Category Archives: Best of 2014

The 10 most unmistakable crickets in the dark in 2014 by THE DREAMING SHEEP

Boyhood – Richard Linklater, der cineastische Hohepriester der Darstellung des realen und authentischen Lebens. Eine – bis anhin einmalige – cineastische Langzeitbeobachtung eines Jungen über den Zeitraum von 12 Jahren von seinem sechsten bis 18ten Altersjahr. Sein Aufwachsen und Erwachsenwerden in diversen amerikanischen Vororten in wechselnden Städten zusammen mit seiner Mutter, deren wechselnden – meist alkoholabhängigen – Lebenspartnern, seiner Schwester und seinem von der Mutter getrennt lebenden Vater. Eine Kindheit,  so normal und unspektakulär, dass sich jeder zu einem gewissen Stück darin wiederfinden kann. Und eben, dies nicht mit Effekten oder wechselnden Darsteller inszeniert, sondern wir werden innerhalb von 165 min. Zeuge, wie alle Darsteller inkl. Ethan Hawke und Patricia Arquette 12 Jahre älter werden. Hat nicht ganz die kulturhistorische Relevanz von seinem – vermutlich immer noch nicht abgeschlossenen – Opus Magnum, der „Before-Serie“, ist aber in seiner ganzen Schlichtheit und Wahrhaftigkeit das spektakulärste Werk im 2014.

Boyhood, US 2014,  163 min., from Richard Linklater, with Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke

Le passé – Das Vergangene Der Nachfolger von dem Oscar-Sieger Film „Nader und Simin“ vom iranischen Regisseur Asghar Farhadi  ist ein ungemein feinfühliges, intensives, kluges und schnörkellos inszeniertes Beziehungsdrama, welches – bis fast zum Schluss – auch auf jede musikalische Untermalung verzichtet,  über die Konsequenzen einer Trennung und deren unmittelbare Implikationen auf die Familie, Kinder und die neu eingeschlagenen Beziehungen. Eine Studie über das Akzeptieren von Niederlagen und den eigenen Entscheidungen, wo aber die vergangene Liebe noch jeden Moment wie eine elektrisierende Spannung in jeder Szene schmerzhaft und herzzerreissend zu spüren ist.  Atemberaubendes grosses Schauspiel u.a. mit der wunderschönen Bérénice Bejo (The Artist)

Le passé, F 2013, 130 min., from Asghar Farhadi,  with Tahar Rahim, Bérénice Bejo, Ali Mosaffa 

I Origins – Indi-Film über einen Molekularbiologen und dessen Beziehung zu einem Augenpaar…Atmosphärisch dicht, ungeheuer spannend, visuell berauschend und tief berührend werden hier grosse philosophische Themen um die Widersprüche von Wissenschaft und Religion, Tod und Inkarnation mit einem wahrlich dramatischen Liebesdrama kunstvoll verbunden. Mike Cahill gehört schon jetzt mit seinem 2. Spielfilm nach „Another Earth“ zu einem der vielversprechenden und interessantesten Regisseuren in der gegenwärtigen Filmindustrie. Man wagt es sich kaum vorzustellen, was er für Filme machen würde, wenn er mal mehr als USD 200‘000.– zur Verfügung hätte.

I Origins, US 2014, 116 min., from Mike Cahill, with Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Bergès-Frisbey 

http://thedreamingsheep.com/the-eyes-of-sofi-i-origins/

 

Gone Girl – Beginnend als klassischer Thriller, wo eines Morgens die Ehefrau eines wohlsituierten und gesellschaftlich geachteten Ehepaares verschwindet, entwickelt sich der neue Wurf von David Fincher schleichend immer mehr in Richtung eines Psychogrammes eines sich entfremdenden Ehepaares oder der Sezierung des zwischenmenschlichen Beziehungsschemas ganz grundsätzlich, versetzt mit Ansätzen einer Mediensatire, bis er dann über Fetzen von Horror-Slasher Versatzstücken in einem typisch zynisch-perfiden Fincher-Finale mündet… Hochspannend, perfide, abgedreht, verwegen, smart und stylisch, gepaart mit einem gehörigen Schuss schwarzem Humors. Frisch verheirateten, glücklichen oder gar verlobten Paaren wird dringendst vom Konsum dieses Filmes abgeraten!

Gone Girl, US 2014, 149 Min., from David Fincher, with Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry

http://thedreamingsheep.com/till-death-do-us-part-gone-girl/

Her – Ein Mann in einer nicht allzu fernen Zukunft verliebt sich in die Stimme seines OS-Betriebssystems und geht eine Beziehung mit ihr ein. Was sich höchst bizarr anhört, artet in Mike Jones bisher ernsthaftesten Films in eine zutiefst poetische, zärtliche und hochintelligente Versuchsanordnung über die Liebe in jeglicher Form aus, losgelöst von konventionellen Schranken und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Ein Balanceakt zwischen feiner gesellschaftskritischer Groteske über die Einflüsse der ausufernden technologischen Entwicklungen und melancholischer Liebesgeschichte, gespickt mit schonungslos, tieftraurigen Wahrheiten und wahren lyrischen Schönheiten.

Her, US 2013, 126 min., from Spike Jonze, with Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde, Scarlett Johansson.

http://thedreamingsheep.com/the-moon-song/

Enemy: So könnte es ausschauen, wenn David Lynch mit David Cronenberg zusammen einen Film inszenieren würde.  Der Geschichtsprofessor Adam Bell, welcher an seinem eintönigen Leben leidet, entdeckt eines Tages einen Nebendarsteller in einem Film, der genau so aussieht, wie er selbst  und macht sich auf die Suche nach diesem. Denis Villeneuve‘s (Prisoners) Umsetzung von dem Roman „Der Doppelgänger“ vom Literatur-Nobelpreisträger José Saramago mit Jake Gyllenhaal in einer Doppelrolle ist elektrisierend, hypnotisch, fremdartig, erotisch, hochästhetisch und spannend. Eine (alb-)traumartige Identitätssuche.

Enemy, CAD/Spanien 2013, 90 Min., from Denis Villeneuve, with Jake Gyllenhaal, Melanie Laurent, Sarah Gadon and Isabella Rossellini 

True detective – Anthologie von HBO, welche vordergründig als klassischer Whodunit Thriller à la „Seven“ konzipiert ist, worin 2 Detektive sich im schwülen Louisiana auf die Fersen eines Serienmörders heften, welcher mit okkulten Ritualmorden in Verbindung zu stehen scheint, aber schlussendlich sich mehr als wortgewaltiges Kammerspiel und Psychogramm der 2 grundverschiedenen Strafverfolger und ihrer beidseitig verbundenen Existenzen entpuppt. Eine Reise in die Abgründe der menschlichen Psyche, welche die bisherigen – jüngst schon stark aufgeweichten – Erzählstrukturen der TV Serien Formate komplett aushebelt und einen bis anhin noch nie gesehenen, konsequent nihilistisch-philosophischen Diskurs fernab von sämtlichen gesellschaftlich festgesetzt moralisch-ethischen Werten führt…aber ohne endgültiger Versperrung für die erlösenden Katharsis. Matthew McConaughey zeigt hier nicht nur die Darstellung seines Lebens, sondern spielt sich hier in den Olymp der besten Acts in der Filmgeschichte schlechthin.

True detective, US 2014, 480 min, from Cary Joji Fukunaga, created by Nic Pizzolatto with Matthew McConaughey, Woody Harrelson, Michelle Monaghan,  Michael Potts.

http://thedreamingsheep.com/katharsis-under-the-sky-true-detectiv/

Under the skin –  Der kryptischste Sci-Fi Film seit Kubricks „2001 – Odysee im Weltraum“ und spürbar assoziativ mit den Werken von Andrei Tarkovsky. 9 Jahre benötigte Regisseur Jonathan Glazer um diesen Film zu verwirklichen und Scarlett Johansson zur Mitwirkung zu überzeugen. Fernab von jeglichem Mainstream und Anbiederung an den Massengeschmack wird hier die Natur des Menschen extraterrestrisch reflektiert und seziert.  Fast ohne Dialog, experimentell in der Form, radikal in der Umsetzung, aber nicht zuletzt eine tief berührende Ode an die Menschlichkeit. Die Anti-These zu den Stimmen, welche die aktuelle Kinolandschaft als repetitiv, vorhersehbar und mutlos bezeichnen.

Under the Skin, GB 2013, 107 min., from Jonathan Glazer with Scarlett Johansson, Jeremy McWilliams

http://thedreamingsheep.com/when-modern-art-meets-cinema-under-the-skin/

August: Osange County –  Allenfalls teilweile leicht überzogenes, aber mit tiefschwarzem Humor durchsetztes und selten amüsantes, intensives Familiendrama über gegenseitige Entfremdung, aufgebaute Abhängigkeiten, falschen Erwartungen und letztlich über die Aufgabe  der individuellen Lebenslügen. Das Pulitzerpreisgekrönte Theaterstück von Tracy Letts (welche auch das Drehbuch schrieb) wird von einem grandios lustvoll aufspielenden Schauspielerensemble angeführt. Neben der wie immer tadellosen Meryl Streep vollzieht hier Julia Roberts den sogenannten „Sandra Bullock – Gravity – Loop“ Effekt. Egal wie unsympathisch und nervig sie in den letzten Jahren gewirkt haben man – privat, wie ihn ihrer dürftigen jüngeren Filmografie – hier zeigt sie endlich wieder einmal, warum sie ursprünglich mal als Superstar auf die internationale Bühne gehievt worden ist. Gerechtfertigte Oscarnominierung 2014 für beide weibliche Hauptrollen.

August: Osange County, US 2013, 130 min., from John Wells with Meryl Streep, Julia Roberts, Chris Cooper, Benedict Cumberbatch, Ewan McGregor

Clouds of Sils Maria: Vor 30 Jahren schrieb Olivier Assayas zusammen mit Andé Téchiné das Drehbuch zu „Rendez-vous“, welcher der Karrierestart der dazumal 21-jährigen französischen Jungschauspielerin namens Juliette Binoche darstellte. Nun, 30 Jahre später ist „La Binoche“ eine Ikone des französischen Film und reiht sich in die Riege mit Catarine Deuneuve, Emmanuelle Beart und Brigitte Bardot ein und macht wieder einen Film zusammen mit Olivier Assayas (welcher diesmal Regie führt) und spielt darin einen Theater- und Filmstar, welche den Kontrapart von ihrer Rolle vor 20 Jahren spielen soll, mit welcher sie dazumal den grossen Durchbruch schaffte. Jetzt aber nicht mehr als 18-jährige Verführerin, sondern als 40-jährige Verführte. Dass ihr dies zu schaffen macht ist  absehbar. Obschon sie eigentlich von der Roller zurücktreten möchte, zieht sie sich in die Schweizer Alpen zurück – eben ins Engadin nach Sils Maria – und probt ihre Rolle zusammen mit ihrer persönlichen Assistentin, welche ebenfalls noch sehr jung ist und man spürt sofort, dass ihre gegenseitige Beziehung über das berufliche hinausgeht, was den Textproben (wo die junge Assistentin logischerweise die Rolle der 20-jährige Verführerin einnimmt) eine doppelbödige prickelnde Note verleiht und das spürbar unausgesprochene Begehren reflektiert. Verkörpert wird die Assistentin von Kristen Steward, welche schon in „On the road“ gezeigt hat, dass sie ihre Rolle in der Filmszene ein wenig anders definiert, als es ihre Fans von „Twillight“ wahrscheinlich gerne hätten. Ein faszinierender, eleganter, raffiniert inszenierter Film, unterlegt mit Händel und Pachelbel , welcher 3 Ebenen (Realität, Fiktion, Fiktion-in-Fiktion) kunstvoll miteinander verwebt und mit Binoche und Steward ein hochkarätiges Schauspielerinnen-Generationenduell der Extraklasse bietet. Zudem der erste internationale Film, welcher effektiv die Schweiz als Kulisse hat (kurze Ausflüge von James Bond oder Verblendung von Fincher zählen nicht).

Clouds of Sils Maria, D/F/CH 2014, 124 Minuten, from Olivier Assayas, with Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz