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It’s time, everybody is ready to feel better…not! The Leftovers oder das “Sad Film Paradoxon”

„Ich sehe traurige Filme dann gerne, wenn sie tragisch gut gemacht sind. […] Wenn man die Tiefen nicht hat, kann man die Höhen nicht beurteilen, und wenn man nicht weiß, was traurig bedeutet. Er [der Film] lässt mich an andere Menschen erinnern z. B., und das sensibilisiert mich dann eben […].“
(Rezipient trauriger Filme / Interviewperson, männlich, 30 Jahre alt)

Diese Aussage steht einleitend in einer 2007 veröffentlichten Diplomarbeit für das Fach Psychologie an der Universität Köln zu dem Thema „Selektionsmotive für traurige Filme und Analyse der spezifischen Rezeptionsmodalitäten. Untertitel: Eine qualitative Untersuchung zum Sad Film Paradoxon im Rahmen der Unterhaltungsrezeption“. Keine Bange, ich will jetzt niemanden mit langwierig psychologischen Abhandlungen über die Faszination von traurigen Filmen langweilen, möchte aber trotzdem auf das Phänomen hinweisen, dass es unter uns Zeitgenossen gibt, die sich an dem Elend, Leid, Unvermögen und letztendlich am Scheitern ihrer Mitmenschen nicht nur unterhalten, nein teilweise sogar daran wortwörtlich laben, erquicken und ergötzen. Seelen-Vampire. Wer mehr über diese düstere gesellschaftliche Entwicklung in Erfahrungen bringen möchte, sei explizit auf die oben stehende Diplomarbeit verwiesen, wobei der in der Einleitung zitierte Rezipient mit seiner Aussage sicherlich nicht sehr weit entfernt von den zugrundeliegenden Beweggründen und Motiven der „Betroffenen“ liegt. Deshalb erlaube ich mir an dieser Stelle den theoretischen Bereich zu verlassen, nicht ohne aber ergänzend anzumerken und letztendlich einzugestehen, dass der Schreibende selber schon länger auch von diesem schauerlichen Symptom betroffen ist und sich ebenfalls zu der Gruppe der „Leid-Watchers“ zählen muss…ja, ja, es ist schon traurig und phasenweise auch schockierend…yeahhhh!

Für diejenigen also, die sich jetzt in der Anonymität des Lesers persönliche Eingeständnisse machen müssen, derzeit aber noch hemmungslos diese Neigung ausleben möchten, muss die jetzt im deutschsprachigen Raum auf Blue Ray/DVD erschienen HBO Serie „The Leftovers“ zwingend empfohlen werden, den das seelische Leid und die Qualen der menschlichen Existenz wird dort über rund 550 Min. in allen nur möglichen Variationen zelebriert und dies – ganz nach dem Gusto des in der Einleitung zitierten Rezipient – tragisch gut gemacht. Oder nach den Worten von Matt Fowler (IGN Movies) „It’s a good pain“.

Als Grundlage dient das Neue Testament (Lukasevangelium) der Bibel, auf dem die sogenannte Lehre des Dispensationalismus aufbaut und im Groben die Prophezeiung der sogenannten Entrückung beinhaltet, worin sämtliche Christen urplötzlich von einem auf den anderen Moment von dieser Erde verschwinden, von Gott „heimgeholt“ werden. Zurückbleiben werden nur die Ungläubigen, die eine längere unangenehme Phase vor sich haben, voller Trübsal, Angst und Schmerz, in welcher der Teufel höchstpersönlich die Regentschaft übernehmen wird, bis dann Jesu Christi auf die Erde zurückkehrt um seine 1000-jährige Herrschaft anzutreten.

So beginnt die Erzählung, welche in Mapleton N.Y spielt, drei Jahre nachdem zwei Prozent der Weltbevölkerung oder 140 Mio. Menschen „verschwunden“ sind (darunter der Papst, Jennifer Lopez und Gary Busey…) und die „Leftovers“ irgendwie versuchen, das Geschehene, den Verlust der Liebsten, einzuordnen und in den Alltag zurückzufinden. Im Mittelpunkt steht der Polizeivorsteher Kevin Garvey, Jr., passend besetzt mit Justin Theroux, dessen Frau zwar nicht entrückt worden ist, er aber anderweitig „verloren“ hat und zwar an eine Sekte namens die „The Guilty Remnant“ (Die schulden Uebrigbleibsel…oder so), welche im Stadtbild von Mapleton in Form von kettenrauchenden, weiss gekleideten Mitglieder omnipräsent ist und als Mission quasi die Verhinderung des Vergessens an das schicksalhafte Ereignis haben und jegliche Form einer zukunftsgerichteten lebensbejahenden Perspektive nicht nur ablehnen, sondern auch dementsprechende Anstrengungen ihrer Mitbürger aktiv sabotieren, was ihr eigenes Dasein nicht ganz ungefährlich gestaltet. Kevin Garvey lebt somit alleine mit seiner pubertierenden Tochter, welche ihrerseits in einer passiv-aggressiv-depressiven Selbstfindungsphase steckt, während er verzweifelt versucht, nicht nur die Sicherheit der Stadt und seiner Bürger zu gewährleisten, sondern vor allem die Kontrolle über seine psychische Verfassung oder – konkreter – über seinen Verstand zu bewahren, was aber rein genetisch ein fast schon hoffnungsloses Unterfangen ist, da er eigentlich nur Polizeichef ist, da sein Vorgänger wegen hochgradiger Schizophrenie in die Klapse eingeliefert werden musste und dieser leider sein eigener Vater (Scott Glen) ist. Zudem verheissen seine nächtlichen Ausflüge, bei denen er schlafwandelnd die Hunde in seiner Nachbarschaft verschiesst, nichts Gutes, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass er bei diesem Unterfangen auch von einem imaginären Freund begleitet wird, der ihn diesbezüglich unterstützt, da es sich bei diesen streunenden Tieren eigentlich um bösartige „Zombiehunde“ handeln soll. Unterdessen sein Sohn den Kontakt zur „Familie“ ganz abgebrochen hat, da er – vom College abgehauen und eigentlich schwul – seine Zeit in der Wüste als Helfer eines schwarzen Heilsbringers verbringt, der für viel Geld magische „Umarmungen“ anbietet, die den Menschen Trost spenden und ihren stechenden Lebensschmerz zum Verschwinden bringen soll. Nebenbei beutet er noch minderjährige Mädchen sexuell aus.

Dass die doch sehr unerbauliche Szenerie immer wieder mal mit surreal-irrwitzigen Einlagen aufwartet, ist nur dem Effekt geschuldet, dass die darauf folgenden Szenen noch trauriger, noch dramatischer, noch schonungsloser „einkicken” können. Ein Konzept, das Damon Lindelof (Lost) zusammen mit Tom Perrota, auf dessem gleichnamigen Roman von 2011 die Serie basiert, konsequent durchzieht. Diesbezüglich darf auch wieder mal der Einfluss von David Lynch erwähnt werden, da – jetzt mal abgesehen von Justin Theroux, welcher ja sein Durchbruch in Lynch’s „Mullholland Drive“ erzielte – immer wieder Gestalten aus dem Lynchen’ Universe ganz nebenbei auf der grossen Trauerkulisse durchs Bild huschen (der Riese aus „Twin Peaks“, der schreiende Wohnwagenfahrer aus „Fire Walk with me“) und auch Mapleton, ein verschlafenes ur-amerikanisches Kleinstädtchen mit den seltsam wütenden Hirsche, die nächtens aus unerfindlichen Gründen die Wohnungen der Einwohnung verwüsten, den Rehen, die unmittelbar plötzlich irgendwo auf der Strasse oder in irgendwelchen Gärten stehen, verdächtig stark an Twin Peaks & Co erinnern. Ein absolut tragendes Element hierbei ist der Soundtrack von Max Richter („Waltz with Bashir”, „Perfect Sense“), der jüngst mit dem Europäischen Filmpreis für die beste Filmmusik zu „The „Duke of Burgundy“ ausgezeichnet worden ist und für „The Leftovers“ so minimalistische, wie effektive Melodien komponiert hat, die vor einer solchen Trauer triefen, dass die stillen Momente automatisch benutzt werden müssen um einfach mal krampffrei durchatmen zu können. Selbstverständlich ist das Sounddesign mit fein abgestimmten Popstücken von u.a. James Blake, Crowded House, Simon &Garfunkel, Rihanna etc. zusätzlich veredelt.

Und bei der Darstellerriege gibt es schlichtweg keine Schwachstelle. Neben Theroux brechen Liv Tyler („Armageddon“, „Stealing Beauty“), Amy Brenneman („Heat“), Carrie Coon („Gone Girl“), Christopher Eccleston („Dr. Who“, „The Others”), Sarah Margarte Qualley („Palo Alto“), geschlossen aus ihren darstellerischen Komfortzonen aus.

Die mediale Resonanz war selbstverständlich mehr als nur gemischt, von einhelliger Lobhudelei wie es für Serien wie „House of Cards“, „Game of Thrones“ etc. gibt, kann hier nicht die Rede sein. Zuviel Depro ist ja auch zum guten Glück nach wie vor kein Mainstream. Stimmen wie die vom New York Magazin (“The Leftovers is all bleakness all the time, at the bottom of the first page of my notes, “sloppy handheld camerawork” is crossed out. Beneath it is “overwhelming pain.” Even animals feel the loss“) oder The New Republic („Emotional Violence“) unterstreichen dies exemplarisch. Vielleicht am prägnantesten beschrieb die Wirkung dieser Sad-Show Alan Sepinwall von Hit Fix „Many will hate it. But there will be viewers in whom it strikes a chord so deeply that they will feel themselves overwhelmed by it in the best possible way: not like they’re drowning in the misery, but like it’s teaching them a new way to breathe“ oder Karoline Meta Beisel von der Süddeutschen, welche The Leftovers als „eine einzige lange Therapiesitzung“, in der es „um Trauer, machtlosen Zorn und Wunden ohne Heilungschancen“ gehe, beschrieb.

Um es kurz zu machen. Wenn sogar die Tiere leiden und die Trauer und Verzweiflung an emotionaler Gewalt grenzt, so, dass wir sogar unser Atmen neu erlernen müssen, aber trotzdem ungeduldig den nächsten kathartischen Anfall kaum erwarten können, kann man das, was Damen Lindelof & Tom Perrota hier kreiert haben, eigentlich nur mit einem Wort passend beschreiben. Kult. The Sheep applaudiert. Voller süsser, bizarrer Trauer.

The Leftovers, US 2014, 558 Min,, Created by Damon Lindelof and Tom Perrotta with Justin Theroux, Christopher Eccleston, Liv Tyler, Amy Brenneman, Carrie Coon, Margaret Qualley, Scott Gleen 

A Human Drama: I’m not the story – Citizenfour

Laura,

At this stage I can offer nothing more than my word. I am a senior government employee in the intelligence community. I hope you understand that contacting you is extremely high risk and you are willing to agree to the following precautions before I share more. This will not be a waste of your time.

The following sounds complex, but should only take minutes to complete for someone technical. I would like to confirm out of email that the keys we exchanged were not intercepted and replaced by your surveillants. Please confirm that no one has ever had a copy of your private key and that it uses a strong passphrase. Assume your adversary is capable of one trillion guesses per second. If the device you store the private key and enter your passphrase on has been hacked, it is trivial to decrypt our communications.

Understand that the above steps are not bullet proof, and are intended only to give us breathing room. In the end if you publish the source material, I will likely be immediately implicated. This must not deter you from releasing the information I will provide.

Thank you, and be careful.

Citizen Four

Zu diesem Zeitpunkt Anfang 2013 als die regierungskritische US-Dokumentarfilm-Regisseurin Laura Poitras diese E-Mail von einem Unbekannten erhält, ahnt sie nicht, was in den nächsten Monaten auf sie zukommt. Heute kommentiert Poitras die Geschehnisse so: “I was sucked into the narrative in a way I have never experienced before and probably will never experience again.” (The New Yorker „The Holder of Secrets“, 20.October 2014). Diese E-Mail ist der Anfang des Films „Citizenfour“, sowie des Enthüllungsmarathons von Edward Snowden und Glenn Greenwald.

An diesem Dokumentarfilm ist manches außergewöhnlich. Die Geschichte wurde nicht aus der Retrospektive verfilmt, sondern in ihrer Entstehung und Entwicklung aufgenommen.  Laura Poitras hat den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden von Beginn seiner Enthüllungen an aus nächster Nähe begleitet und in Echtzeit dokumentiert, wie der Whistleblower in Hong Kong Beweise für illegale verdeckte Massenüberwachungsprogramme der NSA und anderer Nachrichtendienste vorlegte. Zu sehen ist auch, wie die ersten Veröffentlichungen einen Nachrichtensturm in der ganzen Welt entfachten – und wie Snowden klar wurde, dass er nie wieder so leben könne wie zuvor. Diese Geschichte, die als NSA-Affäre bezeichnet wurde, hat weitere Enthüllungen ausgelöst und gilt immer noch als politischer Sprengstoff.

Zuletzt wurde der Film mit einer Oscar-Nomination geehrt, obwohl sein Held als US-Bürger nie mehr den amerikanischen Boden betreten wird, seine Regisseurin seit Jahren auf einer US-Beobachtungsliste steht, mehr als 40 Mal an Flughäfen festgehalten und befragt wurde und deshalb in Berlin lebt. Eine willkommene Anerkennung von der Branche, die massgebend seit Jahrzehnten die Meinungsbildung in den USA  prägt! Die Kluft zwischen der Regierung und den Bürger, welche in Poitras Film durch Snowdens Aussagen hervorgehoben wird, breitet sich aus.

Für die Laura Potras ist es bereits die zweite Nominierung. “Citizenfour” ist nach “My Country, My Country” (2006) und “The Oath” (2010) der dritte Teil der 9/11-Trilogie, welche die Regisseurin dem sogenannten “Krieg gegen den Terror” der USA gegen die eigenen Bürger widmet. Im oscarnominierten „My Country, My Country“ zeigte sie 2006 die Folgen des Irakkrieges, indem sie den Alltag eines Arztes aus Bagdad aufnahm, der bei den ersten freien Wahlen für eine islamistische Partei kandidierte. In „The Oath“ von 2010 sieht man das neue Leben von Osama bin Ladens früherem Leibwächter Abu Jandal als Taxifahrer.

„Citizenfour“ kann man in drei Dimensionen auslegen. Als erstes liefert die Dokumentation sehr viele Informationen darüber, wie die Geheimdienste bei dem Ausspionieren  der Bürgern vorgehen. Edward Snowden erklärt detailliert, welche Institutionen, Programme und Techniken dafür zuständig sind. Das Thema der globalen Überwachung wird von verschiedenen Aspekten her – politischen, rechtlichen, ethischen – behandelt. Vieles davon ist uns nach den zahlreichen weltweiten Veröffentlichungen und Debatten bekannt. Und doch entsetzt erneut so eine umfangreiche, vom Snowden persönlich präsentierte Überwachungssystematik  mit ihrer ungeheuerlichen Reichweite. Die Fakten prasseln auf uns im gnadenlosen Tempo und wecken das Gefühl der Ohnmacht. “Sie sind in der Lage, 1000 Milliarden Anfragen pro Sekunde zu verarbeiten,”- nur ein Beispiel aus dem NSA-Megacomputer-Keller (US-Snoop-System).

Alles, was wir schon von Spielfilmen wie „The Conversation“ (1974, Francis Ford Coppola), „Enemy of the State“(1998, Tony Scott), „Minority Report“ (2002, Steven Spielberg) oder „Das Leben der Anderen“ (2006, Florian Henckel von Donnersmarck) kannten, verliert auf einmal fiktionale Züge. Die Realität wird spannender als die Fiktion („Citizenfour“ wird oft als Doku-Thriller bezeichnet).  Doch im Gegensatz zu den Spielfilmen wird seinen Helden keine Gerechtigkeit widerfahren. Snowden bleibt nach wir vor der Staatsfeind Nr.4. „No Place to Hide“ vom Glenn Greenwald wäre das Buch, aus dem vielleicht bald ein weiterer Film über die Ereignisse der NSA-Affäre erstehen könnte. Sony prüft die Optionen (Time, 26.10.14)…

Doch besonders gelungen ist der Film auf der emotionalen Ebene, da wir den Menschen Ed Snowden in den entscheidenden Augenblicken seines Lebens zu Gesicht bekommen. Laura Poitras wurde oft gefragt, wie sie selbst ihren Film sieht – als eine politische Reportage oder eher als persönliches Drama. Ihre Antwort war stets: a human drama. Es sind die privaten Begegnungen, die die weltpolitische Bühne schon fast in den Schatten stellen. Zum ersten Mal sehen wir Glenn Greenwald  am Laptop in einer absolut entspannten Umgebung in Brasilien – auf einer mit exotischen Pflanzen bewucherten Terrasse mit riesigen friedlich vor sich hin schlummernden Hunden. Snowden beobachten wir durch den aufmerksamen wie auch wohlwollenden Kamerablick fast ausschließlich in einem Hotelzimmer in Hong Kong, wie er ganz nah und privat im Bademantel auf dem Bett oder im Badezimmer seine Mission vollendet.

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Zwischen den drei Hauptprotagonisten Snowden, Greenwald und Poitras spürt man eine so bedingungslose Vertrautheit, dass man sich beinahe selber wünscht, derartig reine und intensive Kommunikationsfreude zu erleben – mit eigentlich fremden Menschen, die wie ein Monolith von einem Ideal zusammengeschweisst sind. Oft blickt Snowden fragend, nach Bestätigung suchend, erleichtert oder besorgt in die Kamera zu Poitras… Das sind sehr innige Augenblicke, die Befürchtungen und Hoffnungen beinhalten: Wie wird es sein? Wird es so sein, wie es sein sollte?!

Es ist definitiv so geworden wie es sein sollte. Snowden kommt sehr sympathisch rüber:  attraktiv, intelligent, kompetent, bescheiden, trotz enormem Druck ruhig und ausgeglichen, ein junger Amerikaner mit geheimem Wissen im Gepäck, mit Humor, klarem Verstand, Prinzipien und starkem Willen, seiner Geschichte, nicht sich selbst („I’m not the story“ ist zum Leitmotiv des Citizen Four geworden) Gehör zu verschaffen. In Ian McEwans Roman „Sweet Tooth“ (2012) über die MI6 Praktiken aus den 60er Jahren schwärmt die junge Spionin Serena von einem Typus Mann – klug, erfindungsreich, zerstörerisch, zielstrebig, der für sie wie auch für die Menschheit „unentbehrlich“ ist: „Ohne sie würden wir immer noch in Lehmhütten hausen und auf die Erfindung des Rades warten. Die Dreifelderwirtschaft wäre niemals eingeführt worden….“ Snowden, auch Greenwald sind die aktuellen Versionen dieser Gattung. Helden von heute müssen nicht das Rad neu erfinden. Nicht die Erfindungen sind gefragt, sondern die Werte, die dahinter stehen oder abwesend sind. Wie man sie identifiziert, anzweifelt und unter Einsatz eigener Freiheit in die Welt hinausträgt ist ein beachtlicher Entwurf des modernen Heldentums.

Auch künstlerisch bietet der Film besondere Momente. Gleich am Anfang hören wir eine leicht wehmütige Frauenstimme, welche die E-Mails von Citizen Four vorliest, vereinzelnd begleitet vom klackenden Tastaturgeräusch. Wie die Geschichte selbst, werden auch die alles in Gang setzenden E-Mails erneut auf der Leinwand entstehen. Mit der schmalen Kameraöffnung werden die aufeinander folgenden Lichtstriche wie Morse-Codes in einem Tunnel aufgenommen.  So fängt auch „Lost Highway“ (1996, David Lynch) an. Wir können uns sofort auf eine ominöse Stimmung einstellen, die uns bis zum Schluss begleiten wird. Eine überdimensionale Baustelle, die Poitras über längere Zeit hinweg filmt,  verströmt eine flimmernde Hitze,  welche nahezu auf der Haut zu spüren ist… Das weisse Hotelzimmer 1014 befindet sich auf einmal für acht Tage im Juni 2013 mitten im Film- und Geschichtsuniversum und strahlt fast schon eine buddhistische Ruhe aus. Die Nachrichtenströme am TV-Bildschirm, die ununterbrochen ihre Feedbacks abgeben, versuchen die zwischenmenschliche Harmonie zu durchbrechen… Alles an dieser Dokumentation ist gut durchdacht und eindrucksvoll ausgeführt.

Conklusion: „Citizenfour“ ist ein beeindruckendes Dokument unserer Zeit, das auch auf der persönlichen und künstlerischen Ebene absolut überzeugt.  Es zeigt souverän und konsequent, wie die grösste Demokratie der Welt auf das Nötigste reduziert wird. Was der Film zu bewirken vermag, wären Denkanstösse an die Mitbürger, die ihre Privatsphäre leichtsinnig auf den sozialen Netzwerken hinausposaunen, ihre Netzvorlieben großspurig den omnipräsenten US-Geheimdiensten zur Verfügung stellen… Und die Nachfolgertaten. „Citizenfour“ lässt auf eine Fortsetzung spekulieren. Doch es wird nicht zwingend ein „Citizenfive“ geben.  Es stellt sich nur die Frage: wie würde wohl unsere Welt aussehen, wenn ein Dutzend, vielleicht auch ein hundert Bürger mehr ihre Jobs hinterfragen würden?

Prescription for: predominant majority of citizen who believe and argue: Yes, but it won’t happen to me, and, anyway, I have nothing to hide.

Citizenfour, USA, Germany 2014, 114 Min., Directed by Laura Poitras. With Edward Snowden, Glenn Greenwald, William Binney, Jacob Appelbaum, Julian Assange.

Kinostart: 19.02.2015 (Deutschschweiz)

Russia today – Durak

In einem Rechtsstaat  ist aufrichtiges Verhalten erstrebenswert. In Russland wird es missverstanden, belächelt, in den Dreck gezogen. Davon erzählt der neue Streifen von Yurij Bykow „Durak“ („Blödmann“). Wie auch seine vorherigen Filme („Leben“, „Mayor“) ist es ein scharfes soziales Drama, in welchem ein Einzelner dem System zu trotzen versucht und dabei selbst zugrunde geht.

Der junge Regisseur dreht seine Filme fast im Alleingang. Bykow führ die Regie, schreibt selbst die Drehbücher, komponiert die Musik, macht den Schnitt und spielte sogar eine Hauptrolle („Mayor”, 2013).  Am liebsten würde er auch für die Lichtverhältnisse sorgen, – erklärt Bykow im Dezember 2014 dem russischen TV-Kinomagazin „Kinopoisk“  („Filmsuche“). Der Grund dafür ist banal. In Russland eine zuverlässige Filmcrew  aufzutreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es wird einfach viel zu viel und viel zu oft gesoffen. Deshalb übernimmt Bykow so viele Aufgaben selbst.

Viel zu viel und viel zu oft wird logischerweise auch in „Durak“ gesoffen. Das ist vermutlich eines der wenigen Verbindungselemente, das die zwei weit von einander entfernten Kasten, die regierenden Apparatschiken und das Volk, zusammenschweisst. Gesoffen wird in einem heruntergekommenen Wohnheim, wo Geschrei und Gejohle, Drogenkonsum und Schlägereien an der Tagesordnung sind. Gesoffen was das Zeug hält wird auch im noblen Restaurant, in welchem die regierende Bürgermeisterin ihren Geburtstag feiert. Zwischen diesen beiden Welten versucht der junge Bursche namens Dima (Artiom Bystrov, Bester Schauspieler in Locarno 2014)) verzweifelt zu vermitteln.

Der Klempner, Bauingenieur-Student und Vater mit gesundem Menschenverstand und angeborenem Sinn für Gerechtigkeit hat per Zufall festgestellt, dass ein maroder Wohnkomplex, in welchem 820 Menschen daheim sind, bald einstürzen wird. So beginnt seine Odyssee durch die verschneite, nächtliche Stadt auf der Suche nach Beistand und Menschlichkeit. Doch rasch wird ihm klar, dass niemand bereit ist, das Richtige zu tun:  den Notstand auszurufen und die Bewohner zu evakuieren. Die unermesslich korrupten Kleinstadtfürsten nehmen alles in Kauf (das Leben von 820 Menschen, Ermordung ihrer Kollegen), um an der Macht zu bleiben und weiter ungehindert abkassieren zu können.

Auch Dimas Familie ist nicht bereit, einer elementaren menschlichen Logik zu folgen. Für seine Mutter und seine Frau ist er ein Blödmann. Er soll sich besser um die eigene Familie und deren Wohlstand kümmern. Die Anderen sind fremd, und man kann den Systemsumpf nicht durchschauen, geschweige denn bekämpfen. Sogar die zukünftigen Opfer wollen lieber in ihren stinkenden Unterkünften sitzen und nichts gegen das eigene Elend unternehmen. Für sein Heldentum wird Dima auch von ihnen bestraft.  Ursprünglich gab es eine zweite Version des Finales – mit einem Hoffnungsschimmer. Doch der Regisseur hat sich für den absoluten Abgrund entschieden. So wird das Porträt des für viele unbegreiflichen Landes noch schärfer, entsetzlicher und realer.

Gleichermassen speziell wie die Umstände, ist auch die Sprache im Film. Von dem mächtigen Sprachvermögen der weltweit verehrten russischen Poeten ist nicht viel übrig geblieben. Gesprochen wird wie gelebt – rissig, ruppig, rau. Und gewiss kommt kaum ein Satz ohne allgegenwärtigen Mat (das System der russischen Mütterflüche) aus. Im Mai 2014 wurde in Russland ein Gesetz verabschiedet, welches das Fluchen im Kino, auf der Bühne und in der Literatur verbietet. Das Verbot wurde von den Kulturschaffenden als Verbannung des Realismus aufgenommen.  Auch aus diesem Grund hat der dieses Jahr mir dem Film „Leviathan“ auf den Oskar nominierte Regisseur Andrey Zviaguintsev (Golden Globe-Gewinner) die Befürchtung, dass sein Film in der Heimat nie aufgeführt werden wird. Der offizielle Start sollte im Februar 2015 erfolgen. Die Patriarchen der orthodoxen Kirche haben beim Kulturministerium eine Petition mit der Bitte um ein Verbot des Filmverleihs  in Russland eingereicht. Zu viel Unfug werde dort gezeigt! Der Film sei antirussisch und repräsentiere das Böse!

Nun, der Film „Durak“ war kurz  in wenigen  Kinos in Moskau zu sehen.  In Tula, wo die Dreharbeiten stattfanden, wurde er nie gezeigt.  Da es sich in diesen Filmen  um die Gegebenheiten in den Provinzen dreht, weit weg von der Hauptstadt, und da sie internationalen Erfolg geniessen, wird ihre Aufführung von der staatlichen Macht toleriert, aber auf keinen Fall gutgeheissen.

Was den Regisseur mehr beunruhigt, ist die Tatsache, dass sein Zielpublikum – der Durchschnittsbürger – den Film nie zu Gesicht bekommen könnte, falls er am TV nicht ausgestrahlt werden darf („Isvestija“, 20.08.14). Der Kulturminister Medinskuj  hat sich geäußert, dass dieser Streifen den Blick auf Russland verzerre und nur das Schlechte zeige.  Die sowjetischen Politiker waren stets um den Schein und nicht um das Sein bemüht. Die heutigen Führer folgen der gleichen Logik (z.B. beim Sotschi-Spektakel). Nur die Wahrheit sickert meistens durch. Wie es im Inneren des Riesenreiches aussieht, zeigen Filmen wie „Durak“ und „Leviathan“ auf beeindruckende Weise.

Conclusion: „Durak“ bedient keine besonderen künstlerischen Ansprüche. Das war auch nicht Bykows Ziel. Sein Film bezeichnet er selbst als Plakat, Slogan, Schrei („Isvestija“, 20.08.14). „Durak“ (ebenso wie „Leviathan“) liefert Antworten auf die folgenden Fragen: Warum und wie verschwinden die russischen Journalisten, Oppositionelle und Rechtsaktivisten spurlos? Wie weit wird man gehen, um das alte System aufrecht zu erhalten? Was sind die Ursachen der Korruption? Wieso macht das Riesenvolk mit? Bewundernswert ist der Mut der Filmemacher. Sie sind Einige  der Wenigen, die sich im heutigen Russland einen freien Blick auf das Geschehene leisten,  ihre Kameras auf die gravierende Missstände richten, um souverän und konsequent die ganze entsetzliche Wahrheit aufzuzeigen. So viel Zivilcourage muss wenigstens mit unserer Aufmerksamkeit belohnt werden!

Prescription for: family and society, priorities and moral choice, corruption and murder, Russia yesterday and today

Listen to: Calm Night (Spokojnaja Notsch) – Viktor Zoi

Durak (The Fool), Russia 2014, 112 Min. Directed by Jurij Bykow. With Artiom Bystrow, Natalia Surkowa, Juri Zurilo, Boris Newsorow