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It’s time, everybody is ready to feel better…not! The Leftovers oder das “Sad Film Paradoxon”

„Ich sehe traurige Filme dann gerne, wenn sie tragisch gut gemacht sind. […] Wenn man die Tiefen nicht hat, kann man die Höhen nicht beurteilen, und wenn man nicht weiß, was traurig bedeutet. Er [der Film] lässt mich an andere Menschen erinnern z. B., und das sensibilisiert mich dann eben […].“
(Rezipient trauriger Filme / Interviewperson, männlich, 30 Jahre alt)

Diese Aussage steht einleitend in einer 2007 veröffentlichten Diplomarbeit für das Fach Psychologie an der Universität Köln zu dem Thema „Selektionsmotive für traurige Filme und Analyse der spezifischen Rezeptionsmodalitäten. Untertitel: Eine qualitative Untersuchung zum Sad Film Paradoxon im Rahmen der Unterhaltungsrezeption“. Keine Bange, ich will jetzt niemanden mit langwierig psychologischen Abhandlungen über die Faszination von traurigen Filmen langweilen, möchte aber trotzdem auf das Phänomen hinweisen, dass es unter uns Zeitgenossen gibt, die sich an dem Elend, Leid, Unvermögen und letztendlich am Scheitern ihrer Mitmenschen nicht nur unterhalten, nein teilweise sogar daran wortwörtlich laben, erquicken und ergötzen. Seelen-Vampire. Wer mehr über diese düstere gesellschaftliche Entwicklung in Erfahrungen bringen möchte, sei explizit auf die oben stehende Diplomarbeit verwiesen, wobei der in der Einleitung zitierte Rezipient mit seiner Aussage sicherlich nicht sehr weit entfernt von den zugrundeliegenden Beweggründen und Motiven der „Betroffenen“ liegt. Deshalb erlaube ich mir an dieser Stelle den theoretischen Bereich zu verlassen, nicht ohne aber ergänzend anzumerken und letztendlich einzugestehen, dass der Schreibende selber schon länger auch von diesem schauerlichen Symptom betroffen ist und sich ebenfalls zu der Gruppe der „Leid-Watchers“ zählen muss…ja, ja, es ist schon traurig und phasenweise auch schockierend…yeahhhh!

Für diejenigen also, die sich jetzt in der Anonymität des Lesers persönliche Eingeständnisse machen müssen, derzeit aber noch hemmungslos diese Neigung ausleben möchten, muss die jetzt im deutschsprachigen Raum auf Blue Ray/DVD erschienen HBO Serie „The Leftovers“ zwingend empfohlen werden, den das seelische Leid und die Qualen der menschlichen Existenz wird dort über rund 550 Min. in allen nur möglichen Variationen zelebriert und dies – ganz nach dem Gusto des in der Einleitung zitierten Rezipient – tragisch gut gemacht. Oder nach den Worten von Matt Fowler (IGN Movies) „It’s a good pain“.

Als Grundlage dient das Neue Testament (Lukasevangelium) der Bibel, auf dem die sogenannte Lehre des Dispensationalismus aufbaut und im Groben die Prophezeiung der sogenannten Entrückung beinhaltet, worin sämtliche Christen urplötzlich von einem auf den anderen Moment von dieser Erde verschwinden, von Gott „heimgeholt“ werden. Zurückbleiben werden nur die Ungläubigen, die eine längere unangenehme Phase vor sich haben, voller Trübsal, Angst und Schmerz, in welcher der Teufel höchstpersönlich die Regentschaft übernehmen wird, bis dann Jesu Christi auf die Erde zurückkehrt um seine 1000-jährige Herrschaft anzutreten.

So beginnt die Erzählung, welche in Mapleton N.Y spielt, drei Jahre nachdem zwei Prozent der Weltbevölkerung oder 140 Mio. Menschen „verschwunden“ sind (darunter der Papst, Jennifer Lopez und Gary Busey…) und die „Leftovers“ irgendwie versuchen, das Geschehene, den Verlust der Liebsten, einzuordnen und in den Alltag zurückzufinden. Im Mittelpunkt steht der Polizeivorsteher Kevin Garvey, Jr., passend besetzt mit Justin Theroux, dessen Frau zwar nicht entrückt worden ist, er aber anderweitig „verloren“ hat und zwar an eine Sekte namens die „The Guilty Remnant“ (Die schulden Uebrigbleibsel…oder so), welche im Stadtbild von Mapleton in Form von kettenrauchenden, weiss gekleideten Mitglieder omnipräsent ist und als Mission quasi die Verhinderung des Vergessens an das schicksalhafte Ereignis haben und jegliche Form einer zukunftsgerichteten lebensbejahenden Perspektive nicht nur ablehnen, sondern auch dementsprechende Anstrengungen ihrer Mitbürger aktiv sabotieren, was ihr eigenes Dasein nicht ganz ungefährlich gestaltet. Kevin Garvey lebt somit alleine mit seiner pubertierenden Tochter, welche ihrerseits in einer passiv-aggressiv-depressiven Selbstfindungsphase steckt, während er verzweifelt versucht, nicht nur die Sicherheit der Stadt und seiner Bürger zu gewährleisten, sondern vor allem die Kontrolle über seine psychische Verfassung oder – konkreter – über seinen Verstand zu bewahren, was aber rein genetisch ein fast schon hoffnungsloses Unterfangen ist, da er eigentlich nur Polizeichef ist, da sein Vorgänger wegen hochgradiger Schizophrenie in die Klapse eingeliefert werden musste und dieser leider sein eigener Vater (Scott Glen) ist. Zudem verheissen seine nächtlichen Ausflüge, bei denen er schlafwandelnd die Hunde in seiner Nachbarschaft verschiesst, nichts Gutes, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass er bei diesem Unterfangen auch von einem imaginären Freund begleitet wird, der ihn diesbezüglich unterstützt, da es sich bei diesen streunenden Tieren eigentlich um bösartige „Zombiehunde“ handeln soll. Unterdessen sein Sohn den Kontakt zur „Familie“ ganz abgebrochen hat, da er – vom College abgehauen und eigentlich schwul – seine Zeit in der Wüste als Helfer eines schwarzen Heilsbringers verbringt, der für viel Geld magische „Umarmungen“ anbietet, die den Menschen Trost spenden und ihren stechenden Lebensschmerz zum Verschwinden bringen soll. Nebenbei beutet er noch minderjährige Mädchen sexuell aus.

Dass die doch sehr unerbauliche Szenerie immer wieder mal mit surreal-irrwitzigen Einlagen aufwartet, ist nur dem Effekt geschuldet, dass die darauf folgenden Szenen noch trauriger, noch dramatischer, noch schonungsloser „einkicken” können. Ein Konzept, das Damon Lindelof (Lost) zusammen mit Tom Perrota, auf dessem gleichnamigen Roman von 2011 die Serie basiert, konsequent durchzieht. Diesbezüglich darf auch wieder mal der Einfluss von David Lynch erwähnt werden, da – jetzt mal abgesehen von Justin Theroux, welcher ja sein Durchbruch in Lynch’s „Mullholland Drive“ erzielte – immer wieder Gestalten aus dem Lynchen’ Universe ganz nebenbei auf der grossen Trauerkulisse durchs Bild huschen (der Riese aus „Twin Peaks“, der schreiende Wohnwagenfahrer aus „Fire Walk with me“) und auch Mapleton, ein verschlafenes ur-amerikanisches Kleinstädtchen mit den seltsam wütenden Hirsche, die nächtens aus unerfindlichen Gründen die Wohnungen der Einwohnung verwüsten, den Rehen, die unmittelbar plötzlich irgendwo auf der Strasse oder in irgendwelchen Gärten stehen, verdächtig stark an Twin Peaks & Co erinnern. Ein absolut tragendes Element hierbei ist der Soundtrack von Max Richter („Waltz with Bashir”, „Perfect Sense“), der jüngst mit dem Europäischen Filmpreis für die beste Filmmusik zu „The „Duke of Burgundy“ ausgezeichnet worden ist und für „The Leftovers“ so minimalistische, wie effektive Melodien komponiert hat, die vor einer solchen Trauer triefen, dass die stillen Momente automatisch benutzt werden müssen um einfach mal krampffrei durchatmen zu können. Selbstverständlich ist das Sounddesign mit fein abgestimmten Popstücken von u.a. James Blake, Crowded House, Simon &Garfunkel, Rihanna etc. zusätzlich veredelt.

Und bei der Darstellerriege gibt es schlichtweg keine Schwachstelle. Neben Theroux brechen Liv Tyler („Armageddon“, „Stealing Beauty“), Amy Brenneman („Heat“), Carrie Coon („Gone Girl“), Christopher Eccleston („Dr. Who“, „The Others”), Sarah Margarte Qualley („Palo Alto“), geschlossen aus ihren darstellerischen Komfortzonen aus.

Die mediale Resonanz war selbstverständlich mehr als nur gemischt, von einhelliger Lobhudelei wie es für Serien wie „House of Cards“, „Game of Thrones“ etc. gibt, kann hier nicht die Rede sein. Zuviel Depro ist ja auch zum guten Glück nach wie vor kein Mainstream. Stimmen wie die vom New York Magazin (“The Leftovers is all bleakness all the time, at the bottom of the first page of my notes, “sloppy handheld camerawork” is crossed out. Beneath it is “overwhelming pain.” Even animals feel the loss“) oder The New Republic („Emotional Violence“) unterstreichen dies exemplarisch. Vielleicht am prägnantesten beschrieb die Wirkung dieser Sad-Show Alan Sepinwall von Hit Fix „Many will hate it. But there will be viewers in whom it strikes a chord so deeply that they will feel themselves overwhelmed by it in the best possible way: not like they’re drowning in the misery, but like it’s teaching them a new way to breathe“ oder Karoline Meta Beisel von der Süddeutschen, welche The Leftovers als „eine einzige lange Therapiesitzung“, in der es „um Trauer, machtlosen Zorn und Wunden ohne Heilungschancen“ gehe, beschrieb.

Um es kurz zu machen. Wenn sogar die Tiere leiden und die Trauer und Verzweiflung an emotionaler Gewalt grenzt, so, dass wir sogar unser Atmen neu erlernen müssen, aber trotzdem ungeduldig den nächsten kathartischen Anfall kaum erwarten können, kann man das, was Damen Lindelof & Tom Perrota hier kreiert haben, eigentlich nur mit einem Wort passend beschreiben. Kult. The Sheep applaudiert. Voller süsser, bizarrer Trauer.

The Leftovers, US 2014, 558 Min,, Created by Damon Lindelof and Tom Perrotta with Justin Theroux, Christopher Eccleston, Liv Tyler, Amy Brenneman, Carrie Coon, Margaret Qualley, Scott Gleen 

American Beauty 2 – Men, Women & Children

 

Wenn es eine Bestandsaufnahme aus Amerikas Gegenwart braucht, ist der Regisseur Jason Reitman die erste Wahl. Er hat ein gutes Gespür für Sorgen, geheime Wünsche und Gemütszustände des Durchschnittsamerikaners aus der Provinz. Dabei nimmt er meist Abstand vom klischeehaften Denken und präsentiert ausgereifte, durch den Zeitgeist geprägte Lebensentwürfe, die trotz des soliden bürgerlichen Fundaments überraschend frisch und oft erschütternd wirken.

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So wie in „Up in the Air“(2009), in dem eine berufstätige Familienfrau ausnahmsweise den männlichen Part spielt und dem endlich bindungswilligen Clooney-Typ die Tür vor der Nase schließt (wie unzählig sind die Filmszenen, in denen Männer sich sowas leisteten!). Oder wie in „Young Adult“(2011), in dem die einstige School Beauty Queen entschied, dass sie weiterhin regieren sollte, und daraufhin einen dicken Korb bekommt. So verblüffend ehrlich, gemäßigt, sarkastisch und gleichzeitig einfühlsam ist auch der neuste Film von Jason Reitman „Men, Women & Children“ (2014).

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RL („Real Life“) – so wird die Realität von den durchdigitalisierten Kids bezeichnet. RC („Real communication“) ist am Aussterben. DL („Digital Life“) hält Einzug in die Klassenzimmer, Wohn- und Schlafräume der Teenager und ihrer Eltern. Durch die Leinwand fliegen mit therapeutischer Regelmäßigkeit die abertausenden Kästchen mit Nachrichten. Nonverbaler Austausch beherrscht die Szenerie der Schule, in der nach wie vor viel Wert auf Sport, Geschichte und gute Schulleistungen gelegt wird. Nur wird diese angebliche Normalität von den Kids und ihren Eltern in den Parallelwelten ausgelebt: was man im RL nicht bekommt, wird aus dem Netz geholt.

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So wie Helen (Rosemarie DeWitt) es vorlebt, die den heimischen Kinoabenden im Kreis der Familie überdrüssig wird und erfolgreich versucht diese mit etwas aufregenderen Events zu ergänzen – mit Hilfe von „Ashley Madison“. Wenn diese Geschichte im RL ablaufen würde, dann wäre Helen eine von 12 000 Damen, welche eine Auswahl von 30 Mio. Männer hätte (wie wir heute aus der Veröffentlichung von gehackten „Aschley Madison“-Daten wissen). Ihr Mann Don (Adam Sandler) hat andere Kanäle benutzt und eine verständnisvolle Hure nach Maß aus dem Netz geholt.

MEN, WOMEN & CHILDREN

Allerdings musste er dafür den Computer seines 15-jährigen Sohnes benutzen, da seiner vom exzessiven Porno-Konsum mit Viren verseucht wurde. Was er da im Kinderzimmer entdeckt, ist ein ganz neues Level. Chris (Travis Tope) ist dem Vater hinsichtlich digitaler Pornografie weit überlegen. Der sympathische Teenager konsumiert seit dem zehnten Lebensjahr Internet-Pornografie und verschafft sich keine Erleichterung mehr ohne eine ordentliche Portion Netz-Perversitäten. Mit einem RL-Mädchen kann er ebenso nichts mehr anfangen.

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Dieses RL-Mädchen, Cheerleader Hannah (Olivia Crocicchia) ist punkto Perversion auch keine Anfängerin mehr. Sie benutzt einen nicht stattgefundenen Sex, um eine kleine PR-Aktion daraus zu veranstalten. Das Kerlchen war halt ein passender Kandidat. Wenn kümmert es schon, was im RL passiert? Wichtig ist nur das, was man nachher berichten kann, am besten so, dass das ganze Universum darüber Bescheid weiß – und auf der eigenen heiß geliebten und liebevoll gepflegten Model-Webpage.

Nun, für die Schatz-Seite ist die Mutter (Judy Greer) zuständig, welche ihre pre-digitalen Erfahrungen als gescheiterte Schauspielerin nutzt, ihre in Sachen Selbstinszenierung begabte Tochter non-stop in aufreizenden Posen fotografiert und online publiziert um die erträumte Hollywood-Karriere anzuschieben. Irgendwann stellt Joan fest, dass die Seite einen kleinen Umsatz generieren kann und beabsichtigt, die Einnahmen für  Schauspielerkurse einzusetzen. Doch als die Absage von einer TV-Show kommt – wegen unsittlicher Tätigkeit und weil der neugewonnene Freund sich wegen ihres Web-Verhaltens von ihr distanziert – entscheidet Joan, ihre Managertätigkeit aufzugeben und sich nur noch auf ihre Mutterrolle zu fokussieren.

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Ihr Freund Kent (Dean Norris), ein grimmiger, von seiner Frau für einen Kalifornier verlassenen Mann,  ist eine grundsätzlich traurige Person. Und seinen Sohn versteht er auch nicht mehr, da dieser am Fußball, die frühere gemeinsame Passion, das Interesse verloren hat und das Einzige, was ihn noch interessiert ist “Guild Wars” – ein Computerrollenspiel.

Durch dieses Spiel hat Tim (Ansel Elgort), die von Baruch Spinoza 400 Jahre zuvor entdeckte Erkenntnis – sub specie aeternitatis („unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit“) – komplett verinnerlicht. Der Teenager hat intuitiv erfasst, dass das ganze bunte, aufwendige Treiben drumherum eigentlich keinen Sinn ergibt, dass für ein unendliches Universum das menschliche Leben nur ein Augenblick ist – ohne wesentliche Konsequenzen für die Welt, die uns ständig zu eng erscheint. Nur dieser Junge begreift, dass das Einzige, was uns vor den vielen Rätseln und Unwissen rettet, ist zu lieben und geliebt zu werden. Glücklicherweise gibt es solch ein Mädchen, das sein Anliegen versteht. Brandy.

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Dummerweise hat Brandy (Kaitlyn Dever) aber eine dogmatische, kontrollsüchtige Mutter- Patricia – welche ihre Tochter exzessiv vor allen Gefahren des DL schützen will. Patricia (Jennifer Garner) verfolgt jede einzelne Datenspur ihrer Tochter, löscht jede Nachricht, die ihr verdächtig erscheint und hat schlussendlich auch keine Skrupel,  die Beziehung ihrer Tochter eigenhändig zu beenden. Die Tragödie ist vorprogrammiert…

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Im ständigen Wechsel von RL und DL verlaufen diese Geschichten aus der amerikanischen Provinz begleitet von Off-Kommentaren (Emma Thomson) aus dem All – dem allwissenden Blick von oben – sub specie aeternitatis. Hier finden die Familien die breite problematische Vielfalt wieder, mit der sie tagtäglich konfrontiert sind; die meisten Arten von Web-Sklaverei oder Web-Entfesselung, die neuen Konstellationen, die digitale Medien in die Beziehungen installieren. Eine präzise und zutreffende Zusammenfassung der neuesten Veränderungen – von der Kritik allerdings als zu künstlich bezeichnet.

Konklusion: Der Episodenfilm „Men, Women & Children” ist ernüchternd traurig, schonungslos sarkastisch, komisch und tragisch zugleich, eine behutsame Bestandsaufnahme des Alltags von US-Familien, die nicht so weit von unserer entfernt ist, wie wir oft zu hoffen glauben. Man kann ihn auch als aktuelle Version von „American Beauty“(1999, Sam Mendes) betrachten. In den deutschen Kinos lief er unter dem Titel „#Zeitgeist“. In der Tat gibt es zur Zeit keinen Film, der mehr oder besser über das RL der Teenager und ihrer Eltern berichtet. Für Familien ist es ein unverzichtbarer Film!

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Prescription for: dysfunctional family, miscommunication between parents and kids, sex and secrecy in the online age, communication via screen, online depersonalisation, webenslavement, online porn, roleplay game culture, anorexia, infidelity, fame hunting, black-comic…

Men, Women & Children, USA, 2014, 116 min, directed by Jason Reitman, with Ansel Elgort, Adam Sander, Jennifer Garner, Emma Thompson, Judi Greer, Dean Norris, Kaitlyn Dever, Resemarie DeWitt, J.K.Simmons, Olivia Crocicchia.

EDEN – The Rhythm Poem

 

It is all a rhythm,

from the shutting

door, to the window

opening,

 

the seasons, the sun’s

light, the moon,

the oceans, the

growing of things,

 

the mind in men

personal, recurring

in them again,

thinking the end

 

is not the end, the

time returning,

themselves dead but

someone else coming.

 

If in death I am dead,

then in life also

dying, dying…

And the women cry and die.

 

The little children

grown only to old men.

The grass dries,

the force goes.

 

But is met by another

returning, oh not mine,

not mine, and

in turn dies.

 

The rhythm which projects

from itself continuity

bending all to its force

from window to door,

from ceiling to floor,

light at the opening,

dark at the closing.

 

(The End by  Robert Creeley)

 

Konklusion: Mia Hansen-Love, die Ehefrau von Olivier Assayas (Carlos, Clouds of Sils Maria) inszeniert in ihrem 4ten Spielfilm einen epischen Abgesang auf die hedonistische Clubszene der 90-ier Jahre und verknüpft diesen direkt mit den Ursprüngen der französischen Electro- und Houseszene und indirekt mit der Geschichte von „Daft Punk“. Unter einer radikalen Verweigerung eines klassischen Spannungsbogens in der Erzählung einerseits aber auch unter Weglassung von inszenatorischen Zuspitzungen oder Dramatisierungen anderseits, zeichnet „Eden“ fast schon dokumentarisch über 2 Dekaden den Aufstieg und Fall des DJ’s Paul (inspiriert vom Bruder von Hansen-Love, welcher ein DJ der French-Touch-Szene war) nach, welcher zur selben Zeit wie seine Kumpels Thomas und Guy-Man (Daft Punk), Anfangs der 90-ier Jahre, mit seinem DJ Duo „Cheers“ in der Pariser Nachtclubszene und später auch in den USA Erfolge feiert, aufgrund seinem Verharren auf dem Status Quo sprich fehlender Erneuerung seines musikalischen Oeuvres nach dem Milleniumswechsel aber seinen schleichenden Untergang einläutet, welcher durch seinen zunehmenden Drogenkonsum, fehlendem persönlichem Antrieb und wechselnden amourösen Beziehung noch beschleunigt wird, bis ihn die finanzielle Notlage zu einer Neuorientierung zwingt. Dies stetig begleitet, aufgrund des zunehmenden internationalen Erfolges seiner ehemaligen Weggefährten, mit einer quasi musikalischen Omnipräsenz von Daft Punk.  „Eden“ ist ein schmerzhaft schöner Trip in die noch nicht allzu lang zurückliegenden Vergangenheit für die Vertreter der Generation X, welcher die angeboren zu scheinende Orientierungslosigkeit und Unentschlossenheit dieses Jahrgangs auch filmisch konsequent und dadurch teilweise ungewohnt ereignislos darstellt, durch die eingefangene Poesie der flüchtigen Momente aber die hoffnungslos melancholische Monotonie schlussendlich in eine zarte Zuversicht zu wandeln vermag.

Und seien Sie versichert, wenn das nächste Mal irgendwo ein Song von Daft Punk ertönt, werden unweigerlich die Bilder der verlorenen Epoche von Hansen-Love vor Ihrem inneren Auge wieder ablaufen. Auch lange nachdem Sie den Film gesehen haben. One more time.

Prescription for: existential crisis, hedonism, drug habit, scheme of life, relationship conflict, transitoriness of life

Listen to: Eden – Orginal Motion Picture Soundtrack (Various artists incl. Frankie Knuckles, Daft Punk, Crystal Waters etc.)

Eden, F 2014, 131 min. Regie: Mia Hansen-Løve. Mit Félix de Givry, Pauline Etienne, Greta Gerwig, Arsinée Khanjian

Palo Alto oder Das kleine Mädchen im weissen Kleid

 

Aufblende: Wir sehen ein kleines Mädchen in einem weissen Kleid, das einem wuscheligen braunhaarigen kleinen Hund auf der grünen Rasenfläche, welche sich unterhalb der Veranda bis zu den Weinbergen hinzieht, hinterher rennt, bald aber innehält und den Kopf zur Veranda dreht, wo ihr Grossvater in einem Schaukelstuhl sitzt, eine Zigarre in der Hand hält und hinter der Zeitung ihr freundlich entgegen lächelt. Wir schreiben das Jahr 1989 und befinden uns auf einem Weingut im Napa Valley in Bundesstaat Kalifornien. Das kleine Mädchen ist gerade mal 2 Jahre alt und heisst Gian-Carla benannt nach ihrem Vater Gian-Carlo, welcher 2.5 Jahre davor, als ihre Mutter noch mit ihr im zweiten Monat schwanger war, in einem Bootsunfall grauenvoll geköpft wurde. Er fuhr nicht selber, sondern der Sohn von Filmstar Ryan O’Neal, Griffin, welcher im Hafenbecken zwischen zwei Booten durchfahren wollte und übersehen hatte, dass diese durch eine Schleppleine verbunden waren. Was Gian-Carla, später nur noch Gia genannt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss ist, das ihre Mami, Jacqui de La Fontaine, gerade mal zarte 21 Jahre alt, bald einen neuen Mann kennenlernen und 10 Jahre später heiraten sollte. Sein Name ist Peter Getty, ein Nachkomme vom Oelbaron Jean Paul Getty, welchem mit dem Getty Museum ein Denkmal gesetzt wurde. Peter’s Vater war ebenfalls ein steinreicher Wohltäter, welcher sein Oelgeschäft für 10 Milliarden an Texaco verkauft hatte, aber neben seiner Musterehe noch eine Parallelexistenz mit einer Geliebten führte. So erfuhr Peter erst kurz vor der Hochzeit mit Gia’s Mami, dass er noch drei Halbgeschwister hat. Peter’s Onkel musste mit 60 in eine Entziehungskur, seine Tante starb an einer Ueberdosis Heroin, sein Cousin Jean Paul Getty III. knallte sich nach seiner Entführung (ihm wurde dabei sein Ohr abgeschnitten, weil sein Grossvater, eben Jean Paul, der mit dem Museum, nicht zahlen wollte) so lange mit Drogen zu, bis ihn der Schlag traf und er zum Pflegefall wurde. Was Gia zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wissen konnte war, dass ihr Grossvater, der auf dem Schaukelstuhl, welcher ihr gütig hinter der Zeitung zuzwinkerte, ihrer Mami 2 Jahre später, zu ihrem vierten Geburtstag, ein Haus in den Hollywood Hills schenken würde und ihre idyllische Zeit auf dem Weingut im Nappa Valley damit enden würde. Dafür würde das Haus, welche ihre Mami, die ein wenig wie Ali MacGraw (Synonym für weiblichen Hippietyp, dunkelhaarig und extrem attraktiv) aussah und einen Stil zwischen Hautevolee und Boheme-Chic pflegte und die neue Bleibe auch dementsprechend einrichtete, später die mythische Partyzentrale von L.A. werden. Wenn Gia dann in dem neuen Haus Geburtstag feiern würde, kämen viele neue Freunde aus der Stadt zu Besuch, Leonardo , Demi, Jack, Kate und wie sie alle heissen. Ihr Cousin Nicolas würde Karaoke singen und ihre Tante Sofia würde ihr eine selbstgebackene Torte mitbringen. Was das kleine Mädchen schlussendlich gar nicht wissen konnte, an dem Zeitpunkt, wo sie vom Hund abliess und wieder über die grüne Rasenfläche in Richtung ihres Grossvaters auf der Veranda, Francis Ford, rannte, lachend und kreischend, war die Tatsache, dass sie 26 Jahre später, ihren ersten Film als Regisseurin rausbringen und damit die Familientradition in die nächste Generation fortführen würde. Nach Francis Ford und Sofia. Coppola. Abblende.

Ihr erster Film heisst „Palo Alto“, nach dem gleichnamigen Roman von Multitalent James Franco (u.a. auch Schauspieler „127 Hours“, „Spring Breakers“), welcher darin seine Collegezeit in dieser kalifornischen Kleinstadt in diversen Kurzgeschichten beschreibt, in welchen sich eine Gruppe Jugendlicher mehrheitlich mit Sex, Drogen und Alkohol auf ihr späteres Erwachsenenleben vorzubereiten versucht und zwischen Identitätssuche, erstes Verlieben, provokativen Auflehnungen gegen die Autoritäten, Grenzüberschreitungen und tiefer Einsamkeit und Unsicherheit oszilliert. Das Buch war, trotz gelegentlich krassen Einschüben, sehr zurückhaltend geschrieben, in einem guten Sinne unspektakulär und alltäglich und bekam gerade dadurch eine sehr realistische, ja fast schon dokumentarische Note. Diesem Geist blieb auch Gia Coppola treu, was James Franco wohl auch erahnte, als er ihr die Rechte an der Verfilmung abtritt und ihr nicht nur die alleinige Entscheidungshoheit über jedes Gebiet (Casting, Endschnitt etc.) überlies, sondern auch gleich die ungefähre USD 1 Mio. Finanzierung bereitstellte, so dass auch keine Studios oder sonstige Geldgeber in den kreativen Prozess von Madame Coppola reinreden würden. Ein ungewöhnlich hoher Vertrauensvorschuss in eine 26-jährige Frau, ohne jegliche Regie-Erfahrung, welcher aber die herausragende Stellung unterstreicht und erklärt, welche James Franco im zeitgenössischen Kulturbereich geniesst, gerade auch wegen seiner Gabe junge Talente zu entdecken und fördern. Er wird ja schon seit längerem als kreativer Genius der Generation X gehandelt, da er ja nicht nur Schriftsteller und Schauspieler ist, sondern auch Regisseur, Drehbuchautor und Maler. Sein Oeuvre reicht von „Spider-Man“, „Die fantastische Welt von Oz“ über „Milk“ bis zu „Everything will be fine“ – die Zusammenarbeit mit Wim Wenders – oder Ausstellungen im MoMa PS1 zusammen mit Gus Van Sant. Wie viele andere ambitionierte Berufskollegen benutzt er das im Mainstream verdiente Geld um seine künstlerischen Herzensprojekte zu finanzieren, was „Palo Alto“ logischerweise ist. Das Geld darf man dann auch hier als effizient eingesetzt sehen. Viele der Darsteller sind das erste Mal in ihrem Leben vor der Kamera gestanden, die Kleider durften die Jugendlichen selber von zu Hause mitnehmen und auch viele Szenen sind gleich in deren realen Häuser u.a. auch Schlafzimmer gedreht worden. Auch die Settings sind so authentisch wie möglich gehalten worden, viele Szenen spielen auf Fussplätzen, Vorhöfen, Spielplätze und eben halt einfach zu Hause. Dass trotz diesen geerdeten Ansätzen kein muffiges Jugenddrama herausgekommen ist, sondern ein höchst ästhetisches Filmsoufflé, unterlegt mit einem zart-melancholischen Soundtrack, welcher die hypnotische Spannung dieser rauen und schlussendlich tieftraurigen Geschichte noch verstärkt, verwundert einem dann aber doch nicht wirklich. Denn eben, die Coppolas müssen es in den Genen haben und der Geschmack der Mutter, diese Mélange aus Hautevolee und Boheme-Chic, welche auch ihre Cousine Sofia zelebriert, hat die Tochter gänzlich übernommen. Verbunden mit einer filigranen Sensibilität für die Schönheit der alltäglichen Dinge und einer tiefen Empathie für das menschliche Wesen, darf man auch von Gia noch Grosses erwarten und dies zu recht. „Palo Alto“ ist thematisch und atmosphärisch eigentlich nur mit dem Filmklassiker „The last Picture Show“ von Peter Bogdanovich aus dem Jahre 1971 vergleichbar, welcher als einer der wichtigsten und einflussreichsten Filme des amerikanischen Kinos gilt. Vielleicht hat das kleine Mädchen auf der grünen Wiese es schon dazumal gespürt, dass es das Leben doch irgendwie gut mit ihr meinen wird.

Konklusion: Es gibt Menschen, die sind mit einer aussergewöhnlichen Intelligenz, Kreativität und Sensibilität, sowie mit einem Auge für die Schönheit der Dinge gesegnet. Und können zudem ihre Wahrnehmungen in filmische Reflexionen umsetzen. Mit Gia Coppola und James Franco, zwei angehende kreative Ikonen der Generation X und Y, treffen 2 solcher hochbegabten Menschen in diesem Erstlingswerk zusammen und dieser kreative Superclash ist in jeder Sekunde des Films spürbar. Nicht mit Exaltiertheit und extravaganten kreativen Einfällen. Keine Posen. Sondern durch eine poetische Feinfühligkeit, mit welcher das letzte Collegejahr einer Gruppe Jugendlicher in Palo Alto gezeigt wird und den Fokus auf die kleinen Dinge vor und nach den Ereignissen richtet. Und schlussendlich über das unwiderrufliche Ende der Jugend und der Unschuld reflektiert.  Emma Roberts (hat was von Amanda Peet) und James Franco führen kongenial eine Darstellerriege an, welche zumeist keine Kameraerfahrungen mitbringen und dadurch eine authentische fast schon semidokumentarischen Note einbringen. Der Soundtrack ist hypnotisch und der Film insgesamt wie ein trauriger Traum. Immer wenn es zu schmerzhaft werden droht, wacht man auf. Der Traum aber bleibt haften.

Prescpriction for: Identity crisis, adolescence issues, loneliness, insecurity,  first love

Listen to: Palo Alto Soundtrack (Devonté Hynes, Robert Schwartzman) 

Palo Alto, US 2013, 100 Min., from Gia Coppola, with Emma Roberts, James Franco, Jack Kilmer, Nat Wolff, Van Kilmer 

All you need is Love – Love&Mercy

 

Die meisten Spielfilme über die realen oder fiktiven Musikidolen würde ich auf einer Bewertungsskala von sehr gut bis hervorragen platzieren. An Filme, die nur gut waren, kann ich mich nicht erinnern, schon gar nicht an einen darunter. „Amadeus“ (ein Klassiker des Genres, 1984, Miloš Forman), „Sid und Nancy“(Liebesgeschichte zwischen Nancy Spungen und dem Sex Pistols-Bassisten Sid Vicious, 1986, Alex Cox), „The Doors“ (Jim Morrison, 1991, Oliver Stone), „ Almost Famous“ (2000, Cameron Crowe), „Ray“ (Ray Charles, 2004, Taylor Hackford), “Walk the Line“ (Johny Cash, 2005, James Mangold),„Control“ (Ian Curtis, 2007, Anton Corbijn), „Liberace“ (2013, Steven Soderbergh), „Danny Collins“ (Steve Tilston, 2015, Dan Fogelman)…

Das neue Biopik „Love&Mercy“ von Bill Pohlad („Wild“, „12 Years a Slave”, „Into the Wild“) über Brian Wilson (Beach Boys kreativer Kopf) ist keine Ausnahme. Woran liegt es? Wieso werden Musiker von Cineasten dermassen gut verstanden? Obwohl fast alle Filme dem gleichen Muster folgen – Erfolg – Alkohol, Drogen, Groupies – Absturz – Comeback oder Tod, ist jeder einzelne sehenswert. Es mag daran liegen, dass die Filmemacher den gleichen Tücken des Berühmtseins ausgesetzt sind und genau so an Ruhm, Verzweiflung und Kreativitätsverlust leiden wie ihre Kollegen aus der Musikbranche. Nicht zuletzt liegt es an der herrlichen Musik, an heiss geliebten Songs, die uns immer wieder aufs Neue inspirieren, alle Eskapaden ihrer Erfinder unbedeutend erscheinen lassen und so implizit eine Rehabilitation versprechen.

Den jungen Bryan Wilson spielt der ihm optisch sehr ähnliche Paul Dano (Nebenrollen in „Little Miss Sunshine“, „Taking Woodstock“, „12 Years a Slave”, „Prisoners“). Eine hervorragende und mutige Leistung, da er versucht das innere Leben und die kreativste Phase seines Protagonisten akribisch genau und schonungslos darzustellen. Nur am Rande werden die Extravaganzen des Popidol-Daseins skizziert: ein im Sandkasten stehender Flügel oder ein grosses Baldachin-Zelt mitten im Wohnzimmer – für den ungestörten Drogenkonsum und interne Gespräche der Bandmitglieder.

Was an diesem Film so gelungen ist, sind die Entstehungsgeschichten der berühmtesten Lieder von Wilson – z.B. „Good Vibrations“ oder seine Zusammenarbeit mit Studiomusikern für das Konzeptalbum „Pet Sounds“. Die Proben und Aufnahmesessionen im Studio wurden in der körnigen Sequenz einer alten Dokumentation gefilmt. Die Zuschauer sind fast schon live dabei – so lebendig und eindringlich werden diese erfüllenden Schaffungsprozesse dargestellt! Paul Dano ist überhaupt nicht verlegen, was die eher peinlichen körperlichen Makel angeht – sein quälend über den Hosenbund hängender Bauch, Doppelkinn, schmale Schulter sind omnipräsent in vielen Szenen. So kommt er allzu menschlich rüber – ein junger Mann, der sich wie ein Kind am Sandkasten des Lebens bedient, und alle Anstrengungen aus seinem Verstand verbannt – außer Musik. Um ein perfektes Lied hinzukriegen, scheut er keine Mühen. Seine Visionen stützen sich auf die absolut klaren Vorstellungen darüber wie die perfekten Kompositionen zu erreichen sind. Diese ständige Suche nach Perfektion, gepaart mit exzessiven Drogenkonsum, treibt Brian schlussendlich in den Wahnsinn.

Einen schwächeren Part (Brian Wilson in 20 Jahren) spielt John Cusak, der sich bestens mit verzweifelten Existenzen auskennt („High Fidelity“, „Amerika`s Sweethearts“, „Maps to the Stars“). Die Musik ist ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, aus dem einst herausragenden Musiker ist ein Wrack geworden. Obwohl Brian aussieht wie ein gealterter Mann, benimmt er sich wie ein Kind (absolut glaubwürdig dargestellt von Cusack). Dies wird von seinem Vormund Dr. Eugene Landy ausgenutzt. Den cholerischen und hinterhältigen Doktor spielt Paul Giammatti, der für Schurkenrollen in Hollywood zuständig ist, exzellent.

Dieses abgekartete Spiel durchhaut die sympathische Cadillac -Verkäuferin Melinda (Elizabeth Banks), bei welcher Brian ein Auto bestellt. Ihr übertriebener Sinn für Mode (XXL-Schulterpolster, knallige Farben, trashiger Schmuck, in der Starre einbetonierte gelbliche Haarlocken – alles Sünden aus den späten 80-ern) steht im Kontrast zu ihrem sanften Wesen. Mit viel zurückhaltender Neugier und Geduld begegnet Melinda den 24 Stunden unter Beobachtung stehenden Brian. Sie versucht etwas Glück und Normalität in sein aus Verboten und Einschränkungen bestehendes Leben einzupflanzen. Bedienungslose Liebe ist das Einzige, was dem immer noch unter der Lieblosigkeit seines Vaters Murray (Bill Camp) leidenden Brian helfen kann. Der Epilog (der Mitproduzent des Filmes Brian Wilson im Jahre 2014) bekräftigt diese Annahme.

Konklusion: „Love&Mercy“ ist eine Filmbiografie, welche die entscheidenden Umstände im Leben und in der musikalischen Karriere von Brian Wilson meisterhaft widerspiegelt, hervorragend gespielt und mit fundamentalen existenziellen Fragen ausgestattet. Hier werden weniger Fallen des Ruhms erläutert (wie in den meisten Biopics), dafür aber wird es vielmehr auf die wertvollen Momente des Schaffens eingegangen. Da es sich um die glücklichen Begegnungen und Zusammenfügungen handelt, verströmt „Love&Mercy“ viel Optimismus. Wenn man den richtigen Menschen findet (in diesem Fall die richtige Frau), der bereit ist, den Notleidenden aus dem Sog zu ziehen, dann gibt es ein Weg zurück ins Leben. Eigenständigkeit und Lebensmut sind befreiend nicht nur für jene, die sie vollziehen, sondern für die, die sie empfangen.

Prescription for: warm, neat tribute to the Beach Boys mastermind Brian Wilson

Love&Mercy, USA 2014, 121 min., directed by Bill Pohlad, with Paul Dano, John Cusak, Paul Giammatti, Elizabeth Banks, Bill Camp

I own a dog – The Age of Adaline

Es gibt diese Geschichten, welche über die Anfänge erzählen, – glückliche, hoffnungsvolle… Die gemeinsamen Sorgen und Ängste liegen weit vorne – in der Zukunft… Nur das gemeinsame Streben nach Einzigartigkeit zählt… Die Jahrtausende alte Mythologie der Liebe trommelt ihre Leibeigenen zusammen, um den Triumph der Leidenschaft aufs Neu zu besingen… Obwohl mittlerweile immer weniger von Romantik und lebenslanger Perfektion auf der grossen Leinwand erzählt wird, entstehen vereinzelt Filme, die die alten Ideale auferstehen lassen und den Glauben an die außergewöhnlichen Wege der Liebe beleben.

Eine erfrischende Möglichkeit, solche Geschichten anderes aufzutischen, wäre sie in eine zeitrelevante Hülle zu verpacken: mal glaubwürdiger, physikalisch nachvollziehbarer („Interstellar“), oft völlig unergründlich,  mystisch („The Curious Case of Benjamin Button“ oder „The Age of Adaline“). In diesen Filmen spielt die Zeit die eigentliche Hautrolle, da sie oft verrückt spielt und den Menschen ihre natürlichen oder von jemandem zugewiesenen Lebensräume entzieht. Meistens sind solche Gebilde mit einer Tragik und Melancholie überzogen, die immer seltener im Kino anzutreffen sind. Deshalb berühren sie uns auf eine eigentümlich nostalgische Art und Weise.

Nach einem Unfall hört Adaline Bowman (Blake Lively – „Gossip Girl“) zu altern auf und bleibt seit 1933 29 Jahre alt. Damit das Geheimnis ihrer ewigen Jugend nicht auffliegt, ändert sie alle zehn Jahre ihre Identität und ihren Wohnort. Was wie ein Traum klingt, bedeutet für die Frau ein einsames und zurückgezogenes Leben. Nur ihre inzwischen ergraute Tochter kennt ihr Geheimnis. Das ereignisreiche Leben von Adaline ist von Anfängen, von Verliebtheiten, die in keiner Liebe ausreifen und mit einer Flucht enden, geprägt. Für die Frau, die nicht älter wird, gibt es keine Zukunftsaussichten . Wieso eigentlich nicht?

Ein vielversprechendes Thema: eine Greisin steckt  in einem jungen, vitalen Körper… Ein junges Gesicht strahlt Geheimnisse der vergangenen Jahrzehnten und Überdruss aus…Dennoch wurden alle diese Spannungsfelder nur oberflächlich behandelt und die grossen psychologischen Fragen nur flüchtig gestreift… Obwohl Adaline viel zu erzählen hat, tut sie das nie. Das einzige, was sie zum Beispiel bei einem Date von sich preisgibt, ist eine knappe Information – „I own a dog“. Man bemüht sich, ihrem Gesicht einiges abzulesen, doch es ist zu schön und zu jung, um die Erkenntnisse des langen Lebens zu beherbergen. Trotz aller möglichen philosophischen Projektionen bleibt der Film ziemlich konventionell. Er spielt in einer perfekten Welt ab, wo die Liebenden nach den Sternen greifen, die Eltern den Kinder nur das Richtige sagen und wo alles mit Sinn und Zweck erfüllt ist. Deshalb ist er nur ein hübsches Konstrukt, dem die wahren Lebenselixiere fehlen.

Umhüllt in Retro-Chic schwebt Blake Lively grazil durch die eigene Geschichte. Aus Harrison Ford, dem Liebhaber Elvis aus der Vergangenheit, ist ein gütiger Mann geworden, der zwar seiner alten Liebe Anabelle nachtrauert, doch beruhigende und anerkennende Worte für seine 40 Jahre mit ihm lebende Ehefrau findet. Michael Huisman, sein Sohn Ellis, ist die aktuelle Liebe von Adaline, die jetzt Jenny heisst, ein netter, humorvoller, natürlich absolut liebenswerter Kerl… Das Eigenartige ist nur, dass alle in „The Age of Adaline“ so vollkommen und aufrichtig sind. Deswegen geht es hier um eine klassische romantische Liebesgeschichte, die wir noch halbwegs abkaufen, weil sie diesen mässigen philosophischen Hintergrund hat – das Ringen mit der Zeit.

Dennoch birgt das Thema viel mehr Potenzial. Wie wäre es, wenn aus Elvis ein verbitterter hässlicher Mann geworden wäre, der gegenüber seinem Sohn Missgunst empfindet, seine Frau nicht ausstehen kann und sich an der Adaline rächen will? Wie wäre es, wenn Ellis ein gerissener Kerl wäre, wie etwa mit einer Neigung zum Alkoholismus oder Stalking? Wie wäre es, wenn die bildschöne, ewig junge und alles wissende Adaline ihre Schönheit, Jugend und Erfahrungen einsetzen würde, um eine Herrscherin zu sein – Salome, Medea oder wie Adaline aus San Francisco stammende Catherine Trameli aus „Basic Instinct“? Vielleicht wäre dann so ein Streifen für die Ewigkeit vorbestimmt und nicht nur für die romantischen Stunden zu zweit?

Konklusion: „The Age of Adaline“ ist eine nette melancholische, dennoch gut ausgehende Geschichte über die Liebe, das Alter und so manche Schicksalswenden. Sie erreicht keinesfalls Tiefen und Vielschichtigkeit des thematisch ähnlichen Liebesstreifen von David Fincher „The Curious Case of Benjamin Button“ (2008). Doch genau diese Art Tragik, welche die in verkehrte Richtung marschierte oder stehen gebliebene Zeit auslöst, ist auch hier zu spüren. Durchaus ist der Film  geeignet für diejenigen, die die romantischen Adern des alten Hollywood und die alles einschliessende Schönheit der Inszenierung schätzen. Ein bitter-süsslicher Film über die Tücken der Zeit, sowie die einleuchtende Kraft der Liebe und die Menschen, die daran glauben. Wenigstens solange sie im Kino sind!

Prescription for: melancholic mood, love venture, age, beauty, romantic lovers

The Age of Adaline, USA 2015, 112 min., directed by lee Toland Krieger, with Blake Lively, Michiel Huisman, Harrison Ford, Ellen Burstyn, Kathy Baker

Faits divers about Madame Bovery – Gemma Bovery

„Madame Bovery“ von Gustave Flaubert erschien im Jahre 1856. Der Gesellschaftsroman hatte früher den Untertitel – „Ein Sittenbild aus der Provinz“. Prompt nach der Veröffentlichung in der Zeitschrift La Revue de Paris wurde Flaubert von der Zensurbehörde wegen Verstosses gegen die guten Sitten und Verleitens zum Ehebruch angeklagt. In diesem Prozess wurde  Flaubert jedoch freigesprochen. Heute gilt „Madame Bovery“ als eines der bedeuteten Werke der Weltliteratur. Zusammen mit „Anna Karenina“ von Leo Tolstoj liegt der Roman das umfassendste Bild der Seelenzustände und Wunschprojektionen von Frauen vor.

Wenn Männer ratlos mit den Schultern zucken und den betagten Ausdruck  in die Runde schmeissen – man würde Frauen nie verstehen -, hätte ich stets einen Tipp  parat: Lassen sie Datig- und Flirt-Ratgeber weg, lesen sie nur diese zwei Romane. Wenn man einen Modernisierungsbedarf verspürt, wäre da der Beistand von Simone de Beauvoir ganz hilfreich („Le Deuxième Sexe“ zum Beispiel). Mehr braucht es wirklich nicht, um die Rätsel zu entschlüsseln.

In Frankreich gehört längst Madame Bovery, wie die Marianne und Marseillaise, zum berühmten Nationalstolz der Franzosen. Noch im Jahre 1896 hat der junge Heinrich Mann folgendes über die Bedeutung vom Flauberts Roman geschrieben: „Madame Bovery“ ist von mehreren Literatengenerationen studiert worden wie die Bibel von Theologen studiert wird. Ihr Geist und Teile ihrer unvergleichlichen Lebensfülle sind in unzählige Bücher übergegangen“. Bis heute hat das Interesse am Roman und seinem Autor kaum nachgelassen. Aus verschiedenen kulturellen Inputs ist Flaubert nicht mehr wegzudenken. Nur ein Beispiel aus unserem Metier: Im von uns hoch geschätzten diesjährigen Oscar-Gewinner „Birdman“ (auf TDS im Januar umfangreich rezensiert) wurde Flaubert vom Mike Shiner (Edward Norton) zitiert, um seine Verachtung gegenüber der Theaterkritikerin zu verdeutlichen.

Der Roman selbst wurde seit 1934 zwölf Mal verfilmt – in Frankreich, Deutschland Argentinien, England, Bulgarien, Indien, USA. Die beste Interpretation bis jetzt hat Claude Chabrol mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle geliefert (1991). Ihre unterkühlte, introvertierte Art,  gepaart mit wachsamer Lebendigkeit, erzeugt eine bis dahin unbekannte Emma – weniger romantisch, viel mehr lapidarer und lustorientierter. Nun, in wenigen Monaten kommt die nächste „Madame Bovery“ ins Kino – von Sophie Bartes mit Mia Wasikowska (war bereits in den Literaturverfilmungen „Alice im Wunderland“ und „Jane Eyre“ zu sehen)  als Emma aus der heutigen Perspektive.

Aus oben genannten Gründen war es für mich kaum überraschend, die französische Produktion „Gemma Bovery“ (2014) von Anne Fontaine zu entdecken. Es ist keine Verfilmung des Romans im klassischen Sinne, nur eine Hommage an den Kult-Roman, seine unvergängliche Aktualität und Wege, welche die Literatur einschlägt, wenn sie versucht, das wahre Leben zu beeinflussen. Es ist oft aufregend, inspirierend, doch nicht immer wünschenswert, wie „Gemma Bovery“  humorvoll und der Realität Tribut leistend zeigt.

Genervt von ihrer kleinbürgerlichen Existenz in London überredet Gemma (Gemma Arterton) ihren Ehemann Charles (Jason Flemyng), mit ihr in ein beschauliches Dorf in der Normandie zu ziehen. Dort angekommen, scheint es so, als hätte der Bäcker Martin (Fabrice Luchini) nur auf sie gewartet, um seine literarischen Vorlieben auf die Probe zu stellen. Der Tag, an dem Gemma ihn geheimnisvoll anlächelte,  nennt er das Ende seiner sexuellen Abstinenz. Nicht, dass der Ex-Pariser der jungen Dame gleich Avancen macht, er versucht nur nett und behilflich zu sein, geniesst die betörenden Momente der körperlichen Nähe zu Gemma und beobachtet…

Das Verhalten der englischen Großstädter, wie auch ihre Namen, scheinen tatsächlich durch Flauberts Roman inspiriert zu sein. Da Martin das Leben von Gemma auf das Romanleben von Emma projiziert, versucht er die Engländerin vor dem Unglücklichsein der berühmten Französin zu schützen. Doch genau das verursacht eine ganze Reihe von Missverständnissen und schliesslich ein tragisches verblüffendes Finale. In seinem literarischen Gedankensumpf verliert Martin anschliessend den Bezug zur Realität und spricht seine neue Nachbarin als Anna Karenina an.

Konclusion: Ein typisch französischer Film (auf TDS in April – French joie de vivre), welcher keine bandbrechenden Erkenntnisse anbietet, jedoch ein malerisches Ambiente mit lustvollen Verwicklungen ausmalt.  Obwohl ihm definitiv der Tiefgang fehlt,  geeignet für diejenigen, die den Roman Flauberts lieben, die französische Gelassenheit im Umgang mit Lebenskrisen bewundern und Überraschungen schätzen.  Bon voyage!

Prescription for: Flaubert, Normandy and French Film lovers

Gemma Bovery, 2014, France, 100 min, by Anne Fontaine, with Gemma Arterton, Fabrice Luchini, Jason Flemyng, Mel Raido, Niels Schneider

Have courage and be kind! – Cinderella

Wie viele Verfilmungen des beliebten Märchens aus der Gebrüder Grimm-Sammlung gab es bis jetzt? Laut Wikipedia – 28, wenn man die zahlreichen Interpretationen à la „Pretty Woman“ nicht dazu zählt. Der allergrößte Hit ist ein tschechischer Weihnachtsklassiker “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” (Tři oříšky pro Popelku, Václav Vorlíček, 1973). Brauchte die Welt noch eine weitere Version des liebenswerten, verwaisten Mädchens, dass auf eine sehr konventionelle Art plötzlich glücklich und reich wurde? Ja, wie die neue Cinderella-Verfilmung zeigt, sie braucht es. Woran liegt es?

Erstens, am Regisseur – dem Multitalent Kenneth Branagh. Fünf Mal wurde er für den Academy Award nominiert – je einmal als bester Hauptdarsteller, Nebendarsteller, Drehbuchautor, Regisseur sowie für den besten Kurzfilm. Branagh ist damit bislang der einzige Künstler, der in fünf verschiedenen Kategorien im Rennen für die höchste Auszeichnung der Filmwelt lag. Er gilt auch als großer Shakespeare-Interpret. Bestimmt eine gute Voraussetzung, einer verstaubten Geschichte ein neues Leben zu verpassen und sie mit Tiefgründigkeit zu versehen! Der inzwischen geadelte Brite erzählt die Cinderella-Story in Dialogen, die an höfische Kultur aus Shakespeare-Zeiten erinnern und oft die Gestalt des klassisch-britischen Zeitgeistes verbreiten.

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Zweitens, am durchgedachten Casting. Die zwei Hauptrollen spielen noch relativ unbekannte Schauspieler (Lily James, bekannt als Lady Rose aus „Downton Abbey“ und Richard Madden aus “Game of Thrones”).  Als prominente Besetzung ist Drew Barrymore für „A Cinderella Story“(1998) eher zum Verhängnis geworden als sie das Aschenputtel in der Postrenaissance-Zeit spielte – zu viel Aufklärung und Feminismus wurde schon allein durch ihren dominanten Part  in die simple Geschichte hineininterpretiert. Der Film lief nicht schlecht, geriet aber schnell in Vergessenheit.

Alles, was  Aschenbrödel Ella in “Cinderella” tun musste, war um die Wette zu strahlen, in allen Kostümen hübsch und würdevoll auszusehen, überzeugend nach der Muttermaxime zu handeln – mit Mut und Freundlichkeit alle Situationen im Leben meistern. Das gelingt Lily James perfekt. Alles, was von Prinz Kit Charming erwartet wird, ist diese bezaubernde Existenz ins Herz zu schliessen und seine Liebe dem König und  Hof gegenüber zu verteidigen. Auch das gelingt Richard Madden reibungslos,.

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Was jedoch an dieser Verfilmung so reizend erscheint, sind seine zwei Nebendarstellerinnen – Cate Blanchett (die böse Stiefmutter) und Helena Bonham Carter (die gute Fee). Mit ihren Posen, ihrer Manierlichkeit und gehässigem Lachen macht Blanchett den Hauptunterschied zwischen dem Leben als Schein (in der Hoffnung auf Macht und Einfluss), was seit ihrem Einzug in die Patchworkfamilie herrscht, und dem Leben als Sein (in der Hoffnung auf Glück und Rechtschaffenheit), was die Seele des Hauses ausmachte als die Mutter noch lebte, deutlich.  Vermutlich zum ersten Mal erfahren wir, wieso die intrigante Stiefmutter so geworden sei wie sie ist, und wieso sie das tut, was sie tut. Eine kleine Sensation, grandios, wie gewohnt, gemeistert von Cate Blanchett: Sie hat einen Schicksalsschlag erlebt, ist sich der Unzulänglichkeiten ihrer Töchter bewusst, eifersüchtig auf Cinderellas Jugend und Schönheit und von Existenzängsten geplagt. Nachvollziehbar!

Überhaupt wird im neuen Film der Entfaltung der menschlichen Charaktere wesentlich mehr Raum zugestanden. Der Vater (Ben Chaplin) wird nicht einfach von heute auf morgen böse. In der Hoffnung auf einen neuen Anfang heiratet er diese durchaus attraktive und elegante Frau mit puppenhaften Töchtern. Doch die „Ersatz-Schönheit“ und mit Opulenz aufgefüllte Leere hat eher etwas mit Präsentation  als mit wahren Werten zu tun. Er versteht es bald selbst, doch leider zu spät. Zu seiner Tochter bleibt er stets nett und fürsorglich. Verständlich! Der Königsberater, welcher den Staatsapparat repräsentiert, hervorragend, wie gewohnt, vom Stellan Skarsgärd gespielt, erklärt dem Prinzen, dass die Heirat mit Mädchen aus dem Volk keine Armeen und volle Staatskassen mit sich bringt. Plausibel!

Die klassischen Märchen bemühen sich nie um die Hintergrund-informationen. Die Umstände und Charaktere sind so wie sie sind, die Helden müssen da einfach durch. Der Film dagegen erlaubt sich ein wenig Logik und Psychoanalyse. Nicht zu viel, nicht zu wenig, genau die richtige Dosierung, um das Unerklärliche zu erläutern. Jeder hat einen Anspruch auf eigene Sicht der Dinge. Ein ziemlich moderner Ansatz!

Absolut zeitgemäss wirkt die gute, dabei tollpatschige, übergeschnappte und selbstironische Fee, vergnüglich gespielt von Helena Bonham Carter. Die Verwandlungsszene, in welcher sie die Kutsche mit der ganzen Ausstattung, das blaue Ballkleid und die Schuhe mit der herrlichen anspielungsreichen Bemerkung – sie sei „good at shoes“- herzaubert,  gehört zu den amüsantesten im Film.  So viel Witz, gepaart mit so viel Magie, verströmen eifach Harmonie und bezeugen das Können aller Beteiligten.

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Drittens, an den visuellen Effekten und prächtigen Kostümen. Die neuste Produktion aus dem Hause Disney ist vor allem ein Spektakel für die Augen. Die Produktionskosten betrugen 90 Millionen Euro. Die ganze  Disney-Maschinerie (inkl. Marketing) hat auf Hochtouren gearbeitet. Für das Kostümdesign wurde die dreifache Oskar-Preisträgerin Sandy Powell engagiert (“Shakespeare in Love“, “Gangs of New York“, “The Young Victoria“, „Aviator“, „Carol“).

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Ausladende Ballkleider, traumhafte Farben und Lichtinstallationen, unzählige Lagen von Seide und Tüll haben zum Erfolg des Filmes viel beigetragen. Neun Monate lang haben Powell und ihr Team das Design des blauen Ballkleids entwickelt, das am Ende aus 90m Stoff bestand, mit insgesamt 10.000 kleinen Swarovski-Kristallen, die Nähte sind mehr als fünf Kilometer lang. Dennoch war das Kleid so leicht, dass es in der Luft schweben könnte. Das überdimensionale Wolkenkleid der Guten Fee war mit kleinen LED-Lämpchen übersät, man musste es anknipsen, damit es leuchtete. Die Schuhe zu den kontrastreichen Stiefmutter-Ensembles hat allesamt Salvatore Ferragamo designt.

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Zur Produktion eines glitzernden Kristallschuhs musste eine spezielle Maschine hergestellt werden. Er kommt im Film zum Einsatz, wenn Stiefmutter, Prinz oder Cinderella ihn in den Händen halten. Das einzige Problem: weil Kristall natürlich nicht im Geringsten nachgibt, konnte Lily James diesen Schuh niemals wirklich anziehen. Und da brauchte man dann doch noch die Hilfe des Computers: aus Lederschuhen mit den Proportionen der Kristallschuhe zauberten visuelle Effekte den Glitzerschuh. Parallel zu der Filmpremiere waren die anderen Designer (Jimmy Choo,  Manolo Blahnik, Charlotte Olympia) mit Cinderella-Schuh-Entwürfen fertig,  alle tragbar, doch ohne Einmischung der Guten kaum zu erwerben. 

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Viertens, am Humor und am Witz, der viele narrativen Stellen erfrischt und die alte  Geschichte so lebendig und modern macht. Die klassischen Märchen sind normalerweise ernst, ab und zu auch komisch, weil die Situationen so undenkbar erscheinen. Doch mit Witz oder Ironie haben sie selten etwas gemein. Gerade ohne diese Komponenten wäre der Film öde. Die Zuschauer sind heute kaum bereit, einen komplett humorlosen Film zu ertragen. Deshalb gibt es keine Tragödien mehr ohne Komik, genau so wie Märchen ohne Witz. Einzig werden noch die Mythen und Sagen mit der heroischen Tradition verbunden und kommen noch ohne Humor aus (z.B.  „Exodus: Gods and Kings“, 2014).

Konklusion: Das neu inszenierte Aschenbrödel-Märchen mit Übermass an Herz, Esprit und Charme spricht Menschen jeden Alters an und entzückt mit einer wohldosierten Mischung aus Kitsch, Magie, Humor und dem respektvollen Umgang mit den guten alten Werten. In diesem Sinne verströmt der Film eine subtile Botschaft an alle Paris-Hilton-Klone dieser Welt, Dschungelköniginnen, Bacheloretten, Shopping Queens, Superstars und Next-Top-Models  – mit Anstand, Güte und Prinzipien kommt man besser durch’s Leben als mit Intrigen, Herumgezicke und Selbstverleumdung. Wir sind uns es wert, das Wichtige und das Richtige im Leben nicht aus den Augen zu verlieren! Fröhlich mutet das unvermeidbare Happy-End an – alles wird gut, Mädels!

Prescription for: love, magic, sense of decency, courage, blended family issue, dreams, inspiration and hope, responsibility and  personal qualities.

Listen to: Cinderella Soundtrack  from Patrick Doyle

Cinderella, USA 2015, 105 min., directed by Kenneth Branagh, with Lily Jemes, Cate Blanchett, Helena Bonham Carter, Richard Madden, Stellan Skargärd, Derek Jacobi, Ben Chapin, Hayley Atwell

The Irish way of the cross – Calvary

Der Mann hinter dem vergitterten Innenraum in dem Beichtstuhl drückt sich gegenüber dem der Beichte abnehmenden irischen Priester klar aus. Er wird ihn am nächsten Sonntag erschiessen und erwartet ihn zur diesbezüglichen Ausführung am nahen Strand. Ebenso klar formuliert er sein Motiv. Er wurde als Kind jahrelang sexuell geschändet von einem anderen Priester, der zwar schon lange tot ist, aber um ein Zeichen zu setzen, dass auch vernommen wird, wird er ihn, den in der Gemeinschaft geschätzten, moralisch integren und den sich nichts zuschulden lassenden Dorfpriester, stellvertretend für die gesamte katholische Kirche umbringen. Auf das aufgewühlte Schweigen des Priesters fragt der künftige Mörder, ob er denn nichts dazu sagen wolle. „Not right now, no. But I’m sure I’ll think of something. By Sunday week”

Irische Filme zeichnen sich in der landläufigen Vorstellung – oder wenigstens in meiner – vor allem durch ihren warmen und lebensbejahenden Charme aus. Schrullige und wahrhaftige Charaktertypen, meistens schon im Rentenalter, die mit Knollennasen, geröteten Bäckchen und braun-grauen Schlapphütten in dem heimeligen Pub um die Ecke, in dem sich meist sowieso das halbe Dorf befindet, leckere Pints kippen und zu der unverkennbaren, irischen Folkloremusik lebenslustig-spastische Tänze  vollführen, freudig brüllend, ab und zu unterbrochen von einer nie wirklich bös gemeinten Rauferei oder sich selbstständig gemachten Pint-Gläser, welche beim freien Flug durch den Kubus des Pubs allenfalls den lästigen Nachbarn, welchen man schon jahrelang auf dem Kecker hatte, am Hinterkopf touchieren. Meistens haben dann die zentralen Handlungstreiber auch mit der seit Ewigkeiten festgefahren Hackordnung in der Gemeinde zu tun,  welche plötzlich und unerwartet von etwas Neuem gestört wird, sei es, dass ein alter Strolch das vermeintlich grosse Los beim Lotto zieht (Waking Ned Devine) oder dass einem Fischer aus Versehen eine Meerjungfrau ins Netz geht, diese mit nach Hause nimmt und damit die Dorfbevölkerung hochgradigen Irritationen aussetzt (Ondine – Das Mädchen aus dem Meer).

Diese Elemente findet man in „Calvary“ auch, sind sie doch keine Erfindung der Filmstudios, sondern spiegeln zu grossen Teilen auch die echten irischen (Land-)Verhältnisse wider. Die Geschichte spielt in einem abgelegenen kleinen Dorf in Strandhill in County Sligo an der Atlantikküste Irlands und die wenigen Protagonisten sind schon fast klischierte Abbilder der gängigen Vorstellung von einer irischen Dorfgemeinschaft. Neben der Hauptperson, James Lavelle (kongenial dargestellt von Brendan Gleeson), der fürsorgende und in der Gemeinde tief verankerte Dorfpriester, welcher intellektuell seinen Schäfchen inkl. seinem nerdigen, ignoranten und rückgratlosen Junior-Priester haushoch überlegen, aber trotzdem vor den irdischen Schwächen wie Alkohol nicht gefeit ist und sich schon mal wild um sich schiessend in einem Pub vorfinden kann,  finden wir die seelisch beschädigte, offen untreue Ehefrau, ihren – in der Gemeinde natürlich einzig schwarzen – Geliebten, den offiziellen Ehemann, dem Metzger, welcher über die Affäre seiner Frau mehr erleichtert und froh, als eifersüchtig wäre und deshalb auch im Pub mit dem Geliebten regelmässig Schach spielt, der fundamental-buddhistische und trotzdem immer leicht aggressive Barbetreiber, der soziopathische (und selbstverständlich kriminelle) stinkreiche Bankier namens Fitzgerald im leicht abgelegenen Landsitz, der sympathisch-korrupte Polizeivorsteher mit seinem hypernervösen Latino-Callboy-Lover und der – genau – steinalte schrullige alte Schriftsteller mit Knollennase, welcher auf einer nahen Insel seinen letzten Roman schreibt und zynisch vermeldet, dass man erst dann wirklich alt ist, wenn niemand sich mehr getraut in seiner Gegenwart das Wort Tod in den Mund zu nehmen. Er ist es auch, der den Priester bittet, ihm eine Pistole zu besorgen, offenbar um ihm einen menschenwürdigen Abgang zu ermöglichen, wenn es dann soweit sein sollte…

In sieben – von jedem Wochentag bezeichneten – unterteilten Kapiteln macht sich der Priester daran, wofür ihm sein künftiger Mörder auch den Aufschub gewährt hat und zwar die unerledigten Konflikte in seiner Gemeinde zu klären, sich seiner ihm entfernten Tochter (Kelly Reilly – „Flight“, „True Detective“) wieder zu nähern, welche ihn in dieser Woche nach einem Selbstmordversucht besucht und seine ganz persönlichen Wertvorstellungen inkl. seinen Glauben auf den Prüfstein zu stellen. Und obschon er sich – neben dem mörderischen Ultimatum – den stetigen Anfeindungen, unmoralischen Handlungen, zynischen Gesinnungen, kompletter Orientierungslosigkeit und spiritueller Degenerierung, nicht nur der Dorfbewohner, sondern auch seiner Tochter, ausgesetzt sieht, kämpft er tapfer dagegen an, den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren.

Einer der inszenatorischen Kniffs, welcher Michael McDonaugh („The Guard“) – Bruder von Martin McDonaugh („Brügge sehen und sterben?“/“7 Psychos“), clever einsetzt, ist die Tatsache, dass der Priester ja von Anfang an weiss, wer sein möglicher Mörder ist, was dem Zuschauer aber erst am Schluss enthüllt wird. Dadurch stellt man sich bei jedem Schäfchen der Gemeinde, welches mit ihm in Kontakt kommt, die entsprechende „could it be?“ Frage, was den Spannungsbogen durch den ganzen Film hindurch hoch hält und den Freiraum schafft, um die eigentliche Essenz dieses Stoffes, eine Art Kreuzweg des Pfarrers, welcher wie das grosse Vorbild, quasi unter den Augen seines Henkers mit den unvermeidlichen Selbstzweifeln und Quallen von statten geht. Nicht umsonst heisst der Film Calvary. Der Kalvarienberg vor den Toren Jerusalems ist der Ort auf dem Jesus schliesslich gekreuzigt worden ist.

Die Nachwirkungen des wirtschaftlichen Kollapses von Irland immer noch latent spürbar, geht die Erzählung – trotz bitterem Witz und verzweifeltem Sarkasmus – einen grundsätzlich ernsten und Ironie freien, konsequenten Weg und gleicht in diesem verdichtetem Diskurs über den Stellenwert von Moral und Ethik, Schuld und Vergebung und die Konfrontation mit dem eigenen Tod einer heroischen Helden-Saga biblischen Ausmasses und thematisiert nebenbei – unaufdringlich und doch akkurat – den Platz und die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in der heutigen Gesellschaft, welche speziell in Irland nach dem Bekanntwerden der eklatanten Missbrauchsfälle in der jüngeren Vergangenheit einen fundamentalen Vertrauensverlust erlitten hat. Dies alles aber ohne didaktischen  Zeigefinger oder der Präsentation einer erlösenden Wahrheit. Wie wir alle, leidet James Lavelle an der Unzulänglichkeit unseres Wesens und den Launen des Lebens. Aber er schreitet voran, mit Würde, Mitgefühl, Stärke und Liebe und dem Wissen, dass dem vorbestimmten Schicksal so oder so nicht zu entgehen ist. Allenfalls sogar schon am nächsten Sonntag nicht mehr.

Konklusion: In rauen und kraftvollen Bildern unterlegt mit einem gänsehauterzeugenden bombastisch-klerikalen Soundtrack setzt uns Michael McDonaugh eine dichte, wahrhaftige und emotional mitreissende Erzählung mit subkutaner Langzeitwirkung um den Kreuzweg eines irischen Pfarrers vor, der in einer Woche die Erlösung mit sich, seiner Tochter und seiner Gemeinde finden muss. Trotz schrulligen und sarkastischen Szenen mit schrägen Typen und abgefahrenen, überdrehten Einschüben, ein zutiefst nachdenkliches, düsteres und konsequentes Werk, aber mit einer stark humanistischen und  – ja – christlichen Botschaft, unter Vermeidung einer eigentlichen Rhetorik der Moral. Trotzdem oder gerade deswegen auch für Atheisten interessant. Ein verpasster Kandidat für die Liste der besten Filme von 2014! Sheep on me!;)

Prescription for: Confrontation with dead, religious doubts, family issue, problem solving within society, dealing with forgiveness, dealing with pressure

Listen to: Soundtrack “Calvary” from Patrick Cassidy

Calvary, IE/UK 2014, 101 min., written and directed by John Michael McDonagh, with Brendan Gleeson, Chris O’Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen

 

French joie de vivre – Une nouvelle amie

Manchmal überkommt mich eine Sehnsucht nach einem Zustand, in dem das Praktische,  Rationale auf die Seite tritt und den Platz für die Ausgelassenheit und Spontanität räumt. Dann weiss ich – ein Franzose muss her, ein Film natürlich! Ein Schächtelchen Makronen, eine BFF-Freundin und der Spass im Arthouse Le Paris kann los gehen. Diesmal mit dem fünfzehnten Streifen des grossen französischen Frauenkenners François Ozon „ Une nouvelle amie”.

Wie bei den meisten Filmen von Ozon ist auch hier die Handlung auf ein paar Ereignisse beschränkt, die ausgiebig emotional interpretiert werden. Eine geliebte Frau, Mutter eines Babys, Tochter und Freundin stirbt in der Blüte ihres Lebens. Diejenigen, die in „ Une nouvelle amie“ damit klar kommen müssen, sind ihr Mann David (Romain Duris) und ihre beste Freundin Claire (Anaïs Demoustier). In erster Linie geht es in diesem Film um die Trauerarbeit.

Wenn es eine Hollywood-Produktion wäre, würden die Protagonisten höchstwahrscheinlich in einer Gesprächsgruppe oder auf der  Couch eines attraktiven Psychotherapeuten landen… Ein skandinavischer Film würde möglicherweise versuchen die Familienangehörigen zu involvieren, wonach alle Beteiligten noch stärker traumatisiert wären… Die Japaner könnten ihre Ahnen konsultieren… Auf jeden Fall hätte man recht häufig eine vage, manchmal eine deutliche Vermutung, wie das Szenario verlaufen könnte.

Was machen die Franzosen mit so einem Stoff? Man weiss es nie so genau. Bei einem französischen Film ist es selten möglich zu sagen, wohin er führt und wie er endet. Und deshalb ist es oft eine spannende Reise ins Ungewisse. Die Klischees werden zu Staub gemahlen, Erwartungen niedergeschmettert…Frische und kecke Interpretationen mit hoher Happyend-Wahrscheinlichkeit verblüffen anhaltend. Wenn das Leben die Tristesse verbreitet und die Nachrichtenströme entmutigend wirken, bemühen sich die Filmschaffenden stets die Leichtigkeit des Seins hervorzuheben.

So ist es auch flagrant in „ Une nouvelle amie“ zu spüren. Und obwohl es um Verluste, Identitätskrisen, Unfälle, Depressionen, sogar um die Nekrophilie geht, ist dieser Streifen keine schwere Kost. Er ist mit so einer Leichtigkeit und einem Lebensdurst gezeichnet, dass es einem ganz warm ums Herz wird. Ohne den moralischen Kompass aus den Augen zu verlieren, wie einst bei Roberto Benigni (La vita è bella, 1997), wird das Schwere, fast Unerträgliche in eine sanfte humanistische Hülle eingewickelt. Und so können wir die Verwandlung des Davids in Virginia relativ schmerzfrei geniessen.

Eher zufällig entdeckt Claire die alte Passion Davids, sich als Frau zu verkleiden, welche nach dem Tod seiner Ehefrau erneut entflammt. Zuerst skeptisch und dann zunehmend wohlgesinnt begleitet sie ihn bei seiner Identitätssuche. Und so erholen sich die beiden Trauernden von ihrem Kummer. Die Tragik des Verlustes wird von der Neugier und Entdeckungsfreude verdrängt.

Abgesehen vom Selbstfindungstrip ist „ Une nouvelle amie“ eine Hommage an die Weiblichkeit, die auch in den anderen Filmen von Ozon auffallend präsent ist  („8 femmes“, ,„Swimming Pool“, „Potiche“, „Jeune et jolie“…) Fasziniert von allem, was das Frauendasein umgibt (High Heels, Nylonstrümpfe, Perücken, Kleider, Mascara, Rouge, Nagellack…) stürzt sich David mit Hingabe in die neue Rolle, bekommt von Claire Tipps zur Umsetzung der Make-up-Ritualen und – für ihn besonders wertvoll – auch ihre Anerkennung.

Langsam findet Claire Gefallen an ihrer neuen Freundin Virginia und entdeckt sogar den erotischen Reiz an der Verkleidungsgeschichte. David ist beides und kann beides sein.  Anders als Männer, die eine Frau eher als Gesamtkonzept sehen, ist er in der Lage die Details wahrzunehmen (die Farbe des Lippenstifts, den Schnitt des Kleides, der vorteilhaft für die Taille wäre…) So verwandelt sich auch die anfänglich graue Maus Claire in eine sinnliche Frau. Allmählich nehmen die Transvestismusverwicklungen gefährliche Ausmasse an: Claire ist verheiratet, David muss sich um seine Tochter kümmern…

Doch so abgründig wie in Almodóvar’s Welten (z.B. „Todo sobre mi madre”, 1999, „La piel que habito“, 2011;  – „Une nouvelle amie“ basiert auf einer Geschichte der britischen Bestsellerautorin Ruth Rendell, die Pedro Almodóvar auch schon verfilmte) wird es nicht werden. Nach einem Autounfall, welchen Claire indirekt verursacht, ist sie bereit, Virginia bedingungslos zu unterstützen. Etwas unrealistisch und dick aufgetragen, aber so wünschenswert!

Unverkennbar, wie die meisten Filme von Ozon, besteht „Une nouvelle amie“ ebenfalls aus einem musikalischen Feuerwerk, das die verschiedenen Stimmungen aufgreift und eine ergänzende, oft sogar richtungsweisende Funktion im Filmskript spielt. So wird ein Wendepunkt in David’s/Virginia’s Überlegungen markiert – in einer Szenebar mit dem alten französischen Chanson „Une Femme avec Toi“ von Nicole Croisille,  das von einem/einer Transvestit-Sänger/Sängerin grandios neu interpretiert wurde. Ein Befreiungsakt par excellence!

Conclusion: „ Une nouvelle amie“ ist ein liebenswerter Film mit all den Freuden und Verwirrungen, die zu einem französischen Film gehören. Ihn anzuschauen ist ein freudiges, abenteuerliches Ereignis. Im Übrigen, da es um die Selbstbestimmung als absolutes Menschenrecht geht, ist er auf der Augenhöhe der Zeit. In vielen Ländern und Kulturkreisen wird das Anderssein missbilligt, verpönt und bestraft. Deshalb ist er wie ein Lichtstrahl der Toleranz und ein klares Statement in einem Land,  wo der Kulturkampf  um die Homo-Ehe trotz der gesetzlichen Konformität noch nicht abgeschlossen ist.

Prescription for: process of grieving, transvestism, identity problems, self-disclosure, inner guidance,  striving for endorsement, intolerance, courage 

Une nouvelle amie (Eine neue Freundin), France 2014, 105 min., directed by François Ozon, with Jonathan Louis, Roman Duris, Anaїs Demoustier