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A Human Drama: I’m not the story – Citizenfour

Laura,

At this stage I can offer nothing more than my word. I am a senior government employee in the intelligence community. I hope you understand that contacting you is extremely high risk and you are willing to agree to the following precautions before I share more. This will not be a waste of your time.

The following sounds complex, but should only take minutes to complete for someone technical. I would like to confirm out of email that the keys we exchanged were not intercepted and replaced by your surveillants. Please confirm that no one has ever had a copy of your private key and that it uses a strong passphrase. Assume your adversary is capable of one trillion guesses per second. If the device you store the private key and enter your passphrase on has been hacked, it is trivial to decrypt our communications.

Understand that the above steps are not bullet proof, and are intended only to give us breathing room. In the end if you publish the source material, I will likely be immediately implicated. This must not deter you from releasing the information I will provide.

Thank you, and be careful.

Citizen Four

Zu diesem Zeitpunkt Anfang 2013 als die regierungskritische US-Dokumentarfilm-Regisseurin Laura Poitras diese E-Mail von einem Unbekannten erhält, ahnt sie nicht, was in den nächsten Monaten auf sie zukommt. Heute kommentiert Poitras die Geschehnisse so: “I was sucked into the narrative in a way I have never experienced before and probably will never experience again.” (The New Yorker „The Holder of Secrets“, 20.October 2014). Diese E-Mail ist der Anfang des Films „Citizenfour“, sowie des Enthüllungsmarathons von Edward Snowden und Glenn Greenwald.

An diesem Dokumentarfilm ist manches außergewöhnlich. Die Geschichte wurde nicht aus der Retrospektive verfilmt, sondern in ihrer Entstehung und Entwicklung aufgenommen.  Laura Poitras hat den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden von Beginn seiner Enthüllungen an aus nächster Nähe begleitet und in Echtzeit dokumentiert, wie der Whistleblower in Hong Kong Beweise für illegale verdeckte Massenüberwachungsprogramme der NSA und anderer Nachrichtendienste vorlegte. Zu sehen ist auch, wie die ersten Veröffentlichungen einen Nachrichtensturm in der ganzen Welt entfachten – und wie Snowden klar wurde, dass er nie wieder so leben könne wie zuvor. Diese Geschichte, die als NSA-Affäre bezeichnet wurde, hat weitere Enthüllungen ausgelöst und gilt immer noch als politischer Sprengstoff.

Zuletzt wurde der Film mit einer Oscar-Nomination geehrt, obwohl sein Held als US-Bürger nie mehr den amerikanischen Boden betreten wird, seine Regisseurin seit Jahren auf einer US-Beobachtungsliste steht, mehr als 40 Mal an Flughäfen festgehalten und befragt wurde und deshalb in Berlin lebt. Eine willkommene Anerkennung von der Branche, die massgebend seit Jahrzehnten die Meinungsbildung in den USA  prägt! Die Kluft zwischen der Regierung und den Bürger, welche in Poitras Film durch Snowdens Aussagen hervorgehoben wird, breitet sich aus.

Für die Laura Potras ist es bereits die zweite Nominierung. “Citizenfour” ist nach “My Country, My Country” (2006) und “The Oath” (2010) der dritte Teil der 9/11-Trilogie, welche die Regisseurin dem sogenannten “Krieg gegen den Terror” der USA gegen die eigenen Bürger widmet. Im oscarnominierten „My Country, My Country“ zeigte sie 2006 die Folgen des Irakkrieges, indem sie den Alltag eines Arztes aus Bagdad aufnahm, der bei den ersten freien Wahlen für eine islamistische Partei kandidierte. In „The Oath“ von 2010 sieht man das neue Leben von Osama bin Ladens früherem Leibwächter Abu Jandal als Taxifahrer.

„Citizenfour“ kann man in drei Dimensionen auslegen. Als erstes liefert die Dokumentation sehr viele Informationen darüber, wie die Geheimdienste bei dem Ausspionieren  der Bürgern vorgehen. Edward Snowden erklärt detailliert, welche Institutionen, Programme und Techniken dafür zuständig sind. Das Thema der globalen Überwachung wird von verschiedenen Aspekten her – politischen, rechtlichen, ethischen – behandelt. Vieles davon ist uns nach den zahlreichen weltweiten Veröffentlichungen und Debatten bekannt. Und doch entsetzt erneut so eine umfangreiche, vom Snowden persönlich präsentierte Überwachungssystematik  mit ihrer ungeheuerlichen Reichweite. Die Fakten prasseln auf uns im gnadenlosen Tempo und wecken das Gefühl der Ohnmacht. “Sie sind in der Lage, 1000 Milliarden Anfragen pro Sekunde zu verarbeiten,”- nur ein Beispiel aus dem NSA-Megacomputer-Keller (US-Snoop-System).

Alles, was wir schon von Spielfilmen wie „The Conversation“ (1974, Francis Ford Coppola), „Enemy of the State“(1998, Tony Scott), „Minority Report“ (2002, Steven Spielberg) oder „Das Leben der Anderen“ (2006, Florian Henckel von Donnersmarck) kannten, verliert auf einmal fiktionale Züge. Die Realität wird spannender als die Fiktion („Citizenfour“ wird oft als Doku-Thriller bezeichnet).  Doch im Gegensatz zu den Spielfilmen wird seinen Helden keine Gerechtigkeit widerfahren. Snowden bleibt nach wir vor der Staatsfeind Nr.4. „No Place to Hide“ vom Glenn Greenwald wäre das Buch, aus dem vielleicht bald ein weiterer Film über die Ereignisse der NSA-Affäre erstehen könnte. Sony prüft die Optionen (Time, 26.10.14)…

Doch besonders gelungen ist der Film auf der emotionalen Ebene, da wir den Menschen Ed Snowden in den entscheidenden Augenblicken seines Lebens zu Gesicht bekommen. Laura Poitras wurde oft gefragt, wie sie selbst ihren Film sieht – als eine politische Reportage oder eher als persönliches Drama. Ihre Antwort war stets: a human drama. Es sind die privaten Begegnungen, die die weltpolitische Bühne schon fast in den Schatten stellen. Zum ersten Mal sehen wir Glenn Greenwald  am Laptop in einer absolut entspannten Umgebung in Brasilien – auf einer mit exotischen Pflanzen bewucherten Terrasse mit riesigen friedlich vor sich hin schlummernden Hunden. Snowden beobachten wir durch den aufmerksamen wie auch wohlwollenden Kamerablick fast ausschließlich in einem Hotelzimmer in Hong Kong, wie er ganz nah und privat im Bademantel auf dem Bett oder im Badezimmer seine Mission vollendet.

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Zwischen den drei Hauptprotagonisten Snowden, Greenwald und Poitras spürt man eine so bedingungslose Vertrautheit, dass man sich beinahe selber wünscht, derartig reine und intensive Kommunikationsfreude zu erleben – mit eigentlich fremden Menschen, die wie ein Monolith von einem Ideal zusammengeschweisst sind. Oft blickt Snowden fragend, nach Bestätigung suchend, erleichtert oder besorgt in die Kamera zu Poitras… Das sind sehr innige Augenblicke, die Befürchtungen und Hoffnungen beinhalten: Wie wird es sein? Wird es so sein, wie es sein sollte?!

Es ist definitiv so geworden wie es sein sollte. Snowden kommt sehr sympathisch rüber:  attraktiv, intelligent, kompetent, bescheiden, trotz enormem Druck ruhig und ausgeglichen, ein junger Amerikaner mit geheimem Wissen im Gepäck, mit Humor, klarem Verstand, Prinzipien und starkem Willen, seiner Geschichte, nicht sich selbst („I’m not the story“ ist zum Leitmotiv des Citizen Four geworden) Gehör zu verschaffen. In Ian McEwans Roman „Sweet Tooth“ (2012) über die MI6 Praktiken aus den 60er Jahren schwärmt die junge Spionin Serena von einem Typus Mann – klug, erfindungsreich, zerstörerisch, zielstrebig, der für sie wie auch für die Menschheit „unentbehrlich“ ist: „Ohne sie würden wir immer noch in Lehmhütten hausen und auf die Erfindung des Rades warten. Die Dreifelderwirtschaft wäre niemals eingeführt worden….“ Snowden, auch Greenwald sind die aktuellen Versionen dieser Gattung. Helden von heute müssen nicht das Rad neu erfinden. Nicht die Erfindungen sind gefragt, sondern die Werte, die dahinter stehen oder abwesend sind. Wie man sie identifiziert, anzweifelt und unter Einsatz eigener Freiheit in die Welt hinausträgt ist ein beachtlicher Entwurf des modernen Heldentums.

Auch künstlerisch bietet der Film besondere Momente. Gleich am Anfang hören wir eine leicht wehmütige Frauenstimme, welche die E-Mails von Citizen Four vorliest, vereinzelnd begleitet vom klackenden Tastaturgeräusch. Wie die Geschichte selbst, werden auch die alles in Gang setzenden E-Mails erneut auf der Leinwand entstehen. Mit der schmalen Kameraöffnung werden die aufeinander folgenden Lichtstriche wie Morse-Codes in einem Tunnel aufgenommen.  So fängt auch „Lost Highway“ (1996, David Lynch) an. Wir können uns sofort auf eine ominöse Stimmung einstellen, die uns bis zum Schluss begleiten wird. Eine überdimensionale Baustelle, die Poitras über längere Zeit hinweg filmt,  verströmt eine flimmernde Hitze,  welche nahezu auf der Haut zu spüren ist… Das weisse Hotelzimmer 1014 befindet sich auf einmal für acht Tage im Juni 2013 mitten im Film- und Geschichtsuniversum und strahlt fast schon eine buddhistische Ruhe aus. Die Nachrichtenströme am TV-Bildschirm, die ununterbrochen ihre Feedbacks abgeben, versuchen die zwischenmenschliche Harmonie zu durchbrechen… Alles an dieser Dokumentation ist gut durchdacht und eindrucksvoll ausgeführt.

Conklusion: „Citizenfour“ ist ein beeindruckendes Dokument unserer Zeit, das auch auf der persönlichen und künstlerischen Ebene absolut überzeugt.  Es zeigt souverän und konsequent, wie die grösste Demokratie der Welt auf das Nötigste reduziert wird. Was der Film zu bewirken vermag, wären Denkanstösse an die Mitbürger, die ihre Privatsphäre leichtsinnig auf den sozialen Netzwerken hinausposaunen, ihre Netzvorlieben großspurig den omnipräsenten US-Geheimdiensten zur Verfügung stellen… Und die Nachfolgertaten. „Citizenfour“ lässt auf eine Fortsetzung spekulieren. Doch es wird nicht zwingend ein „Citizenfive“ geben.  Es stellt sich nur die Frage: wie würde wohl unsere Welt aussehen, wenn ein Dutzend, vielleicht auch ein hundert Bürger mehr ihre Jobs hinterfragen würden?

Prescription for: predominant majority of citizen who believe and argue: Yes, but it won’t happen to me, and, anyway, I have nothing to hide.

Citizenfour, USA, Germany 2014, 114 Min., Directed by Laura Poitras. With Edward Snowden, Glenn Greenwald, William Binney, Jacob Appelbaum, Julian Assange.

Kinostart: 19.02.2015 (Deutschschweiz)