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Faits divers about Madame Bovery – Gemma Bovery

„Madame Bovery“ von Gustave Flaubert erschien im Jahre 1856. Der Gesellschaftsroman hatte früher den Untertitel – „Ein Sittenbild aus der Provinz“. Prompt nach der Veröffentlichung in der Zeitschrift La Revue de Paris wurde Flaubert von der Zensurbehörde wegen Verstosses gegen die guten Sitten und Verleitens zum Ehebruch angeklagt. In diesem Prozess wurde  Flaubert jedoch freigesprochen. Heute gilt „Madame Bovery“ als eines der bedeuteten Werke der Weltliteratur. Zusammen mit „Anna Karenina“ von Leo Tolstoj liegt der Roman das umfassendste Bild der Seelenzustände und Wunschprojektionen von Frauen vor.

Wenn Männer ratlos mit den Schultern zucken und den betagten Ausdruck  in die Runde schmeissen – man würde Frauen nie verstehen -, hätte ich stets einen Tipp  parat: Lassen sie Datig- und Flirt-Ratgeber weg, lesen sie nur diese zwei Romane. Wenn man einen Modernisierungsbedarf verspürt, wäre da der Beistand von Simone de Beauvoir ganz hilfreich („Le Deuxième Sexe“ zum Beispiel). Mehr braucht es wirklich nicht, um die Rätsel zu entschlüsseln.

In Frankreich gehört längst Madame Bovery, wie die Marianne und Marseillaise, zum berühmten Nationalstolz der Franzosen. Noch im Jahre 1896 hat der junge Heinrich Mann folgendes über die Bedeutung vom Flauberts Roman geschrieben: „Madame Bovery“ ist von mehreren Literatengenerationen studiert worden wie die Bibel von Theologen studiert wird. Ihr Geist und Teile ihrer unvergleichlichen Lebensfülle sind in unzählige Bücher übergegangen“. Bis heute hat das Interesse am Roman und seinem Autor kaum nachgelassen. Aus verschiedenen kulturellen Inputs ist Flaubert nicht mehr wegzudenken. Nur ein Beispiel aus unserem Metier: Im von uns hoch geschätzten diesjährigen Oscar-Gewinner „Birdman“ (auf TDS im Januar umfangreich rezensiert) wurde Flaubert vom Mike Shiner (Edward Norton) zitiert, um seine Verachtung gegenüber der Theaterkritikerin zu verdeutlichen.

Der Roman selbst wurde seit 1934 zwölf Mal verfilmt – in Frankreich, Deutschland Argentinien, England, Bulgarien, Indien, USA. Die beste Interpretation bis jetzt hat Claude Chabrol mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle geliefert (1991). Ihre unterkühlte, introvertierte Art,  gepaart mit wachsamer Lebendigkeit, erzeugt eine bis dahin unbekannte Emma – weniger romantisch, viel mehr lapidarer und lustorientierter. Nun, in wenigen Monaten kommt die nächste „Madame Bovery“ ins Kino – von Sophie Bartes mit Mia Wasikowska (war bereits in den Literaturverfilmungen „Alice im Wunderland“ und „Jane Eyre“ zu sehen)  als Emma aus der heutigen Perspektive.

Aus oben genannten Gründen war es für mich kaum überraschend, die französische Produktion „Gemma Bovery“ (2014) von Anne Fontaine zu entdecken. Es ist keine Verfilmung des Romans im klassischen Sinne, nur eine Hommage an den Kult-Roman, seine unvergängliche Aktualität und Wege, welche die Literatur einschlägt, wenn sie versucht, das wahre Leben zu beeinflussen. Es ist oft aufregend, inspirierend, doch nicht immer wünschenswert, wie „Gemma Bovery“  humorvoll und der Realität Tribut leistend zeigt.

Genervt von ihrer kleinbürgerlichen Existenz in London überredet Gemma (Gemma Arterton) ihren Ehemann Charles (Jason Flemyng), mit ihr in ein beschauliches Dorf in der Normandie zu ziehen. Dort angekommen, scheint es so, als hätte der Bäcker Martin (Fabrice Luchini) nur auf sie gewartet, um seine literarischen Vorlieben auf die Probe zu stellen. Der Tag, an dem Gemma ihn geheimnisvoll anlächelte,  nennt er das Ende seiner sexuellen Abstinenz. Nicht, dass der Ex-Pariser der jungen Dame gleich Avancen macht, er versucht nur nett und behilflich zu sein, geniesst die betörenden Momente der körperlichen Nähe zu Gemma und beobachtet…

Das Verhalten der englischen Großstädter, wie auch ihre Namen, scheinen tatsächlich durch Flauberts Roman inspiriert zu sein. Da Martin das Leben von Gemma auf das Romanleben von Emma projiziert, versucht er die Engländerin vor dem Unglücklichsein der berühmten Französin zu schützen. Doch genau das verursacht eine ganze Reihe von Missverständnissen und schliesslich ein tragisches verblüffendes Finale. In seinem literarischen Gedankensumpf verliert Martin anschliessend den Bezug zur Realität und spricht seine neue Nachbarin als Anna Karenina an.

Konclusion: Ein typisch französischer Film (auf TDS in April – French joie de vivre), welcher keine bandbrechenden Erkenntnisse anbietet, jedoch ein malerisches Ambiente mit lustvollen Verwicklungen ausmalt.  Obwohl ihm definitiv der Tiefgang fehlt,  geeignet für diejenigen, die den Roman Flauberts lieben, die französische Gelassenheit im Umgang mit Lebenskrisen bewundern und Überraschungen schätzen.  Bon voyage!

Prescription for: Flaubert, Normandy and French Film lovers

Gemma Bovery, 2014, France, 100 min, by Anne Fontaine, with Gemma Arterton, Fabrice Luchini, Jason Flemyng, Mel Raido, Niels Schneider

The Irish way of the cross – Calvary

Der Mann hinter dem vergitterten Innenraum in dem Beichtstuhl drückt sich gegenüber dem der Beichte abnehmenden irischen Priester klar aus. Er wird ihn am nächsten Sonntag erschiessen und erwartet ihn zur diesbezüglichen Ausführung am nahen Strand. Ebenso klar formuliert er sein Motiv. Er wurde als Kind jahrelang sexuell geschändet von einem anderen Priester, der zwar schon lange tot ist, aber um ein Zeichen zu setzen, dass auch vernommen wird, wird er ihn, den in der Gemeinschaft geschätzten, moralisch integren und den sich nichts zuschulden lassenden Dorfpriester, stellvertretend für die gesamte katholische Kirche umbringen. Auf das aufgewühlte Schweigen des Priesters fragt der künftige Mörder, ob er denn nichts dazu sagen wolle. „Not right now, no. But I’m sure I’ll think of something. By Sunday week”

Irische Filme zeichnen sich in der landläufigen Vorstellung – oder wenigstens in meiner – vor allem durch ihren warmen und lebensbejahenden Charme aus. Schrullige und wahrhaftige Charaktertypen, meistens schon im Rentenalter, die mit Knollennasen, geröteten Bäckchen und braun-grauen Schlapphütten in dem heimeligen Pub um die Ecke, in dem sich meist sowieso das halbe Dorf befindet, leckere Pints kippen und zu der unverkennbaren, irischen Folkloremusik lebenslustig-spastische Tänze  vollführen, freudig brüllend, ab und zu unterbrochen von einer nie wirklich bös gemeinten Rauferei oder sich selbstständig gemachten Pint-Gläser, welche beim freien Flug durch den Kubus des Pubs allenfalls den lästigen Nachbarn, welchen man schon jahrelang auf dem Kecker hatte, am Hinterkopf touchieren. Meistens haben dann die zentralen Handlungstreiber auch mit der seit Ewigkeiten festgefahren Hackordnung in der Gemeinde zu tun,  welche plötzlich und unerwartet von etwas Neuem gestört wird, sei es, dass ein alter Strolch das vermeintlich grosse Los beim Lotto zieht (Waking Ned Devine) oder dass einem Fischer aus Versehen eine Meerjungfrau ins Netz geht, diese mit nach Hause nimmt und damit die Dorfbevölkerung hochgradigen Irritationen aussetzt (Ondine – Das Mädchen aus dem Meer).

Diese Elemente findet man in „Calvary“ auch, sind sie doch keine Erfindung der Filmstudios, sondern spiegeln zu grossen Teilen auch die echten irischen (Land-)Verhältnisse wider. Die Geschichte spielt in einem abgelegenen kleinen Dorf in Strandhill in County Sligo an der Atlantikküste Irlands und die wenigen Protagonisten sind schon fast klischierte Abbilder der gängigen Vorstellung von einer irischen Dorfgemeinschaft. Neben der Hauptperson, James Lavelle (kongenial dargestellt von Brendan Gleeson), der fürsorgende und in der Gemeinde tief verankerte Dorfpriester, welcher intellektuell seinen Schäfchen inkl. seinem nerdigen, ignoranten und rückgratlosen Junior-Priester haushoch überlegen, aber trotzdem vor den irdischen Schwächen wie Alkohol nicht gefeit ist und sich schon mal wild um sich schiessend in einem Pub vorfinden kann,  finden wir die seelisch beschädigte, offen untreue Ehefrau, ihren – in der Gemeinde natürlich einzig schwarzen – Geliebten, den offiziellen Ehemann, dem Metzger, welcher über die Affäre seiner Frau mehr erleichtert und froh, als eifersüchtig wäre und deshalb auch im Pub mit dem Geliebten regelmässig Schach spielt, der fundamental-buddhistische und trotzdem immer leicht aggressive Barbetreiber, der soziopathische (und selbstverständlich kriminelle) stinkreiche Bankier namens Fitzgerald im leicht abgelegenen Landsitz, der sympathisch-korrupte Polizeivorsteher mit seinem hypernervösen Latino-Callboy-Lover und der – genau – steinalte schrullige alte Schriftsteller mit Knollennase, welcher auf einer nahen Insel seinen letzten Roman schreibt und zynisch vermeldet, dass man erst dann wirklich alt ist, wenn niemand sich mehr getraut in seiner Gegenwart das Wort Tod in den Mund zu nehmen. Er ist es auch, der den Priester bittet, ihm eine Pistole zu besorgen, offenbar um ihm einen menschenwürdigen Abgang zu ermöglichen, wenn es dann soweit sein sollte…

In sieben – von jedem Wochentag bezeichneten – unterteilten Kapiteln macht sich der Priester daran, wofür ihm sein künftiger Mörder auch den Aufschub gewährt hat und zwar die unerledigten Konflikte in seiner Gemeinde zu klären, sich seiner ihm entfernten Tochter (Kelly Reilly – „Flight“, „True Detective“) wieder zu nähern, welche ihn in dieser Woche nach einem Selbstmordversucht besucht und seine ganz persönlichen Wertvorstellungen inkl. seinen Glauben auf den Prüfstein zu stellen. Und obschon er sich – neben dem mörderischen Ultimatum – den stetigen Anfeindungen, unmoralischen Handlungen, zynischen Gesinnungen, kompletter Orientierungslosigkeit und spiritueller Degenerierung, nicht nur der Dorfbewohner, sondern auch seiner Tochter, ausgesetzt sieht, kämpft er tapfer dagegen an, den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren.

Einer der inszenatorischen Kniffs, welcher Michael McDonaugh („The Guard“) – Bruder von Martin McDonaugh („Brügge sehen und sterben?“/“7 Psychos“), clever einsetzt, ist die Tatsache, dass der Priester ja von Anfang an weiss, wer sein möglicher Mörder ist, was dem Zuschauer aber erst am Schluss enthüllt wird. Dadurch stellt man sich bei jedem Schäfchen der Gemeinde, welches mit ihm in Kontakt kommt, die entsprechende „could it be?“ Frage, was den Spannungsbogen durch den ganzen Film hindurch hoch hält und den Freiraum schafft, um die eigentliche Essenz dieses Stoffes, eine Art Kreuzweg des Pfarrers, welcher wie das grosse Vorbild, quasi unter den Augen seines Henkers mit den unvermeidlichen Selbstzweifeln und Quallen von statten geht. Nicht umsonst heisst der Film Calvary. Der Kalvarienberg vor den Toren Jerusalems ist der Ort auf dem Jesus schliesslich gekreuzigt worden ist.

Die Nachwirkungen des wirtschaftlichen Kollapses von Irland immer noch latent spürbar, geht die Erzählung – trotz bitterem Witz und verzweifeltem Sarkasmus – einen grundsätzlich ernsten und Ironie freien, konsequenten Weg und gleicht in diesem verdichtetem Diskurs über den Stellenwert von Moral und Ethik, Schuld und Vergebung und die Konfrontation mit dem eigenen Tod einer heroischen Helden-Saga biblischen Ausmasses und thematisiert nebenbei – unaufdringlich und doch akkurat – den Platz und die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in der heutigen Gesellschaft, welche speziell in Irland nach dem Bekanntwerden der eklatanten Missbrauchsfälle in der jüngeren Vergangenheit einen fundamentalen Vertrauensverlust erlitten hat. Dies alles aber ohne didaktischen  Zeigefinger oder der Präsentation einer erlösenden Wahrheit. Wie wir alle, leidet James Lavelle an der Unzulänglichkeit unseres Wesens und den Launen des Lebens. Aber er schreitet voran, mit Würde, Mitgefühl, Stärke und Liebe und dem Wissen, dass dem vorbestimmten Schicksal so oder so nicht zu entgehen ist. Allenfalls sogar schon am nächsten Sonntag nicht mehr.

Konklusion: In rauen und kraftvollen Bildern unterlegt mit einem gänsehauterzeugenden bombastisch-klerikalen Soundtrack setzt uns Michael McDonaugh eine dichte, wahrhaftige und emotional mitreissende Erzählung mit subkutaner Langzeitwirkung um den Kreuzweg eines irischen Pfarrers vor, der in einer Woche die Erlösung mit sich, seiner Tochter und seiner Gemeinde finden muss. Trotz schrulligen und sarkastischen Szenen mit schrägen Typen und abgefahrenen, überdrehten Einschüben, ein zutiefst nachdenkliches, düsteres und konsequentes Werk, aber mit einer stark humanistischen und  – ja – christlichen Botschaft, unter Vermeidung einer eigentlichen Rhetorik der Moral. Trotzdem oder gerade deswegen auch für Atheisten interessant. Ein verpasster Kandidat für die Liste der besten Filme von 2014! Sheep on me!;)

Prescription for: Confrontation with dead, religious doubts, family issue, problem solving within society, dealing with forgiveness, dealing with pressure

Listen to: Soundtrack “Calvary” from Patrick Cassidy

Calvary, IE/UK 2014, 101 min., written and directed by John Michael McDonagh, with Brendan Gleeson, Chris O’Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen