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It’s time, everybody is ready to feel better…not! The Leftovers oder das “Sad Film Paradoxon”

„Ich sehe traurige Filme dann gerne, wenn sie tragisch gut gemacht sind. […] Wenn man die Tiefen nicht hat, kann man die Höhen nicht beurteilen, und wenn man nicht weiß, was traurig bedeutet. Er [der Film] lässt mich an andere Menschen erinnern z. B., und das sensibilisiert mich dann eben […].“
(Rezipient trauriger Filme / Interviewperson, männlich, 30 Jahre alt)

Diese Aussage steht einleitend in einer 2007 veröffentlichten Diplomarbeit für das Fach Psychologie an der Universität Köln zu dem Thema „Selektionsmotive für traurige Filme und Analyse der spezifischen Rezeptionsmodalitäten. Untertitel: Eine qualitative Untersuchung zum Sad Film Paradoxon im Rahmen der Unterhaltungsrezeption“. Keine Bange, ich will jetzt niemanden mit langwierig psychologischen Abhandlungen über die Faszination von traurigen Filmen langweilen, möchte aber trotzdem auf das Phänomen hinweisen, dass es unter uns Zeitgenossen gibt, die sich an dem Elend, Leid, Unvermögen und letztendlich am Scheitern ihrer Mitmenschen nicht nur unterhalten, nein teilweise sogar daran wortwörtlich laben, erquicken und ergötzen. Seelen-Vampire. Wer mehr über diese düstere gesellschaftliche Entwicklung in Erfahrungen bringen möchte, sei explizit auf die oben stehende Diplomarbeit verwiesen, wobei der in der Einleitung zitierte Rezipient mit seiner Aussage sicherlich nicht sehr weit entfernt von den zugrundeliegenden Beweggründen und Motiven der „Betroffenen“ liegt. Deshalb erlaube ich mir an dieser Stelle den theoretischen Bereich zu verlassen, nicht ohne aber ergänzend anzumerken und letztendlich einzugestehen, dass der Schreibende selber schon länger auch von diesem schauerlichen Symptom betroffen ist und sich ebenfalls zu der Gruppe der „Leid-Watchers“ zählen muss…ja, ja, es ist schon traurig und phasenweise auch schockierend…yeahhhh!

Für diejenigen also, die sich jetzt in der Anonymität des Lesers persönliche Eingeständnisse machen müssen, derzeit aber noch hemmungslos diese Neigung ausleben möchten, muss die jetzt im deutschsprachigen Raum auf Blue Ray/DVD erschienen HBO Serie „The Leftovers“ zwingend empfohlen werden, den das seelische Leid und die Qualen der menschlichen Existenz wird dort über rund 550 Min. in allen nur möglichen Variationen zelebriert und dies – ganz nach dem Gusto des in der Einleitung zitierten Rezipient – tragisch gut gemacht. Oder nach den Worten von Matt Fowler (IGN Movies) „It’s a good pain“.

Als Grundlage dient das Neue Testament (Lukasevangelium) der Bibel, auf dem die sogenannte Lehre des Dispensationalismus aufbaut und im Groben die Prophezeiung der sogenannten Entrückung beinhaltet, worin sämtliche Christen urplötzlich von einem auf den anderen Moment von dieser Erde verschwinden, von Gott „heimgeholt“ werden. Zurückbleiben werden nur die Ungläubigen, die eine längere unangenehme Phase vor sich haben, voller Trübsal, Angst und Schmerz, in welcher der Teufel höchstpersönlich die Regentschaft übernehmen wird, bis dann Jesu Christi auf die Erde zurückkehrt um seine 1000-jährige Herrschaft anzutreten.

So beginnt die Erzählung, welche in Mapleton N.Y spielt, drei Jahre nachdem zwei Prozent der Weltbevölkerung oder 140 Mio. Menschen „verschwunden“ sind (darunter der Papst, Jennifer Lopez und Gary Busey…) und die „Leftovers“ irgendwie versuchen, das Geschehene, den Verlust der Liebsten, einzuordnen und in den Alltag zurückzufinden. Im Mittelpunkt steht der Polizeivorsteher Kevin Garvey, Jr., passend besetzt mit Justin Theroux, dessen Frau zwar nicht entrückt worden ist, er aber anderweitig „verloren“ hat und zwar an eine Sekte namens die „The Guilty Remnant“ (Die schulden Uebrigbleibsel…oder so), welche im Stadtbild von Mapleton in Form von kettenrauchenden, weiss gekleideten Mitglieder omnipräsent ist und als Mission quasi die Verhinderung des Vergessens an das schicksalhafte Ereignis haben und jegliche Form einer zukunftsgerichteten lebensbejahenden Perspektive nicht nur ablehnen, sondern auch dementsprechende Anstrengungen ihrer Mitbürger aktiv sabotieren, was ihr eigenes Dasein nicht ganz ungefährlich gestaltet. Kevin Garvey lebt somit alleine mit seiner pubertierenden Tochter, welche ihrerseits in einer passiv-aggressiv-depressiven Selbstfindungsphase steckt, während er verzweifelt versucht, nicht nur die Sicherheit der Stadt und seiner Bürger zu gewährleisten, sondern vor allem die Kontrolle über seine psychische Verfassung oder – konkreter – über seinen Verstand zu bewahren, was aber rein genetisch ein fast schon hoffnungsloses Unterfangen ist, da er eigentlich nur Polizeichef ist, da sein Vorgänger wegen hochgradiger Schizophrenie in die Klapse eingeliefert werden musste und dieser leider sein eigener Vater (Scott Glen) ist. Zudem verheissen seine nächtlichen Ausflüge, bei denen er schlafwandelnd die Hunde in seiner Nachbarschaft verschiesst, nichts Gutes, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass er bei diesem Unterfangen auch von einem imaginären Freund begleitet wird, der ihn diesbezüglich unterstützt, da es sich bei diesen streunenden Tieren eigentlich um bösartige „Zombiehunde“ handeln soll. Unterdessen sein Sohn den Kontakt zur „Familie“ ganz abgebrochen hat, da er – vom College abgehauen und eigentlich schwul – seine Zeit in der Wüste als Helfer eines schwarzen Heilsbringers verbringt, der für viel Geld magische „Umarmungen“ anbietet, die den Menschen Trost spenden und ihren stechenden Lebensschmerz zum Verschwinden bringen soll. Nebenbei beutet er noch minderjährige Mädchen sexuell aus.

Dass die doch sehr unerbauliche Szenerie immer wieder mal mit surreal-irrwitzigen Einlagen aufwartet, ist nur dem Effekt geschuldet, dass die darauf folgenden Szenen noch trauriger, noch dramatischer, noch schonungsloser „einkicken” können. Ein Konzept, das Damon Lindelof (Lost) zusammen mit Tom Perrota, auf dessem gleichnamigen Roman von 2011 die Serie basiert, konsequent durchzieht. Diesbezüglich darf auch wieder mal der Einfluss von David Lynch erwähnt werden, da – jetzt mal abgesehen von Justin Theroux, welcher ja sein Durchbruch in Lynch’s „Mullholland Drive“ erzielte – immer wieder Gestalten aus dem Lynchen’ Universe ganz nebenbei auf der grossen Trauerkulisse durchs Bild huschen (der Riese aus „Twin Peaks“, der schreiende Wohnwagenfahrer aus „Fire Walk with me“) und auch Mapleton, ein verschlafenes ur-amerikanisches Kleinstädtchen mit den seltsam wütenden Hirsche, die nächtens aus unerfindlichen Gründen die Wohnungen der Einwohnung verwüsten, den Rehen, die unmittelbar plötzlich irgendwo auf der Strasse oder in irgendwelchen Gärten stehen, verdächtig stark an Twin Peaks & Co erinnern. Ein absolut tragendes Element hierbei ist der Soundtrack von Max Richter („Waltz with Bashir”, „Perfect Sense“), der jüngst mit dem Europäischen Filmpreis für die beste Filmmusik zu „The „Duke of Burgundy“ ausgezeichnet worden ist und für „The Leftovers“ so minimalistische, wie effektive Melodien komponiert hat, die vor einer solchen Trauer triefen, dass die stillen Momente automatisch benutzt werden müssen um einfach mal krampffrei durchatmen zu können. Selbstverständlich ist das Sounddesign mit fein abgestimmten Popstücken von u.a. James Blake, Crowded House, Simon &Garfunkel, Rihanna etc. zusätzlich veredelt.

Und bei der Darstellerriege gibt es schlichtweg keine Schwachstelle. Neben Theroux brechen Liv Tyler („Armageddon“, „Stealing Beauty“), Amy Brenneman („Heat“), Carrie Coon („Gone Girl“), Christopher Eccleston („Dr. Who“, „The Others”), Sarah Margarte Qualley („Palo Alto“), geschlossen aus ihren darstellerischen Komfortzonen aus.

Die mediale Resonanz war selbstverständlich mehr als nur gemischt, von einhelliger Lobhudelei wie es für Serien wie „House of Cards“, „Game of Thrones“ etc. gibt, kann hier nicht die Rede sein. Zuviel Depro ist ja auch zum guten Glück nach wie vor kein Mainstream. Stimmen wie die vom New York Magazin (“The Leftovers is all bleakness all the time, at the bottom of the first page of my notes, “sloppy handheld camerawork” is crossed out. Beneath it is “overwhelming pain.” Even animals feel the loss“) oder The New Republic („Emotional Violence“) unterstreichen dies exemplarisch. Vielleicht am prägnantesten beschrieb die Wirkung dieser Sad-Show Alan Sepinwall von Hit Fix „Many will hate it. But there will be viewers in whom it strikes a chord so deeply that they will feel themselves overwhelmed by it in the best possible way: not like they’re drowning in the misery, but like it’s teaching them a new way to breathe“ oder Karoline Meta Beisel von der Süddeutschen, welche The Leftovers als „eine einzige lange Therapiesitzung“, in der es „um Trauer, machtlosen Zorn und Wunden ohne Heilungschancen“ gehe, beschrieb.

Um es kurz zu machen. Wenn sogar die Tiere leiden und die Trauer und Verzweiflung an emotionaler Gewalt grenzt, so, dass wir sogar unser Atmen neu erlernen müssen, aber trotzdem ungeduldig den nächsten kathartischen Anfall kaum erwarten können, kann man das, was Damen Lindelof & Tom Perrota hier kreiert haben, eigentlich nur mit einem Wort passend beschreiben. Kult. The Sheep applaudiert. Voller süsser, bizarrer Trauer.

The Leftovers, US 2014, 558 Min,, Created by Damon Lindelof and Tom Perrotta with Justin Theroux, Christopher Eccleston, Liv Tyler, Amy Brenneman, Carrie Coon, Margaret Qualley, Scott Gleen 

A little ode to one of the piu grande film di tutti I tempi out of the shadow of Nassau – La Grande Bellezza

From the onset of this movie – one is literally taken by the hand on a journey to a place a select few have experienced and the rest only wish to be on.

The Great Beauty,” a terrestrial of knife-throwers and dwarves and epic parties and crumbling majesty. The deliriously multifaceted Jep, channels us through the chronicles of a 65-year-old luminary journalist, a man of haberdashery, a tantalizing womanizer who wrote an aspiring first novel 40 years ago and has consumed his evenings since then at nightclubs, art galleries, theaters, readings and too many all-night parties to count. Jeb didn’t just want to become part of Roman society, he recounts, he wanted to be its king; he didn’t want to be invited to the best parties, he wanted the power to ruin them. Now, speaking as a Poor Man’s version of James Bond, even in the substitute social cosmos of Roma the foundation of Jep’s prosperity and unaltered freedom would be an enigma for even 007 himself to unravel. Jeb sold his soul for an awe-inspiring penthouse apartment overlooking the Coliseum, an impeccably tailored designer wardrobe and a rotating cast of lovers that would tempt the devil himself for a similar deal. Jep had a life many other people would kill for, yet he’s burned out on it completely, and long ago lost track of the distinction between pleasure and boredom. “We’re all on the brink of despair. All we can do is look each other in the face, keep each other company, and joke a little. Don’t you agree?”

There’s an exhilarating sadness to it all that amounts to cinematic poetry and brilliance!

By INCOGNITO 2 SEE

The Facets of Revenge – Wild Tales

 

To be, or not to be, that is the question:
Whether ’tis nobler in the mind to suffer
The slings and arrows of outrageous fortune,
Or to take arms against a sea of troubles,
And by opposing, end them? To die: to sleep…

Wohl eine der bekanntesten Aussagen des Welttheaters, welche einen Monolog Hamlets einleitet, ist der Höhepunkt im Ringen des dänischen Prinzen mit sich selbst: soll er das Leid und Unrecht dieser Welt ertragen oder den Wiederstand leisten… Zur Tatkraft der Rache will er nicht gedankenlos übergehen, ihn plagen die Zweifel…

Rache… Die Rache ist süss und allgegenwärtig. Keinem sind Rachegelüste fremd. Sie erinnert uns an unsere heidnische Vergangenheit und spaltet die Geister in theologischen und rechtswissenschaftlichen Disputen. Rache hat immer etwas Unverhältnismäßiges und funktioniert wie die Vergeltung im Sinne des antiken les talionis („Auge um Auge“). Schließlich führt dieses Prinzip zur Guillotine, zur Lynchjustiz und zur Todesstrafe, welche die Vollstreckung des Urteils zum Sühneopfer macht.  Doch trotz all der Niederträchtigkeit kann die Rache als etwas Positives angesehen werden, z.B. als Treibkraft des Schöpfertums. Sie kann zerstörend und fatal, aber auch kreativ und befreiend sein. Rachegelüste treiben Menschen oft zu Hochleistungen an, schärfen ihren Gerechtigkeitssinn und bewirken tief greifende gesellschaftliche Wandlungen.

In der Filmgeschichte ist die Rache, welche um der Gerechtigkeit willen vollzogen werden muss, ist fast schon ein sakrales Motiv. Eine ganze Reihe von Genres (Western, Gangsterfilm, Kriminalfilm, Actionfilm) bedienen sich seit Jahrzehnten der Dramaturgie der Vergeltung. Dieses Thema ist auch ein roter Faden in den Werken vom Grossmeister des Rachefeldzugs Quentin Tarantino. Seine Filme (Pulp Fiction, Kill Bill, Inglourious Basterds, Django Unchained) sind die fulminantesten Rache-Streifen der Filmgeschichte. Das Böse wird ausgerottet, das Gefühl der Genugtuung wird glorifiziert.. Einem neuen Anfang steht nichts mehr im Wege… Die Welt  wird zu einem besseren Ort, wenn die Helden, die verstandesmässig dem Grafen von Monte Christo ebenbürtig sind, ihren Job erledigen… Jeder versteht diese einfache Logik und den deterministischen Zwang, ihr zu folgen.

Auf die ähnliche  Art und Weise, mit der gleichen Dreistigkeit, unverschämten Provokation, mit dem gleichen Tempo, Mut  und bitterbösen Humor erzählt der argentinische Regisseur Damiàn Szifron seine sechs Rachegeschichten im von den Brüdern Almodovar produzierten Film „Wild Tales“ (Originaltitel – Relatos salvajes).  Schon jetzt wird er als der beste argentinische Film aller Zeiten bezeichnet, hat vor kurzem grosse Erfolge (auch kommerzielle) in Amerika und Europa gefeiert (Goldene Palme-, Golden Globe-, Oskar-Nominierungen).

1. Pasternak: Rache als kategorischer Imperativ

Die Rache in der ersten Geschichte ist nicht spontan. Gabriel, ein gescheiterter Musiker, hat alle, die ihm je im Leben übel mitgespielt haben, in einem Flieger versammelt, an dessen  Steuerknüppel er selbst gerade sitzt. Die erste Szene gibt den Ton an und führt uns unsanft, aber gewieft in das thematische Schatzkiste des Episodenfilms ein.

2. Die Ratten: Rache als Mittel zum Zweck

Die zweite Episode ist die Einzige, wo die Frauen an einem Rachecoup tüfteln.  In einem Restaurantgast erkennt die Kellnerin Moza(Julieta Zylbergberg) den Kredithai (Cesar Bordon), der ihren Vater in den Selbstmord getrieben hat. Die ruppige Köchin (Rita Cortese) hat sofort einen Tipp parat, wie sie es dem Übeltäter heim zahlen können – Rattengift!  Ihre Entschlossenheit begründet die mollige Frau mit einem Exkurs in die Vergangenheit als sie noch eine zufriedene Knastinsassin war, für sich selbst nicht sorgen musste und das vergnügliche Kartenspiel in einer Damenrunde geniessen konnte. Nun wittert sie die Chance auf einen erneuerten Gefängnisaufenthalt und übernimmt die Regie in dieser Vergeltungsepisode.

3. Strasse zur Hölle: Jenseits von Gut und Böse

Auf einer einsamen Landstrasse in einem schicken Wagen geniesst ein entspannter Mann (Leonardo Sbaraglia) seine Fahrt. Der elegante Anfang dieser Geschichte könnte als Audi-Werbespot durchgehen. Doch in wenigen Kilometern macht ihm ein anderer Autofahrer  (Walter Donado) auf einer vollbeladenen Schrottkarre die Fahrbahn streitig und versucht sein Überholungsmanöver auszubremsen. Der Audi-Fahrer schafft es dann doch, den bockigen Spinner zu passieren – gewiss nicht ohne eine Fluchtirade auszulassen und den obligatorischen Stinkefinger zu zeigen. Eine durchaus verbreitete Form der Kommunikation auf der Strasse, wo die Mobilität, Anonymität und  Schutzhülle des eigenen Autos eine gewisse Gesetzlosigkeit vortäuschen.

Nun, wie im Leben, passieren auch auf der Strasse Pannen. Der Reifen platzt, der Audi bleibt stehen, in der Ferne hören wir ein donnerndes Geräusch des klapprigen Autos. Die Vergeltung ist in der Sichtweite. So fängt eine unabdingbare verhängnisvolle Kettenreaktion aus Gewalt und Verbrechen an, die einprägsam das bekannte Sprichwort illustriert: wer auf Rache aus ist, grabe zwei Gräber. Doch endet dieser extreme Fall von „road rage“ mit einem herrlichen Missverständnis. „Verbrechen aus Leidenschaft?!“ – rätseln Ermittlungsbeamten als sie die verkohlten Leichen in einer friedlichen Umarmung vorfinden. Eine grossartige Geschichte mit lehrhaften Anregungen!

4. Bombita: Rache als Wiederstand

Die vierte Episode liegt dem hamletischen Dilemma am nächsten – hinnehmen oder rebellieren? Doch für den Sprengmeister Simon Fischer (Ricardo Darin, der bekannteste argentinische Schauspieler) ist es keine Qual der Wahl. Für ihn scheint es selbstverständlich zu sein, gegen  bürokratische Willkür zu protestieren, anfangs noch zaghaft, sachlich und höflich, zu guter Letzt doch radikal und rücksichtslos.

Auch hier wird die Dramaturgie der Verheerungen an die Spitze getrieben. Ein gemachter Mann, der die monumentalen Gebäudekomplexe in Schutt und Asche legt, wird von einem scheinbar unbedeutenden Zufall aufgehalten – sein Auto wird wegen Falschparken abgeschleppt, er kommt zu spät zum Geburtstag seiner Tochter, was schon ein angespanntes Familienverhältnis erneut auf die Probe stellt… Als ihm am nächsten Tag das gleiche widerfährt, verliert er schnell die Geduld, wird handgreiflich… Im Nachhinein scheitert er im Beruf und in der Familie. Wie bekommt man sein Leben und seinen inneren Friede zurück? Mit einer kleinen feinen Sprengaktion, die tatsächlich einiges bewirkt: Simon wird als Volksheld gefeiert und gewinnt seine Familie wieder.

5. Vorschlag: Rache im handelsrechtlichen Sinne

Die nächtliche Stille eines Ehepaars wird vom aufgewühlten Sohn unterbrochen, der eine schwangere Frau überfahren und eine Fahrerflucht begangen hat. Nun, da der Papa (Oskar Martinez) ziemlich reich und mächtig ist, und alle der Meinung sind, dass dem Sohn die argentinische Haftanstalt erspart werden muss, versucht die Familie einen Ausweg zu finden. Für eine hübsche Summe erklärt sich der Gärtner bereit, den Tat auf sich zu nehmen. Doch der Staatsanwalt  findet die Wahrheit heraus und will auch selbst, genau so wie der Anwalt der Familie, ein Teil am Kuchen haben.

Alle sitzen dem Geschäftsmann am Nacken und erwarten von ihm Schweigegeld. Doch dann dreht er plötzlich den Spiess um und beschliesst, dass alle leer ausgehen sollten und der fahrerflüchtige Sohn sich stellen muss. Auch wenn er nicht genug konsequent bleibt, reduziert er mit diesem Einfall erheblich seine finanziellen Einbüsse. Eine spontane Taktik, die mindestens ihm eine Erleichterung verschafft, wird dann aber doch dem Gärtner zum Verhängnis. Ein Rachemord führt erneut in die Irre.

6. Bis dass der Tod uns scheidet: Rache als Ursache und Wirkung

Auch in der letzten Geschichte geht es um eine spiralförmige Chronik einer Eskalation. Zu sehen ist, was passiert, wenn eine junge temperamentvolle Braut (Erica Rivas) in weissem Kleid, dem Symbol der Reinheit und Unschuld, sich auf den Pfad der Rache begibt als sie instinktiv begreift, dass der Bräutigam (Diego Gentile) eine Geliebte hat.  In der Tat ziemlich viel: zerschlagenes Geschirr, eine ruinierte Torte, ein blutbeflecktes Brautkleid, ein heftiges Wortgefecht zwischen dem Paar und den Familienangehörigen, Sanitäter, die den mehreren Gästen den Blutdruck messen und die schöne Konkurrentin reanimieren müssen… Wilder geht’s nicht mehr!

Doch der richtige Knaller kommt erst zum Schluss als niemand mehr eine Hoffnung auf die Besinnung hatte.  Wie geht man mit einer äusserst peinlichen Angelegenheit um? Lässt man sich selbst und die komplette Hochzeitsgesellschaft mit einer lebenslangen psychischen Trauma zurück? Soll der Racheorkan alles vernichten? Als wir total entsetzt, fast schon beschämt die Flucht oder Mordabsichten des Bräutigams vermuten, greift er tatsächlich erwartungsgemäss zum riesigen Messer. Doch was dann passieren wird, übersteigt alle Erwartungen und beschenkt dem Streifen ein grandioses unvergessliches Finale. Am Ende wird es der Mann sein, der die zerstückelten Welten zusammenflickt und so zum Schöpfer der neuen Zukunftsaussichten wird. Diese frustrierendste und zum Schluss doch verheissungsvollste Hochzeit ist ein vorbildlicher Stoff für die cineastischen Geschichtsbücher.

Conklusion: Oft wird „Wild Tales“ mit der Frage konfrontiert: Ist es eine Reaktion auf die Dauerkrise in Argentinien? Mag sein, dass die südamerikanischen Begebenheiten eine Inspirationsquelle für Damiàn Szifron waren. Doch die subversiv erzählten Geschichten haben eine universelle Sprengkraft. Sie betreffen uns alle:  Männer und Frauen, Eltern und Kindern, Mächtigen und  Erfolglosen, Täter und Opfer, Bürger, Beamte, Autofahrer… So viel Lebenserfahrung und Weisheiten beinhalten nur wenige Filme. Obendrauf werden uns die Lösungen präsentiert. Gewiss nicht unbedingt brauchbare und nachahmungswürdige, aber auf jeden Fall präventive. Dabei löst der Film die ganze Palette von Emotionen aus, fasziniert mit raffinierten Affekten, überrascht mit Wendungen und belohnt mit einer Lawine vom rabenschwarzen Humor. Ein rasanter explosiver Film mit erheblichem Kultpotenzial! Mehr kann man von einem Kinoerlebnis kaum wünschen!

Prescription for: actually all of us

Relatos salvajes (Wild Tales – Jeder dreht mal durch!), Argentinien,  2014, 122 min., directed by Damiàn Szifron, with Ricardo Darin, Erica Rivas, Leonardo Sbaraglia, Dario Grandinetti,Oscar Martinez, Julieta Zyberberg, Rita Cortese, Diego Gentile

The genesis of an everlasting cult classic – or why we are always confusing love for admiration?

“You can come through or not, depending on how dark the cloud is. But I think there’s a time when things that used to satisfy you or you thought were important, you realize are not important. Time is running out, the party lights are blinking, there is no more ice in the bucket. And you begin to realize the party will finish very soon in some way or the other”

An diesem Punkt stand der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu, 51, nicht vor allzu langer Zeit, wie er dem Filmkritiker Elvis Mitchell in einem Interview verriet. An den gleichen Punkt wie auch Michael Jackson, Leo Tolstoy und Raymond Carver –  und wie wahrscheinlich noch einige, die allenfalls einen kleineren Einfluss auf die Kulturgeschichte gehabt haben – gelangten, als sie das Ende ihres 5ten Lebensjahrzehntes erreichten. Jackson und Carver starben, Tolstoy raffte sich nochmals auf und lebte weitere 30 Jahre. Dasselbe hofft man inständig auch für Iñárritu, dessen Verarbeitung seiner Lebenskrise nun in 2 Wochen in die Schweizer Kinos kommt unter dem Titel „Birdman – The Unexpected Virtue of Ignorance“.

Iñárritu, welcher sich mit seinen bisherigen Filmen (Amores Perros, 21 Gramm, Babel und Biutiful) als ungekrönter Meister des tieftraurigen Zelebrierens der unausweichlichen Niederlagen und Verluste des menschlichen Wesens hervorgetan hat – und sicherlich auch den Rekord hält, mit seinen Werken die definitiv wenigsten Lacher in der Filmgeschichte produziert zu haben (nicht umsonst nennt man seine ersten 3 Werke die sogenannte „Death Trilogy“) – hat sich nun entschlossen, das menschliche Drama als Komödie zu inszenieren. Nach dem Motto, jede Tragödie wird irgendwann komisch, wenn man sie nur genug aufbläht.

Als ich – zusammen mit Daniel Schuler (Miteditor TDS) – im letzten Herbst die Schweizer Erstausstrahlung von Birdman anlässlich des 10th Zürich Filmfestival besuchen ging, war die persönliche Erwartungshaltung eher gemischt. Trotz dem Wissen um die Qualität von Iñárritu (Amores Perros & Babel gehören zum meinen All-time Favourits) war es doch irgendwie nahezu unvorstellbar, dass genau dieser Regisseur sich jetzt auf dem Gebiet des Komischen betätigen würde. Man hätte wahrscheinlich ähnliche Vorbehalte, wenn Woody Allen den nächsten James Bond inszenieren würde (oder diesen spielen würde). Als dann der Produzent von Birdman, John Lesher, welcher im Corso 1 ein kurzes Vorwort hielt, sich dahingehend äusserte, dass sie Birdmann im Frühjahr ’14 in nur einem Monat relativ schnell abgespult haben und Iñárritu auch nicht persönlich in Zürich anwesend sein könnte, da er bereits mit Tom Hardy und Leonardo Di Caprio an den Dreharbeiten zu „The Revenant“ war, dachte ich, nun gut, eine Fingerübung so zwischendurch…hoffentlich wenigstens amüsant. Aber es kam anders. Ganz anders.

Es passiert einem sehr selten im Leben als aktiver Cineast, aber nach ca. 10 – 15 Min. Filmdauer schauten Daniel und ich uns kurz an, da wir beide intuitiv spürten, wir sind da Zeuge von etwas Grossem, etwas Neuem, ja fast schon Ungeheuerlichem. Aber in einem höchst unterhaltsamen und vor allem urkomischen Sinn. Seltsamerweise waren wir, neben der allgemein spürbaren und ungläubigen Bewunderung des Gezeigten, –  wenigstens gefühlt – die einzigen, welche sich in der dortigen Vorstellung förmlich krummgelacht haben. Und man stellte nach der Vorstellung unter dem Publikum eine beinahe andächtige Stimmung fest. Schockiert,  fasziniert und belustig zugleich. Unzählige Menschentrauben standen vor dem Corso, murmelten aufgeregt über das Gesehene. Der Versuch einer Einordnung eines an sich tragischen schockierenden Dramas. Welches zur Komödie aufgebläht wurde.

Michael Keaton, ja genau der, welcher mal in den 80-iger Jahren den Batman verkörpert hat, spielt hier Riggan Thomson, welcher vor 20 Jahren ein internationaler Superstar geworden ist, durch seine Verkörperung des Comichelden Birdman, aber nach 2 Fortsetzungen mehr Anerkennung suchte, Teil 4 ausschlug, und anschliessend in der Versenkung verschwand. Wie Michael Keaton auch (der aber nur eine Fortsetzung von Batman machte). Jetzt ist Riggan Thomson aber zurück, steckt seine ganzen verbliebenen Ersparnisse in die Inszenierung des Theaterstückes von Raymond Carver (siehe Intro) –  „What We Talk About When We Talk About Love“ –, welches er nicht nur inszeniert, für die Bühne umschreibt, sondern darin auch die Hauptrolle spielt. Und dies auf der renommiertesten Theatermeile der Welt, dem Broadway. Das perfekt inszenierte Comeback. Das Zurückgewinnen von Einfluss, Respekt, Erfolg, Macht, Reichtum, Anerkennung…und Liebe. Selbstverständlich, wie oft, wenn man nicht nur von hehren Zielen getrieben wird, kann man sich nicht vollständig auf die Unterstützung des Schicksals verlassen. Sein unfähiger Nebendarsteller im Stück lässt er kurzerhand mittels einem herunterfallenden Requisit auf der Theaterbühne ausschalten, worauf er mit einer existenzbedrohenden Schadenersatzklage konfrontiert ist, der daraufhin engagierte Nachfolger und vermeintliche Glücksgriff für die Produktion, Mike Shiner (Edward Norton), ein arroganter, selbstverliebter Hollywoodstar, welcher nicht nur auf Anhieb das Drehbuch von Riggan hinterfrägt –  obschon er es einwandfrei auswendig kann, auch die Passagen von Riggan – sondern auch in den Proben auf der Bühne richtiger Gin statt Wasser trinkt, seinen Co-Star (Naomi Watts) zum echten Sex auf der Bühne zu animieren versucht (da er es nur noch dort kann), sondern sich auch der Tochter von Riggan, welcher dieser – frisch aus der Reha – als Produktionsassistentin eingestellt hat, annähert. Zudem kündigt ihm die allmächtige New Yorker Theaterkritikerin der New York Times an, dass sie das Stück so oder so in Stücke zerreissen wird, da sie die arroganten Hollywood Typen, welche sich am Broadway profilieren wollen, grundsätzlich als unfähig betrachtet und überhaupt abgrundtief verachtet. Abgerundet wird das Szenario von Birdman selber, Riggan’s dazumalige Superhero-Rolle, welcher ihn niemals wirklich losgelassen hat und neuerdings als seine innere Stimme, Ratgeber und Mahner eine immer dominanter Rolle – wenigstens in seinem Kopf – einnimmt und ihm die Aussichtlosigkeit seines ambitionierten Unternehmens vor Augen führt und ihm anstelle die unzähligen Vorzüge einer möglichen Rückkehr zu einer weiteren Fortsetzung von Birdman unablässig eintrichtert…und es sind noch 3 Tage bis zur Premiere…

“I want to do a film about the theater, in one shot.” Dies war die Grundprämisse von Iñárritu als er die Idee zu diesem Film hatte und er setzte dies – auch nach dringendem Abraten von seinen Produzenten, Mitautoren und auch Kameramann – konsequent um. Ausser der Anfangsszene und dem Schluss, hat man das Gefühl, dass alles in einem flüssigen Shot ohne Unterbruch gedreht worden ist. Hintergrund war die Erkenntnis, welche Iñárritu durch endlose Diskussionen mit seinem Cutter Walter Murch gewonnen hat, dass wir eigentlich unser Leben,  wie einen andauernden Steadicam shot wahrnehmen. „From the time we open our eyes in the morning, we are navigating our lives without editing”. Und genau so soll es sich auch anfühlen.

In dem engräumigen Broadway-Theaterhaus, wo der Film zum grössten Teil spielt, folgt man Riggan, wie er gehetzt durch die Gänge schreitet, hie und da Wortfetzen seinen Schauspielern, Tochter (Emma Stones), Manager (Zach Galifianakis) hinschmeisst, weiterstresst zu den Proben, diese ungeduldig, genervt und manisch absolviert, dann zurückeilt in seine Umziehkabine, dort in die schizophrenen Wortgefechte mit seiner inneren Stimme – also Birdman – involviert wird (wenn er nicht gerade meint, dass die übernatürlichen Kräfte von Birdman auf ihn übergegangen sind und er im Yogasitz im Raum schwebt), die oftmals in der Demolierung des ganzen Mobiliars münden, dann wieder zurück auf den Gang, eilend zu seinem Manager…Unterlegt ist dies alles mit einem ebenso manisch gehetzten, vibrierenden Percusion Jazz von Antonio Sanchez, welcher man plötzlich – ganz nebenbei – hinter seinem Schlagzeug in einer Nische in einem der endlos scheinenden Gänge des Theaterhauses spielen sieht – natürlich den gerade in der Szene benutzten Soundtrack . Man ist Riggan immer auf den Fersen, eigentlich wird man zu Riggan und ist inmitten dieses puren Wahnsinns der Broadway Theaterszene. Natürlich nicht ohne im ständigen Meta-Dialog mit der aktuellen Superheldenmanie im Kino zu stehen, dem Verhältnis von Hollywood zum Theater, dem Selbstverwirklichungs- und Anerkennungswahn der hypersensitiven Kultur-Szene unter dem latent spürbaren Damoklesschwert des Alterungsprozesses, der Endlichkeit der Existenz, der Tatsache, dass die Party bald zu Ende sein wird.

Gemäss dem verantwortliche Kameramann Emmanuel Lubezki (Gravity) ist die ganze Inszenierung des „alles-ist-in-einem-Fluss“ nur eine grosse Illusion, Kameraführung und Bildbearbeitung sind komplett manipuliert, alles ein Trick, der aber in der Kinogeschichte in dieser Form einmalig ist und handwerklich – was Bild, Schnitt und Musik anbelangt, neue Standards setzt. Es sieht alles nach einer improvisierten Spielwiese für durchgeknallte kreative Chaoten Köpfe aus, letztlich wurde aber gar nichts dem Zufall überlassen und ist bis zum letzten Nagel durchperfektioniert. Was die Dreharbeiten extrem schwierig gestaltete. Denn obschon die Drehzeit nur 30 Tage betrug, wurde die ganze Szenengestaltung schon Monate im Voraus in einem leeren Raum choreografiert und akribisch genau geplant. Gemäss Iñárritu war dann der Drehprozess als solcher mit einem Jazzkonzert vergleichbar, da alles im Fluss bleiben und unmittelbar natürlich wirken musste, was aber enorm aufreibend war, da während dem Drehen, jedes Wort, Bewegung und Kamerabild passen musste und die Fehlertoleranz bei null lag, was auch die Darsteller an ihre emotionalen Grenzen trieb.

Was aber letztlich die Leistung aller Schauspieler nur nochmals zusätzlich beflügelte und so für alle Beteiligen (Edward Norton, Naomi Watts, Emma Stones, Zach Galifianakis) ein karrieretechnischer Meilenstein darstellt. Nicht gemessen am Einspielergebnis, sondern – wie im Film verzweifelt gesucht  – gemessen an der künstlerischen Reputation. Eine weitere Vermischung von Film und Realität, da viele der Beteiligten in letzter Zeit genau in diesem Comic-Superhelden Genre zu sehen waren (Norton: Hulk/Emma Stones: Spiderman 2).

Was Michael Keaton hier aber bietet ist pure Magie. Ein Comeback in diesem Ausmass hat es meiner Ansicht nach noch nie gegeben und stellt sogar John Travoltas damalige Rückkehr auf die Leinwand mit Pulp Fiction in den Schatten. Man weiss nicht wirklich, warum dieser Mann in der Versenkung verschwunden ist und auch in seiner Blütezeit, den 80iger, nicht wirklich mit hochkarätigen Produktionen (Beetlejuice?) gepunktet hat. Aber sein Minenspiel, welches innerhalb von Sekunden von purer scheinbarerer Selbstzufriedenheit in manische Aggression, Resignation oder schiere Verzweiflung wechseln und nie, wirklich nie antizipiert werden kann,  ist pure Genialität und trägt massgeblich zur überschiessenden Komik in diesem Film bei. Weil, wie soll wahre Komik entstehen, wenn nicht aus dem wahrlich Unerwarteten?

Für Iñárritu, welcher für diesen Film die Regie für True Detective und Hunger Games ausschlug, ist dieses Werk, wahrscheinlich auch für ihn unerwartet, zum Opus Magnum seines bisherigen Schaffens geworden. Eine Komödie. Sicherlich gehört dieser Mann zu den talentiertesten und feinfühligsten Künstler unserer Zeit, aber wahrscheinlich löste genau seine ganz persönliche Lebenskrise dieses gewisse Etwas aus,  was zu dieser ungeheuerlichen Freilegung von Kreativität beitrug und ihn befähigte, das Timing durgehend so perfekt zu treffen, was Birdman unweigerlich auf Anhieb in den Rang der besten Filme aller Zeiten katapultierte und den Zuschauer effektiv Knockout schlägt. Quasi ein Naturereignis (wer den Film gesehen hat, versteht diesen Nachsatz…)

Zu den besten Freunden Iñárritu‘s gehören die beiden mexikanischen Regisseure Guillermo del Toro (Hellboy & Pans Labyrinth) und Alfonso Cuaron (Great expectations, Gravity), welche sich untereinander in einer schonungslosen offenen Kommunikation mit Rat und Tat bei ihren jeweiligen Filmprojekten zur Seite stehen. So waren die beiden dann auch die ersten, welchen Iñárritu Birdman vorspielte. Was dann passierte schilderte Iñárritu in einem Interview folgendermassen: Guillermo never drinks but after he saw it he said, “I need a fucking drink”. And he got so drunk because he was so shocked and so moved by the film. I had never seen him like that.

Wenn Sie also zur Sorte Leute gehören, die pro Jahr höchstens einmal ins Kino gehen, dann ist die Zeit für Sie schon jetzt im Januar gekommen.

Vorgewarnt sind Sie ja jetzt.

Conclusion: Iñárritu schuf mit seiner Geschichte über einen ehemaligen Hollywoodstar, dessen Karriere sich im freien Fall befindet und sich mit einem Theaterstück am Broadway künstlerisch und finanziell wieder rehabilitieren will, aber durch widrige Umstände und wachsende Selbstzweifel langsam in den Wahnsinn abdriftet, ein Meisterstück von einer solchen kreativen und spielerischen Durchschlagskraft, die einem Faustschlag in die sprichwörtliche Fresse des Publikums gleichkommt. Da aber die Party für uns alle irgendwann langsam zu Ende geht, geniessen wir den Schmerz – amüsiert, fasziniert und irritiert – solange wir noch was fühlen können. Ein Spektakel ohnegleichen. 

Prescription for: sanity, narcissism, parenthood, marriage, creative integrity, artistic legacy, black humour

Listen to: Birdman (Original Motion Picture Soundtrack) by Antonio Sanchez (Artist) – Jazz

Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance), USA 2014, LZ 119 Min., Directed by Alejandro González Iñárritu. With Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone, Naomi Watts

Kinostart: 29.01.2015 (Deutschschweiz)