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When Modern Art meets Cinema – Under the Skin

Wenn in nicht allzu ferner Zukunft die emanzipatorische Mission der Frauen ihr Ziel erfüllt hat und das Kräfteverhältnis zwischen Mann und Frau endlich in die naturgemäss korrekte Position gerückt ist, sprich die Männer ohne explizite Bewilligung ihrer Frauen die Häuser nicht mehr verlassen dürfen und sich das demokratische Wahlrecht nur noch auf das aufgeklärte weibliche Geschlecht beschränkt (auch Autofahren dürfen Männer nur noch an speziellen „Men-Fun-days“ ), könnte dem neuen Film von Jonathan Glazer „Under the Skin „ retrospektiv die prophezeiische Rolle zugesprochen werden, als erstes öffentliche Medium auf eine revolutionär unvermittelte Art den bevorstehenden gesellschaftlichen Wendepunkt der jahrhundertelang festgefahrenen Genderkonstellation aufgezeigt und gleichzeitig  – in einem gewissen Sinne – auch plausibilisiert zu haben.

Solche Gedanken schiessen einem beim Betrachten dieses Filmes spätestens dann durch den Kopf, wenn das von Scarlett Johansson verkörperte Alien scharenweise Männer nach kurzer Anrede in eine abgelegene verfügbare Unterkunft lockt und sie dort wie hypnotisierte ferngesteuerte Spielpuppen mit aufgerichtetem Marschkörper in eine schwarze, klebrige, undefinierbare Masse waten lässt, hinein in die eigene Selbstauflösung, in den sicheren Tod. Gefangen in ihrer biologischen Triebhaftigkeit, den Blick starr und geil auf das sich enthüllende Alienweibchen gerichtet, unfähig zur Erfassung weiterer Informationen. Stehengeblieben im Primatenstatut. Mann halt.

Dabei ist die naheliegende Thematik in diesem Film eine andere: Das erwähnte Alien fährt in einem weissen Van durch Schottland und gabelt wahllos Männer auf, welche dann das oben erwähnte Schicksal erleiden. Aber ihre Mission, so scheint es, ist nicht von bösartiger Natur, sondern mehr das Erkunden des Menschen oder des Menschseins aus der Sicht einer Ausserirdischen. Gefolgt wird sie von einem „Aufpasser“ auf einem Motorrad, welcher sicherzustellen scheint, dass sie ihre Aufgabe als Köder effizient und unbehindert ausführen kann. Dies klappt solange gut, bis das Alien selber emotionale Regungen anfängt zu verspüren und sich auch eine Form der Empathie mit ihren menschlichen Gegenübern einschleicht. Als sie ein schon sicheres Opfer aus Mitleid laufen lässt, wird aus der Jägerin plötzlich eine Gejagte…

Jonathan Glazer, nach seinem Regiedebut „Sexy Beast“ (2000) mit Ben Kinsley und „Birth“ (2004) mit Nicole Kidman als Regie-Shooting Star gefeiert, benötigte 9 Jahre um diesen Streifen zu realisieren. Einige davon alleine um sich selbst und Scarlett Johansson davon zu überzeugen, dass dies ein lohnenswertes Wagnis sein könnte. Was sicherlich gesagt werden kann ist, dass sich Scarlett Johansson mit der Zusage zu dieser Rolle einmal mehr von den meisten ihren derzeitigen weiblichen Shootings-Star-Kolleginnen  absetzt und selten gesehener Mut zur Radikalität auf der Leinwand zeigt. Und dies wahrhaftig überzeugend.

Gedreht wurde der Film u.a. mit Laiendarsteller und an öffentlichen Plätzen in Glasgow (teilweise ohne Drehgenehmigung). Im Einsatz waren auch versteckte Handkameras, zum Beispiel in den Szenen, in denen Scarlett Johansson aus dem Van hinaus völlig ahnungslose männliche Protagonisten nach dem Weg frägt und sie so in ein Gespräch verwickelt, oder auch wenn sie – und dies scheinbar völlig unerkannt – durch irgendwelche Shopping-Hallen wandelt oder vollgedrängte Discos besucht. Dieser rohe Authentizismus verleiht dem Film eine zeitweilen fast dokumentarische Note, welche dann aber wieder durch die experimentell und kunstvoll arrangierten Aufnahmen der vom „Alien“ wahrgenommen Sicht auf die Welt gebrochen wird.  Unterlegt ist dies alles mit der gespenstisch fremdartigen Klangwelt von Mica Levi, welche die Verwirrung, Orientierungslosigkeit und schlussendlich auch Einsamkeit des Aliens noch mehr hinausstreicht. Formal betrachtet würde es einen nicht verwundern, wenn „Under the Skin“ in ein paar Jahren als fixen Bestandteil im Repertoire des MoMa (Museum of Modern Art) oder an der Art Basel als permanente Video-Installation gezeigt werden würde.

„Under the Skin“ wurde an den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2014 präsentiert und erhielt neben zahlreichen Buhrufen und anfänglich hauptsächlich vernichtenden Kritiken, mit der Zeit immer mehr auch gegenteilige Resonanzen, welche das Werk als eines der grossen möglichen Meilensteine in der Kinogeschichte bezeichneten und sehr häufig wurde auch auf die – offensichtliche – Verwandtschaft mit  den Werken von Stanley Kubrick verwiesen. Die „Chicago Sun-Times“ nannte den Film als ein Werk, das in unsere Psyche eindringt und für immer dort bleiben werde und die „NZZ am Sonntag“  klassifizierte ihn, als den visionärsten Sci-Fi Film seit Kubricks „2001 Odyssee im Weltraum“. Ansonsten sind die Begriffe „verstörend, faszinierend, schockierend, erschütternd und rätselhaft“ die bevorzugten Adjektive bei den Rezensionen dieses Streifens.

Sicher ist, wer mit moderner Kunst im herkömmlichen Sinne nichts anzufangen weiss, wird auch hier keine lustvolle Zeit erleben. Wirklich nur für progressive Cineasten geeignet.

Konklusion: „Under the skin“ ist ein Versuch der Kern des Menschseins zu erfassen. Fast ohne Dialog, experimentell in der Form, radikal in der Umsetzung, aber nicht zuletzt tief berührend und zärtlich in der Aussage. Eine Ode an die Menschlichkeit. Wenn man sich darauf einlässt.

Prescription: alienation, loneliness, uptightness, intolerance, force to see Scarlett Johansson nude, anxiety for extraterrestrials, loss of humanity, modern art Lovers

http://undertheskinmovie.com/