Category Archives: Drama

A little ode to one of the piu grande film di tutti I tempi out of the shadow of Nassau – La Grande Bellezza

From the onset of this movie – one is literally taken by the hand on a journey to a place a select few have experienced and the rest only wish to be on.

The Great Beauty,” a terrestrial of knife-throwers and dwarves and epic parties and crumbling majesty. The deliriously multifaceted Jep, channels us through the chronicles of a 65-year-old luminary journalist, a man of haberdashery, a tantalizing womanizer who wrote an aspiring first novel 40 years ago and has consumed his evenings since then at nightclubs, art galleries, theaters, readings and too many all-night parties to count. Jeb didn’t just want to become part of Roman society, he recounts, he wanted to be its king; he didn’t want to be invited to the best parties, he wanted the power to ruin them. Now, speaking as a Poor Man’s version of James Bond, even in the substitute social cosmos of Roma the foundation of Jep’s prosperity and unaltered freedom would be an enigma for even 007 himself to unravel. Jeb sold his soul for an awe-inspiring penthouse apartment overlooking the Coliseum, an impeccably tailored designer wardrobe and a rotating cast of lovers that would tempt the devil himself for a similar deal. Jep had a life many other people would kill for, yet he’s burned out on it completely, and long ago lost track of the distinction between pleasure and boredom. “We’re all on the brink of despair. All we can do is look each other in the face, keep each other company, and joke a little. Don’t you agree?”

There’s an exhilarating sadness to it all that amounts to cinematic poetry and brilliance!

By INCOGNITO 2 SEE

A Short Way Down – Serena

In diesen Film haben mich drei Namen gelockt: Susanne Bier (dänische Oscar-Preisträgerin, „In A Better World“, 2009)), Jennifer Lawrence und Bradley Cooper (die dritte Zusammenarbeit nach “Silver Linings Playbook” und “American Hustle”), vielleicht noch die landschaftliche Pracht (Kameramann Morten Søborgs). Die Kritiken waren eher bescheidend, doch die Neugier war gross. Enttäuscht war ich keinesfalls, begeistert auch nicht. Von der Stimmung her erinnerte mich „Serena“ an „Cold Mountain“ (Anthony Minghella, 2003): im Vordergrund eine kraftvolle Liebesgeschichte mit einem starken Staraufgebot, widrige Lebensumstände rundherum, ein tragisches Finale und die beeindruckende Bergkulisse des amerikanischen mittleren Westens.

Eher zufällig sieht bei einem Reitturnier in Boston ein ambitionierter Holzunternehmer George Pemberton (Bradley Cooper) aus North Carolina eine blonde Schönheit. Sein Blick fixiert die junge Dame auf dem Pferd – Serena (Jennifer Lawrence). Gleich nach dem Turnier folgt er ihr, begrüsst sie und macht ihr im zweiten Satz einen Heiratsantrag. So fangen oft die guten Geschichten an. Die Zukunft ist ein ungeschriebenes Blatt;  keine Zeit und kein Platz für Zweifeln, Grübeleien, Vorausberechnungen… Es kann alles sein oder nichts. „Serena“ bietet beides: am Anfang – alles, zum Schluss – nichts. Die restlos romantischen Absichten können wir dem Holzbaron dennoch nicht ganz abnehmen. Als Geschäftsmann hat George die präzisen Informationen seiner Schwester bestimmt blitzschnell verarbeitet: Serena stammt aus einer bekannten Holzdynastie und hat ihre ganze Familie bei einem Feuerbrand verloren.

Und genau diese Komponente spielt im weiteren Verlauf der Geschichte eine entscheidende Rolle. Anfangs ist das Glück grenzenlos. Da haben sich zwei vom gleichen Schlag getroffen. Serena erweist sich als eine Traumpartnerin: in den Gedanken, im Geschäft, im Bett. Alles scheint leicht und bedeutungsvoll zu sein, wenn diese Frau die Dinge anpackt und Ihrem Mann tatkräftig zur Seite steht.  Mit ihrer unkonventionellen Art und ihrer Kompetenz hat sie das Herz von George und den Holzfällern im Sturm erobert.

Sie redet nicht viel, doch alles, was sie sagt hat eine unfehlbareTreffsicherheit. Viele Sätze klingeln zwar nicht besonders originell („I didn’t come here to embroider“, „Everything you did, you did it for us“ ,“Our love began the day we met. Nothing that happened before even exists”, „I’m not that kind of woman”…).  Doch wie sie es sagt, mit welcher Kühnheit und Anmut (in charakteristischer Lawrence-Manier) lässt die Herzen von Frauen und Männern höher schlagen. Und wir glauben ihr auf’s Wort – wenigstens solange es George tut.

Zunehmend kommen die unheimlichen Seiten dieser Frau zu Tage. Zu abrupt allerdings! Diese anfangs hinreissende Person durchläuft keine Entwicklung. Sobald Fortuna Serena verlässt und ihre Zukunftsaussichten bedroht erscheinen, wird sie zum kühlen Racheengel. Eine zweite Niederlage im Leben kann die schon einmal vom Schicksal betrogene Frau nicht mehr verkraften. Darum verwandelt sich Ihre Leidenschaft in Obsession.  Ab dem ersten Mord, welchen Serena herbeiruft, verliert der Film zunehmend seine erfrischende Wirkung. Da die Geschichte im noch wilden amerikanischen Westen und mitten in der Wirtschaftskrise von 1929 spielt, wo die Korruption an der Tagesordnung und die Strafgesetzbücher noch nicht geschrieben sind, ist der ganze Schlamassel, den Serena verursacht, dennoch irgendwie plausibel. Die Zeiten und die Menschen waren nicht unbedingt zimperlich. Der eigene Lebensentwurf galt als Mass aller Dinge.

Conclusion: Wer nach einer Beziehungsintensität  jenseits vom „Fifty Shades of Grey“ Ausschau hält,  kann ruhig zu diesem Film greifen. Er bietet eine ordentliche Prise „Femme Fatale“ und einen Kerl, der mit ihr umzugehen weisst. Trotz der moralischen Abscheu bleibt die Faszination von Stärke, welche Beziehungen zusammenhält und zerstört, erhalten. Das Tandem Jennifer Lawrence und Bradley Cooper hat sich auch diesmal bewährt. Ein Grund für  Vorfreude auf ihre vierte Zusammenarbeit im Film «Joy» (Anfang 2016).

Prescription for: an appealing romance about a doomed high-society couple in the time of America’s Depression with its corruption and capitalism;  a story about a plucky woman, struggling to establish herself in a pioneers’ country.

Serena, USA, France, Czech Republik, 2014, 109 min., directed by Susanne Bier, with Jennifer Lawrence, Bradley Cooper, Rhys Ifans, David Dencik, Toby Jones, Sean Harris.

Ouroboros – The serpent eating its own tail

Diejenigen von uns, die den Frühling des Lebens bereits durchschritten und die 80-iger Jahre noch aus persönlicher Erfahrung im Gedächtnis haben, werden sich die Geschehnisse stets vor Augen führen können, in denen Michael J. Fox, alias Marty McFly, im ersten Teil der „Back to the Futures“ Trilogie, in der entscheidenden Szene – quasi dem vorgezogenen Showdown – des High School Abschlussballs, die Avancen seiner eigenen Mutter zurückweisen musste, damit diese nicht noch der Möglichkeit beraubt wurde, ihre – für sie natürlich unbewusste – 2. Wahl, seinen eigenen Vater, kennen zu lernen, damit Marty McFly danach überhaupt erst  gezeugt werden konnte. Es ist obsolet zu erwähnen, dass Marty McFly nur deshalb in diese – sagen wir – heikle Situation geriet, da er die physikalischen Naturgesetze – mittels einem DeLorean DMC-12 Sportwagen – überwinden konnte und 30 Jahre zurück in die Vergangenheit gereist war und zwar in seine Prä-Geburts sprich Prä-Zeugungs Periode, was absehbar – zum Vergnügen des Publikums – allerlei Turbulenzen – nicht nur bei seiner Mutter – auslöste.

Seit Bestehen der Filmindustrie sind Zeitreisefilme ein beliebtes Motiv und es sind vermutlich Hunderte von Werke, welche dieses Thema in der einen oder anderen Weise behandeln, referenzieren oder touchieren. Sei es in einer rein unterhaltenden Action-Spassvariante wie die angetönte „Back to the Futures“-Trilogie, sei es in der Form einer Slapstick Komödie, wie der Kultstreifen „Groundhog Day“, nicht zu vergessen Woody Allen’s Beitrag „Midnight in Paris“, oder dann actionhaltige Adrinalinkracher wie die „Terminator“ – Reihe, „Edge of Tomorrow“ – welcher als Actionversion von „Groundhog Day“ bezeichnet werden kann. Rein thematisch aber gehört das Zeitreisemotiv zwingend dem Science Fiction Genre zugeordnet, welches auch die cineastische Geburtsstätte dieses „Einfalles“ war und demzufolge auch die meisten Variationen anzubieten weiss. Mit einem Horror-Mystik-Drama Einschlag à la „Donnie Darko“, im Gewand eines philosophischen Actiondramas à la „Looper“, als Actionthriller wie Spielbergs „Minority Report“ oder – wie der jüngste Film von Wonderboy Chris Nolan – „Interstellar“ – mittels dem elegisch-apokalyptisch-philosophisch-melodramatisch-bombastischen Auftritt.

Obschon rein akademisch betrachtet, Zeitreisen keine absolute Fiktion per se sind (ausgehend von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie, die Schwerkraft als Krümmung der Raumzeit durch Energie und Materie beschreibt, sollte dieses Kunststück tatsächlich möglich sein), aber allenfalls noch ein Weilchen ins Lande ziehen wird, bis wir vor den Verführungskünsten unserer Grossmütter das Weite suchen müssen, ist die Attraktivität des Themas in den immens zahlreichen Auslegungsmöglichkeiten und Versuchsanordnungen der unterschiedlichsten philosophischen Fragen zur Existenz, zu unserem Wesen, unseren Triebkräften etc. zu suchen, welche so auf unterschiedlichste Weise durchgespielt werden können, nur um die aufgestellten Thesen und Reaktionen wieder mit neue Paradoxien zu brechen. Was in letzter Konsequenz zu einem cineastischen Ouroboros führen kann – Die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst…“ – ein Thema, dem sich auch schon Friedrich Nietsche mit seinem Ansatz “der ewigen Niederkunft” oder “der unendliche Wiederholung aller Ereignisse”ausführlich gewidmet hat – “Allem Zukünftigen beisst das Vergangene in den Schwanz”.

ouroboros

Eines der wohl beliebtesten und auch häufigsten beleuchteten Parodoxon  – und dies wohlgemerkt nicht nur in Zeitreisefilmen – ist wohl die ultimative philosophische  Ei- oder Huhn Frage: Free Will versus Predestination – können wir unser Leben selber bestimmen oder ist von Anfang an alles schon festgelegt?

Und in der Essenz um genau diese Frage kreist sich der im Februar 2014 im deutschen Raum direkt im Heimkino erschienene Streifen „Predestination“, von den Spierig Brothers (Daybreakers) mit Ethan Hawke, der bei den diesjährigen AACTA (Australischer Pendent zum Oscar) 9 Nominierungen (u.a. Besten Film, Adaptiertes Drehbuch, beste Regie) einheimste und Sarah Snooke den Award für die Best Leading Actress abholen konnte. Das ebenfalls am Toronto After Dark Film Festival als bester Sci-Fi Film von 2014 ausgezeichnete Werk, darf tatsächlich als Geheimtipp eingestuft werden, da mit einem Budget von ca. USD 2 Mio. gedreht und – ausser Ethan Hawke –  keinerlei bekannte Darsteller vorkommen und wenn ich nicht den expliziten Tipp erhalten hätte, würde ich jetzt sicherlich nicht darüber berichten, da Ethan Hawke in Action- oder SciFi Filmen nicht unbedingt gerade die zwingende Referenz ist (im Gegensatz zu seinen Beziehungsstudien, im Speziellen in Kombination mit Richard Linklater) und auch das Filmcover mehr nach abgestandenem oder mehrfach durchrecycletter Sci-Fi-B-Movie Actionkracher anmutet. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil. Auch wenn das Intro und noch ein, zwei zusätzliche Szenen einige actionhaltige Passagen beinhalten, also Hawke mit Pistole, ist der überwiegende Teil des Films eine Mischung aus Biopic und Kammerspiel zwischen Hawke und Snooke, stattfindend in einer Bar irgendwo in New York City irgendwann in den frühen 70-iger Jahren. Ausgehend von einer Wette um eine Flasche des besten Bourbons in der Bar, wer die spektakulärere Real Story auf Lager hat, erzählt dort ein Mann an der Theke dem Barkeeper sein Leben, das unter anderem daraus bestand, dass er eigentlich als Mädchen auf die Welt gekommen, von den Eltern verlassen in einer Waisenkrippe abgelegt und im Waisenhaus aufgewachsen ist, als junge Frau ins Rekrutierungscamp der Space Corps aufgenommen und nach Feststellung anatomischer Anomalien wieder rausgeworfen worden ist,  dann sich verliebt in einen älteren Mann, dann geschwängert und verlassen von dem älteren Mann, ihr Baby unmittelbar nach der Geburt aus dem Krankenhaus von anderem unbekannten Mann gestohlen, anschliessend von dem Arzt, welcher sie unterbunden hat,  gegen ihren Willen einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, dann – nun neu als Mann, John, – einen Job antritt, als Rubriken-Schreiber von fiktiven Lebensbeichten für ein Ratgebermagazin unter dem Synonym „Unmarried mother“. Verbittert und immer noch unermesslich tief verletzt von dem älteren Mann, der sie/ihn geschwängert und wortlos, abrupt und ohne Begründung für immer verlassen hat. Die einzige Liebe in seinem/ihrem Leben. Dazumal vor 20 Jahren, als er noch eine junge Frau war.

Stark herausgefordert von dieser spektakulären Geschichte, enthüllt der Barkeeper, dass er eigentlich kein Barkeeper ist, sondern ein Temporal Agent, ein Zeitreise Agent aus der Zukunft, der die Aufgabe hat, vergangene grosse Verbrechen zu verhindern und er nur an diesen Zeitpunkt in die Vergangenheit gereist ist, weil im März 1975 der sogenannte Fizzle Bomber 11‘000 Menschen inmitten New York City töten wird und seine Mission es ist, dies zu verhindern.

Der Barkeeper rsp. Temporal Agent bietet John darauf aber an, in die 50er Jahre zurückzureisen, an den Zeitpunkt als John noch Jane war und sie den besagten älteren Mann kennenlernte, um sich für sein grausames Verhalten ihr gegenüber zu rächen. Dies weil der Temporal Agent diesen Mann kennt und er ihn/sie zu ihm führen kann…

Wer gewinnt nun die Bourbon Flasche…?

„Predestination“ basiert auf der 1959 veröffentlichten Kurzgeschichte „- all you Zombies -„ von Robert A. Heinlein (1907 – 1988, u.a. Starship Trooper), welcher einer der erfolgreichsten Science Fiction Schriftsteller überhaupt gewesen ist und zusammen mit Isaac Asimov (I, Robot) und Arthur C. Clarke (2001: Odyssee im Weltraum) zu den sogenannten „Big three“ in diesem Genre zählt. Neben der eher nebensächlichen aber amüsanten Tatsache, dass er 1957 in seinem Roman „The Door into Summer“ vom ersten Wasserbett berichtete und dann in „Space Cadet“ vom ersten Handy, 35 Jahre vor dessen Erfindung (durch Motorola), sind in seinen Werken die Gravitas der persönlichen Freiheit und Selbständigkeit ein latent vorhandener thematischer Grundton, welcher auch in „-all you Zombies –„ unüberhörbar ist, obschon das Spiel mit Identität, Zeit, Raum und der Frage nach unserem tatsächlichen – metaphysischen – Handlungsspielraum im Vordergrund steht.

Die Verfilmung der Spierig Brother (eineiige Zwillinge, Jg 1976) hält sich sehr eng an die literarische Vorlage und zeichnet sich – neben dem behutsamen Aufbau der Geschichte unter konstantem Einflechten von versteckten Hinweisen – auch deshalb aus, weil formal auf die gewohnt spektakuläre Inszenierung des Vorgangs der Zeitreise an sich völlig verzichtet wird und sich ausschliesslich auf die Darstellung eines ausrangierten Geigenkoffers beschränkt, welcher der Temporal Agent bei sich trägt und mittels Einstellung der gewünschten Jahreszahl in dessen Zahlenschloss dann auch schon in dem gewünschten Jahr landet. Das Weglassen oder das Reduzieren der genretypischen visuellen Knalleffekten hat die Verdichtung der ohnehin schon intensiven und verwirrenden Story als Folge, welche gegen den Schluss eine nochmalige ruckartige Beschleunigung einlegt und dem Zuschauer eine Kaskade an Wendungen, Drehungen und Wiedersprüchen entgegenschleudert und im Zustand der völlig staunenden und erschöpften Verwirrung  verabschiedet. Dies alles aber nie zum Selbstzweck oder suggestiven Effekthascherei, sondern als vielschichtige Inszenierung des Ouroboros-Paradoxon.

“You know who she is, and you understand who you are, and now maybe you’re ready to understand who I am “…sagt der Bartender einmal. Will you?

Konklusion: “Predestination” überzeugt gleichermassen als philosophische Uebungsanlage wie als spannendes Zeitreise-Thrillerdrama, welches im Science Fiction – Zeitreise Genre neue Massstäbe in Bezug auf Storytwists und verschachtelte Erzähltechnik setzt, durch die enge Anbindung an die literarische Vorlage aber gleichwohl die innere Schlüssigkeit beibehält. Die intensive Schauspielleistung von Ethan Hawke und Sarah Snooke und die effiziente und verdichtete Dramaturgie in dem stillvollen Retro-Look machen diesen mehrfach ausgezeichneten und hochgelobten Low-Budget Streifen zu einem brandheissen Geheimtipp und animiert zur mehrmaligen Konsumation. Mindfuck pur, der nachhallt.

Prescription for: Identity problems, self-discovery, transgender, persistency, dealing with set backs, Nietsche lover, philosophical interests

Predestination, AU 2014, 97 min. , directed by Michael and Peter Spierig, with Ethan Hawke, Sarah Snook

Russia today – Durak

In einem Rechtsstaat  ist aufrichtiges Verhalten erstrebenswert. In Russland wird es missverstanden, belächelt, in den Dreck gezogen. Davon erzählt der neue Streifen von Yurij Bykow „Durak“ („Blödmann“). Wie auch seine vorherigen Filme („Leben“, „Mayor“) ist es ein scharfes soziales Drama, in welchem ein Einzelner dem System zu trotzen versucht und dabei selbst zugrunde geht.

Der junge Regisseur dreht seine Filme fast im Alleingang. Bykow führ die Regie, schreibt selbst die Drehbücher, komponiert die Musik, macht den Schnitt und spielte sogar eine Hauptrolle („Mayor”, 2013).  Am liebsten würde er auch für die Lichtverhältnisse sorgen, – erklärt Bykow im Dezember 2014 dem russischen TV-Kinomagazin „Kinopoisk“  („Filmsuche“). Der Grund dafür ist banal. In Russland eine zuverlässige Filmcrew  aufzutreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es wird einfach viel zu viel und viel zu oft gesoffen. Deshalb übernimmt Bykow so viele Aufgaben selbst.

Viel zu viel und viel zu oft wird logischerweise auch in „Durak“ gesoffen. Das ist vermutlich eines der wenigen Verbindungselemente, das die zwei weit von einander entfernten Kasten, die regierenden Apparatschiken und das Volk, zusammenschweisst. Gesoffen wird in einem heruntergekommenen Wohnheim, wo Geschrei und Gejohle, Drogenkonsum und Schlägereien an der Tagesordnung sind. Gesoffen was das Zeug hält wird auch im noblen Restaurant, in welchem die regierende Bürgermeisterin ihren Geburtstag feiert. Zwischen diesen beiden Welten versucht der junge Bursche namens Dima (Artiom Bystrov, Bester Schauspieler in Locarno 2014)) verzweifelt zu vermitteln.

Der Klempner, Bauingenieur-Student und Vater mit gesundem Menschenverstand und angeborenem Sinn für Gerechtigkeit hat per Zufall festgestellt, dass ein maroder Wohnkomplex, in welchem 820 Menschen daheim sind, bald einstürzen wird. So beginnt seine Odyssee durch die verschneite, nächtliche Stadt auf der Suche nach Beistand und Menschlichkeit. Doch rasch wird ihm klar, dass niemand bereit ist, das Richtige zu tun:  den Notstand auszurufen und die Bewohner zu evakuieren. Die unermesslich korrupten Kleinstadtfürsten nehmen alles in Kauf (das Leben von 820 Menschen, Ermordung ihrer Kollegen), um an der Macht zu bleiben und weiter ungehindert abkassieren zu können.

Auch Dimas Familie ist nicht bereit, einer elementaren menschlichen Logik zu folgen. Für seine Mutter und seine Frau ist er ein Blödmann. Er soll sich besser um die eigene Familie und deren Wohlstand kümmern. Die Anderen sind fremd, und man kann den Systemsumpf nicht durchschauen, geschweige denn bekämpfen. Sogar die zukünftigen Opfer wollen lieber in ihren stinkenden Unterkünften sitzen und nichts gegen das eigene Elend unternehmen. Für sein Heldentum wird Dima auch von ihnen bestraft.  Ursprünglich gab es eine zweite Version des Finales – mit einem Hoffnungsschimmer. Doch der Regisseur hat sich für den absoluten Abgrund entschieden. So wird das Porträt des für viele unbegreiflichen Landes noch schärfer, entsetzlicher und realer.

Gleichermassen speziell wie die Umstände, ist auch die Sprache im Film. Von dem mächtigen Sprachvermögen der weltweit verehrten russischen Poeten ist nicht viel übrig geblieben. Gesprochen wird wie gelebt – rissig, ruppig, rau. Und gewiss kommt kaum ein Satz ohne allgegenwärtigen Mat (das System der russischen Mütterflüche) aus. Im Mai 2014 wurde in Russland ein Gesetz verabschiedet, welches das Fluchen im Kino, auf der Bühne und in der Literatur verbietet. Das Verbot wurde von den Kulturschaffenden als Verbannung des Realismus aufgenommen.  Auch aus diesem Grund hat der dieses Jahr mir dem Film „Leviathan“ auf den Oskar nominierte Regisseur Andrey Zviaguintsev (Golden Globe-Gewinner) die Befürchtung, dass sein Film in der Heimat nie aufgeführt werden wird. Der offizielle Start sollte im Februar 2015 erfolgen. Die Patriarchen der orthodoxen Kirche haben beim Kulturministerium eine Petition mit der Bitte um ein Verbot des Filmverleihs  in Russland eingereicht. Zu viel Unfug werde dort gezeigt! Der Film sei antirussisch und repräsentiere das Böse!

Nun, der Film „Durak“ war kurz  in wenigen  Kinos in Moskau zu sehen.  In Tula, wo die Dreharbeiten stattfanden, wurde er nie gezeigt.  Da es sich in diesen Filmen  um die Gegebenheiten in den Provinzen dreht, weit weg von der Hauptstadt, und da sie internationalen Erfolg geniessen, wird ihre Aufführung von der staatlichen Macht toleriert, aber auf keinen Fall gutgeheissen.

Was den Regisseur mehr beunruhigt, ist die Tatsache, dass sein Zielpublikum – der Durchschnittsbürger – den Film nie zu Gesicht bekommen könnte, falls er am TV nicht ausgestrahlt werden darf („Isvestija“, 20.08.14). Der Kulturminister Medinskuj  hat sich geäußert, dass dieser Streifen den Blick auf Russland verzerre und nur das Schlechte zeige.  Die sowjetischen Politiker waren stets um den Schein und nicht um das Sein bemüht. Die heutigen Führer folgen der gleichen Logik (z.B. beim Sotschi-Spektakel). Nur die Wahrheit sickert meistens durch. Wie es im Inneren des Riesenreiches aussieht, zeigen Filmen wie „Durak“ und „Leviathan“ auf beeindruckende Weise.

Conclusion: „Durak“ bedient keine besonderen künstlerischen Ansprüche. Das war auch nicht Bykows Ziel. Sein Film bezeichnet er selbst als Plakat, Slogan, Schrei („Isvestija“, 20.08.14). „Durak“ (ebenso wie „Leviathan“) liefert Antworten auf die folgenden Fragen: Warum und wie verschwinden die russischen Journalisten, Oppositionelle und Rechtsaktivisten spurlos? Wie weit wird man gehen, um das alte System aufrecht zu erhalten? Was sind die Ursachen der Korruption? Wieso macht das Riesenvolk mit? Bewundernswert ist der Mut der Filmemacher. Sie sind Einige  der Wenigen, die sich im heutigen Russland einen freien Blick auf das Geschehene leisten,  ihre Kameras auf die gravierende Missstände richten, um souverän und konsequent die ganze entsetzliche Wahrheit aufzuzeigen. So viel Zivilcourage muss wenigstens mit unserer Aufmerksamkeit belohnt werden!

Prescription for: family and society, priorities and moral choice, corruption and murder, Russia yesterday and today

Listen to: Calm Night (Spokojnaja Notsch) – Viktor Zoi

Durak (The Fool), Russia 2014, 112 Min. Directed by Jurij Bykow. With Artiom Bystrow, Natalia Surkowa, Juri Zurilo, Boris Newsorow

The genesis of an everlasting cult classic – or why we are always confusing love for admiration?

“You can come through or not, depending on how dark the cloud is. But I think there’s a time when things that used to satisfy you or you thought were important, you realize are not important. Time is running out, the party lights are blinking, there is no more ice in the bucket. And you begin to realize the party will finish very soon in some way or the other”

An diesem Punkt stand der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu, 51, nicht vor allzu langer Zeit, wie er dem Filmkritiker Elvis Mitchell in einem Interview verriet. An den gleichen Punkt wie auch Michael Jackson, Leo Tolstoy und Raymond Carver –  und wie wahrscheinlich noch einige, die allenfalls einen kleineren Einfluss auf die Kulturgeschichte gehabt haben – gelangten, als sie das Ende ihres 5ten Lebensjahrzehntes erreichten. Jackson und Carver starben, Tolstoy raffte sich nochmals auf und lebte weitere 30 Jahre. Dasselbe hofft man inständig auch für Iñárritu, dessen Verarbeitung seiner Lebenskrise nun in 2 Wochen in die Schweizer Kinos kommt unter dem Titel „Birdman – The Unexpected Virtue of Ignorance“.

Iñárritu, welcher sich mit seinen bisherigen Filmen (Amores Perros, 21 Gramm, Babel und Biutiful) als ungekrönter Meister des tieftraurigen Zelebrierens der unausweichlichen Niederlagen und Verluste des menschlichen Wesens hervorgetan hat – und sicherlich auch den Rekord hält, mit seinen Werken die definitiv wenigsten Lacher in der Filmgeschichte produziert zu haben (nicht umsonst nennt man seine ersten 3 Werke die sogenannte „Death Trilogy“) – hat sich nun entschlossen, das menschliche Drama als Komödie zu inszenieren. Nach dem Motto, jede Tragödie wird irgendwann komisch, wenn man sie nur genug aufbläht.

Als ich – zusammen mit Daniel Schuler (Miteditor TDS) – im letzten Herbst die Schweizer Erstausstrahlung von Birdman anlässlich des 10th Zürich Filmfestival besuchen ging, war die persönliche Erwartungshaltung eher gemischt. Trotz dem Wissen um die Qualität von Iñárritu (Amores Perros & Babel gehören zum meinen All-time Favourits) war es doch irgendwie nahezu unvorstellbar, dass genau dieser Regisseur sich jetzt auf dem Gebiet des Komischen betätigen würde. Man hätte wahrscheinlich ähnliche Vorbehalte, wenn Woody Allen den nächsten James Bond inszenieren würde (oder diesen spielen würde). Als dann der Produzent von Birdman, John Lesher, welcher im Corso 1 ein kurzes Vorwort hielt, sich dahingehend äusserte, dass sie Birdmann im Frühjahr ’14 in nur einem Monat relativ schnell abgespult haben und Iñárritu auch nicht persönlich in Zürich anwesend sein könnte, da er bereits mit Tom Hardy und Leonardo Di Caprio an den Dreharbeiten zu „The Revenant“ war, dachte ich, nun gut, eine Fingerübung so zwischendurch…hoffentlich wenigstens amüsant. Aber es kam anders. Ganz anders.

Es passiert einem sehr selten im Leben als aktiver Cineast, aber nach ca. 10 – 15 Min. Filmdauer schauten Daniel und ich uns kurz an, da wir beide intuitiv spürten, wir sind da Zeuge von etwas Grossem, etwas Neuem, ja fast schon Ungeheuerlichem. Aber in einem höchst unterhaltsamen und vor allem urkomischen Sinn. Seltsamerweise waren wir, neben der allgemein spürbaren und ungläubigen Bewunderung des Gezeigten, –  wenigstens gefühlt – die einzigen, welche sich in der dortigen Vorstellung förmlich krummgelacht haben. Und man stellte nach der Vorstellung unter dem Publikum eine beinahe andächtige Stimmung fest. Schockiert,  fasziniert und belustig zugleich. Unzählige Menschentrauben standen vor dem Corso, murmelten aufgeregt über das Gesehene. Der Versuch einer Einordnung eines an sich tragischen schockierenden Dramas. Welches zur Komödie aufgebläht wurde.

Michael Keaton, ja genau der, welcher mal in den 80-iger Jahren den Batman verkörpert hat, spielt hier Riggan Thomson, welcher vor 20 Jahren ein internationaler Superstar geworden ist, durch seine Verkörperung des Comichelden Birdman, aber nach 2 Fortsetzungen mehr Anerkennung suchte, Teil 4 ausschlug, und anschliessend in der Versenkung verschwand. Wie Michael Keaton auch (der aber nur eine Fortsetzung von Batman machte). Jetzt ist Riggan Thomson aber zurück, steckt seine ganzen verbliebenen Ersparnisse in die Inszenierung des Theaterstückes von Raymond Carver (siehe Intro) –  „What We Talk About When We Talk About Love“ –, welches er nicht nur inszeniert, für die Bühne umschreibt, sondern darin auch die Hauptrolle spielt. Und dies auf der renommiertesten Theatermeile der Welt, dem Broadway. Das perfekt inszenierte Comeback. Das Zurückgewinnen von Einfluss, Respekt, Erfolg, Macht, Reichtum, Anerkennung…und Liebe. Selbstverständlich, wie oft, wenn man nicht nur von hehren Zielen getrieben wird, kann man sich nicht vollständig auf die Unterstützung des Schicksals verlassen. Sein unfähiger Nebendarsteller im Stück lässt er kurzerhand mittels einem herunterfallenden Requisit auf der Theaterbühne ausschalten, worauf er mit einer existenzbedrohenden Schadenersatzklage konfrontiert ist, der daraufhin engagierte Nachfolger und vermeintliche Glücksgriff für die Produktion, Mike Shiner (Edward Norton), ein arroganter, selbstverliebter Hollywoodstar, welcher nicht nur auf Anhieb das Drehbuch von Riggan hinterfrägt –  obschon er es einwandfrei auswendig kann, auch die Passagen von Riggan – sondern auch in den Proben auf der Bühne richtiger Gin statt Wasser trinkt, seinen Co-Star (Naomi Watts) zum echten Sex auf der Bühne zu animieren versucht (da er es nur noch dort kann), sondern sich auch der Tochter von Riggan, welcher dieser – frisch aus der Reha – als Produktionsassistentin eingestellt hat, annähert. Zudem kündigt ihm die allmächtige New Yorker Theaterkritikerin der New York Times an, dass sie das Stück so oder so in Stücke zerreissen wird, da sie die arroganten Hollywood Typen, welche sich am Broadway profilieren wollen, grundsätzlich als unfähig betrachtet und überhaupt abgrundtief verachtet. Abgerundet wird das Szenario von Birdman selber, Riggan’s dazumalige Superhero-Rolle, welcher ihn niemals wirklich losgelassen hat und neuerdings als seine innere Stimme, Ratgeber und Mahner eine immer dominanter Rolle – wenigstens in seinem Kopf – einnimmt und ihm die Aussichtlosigkeit seines ambitionierten Unternehmens vor Augen führt und ihm anstelle die unzähligen Vorzüge einer möglichen Rückkehr zu einer weiteren Fortsetzung von Birdman unablässig eintrichtert…und es sind noch 3 Tage bis zur Premiere…

“I want to do a film about the theater, in one shot.” Dies war die Grundprämisse von Iñárritu als er die Idee zu diesem Film hatte und er setzte dies – auch nach dringendem Abraten von seinen Produzenten, Mitautoren und auch Kameramann – konsequent um. Ausser der Anfangsszene und dem Schluss, hat man das Gefühl, dass alles in einem flüssigen Shot ohne Unterbruch gedreht worden ist. Hintergrund war die Erkenntnis, welche Iñárritu durch endlose Diskussionen mit seinem Cutter Walter Murch gewonnen hat, dass wir eigentlich unser Leben,  wie einen andauernden Steadicam shot wahrnehmen. „From the time we open our eyes in the morning, we are navigating our lives without editing”. Und genau so soll es sich auch anfühlen.

In dem engräumigen Broadway-Theaterhaus, wo der Film zum grössten Teil spielt, folgt man Riggan, wie er gehetzt durch die Gänge schreitet, hie und da Wortfetzen seinen Schauspielern, Tochter (Emma Stones), Manager (Zach Galifianakis) hinschmeisst, weiterstresst zu den Proben, diese ungeduldig, genervt und manisch absolviert, dann zurückeilt in seine Umziehkabine, dort in die schizophrenen Wortgefechte mit seiner inneren Stimme – also Birdman – involviert wird (wenn er nicht gerade meint, dass die übernatürlichen Kräfte von Birdman auf ihn übergegangen sind und er im Yogasitz im Raum schwebt), die oftmals in der Demolierung des ganzen Mobiliars münden, dann wieder zurück auf den Gang, eilend zu seinem Manager…Unterlegt ist dies alles mit einem ebenso manisch gehetzten, vibrierenden Percusion Jazz von Antonio Sanchez, welcher man plötzlich – ganz nebenbei – hinter seinem Schlagzeug in einer Nische in einem der endlos scheinenden Gänge des Theaterhauses spielen sieht – natürlich den gerade in der Szene benutzten Soundtrack . Man ist Riggan immer auf den Fersen, eigentlich wird man zu Riggan und ist inmitten dieses puren Wahnsinns der Broadway Theaterszene. Natürlich nicht ohne im ständigen Meta-Dialog mit der aktuellen Superheldenmanie im Kino zu stehen, dem Verhältnis von Hollywood zum Theater, dem Selbstverwirklichungs- und Anerkennungswahn der hypersensitiven Kultur-Szene unter dem latent spürbaren Damoklesschwert des Alterungsprozesses, der Endlichkeit der Existenz, der Tatsache, dass die Party bald zu Ende sein wird.

Gemäss dem verantwortliche Kameramann Emmanuel Lubezki (Gravity) ist die ganze Inszenierung des „alles-ist-in-einem-Fluss“ nur eine grosse Illusion, Kameraführung und Bildbearbeitung sind komplett manipuliert, alles ein Trick, der aber in der Kinogeschichte in dieser Form einmalig ist und handwerklich – was Bild, Schnitt und Musik anbelangt, neue Standards setzt. Es sieht alles nach einer improvisierten Spielwiese für durchgeknallte kreative Chaoten Köpfe aus, letztlich wurde aber gar nichts dem Zufall überlassen und ist bis zum letzten Nagel durchperfektioniert. Was die Dreharbeiten extrem schwierig gestaltete. Denn obschon die Drehzeit nur 30 Tage betrug, wurde die ganze Szenengestaltung schon Monate im Voraus in einem leeren Raum choreografiert und akribisch genau geplant. Gemäss Iñárritu war dann der Drehprozess als solcher mit einem Jazzkonzert vergleichbar, da alles im Fluss bleiben und unmittelbar natürlich wirken musste, was aber enorm aufreibend war, da während dem Drehen, jedes Wort, Bewegung und Kamerabild passen musste und die Fehlertoleranz bei null lag, was auch die Darsteller an ihre emotionalen Grenzen trieb.

Was aber letztlich die Leistung aller Schauspieler nur nochmals zusätzlich beflügelte und so für alle Beteiligen (Edward Norton, Naomi Watts, Emma Stones, Zach Galifianakis) ein karrieretechnischer Meilenstein darstellt. Nicht gemessen am Einspielergebnis, sondern – wie im Film verzweifelt gesucht  – gemessen an der künstlerischen Reputation. Eine weitere Vermischung von Film und Realität, da viele der Beteiligten in letzter Zeit genau in diesem Comic-Superhelden Genre zu sehen waren (Norton: Hulk/Emma Stones: Spiderman 2).

Was Michael Keaton hier aber bietet ist pure Magie. Ein Comeback in diesem Ausmass hat es meiner Ansicht nach noch nie gegeben und stellt sogar John Travoltas damalige Rückkehr auf die Leinwand mit Pulp Fiction in den Schatten. Man weiss nicht wirklich, warum dieser Mann in der Versenkung verschwunden ist und auch in seiner Blütezeit, den 80iger, nicht wirklich mit hochkarätigen Produktionen (Beetlejuice?) gepunktet hat. Aber sein Minenspiel, welches innerhalb von Sekunden von purer scheinbarerer Selbstzufriedenheit in manische Aggression, Resignation oder schiere Verzweiflung wechseln und nie, wirklich nie antizipiert werden kann,  ist pure Genialität und trägt massgeblich zur überschiessenden Komik in diesem Film bei. Weil, wie soll wahre Komik entstehen, wenn nicht aus dem wahrlich Unerwarteten?

Für Iñárritu, welcher für diesen Film die Regie für True Detective und Hunger Games ausschlug, ist dieses Werk, wahrscheinlich auch für ihn unerwartet, zum Opus Magnum seines bisherigen Schaffens geworden. Eine Komödie. Sicherlich gehört dieser Mann zu den talentiertesten und feinfühligsten Künstler unserer Zeit, aber wahrscheinlich löste genau seine ganz persönliche Lebenskrise dieses gewisse Etwas aus,  was zu dieser ungeheuerlichen Freilegung von Kreativität beitrug und ihn befähigte, das Timing durgehend so perfekt zu treffen, was Birdman unweigerlich auf Anhieb in den Rang der besten Filme aller Zeiten katapultierte und den Zuschauer effektiv Knockout schlägt. Quasi ein Naturereignis (wer den Film gesehen hat, versteht diesen Nachsatz…)

Zu den besten Freunden Iñárritu‘s gehören die beiden mexikanischen Regisseure Guillermo del Toro (Hellboy & Pans Labyrinth) und Alfonso Cuaron (Great expectations, Gravity), welche sich untereinander in einer schonungslosen offenen Kommunikation mit Rat und Tat bei ihren jeweiligen Filmprojekten zur Seite stehen. So waren die beiden dann auch die ersten, welchen Iñárritu Birdman vorspielte. Was dann passierte schilderte Iñárritu in einem Interview folgendermassen: Guillermo never drinks but after he saw it he said, “I need a fucking drink”. And he got so drunk because he was so shocked and so moved by the film. I had never seen him like that.

Wenn Sie also zur Sorte Leute gehören, die pro Jahr höchstens einmal ins Kino gehen, dann ist die Zeit für Sie schon jetzt im Januar gekommen.

Vorgewarnt sind Sie ja jetzt.

Conclusion: Iñárritu schuf mit seiner Geschichte über einen ehemaligen Hollywoodstar, dessen Karriere sich im freien Fall befindet und sich mit einem Theaterstück am Broadway künstlerisch und finanziell wieder rehabilitieren will, aber durch widrige Umstände und wachsende Selbstzweifel langsam in den Wahnsinn abdriftet, ein Meisterstück von einer solchen kreativen und spielerischen Durchschlagskraft, die einem Faustschlag in die sprichwörtliche Fresse des Publikums gleichkommt. Da aber die Party für uns alle irgendwann langsam zu Ende geht, geniessen wir den Schmerz – amüsiert, fasziniert und irritiert – solange wir noch was fühlen können. Ein Spektakel ohnegleichen. 

Prescription for: sanity, narcissism, parenthood, marriage, creative integrity, artistic legacy, black humour

Listen to: Birdman (Original Motion Picture Soundtrack) by Antonio Sanchez (Artist) – Jazz

Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance), USA 2014, LZ 119 Min., Directed by Alejandro González Iñárritu. With Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone, Naomi Watts

Kinostart: 29.01.2015 (Deutschschweiz)

Family holidays after an Avalanche – Turist

„Zuerst Kinder und Frauen!“- diesen Ruf kennen wir allzu gut aus den zahlreichen Katastrophenfilmen à la „Titanic“. Irgendwie  steht genau so eine Reihenfolge in den Unglücksabläufen für das vernünftigste Handeln. Dass es in der Realität anderes abläuft, wissen nur wenige. Der schwedische Regisseur Ruben Östlund hat zu diesem Thema Statistiken studiert und völlig andere Erkenntnisse auf die Leinwand gezaubert.

Der grösste Teil der Überlebenden bei Schiffsunglücken seien Männer in einem bestimmten Alter, sagt er. Und die, die ertrinken, sind Frauen. Auch seien Scheidungen unter Opfern von Flugzeugentführungen statistisch gesehen sehr hoch, weil man in solchen Extremsituationen die Partner eben ganz neu kennenlerne. Darum geht es im Film „Turist“.

Der überarbeitete Familienvater Tomas (Johannes Bah Juhnke) verbringt mit seiner Frau Ebba (Lisa Loben Kongsli) und den zwei Kindern Winterferien in einem Luxusressort in den französischen Alpen. Der erste Urlaubstag verläuft noch ziemlich harmonisch. Eine leichte Dissonanz in diesem sympathischen Quartett entsteht nur kurz durch das Gejammer des müden Kindes (die Mutter hat sofort eine Erklärung parat: der Junge hat Hunger!) und ständig piepsende Smartphone (der Vater ignoriert es noch bewundernswert gelassen!).

Doch am zweiten Tag passiert etwas außergewöhnliches. Als eine Lawine das Restaurant, in dem Tomas mit der Familie zu Mittag aß, zu erfassen drohte, haben seine angeblich männliche Beschützerinstinkte versagt. Er schnappte sich Handschuhe, iPhone und rannte weg. Diese Szene wird im Film immer wieder aus der Perspektive vom Thomas, Ebba, des befreundeten Pärchens, Zufallsbekanntschaften mal emotional, mal rational analysiert. Die wichtigste Frage, die sich die Beteiligten, zwangsläufig auch die Zuschauer, stellen: Was hätte ich in dieser Situation getan? Wäre es denkbar, das Mobilgerät mitzunehmen und das Kind im Stich zu lassen?

Über die phänomenale Rolle des Smartphones im Leben eines modernen Mannes haben uns schon in „Carnage“ Roman Polanski und Christoph Walz aufgeklärt. Nachdem einem selbstbewussten Anwalt und Familienvater sein omnipräsentes Mobilephone entzogen wurde, verliert er sofort die Gelassenheit, weltmännische Haltung und kriecht schon fast auf dem Boden, unfähig weiterhin am aufgeheizten Gespräch teilzunehmen.

In „Turist“ gibt es eine ganze Reihe von derartigen modernen  Alltags- und Winterurlaubsbegleitern, die schon beinahe ausserirdisch erscheinen: Elektrische Zahnbürsten, die alle Familienmitglieder besitzen, IPhone, IPad, Multikopter, Skihelme, -brillen, -schuhe, -liften, Schneekanonen, Lawinensprengmasten, Pistenraupen… Ein modernes Rittertum! Sind in dieser übertechnisierten, unter Kontrolle gehaltenen Welt noch Helden gefragt?

Ebba wird nachsichtig, traut ihrem angeschlagenen,  frustrierten Mann wieder die Führungsrolle zu. Doch die Kinder brauchen noch Märchen. Deshalb wird der Vater von der Mutter als Held inszeniert, indem er sie aus dem Nebel rettet und zurück zu den Kids bringt. Die Fiktion bleibt erhalten. Notgedrungen braucht man Männer. Sie können wenigstens die müden Kinder auf den Händen tragen, wie in der grossartigen letzten Szene zu sehen war.

„Turist” ist ein moderner, nach Perfektion strebender und absolut gelungener Film, der trotz inhaltlicher Ernsthaftigkeit sehr komisch rüberkommt.  Er hat auch einen hohen Wiedererkennungswert: Genau so sind oft die Umstände, Konversationen, Empfindungen, Selbstreflexionen, Freundschaften, Beziehungen… Antonio Vivaldis „Sommergewitter“ bringt die komischen und tragischen Momente der Geschichte virtuos und fast schon operettenhaft  zur Geltung. Eine berührende Szene, in der alle vier  nachts vereint im entsetzlichen Heulen übereinander herfallen, hat eine katharsisartige Dimension. Es gibt doch einen echten Zusammenhalt, der nicht nur im Äusseren, sondern im Inneren des Familiengehäuses existiert. 

Konklusion:  „Der Spiegel“ hat die Wirkung des Films so zusammengefasst: Wenn Sie sich von Ihrem Partner trennen wollen, dann gehen Sie am besten in die schwedische Satire “Höhere Gewalt”: Einen böseren Film über die Widersprüchlichkeiten moderner Geschlechter- und Familienbilder gibt es 2014 nicht“ (17.11.2014).  Klare Aussage, aber stimmt nicht so ganz. Auch die zwei von uns präsentierten Filme „Gone Girl“ und „Winter Sleep“ haben wesentlich mehr Potenzial zur Erhöhung der Scheidungsraten. „Turist” ist dagegen boshaft und barmherzig zugleich. Zunehmend ging es dann doch um die Krisenbewältigung, zwar ironisch gemeint, aber je nach Familienstand frei interpretierbar.

Turist, Sweden/Denmark, 118 min., from Ruben Östlund, with Johannes Ban Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Kristofer Hivju, Clara und Vincent Wettergren

The Eyes of Sofi – I Origins

Sofi: When I saw you, I had the feeling I had known you – like we are connected from past lives

Ian: I don’t believe in that

Sofi: What do you believe in?

Ian: I’m a scientist. I believe in proof

Dies sagt Ian zu Sofia, nachdem er sie endlich wieder gefunden hat, nach einer ersten Begegnung ein paar Tage vorher auf einer Art Kostümparty, die nach einem kryptischen verführerischen Wortgefecht auf einem gemeinsamen Toilettengang endete, dies aber ohne Entledigung ihres Kostümes, welches eine Art Mischung aus Catwomen Suit und Burka darstellte und nur die Augenparty enthüllte, was die Wiedererkennung bei Tageslicht nicht vereinfachte und in Anbetracht der Tatsache, dass auch weder Namen und Nummern ausgetauscht worden sind, ein Wiederfinden in einer Stadt wie New York als nicht sehr realistisch eingestuft werden konnte.

Da Ian aber Molekularbiologe ist und an der Evolution des Auges forscht und auch privat so sehr an der Iris des Menschen interessiert ist, dass er wo immer möglich Fotografien von Augenpaaren macht – wie auch von denjenigen von Sofi an der besagten Kostümparty – ist dieser einzige Anhaltspunkt – die Augen von Sofi – die Karte zum Weg zurück zu ihr…

Aber nicht nur zu ihr. Sondern vor allem auch zu ihm selbst. Denn ihre Augen werden es ganz am Ende dieses Filmes sein, welche seine Weltanschauung und seine Festklammerung am rational Wissenschaftlichen in den Grundfesten erschüttern lassen werden….

Die Augen als Spiegel zur Seele. Darwinistische Evolutionstheorie contra göttliche Schöpfungsmacht. Tod und Wiedergeburt. Schuld und Erlösung. Liebe und Schicksal. Suchen, Finden, wieder verlieren…und Wiederfinden.

Wie schon in seinem in umjubelten Erstlingswerk „Another Earth“, welches er für nur USD 200‘000.—abdrehte und 2011 am Sundance Filmfestival uraufgeführt wurde (ausgezeichnet mit dem U.S. Dramatic Competition Special Jury Prize), schafft es Mike Cahill auch in seinem neuen Werk, grosse theologische und philosophische Fragen, mit wissenschaftlichen Elementen und zugleich grossen menschlichen Dramen zu verbinden.

Es ist deshalb auch nicht wirklich möglich seine Werke zu kategorisieren. In „I origins“ wägt man sich anfänglich in einem klassischen Liebesfilm, befindet sich im nächsten Moment in einer Art semidokumentarischen Abhandlung à la Steven Hawking über die wissenschaftliche Grundierung der Evolutionstheorie, nur um in der nächsten Szene Zeuge von übernatürlichen Zeichen und mystischen Bedrohungen zu sein um dann plötzlich einem Ehe- und existentiellem Selbstfindungsdrama epischen, weltumspannenden Ausmasses beizuwohnen. Mike Cahill bleibt seinem Stil treu und inszeniert dies – wie schon auch „Another Earth“ in einer kühl-düsteren Bildsprache, die einerseits in langen intimen Einstellungen verharrt, anderseits auch immer wieder spektakuläre Weitwinkelaufnahmen auf die Leinwand zaubert, welche man gerade so gerahmt an die Wand hängen möchte…es ist schon erstaunlich, wie mit so einem minimalen Budget ein solche stringente Aesthetik umgesetzt werden kann. Nicht zu vergessen selbstverständlich die schauspielerische Leistungen, denn die Besetzung ist superb, allen voran Michael Pitt als Ilan, welcher schon in „The Dreamers“ von Bernardo Bertolucci ein markante Fussnote hinterliess, sonst aber – ausser in dem amerikanischen Remake von „Funny Games“ – unerklärlicherweise sehr selten in tragenden Rollen zu sehen ist. In den weiblichen Hauptrollen überzeugt einmal mehr Brit Marling, welche als Co-Autorin zusammen mit Mike Cahill schon „Another Earth“ geschrieben hatte, worin sie dann auch die Hauptrolle spielte (und seit dort auch u.a. in „Arbitrage“ die Tochter von Richard Gere oder „The company you keep“ von Robert Redfort mitspielte) und dann noch natürlich Àstrid Bergès-Frisbey als Sofi, genau die mit den Augen, welche von 2011 von Jerry Bruckheimer und Regisseur Rob Marshall für den vierten Teil der Piraten-Saga, „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“ entdeckt wurde und sonst eher als Model unterwegs ist, was die Qualität ihres Auftrittes in diesem Film nicht schmälert…au contrair!

Konklusion:

„I origins“ gehört zu der Sorte Film, welche man  typischerweise – ausser eingefleischte Cineasten natürlich – im Kino verpasst, da diese –  wenn überhaupt – meistens nur 1-2 Wochen laufen, ohne grosse begleitende Pressegeräusch und dann oftmals unbemerkt im Fernsehen im Nachtprogramm bei Arte anlaufen. Atmosphärisch dicht, ungeheuer spannend, visuell berauschend und tief berührend werden hier grosse philosophische Themen um die Widersprüche von Wissenschaft und Religion, Tod und Inkarnation mit einem wahrlich dramatischen Liebesdrama kunstvoll verbunden. Mike Cahill gehört schon jetzt nach seinem 2. Spielfilm zu einem der vielversprechenden und interessantesten Regisseuren in der gegenwärtigen Filmindustrie. Man wagt es sich kaum vorzustellen, was er für Filme machen würde, wenn er mal mehr als USD 200‘000.—zur Verfügung hätte.

Prescription for:  interest in philosophical discourses, interest in science affairs, religious doubts, religious interest, believer of eternal love, melancholic mood, lovers of beautiful eyes, interest in supernatural phenomenons, drama lovers.

Listen to: Dust It off – The DO

I Origins, USA 2014, 113 min., from Mike Cahill, with Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Berges-Frisbey   

Dostojewski in Anatolia – Winter Sleep

Es gab kaum ein Film in diesem Jahr, der so gut bewertet wurde wie der „Winter Sleep“ von Nuri  Bilge Ceylan. Die meisten Kritiker sind sich einig: hier haben wir mit einem klaren Meisterwerk zu tun. Die „Goldene Palme“ hat er auch schon in Cannes gewonnen. Entsprechend hoch waren meine  Erwartungen.

Nun, nach über 3 Stunden und 16 Minuten des fast vollkommenen Filmgenusses musste ich dennoch feststellen: „Winter Sleep“ ist sehr, sehr lang… Die einzelnen Dialoge mit den heftigsten Sequenzen dauern beinahe 20 Minuten. Dabei besteht der ganze Film überwiegend aus aufeinanderfolgendem Gedankenaustausch.

Schon allein aus diesem Grund ist er schwermütig, vergleichbar mit Lesespass und Lesefrust, die beim Ergründen der Hardcore-Literatur (S.Beckett, A.Camus, G.G.Markes etc.) entstehen. Der Film  hat auch einen deutlichen literarischen Touch. Als seine Inspirationsquelle nannte der Regisseur und Drehbuchautor Ceylan den russischen Meister der Kurzerzählung  Anton Tschechow. Es gibt tatsächlich zahlreiche Parallelen zwischen  Helden von Tschechow und Ceylan. Doch mit seiner Langatmigkeit, Auffassungsdichte und Komplexität erinnert mich der Film vielmehr an Dostojewski.

In der anatolischen Provinz betreibt der ehemaliger Schauspieler und Grossgrundbesitzer Aydin (Haluk Bilginer) ein feines, naturbelassenes Hotel namens Othello (die Hommage an Shakespeare ist klar spürbar im ganzen Film). Er ist der König seines kleinen Reiches. Der in Höhlenfelsen gemeisselte Ort wirkt schon fast virtuell. Diese Geschichte könnte in jedem Land, in jeder Zeit erzählt werden. Wir sind zuhause bei einem Intellektuellen, von der Religion losgelösten Freigeist, der dank finanzieller Unabhängigkeit und inspirierender Umgebung seine Tage mit Philosophieren und Schreiben verbringt.

Doch die ersten Eindrücke täuschen. Zuerst plagen ihn die zahlungsunfähigen Mieter, was Aydin noch gut verkraften kann. Am meisten verletzen den etwas angeschlagenen Mann jedoch zwei Frauen, die ihm am nächsten stehen, – seine junge schöne Frau Nihal (Melisa Sözen) und seine geschiedene scharfsinnige Schwester Necla (Demet Akbag). Sie sind nicht willig, ihn in dem Glauben zu lassen, gütig, gerecht und frei zu sein. Auch wenn die Frauen nicht unbedingt rebellieren, schaffen sie es gekonnt, mit perfiden Worten ihre Verachtung und Distanziertheit ihm gegenüber deutlich zu machen.

Suchend nach Schutz gegen diese stetigen Nadelstiche beabsichtigt er, nach Istanbul zu flüchten – in die grosse weite Welt. Aber dort wird er nie ankommen. Um abzuwarten und wieder zu sich selbst zu finden, wohnt er vorübergehend bei seinem Kumpel. In dieser männlichen Genügsamkeit gibt es viel Wein, Gerede und eine fulminante Jagdszene, die den Aydin schlussendlich zurück nach Hause bringt – mit der Beute, dem archaischen Beweis seiner immer noch vorhanden Männlichkeit, bereit die aus den Fugen geratene Ordnung wieder herzurichten oder die Geringschätzung über sich ergehen zu lassen.

Es gibt bestimmt ein dutzend Szenen im Film, die sich wie Messerstiche in das Gedächtnis einritzen: Das Klirren der zerbrochen Fensterscheibe im Aydins Auto, in der Unterkunft des Haus des von Stolz zerfressenen Mieters, die Zähmung des wilden Pferdes, die vatergleiche Blicke und Ohnmacht des Kindes, ein in Flammen zergehendes Bündel Geldscheine…. „Winter Sleep” ist eine einzige Kaskade aus solchen symbolbeladenen Bildern, die durch die Schubert’s Piano Sonata No. 20 noch mehr greifen. Deshalb schwankt seine Wirkung stark zwischen Faszination und Schwermut.  Wie beim Dostojewski. Es gibt keine Gewinner, im Grossen und Ganzen verlieren wir alle. Was uns bleibt ist der Weg – durch die düsteren Landschaften unserer Verirrungen – in der Hoffnung auf ein bisschen Glück und Anerkennung. Eine ernüchternde, trostlose Botschaft.

Der Film hat auch ein sehr literarisches Ende. Die Heilung kommt mit oder durch das Schreiben. „Die Geschichte des türkischen Theaters“ soll ein Buch werden, das mehr Sinn und Beständigkeit in Aydins Leben bringt. Ob die Frauen ihn dabei unterstützen oder weggehen ist ungewiss.

Konklusion:  „Winter Sleep“ verlangt dem Zuschauer viel Geduld und Ausdauer ab. Die subtile düstere Schönheit der Bilder entlastet nicht in geringster Weise die Bürde der zwischenmenschlichen Fehldeutungen. Die Belohnung bleibt aus. Es sei, man bemüht sich ein Mal mehr und versucht, das ganze winterliche Elend in eine Frühlingslandschaft zu versetzen. Wenn die Natur mit den Menschen gnädiger wird, werden sie gnädiger mit sich selbst sein?

Prescription for: marriage problem, depression, interest in philosophical discourses,  interest in lost landscape, poetic, Dostojewski lovers, melancholic mood, misanthropic attitude

Winter Sleep, Turkey 2014, 196 Min., Director Nuri Bilge Ceylan, with Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbag

The moon song

Sometimes I think I have felt everything I’m ever gonna feel. And from here on out, I’m not gonna feel anything new. Just lesser versions of what I’ve already felt. (Theodore, HER)

Liest man Artikel über wesenstypische  Eigenschaften, welche das Paarungsverhalten des Homo Sapiens beeinflussen können, begegnet man immer wieder – neben den bekannten physiognomischen Attributen –  dem Geruchssinn (oder den damit wahrgenommenen Düften), welcher als weniger offensichtliches Entscheidungskriterium bei der Partnerwahl ein massgeblicher Faktor zu sein scheint, da gewisse abgesonderte Düfte (Schweiss) als starke Lockstoffe gelten und angeblich schon fast animalische Triebkräfte freilegen können. Je nach Dossierung selbstverständlich. Und Zyklus. Bei Frauen wenigstens…

Aber welchen Stellenwert hat eigentlich die Stimme? Sicherlich hat jeder schon Aussagen à la „die hat aber ne sexy Stimme“ oder „rauchige Stimmen haben was erotisches“  vernommen oder aber, was fast noch häufiger anzutreffen ist,  eher negativ beladene Kommentare, welche bezüglich Wort-oder Stimmklang zu hören sind. Stichworte: Quitsch- oder Krächzstimmen, Männerstimmen (von Frauen) oder Frauenstimmen (von Männer) und was es sonst noch alles an nicht wohlklingenden oder erotisierenden stimmlichen Varianten gibt.  Aber wurde der Stimme wirklich je eine elementare Bedeutung beim Paarungsverhalten beigemessen?

Will man daher den wahren Stellenwert wissen,  welche die verschiedenen Einflussfaktoren (Olfaktorisch, Aestethik/Physiognomie/ Stimme/Charakter) auf dem Marktplatz der Geschlechter haben, muss man sich eigentlich nur zu jedem Punkt die Frage stellen, ob man sich in diesen alleine, von den anderen abstrahiert,  verlieben könnte. Also nur in einen (Schweiss-) Duft (Olfakorisch)? Oder allenfalls in Humor (Charakter) ? Allenfalls würden gewisse Zeitgenossen Grosszügigkeit anführen um bei den Charaktereigenschaften zu bleiben, aber auch dort könnte man wahrscheinlich nicht von einer rundum ganzheitlichen Vernarrtheit sprechen…

Wenn nach 125 min. der Abspann von „Her“, dem neuesten Werk von Spike Jonze, über den Bildschirm läuft und man – leicht paralysiert, hypnotisiert, entzückt oder entrückt –  versucht, das Geschehenen zu verarbeiten oder spezifischer, das Gesehene und Gehörte einzuordnen, wird bei vielen – zumindest bei den männlichen –  Zuschauern bald die Frage auftauchen: Habe ich mich da gerade in eine Stimme verliebt?

Sicher ist, beim Hauptdarsteller Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) war dies der Fall. Und noch besser, die Stimme auch in ihn. Glaubt er und wir jedenfalls. Und die Stimme irgendwie auch.

„Her“ spielt in nicht allzu ferner Zukunft und Theodore Twombly ist ein professioneller Briefschreiber, irgendwo im mittleren Alter, seit einem Jahr getrennt von seiner Frau, mit welcher er sein halbes Leben zusammen war. Da er diese Beziehung ganz und gar noch nicht verarbeitet hat, lebt er eher zurückgezogen und hat nur noch mit einer Jugendkollegin, welche mit ihrem Freund in der Nachbarschaftswohnung lebt, regelmässig persönlichen Kontakt. Bis er nach dem Erwerb eines neuen OS Betriebssystems, welches als revolutionäre Neuentwicklung permanent dazulernt und sich auf die Bedürfnisse des jeweiligen Users einstellen kann, sich in dessen weibliche Stimme verliebt und eine Liebesbeziehung mit „her“ beginnt.

Dieser Grundplot, welcher noch vor 10 Jahren allerhöchstens für eine durchgeknallte Science-Fiction Komödie verwendet worden wäre, wirkt trotz skurril anhörender Ausgangslage beängstigend real und echt und es sind erstaunlich wenige Momente in diesem Film, die einem den utopischen Aspekt – den es ja wahrlich noch gibt – bewusst werden lassen.  Es fliegen keine Autos oder Raumschiffe durch die Luft und die Leute tragen auch keine seltsamen weissen Schutzanzüge, sondern im Gegenteil, wenn man Joaquin Phoenix mit den bis zum Bauch hochgezogenen Hochwasserhosen mit rotem Holzfäller-Sporthemd und weissem T-Shirt darunter durch die Szenerie schlendern sieht, fühlt man sich irgendwie in die 70-er Jahre zurückversetzt, einfach vor dem Hintergrund einer Grossstadt-Kulisse, die wie eine seltsam warme Mischung aus L.A. und Tokyo anmutet (warm, da für sämtliche Innenräume und auch öffentliche Plätze und Orte freundliche Pastellfarben verwendet werden). Eine Art retro-futuristischer Stil als Designkonzept, welches dadurch aber den bewussten Bezug zur realen Welt in den Vordergrund rückt.

Schlussendlich ist dann auch die Zeitebene nur eine Randnotiz, genauso wie die – noch – utopische Annahme, dass Betriebssysteme eine quasi eigene Persönlichkeit entwickeln können.

Dass diese ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Mensch und Betriebssystem funktioniert und schlussendlich zutiefst berührt, ist zu einem Grossteil dem Drehbuch zu verdanken, welches Spike Jones mehr oder weniger im Alleingang im Verlauf von 15 Jahren geschrieben hat, welches gerade wegen dieser irrealen Ausgangslage das Wesen der Liebe an sich hinterfragen und behandeln kann und dies mit einer selten gesehenen Direktheit,  aber auch Feinfühligkeit  und Tiefe tut.  Zudem meistert die Geschichte meisterlich den Balanceakt zwischen subtiler Ueberzeichnung des technologischen Einflusses auf den gesellschaftlichen Alltag und der damit einhergehenden Isolierung des einzelnen Individuums kontrastiert mit dem unveränderten Bedürfnis nach persönlicher Nähe und der Suche nach einem erlösenden Seelenverwandten.  Das Drehbuch wurde dann auch fast unvermeidbar mit sämtlichen wichtigen Filmpreisen im 2014 ausgezeichnet (Oscar, Golden Globe, Writers Guild of America Award, Critics‘ Choice Award). Dies ist insofern bemerkenswert, als das Spike Jonze in der Vergangenheit nicht gerade durch zart-poetische Werke auf sich aufmerksam gemacht hat, sondern als Erfinder von der MTV-Serie „Jackass“ den internationalen Durchbruch feierte und mit seinem Spielfilmdebüt, der durchgeknallten Surreal-Komödie „Beeing John Malkovich“, seinen Ruf als unberechenbaren aber genialen Filmemacher begründete.

Der andere Erfolgsfaktor dieses Streifens ist dann nicht zuletzt auch in der Besetzung zu finden, allen voran Joachin Phoenix (Gladiator, It’s all about Love, Walk the Line, The Master), der mit seinem höchst zurückhaltendem Spiel es schafft, dass sich sämtliche Gefühlszustände, welche er in dieser Tour de Force durchläuft, auf eine unaufgeregte Art und Weise in seinem Gesicht und durch sein Wesen reflektiert werden und dadurch die völlige Anteilnahme an dieser Geschichte ermöglicht, auch in den dialogfreien Momenten.

Zu guter Letzt wären wir wieder bei dem einleitenden Thema, genau, der Stimme. Gesprochen wird diese von Scarlett Johansson, welche erst in der Postproduktion dazu gestossen ist und Samantha Morton (Minority Report, Cosmopolis) ersetzte, nachdem diese den ganzen Film schon abgedreht hatte (gem. Jonze eine seiner schwierigsten Entscheidung in seinem Leben – welche er nicht begründen könne – reine Intuition). Mal abgesehen von der im Raum stehenden These, dass die Stimme einer bekannten Person, von welcher man ja die äussere Hülle schon kennt und demzufolge diese auch nur beim Wahrnehmen der Stimme projektziert,  sowie auch unter Ausblendung der sehr einfühlsamen Dialogen ihrerseits, welche sämtliche anziehenden Elemente, wie Humor, Unsicherheit, Neugier, Erregung, Freude und Trauer beinhalten und dadurch automatischen eine menschliche Wirkung entfalten, muss trotzdem einfach mal auf die rein stimmliche Qualität hingewiesen werden, welcher man unter dem visuellen Eindruck der Gesamtperson tendenziell sicherlich zu wenig Beachtung schenkt. Um sich jetzt nicht komplett der Lächerlichkeit preiszugeben und etwelchen Versuchen zu verfallen, die Stimme an sich jetzt lang und breit zu beschreiben, anbei eine Hörprobe von dem berührenden Stück „The Moon Song“,  welcher das musikalische Herzstück von „Her“ ist:(ursprünglich interpretiert von Karon O)

Ich überlasse es somit jedem Hörer, die einleitende Frage für sich abschliessend zu beantworten…

Konklusion: „Her“ ist eine zutiefst poetische, zärtliche und hochintelligente Versuchsanordnung über die Liebe in jeglicher Form, losgelöst von konventionellen Schranken und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Ein Balanceakt zwischen feiner gesellschaftskritischer Groteske über die Einflüsse der ausufernden technologischen Entwicklungen und melancholischer Liebesgeschichte, gespickt mit schonungslos, tieftraurigen Wahrheiten und wahren lyrischen Schönheiten….Irgendwann in naher Zukunft und irgendwo in einer grossen Stadt auf der Welt. Und darüber spielt „The Moon Song“.

Prescription for: Romantic-Manicas, Lovers, lovers’ grieve, Feeling lonely, poetic lovers, in love with Siri and/or I-Phone, phone sex lovers

Listening to: Anywhere I Lay My Head is the debut studio album by American actress Scarlett Johansson, released on May 16, 2008 by Atco Records (contains four songs written by Tom Waits, six songs written by Waits and his wife Kathleen Brennan,)

Her, USA 2013, Director Spike Jonze, 126 min. with Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde, Scarlette Johansson

 

 

Snobs get wild – The Riot Club

 

Der erste nennenswerte Film von dänischer Regisseurin  Lone Scherfig „Italienisch für Anfänger“ (2000) wurde konsequent nach den Dogma 95-Regeln gedreht. Im Vergleich zu den schrillen und rebellischen Dogma—Vorgängern wie „Das Fest“ (Thomas Vinterberg) oder „Idioten“ (Lars von Trier) war er schon ein fast besinnlicher Film über normale Menschen in der gewöhnlichen Umgebung. Auch ein Beispiel dafür, dass der innovative Dogma-Kodex sich genau so prächtig in stillen Gewässern entwickeln konnte.

Nun, nach ein paar weiteren erfolgreichen Filmen (An Education, One Day) ist der neuer Film „The Riot Club“ von Lohne Scherfig der aussagekräftigste, eine klare Fallstudie des Soziotops der reichsten Oxford-Studenten. Der Film basiert auf dem Theaterstück „Posh“. Seine Autorin Laura Wade hat es für Scherfig in ein Drehbuch umgeschrieben.

Die Ereignisse beobachten wir aus der Perspektive von zwei Ankömmlingen an der Oxford-Uni, die in einem berühmt-berüchtigten Riot Club aufgenommen wurden. Zwingende Grundvoraussetzungen dafür sind, dass man ein Absolvent der Eton, Clifton oder Harrow ist, aus reichen und/oder adligen Haus kommt und gewissermassen das grenzloses Vergnügen als oberstes Gebot zu verinnerlichen gedenkt. Die beiden Jungs, Miles (Jeremy Irons’Sohn Max) und Alistair (Sam Claflin) stürzen sich voller Neugier und Vorfreude in diese scheinbar von Freiheit und Erfolg umgarnte Welt.

Der Höhepunkt der Clubaktivitäten ist das jährliche Treffen der Mitglieder in einem traditionellen englischen Pub. Das Konzept dieses Treffens ist denkbar einfach –  sich zu feiern, ein Besäufnis zelebrieren, die Sau rauslassen, nach dem Motto:  Da wir in der Zukunft „grosse Tiere“ werden, können wir uns später keine Eskapaden erlauben. Also werden wir jetzt zu Tieren. Unsere Jugend, Attraktivität und Reichtum biegen schon den moralischen Skrupel zurecht.

Das exzessive Trinken und/oder Drogenkonsum ist kein Klassenphänomen an sich, sondern ist immer noch in vielen Kulturen und Gesellschaftsschichten verbreitet und wird dort auch kultiviert. Doch bei den Kids aus dem Riot Club stechen die menschen- und armutsverachtenden  Antriebe deutlich hervor.  Die eigene, quasi genetische Dominanz gräbt jeglichen emotionalen Bezug zum Rest der Welt unter.

Die drei weiblichen Figuren in Film haben das hemmungslose Treiben der selbsternannten Oxford-Elite rasch durchschaut. Als die Freundin von Miles Zeugin der zerstörerischen Wucht der Club-Kollegen wird, ist sie sofort der Ansicht: „Sie sind nicht deine Freude, Miles. Sie kennen keine Grenzen“. Die Tochter vom Wirt, kurz geblendet von der imposanten Erscheinung der jungen Männer, hat schnell erkannt, was diese im Schilde führen und sogar die beorderte Prostituierte ergreift kurzerhand die Flucht.

Ein leiser Wiederstand in dem als Bühne zum dekadenten Reigen dienenden Pub macht sich doch zunehmend breit. Die Stammgäste verlassen empört das Lokal, nach kurzem Zögern lässt sich auch der Wirt nicht bestechen und bietet den Bengeln die Stirn, was ihn fast das Leben kostet. Die staatliche Justiz erfühlt im 21. Jahrhundert ihren Zweck und obwohl die Club-Mitglieder den eigenen Sündenbock Miles ernennen, wird der Richtige verhaftet und aus der Uni verbannt. Daraufhin will Miles nichts mehr mit dem Club zu tun haben.

Dennoch lässt der Film wenig Raum für Interpretationen. Die feinen Kerle der britischen Oberschicht sind nun mal so, sie halten den Rücken für ihresgleichen frei. Und sie haben nicht vor, daran irgendetwas zu ändern. Das selbstgefällige Grinsen des Alistair am Ende der Geschichte ist ein Appell an die Beständigkeit der Sitten. Der einzige Trost liegt in der Kraft des Filmes, uns davon zu berichten, was für Früchtchen das britische elitäre Bildungssystem zu züchten vermag, uns davor zu bewahren, hinter der glänzenden Fassade eine Aufrichtigkeit und geistige Gesundheit zu vermuten.

Die politische Elite des Großbritanniens besteht übrigens zum Teil aus den „Absolventen“ des Bullingdon Clubs, der ein reales Vorbild des Riot Clubs war:  David Cameron (Premier), George Osborn (Schatzkanzler) Premier, Boris Johnson (aktueller Bürgermeister von London)…

Konklusion: Für alle, die schon immer der britischen Monarchie misstrauten, den Snobismus für das Relikt aus vergangenen Tagen hielten und das sture Klassendenken verabscheuten. Abgesehen von politischen und sozialen Konnotationen, imponiert „The Riot Club“ mit schockierender Erzählungsintensität, klarer Struktur und naturalistischen Bildern des Abgrunds.

Prescription: friends of vulgarity, snobs, parents with too less money for sending their kids to a distinguished university and therefore get an excuse not to do so, for people highly interest in the youth and the grow up of David Cameron and Boris Johnson.

The Riot Club, GBP 2014, Länge 107 min., Director: Lone Scherfig with Max Irons, Sam Claflin, Douglas Booth