sinn für Mode (XXL-Schulterpolster, knallige Farben, trashiger Schmuck, in der Starre einbetonierte gelbliche Haarlocken – alles Sünden aus den späten 80-ern) steht im Kontrast zu ihrem sanften Wesen. Mit viel zurückhaltender Neugier und Geduld begegnet Melinda den 24 Stunden unter Beobachtung stehenden Brian. Sie versucht etwas Glück und Normalität in sein aus Verboten und Einschränkungen bestehendes Leben einzupflanzen. Bedienungslose Liebe ist das Einzige, was dem immer noch unter der Lieblosigkeit seines Vaters Murray (Bill Camp) leidenden Brian helfen kann. Der Epilog (der Mitproduzent des Filmes Brian Wilson im Jahre 2014) bekräftigt diese Annahme.

Konklusion: „Love&Mercy“ ist eine Filmbiografie, welche die entscheidenden Umstände im Leben und in der musikalischen Karriere von Brian Wilson meisterhaft widerspiegelt, hervorragend gespielt und mit fundamentalen existenziellen Fragen ausgestattet. Hier werden weniger Fallen des Ruhms erläutert (wie in den meisten Biopics), dafür aber wird es vielmehr auf die wertvollen Momente des Schaffens eingegangen. Da es sich um die glücklichen Begegnungen und Zusammenfügungen handelt, verströmt „Love&Mercy“ viel Optimismus. Wenn man den richtigen Menschen findet (in diesem Fall die richtige Frau), der bereit ist, den Notleidenden aus dem Sog zu ziehen, dann gibt es ein Weg zurück ins Leben. Eigenständigkeit und Lebensmut sind befreiend nicht nur für jene, die sie vollziehen, sondern für die, die sie empfangen.

Prescription for: warm, neat tribute to the Beach Boys mastermind Brian Wilson

Love&Mercy, USA 2014, 121 min., directed by Bill Pohlad, with Paul Dano, John Cusak, Paul Giammatti, Elizabeth Banks, Bill Camp

I own a dog – The Age of Adaline

Es gibt diese Geschichten, welche über die Anfänge erzählen, – glückliche, hoffnungsvolle… Die gemeinsamen Sorgen und Ängste liegen weit vorne – in der Zukunft… Nur das gemeinsame Streben nach Einzigartigkeit zählt… Die Jahrtausende alte Mythologie der Liebe trommelt ihre Leibeigenen zusammen, um den Triumph der Leidenschaft aufs Neu zu besingen… Obwohl mittlerweile immer weniger von Romantik und lebenslanger Perfektion auf der grossen Leinwand erzählt wird, entstehen vereinzelt Filme, die die alten Ideale auferstehen lassen und den Glauben an die außergewöhnlichen Wege der Liebe beleben.

Eine erfrischende Möglichkeit, solche Geschichten anderes aufzutischen, wäre sie in eine zeitrelevante Hülle zu verpacken: mal glaubwürdiger, physikalisch nachvollziehbarer („Interstellar“), oft völlig unergründlich,  mystisch („The Curious Case of Benjamin Button“ oder „The Age of Adaline“). In diesen Filmen spielt die Zeit die eigentliche Hautrolle, da sie oft verrückt spielt und den Menschen ihre natürlichen oder von jemandem zugewiesenen Lebensräume entzieht. Meistens sind solche Gebilde mit einer Tragik und Melancholie überzogen, die immer seltener im Kino anzutreffen sind. Deshalb berühren sie uns auf eine eigentümlich nostalgische Art und Weise.

Nach einem Unfall hört Adaline Bowman (Blake Lively – „Gossip Girl“) zu altern auf und bleibt seit 1933 29 Jahre alt. Damit das Geheimnis ihrer ewigen Jugend nicht auffliegt, ändert sie alle zehn Jahre ihre Identität und ihren Wohnort. Was wie ein Traum klingt, bedeutet für die Frau ein einsames und zurückgezogenes Leben. Nur ihre inzwischen ergraute Tochter kennt ihr Geheimnis. Das ereignisreiche Leben von Adaline ist von Anfängen, von Verliebtheiten, die in keiner Liebe ausreifen und mit einer Flucht enden, geprägt. Für die Frau, die nicht älter wird, gibt es keine Zukunftsaussichten . Wieso eigentlich nicht?

Ein vielversprechendes Thema: eine Greisin steckt  in einem jungen, vitalen Körper… Ein junges Gesicht strahlt Geheimnisse der vergangenen Jahrzehnten und Überdruss aus…Dennoch wurden alle diese Spannungsfelder nur oberflächlich behandelt und die grossen psychologischen Fragen nur flüchtig gestreift… Obwohl Adaline viel zu erzählen hat, tut sie das nie. Das einzige, was sie zum Beispiel bei einem Date von sich preisgibt, ist eine knappe Information – „I own a dog“. Man bemüht sich, ihrem Gesicht einiges abzulesen, doch es ist zu schön und zu jung, um die Erkenntnisse des langen Lebens zu beherbergen. Trotz aller möglichen philosophischen Projektionen bleibt der Film ziemlich konventionell. Er spielt in einer perfekten Welt ab, wo die Liebenden nach den Sternen greifen, die Eltern den Kinder nur das Richtige sagen und wo alles mit Sinn und Zweck erfüllt ist. Deshalb ist er nur ein hübsches Konstrukt, dem die wahren Lebenselixiere fehlen.

Umhüllt in Retro-Chic schwebt Blake Lively grazil durch die eigene Geschichte. Aus Harrison Ford, dem Liebhaber Elvis aus der Vergangenheit, ist ein gütiger Mann geworden, der zwar seiner alten Liebe Anabelle nachtrauert, doch beruhigende und anerkennende Worte für seine 40 Jahre mit ihm lebende Ehefrau findet. Michael Huisman, sein Sohn Ellis, ist die aktuelle Liebe von Adaline, die jetzt Jenny heisst, ein netter, humorvoller, natürlich absolut liebenswerter Kerl… Das Eigenartige ist nur, dass alle in „The Age of Adaline“ so vollkommen und aufrichtig sind. Deswegen geht es hier um eine klassische romantische Liebesgeschichte, die wir noch halbwegs abkaufen, weil sie diesen mässigen philosophischen Hintergrund hat – das Ringen mit der Zeit.

Dennoch birgt das Thema viel mehr Potenzial. Wie wäre es, wenn aus Elvis ein verbitterter hässlicher Mann geworden wäre, der gegenüber seinem Sohn Missgunst empfindet, seine Frau nicht ausstehen kann und sich an der Adaline rächen will? Wie wäre es, wenn Ellis ein gerissener Kerl wäre, wie etwa mit einer Neigung zum Alkoholismus oder Stalking? Wie wäre es, wenn die bildschöne, ewig junge und alles wissende Adaline ihre Schönheit, Jugend und Erfahrungen einsetzen würde, um eine Herrscherin zu sein – Salome, Medea oder wie Adaline aus San Francisco stammende Catherine Trameli aus „Basic Instinct“? Vielleicht wäre dann so ein Streifen für die Ewigkeit vorbestimmt und nicht nur für die romantischen Stunden zu zweit?

Konklusion: „The Age of Adaline“ ist eine nette melancholische, dennoch gut ausgehende Geschichte über die Liebe, das Alter und so manche Schicksalswenden. Sie erreicht keinesfalls Tiefen und Vielschichtigkeit des thematisch ähnlichen Liebesstreifen von David Fincher „The Curious Case of Benjamin Button“ (2008). Doch genau diese Art Tragik, welche die in verkehrte Richtung marschierte oder stehen gebliebene Zeit auslöst, ist auch hier zu spüren. Durchaus ist der Film  geeignet für diejenigen, die die romantischen Adern des alten Hollywood und die alles einschliessende Schönheit der Inszenierung schätzen. Ein bitter-süsslicher Film über die Tücken der Zeit, sowie die einleuchtende Kraft der Liebe und die Menschen, die daran glauben. Wenigstens solange sie im Kino sind!

Prescription for: melancholic mood, love venture, age, beauty, romantic lovers

The Age of Adaline, USA 2015, 112 min., directed by lee Toland Krieger, with Blake Lively, Michiel Huisman, Harrison Ford, Ellen Burstyn, Kathy Baker

Faits divers about Madame Bovery – Gemma Bovery

„Madame Bovery“ von Gustave Flaubert erschien im Jahre 1856. Der Gesellschaftsroman hatte früher den Untertitel – „Ein Sittenbild aus der Provinz“. Prompt nach der Veröffentlichung in der Zeitschrift La Revue de Paris wurde Flaubert von der Zensurbehörde wegen Verstosses gegen die guten Sitten und Verleitens zum Ehebruch angeklagt. In diesem Prozess wurde  Flaubert jedoch freigesprochen. Heute gilt „Madame Bovery“ als eines der bedeuteten Werke der Weltliteratur. Zusammen mit „Anna Karenina“ von Leo Tolstoj liegt der Roman das umfassendste Bild der Seelenzustände und Wunschprojektionen von Frauen vor.

Wenn Männer ratlos mit den Schultern zucken und den betagten Ausdruck  in die Runde schmeissen – man würde Frauen nie verstehen -, hätte ich stets einen Tipp  parat: Lassen sie Datig- und Flirt-Ratgeber weg, lesen sie nur diese zwei Romane. Wenn man einen Modernisierungsbedarf verspürt, wäre da der Beistand von Simone de Beauvoir ganz hilfreich („Le Deuxième Sexe“ zum Beispiel). Mehr braucht es wirklich nicht, um die Rätsel zu entschlüsseln.

In Frankreich gehört längst Madame Bovery, wie die Marianne und Marseillaise, zum berühmten Nationalstolz der Franzosen. Noch im Jahre 1896 hat der junge Heinrich Mann folgendes über die Bedeutung vom Flauberts Roman geschrieben: „Madame Bovery“ ist von mehreren Literatengenerationen studiert worden wie die Bibel von Theologen studiert wird. Ihr Geist und Teile ihrer unvergleichlichen Lebensfülle sind in unzählige Bücher übergegangen“. Bis heute hat das Interesse am Roman und seinem Autor kaum nachgelassen. Aus verschiedenen kulturellen Inputs ist Flaubert nicht mehr wegzudenken. Nur ein Beispiel aus unserem Metier: Im von uns hoch geschätzten diesjährigen Oscar-Gewinner „Birdman“ (auf TDS im Januar umfangreich rezensiert) wurde Flaubert vom Mike Shiner (Edward Norton) zitiert, um seine Verachtung gegenüber der Theaterkritikerin zu verdeutlichen.

Der Roman selbst wurde seit 1934 zwölf Mal verfilmt – in Frankreich, Deutschland Argentinien, England, Bulgarien, Indien, USA. Die beste Interpretation bis jetzt hat Claude Chabrol mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle geliefert (1991). Ihre unterkühlte, introvertierte Art,  gepaart mit wachsamer Lebendigkeit, erzeugt eine bis dahin unbekannte Emma – weniger romantisch, viel mehr lapidarer und lustorientierter. Nun, in wenigen Monaten kommt die nächste „Madame Bovery“ ins Kino – von Sophie Bartes mit Mia Wasikowska (war bereits in den Literaturverfilmungen „Alice im Wunderland“ und „Jane Eyre“ zu sehen)  als Emma aus der heutigen Perspektive.

Aus oben genannten Gründen war es für mich kaum überraschend, die französische Produktion „Gemma Bovery“ (2014) von Anne Fontaine zu entdecken. Es ist keine Verfilmung des Romans im klassischen Sinne, nur eine Hommage an den Kult-Roman, seine unvergängliche Aktualität und Wege, welche die Literatur einschlägt, wenn sie versucht, das wahre Leben zu beeinflussen. Es ist oft aufregend, inspirierend, doch nicht immer wünschenswert, wie „Gemma Bovery“  humorvoll und der Realität Tribut leistend zeigt.

Genervt von ihrer kleinbürgerlichen Existenz in London überredet Gemma (Gemma Arterton) ihren Ehemann Charles (Jason Flemyng), mit ihr in ein beschauliches Dorf in der Normandie zu ziehen. Dort angekommen, scheint es so, als hätte der Bäcker Martin (Fabrice Luchini) nur auf sie gewartet, um seine literarischen Vorlieben auf die Probe zu stellen. Der Tag, an dem Gemma ihn geheimnisvoll anlächelte,  nennt er das Ende seiner sexuellen Abstinenz. Nicht, dass der Ex-Pariser der jungen Dame gleich Avancen macht, er versucht nur nett und behilflich zu sein, geniesst die betörenden Momente der körperlichen Nähe zu Gemma und beobachtet…

Das Verhalten der englischen Großstädter, wie auch ihre Namen, scheinen tatsächlich durch Flauberts Roman inspiriert zu sein. Da Martin das Leben von Gemma auf das Romanleben von Emma projiziert, versucht er die Engländerin vor dem Unglücklichsein der berühmten Französin zu schützen. Doch genau das verursacht eine ganze Reihe von Missverständnissen und schliesslich ein tragisches verblüffendes Finale. In seinem literarischen Gedankensumpf verliert Martin anschliessend den Bezug zur Realität und spricht seine neue Nachbarin als Anna Karenina an.

Konclusion: Ein typisch französischer Film (auf TDS in April – French joie de vivre), welcher keine bandbrechenden Erkenntnisse anbietet, jedoch ein malerisches Ambiente mit lustvollen Verwicklungen ausmalt.  Obwohl ihm definitiv der Tiefgang fehlt,  geeignet für diejenigen, die den Roman Flauberts lieben, die französische Gelassenheit im Umgang mit Lebenskrisen bewundern und Überraschungen schätzen.  Bon voyage!

Prescription for: Flaubert, Normandy and French Film lovers

Gemma Bovery, 2014, France, 100 min, by Anne Fontaine, with Gemma Arterton, Fabrice Luchini, Jason Flemyng, Mel Raido, Niels Schneider

Have courage and be kind! – Cinderella

Wie viele Verfilmungen des beliebten Märchens aus der Gebrüder Grimm-Sammlung gab es bis jetzt? Laut Wikipedia – 28, wenn man die zahlreichen Interpretationen à la „Pretty Woman“ nicht dazu zählt. Der allergrößte Hit ist ein tschechischer Weihnachtsklassiker “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” (Tři oříšky pro Popelku, Václav Vorlíček, 1973). Brauchte die Welt noch eine weitere Version des liebenswerten, verwaisten Mädchens, dass auf eine sehr konventionelle Art plötzlich glücklich und reich wurde? Ja, wie die neue Cinderella-Verfilmung zeigt, sie braucht es. Woran liegt es?

Erstens, am Regisseur – dem Multitalent Kenneth Branagh. Fünf Mal wurde er für den Academy Award nominiert – je einmal als bester Hauptdarsteller, Nebendarsteller, Drehbuchautor, Regisseur sowie für den besten Kurzfilm. Branagh ist damit bislang der einzige Künstler, der in fünf verschiedenen Kategorien im Rennen für die höchste Auszeichnung der Filmwelt lag. Er gilt auch als großer Shakespeare-Interpret. Bestimmt eine gute Voraussetzung, einer verstaubten Geschichte ein neues Leben zu verpassen und sie mit Tiefgründigkeit zu versehen! Der inzwischen geadelte Brite erzählt die Cinderella-Story in Dialogen, die an höfische Kultur aus Shakespeare-Zeiten erinnern und oft die Gestalt des klassisch-britischen Zeitgeistes verbreiten.

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Zweitens, am durchgedachten Casting. Die zwei Hauptrollen spielen noch relativ unbekannte Schauspieler (Lily James, bekannt als Lady Rose aus „Downton Abbey“ und Richard Madden aus “Game of Thrones”).  Als prominente Besetzung ist Drew Barrymore für „A Cinderella Story“(1998) eher zum Verhängnis geworden als sie das Aschenputtel in der Postrenaissance-Zeit spielte – zu viel Aufklärung und Feminismus wurde schon allein durch ihren dominanten Part  in die simple Geschichte hineininterpretiert. Der Film lief nicht schlecht, geriet aber schnell in Vergessenheit.

Alles, was  Aschenbrödel Ella in “Cinderella” tun musste, war um die Wette zu strahlen, in allen Kostümen hübsch und würdevoll auszusehen, überzeugend nach der Muttermaxime zu handeln – mit Mut und Freundlichkeit alle Situationen im Leben meistern. Das gelingt Lily James perfekt. Alles, was von Prinz Kit Charming erwartet wird, ist diese bezaubernde Existenz ins Herz zu schliessen und seine Liebe dem König und  Hof gegenüber zu verteidigen. Auch das gelingt Richard Madden reibungslos,.

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Was jedoch an dieser Verfilmung so reizend erscheint, sind seine zwei Nebendarstellerinnen – Cate Blanchett (die böse Stiefmutter) und Helena Bonham Carter (die gute Fee). Mit ihren Posen, ihrer Manierlichkeit und gehässigem Lachen macht Blanchett den Hauptunterschied zwischen dem Leben als Schein (in der Hoffnung auf Macht und Einfluss), was seit ihrem Einzug in die Patchworkfamilie herrscht, und dem Leben als Sein (in der Hoffnung auf Glück und Rechtschaffenheit), was die Seele des Hauses ausmachte als die Mutter noch lebte, deutlich.  Vermutlich zum ersten Mal erfahren wir, wieso die intrigante Stiefmutter so geworden sei wie sie ist, und wieso sie das tut, was sie tut. Eine kleine Sensation, grandios, wie gewohnt, gemeistert von Cate Blanchett: Sie hat einen Schicksalsschlag erlebt, ist sich der Unzulänglichkeiten ihrer Töchter bewusst, eifersüchtig auf Cinderellas Jugend und Schönheit und von Existenzängsten geplagt. Nachvollziehbar!

Überhaupt wird im neuen Film der Entfaltung der menschlichen Charaktere wesentlich mehr Raum zugestanden. Der Vater (Ben Chaplin) wird nicht einfach von heute auf morgen böse. In der Hoffnung auf einen neuen Anfang heiratet er diese durchaus attraktive und elegante Frau mit puppenhaften Töchtern. Doch die „Ersatz-Schönheit“ und mit Opulenz aufgefüllte Leere hat eher etwas mit Präsentation  als mit wahren Werten zu tun. Er versteht es bald selbst, doch leider zu spät. Zu seiner Tochter bleibt er stets nett und fürsorglich. Verständlich! Der Königsberater, welcher den Staatsapparat repräsentiert, hervorragend, wie gewohnt, vom Stellan Skarsgärd gespielt, erklärt dem Prinzen, dass die Heirat mit Mädchen aus dem Volk keine Armeen und volle Staatskassen mit sich bringt. Plausibel!

Die klassischen Märchen bemühen sich nie um die Hintergrund-informationen. Die Umstände und Charaktere sind so wie sie sind, die Helden müssen da einfach durch. Der Film dagegen erlaubt sich ein wenig Logik und Psychoanalyse. Nicht zu viel, nicht zu wenig, genau die richtige Dosierung, um das Unerklärliche zu erläutern. Jeder hat einen Anspruch auf eigene Sicht der Dinge. Ein ziemlich moderner Ansatz!

Absolut zeitgemäss wirkt die gute, dabei tollpatschige, übergeschnappte und selbstironische Fee, vergnüglich gespielt von Helena Bonham Carter. Die Verwandlungsszene, in welcher sie die Kutsche mit der ganzen Ausstattung, das blaue Ballkleid und die Schuhe mit der herrlichen anspielungsreichen Bemerkung – sie sei „good at shoes“- herzaubert,  gehört zu den amüsantesten im Film.  So viel Witz, gepaart mit so viel Magie, verströmen eifach Harmonie und bezeugen das Können aller Beteiligten.

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Drittens, an den visuellen Effekten und prächtigen Kostümen. Die neuste Produktion aus dem Hause Disney ist vor allem ein Spektakel für die Augen. Die Produktionskosten betrugen 90 Millionen Euro. Die ganze  Disney-Maschinerie (inkl. Marketing) hat auf Hochtouren gearbeitet. Für das Kostümdesign wurde die dreifache Oskar-Preisträgerin Sandy Powell engagiert (“Shakespeare in Love“, “Gangs of New York“, “The Young Victoria“, „Aviator“, „Carol“).

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Ausladende Ballkleider, traumhafte Farben und Lichtinstallationen, unzählige Lagen von Seide und Tüll haben zum Erfolg des Filmes viel beigetragen. Neun Monate lang haben Powell und ihr Team das Design des blauen Ballkleids entwickelt, das am Ende aus 90m Stoff bestand, mit insgesamt 10.000 kleinen Swarovski-Kristallen, die Nähte sind mehr als fünf Kilometer lang. Dennoch war das Kleid so leicht, dass es in der Luft schweben könnte. Das überdimensionale Wolkenkleid der Guten Fee war mit kleinen LED-Lämpchen übersät, man musste es anknipsen, damit es leuchtete. Die Schuhe zu den kontrastreichen Stiefmutter-Ensembles hat allesamt Salvatore Ferragamo designt.

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Zur Produktion eines glitzernden Kristallschuhs musste eine spezielle Maschine hergestellt werden. Er kommt im Film zum Einsatz, wenn Stiefmutter, Prinz oder Cinderella ihn in den Händen halten. Das einzige Problem: weil Kristall natürlich nicht im Geringsten nachgibt, konnte Lily James diesen Schuh niemals wirklich anziehen. Und da brauchte man dann doch noch die Hilfe des Computers: aus Lederschuhen mit den Proportionen der Kristallschuhe zauberten visuelle Effekte den Glitzerschuh. Parallel zu der Filmpremiere waren die anderen Designer (Jimmy Choo,  Manolo Blahnik, Charlotte Olympia) mit Cinderella-Schuh-Entwürfen fertig,  alle tragbar, doch ohne Einmischung der Guten kaum zu erwerben. 

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Viertens, am Humor und am Witz, der viele narrativen Stellen erfrischt und die alte  Geschichte so lebendig und modern macht. Die klassischen Märchen sind normalerweise ernst, ab und zu auch komisch, weil die Situationen so undenkbar erscheinen. Doch mit Witz oder Ironie haben sie selten etwas gemein. Gerade ohne diese Komponenten wäre der Film öde. Die Zuschauer sind heute kaum bereit, einen komplett humorlosen Film zu ertragen. Deshalb gibt es keine Tragödien mehr ohne Komik, genau so wie Märchen ohne Witz. Einzig werden noch die Mythen und Sagen mit der heroischen Tradition verbunden und kommen noch ohne Humor aus (z.B.  „Exodus: Gods and Kings“, 2014).

Konklusion: Das neu inszenierte Aschenbrödel-Märchen mit Übermass an Herz, Esprit und Charme spricht Menschen jeden Alters an und entzückt mit einer wohldosierten Mischung aus Kitsch, Magie, Humor und dem respektvollen Umgang mit den guten alten Werten. In diesem Sinne verströmt der Film eine subtile Botschaft an alle Paris-Hilton-Klone dieser Welt, Dschungelköniginnen, Bacheloretten, Shopping Queens, Superstars und Next-Top-Models  – mit Anstand, Güte und Prinzipien kommt man besser durch’s Leben als mit Intrigen, Herumgezicke und Selbstverleumdung. Wir sind uns es wert, das Wichtige und das Richtige im Leben nicht aus den Augen zu verlieren! Fröhlich mutet das unvermeidbare Happy-End an – alles wird gut, Mädels!

Prescription for: love, magic, sense of decency, courage, blended family issue, dreams, inspiration and hope, responsibility and  personal qualities.

Listen to: Cinderella Soundtrack  from Patrick Doyle

Cinderella, USA 2015, 105 min., directed by Kenneth Branagh, with Lily Jemes, Cate Blanchett, Helena Bonham Carter, Richard Madden, Stellan Skargärd, Derek Jacobi, Ben Chapin, Hayley Atwell

French joie de vivre – Une nouvelle amie

Manchmal überkommt mich eine Sehnsucht nach einem Zustand, in dem das Praktische,  Rationale auf die Seite tritt und den Platz für die Ausgelassenheit und Spontanität räumt. Dann weiss ich – ein Franzose muss her, ein Film natürlich! Ein Schächtelchen Makronen, eine BFF-Freundin und der Spass im Arthouse Le Paris kann los gehen. Diesmal mit dem fünfzehnten Streifen des grossen französischen Frauenkenners François Ozon „ Une nouvelle amie”.

Wie bei den meisten Filmen von Ozon ist auch hier die Handlung auf ein paar Ereignisse beschränkt, die ausgiebig emotional interpretiert werden. Eine geliebte Frau, Mutter eines Babys, Tochter und Freundin stirbt in der Blüte ihres Lebens. Diejenigen, die in „ Une nouvelle amie“ damit klar kommen müssen, sind ihr Mann David (Romain Duris) und ihre beste Freundin Claire (Anaïs Demoustier). In erster Linie geht es in diesem Film um die Trauerarbeit.

Wenn es eine Hollywood-Produktion wäre, würden die Protagonisten höchstwahrscheinlich in einer Gesprächsgruppe oder auf der  Couch eines attraktiven Psychotherapeuten landen… Ein skandinavischer Film würde möglicherweise versuchen die Familienangehörigen zu involvieren, wonach alle Beteiligten noch stärker traumatisiert wären… Die Japaner könnten ihre Ahnen konsultieren… Auf jeden Fall hätte man recht häufig eine vage, manchmal eine deutliche Vermutung, wie das Szenario verlaufen könnte.

Was machen die Franzosen mit so einem Stoff? Man weiss es nie so genau. Bei einem französischen Film ist es selten möglich zu sagen, wohin er führt und wie er endet. Und deshalb ist es oft eine spannende Reise ins Ungewisse. Die Klischees werden zu Staub gemahlen, Erwartungen niedergeschmettert…Frische und kecke Interpretationen mit hoher Happyend-Wahrscheinlichkeit verblüffen anhaltend. Wenn das Leben die Tristesse verbreitet und die Nachrichtenströme entmutigend wirken, bemühen sich die Filmschaffenden stets die Leichtigkeit des Seins hervorzuheben.

So ist es auch flagrant in „ Une nouvelle amie“ zu spüren. Und obwohl es um Verluste, Identitätskrisen, Unfälle, Depressionen, sogar um die Nekrophilie geht, ist dieser Streifen keine schwere Kost. Er ist mit so einer Leichtigkeit und einem Lebensdurst gezeichnet, dass es einem ganz warm ums Herz wird. Ohne den moralischen Kompass aus den Augen zu verlieren, wie einst bei Roberto Benigni (La vita è bella, 1997), wird das Schwere, fast Unerträgliche in eine sanfte humanistische Hülle eingewickelt. Und so können wir die Verwandlung des Davids in Virginia relativ schmerzfrei geniessen.

Eher zufällig entdeckt Claire die alte Passion Davids, sich als Frau zu verkleiden, welche nach dem Tod seiner Ehefrau erneut entflammt. Zuerst skeptisch und dann zunehmend wohlgesinnt begleitet sie ihn bei seiner Identitätssuche. Und so erholen sich die beiden Trauernden von ihrem Kummer. Die Tragik des Verlustes wird von der Neugier und Entdeckungsfreude verdrängt.

Abgesehen vom Selbstfindungstrip ist „ Une nouvelle amie“ eine Hommage an die Weiblichkeit, die auch in den anderen Filmen von Ozon auffallend präsent ist  („8 femmes“, ,„Swimming Pool“, „Potiche“, „Jeune et jolie“…) Fasziniert von allem, was das Frauendasein umgibt (High Heels, Nylonstrümpfe, Perücken, Kleider, Mascara, Rouge, Nagellack…) stürzt sich David mit Hingabe in die neue Rolle, bekommt von Claire Tipps zur Umsetzung der Make-up-Ritualen und – für ihn besonders wertvoll – auch ihre Anerkennung.

Langsam findet Claire Gefallen an ihrer neuen Freundin Virginia und entdeckt sogar den erotischen Reiz an der Verkleidungsgeschichte. David ist beides und kann beides sein.  Anders als Männer, die eine Frau eher als Gesamtkonzept sehen, ist er in der Lage die Details wahrzunehmen (die Farbe des Lippenstifts, den Schnitt des Kleides, der vorteilhaft für die Taille wäre…) So verwandelt sich auch die anfänglich graue Maus Claire in eine sinnliche Frau. Allmählich nehmen die Transvestismusverwicklungen gefährliche Ausmasse an: Claire ist verheiratet, David muss sich um seine Tochter kümmern…

Doch so abgründig wie in Almodóvar’s Welten (z.B. „Todo sobre mi madre”, 1999, „La piel que habito“, 2011;  – „Une nouvelle amie“ basiert auf einer Geschichte der britischen Bestsellerautorin Ruth Rendell, die Pedro Almodóvar auch schon verfilmte) wird es nicht werden. Nach einem Autounfall, welchen Claire indirekt verursacht, ist sie bereit, Virginia bedingungslos zu unterstützen. Etwas unrealistisch und dick aufgetragen, aber so wünschenswert!

Unverkennbar, wie die meisten Filme von Ozon, besteht „Une nouvelle amie“ ebenfalls aus einem musikalischen Feuerwerk, das die verschiedenen Stimmungen aufgreift und eine ergänzende, oft sogar richtungsweisende Funktion im Filmskript spielt. So wird ein Wendepunkt in David’s/Virginia’s Überlegungen markiert – in einer Szenebar mit dem alten französischen Chanson „Une Femme avec Toi“ von Nicole Croisille,  das von einem/einer Transvestit-Sänger/Sängerin grandios neu interpretiert wurde. Ein Befreiungsakt par excellence!

Conclusion: „ Une nouvelle amie“ ist ein liebenswerter Film mit all den Freuden und Verwirrungen, die zu einem französischen Film gehören. Ihn anzuschauen ist ein freudiges, abenteuerliches Ereignis. Im Übrigen, da es um die Selbstbestimmung als absolutes Menschenrecht geht, ist er auf der Augenhöhe der Zeit. In vielen Ländern und Kulturkreisen wird das Anderssein missbilligt, verpönt und bestraft. Deshalb ist er wie ein Lichtstrahl der Toleranz und ein klares Statement in einem Land,  wo der Kulturkampf  um die Homo-Ehe trotz der gesetzlichen Konformität noch nicht abgeschlossen ist.

Prescription for: process of grieving, transvestism, identity problems, self-disclosure, inner guidance,  striving for endorsement, intolerance, courage 

Une nouvelle amie (Eine neue Freundin), France 2014, 105 min., directed by François Ozon, with Jonathan Louis, Roman Duris, Anaїs Demoustier  

A little ode to one of the piu grande film di tutti I tempi out of the shadow of Nassau – La Grande Bellezza

From the onset of this movie – one is literally taken by the hand on a journey to a place a select few have experienced and the rest only wish to be on.

The Great Beauty,” a terrestrial of knife-throwers and dwarves and epic parties and crumbling majesty. The deliriously multifaceted Jep, channels us through the chronicles of a 65-year-old luminary journalist, a man of haberdashery, a tantalizing womanizer who wrote an aspiring first novel 40 years ago and has consumed his evenings since then at nightclubs, art galleries, theaters, readings and too many all-night parties to count. Jeb didn’t just want to become part of Roman society, he recounts, he wanted to be its king; he didn’t want to be invited to the best parties, he wanted the power to ruin them. Now, speaking as a Poor Man’s version of James Bond, even in the substitute social cosmos of Roma the foundation of Jep’s prosperity and unaltered freedom would be an enigma for even 007 himself to unravel. Jeb sold his soul for an awe-inspiring penthouse apartment overlooking the Coliseum, an impeccably tailored designer wardrobe and a rotating cast of lovers that would tempt the devil himself for a similar deal. Jep had a life many other people would kill for, yet he’s burned out on it completely, and long ago lost track of the distinction between pleasure and boredom. “We’re all on the brink of despair. All we can do is look each other in the face, keep each other company, and joke a little. Don’t you agree?”

There’s an exhilarating sadness to it all that amounts to cinematic poetry and brilliance!

By INCOGNITO 2 SEE

A Short Way Down – Serena

In diesen Film haben mich drei Namen gelockt: Susanne Bier (dänische Oscar-Preisträgerin, „In A Better World“, 2009)), Jennifer Lawrence und Bradley Cooper (die dritte Zusammenarbeit nach “Silver Linings Playbook” und “American Hustle”), vielleicht noch die landschaftliche Pracht (Kameramann Morten Søborgs). Die Kritiken waren eher bescheidend, doch die Neugier war gross. Enttäuscht war ich keinesfalls, begeistert auch nicht. Von der Stimmung her erinnerte mich „Serena“ an „Cold Mountain“ (Anthony Minghella, 2003): im Vordergrund eine kraftvolle Liebesgeschichte mit einem starken Staraufgebot, widrige Lebensumstände rundherum, ein tragisches Finale und die beeindruckende Bergkulisse des amerikanischen mittleren Westens.

Eher zufällig sieht bei einem Reitturnier in Boston ein ambitionierter Holzunternehmer George Pemberton (Bradley Cooper) aus North Carolina eine blonde Schönheit. Sein Blick fixiert die junge Dame auf dem Pferd – Serena (Jennifer Lawrence). Gleich nach dem Turnier folgt er ihr, begrüsst sie und macht ihr im zweiten Satz einen Heiratsantrag. So fangen oft die guten Geschichten an. Die Zukunft ist ein ungeschriebenes Blatt;  keine Zeit und kein Platz für Zweifeln, Grübeleien, Vorausberechnungen… Es kann alles sein oder nichts. „Serena“ bietet beides: am Anfang – alles, zum Schluss – nichts. Die restlos romantischen Absichten können wir dem Holzbaron dennoch nicht ganz abnehmen. Als Geschäftsmann hat George die präzisen Informationen seiner Schwester bestimmt blitzschnell verarbeitet: Serena stammt aus einer bekannten Holzdynastie und hat ihre ganze Familie bei einem Feuerbrand verloren.

Und genau diese Komponente spielt im weiteren Verlauf der Geschichte eine entscheidende Rolle. Anfangs ist das Glück grenzenlos. Da haben sich zwei vom gleichen Schlag getroffen. Serena erweist sich als eine Traumpartnerin: in den Gedanken, im Geschäft, im Bett. Alles scheint leicht und bedeutungsvoll zu sein, wenn diese Frau die Dinge anpackt und Ihrem Mann tatkräftig zur Seite steht.  Mit ihrer unkonventionellen Art und ihrer Kompetenz hat sie das Herz von George und den Holzfällern im Sturm erobert.

Sie redet nicht viel, doch alles, was sie sagt hat eine unfehlbareTreffsicherheit. Viele Sätze klingeln zwar nicht besonders originell („I didn’t come here to embroider“, „Everything you did, you did it for us“ ,“Our love began the day we met. Nothing that happened before even exists”, „I’m not that kind of woman”…).  Doch wie sie es sagt, mit welcher Kühnheit und Anmut (in charakteristischer Lawrence-Manier) lässt die Herzen von Frauen und Männern höher schlagen. Und wir glauben ihr auf’s Wort – wenigstens solange es George tut.

Zunehmend kommen die unheimlichen Seiten dieser Frau zu Tage. Zu abrupt allerdings! Diese anfangs hinreissende Person durchläuft keine Entwicklung. Sobald Fortuna Serena verlässt und ihre Zukunftsaussichten bedroht erscheinen, wird sie zum kühlen Racheengel. Eine zweite Niederlage im Leben kann die schon einmal vom Schicksal betrogene Frau nicht mehr verkraften. Darum verwandelt sich Ihre Leidenschaft in Obsession.  Ab dem ersten Mord, welchen Serena herbeiruft, verliert der Film zunehmend seine erfrischende Wirkung. Da die Geschichte im noch wilden amerikanischen Westen und mitten in der Wirtschaftskrise von 1929 spielt, wo die Korruption an der Tagesordnung und die Strafgesetzbücher noch nicht geschrieben sind, ist der ganze Schlamassel, den Serena verursacht, dennoch irgendwie plausibel. Die Zeiten und die Menschen waren nicht unbedingt zimperlich. Der eigene Lebensentwurf galt als Mass aller Dinge.

Conclusion: Wer nach einer Beziehungsintensität  jenseits vom „Fifty Shades of Grey“ Ausschau hält,  kann ruhig zu diesem Film greifen. Er bietet eine ordentliche Prise „Femme Fatale“ und einen Kerl, der mit ihr umzugehen weisst. Trotz der moralischen Abscheu bleibt die Faszination von Stärke, welche Beziehungen zusammenhält und zerstört, erhalten. Das Tandem Jennifer Lawrence und Bradley Cooper hat sich auch diesmal bewährt. Ein Grund für  Vorfreude auf ihre vierte Zusammenarbeit im Film «Joy» (Anfang 2016).

Prescription for: an appealing romance about a doomed high-society couple in the time of America’s Depression with its corruption and capitalism;  a story about a plucky woman, struggling to establish herself in a pioneers’ country.

Serena, USA, France, Czech Republik, 2014, 109 min., directed by Susanne Bier, with Jennifer Lawrence, Bradley Cooper, Rhys Ifans, David Dencik, Toby Jones, Sean Harris.

The Eyes of Sofi – I Origins

Sofi: When I saw you, I had the feeling I had known you – like we are connected from past lives

Ian: I don’t believe in that

Sofi: What do you believe in?

Ian: I’m a scientist. I believe in proof

Dies sagt Ian zu Sofia, nachdem er sie endlich wieder gefunden hat, nach einer ersten Begegnung ein paar Tage vorher auf einer Art Kostümparty, die nach einem kryptischen verführerischen Wortgefecht auf einem gemeinsamen Toilettengang endete, dies aber ohne Entledigung ihres Kostümes, welches eine Art Mischung aus Catwomen Suit und Burka darstellte und nur die Augenparty enthüllte, was die Wiedererkennung bei Tageslicht nicht vereinfachte und in Anbetracht der Tatsache, dass auch weder Namen und Nummern ausgetauscht worden sind, ein Wiederfinden in einer Stadt wie New York als nicht sehr realistisch eingestuft werden konnte.

Da Ian aber Molekularbiologe ist und an der Evolution des Auges forscht und auch privat so sehr an der Iris des Menschen interessiert ist, dass er wo immer möglich Fotografien von Augenpaaren macht – wie auch von denjenigen von Sofi an der besagten Kostümparty – ist dieser einzige Anhaltspunkt – die Augen von Sofi – die Karte zum Weg zurück zu ihr…

Aber nicht nur zu ihr. Sondern vor allem auch zu ihm selbst. Denn ihre Augen werden es ganz am Ende dieses Filmes sein, welche seine Weltanschauung und seine Festklammerung am rational Wissenschaftlichen in den Grundfesten erschüttern lassen werden….

Die Augen als Spiegel zur Seele. Darwinistische Evolutionstheorie contra göttliche Schöpfungsmacht. Tod und Wiedergeburt. Schuld und Erlösung. Liebe und Schicksal. Suchen, Finden, wieder verlieren…und Wiederfinden.

Wie schon in seinem in umjubelten Erstlingswerk „Another Earth“, welches er für nur USD 200‘000.—abdrehte und 2011 am Sundance Filmfestival uraufgeführt wurde (ausgezeichnet mit dem U.S. Dramatic Competition Special Jury Prize), schafft es Mike Cahill auch in seinem neuen Werk, grosse theologische und philosophische Fragen, mit wissenschaftlichen Elementen und zugleich grossen menschlichen Dramen zu verbinden.

Es ist deshalb auch nicht wirklich möglich seine Werke zu kategorisieren. In „I origins“ wägt man sich anfänglich in einem klassischen Liebesfilm, befindet sich im nächsten Moment in einer Art semidokumentarischen Abhandlung à la Steven Hawking über die wissenschaftliche Grundierung der Evolutionstheorie, nur um in der nächsten Szene Zeuge von übernatürlichen Zeichen und mystischen Bedrohungen zu sein um dann plötzlich einem Ehe- und existentiellem Selbstfindungsdrama epischen, weltumspannenden Ausmasses beizuwohnen. Mike Cahill bleibt seinem Stil treu und inszeniert dies – wie schon auch „Another Earth“ in einer kühl-düsteren Bildsprache, die einerseits in langen intimen Einstellungen verharrt, anderseits auch immer wieder spektakuläre Weitwinkelaufnahmen auf die Leinwand zaubert, welche man gerade so gerahmt an die Wand hängen möchte…es ist schon erstaunlich, wie mit so einem minimalen Budget ein solche stringente Aesthetik umgesetzt werden kann. Nicht zu vergessen selbstverständlich die schauspielerische Leistungen, denn die Besetzung ist superb, allen voran Michael Pitt als Ilan, welcher schon in „The Dreamers“ von Bernardo Bertolucci ein markante Fussnote hinterliess, sonst aber – ausser in dem amerikanischen Remake von „Funny Games“ – unerklärlicherweise sehr selten in tragenden Rollen zu sehen ist. In den weiblichen Hauptrollen überzeugt einmal mehr Brit Marling, welche als Co-Autorin zusammen mit Mike Cahill schon „Another Earth“ geschrieben hatte, worin sie dann auch die Hauptrolle spielte (und seit dort auch u.a. in „Arbitrage“ die Tochter von Richard Gere oder „The company you keep“ von Robert Redfort mitspielte) und dann noch natürlich Àstrid Bergès-Frisbey als Sofi, genau die mit den Augen, welche von 2011 von Jerry Bruckheimer und Regisseur Rob Marshall für den vierten Teil der Piraten-Saga, „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“ entdeckt wurde und sonst eher als Model unterwegs ist, was die Qualität ihres Auftrittes in diesem Film nicht schmälert…au contrair!

Konklusion:

„I origins“ gehört zu der Sorte Film, welche man  typischerweise – ausser eingefleischte Cineasten natürlich – im Kino verpasst, da diese –  wenn überhaupt – meistens nur 1-2 Wochen laufen, ohne grosse begleitende Pressegeräusch und dann oftmals unbemerkt im Fernsehen im Nachtprogramm bei Arte anlaufen. Atmosphärisch dicht, ungeheuer spannend, visuell berauschend und tief berührend werden hier grosse philosophische Themen um die Widersprüche von Wissenschaft und Religion, Tod und Inkarnation mit einem wahrlich dramatischen Liebesdrama kunstvoll verbunden. Mike Cahill gehört schon jetzt nach seinem 2. Spielfilm zu einem der vielversprechenden und interessantesten Regisseuren in der gegenwärtigen Filmindustrie. Man wagt es sich kaum vorzustellen, was er für Filme machen würde, wenn er mal mehr als USD 200‘000.—zur Verfügung hätte.

Prescription for:  interest in philosophical discourses, interest in science affairs, religious doubts, religious interest, believer of eternal love, melancholic mood, lovers of beautiful eyes, interest in supernatural phenomenons, drama lovers.

Listen to: Dust It off – The DO

I Origins, USA 2014, 113 min., from Mike Cahill, with Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Berges-Frisbey