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Snobs get wild – The Riot Club

 

Der erste nennenswerte Film von dänischer Regisseurin  Lone Scherfig „Italienisch für Anfänger“ (2000) wurde konsequent nach den Dogma 95-Regeln gedreht. Im Vergleich zu den schrillen und rebellischen Dogma—Vorgängern wie „Das Fest“ (Thomas Vinterberg) oder „Idioten“ (Lars von Trier) war er schon ein fast besinnlicher Film über normale Menschen in der gewöhnlichen Umgebung. Auch ein Beispiel dafür, dass der innovative Dogma-Kodex sich genau so prächtig in stillen Gewässern entwickeln konnte.

Nun, nach ein paar weiteren erfolgreichen Filmen (An Education, One Day) ist der neuer Film „The Riot Club“ von Lohne Scherfig der aussagekräftigste, eine klare Fallstudie des Soziotops der reichsten Oxford-Studenten. Der Film basiert auf dem Theaterstück „Posh“. Seine Autorin Laura Wade hat es für Scherfig in ein Drehbuch umgeschrieben.

Die Ereignisse beobachten wir aus der Perspektive von zwei Ankömmlingen an der Oxford-Uni, die in einem berühmt-berüchtigten Riot Club aufgenommen wurden. Zwingende Grundvoraussetzungen dafür sind, dass man ein Absolvent der Eton, Clifton oder Harrow ist, aus reichen und/oder adligen Haus kommt und gewissermassen das grenzloses Vergnügen als oberstes Gebot zu verinnerlichen gedenkt. Die beiden Jungs, Miles (Jeremy Irons’Sohn Max) und Alistair (Sam Claflin) stürzen sich voller Neugier und Vorfreude in diese scheinbar von Freiheit und Erfolg umgarnte Welt.

Der Höhepunkt der Clubaktivitäten ist das jährliche Treffen der Mitglieder in einem traditionellen englischen Pub. Das Konzept dieses Treffens ist denkbar einfach –  sich zu feiern, ein Besäufnis zelebrieren, die Sau rauslassen, nach dem Motto:  Da wir in der Zukunft „grosse Tiere“ werden, können wir uns später keine Eskapaden erlauben. Also werden wir jetzt zu Tieren. Unsere Jugend, Attraktivität und Reichtum biegen schon den moralischen Skrupel zurecht.

Das exzessive Trinken und/oder Drogenkonsum ist kein Klassenphänomen an sich, sondern ist immer noch in vielen Kulturen und Gesellschaftsschichten verbreitet und wird dort auch kultiviert. Doch bei den Kids aus dem Riot Club stechen die menschen- und armutsverachtenden  Antriebe deutlich hervor.  Die eigene, quasi genetische Dominanz gräbt jeglichen emotionalen Bezug zum Rest der Welt unter.

Die drei weiblichen Figuren in Film haben das hemmungslose Treiben der selbsternannten Oxford-Elite rasch durchschaut. Als die Freundin von Miles Zeugin der zerstörerischen Wucht der Club-Kollegen wird, ist sie sofort der Ansicht: „Sie sind nicht deine Freude, Miles. Sie kennen keine Grenzen“. Die Tochter vom Wirt, kurz geblendet von der imposanten Erscheinung der jungen Männer, hat schnell erkannt, was diese im Schilde führen und sogar die beorderte Prostituierte ergreift kurzerhand die Flucht.

Ein leiser Wiederstand in dem als Bühne zum dekadenten Reigen dienenden Pub macht sich doch zunehmend breit. Die Stammgäste verlassen empört das Lokal, nach kurzem Zögern lässt sich auch der Wirt nicht bestechen und bietet den Bengeln die Stirn, was ihn fast das Leben kostet. Die staatliche Justiz erfühlt im 21. Jahrhundert ihren Zweck und obwohl die Club-Mitglieder den eigenen Sündenbock Miles ernennen, wird der Richtige verhaftet und aus der Uni verbannt. Daraufhin will Miles nichts mehr mit dem Club zu tun haben.

Dennoch lässt der Film wenig Raum für Interpretationen. Die feinen Kerle der britischen Oberschicht sind nun mal so, sie halten den Rücken für ihresgleichen frei. Und sie haben nicht vor, daran irgendetwas zu ändern. Das selbstgefällige Grinsen des Alistair am Ende der Geschichte ist ein Appell an die Beständigkeit der Sitten. Der einzige Trost liegt in der Kraft des Filmes, uns davon zu berichten, was für Früchtchen das britische elitäre Bildungssystem zu züchten vermag, uns davor zu bewahren, hinter der glänzenden Fassade eine Aufrichtigkeit und geistige Gesundheit zu vermuten.

Die politische Elite des Großbritanniens besteht übrigens zum Teil aus den „Absolventen“ des Bullingdon Clubs, der ein reales Vorbild des Riot Clubs war:  David Cameron (Premier), George Osborn (Schatzkanzler) Premier, Boris Johnson (aktueller Bürgermeister von London)…

Konklusion: Für alle, die schon immer der britischen Monarchie misstrauten, den Snobismus für das Relikt aus vergangenen Tagen hielten und das sture Klassendenken verabscheuten. Abgesehen von politischen und sozialen Konnotationen, imponiert „The Riot Club“ mit schockierender Erzählungsintensität, klarer Struktur und naturalistischen Bildern des Abgrunds.

Prescription: friends of vulgarity, snobs, parents with too less money for sending their kids to a distinguished university and therefore get an excuse not to do so, for people highly interest in the youth and the grow up of David Cameron and Boris Johnson.

The Riot Club, GBP 2014, Länge 107 min., Director: Lone Scherfig with Max Irons, Sam Claflin, Douglas Booth