Category Archives: Arthouse

Eine schrecklich nette Familie – “Toni Erdmann”

Die grösste Liebe von allen findet man in sich selbst. Das sang einmal Whitney Houston und jetzt Sandra Hüller in “Toni Erdmann“. Wie die Schauspielerin gleichzeitig voller Inbrunst und totalem Widerwillen die Schnulze “The Greatest Love of All“ einer Runde von Fremden beim Osterbrunch entgegen schmettert, ist eines der Highlights des Films. Bei der Weltpremiere in Cannes gab es dafür Szenenapplaus. Preise erhielt “Toni Erdmann” am wichtigsten Filmfestival der Welt allerdings keine, und viele Filmkritiker halten das für einen Skandal. Denn Regisseurin Made Ade ist mit der Tragikomödie ein kleines Wunder gelungen, ein Film, der jenseits einer konventionellen Drei-Akt-Struktur unerschrocken zwischen Slapstick, Brachial-Humor und psychologischem Drama mäandert und schliesslich ins Surreale abdriftet. Es ist bewundernswert, mit welcher Selbstsicherheit Ade ihre 162 Minuten Film auf Zelluloid bannt, ohne dass man den Eindruck hat, dass ihr der Streifen auch nur eine Sekunde lang entgleitet.

Toni Erdmann, das muss man klarstellen, existiert gar nicht. Er ist das Alter Ego von Winfried Conradi (Peter Simonischek), ein Spassvogel ausgerüstet mit lächerlicher Perücke, falschen Zähnen und äusserst gewöhnungsbedürftigem Humor. Jeder kennt ihn, diesen Typ Mensch, der fünf Minuten lang lustig ist und danach einfach nur noch nervt. Für seine Tochter Ines ist der Vater im besten Fall als peinlich, im schlechtesten als und karrieregefährend einzustufen.

Denn Ines’  Welt könnte nicht unterschiedlicher von der des pensionierten Musiklehrers sein. Die Unternehmensberaterin lebt in Bukarest den Corporate Lifestyle. Ihre massgeschneiderten Hosenanzüge sitzen zwar perfekt, aber so richtig wohl fühlt sich die ehrgeizige Mittdreissigerin nicht. Ihr Chef nennt sie ein Tier, und das ist als Lob gemeint.

Als Winfrieds Hund das Zeitliche segnet, beschliesst er sie unangemeldet in Rumänien zu besuchen. Kaum angekommen, bringt er seine Tochter vor Vorgesetzten und Kunden in Verlegenheit. Er will Ines aus ihrer Verbissenheit reissen, sie zum Lachen bringen. Der Plan geht nicht auf, die Situation eskaliert, Winfried reisst ab. Vermeintlich, denn in den nächsten Tagen taucht er als selbsternannter Lifecoach Toni Erdmann immer wieder in ihrer Nähe auf. Der Film fängt erst dort an, wo die konventionelle Hollywoodkomödie aufhört.

Ade macht es dem Publikum nicht leicht, “Toni Erdmann“ ist keine Feel-Good-Komödie, in der die Jungen von den Alten lernen und umgekehrt und sich anschliessen freudestrahlend in den Armen liegen. Die Filmemacherin zeigt unbarmherzig, was passiert, wenn die Nähe abhanden kommt, eine Beziehung nicht funktioniert. Das hat sie schon in 2009 in “Alle anderen“ getan, nur ist es in “Toni Erdmann“ keine Paarbeziehung, die sie seziert, sondern die zwischen einer Tochter und ihrem Vater, eine Verbindung die man auf ganz elementarer Ebene nicht auflösen kann.

Dass der Film, dem eine etwas kürzere Laufzeit sicher nicht geschadet hätte, funktioniert, ist auch der Verdienst der beiden Hauptdarsteller Simonischek und Hüller, die den Unterschied zwischen Schauspielern und Filmstars exemplifizieren und deren kleinste Regungen die grössten Geschichten erzählen. Mit Mut und technischer Bravur kreieren sie Figuren, die in jedem Moment glaubwürdig sind. Gerade deshalb tut es so weh, ihnen zu zu sehen. Etwa wenn Winfried seine Tochter anfaucht: “Bist du eigentlich ein Mensch?“

Eine Träne für jedes Lachen – das war die Maxime von Trickfilm-Pionier Walt Disney. Maren Ade hat das verstanden. Ein britischer Kritiker schrieb über “Toni Erdmann”: “Wenn Sie glauben, keinen Platz in Ihrem Leben für eine 162 Minuten lange deutsche Komödie zu haben, dann schaffen Sie sich den gefälligst.“ Dem kann man sich nur anschliessen.

 

EDEN – The Rhythm Poem

 

It is all a rhythm,

from the shutting

door, to the window

opening,

 

the seasons, the sun’s

light, the moon,

the oceans, the

growing of things,

 

the mind in men

personal, recurring

in them again,

thinking the end

 

is not the end, the

time returning,

themselves dead but

someone else coming.

 

If in death I am dead,

then in life also

dying, dying…

And the women cry and die.

 

The little children

grown only to old men.

The grass dries,

the force goes.

 

But is met by another

returning, oh not mine,

not mine, and

in turn dies.

 

The rhythm which projects

from itself continuity

bending all to its force

from window to door,

from ceiling to floor,

light at the opening,

dark at the closing.

 

(The End by  Robert Creeley)

 

Konklusion: Mia Hansen-Love, die Ehefrau von Olivier Assayas (Carlos, Clouds of Sils Maria) inszeniert in ihrem 4ten Spielfilm einen epischen Abgesang auf die hedonistische Clubszene der 90-ier Jahre und verknüpft diesen direkt mit den Ursprüngen der französischen Electro- und Houseszene und indirekt mit der Geschichte von „Daft Punk“. Unter einer radikalen Verweigerung eines klassischen Spannungsbogens in der Erzählung einerseits aber auch unter Weglassung von inszenatorischen Zuspitzungen oder Dramatisierungen anderseits, zeichnet „Eden“ fast schon dokumentarisch über 2 Dekaden den Aufstieg und Fall des DJ’s Paul (inspiriert vom Bruder von Hansen-Love, welcher ein DJ der French-Touch-Szene war) nach, welcher zur selben Zeit wie seine Kumpels Thomas und Guy-Man (Daft Punk), Anfangs der 90-ier Jahre, mit seinem DJ Duo „Cheers“ in der Pariser Nachtclubszene und später auch in den USA Erfolge feiert, aufgrund seinem Verharren auf dem Status Quo sprich fehlender Erneuerung seines musikalischen Oeuvres nach dem Milleniumswechsel aber seinen schleichenden Untergang einläutet, welcher durch seinen zunehmenden Drogenkonsum, fehlendem persönlichem Antrieb und wechselnden amourösen Beziehung noch beschleunigt wird, bis ihn die finanzielle Notlage zu einer Neuorientierung zwingt. Dies stetig begleitet, aufgrund des zunehmenden internationalen Erfolges seiner ehemaligen Weggefährten, mit einer quasi musikalischen Omnipräsenz von Daft Punk.  „Eden“ ist ein schmerzhaft schöner Trip in die noch nicht allzu lang zurückliegenden Vergangenheit für die Vertreter der Generation X, welcher die angeboren zu scheinende Orientierungslosigkeit und Unentschlossenheit dieses Jahrgangs auch filmisch konsequent und dadurch teilweise ungewohnt ereignislos darstellt, durch die eingefangene Poesie der flüchtigen Momente aber die hoffnungslos melancholische Monotonie schlussendlich in eine zarte Zuversicht zu wandeln vermag.

Und seien Sie versichert, wenn das nächste Mal irgendwo ein Song von Daft Punk ertönt, werden unweigerlich die Bilder der verlorenen Epoche von Hansen-Love vor Ihrem inneren Auge wieder ablaufen. Auch lange nachdem Sie den Film gesehen haben. One more time.

Prescription for: existential crisis, hedonism, drug habit, scheme of life, relationship conflict, transitoriness of life

Listen to: Eden – Orginal Motion Picture Soundtrack (Various artists incl. Frankie Knuckles, Daft Punk, Crystal Waters etc.)

Eden, F 2014, 131 min. Regie: Mia Hansen-Løve. Mit Félix de Givry, Pauline Etienne, Greta Gerwig, Arsinée Khanjian

Palo Alto oder Das kleine Mädchen im weissen Kleid

 

Aufblende: Wir sehen ein kleines Mädchen in einem weissen Kleid, das einem wuscheligen braunhaarigen kleinen Hund auf der grünen Rasenfläche, welche sich unterhalb der Veranda bis zu den Weinbergen hinzieht, hinterher rennt, bald aber innehält und den Kopf zur Veranda dreht, wo ihr Grossvater in einem Schaukelstuhl sitzt, eine Zigarre in der Hand hält und hinter der Zeitung ihr freundlich entgegen lächelt. Wir schreiben das Jahr 1989 und befinden uns auf einem Weingut im Napa Valley in Bundesstaat Kalifornien. Das kleine Mädchen ist gerade mal 2 Jahre alt und heisst Gian-Carla benannt nach ihrem Vater Gian-Carlo, welcher 2.5 Jahre davor, als ihre Mutter noch mit ihr im zweiten Monat schwanger war, in einem Bootsunfall grauenvoll geköpft wurde. Er fuhr nicht selber, sondern der Sohn von Filmstar Ryan O’Neal, Griffin, welcher im Hafenbecken zwischen zwei Booten durchfahren wollte und übersehen hatte, dass diese durch eine Schleppleine verbunden waren. Was Gian-Carla, später nur noch Gia genannt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss ist, das ihre Mami, Jacqui de La Fontaine, gerade mal zarte 21 Jahre alt, bald einen neuen Mann kennenlernen und 10 Jahre später heiraten sollte. Sein Name ist Peter Getty, ein Nachkomme vom Oelbaron Jean Paul Getty, welchem mit dem Getty Museum ein Denkmal gesetzt wurde. Peter’s Vater war ebenfalls ein steinreicher Wohltäter, welcher sein Oelgeschäft für 10 Milliarden an Texaco verkauft hatte, aber neben seiner Musterehe noch eine Parallelexistenz mit einer Geliebten führte. So erfuhr Peter erst kurz vor der Hochzeit mit Gia’s Mami, dass er noch drei Halbgeschwister hat. Peter’s Onkel musste mit 60 in eine Entziehungskur, seine Tante starb an einer Ueberdosis Heroin, sein Cousin Jean Paul Getty III. knallte sich nach seiner Entführung (ihm wurde dabei sein Ohr abgeschnitten, weil sein Grossvater, eben Jean Paul, der mit dem Museum, nicht zahlen wollte) so lange mit Drogen zu, bis ihn der Schlag traf und er zum Pflegefall wurde. Was Gia zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wissen konnte war, dass ihr Grossvater, der auf dem Schaukelstuhl, welcher ihr gütig hinter der Zeitung zuzwinkerte, ihrer Mami 2 Jahre später, zu ihrem vierten Geburtstag, ein Haus in den Hollywood Hills schenken würde und ihre idyllische Zeit auf dem Weingut im Nappa Valley damit enden würde. Dafür würde das Haus, welche ihre Mami, die ein wenig wie Ali MacGraw (Synonym für weiblichen Hippietyp, dunkelhaarig und extrem attraktiv) aussah und einen Stil zwischen Hautevolee und Boheme-Chic pflegte und die neue Bleibe auch dementsprechend einrichtete, später die mythische Partyzentrale von L.A. werden. Wenn Gia dann in dem neuen Haus Geburtstag feiern würde, kämen viele neue Freunde aus der Stadt zu Besuch, Leonardo , Demi, Jack, Kate und wie sie alle heissen. Ihr Cousin Nicolas würde Karaoke singen und ihre Tante Sofia würde ihr eine selbstgebackene Torte mitbringen. Was das kleine Mädchen schlussendlich gar nicht wissen konnte, an dem Zeitpunkt, wo sie vom Hund abliess und wieder über die grüne Rasenfläche in Richtung ihres Grossvaters auf der Veranda, Francis Ford, rannte, lachend und kreischend, war die Tatsache, dass sie 26 Jahre später, ihren ersten Film als Regisseurin rausbringen und damit die Familientradition in die nächste Generation fortführen würde. Nach Francis Ford und Sofia. Coppola. Abblende.

Ihr erster Film heisst „Palo Alto“, nach dem gleichnamigen Roman von Multitalent James Franco (u.a. auch Schauspieler „127 Hours“, „Spring Breakers“), welcher darin seine Collegezeit in dieser kalifornischen Kleinstadt in diversen Kurzgeschichten beschreibt, in welchen sich eine Gruppe Jugendlicher mehrheitlich mit Sex, Drogen und Alkohol auf ihr späteres Erwachsenenleben vorzubereiten versucht und zwischen Identitätssuche, erstes Verlieben, provokativen Auflehnungen gegen die Autoritäten, Grenzüberschreitungen und tiefer Einsamkeit und Unsicherheit oszilliert. Das Buch war, trotz gelegentlich krassen Einschüben, sehr zurückhaltend geschrieben, in einem guten Sinne unspektakulär und alltäglich und bekam gerade dadurch eine sehr realistische, ja fast schon dokumentarische Note. Diesem Geist blieb auch Gia Coppola treu, was James Franco wohl auch erahnte, als er ihr die Rechte an der Verfilmung abtritt und ihr nicht nur die alleinige Entscheidungshoheit über jedes Gebiet (Casting, Endschnitt etc.) überlies, sondern auch gleich die ungefähre USD 1 Mio. Finanzierung bereitstellte, so dass auch keine Studios oder sonstige Geldgeber in den kreativen Prozess von Madame Coppola reinreden würden. Ein ungewöhnlich hoher Vertrauensvorschuss in eine 26-jährige Frau, ohne jegliche Regie-Erfahrung, welcher aber die herausragende Stellung unterstreicht und erklärt, welche James Franco im zeitgenössischen Kulturbereich geniesst, gerade auch wegen seiner Gabe junge Talente zu entdecken und fördern. Er wird ja schon seit längerem als kreativer Genius der Generation X gehandelt, da er ja nicht nur Schriftsteller und Schauspieler ist, sondern auch Regisseur, Drehbuchautor und Maler. Sein Oeuvre reicht von „Spider-Man“, „Die fantastische Welt von Oz“ über „Milk“ bis zu „Everything will be fine“ – die Zusammenarbeit mit Wim Wenders – oder Ausstellungen im MoMa PS1 zusammen mit Gus Van Sant. Wie viele andere ambitionierte Berufskollegen benutzt er das im Mainstream verdiente Geld um seine künstlerischen Herzensprojekte zu finanzieren, was „Palo Alto“ logischerweise ist. Das Geld darf man dann auch hier als effizient eingesetzt sehen. Viele der Darsteller sind das erste Mal in ihrem Leben vor der Kamera gestanden, die Kleider durften die Jugendlichen selber von zu Hause mitnehmen und auch viele Szenen sind gleich in deren realen Häuser u.a. auch Schlafzimmer gedreht worden. Auch die Settings sind so authentisch wie möglich gehalten worden, viele Szenen spielen auf Fussplätzen, Vorhöfen, Spielplätze und eben halt einfach zu Hause. Dass trotz diesen geerdeten Ansätzen kein muffiges Jugenddrama herausgekommen ist, sondern ein höchst ästhetisches Filmsoufflé, unterlegt mit einem zart-melancholischen Soundtrack, welcher die hypnotische Spannung dieser rauen und schlussendlich tieftraurigen Geschichte noch verstärkt, verwundert einem dann aber doch nicht wirklich. Denn eben, die Coppolas müssen es in den Genen haben und der Geschmack der Mutter, diese Mélange aus Hautevolee und Boheme-Chic, welche auch ihre Cousine Sofia zelebriert, hat die Tochter gänzlich übernommen. Verbunden mit einer filigranen Sensibilität für die Schönheit der alltäglichen Dinge und einer tiefen Empathie für das menschliche Wesen, darf man auch von Gia noch Grosses erwarten und dies zu recht. „Palo Alto“ ist thematisch und atmosphärisch eigentlich nur mit dem Filmklassiker „The last Picture Show“ von Peter Bogdanovich aus dem Jahre 1971 vergleichbar, welcher als einer der wichtigsten und einflussreichsten Filme des amerikanischen Kinos gilt. Vielleicht hat das kleine Mädchen auf der grünen Wiese es schon dazumal gespürt, dass es das Leben doch irgendwie gut mit ihr meinen wird.

Konklusion: Es gibt Menschen, die sind mit einer aussergewöhnlichen Intelligenz, Kreativität und Sensibilität, sowie mit einem Auge für die Schönheit der Dinge gesegnet. Und können zudem ihre Wahrnehmungen in filmische Reflexionen umsetzen. Mit Gia Coppola und James Franco, zwei angehende kreative Ikonen der Generation X und Y, treffen 2 solcher hochbegabten Menschen in diesem Erstlingswerk zusammen und dieser kreative Superclash ist in jeder Sekunde des Films spürbar. Nicht mit Exaltiertheit und extravaganten kreativen Einfällen. Keine Posen. Sondern durch eine poetische Feinfühligkeit, mit welcher das letzte Collegejahr einer Gruppe Jugendlicher in Palo Alto gezeigt wird und den Fokus auf die kleinen Dinge vor und nach den Ereignissen richtet. Und schlussendlich über das unwiderrufliche Ende der Jugend und der Unschuld reflektiert.  Emma Roberts (hat was von Amanda Peet) und James Franco führen kongenial eine Darstellerriege an, welche zumeist keine Kameraerfahrungen mitbringen und dadurch eine authentische fast schon semidokumentarischen Note einbringen. Der Soundtrack ist hypnotisch und der Film insgesamt wie ein trauriger Traum. Immer wenn es zu schmerzhaft werden droht, wacht man auf. Der Traum aber bleibt haften.

Prescpriction for: Identity crisis, adolescence issues, loneliness, insecurity,  first love

Listen to: Palo Alto Soundtrack (Devonté Hynes, Robert Schwartzman) 

Palo Alto, US 2013, 100 Min., from Gia Coppola, with Emma Roberts, James Franco, Jack Kilmer, Nat Wolff, Van Kilmer 

French joie de vivre – Une nouvelle amie

Manchmal überkommt mich eine Sehnsucht nach einem Zustand, in dem das Praktische,  Rationale auf die Seite tritt und den Platz für die Ausgelassenheit und Spontanität räumt. Dann weiss ich – ein Franzose muss her, ein Film natürlich! Ein Schächtelchen Makronen, eine BFF-Freundin und der Spass im Arthouse Le Paris kann los gehen. Diesmal mit dem fünfzehnten Streifen des grossen französischen Frauenkenners François Ozon „ Une nouvelle amie”.

Wie bei den meisten Filmen von Ozon ist auch hier die Handlung auf ein paar Ereignisse beschränkt, die ausgiebig emotional interpretiert werden. Eine geliebte Frau, Mutter eines Babys, Tochter und Freundin stirbt in der Blüte ihres Lebens. Diejenigen, die in „ Une nouvelle amie“ damit klar kommen müssen, sind ihr Mann David (Romain Duris) und ihre beste Freundin Claire (Anaïs Demoustier). In erster Linie geht es in diesem Film um die Trauerarbeit.

Wenn es eine Hollywood-Produktion wäre, würden die Protagonisten höchstwahrscheinlich in einer Gesprächsgruppe oder auf der  Couch eines attraktiven Psychotherapeuten landen… Ein skandinavischer Film würde möglicherweise versuchen die Familienangehörigen zu involvieren, wonach alle Beteiligten noch stärker traumatisiert wären… Die Japaner könnten ihre Ahnen konsultieren… Auf jeden Fall hätte man recht häufig eine vage, manchmal eine deutliche Vermutung, wie das Szenario verlaufen könnte.

Was machen die Franzosen mit so einem Stoff? Man weiss es nie so genau. Bei einem französischen Film ist es selten möglich zu sagen, wohin er führt und wie er endet. Und deshalb ist es oft eine spannende Reise ins Ungewisse. Die Klischees werden zu Staub gemahlen, Erwartungen niedergeschmettert…Frische und kecke Interpretationen mit hoher Happyend-Wahrscheinlichkeit verblüffen anhaltend. Wenn das Leben die Tristesse verbreitet und die Nachrichtenströme entmutigend wirken, bemühen sich die Filmschaffenden stets die Leichtigkeit des Seins hervorzuheben.

So ist es auch flagrant in „ Une nouvelle amie“ zu spüren. Und obwohl es um Verluste, Identitätskrisen, Unfälle, Depressionen, sogar um die Nekrophilie geht, ist dieser Streifen keine schwere Kost. Er ist mit so einer Leichtigkeit und einem Lebensdurst gezeichnet, dass es einem ganz warm ums Herz wird. Ohne den moralischen Kompass aus den Augen zu verlieren, wie einst bei Roberto Benigni (La vita è bella, 1997), wird das Schwere, fast Unerträgliche in eine sanfte humanistische Hülle eingewickelt. Und so können wir die Verwandlung des Davids in Virginia relativ schmerzfrei geniessen.

Eher zufällig entdeckt Claire die alte Passion Davids, sich als Frau zu verkleiden, welche nach dem Tod seiner Ehefrau erneut entflammt. Zuerst skeptisch und dann zunehmend wohlgesinnt begleitet sie ihn bei seiner Identitätssuche. Und so erholen sich die beiden Trauernden von ihrem Kummer. Die Tragik des Verlustes wird von der Neugier und Entdeckungsfreude verdrängt.

Abgesehen vom Selbstfindungstrip ist „ Une nouvelle amie“ eine Hommage an die Weiblichkeit, die auch in den anderen Filmen von Ozon auffallend präsent ist  („8 femmes“, ,„Swimming Pool“, „Potiche“, „Jeune et jolie“…) Fasziniert von allem, was das Frauendasein umgibt (High Heels, Nylonstrümpfe, Perücken, Kleider, Mascara, Rouge, Nagellack…) stürzt sich David mit Hingabe in die neue Rolle, bekommt von Claire Tipps zur Umsetzung der Make-up-Ritualen und – für ihn besonders wertvoll – auch ihre Anerkennung.

Langsam findet Claire Gefallen an ihrer neuen Freundin Virginia und entdeckt sogar den erotischen Reiz an der Verkleidungsgeschichte. David ist beides und kann beides sein.  Anders als Männer, die eine Frau eher als Gesamtkonzept sehen, ist er in der Lage die Details wahrzunehmen (die Farbe des Lippenstifts, den Schnitt des Kleides, der vorteilhaft für die Taille wäre…) So verwandelt sich auch die anfänglich graue Maus Claire in eine sinnliche Frau. Allmählich nehmen die Transvestismusverwicklungen gefährliche Ausmasse an: Claire ist verheiratet, David muss sich um seine Tochter kümmern…

Doch so abgründig wie in Almodóvar’s Welten (z.B. „Todo sobre mi madre”, 1999, „La piel que habito“, 2011;  – „Une nouvelle amie“ basiert auf einer Geschichte der britischen Bestsellerautorin Ruth Rendell, die Pedro Almodóvar auch schon verfilmte) wird es nicht werden. Nach einem Autounfall, welchen Claire indirekt verursacht, ist sie bereit, Virginia bedingungslos zu unterstützen. Etwas unrealistisch und dick aufgetragen, aber so wünschenswert!

Unverkennbar, wie die meisten Filme von Ozon, besteht „Une nouvelle amie“ ebenfalls aus einem musikalischen Feuerwerk, das die verschiedenen Stimmungen aufgreift und eine ergänzende, oft sogar richtungsweisende Funktion im Filmskript spielt. So wird ein Wendepunkt in David’s/Virginia’s Überlegungen markiert – in einer Szenebar mit dem alten französischen Chanson „Une Femme avec Toi“ von Nicole Croisille,  das von einem/einer Transvestit-Sänger/Sängerin grandios neu interpretiert wurde. Ein Befreiungsakt par excellence!

Conclusion: „ Une nouvelle amie“ ist ein liebenswerter Film mit all den Freuden und Verwirrungen, die zu einem französischen Film gehören. Ihn anzuschauen ist ein freudiges, abenteuerliches Ereignis. Im Übrigen, da es um die Selbstbestimmung als absolutes Menschenrecht geht, ist er auf der Augenhöhe der Zeit. In vielen Ländern und Kulturkreisen wird das Anderssein missbilligt, verpönt und bestraft. Deshalb ist er wie ein Lichtstrahl der Toleranz und ein klares Statement in einem Land,  wo der Kulturkampf  um die Homo-Ehe trotz der gesetzlichen Konformität noch nicht abgeschlossen ist.

Prescription for: process of grieving, transvestism, identity problems, self-disclosure, inner guidance,  striving for endorsement, intolerance, courage 

Une nouvelle amie (Eine neue Freundin), France 2014, 105 min., directed by François Ozon, with Jonathan Louis, Roman Duris, Anaїs Demoustier  

A little ode to one of the piu grande film di tutti I tempi out of the shadow of Nassau – La Grande Bellezza

From the onset of this movie – one is literally taken by the hand on a journey to a place a select few have experienced and the rest only wish to be on.

The Great Beauty,” a terrestrial of knife-throwers and dwarves and epic parties and crumbling majesty. The deliriously multifaceted Jep, channels us through the chronicles of a 65-year-old luminary journalist, a man of haberdashery, a tantalizing womanizer who wrote an aspiring first novel 40 years ago and has consumed his evenings since then at nightclubs, art galleries, theaters, readings and too many all-night parties to count. Jeb didn’t just want to become part of Roman society, he recounts, he wanted to be its king; he didn’t want to be invited to the best parties, he wanted the power to ruin them. Now, speaking as a Poor Man’s version of James Bond, even in the substitute social cosmos of Roma the foundation of Jep’s prosperity and unaltered freedom would be an enigma for even 007 himself to unravel. Jeb sold his soul for an awe-inspiring penthouse apartment overlooking the Coliseum, an impeccably tailored designer wardrobe and a rotating cast of lovers that would tempt the devil himself for a similar deal. Jep had a life many other people would kill for, yet he’s burned out on it completely, and long ago lost track of the distinction between pleasure and boredom. “We’re all on the brink of despair. All we can do is look each other in the face, keep each other company, and joke a little. Don’t you agree?”

There’s an exhilarating sadness to it all that amounts to cinematic poetry and brilliance!

By INCOGNITO 2 SEE

A Human Drama: I’m not the story – Citizenfour

Laura,

At this stage I can offer nothing more than my word. I am a senior government employee in the intelligence community. I hope you understand that contacting you is extremely high risk and you are willing to agree to the following precautions before I share more. This will not be a waste of your time.

The following sounds complex, but should only take minutes to complete for someone technical. I would like to confirm out of email that the keys we exchanged were not intercepted and replaced by your surveillants. Please confirm that no one has ever had a copy of your private key and that it uses a strong passphrase. Assume your adversary is capable of one trillion guesses per second. If the device you store the private key and enter your passphrase on has been hacked, it is trivial to decrypt our communications.

Understand that the above steps are not bullet proof, and are intended only to give us breathing room. In the end if you publish the source material, I will likely be immediately implicated. This must not deter you from releasing the information I will provide.

Thank you, and be careful.

Citizen Four

Zu diesem Zeitpunkt Anfang 2013 als die regierungskritische US-Dokumentarfilm-Regisseurin Laura Poitras diese E-Mail von einem Unbekannten erhält, ahnt sie nicht, was in den nächsten Monaten auf sie zukommt. Heute kommentiert Poitras die Geschehnisse so: “I was sucked into the narrative in a way I have never experienced before and probably will never experience again.” (The New Yorker „The Holder of Secrets“, 20.October 2014). Diese E-Mail ist der Anfang des Films „Citizenfour“, sowie des Enthüllungsmarathons von Edward Snowden und Glenn Greenwald.

An diesem Dokumentarfilm ist manches außergewöhnlich. Die Geschichte wurde nicht aus der Retrospektive verfilmt, sondern in ihrer Entstehung und Entwicklung aufgenommen.  Laura Poitras hat den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden von Beginn seiner Enthüllungen an aus nächster Nähe begleitet und in Echtzeit dokumentiert, wie der Whistleblower in Hong Kong Beweise für illegale verdeckte Massenüberwachungsprogramme der NSA und anderer Nachrichtendienste vorlegte. Zu sehen ist auch, wie die ersten Veröffentlichungen einen Nachrichtensturm in der ganzen Welt entfachten – und wie Snowden klar wurde, dass er nie wieder so leben könne wie zuvor. Diese Geschichte, die als NSA-Affäre bezeichnet wurde, hat weitere Enthüllungen ausgelöst und gilt immer noch als politischer Sprengstoff.

Zuletzt wurde der Film mit einer Oscar-Nomination geehrt, obwohl sein Held als US-Bürger nie mehr den amerikanischen Boden betreten wird, seine Regisseurin seit Jahren auf einer US-Beobachtungsliste steht, mehr als 40 Mal an Flughäfen festgehalten und befragt wurde und deshalb in Berlin lebt. Eine willkommene Anerkennung von der Branche, die massgebend seit Jahrzehnten die Meinungsbildung in den USA  prägt! Die Kluft zwischen der Regierung und den Bürger, welche in Poitras Film durch Snowdens Aussagen hervorgehoben wird, breitet sich aus.

Für die Laura Potras ist es bereits die zweite Nominierung. “Citizenfour” ist nach “My Country, My Country” (2006) und “The Oath” (2010) der dritte Teil der 9/11-Trilogie, welche die Regisseurin dem sogenannten “Krieg gegen den Terror” der USA gegen die eigenen Bürger widmet. Im oscarnominierten „My Country, My Country“ zeigte sie 2006 die Folgen des Irakkrieges, indem sie den Alltag eines Arztes aus Bagdad aufnahm, der bei den ersten freien Wahlen für eine islamistische Partei kandidierte. In „The Oath“ von 2010 sieht man das neue Leben von Osama bin Ladens früherem Leibwächter Abu Jandal als Taxifahrer.

„Citizenfour“ kann man in drei Dimensionen auslegen. Als erstes liefert die Dokumentation sehr viele Informationen darüber, wie die Geheimdienste bei dem Ausspionieren  der Bürgern vorgehen. Edward Snowden erklärt detailliert, welche Institutionen, Programme und Techniken dafür zuständig sind. Das Thema der globalen Überwachung wird von verschiedenen Aspekten her – politischen, rechtlichen, ethischen – behandelt. Vieles davon ist uns nach den zahlreichen weltweiten Veröffentlichungen und Debatten bekannt. Und doch entsetzt erneut so eine umfangreiche, vom Snowden persönlich präsentierte Überwachungssystematik  mit ihrer ungeheuerlichen Reichweite. Die Fakten prasseln auf uns im gnadenlosen Tempo und wecken das Gefühl der Ohnmacht. “Sie sind in der Lage, 1000 Milliarden Anfragen pro Sekunde zu verarbeiten,”- nur ein Beispiel aus dem NSA-Megacomputer-Keller (US-Snoop-System).

Alles, was wir schon von Spielfilmen wie „The Conversation“ (1974, Francis Ford Coppola), „Enemy of the State“(1998, Tony Scott), „Minority Report“ (2002, Steven Spielberg) oder „Das Leben der Anderen“ (2006, Florian Henckel von Donnersmarck) kannten, verliert auf einmal fiktionale Züge. Die Realität wird spannender als die Fiktion („Citizenfour“ wird oft als Doku-Thriller bezeichnet).  Doch im Gegensatz zu den Spielfilmen wird seinen Helden keine Gerechtigkeit widerfahren. Snowden bleibt nach wir vor der Staatsfeind Nr.4. „No Place to Hide“ vom Glenn Greenwald wäre das Buch, aus dem vielleicht bald ein weiterer Film über die Ereignisse der NSA-Affäre erstehen könnte. Sony prüft die Optionen (Time, 26.10.14)…

Doch besonders gelungen ist der Film auf der emotionalen Ebene, da wir den Menschen Ed Snowden in den entscheidenden Augenblicken seines Lebens zu Gesicht bekommen. Laura Poitras wurde oft gefragt, wie sie selbst ihren Film sieht – als eine politische Reportage oder eher als persönliches Drama. Ihre Antwort war stets: a human drama. Es sind die privaten Begegnungen, die die weltpolitische Bühne schon fast in den Schatten stellen. Zum ersten Mal sehen wir Glenn Greenwald  am Laptop in einer absolut entspannten Umgebung in Brasilien – auf einer mit exotischen Pflanzen bewucherten Terrasse mit riesigen friedlich vor sich hin schlummernden Hunden. Snowden beobachten wir durch den aufmerksamen wie auch wohlwollenden Kamerablick fast ausschließlich in einem Hotelzimmer in Hong Kong, wie er ganz nah und privat im Bademantel auf dem Bett oder im Badezimmer seine Mission vollendet.

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Zwischen den drei Hauptprotagonisten Snowden, Greenwald und Poitras spürt man eine so bedingungslose Vertrautheit, dass man sich beinahe selber wünscht, derartig reine und intensive Kommunikationsfreude zu erleben – mit eigentlich fremden Menschen, die wie ein Monolith von einem Ideal zusammengeschweisst sind. Oft blickt Snowden fragend, nach Bestätigung suchend, erleichtert oder besorgt in die Kamera zu Poitras… Das sind sehr innige Augenblicke, die Befürchtungen und Hoffnungen beinhalten: Wie wird es sein? Wird es so sein, wie es sein sollte?!

Es ist definitiv so geworden wie es sein sollte. Snowden kommt sehr sympathisch rüber:  attraktiv, intelligent, kompetent, bescheiden, trotz enormem Druck ruhig und ausgeglichen, ein junger Amerikaner mit geheimem Wissen im Gepäck, mit Humor, klarem Verstand, Prinzipien und starkem Willen, seiner Geschichte, nicht sich selbst („I’m not the story“ ist zum Leitmotiv des Citizen Four geworden) Gehör zu verschaffen. In Ian McEwans Roman „Sweet Tooth“ (2012) über die MI6 Praktiken aus den 60er Jahren schwärmt die junge Spionin Serena von einem Typus Mann – klug, erfindungsreich, zerstörerisch, zielstrebig, der für sie wie auch für die Menschheit „unentbehrlich“ ist: „Ohne sie würden wir immer noch in Lehmhütten hausen und auf die Erfindung des Rades warten. Die Dreifelderwirtschaft wäre niemals eingeführt worden….“ Snowden, auch Greenwald sind die aktuellen Versionen dieser Gattung. Helden von heute müssen nicht das Rad neu erfinden. Nicht die Erfindungen sind gefragt, sondern die Werte, die dahinter stehen oder abwesend sind. Wie man sie identifiziert, anzweifelt und unter Einsatz eigener Freiheit in die Welt hinausträgt ist ein beachtlicher Entwurf des modernen Heldentums.

Auch künstlerisch bietet der Film besondere Momente. Gleich am Anfang hören wir eine leicht wehmütige Frauenstimme, welche die E-Mails von Citizen Four vorliest, vereinzelnd begleitet vom klackenden Tastaturgeräusch. Wie die Geschichte selbst, werden auch die alles in Gang setzenden E-Mails erneut auf der Leinwand entstehen. Mit der schmalen Kameraöffnung werden die aufeinander folgenden Lichtstriche wie Morse-Codes in einem Tunnel aufgenommen.  So fängt auch „Lost Highway“ (1996, David Lynch) an. Wir können uns sofort auf eine ominöse Stimmung einstellen, die uns bis zum Schluss begleiten wird. Eine überdimensionale Baustelle, die Poitras über längere Zeit hinweg filmt,  verströmt eine flimmernde Hitze,  welche nahezu auf der Haut zu spüren ist… Das weisse Hotelzimmer 1014 befindet sich auf einmal für acht Tage im Juni 2013 mitten im Film- und Geschichtsuniversum und strahlt fast schon eine buddhistische Ruhe aus. Die Nachrichtenströme am TV-Bildschirm, die ununterbrochen ihre Feedbacks abgeben, versuchen die zwischenmenschliche Harmonie zu durchbrechen… Alles an dieser Dokumentation ist gut durchdacht und eindrucksvoll ausgeführt.

Conklusion: „Citizenfour“ ist ein beeindruckendes Dokument unserer Zeit, das auch auf der persönlichen und künstlerischen Ebene absolut überzeugt.  Es zeigt souverän und konsequent, wie die grösste Demokratie der Welt auf das Nötigste reduziert wird. Was der Film zu bewirken vermag, wären Denkanstösse an die Mitbürger, die ihre Privatsphäre leichtsinnig auf den sozialen Netzwerken hinausposaunen, ihre Netzvorlieben großspurig den omnipräsenten US-Geheimdiensten zur Verfügung stellen… Und die Nachfolgertaten. „Citizenfour“ lässt auf eine Fortsetzung spekulieren. Doch es wird nicht zwingend ein „Citizenfive“ geben.  Es stellt sich nur die Frage: wie würde wohl unsere Welt aussehen, wenn ein Dutzend, vielleicht auch ein hundert Bürger mehr ihre Jobs hinterfragen würden?

Prescription for: predominant majority of citizen who believe and argue: Yes, but it won’t happen to me, and, anyway, I have nothing to hide.

Citizenfour, USA, Germany 2014, 114 Min., Directed by Laura Poitras. With Edward Snowden, Glenn Greenwald, William Binney, Jacob Appelbaum, Julian Assange.

Kinostart: 19.02.2015 (Deutschschweiz)

Russia today – Durak

In einem Rechtsstaat  ist aufrichtiges Verhalten erstrebenswert. In Russland wird es missverstanden, belächelt, in den Dreck gezogen. Davon erzählt der neue Streifen von Yurij Bykow „Durak“ („Blödmann“). Wie auch seine vorherigen Filme („Leben“, „Mayor“) ist es ein scharfes soziales Drama, in welchem ein Einzelner dem System zu trotzen versucht und dabei selbst zugrunde geht.

Der junge Regisseur dreht seine Filme fast im Alleingang. Bykow führ die Regie, schreibt selbst die Drehbücher, komponiert die Musik, macht den Schnitt und spielte sogar eine Hauptrolle („Mayor”, 2013).  Am liebsten würde er auch für die Lichtverhältnisse sorgen, – erklärt Bykow im Dezember 2014 dem russischen TV-Kinomagazin „Kinopoisk“  („Filmsuche“). Der Grund dafür ist banal. In Russland eine zuverlässige Filmcrew  aufzutreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es wird einfach viel zu viel und viel zu oft gesoffen. Deshalb übernimmt Bykow so viele Aufgaben selbst.

Viel zu viel und viel zu oft wird logischerweise auch in „Durak“ gesoffen. Das ist vermutlich eines der wenigen Verbindungselemente, das die zwei weit von einander entfernten Kasten, die regierenden Apparatschiken und das Volk, zusammenschweisst. Gesoffen wird in einem heruntergekommenen Wohnheim, wo Geschrei und Gejohle, Drogenkonsum und Schlägereien an der Tagesordnung sind. Gesoffen was das Zeug hält wird auch im noblen Restaurant, in welchem die regierende Bürgermeisterin ihren Geburtstag feiert. Zwischen diesen beiden Welten versucht der junge Bursche namens Dima (Artiom Bystrov, Bester Schauspieler in Locarno 2014)) verzweifelt zu vermitteln.

Der Klempner, Bauingenieur-Student und Vater mit gesundem Menschenverstand und angeborenem Sinn für Gerechtigkeit hat per Zufall festgestellt, dass ein maroder Wohnkomplex, in welchem 820 Menschen daheim sind, bald einstürzen wird. So beginnt seine Odyssee durch die verschneite, nächtliche Stadt auf der Suche nach Beistand und Menschlichkeit. Doch rasch wird ihm klar, dass niemand bereit ist, das Richtige zu tun:  den Notstand auszurufen und die Bewohner zu evakuieren. Die unermesslich korrupten Kleinstadtfürsten nehmen alles in Kauf (das Leben von 820 Menschen, Ermordung ihrer Kollegen), um an der Macht zu bleiben und weiter ungehindert abkassieren zu können.

Auch Dimas Familie ist nicht bereit, einer elementaren menschlichen Logik zu folgen. Für seine Mutter und seine Frau ist er ein Blödmann. Er soll sich besser um die eigene Familie und deren Wohlstand kümmern. Die Anderen sind fremd, und man kann den Systemsumpf nicht durchschauen, geschweige denn bekämpfen. Sogar die zukünftigen Opfer wollen lieber in ihren stinkenden Unterkünften sitzen und nichts gegen das eigene Elend unternehmen. Für sein Heldentum wird Dima auch von ihnen bestraft.  Ursprünglich gab es eine zweite Version des Finales – mit einem Hoffnungsschimmer. Doch der Regisseur hat sich für den absoluten Abgrund entschieden. So wird das Porträt des für viele unbegreiflichen Landes noch schärfer, entsetzlicher und realer.

Gleichermassen speziell wie die Umstände, ist auch die Sprache im Film. Von dem mächtigen Sprachvermögen der weltweit verehrten russischen Poeten ist nicht viel übrig geblieben. Gesprochen wird wie gelebt – rissig, ruppig, rau. Und gewiss kommt kaum ein Satz ohne allgegenwärtigen Mat (das System der russischen Mütterflüche) aus. Im Mai 2014 wurde in Russland ein Gesetz verabschiedet, welches das Fluchen im Kino, auf der Bühne und in der Literatur verbietet. Das Verbot wurde von den Kulturschaffenden als Verbannung des Realismus aufgenommen.  Auch aus diesem Grund hat der dieses Jahr mir dem Film „Leviathan“ auf den Oskar nominierte Regisseur Andrey Zviaguintsev (Golden Globe-Gewinner) die Befürchtung, dass sein Film in der Heimat nie aufgeführt werden wird. Der offizielle Start sollte im Februar 2015 erfolgen. Die Patriarchen der orthodoxen Kirche haben beim Kulturministerium eine Petition mit der Bitte um ein Verbot des Filmverleihs  in Russland eingereicht. Zu viel Unfug werde dort gezeigt! Der Film sei antirussisch und repräsentiere das Böse!

Nun, der Film „Durak“ war kurz  in wenigen  Kinos in Moskau zu sehen.  In Tula, wo die Dreharbeiten stattfanden, wurde er nie gezeigt.  Da es sich in diesen Filmen  um die Gegebenheiten in den Provinzen dreht, weit weg von der Hauptstadt, und da sie internationalen Erfolg geniessen, wird ihre Aufführung von der staatlichen Macht toleriert, aber auf keinen Fall gutgeheissen.

Was den Regisseur mehr beunruhigt, ist die Tatsache, dass sein Zielpublikum – der Durchschnittsbürger – den Film nie zu Gesicht bekommen könnte, falls er am TV nicht ausgestrahlt werden darf („Isvestija“, 20.08.14). Der Kulturminister Medinskuj  hat sich geäußert, dass dieser Streifen den Blick auf Russland verzerre und nur das Schlechte zeige.  Die sowjetischen Politiker waren stets um den Schein und nicht um das Sein bemüht. Die heutigen Führer folgen der gleichen Logik (z.B. beim Sotschi-Spektakel). Nur die Wahrheit sickert meistens durch. Wie es im Inneren des Riesenreiches aussieht, zeigen Filmen wie „Durak“ und „Leviathan“ auf beeindruckende Weise.

Conclusion: „Durak“ bedient keine besonderen künstlerischen Ansprüche. Das war auch nicht Bykows Ziel. Sein Film bezeichnet er selbst als Plakat, Slogan, Schrei („Isvestija“, 20.08.14). „Durak“ (ebenso wie „Leviathan“) liefert Antworten auf die folgenden Fragen: Warum und wie verschwinden die russischen Journalisten, Oppositionelle und Rechtsaktivisten spurlos? Wie weit wird man gehen, um das alte System aufrecht zu erhalten? Was sind die Ursachen der Korruption? Wieso macht das Riesenvolk mit? Bewundernswert ist der Mut der Filmemacher. Sie sind Einige  der Wenigen, die sich im heutigen Russland einen freien Blick auf das Geschehene leisten,  ihre Kameras auf die gravierende Missstände richten, um souverän und konsequent die ganze entsetzliche Wahrheit aufzuzeigen. So viel Zivilcourage muss wenigstens mit unserer Aufmerksamkeit belohnt werden!

Prescription for: family and society, priorities and moral choice, corruption and murder, Russia yesterday and today

Listen to: Calm Night (Spokojnaja Notsch) – Viktor Zoi

Durak (The Fool), Russia 2014, 112 Min. Directed by Jurij Bykow. With Artiom Bystrow, Natalia Surkowa, Juri Zurilo, Boris Newsorow

The genesis of an everlasting cult classic – or why we are always confusing love for admiration?

“You can come through or not, depending on how dark the cloud is. But I think there’s a time when things that used to satisfy you or you thought were important, you realize are not important. Time is running out, the party lights are blinking, there is no more ice in the bucket. And you begin to realize the party will finish very soon in some way or the other”

An diesem Punkt stand der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu, 51, nicht vor allzu langer Zeit, wie er dem Filmkritiker Elvis Mitchell in einem Interview verriet. An den gleichen Punkt wie auch Michael Jackson, Leo Tolstoy und Raymond Carver –  und wie wahrscheinlich noch einige, die allenfalls einen kleineren Einfluss auf die Kulturgeschichte gehabt haben – gelangten, als sie das Ende ihres 5ten Lebensjahrzehntes erreichten. Jackson und Carver starben, Tolstoy raffte sich nochmals auf und lebte weitere 30 Jahre. Dasselbe hofft man inständig auch für Iñárritu, dessen Verarbeitung seiner Lebenskrise nun in 2 Wochen in die Schweizer Kinos kommt unter dem Titel „Birdman – The Unexpected Virtue of Ignorance“.

Iñárritu, welcher sich mit seinen bisherigen Filmen (Amores Perros, 21 Gramm, Babel und Biutiful) als ungekrönter Meister des tieftraurigen Zelebrierens der unausweichlichen Niederlagen und Verluste des menschlichen Wesens hervorgetan hat – und sicherlich auch den Rekord hält, mit seinen Werken die definitiv wenigsten Lacher in der Filmgeschichte produziert zu haben (nicht umsonst nennt man seine ersten 3 Werke die sogenannte „Death Trilogy“) – hat sich nun entschlossen, das menschliche Drama als Komödie zu inszenieren. Nach dem Motto, jede Tragödie wird irgendwann komisch, wenn man sie nur genug aufbläht.

Als ich – zusammen mit Daniel Schuler (Miteditor TDS) – im letzten Herbst die Schweizer Erstausstrahlung von Birdman anlässlich des 10th Zürich Filmfestival besuchen ging, war die persönliche Erwartungshaltung eher gemischt. Trotz dem Wissen um die Qualität von Iñárritu (Amores Perros & Babel gehören zum meinen All-time Favourits) war es doch irgendwie nahezu unvorstellbar, dass genau dieser Regisseur sich jetzt auf dem Gebiet des Komischen betätigen würde. Man hätte wahrscheinlich ähnliche Vorbehalte, wenn Woody Allen den nächsten James Bond inszenieren würde (oder diesen spielen würde). Als dann der Produzent von Birdman, John Lesher, welcher im Corso 1 ein kurzes Vorwort hielt, sich dahingehend äusserte, dass sie Birdmann im Frühjahr ’14 in nur einem Monat relativ schnell abgespult haben und Iñárritu auch nicht persönlich in Zürich anwesend sein könnte, da er bereits mit Tom Hardy und Leonardo Di Caprio an den Dreharbeiten zu „The Revenant“ war, dachte ich, nun gut, eine Fingerübung so zwischendurch…hoffentlich wenigstens amüsant. Aber es kam anders. Ganz anders.

Es passiert einem sehr selten im Leben als aktiver Cineast, aber nach ca. 10 – 15 Min. Filmdauer schauten Daniel und ich uns kurz an, da wir beide intuitiv spürten, wir sind da Zeuge von etwas Grossem, etwas Neuem, ja fast schon Ungeheuerlichem. Aber in einem höchst unterhaltsamen und vor allem urkomischen Sinn. Seltsamerweise waren wir, neben der allgemein spürbaren und ungläubigen Bewunderung des Gezeigten, –  wenigstens gefühlt – die einzigen, welche sich in der dortigen Vorstellung förmlich krummgelacht haben. Und man stellte nach der Vorstellung unter dem Publikum eine beinahe andächtige Stimmung fest. Schockiert,  fasziniert und belustig zugleich. Unzählige Menschentrauben standen vor dem Corso, murmelten aufgeregt über das Gesehene. Der Versuch einer Einordnung eines an sich tragischen schockierenden Dramas. Welches zur Komödie aufgebläht wurde.

Michael Keaton, ja genau der, welcher mal in den 80-iger Jahren den Batman verkörpert hat, spielt hier Riggan Thomson, welcher vor 20 Jahren ein internationaler Superstar geworden ist, durch seine Verkörperung des Comichelden Birdman, aber nach 2 Fortsetzungen mehr Anerkennung suchte, Teil 4 ausschlug, und anschliessend in der Versenkung verschwand. Wie Michael Keaton auch (der aber nur eine Fortsetzung von Batman machte). Jetzt ist Riggan Thomson aber zurück, steckt seine ganzen verbliebenen Ersparnisse in die Inszenierung des Theaterstückes von Raymond Carver (siehe Intro) –  „What We Talk About When We Talk About Love“ –, welches er nicht nur inszeniert, für die Bühne umschreibt, sondern darin auch die Hauptrolle spielt. Und dies auf der renommiertesten Theatermeile der Welt, dem Broadway. Das perfekt inszenierte Comeback. Das Zurückgewinnen von Einfluss, Respekt, Erfolg, Macht, Reichtum, Anerkennung…und Liebe. Selbstverständlich, wie oft, wenn man nicht nur von hehren Zielen getrieben wird, kann man sich nicht vollständig auf die Unterstützung des Schicksals verlassen. Sein unfähiger Nebendarsteller im Stück lässt er kurzerhand mittels einem herunterfallenden Requisit auf der Theaterbühne ausschalten, worauf er mit einer existenzbedrohenden Schadenersatzklage konfrontiert ist, der daraufhin engagierte Nachfolger und vermeintliche Glücksgriff für die Produktion, Mike Shiner (Edward Norton), ein arroganter, selbstverliebter Hollywoodstar, welcher nicht nur auf Anhieb das Drehbuch von Riggan hinterfrägt –  obschon er es einwandfrei auswendig kann, auch die Passagen von Riggan – sondern auch in den Proben auf der Bühne richtiger Gin statt Wasser trinkt, seinen Co-Star (Naomi Watts) zum echten Sex auf der Bühne zu animieren versucht (da er es nur noch dort kann), sondern sich auch der Tochter von Riggan, welcher dieser – frisch aus der Reha – als Produktionsassistentin eingestellt hat, annähert. Zudem kündigt ihm die allmächtige New Yorker Theaterkritikerin der New York Times an, dass sie das Stück so oder so in Stücke zerreissen wird, da sie die arroganten Hollywood Typen, welche sich am Broadway profilieren wollen, grundsätzlich als unfähig betrachtet und überhaupt abgrundtief verachtet. Abgerundet wird das Szenario von Birdman selber, Riggan’s dazumalige Superhero-Rolle, welcher ihn niemals wirklich losgelassen hat und neuerdings als seine innere Stimme, Ratgeber und Mahner eine immer dominanter Rolle – wenigstens in seinem Kopf – einnimmt und ihm die Aussichtlosigkeit seines ambitionierten Unternehmens vor Augen führt und ihm anstelle die unzähligen Vorzüge einer möglichen Rückkehr zu einer weiteren Fortsetzung von Birdman unablässig eintrichtert…und es sind noch 3 Tage bis zur Premiere…

“I want to do a film about the theater, in one shot.” Dies war die Grundprämisse von Iñárritu als er die Idee zu diesem Film hatte und er setzte dies – auch nach dringendem Abraten von seinen Produzenten, Mitautoren und auch Kameramann – konsequent um. Ausser der Anfangsszene und dem Schluss, hat man das Gefühl, dass alles in einem flüssigen Shot ohne Unterbruch gedreht worden ist. Hintergrund war die Erkenntnis, welche Iñárritu durch endlose Diskussionen mit seinem Cutter Walter Murch gewonnen hat, dass wir eigentlich unser Leben,  wie einen andauernden Steadicam shot wahrnehmen. „From the time we open our eyes in the morning, we are navigating our lives without editing”. Und genau so soll es sich auch anfühlen.

In dem engräumigen Broadway-Theaterhaus, wo der Film zum grössten Teil spielt, folgt man Riggan, wie er gehetzt durch die Gänge schreitet, hie und da Wortfetzen seinen Schauspielern, Tochter (Emma Stones), Manager (Zach Galifianakis) hinschmeisst, weiterstresst zu den Proben, diese ungeduldig, genervt und manisch absolviert, dann zurückeilt in seine Umziehkabine, dort in die schizophrenen Wortgefechte mit seiner inneren Stimme – also Birdman – involviert wird (wenn er nicht gerade meint, dass die übernatürlichen Kräfte von Birdman auf ihn übergegangen sind und er im Yogasitz im Raum schwebt), die oftmals in der Demolierung des ganzen Mobiliars münden, dann wieder zurück auf den Gang, eilend zu seinem Manager…Unterlegt ist dies alles mit einem ebenso manisch gehetzten, vibrierenden Percusion Jazz von Antonio Sanchez, welcher man plötzlich – ganz nebenbei – hinter seinem Schlagzeug in einer Nische in einem der endlos scheinenden Gänge des Theaterhauses spielen sieht – natürlich den gerade in der Szene benutzten Soundtrack . Man ist Riggan immer auf den Fersen, eigentlich wird man zu Riggan und ist inmitten dieses puren Wahnsinns der Broadway Theaterszene. Natürlich nicht ohne im ständigen Meta-Dialog mit der aktuellen Superheldenmanie im Kino zu stehen, dem Verhältnis von Hollywood zum Theater, dem Selbstverwirklichungs- und Anerkennungswahn der hypersensitiven Kultur-Szene unter dem latent spürbaren Damoklesschwert des Alterungsprozesses, der Endlichkeit der Existenz, der Tatsache, dass die Party bald zu Ende sein wird.

Gemäss dem verantwortliche Kameramann Emmanuel Lubezki (Gravity) ist die ganze Inszenierung des „alles-ist-in-einem-Fluss“ nur eine grosse Illusion, Kameraführung und Bildbearbeitung sind komplett manipuliert, alles ein Trick, der aber in der Kinogeschichte in dieser Form einmalig ist und handwerklich – was Bild, Schnitt und Musik anbelangt, neue Standards setzt. Es sieht alles nach einer improvisierten Spielwiese für durchgeknallte kreative Chaoten Köpfe aus, letztlich wurde aber gar nichts dem Zufall überlassen und ist bis zum letzten Nagel durchperfektioniert. Was die Dreharbeiten extrem schwierig gestaltete. Denn obschon die Drehzeit nur 30 Tage betrug, wurde die ganze Szenengestaltung schon Monate im Voraus in einem leeren Raum choreografiert und akribisch genau geplant. Gemäss Iñárritu war dann der Drehprozess als solcher mit einem Jazzkonzert vergleichbar, da alles im Fluss bleiben und unmittelbar natürlich wirken musste, was aber enorm aufreibend war, da während dem Drehen, jedes Wort, Bewegung und Kamerabild passen musste und die Fehlertoleranz bei null lag, was auch die Darsteller an ihre emotionalen Grenzen trieb.

Was aber letztlich die Leistung aller Schauspieler nur nochmals zusätzlich beflügelte und so für alle Beteiligen (Edward Norton, Naomi Watts, Emma Stones, Zach Galifianakis) ein karrieretechnischer Meilenstein darstellt. Nicht gemessen am Einspielergebnis, sondern – wie im Film verzweifelt gesucht  – gemessen an der künstlerischen Reputation. Eine weitere Vermischung von Film und Realität, da viele der Beteiligten in letzter Zeit genau in diesem Comic-Superhelden Genre zu sehen waren (Norton: Hulk/Emma Stones: Spiderman 2).

Was Michael Keaton hier aber bietet ist pure Magie. Ein Comeback in diesem Ausmass hat es meiner Ansicht nach noch nie gegeben und stellt sogar John Travoltas damalige Rückkehr auf die Leinwand mit Pulp Fiction in den Schatten. Man weiss nicht wirklich, warum dieser Mann in der Versenkung verschwunden ist und auch in seiner Blütezeit, den 80iger, nicht wirklich mit hochkarätigen Produktionen (Beetlejuice?) gepunktet hat. Aber sein Minenspiel, welches innerhalb von Sekunden von purer scheinbarerer Selbstzufriedenheit in manische Aggression, Resignation oder schiere Verzweiflung wechseln und nie, wirklich nie antizipiert werden kann,  ist pure Genialität und trägt massgeblich zur überschiessenden Komik in diesem Film bei. Weil, wie soll wahre Komik entstehen, wenn nicht aus dem wahrlich Unerwarteten?

Für Iñárritu, welcher für diesen Film die Regie für True Detective und Hunger Games ausschlug, ist dieses Werk, wahrscheinlich auch für ihn unerwartet, zum Opus Magnum seines bisherigen Schaffens geworden. Eine Komödie. Sicherlich gehört dieser Mann zu den talentiertesten und feinfühligsten Künstler unserer Zeit, aber wahrscheinlich löste genau seine ganz persönliche Lebenskrise dieses gewisse Etwas aus,  was zu dieser ungeheuerlichen Freilegung von Kreativität beitrug und ihn befähigte, das Timing durgehend so perfekt zu treffen, was Birdman unweigerlich auf Anhieb in den Rang der besten Filme aller Zeiten katapultierte und den Zuschauer effektiv Knockout schlägt. Quasi ein Naturereignis (wer den Film gesehen hat, versteht diesen Nachsatz…)

Zu den besten Freunden Iñárritu‘s gehören die beiden mexikanischen Regisseure Guillermo del Toro (Hellboy & Pans Labyrinth) und Alfonso Cuaron (Great expectations, Gravity), welche sich untereinander in einer schonungslosen offenen Kommunikation mit Rat und Tat bei ihren jeweiligen Filmprojekten zur Seite stehen. So waren die beiden dann auch die ersten, welchen Iñárritu Birdman vorspielte. Was dann passierte schilderte Iñárritu in einem Interview folgendermassen: Guillermo never drinks but after he saw it he said, “I need a fucking drink”. And he got so drunk because he was so shocked and so moved by the film. I had never seen him like that.

Wenn Sie also zur Sorte Leute gehören, die pro Jahr höchstens einmal ins Kino gehen, dann ist die Zeit für Sie schon jetzt im Januar gekommen.

Vorgewarnt sind Sie ja jetzt.

Conclusion: Iñárritu schuf mit seiner Geschichte über einen ehemaligen Hollywoodstar, dessen Karriere sich im freien Fall befindet und sich mit einem Theaterstück am Broadway künstlerisch und finanziell wieder rehabilitieren will, aber durch widrige Umstände und wachsende Selbstzweifel langsam in den Wahnsinn abdriftet, ein Meisterstück von einer solchen kreativen und spielerischen Durchschlagskraft, die einem Faustschlag in die sprichwörtliche Fresse des Publikums gleichkommt. Da aber die Party für uns alle irgendwann langsam zu Ende geht, geniessen wir den Schmerz – amüsiert, fasziniert und irritiert – solange wir noch was fühlen können. Ein Spektakel ohnegleichen. 

Prescription for: sanity, narcissism, parenthood, marriage, creative integrity, artistic legacy, black humour

Listen to: Birdman (Original Motion Picture Soundtrack) by Antonio Sanchez (Artist) – Jazz

Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance), USA 2014, LZ 119 Min., Directed by Alejandro González Iñárritu. With Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone, Naomi Watts

Kinostart: 29.01.2015 (Deutschschweiz)

The Eyes of Sofi – I Origins

Sofi: When I saw you, I had the feeling I had known you – like we are connected from past lives

Ian: I don’t believe in that

Sofi: What do you believe in?

Ian: I’m a scientist. I believe in proof

Dies sagt Ian zu Sofia, nachdem er sie endlich wieder gefunden hat, nach einer ersten Begegnung ein paar Tage vorher auf einer Art Kostümparty, die nach einem kryptischen verführerischen Wortgefecht auf einem gemeinsamen Toilettengang endete, dies aber ohne Entledigung ihres Kostümes, welches eine Art Mischung aus Catwomen Suit und Burka darstellte und nur die Augenparty enthüllte, was die Wiedererkennung bei Tageslicht nicht vereinfachte und in Anbetracht der Tatsache, dass auch weder Namen und Nummern ausgetauscht worden sind, ein Wiederfinden in einer Stadt wie New York als nicht sehr realistisch eingestuft werden konnte.

Da Ian aber Molekularbiologe ist und an der Evolution des Auges forscht und auch privat so sehr an der Iris des Menschen interessiert ist, dass er wo immer möglich Fotografien von Augenpaaren macht – wie auch von denjenigen von Sofi an der besagten Kostümparty – ist dieser einzige Anhaltspunkt – die Augen von Sofi – die Karte zum Weg zurück zu ihr…

Aber nicht nur zu ihr. Sondern vor allem auch zu ihm selbst. Denn ihre Augen werden es ganz am Ende dieses Filmes sein, welche seine Weltanschauung und seine Festklammerung am rational Wissenschaftlichen in den Grundfesten erschüttern lassen werden….

Die Augen als Spiegel zur Seele. Darwinistische Evolutionstheorie contra göttliche Schöpfungsmacht. Tod und Wiedergeburt. Schuld und Erlösung. Liebe und Schicksal. Suchen, Finden, wieder verlieren…und Wiederfinden.

Wie schon in seinem in umjubelten Erstlingswerk „Another Earth“, welches er für nur USD 200‘000.—abdrehte und 2011 am Sundance Filmfestival uraufgeführt wurde (ausgezeichnet mit dem U.S. Dramatic Competition Special Jury Prize), schafft es Mike Cahill auch in seinem neuen Werk, grosse theologische und philosophische Fragen, mit wissenschaftlichen Elementen und zugleich grossen menschlichen Dramen zu verbinden.

Es ist deshalb auch nicht wirklich möglich seine Werke zu kategorisieren. In „I origins“ wägt man sich anfänglich in einem klassischen Liebesfilm, befindet sich im nächsten Moment in einer Art semidokumentarischen Abhandlung à la Steven Hawking über die wissenschaftliche Grundierung der Evolutionstheorie, nur um in der nächsten Szene Zeuge von übernatürlichen Zeichen und mystischen Bedrohungen zu sein um dann plötzlich einem Ehe- und existentiellem Selbstfindungsdrama epischen, weltumspannenden Ausmasses beizuwohnen. Mike Cahill bleibt seinem Stil treu und inszeniert dies – wie schon auch „Another Earth“ in einer kühl-düsteren Bildsprache, die einerseits in langen intimen Einstellungen verharrt, anderseits auch immer wieder spektakuläre Weitwinkelaufnahmen auf die Leinwand zaubert, welche man gerade so gerahmt an die Wand hängen möchte…es ist schon erstaunlich, wie mit so einem minimalen Budget ein solche stringente Aesthetik umgesetzt werden kann. Nicht zu vergessen selbstverständlich die schauspielerische Leistungen, denn die Besetzung ist superb, allen voran Michael Pitt als Ilan, welcher schon in „The Dreamers“ von Bernardo Bertolucci ein markante Fussnote hinterliess, sonst aber – ausser in dem amerikanischen Remake von „Funny Games“ – unerklärlicherweise sehr selten in tragenden Rollen zu sehen ist. In den weiblichen Hauptrollen überzeugt einmal mehr Brit Marling, welche als Co-Autorin zusammen mit Mike Cahill schon „Another Earth“ geschrieben hatte, worin sie dann auch die Hauptrolle spielte (und seit dort auch u.a. in „Arbitrage“ die Tochter von Richard Gere oder „The company you keep“ von Robert Redfort mitspielte) und dann noch natürlich Àstrid Bergès-Frisbey als Sofi, genau die mit den Augen, welche von 2011 von Jerry Bruckheimer und Regisseur Rob Marshall für den vierten Teil der Piraten-Saga, „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“ entdeckt wurde und sonst eher als Model unterwegs ist, was die Qualität ihres Auftrittes in diesem Film nicht schmälert…au contrair!

Konklusion:

„I origins“ gehört zu der Sorte Film, welche man  typischerweise – ausser eingefleischte Cineasten natürlich – im Kino verpasst, da diese –  wenn überhaupt – meistens nur 1-2 Wochen laufen, ohne grosse begleitende Pressegeräusch und dann oftmals unbemerkt im Fernsehen im Nachtprogramm bei Arte anlaufen. Atmosphärisch dicht, ungeheuer spannend, visuell berauschend und tief berührend werden hier grosse philosophische Themen um die Widersprüche von Wissenschaft und Religion, Tod und Inkarnation mit einem wahrlich dramatischen Liebesdrama kunstvoll verbunden. Mike Cahill gehört schon jetzt nach seinem 2. Spielfilm zu einem der vielversprechenden und interessantesten Regisseuren in der gegenwärtigen Filmindustrie. Man wagt es sich kaum vorzustellen, was er für Filme machen würde, wenn er mal mehr als USD 200‘000.—zur Verfügung hätte.

Prescription for:  interest in philosophical discourses, interest in science affairs, religious doubts, religious interest, believer of eternal love, melancholic mood, lovers of beautiful eyes, interest in supernatural phenomenons, drama lovers.

Listen to: Dust It off – The DO

I Origins, USA 2014, 113 min., from Mike Cahill, with Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Berges-Frisbey   

Dostojewski in Anatolia – Winter Sleep

Es gab kaum ein Film in diesem Jahr, der so gut bewertet wurde wie der „Winter Sleep“ von Nuri  Bilge Ceylan. Die meisten Kritiker sind sich einig: hier haben wir mit einem klaren Meisterwerk zu tun. Die „Goldene Palme“ hat er auch schon in Cannes gewonnen. Entsprechend hoch waren meine  Erwartungen.

Nun, nach über 3 Stunden und 16 Minuten des fast vollkommenen Filmgenusses musste ich dennoch feststellen: „Winter Sleep“ ist sehr, sehr lang… Die einzelnen Dialoge mit den heftigsten Sequenzen dauern beinahe 20 Minuten. Dabei besteht der ganze Film überwiegend aus aufeinanderfolgendem Gedankenaustausch.

Schon allein aus diesem Grund ist er schwermütig, vergleichbar mit Lesespass und Lesefrust, die beim Ergründen der Hardcore-Literatur (S.Beckett, A.Camus, G.G.Markes etc.) entstehen. Der Film  hat auch einen deutlichen literarischen Touch. Als seine Inspirationsquelle nannte der Regisseur und Drehbuchautor Ceylan den russischen Meister der Kurzerzählung  Anton Tschechow. Es gibt tatsächlich zahlreiche Parallelen zwischen  Helden von Tschechow und Ceylan. Doch mit seiner Langatmigkeit, Auffassungsdichte und Komplexität erinnert mich der Film vielmehr an Dostojewski.

In der anatolischen Provinz betreibt der ehemaliger Schauspieler und Grossgrundbesitzer Aydin (Haluk Bilginer) ein feines, naturbelassenes Hotel namens Othello (die Hommage an Shakespeare ist klar spürbar im ganzen Film). Er ist der König seines kleinen Reiches. Der in Höhlenfelsen gemeisselte Ort wirkt schon fast virtuell. Diese Geschichte könnte in jedem Land, in jeder Zeit erzählt werden. Wir sind zuhause bei einem Intellektuellen, von der Religion losgelösten Freigeist, der dank finanzieller Unabhängigkeit und inspirierender Umgebung seine Tage mit Philosophieren und Schreiben verbringt.

Doch die ersten Eindrücke täuschen. Zuerst plagen ihn die zahlungsunfähigen Mieter, was Aydin noch gut verkraften kann. Am meisten verletzen den etwas angeschlagenen Mann jedoch zwei Frauen, die ihm am nächsten stehen, – seine junge schöne Frau Nihal (Melisa Sözen) und seine geschiedene scharfsinnige Schwester Necla (Demet Akbag). Sie sind nicht willig, ihn in dem Glauben zu lassen, gütig, gerecht und frei zu sein. Auch wenn die Frauen nicht unbedingt rebellieren, schaffen sie es gekonnt, mit perfiden Worten ihre Verachtung und Distanziertheit ihm gegenüber deutlich zu machen.

Suchend nach Schutz gegen diese stetigen Nadelstiche beabsichtigt er, nach Istanbul zu flüchten – in die grosse weite Welt. Aber dort wird er nie ankommen. Um abzuwarten und wieder zu sich selbst zu finden, wohnt er vorübergehend bei seinem Kumpel. In dieser männlichen Genügsamkeit gibt es viel Wein, Gerede und eine fulminante Jagdszene, die den Aydin schlussendlich zurück nach Hause bringt – mit der Beute, dem archaischen Beweis seiner immer noch vorhanden Männlichkeit, bereit die aus den Fugen geratene Ordnung wieder herzurichten oder die Geringschätzung über sich ergehen zu lassen.

Es gibt bestimmt ein dutzend Szenen im Film, die sich wie Messerstiche in das Gedächtnis einritzen: Das Klirren der zerbrochen Fensterscheibe im Aydins Auto, in der Unterkunft des Haus des von Stolz zerfressenen Mieters, die Zähmung des wilden Pferdes, die vatergleiche Blicke und Ohnmacht des Kindes, ein in Flammen zergehendes Bündel Geldscheine…. „Winter Sleep” ist eine einzige Kaskade aus solchen symbolbeladenen Bildern, die durch die Schubert’s Piano Sonata No. 20 noch mehr greifen. Deshalb schwankt seine Wirkung stark zwischen Faszination und Schwermut.  Wie beim Dostojewski. Es gibt keine Gewinner, im Grossen und Ganzen verlieren wir alle. Was uns bleibt ist der Weg – durch die düsteren Landschaften unserer Verirrungen – in der Hoffnung auf ein bisschen Glück und Anerkennung. Eine ernüchternde, trostlose Botschaft.

Der Film hat auch ein sehr literarisches Ende. Die Heilung kommt mit oder durch das Schreiben. „Die Geschichte des türkischen Theaters“ soll ein Buch werden, das mehr Sinn und Beständigkeit in Aydins Leben bringt. Ob die Frauen ihn dabei unterstützen oder weggehen ist ungewiss.

Konklusion:  „Winter Sleep“ verlangt dem Zuschauer viel Geduld und Ausdauer ab. Die subtile düstere Schönheit der Bilder entlastet nicht in geringster Weise die Bürde der zwischenmenschlichen Fehldeutungen. Die Belohnung bleibt aus. Es sei, man bemüht sich ein Mal mehr und versucht, das ganze winterliche Elend in eine Frühlingslandschaft zu versetzen. Wenn die Natur mit den Menschen gnädiger wird, werden sie gnädiger mit sich selbst sein?

Prescription for: marriage problem, depression, interest in philosophical discourses,  interest in lost landscape, poetic, Dostojewski lovers, melancholic mood, misanthropic attitude

Winter Sleep, Turkey 2014, 196 Min., Director Nuri Bilge Ceylan, with Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbag