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The Sheeps Ultimate Best List Of 2017

1. Twin Peaks – The Return

Als vor zirka 2 Jahren mit dem Slogan “It will happen again” bekanntgegeben wurde, dass David Lynch (“Blue Velvet”, “Mullholland Drive”) einen Vertrag mit dem US Sender Showtime abschlossen hat, um seiner vor nun 26 Jahren eingestellten Kultserie noch einen 18-stündigen Finish  – in Form einer Limited- Serie – anzuhängen, war die Aufregung – zumindest unter den Anhängern von “Twin Peaks” und/oder David Lynch – gross. Zumal der eigentümliche Kult-Regisseur seit “Inland Empire” aus dem Jahre 2007 auch nichts mehr für das Kino oder Fernsehen geschaffen hatte – mal abgesehen von Musik-Clips oder Werbung (Lady Blue Shanghai für Christian Dior mit Marion Cotillard,Louboutin etc.) und sich vollumfänglich seinen anderen Passionen wie Malen, Musik (“Crazy Clown Time” 2011, “The Big Dream” 2013), Möbel (stattete u.a. auch den Nachtclub “Silencio” in Paris aus) und vor allem der Transzendentalen Meditation, der Bewegung des im Jahre 2008 verstorbenen Guru Maharishi Mahesh Yogi, zuwandte. Nach den Beatles, die Ende der sechziger Jahre dessen Botschaften in die westliche Welt hinaustrugen, ist Lynch seit Jahren der prominenteste Vertreter dieser Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Mission des Weltfriendens mittels yogischen Fliegens und täglicher Meditation zu vollenden.

Nun also kehrt der Meister der surrealen Albträume mit “Twin Peaks”, seinem kommerziell erfolgreichsten und populärsten Unternehmen, auf die cineastische Bühne zurück, obschon er ja in den letzten Jahren von jeglichen Ambitionen für neue Filmprojekte mit der Begründung der schwindenden Risikobereitschaft der Filmstudios abgesehen hat. Man konnte sich sich natürlich fragen, ob die Fortsetzung einer Serie, die zu Beginn der neunziger Jahre die Fernsehlandschaft revolutionierte und als Mutter jener Serien-Hochkultur gilt, die uns derzeit geradezu überschwemmt, nach 26 Jahren nicht wie ein lauwarmer Aufguss des Originals wirken würde. Als langjähriger Beobachter von Lynch’s Werk konnte man jedoch ahnen, dass sich der Regie-Virtuose für seine “Lieblingswelt” doch etwas ganz Spezielles aushecken würde. Spätestens als dann bekannt wurde, dass er (nach einem kurzfristigen Rückzieher aus dem Projekt) vollständige künstlerische Freiheit, sowie ein für seine Verhältnisse extrem hohes Budget (geschätzte 30 bis 50 Millionen Dollar) zugesprochen bekam und zusammen mit Mark Frost, der schon die ersten 2 Staffeln mitentworfen hatte, bereits seit über 5 Jahren über dem Drehbuch brüteten, standen die künstlerischen Sturmlampen auf tiefrot. Auf einen weiteren Sturm, der die in den letzten Jahren immer progressiver gewordenen Konventionen und Sehgewohnheiten erneut hinwegfegen sollte und die diesbezügliche Messlatte in solche Höhen schiessen würde, das diese auch in den kommenden 25 Jahren unangetastet am Firmament der siebten Kunst leuchten und gleichzeitig die radikalste Unterwanderung der Erwartungshaltung des Zuschauers in der Geschichte des bewegten Mediums, in Form und Inhalt, darstellen werden würde.

Dass neben der beinahe komplett antretenden Urformation (Kyle McLachlan, Sheryl Lee, Sherilyn Fenn etc.) auch noch eine schillernde Riege an neuen Gesichtern verpflichtet werden konnte (u.a. Naomi Watts, Laura Dern, Jim Belushi, Jennifer Jason Leigh, Tom Sizemore, Tim Roth, Ashley Judd, David Duchovny, Harry Dean Stanton, Amanda Seyfried, Monica Bellucci etc.) und auch für den bei Lynch’s Werken immer essentiell wichtigen musikalischen Beitrag, neben Angelo Badalamenti und Julie Cruise, auch angestammte Grössen aus der Pop- und Rockszene (Nine Inch Nails, Sharon Van Etten, Eddie Vedder, Chromatics, Au Revoir Simone, Lissie, ZZ Top)an Bord geholt werden konnten, liessen die Erwartungen ins Unermessliche steigen.

Die Geschichte um die Rückkehr des FBI Agenten Dale B. Cooper von dem “Red Room”, irgendwo in der Zwischenwelt in den Wäldern von Twin Peaks, in dem er sich am Ende der ursprünglichen Serie eingeschlossen und ohne Ausweg vorfand, während der “schlechte” Cooper (Doppelgänger? Schizophrenie?) stattdessen als seiner selbst in der Aussenwelt sein bösartiges Unwesen trieb, zurück ins echte, irdische Twin Peaks, kann als eine Art mörderischer Road Trip bezeichnet werden, der über “lost Highways” durch Raum und Zeit im dies- (neben Twin Peaks, auch Las Vegas, L.A., New York, New Mexico etc.) und jenseits hinweg führt. Mittels teilweise minutenlangen, theatralischen Dialog-Eskapaden, anderseits komplett dialog- und aktionsfreien Stillstudien, surreal-verstörenden Alptraum-Einlagen, urplötzlichen Gewalterosionen, hochemotionalen Soap-Strukturen, bis hin zu unermesslich filigranen Verneigungen vor der Schönheit des Lebens an sich, präsentiert Lynch ein bis ins letzte Detail durchstrukturiertes Kaleidoskop des menschlichen Kosmos mit all seinen Abgründen und seinem innewohnenden Irrwitz in einer verspielten Strenge und kreativer Radikalität, wie es wohl nur er selber zu inszenieren vermag. Und trotz aller vordergründiger Verworrenheit, ist “Twin Peaks – The Return” in der Essenz gleichwohl ein elementares Drama in der Tradition der ur-amerikanischen Westernmythologie. Der einsame und von allen gejagte amerikanische Held – Dale B. Cooper – auf seiner unerbittlichen Mission, die misshandelte, geschändete und eigentlich hoffnungslos verlorene “schöne Frau” – Laura Palmer – doch noch vor dem endgültigen Abgrund zu retten. Oder aus Dunkelheit hinaus ans Licht zu führen. So verglich der “New Yorker” das Werk als moderne Version von John Fords Klassiker “The Searchers”, dem in seiner tragischen Tiefe und seinem universalen und zeitlosen Duktus eine ähnlich schwergewichtige filmhistorische Relevanz vorbestimmt sein wird. Passend dazu besann sich Lynch – nach seinem eher verunglückten Abstecher in die Welt des digitalen Films (“Inland Empire”) – stilistisch wieder auf seine Wurzeln zurück und liefert – ganz in der Tradition von “Mullholland Drive” und “Blue Velvet” – wieder üppige, formvollendete Bildkompositionen in CinemaScope, teilweise so manieriert entfremdet und detailgetreu ausstaffiert, dass man hier – ähnlich wie schon bei Stanley Kubrick oder Peter Greenaway – von sich bewegenden Gemälden sprechen muss. Für Menschen, welche die narrative Ökonomie über alles stellen oder solche, die einfach lineare und klar fassbare Geschichten bevorzugen, ist das wohl nichts. Alle anderen aber werden erstaunt feststellen, dass die täglichen transzendentalen Meditationsübungen, die Lynch schon seit über 40 Jahren betreibt, ihn langsam aber sicher in solch tiefe und verborgene Schichten seines Unterbewusstseins abtauchen lassen, dass das Gezeigte phasenweise tatsächlich in metaphysische Dimensionen abdriftet und ein psychedelisch-hypnotischer Zauber einen unmerklich sanft und schleichend an die Pforte zu einer anderen Bewusstseinsebene zieht. Man darf sich daher berechtigt fragen, inwieweit weitere Jahre Meditationspraxis des cineastischen Meisteralchemisten seine kommenden Werke beeinflussen werden und ob wir diese dann überhaupt noch, psychisch und mental, aufnehmen, geschweige denn verarbeiten können. Ein kompromissloser, subversiver, hypnotischer, wunderschöner, anekelnder, verstörender, faszinierender, euphorisierender, niederschmetternder, ratlos machender, witziger, tieftrauriger und zeitloser Meilenstein des bewegten Filmes. Oder wie es David Nevins, der CEO von Showtime, beschrieb: “It’s the pure heroin version of David Lynch.” Die Revolution der Revolution ist auch gleichzeitig die Abschiedsvorstellung für Harry Dean Stanton, Miguel Ferrer und Warren Frost, welche kurz nach oder bereits während den Dreharbeiten starben. Catherine Coulson alias “The Log Lady”, schwer gezeichnet von ihrer Krankheit, verabschiedet sich in einer hoch emotionalen und gleichzeitig tief sublimen Szene indirekt gleich persönlich vom Publikum, in der sie Hilfssheriff Deputy “Hawk” noch ein letztes Mal anruft um ihm ihren nahenden Tod und ihren Ängsten vor dem endgültigen Abschied mitzuteilen. Ein schauriger Kulminationspunkt bezüglich “Life-Imitates-Art”. We live in a Dream. Und werden nie mehr aufwachen.

Twin Peaks – The Return , USA 2017, 1030 Min, Regie David Lynch, Mit Kyle MacLachlan, Sheryl Lee, Sherilyn Fenn, Naomi Watts, Laura Dern, David Lynch, Chrysta Bell etc.

 

2. La La Land

Der kontroverseste Film im 2017. Und dies hat jetzt nichts zu tun mit der wohl spektakulärsten Panne in der Geschichte der Oscars, als bei der letztjährigen Verleihung für den besten Film, die Crew von “La La Land” bereits auf der Bühne an der Dankesrede waren, als nach einem unübersichtlichen Getümmel und peinlicher Aufgeregtheit festgestellt werden musste, dass Warren Beatty, der den Gewinner verkünden sollte, das falsche Couvert in die Hände gedrückt bekam und im Anschluss die Crew von “Moonlight” fast schon beschämt das Mikrofon den vermeintlichen Gewinnern aus den Händen nehmen musste.

An einem gewissen Punkt des einstimmigen Jubelgesanges der Fachpresse und des Publikums gleichermassen, welcher der Film nach seiner Premiere an den 73. Internationalen Filmfestspielen von Venedig weltweit auslöste, war es wohl dann doch dem einen oder anderen Kritiker – gerade in Zeiten des gepflegten medialen Kontra-Konsesus-Geschwurbel – zu viel oder eben die Profilierungsplattform zu verlockend, um nicht plötzlich den weltweit zumeist verzückten Filmfans aufzuzeigen, dass doch nicht alles so golden ist, wie es sich anfänglich angefühlt zu haben scheint. Irgendwann nach dem Rekordabräumer von 7 Golden Globes und der Rekordnominierung für 14 Oscars, entbrannte weltweit der Wettstreit der schreibenden Film-Citoyen um die möglichst negative Einstufung dieses eben noch so gelobten Werkes. Alles nur Kitsch, alles irgendwie hohl und Singen und Tanzen könnten die Hauptdarsteller ja sowieso auch nicht. Auch im Umfeld des Schreibenden musste festgestellt werden, dass sich nach der unmittelbaren Erfahrung dieses Filmes die Gemüter emotional entzweiten und zwar von absoluter Ergriffenheit über gelangweilte Gleichmut bis hin zu kategorischer Ablehnung. Interessant festzustellen war auch, dass sich dieser Wahrnehmungsgraben völlig losgelöst von der Geschlechterzugehörigkeit aufklaffte. Ob dies mit übersteigerten oder falschen Erwartungen zu tun hatte oder es doch halt einfach der inszenatorische Grundkniff des Regisseurs Damien Chazelle (“Whiplash”), seine doch sehr desillusionierende Geschichte einer scheiternden Liebe im Gewand eines harmlosen Hollywood-Kitsch-Musical Märchen in Erscheinung treten zu lassen und somit eben diese Erwartungshaltung des Publikums bitter-zart zu unterlaufen war, der nicht jeder wirklich verstanden hatte oder ob sich die Enttäuschten von der flächendeckenden Polemik einfach hatten anstecken lassen, wird wohl nie abschliessend beantwortet werden können. Nun, nachdem sich die Rauchschwaden langsam verzogen haben und die Gemüter abgekühlt sind, darf man das Fazit ziehen, dass die Geschichte vom erfolglosen Möchtegern Jazz-Musiker und der erfolglosen Möchtegern-Schauspielerin, die sich kennen und lieben lernen, eine der schönsten und charmantesten Liebesromanzen der Filmgeschichte ist. “La La Land” besticht durch ein perfektes Timing, traumwandlerischer Leichtigkeit, handwerklicher Virtuosität, einer göttlichen Ausgewogenheit von Witz, Melancholie und Verve und durch träumerisch-schwelgenden Bildern vom sonnendurchfluteten L.A. bei Tag und vom fluoreszierenden Purpur-Glitzer bei Nacht. Der eingängigen Soundtrack von Justin Hurwitz, der mit seinem Titelsong “City of Stars” schon jetzt einen ikonischen Gassenhauer à la “Singing in the Rain”, “My heart will go on” oder “Pretty Women” geschaffen hat, rundet den Film ab. Zu guter Letzt, und dass ist ja bei aller handwerklicher Raffinesse gerade in diesem Genre der essentielle Punkt, sind da noch die Hauptdarsteller. Ähnlich wie bei vielen Klassikern der Filmgeschichte, war das am Schluss auf der Leinwand agierende Paar nicht die erste Wahl. So wie bei “Pretty Women” eigentlich John Travolta die Rolle von Richard Gere und Jennifer Connelly oder Molly Ringwald die Rolle von Julia Roberts hätten übernehmen sollen, waren es hier zuerst Miles Teller (der Schlagzeuger aus “Whiplash”) und Emma Watson (die aus “Harry Poter”), die für die Hauptrollen vorgesehen waren. Alles im Leben, so auch in der Kunst, ist zu einem gewissen Teil dem Zufall geschuldet. Jedenfalls ist die Chemie der beiden letztendlich auserwählten Schauspieler, Ryan Gosling und Emma Stone, magisch und in ihrer tänzerisch und gesanglich koketten Unbeholfenheit noch der Endschliff, der diesen Filmdiamanten für die Ewigkeit zum Strahlen bringt. You were shining just for me…..

La La Land, USA 2016, 128 Min, Regie: Damien Chazelle, Mit Ryan Gosling, Emma Stone, John Legend, J.K. Simmons

 

3. Blade Runner 2049

Wer die Bestenliste der Vorjahre kennt, der weiss, dass der kanadische Regisseur Dennis Villeneuve beinahe ausnahmslos in jedem Jahr (“Sicario”, “Enemy”) in die Ränge kam, letztes Jahr mit “Arrival” sogar auf Platz 1. Egal was für ein Filmgenre (Drama, Thriller, Horror, Action, SciFi) er sich annimmt, sein unverkennbarer Stil ist immer sicht- und hörbar. In kühlem Grau, Blau und Braun gehaltene gespenstisch-düstere Bildkompositionen, ein bedrohlich dröhnender Soundteppich und immer eine mehrschichtige Geschichte mit Tiefgang und überraschendem Twist. Seine Filme werden auch kommerziell immer erfolgreicher, von “Sicario” wird in diesem Jahr sogar eine Fortsetzung in die Lichtspieltheater kommen. Ohne Emily Blunt, dafür wieder mit Benicio Del Torro und Josh Brolin. Es war also eine Frage der Zeit, bis Villeneuve von der Traumfabrik für eines ihrer ganz grossen Prestige-Projekte angefragt werden würde. Und da der SciFi-Noir Klassiker “Blader Runner” aus dem Jahre 1984, nach seinen eigenen Aussagen, eines seiner prägenden cineastischen Erweckungserlebnissen war, lag es wohl auf der Hand, dass das bereits seit einigen Jahren in der Schublade liegende Projekt eines Remakes oder einer Fortsetzung bei ihm landen würde. Als dann Ridley Scott, der Regisseur des Originals, der zugunsten seiner neuen Alien-Fortsetzung sich auf die Funktion des Executive Producers beschränkte und Villeneuve die komplette künstlerische Freiheit über sein “Baby” gewährte, Ryan Gosling für die Hauptrolle als Replikantenjäger Officer K zusagte und daraufhin 150 Millionen Dollar Budget für die Produktionskosten von den Studios gesprochen wurden, war dann die Sache vermutlich für Villeneuve klar.

Aus “Blade Runner 2049” ist aber kein Remake, sondern – wie kombinatorisch begabte Zeitgenossen wahrscheinlich sofort bemerkt haben – eine Fortsetzung geworden, die 30 Jahre später (der erste Blade Runner spielte im Jahre 2019) wiederum in dem dystopischen Moloch L.A. spielt und der philosophische Themenkomplex des Originals (und des zugrundliegenden Romans “Do Androids Dream of Electric Sheep”) konsequent weiterentwickelt. Was macht ein Mensch eigentlich aus? Woher sollen wir wissen, ob wir wirklich das sind, was wir zu sein meinen? Wie können wir überprüfen, ob unsere Wahrnehmungen und unsere Erinnerungen wirklich echt sind? Was macht Liebe eigentlich aus? Wie diese Fragen in der Handlung abgearbeitet werden, darauf wollen wir auch hier keine Antwort geben, da Villeneuve zu Beginn der weltweiten Pressevorführung folgendes schriftliches Statement verteilt hat:

Hello my friends,

I am excited for you to see my film today. I have a favor to ask of all of you. I do not know what you will think of my movie, however, whatever you write, I would ask that you preserve the experience for the audience of seeing the film the way you see it today… without knowing any details about the plot of the movie. I know this is a big request, but I hope that you will honor it.

Best, Denis

Was hier aber verraten werden darf ist, dass die Umsetzung derart behutsam, sublim und intim angegangen worden ist, dass man sich eher in einer Art “Existenzialismus – Thrillerdrama”, als in einem Hollywood Blockbuster wähnt. Auch sind die Actionszenen oder sonstigen CGI Spezialeffekte im Vergleich mit anderen Produktionen dieses Genres höchst sparsam, aber umso wirkungsvoller eingesetzt. Wenn Villeneuve dann doch abrupt den Gang höher schaltet und kurze, aber heftige Gewitter von rohen und schonungslosen Gewalterosionen über die Leinwand aufziehen lässt, welche kontrastierend zu der gefühlskalten, kontrollierten und eiskalten Endzeit-Atmosphäre wirken, beeindruckt das noch stärker. Emotionale Verdichtung in höchster ökonomischer Effizienz. Alleine schon der – eigentlich sehr minimalistische – Showdown gehört zu einem der intensivsten und wuchtigsten der Filmgeschichte. Unterstützt von den beiden “Handwerkern”, Roger Deakins hinter der Kamera (mit Oscar ausgezeichnet) und Hans Zimmerhinter dem Mischpult, der mit “Dunkirk” gleich 2 Grossproduktionen im 2017 musikalisch untermalte, entfacht diese Meisterkomposition eine maximale Schlagkraft.

Blade Runner 2049 mag nicht mehr dieselbe revolutionäre Wirkung auf die Filmgeschichte haben, wie sein Vorgänger, er ist aber schlicht und einfach der bessere Film, gemacht von einem Regisseur, der keinerlei künstlerische Kompromisse mehr eingehen muss und somit den wahrscheinlich teuersten Arthouse-Film der Geschichte ablieferte. Kaum erstaunlich, dass die Einspielergebnisse weit hinter den Erwartungen zurücklagen, zumindest etwas, was er mit dem Original gemeinsam hat. Dieser war ja zum Zeitpunkt seines Erscheinens, 1982, auch ein riesiger Flop, da in diesem Jahr das Publikum Spielberg’s “E.T.” deutlich den Vorzug gab. Nun, im Jahr 2017 waren die erfolgreichsten Filme “Die Schöne und das Biest” und “Fast&Furious 8”. Für einen kleinen Rest wird es aber als Erscheinungsjahr einer der besten und nach “2001: A Space Odyssey” durchgestyltesten Sci-Fi Film überhaupt, mit einem kleinem Touch “Angel Heart”, dem Horrorthriller von Alan Parker aus dem Jahre 1987, in Erinnerung bleiben. Zumindest vorläufig. Villeneuve plant ein Remake von “Dune – Der Wüstenplanet”, das durchgeknallte Weltraum-Märchen nach dem gleichnamigen Roman von Frank Herbert, dessen letzte filmische Umsetzung aus dem Jahre 1984 der bisher grösste kommerzielle Flop vom damaligen Regisseur war. David Lynch. Schön mal gehört? Siehe Platz 1. Ja, ja, it’s a small world.

Blade Runner 2049, USA 2017, 164 Min., Regie Denis Villeneuve, Mit Ryan Gosling, Harrison Ford, Robin Wright, Jared Leto, Ana de Armas

 

4. Dunkirk

Einleitend eine Klarstellung für alle zartbesaiteten Gemüter und all jene, die mit Kriegsfilmen à la “Saving Private Ryan” oder noch besser “Hacksaw Ridge” nichts anfangen können, “Dunkirk” ist kein Kriegsfilm! Zumindest nicht ein solcher, wie man ihn sich landläufig vorstellt, sondern – gemäss Aussage des Regisseurs Christopher Nolan (“Memento”, “The Dark Night”, “Interstellar”) – ein Suspense-Film über das Ueberleben. Und das Sterben, müsste man hinzufügen. Oder besser, über die Zeit der Ungewissheit, in der man nicht wissen kann, ob man weiterleben wird oder stirbt. “Dunkirk” befasst sich mit der Evakuierung von fast 400000 alliierten Soldaten, die 1940 in der nordfranzösischen Hafenstadt Dünkirchen in eigentlich aussichtsloser Lage von den Deutschen eingekesselt waren. In die Geschichtsbücher ist diese Aktion als Operation Dynamo eingegangen. Spektakulär daran war nicht nur die schiere Anzahl Leute, die dort dem scheinbar unvermeidlichen Tod ausgeliefert waren, sondern die Zivilcourage der englischen Bevölkerung, welche mit Privatbooten, Jachten, Fischerboote etc. todesmutig den Ärmelkanal überquerten mit dem Ziel, ihre Soldaten aus der Gefechtszone rauszuholen, da der Restbestand der britischen Truppen bereits darum bemüht war, den drohenden Angriff der Deutschen abzufangen, während die Alliierten in Dünkirchen buchstäblich in der Hölle schmorten und eigentlich als “Kollateralschaden” abgeschrieben worden sind.

Nolan verzichtet in dieser hoch verdichteten, phasenweise an ein Kammerspiel gemahnende Ueberlebensstudie, gänzlich auf eine Einführung seiner Protagonisten, aus deren Sicht die Ereignisse hoch immersiv, beinahe sinnlich erzählt werden. Dialoge gibt es kaum. Die Erzählstruktur gliedert Nolan in drei Stränge, welche er nicht nur perspektivisch, sondern auch zeitlich elegant verwebt. Eine einstündige Sicht des Abfangjägers aus der Luft, eine eintägige Fahrt eines Fischkutters auf hoher See und ein einwöchiges Warten zweier Soldaten am Strand von Dünkirchen. Die Kamera mischt sich in Gruppen zusammengepferchten Soldaten, steigt mit den Flugzeugen in die Luft, schwimmt durch brennendes, ölbedecktes Wasser und verharrt auf den angespannten Gesichtern der Soldaten, wenn der nächste Fliegerangriff der Wehrmacht im Anzug ist. Alles ist in Bewegung, nie ein Aufatmen, permanente Anspannung, die von Hans Zimmer’s Violinensalven, die sparsam, aber effektiv eingesetzt werden, fast bis ins Unerträgliche ausgereizt wird.

Kein Geschichtsunterricht, sondern Kino als Grenzerfahrung und Horizonterweiterung, ohne diese man Mensch, Welt und Politik nie richtig verstehen wird. Nicht die Fakten oder Chronologie. Sondern die Essenz.

Dunkirk, USA/GB/F/N 2017, 107 Min., Regie Christopher Nolan, Mit Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Jack Lowden, Tom Hardy, Cillian Murphy, Kenneth Branagh

5. Die schönen Tage von Aranjuez

Die Wirkung eines Filmes wird zu einem nicht zu unterschätzenden Anteil von der Erwartungshaltung des Zuschauers geformt. Wenn Ihnen die Sinne nach einem gestressten und hektischen Arbeitstag nach belangloser Unterhaltung stehen sollten, die eine Art monotones und entspannendes Hintergrundsrauschen simulieren soll, am besten in ein vertrautes und vorhersehbarer Dramaturgie-Konstrukt verpackt, dass auch mit einer auf Halbmast reduzierten Aufmerksamkeitsspanne ab und an ein paar Endorphine auszuschütten vermag, und Ihnen dann – aus Versehen oder schierer Bösartigkeit – ein 90-minütiger Dialog zwischen einem Mann und einer Frau, deren Verbindung völlig unklar ist, vorgesetzt werden würde, die an einem Sommertag in einem Obstgarten auf einer Anhöhe irgendwo vor Paris an einem Tisch sitzen – eine Karaffe mit Limonade, zwei Gläser, ein Apfel – und der Mann die Frau nach ihren Erfahrungen in Liebe und Erotik befragt, teilweise geradezu verhört, beobachtet von einem Schriftsteller, der in einem Haus vor dem Obstgarten sitzt, aus dem er das Geschehene nicht nur verfolgt, sondern wohlmöglich auch gleich den Dialog der Betrachtenden schreibt, emotional tief berührt, wenn man auch nicht genau weiss, von was genau, ab und an in ein Nebenzimmer geht, wo er in einer grün fluoreszierenden Jukebox Songs von Interpreten wie Nick Cave, Lou Reed und The Troggs auswählt, zu deren Klängen er dann wieder zurück schlendert an sein Schreibtisch mit Blick auf den Mann und die Frau, an dem er an den Dialog weiter schreibt, der dann unmittelbar von den beiden Protagonisten im Obstgarten weitergeführt wird, könnte es durchaus sein, dass Ihre Reaktion auf das Ihnen gezeigte, nicht nur wohlwollend ausfällt. Böse Zungen haben auch schon vom “langweiligsten Film aller Zeiten” gesprochen. Dies hat aber nicht unbedingt mit der Qualität dieses Filmexperiments zu tun, sondern – eben – weil schlicht und einfach die Erwartungshaltung vom Betrachter nicht richtig adjustiert wurde. Und dies ist bei “Die schönen Tage von Aranjuez”, der erneuten Zusammenarbeit des Trios Wim Wenders (Regie), Nick Cave (Musik und Kurzauftritt) und Peter Handke (literarische Vorlage und Kurzauftritt), nach “Der Himmel über Berlin”, absolut essentiell, denn die Magie darin liegt in der verschärften Wahrnehmung des Erlebten, in den noch so belanglosen Details, die das Auge streift, in der Poesie des Flüchtigen, kaum Wahrnehmbaren. Peter Handke nannte seinen in französischer Sprache entworfenen Einakter schlicht ein Sommerdialog (Uraufgeführt 2012 am Wiener Theater), dessen Kraft sich in seiner stilisierten, metaphernreichen Sprache umso mehr entfaltet, wenn man sich als Zuschauer fallen lassen und der Situation ausliefert, wie man das eventuell macht – oder zumindest als Kind mal gemacht hat – wenn man in einem Garten sitzt an einem heissen Sommertag, ohne Buch, Handy oder Uhr, und nur dem Rauschen des Windes in den Bäumen lauscht und das Staubbad von Spatzen betrachtet, der Vorgang, der im Sand nach dem Abflug der Tiere ein paar Kuhlen zurücklässt: “Muster, Spiel und Rhythmus bleiben sichtbar für den, der weiss, für den, der zugeschaut hat.” Achtsamkeit nicht als leere Formel oder ein quasi-esoterischer Modebegriff, sondern spürbar erlebbar. Wim Wenders drehte den Film in bloss zehn Tagen in 3 D und kreierte für Handkes Sprachmagie eine Bühne für den Versuch, durch Sprache den Akt der Liebe und gleichzeitig dessen Unmöglichkeit fassbar werden zu lassen, welche diesen in den stärksten Momenten auch gelingen lässt. Wenders Vision, so genau wie möglich mit zwei Kameras zu imitieren, was (und wie) zwei Augen sehen, kommt sein Kameramann Benoit Debie, der schon für Gaspar Noés “Irreversibel” und “Enter the Void” sowie Harmony Korines “Spring Breakers” hypnotische Bilder lieferte, so nahe, wie noch nie jemand zuvor. Die Aufnahmen sind von solch erstaunlicher Plastizität, dass der Fernseher (oder die Kinoleinwand) tatsächlich zu einem zweiten Fenster zum Garten wird, so wie ihn auch der Schriftsteller im Film sieht. Eine weitere Metaebene, die wie viele andere in diesem formal radikalsten Werk des Jahres, scheinbar nebenbei und mit einer eleganten Verspieltheit eingebaut wurde.

Die Staffage insgesamt, dicht und zentriert, wirkt so sinnlich und poetisch, wie auch unwirklich, fremdartig und abgehoben. Wie in einem Traum, alles passiert absichtslos, schwerelos und zeitlos. Und trotzdem wird sich auch dieses Luftschloss auflösen. Zerstört werden. Man weiss es, der Schriftsteller, wie auch seine Geschöpfe. Alles nur eine inszenierte Zeremonie eines Abschieds. Und trotzdem sagt an einer Stelle die Frau zu dem Mann:

“Zum Glück ist das hier zwischen uns beiden kein Drama. Nichts als ein Sommerdialog.”

Hallt lange nach. Wenn man zuhört.

Les Beaux Jours d’Aranjuez, F/D 2016, 97 Min. Regie Wim Wenders, Mit Reda Kateb, Sophie Semin, Nick Cave, Peter Handke, Jens Harzer

 

6. Jahrhundertfrauen

Gerade in den eher unwirtlichen Wintermonaten ist das Bedürfnis nach erbaulichen oder herzerwärmenden Erlebnissen, gerade auch im filmischen Bereich, noch grösser als sonst. Deshalb – aber selbstverständlich nicht nur – darf so ein typischer, nennen wir es mal Seelenwärmer-Film, hier nicht fehlen. Dies umso mehr, als gelungene Vertreter dieser Art auch nicht gerade wie Sand am Meer in die Kinos kommen, da viele Stoffe mit einer solchen zugesprochenen Wirkung oft dann doch noch eine zu tragische Note beinhalten (“La La Land”, “The Notebook”), welche einen zu kühlenden Schatten auf die vorher aufgebaute sonnige Atmosphäre wirft. In den überwiegend meisten Fällen sind diese Vertreter aber einfach sehr seicht, flach und vorhersehbar. “20 Century Women” von Mike Mills (“The Beginners”) schafft es aber, die seltene Balance aus Witz und Nachdenklichkeit mit einer optimistischen, ja sonnigen und lebensbejahenden Konnotation zu versehen und trotzdem mit seiner sehr reflektierten und authentischen Art eine nachhaltige Wirkung zu entfachen und einem die simple, aber doch immer wieder in Vergessenheit geratene Botschaft mit auf dem Weg zu geben: Carpe diem. Geniess das Leben. Oder den Tag. Jetzt und nicht später. Denn alles ist so schnell vorbei.

Die 40 jährige Dorothea Fields (Annette Bening) zieht im Jahre 1979 in Santa Barbara in einer Art Hippie Community ihren 15-jährigen Sohn Jamie alleine auf und da sie der Meinung ist, dass dem Sohnemann eine Vaterfigur gut tun würde, fragt sie ihre 20-jährige Untermieterin (Greta Gerwig) und der grosse Schwarm von ihrem Sohn, die 17-jährige Julie (Ella Fanning), ob die beiden ihr erzieherisch zur Seite stehen könnten und ihr helfen würden, ihn zu einem “guten Mann” zu machen. Natürlich ohne ihren Sohn erst um seine Meinung geschweige denn sein Einverständnis gefragt zu haben….

Gute “Seelenwärmer-Filme” zeichnet aus, dass sie auch ohne dramatische Handlung oder sonstige grossartige Konfliktsituationen, nur aus simplen Alltagshandlungen und Personenporträts eine anfänglich kaum bemerkbare, sich schleichend aufbauende Grundspannung erzeugen können, die mit dem Verlauf der Geschichte den Zuschauer komplett in den Bann zieht, geradezu übermannt, und man am Schluss, beim Abspann, den Wunsch verspürt, noch ewig lange in dieser Welt zu verharren, wie eine Raupe in ihrem Kokon. Und wenn man den Kokon dann schliesslich verlässt, ist man ein Schmetterling. Eine Art besserer Mensch. Natürlich nicht für immer. Aber zumindest eine Weile lang. Genauso ein Film ist das.

20th Century Women, USA 2016, 119 Min., Regie Mike Mills, Mit Annette Bening, Elle Fanning, Greta Gerwig, Lucas Jade Zumann

 

7. Manchester by Sea

Dieser Film darf in einer Aufzählung der bedeutendsten Werken in einem Jahr nicht fehlen, da er die seltene Gabe besitzt, ein an sich tieftrauriges und schweres Thema der Verlust- und Schuldverarbeitung nicht in trockener, bierernster Manier abzuhandeln, sondern sich mit einer ungemein lässigen Unaufgeregtheit und einem geradezu verschmitzten, lakonischen Humor präsentiert.

Die an der Atlantikküste liegende, titelgebenden Ortschaft in Neuengland dient als Kulisse für eine Familiengeschichte, in welcher Lee Chandler (Casey Affleck), der als Hausmeister in Boston ein trostloses Leben zwischen Alltagsmonotonie, selbstgewählter gesellschaftlicher Isoliertheit und gelegentlichen aggressiven Ausfällen bei seinen Barbesuchen führt, mit der Nachricht vom plötzlichen Tod seines Bruders konfrontiert wird und ihn zwingt, dank Organisation der Abdankungszeremonie in die lange Zeit gemiedene Heimatstadt zurückzukehren. In der er dann alsbald vom Familienanwalt die Botschaft an den Kopf geschmissen bekommt, dass er sich gemäss Testament als Vormund um den halbwüchsigen Sohn seines Bruders kümmern muss. Der bis ins letzte Detail festgelegte Wille, wie die dazugehörige finanzielle Mitgift, überdecken, dass Lee von seinem Bruder nie über dessen Absichten eingeweiht worden war und die Aussicht, sich wieder in seiner Heimatstadt zwecks neuer Vaterrolle niederlassen zu müssen, löst bei ihm mehr als nur verzweifelte Unruhe aus. Schliesslich hatte er diese vor Jahren nach einer tief traumatisierenden Tragödie fluchtartig verlassen…..

Die Hauptrolle, in der von Matt Damon und John Krasinski(Ehemann von Emily Blunt) entworfenen, im provinziellen Arbeitermilieu spielenden Geschichte, sollte zuerst eigentlich mit Matt Damon selber besetzet werden, aufgrund Terminüberschneidungen wurde diese dann aber Casey Affleck, dem Bruder von Ben Affleck übertragen, der mit seiner zurückhaltenden, aber im positiven Sinne unberechenbaren Spielweise, den Film vollständig vereinnahmt. Die vom Verlust genährte Sprachlosigkeit, die vom Schmerz und der Willkür des Lebens aufgestaute Wut und Hilflosigkeit spiegelt sich und brodelt in und unter jeder Gesichtsregungen seiner Figur, die trotz allem stetig versucht, rational und ruhig die Umstände zu bewältigen, da er die Verantwortung gegenüber dem Sohn seines Bruders nicht einfach von sich weisen will. Trotzdem kann er sich den verdrängten Erinnerungen, die in den täglichen Konfrontationen und Begegnungen mit Personen aus seiner Vergangenheit unweigerlich, wie gigantische Wellen, über ihn hereinbrechen, zwangsläufig nicht entziehen….

Regie führte Kenneth Lonerghan, der nach seinem Drehbuch zu der Komödie “Analyze This” (schrieb später auch “Gangs of New York” für Scorsese) mit Billy Crystal und Robert DeNiro den Sprung auf den Regiestuhl schaffte, welchen er eigentlich nie mehr besteigen wollte, nach der Odyssee mit seinem zweiten Spielfilm “Margaret” (der als “lost Masterpiece” eingestuft werden darf), der aufgrund eines Rechtsstreites erst 2011, 6 Jahre nach Beginn der Dreharbeiten, das Licht der Oeffentlichkeit erblickte, nur um gleich wieder sang- und klanglos zu verschwinden.

Gut, dass er es trotzdem wieder tat. Nicht gut, dass Casey Affleck, der schliesslich hochverdient den Oscar für die beste Hauptrolle entgegennehmen durfte (nach der Oscar- und Golden Globe Nomination 2007 für seine Rolle neben Brad Pitt in “The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford”), plötzlich von einer anderen Welle erfasst wurde: Im Zuge der “Me-too” Bewegung wurden Missbrauchsvorwürfe gegen ihn laut, so dass er an der diesjährigen Oscarverleihung, wo er als Vorjahresgewinner traditionell die Rolle des Laudators für den besten Hauptdarsteller hätte einnehmen müssen, nach einem Proteststurm zurückgetreten ist. Zumindest wurde er nicht retrospektiv wieder aus dem Film rausgeschnitten. So oder so aber fällt auf seine kraftvolle und nachhallende Performance nochmals ein anderes Licht. Es bleibt gleichwohl das Licht der Verdrängung. Im Film, wie auch im wahren Leben.

Manchester by the Sea, USA 2016, 138 Min., Regie Kenneth Lonergan, Mit Casey Affleck, Lucas Hedges, Michelle Williams, Kyle Chandler, Matthew Broderick

 

8. A Cure for Wellness

Irgendwie bleiben gewissen Filme unter dem Radar der grossen Öffentlichkeit, trotz Ingredienzen, die gegenteiliges versprechen. “A Cure for Wellness” ist so ein Fall, obschon er von Gore Verbinski, dem Regisseur der “Pirates of the Caribbean”-Filme, von dem Horrorhit “The Ring” und dem epochalen Disney Flop “The Lone Rangers”, inszeniert ist, als ein opulent ausgestattetes Paranoia – Horror – Gore Schockerdrama in der Tradition von “Shutter Island”, was ja eigentlich dem Massenpublikum eher zuträglich sein sollte, gelten ja Horrorfilme seit je als eines der profitabelsten und risikolosesten Genres. Aber wie man ja weiss, bleiben die bestimmenden Faktoren, die über Erfolg und Nichterfolg – sei es in künstlerischer, aber vor allem in kommerzieller Hinsicht – entscheiden sehr variabel, wobei das Timing und das gerade herrschende gesellschaftliche Empfinden eine essentielle Rolle spielt. Siehe auch bei Platz 3 dieser Liste. Blade Runner wollte 1982 niemand sehen, entwickelte sich erst Jahre später zum unbestrittenen Kultfilm im SciFi-Genre. “Pretty Woman” wurde in Europa zuerst nach ein paar Wochen wegen akuter Nichtbeachtung aus den Kinos genommen, bevor man aufgrund der Popularität in den USA einen zweiten Versuch unternahm. Was das Schicksal für den kommenden Werdegang für “A Cure for Wellness” noch bereit hält, weiss man derzeit nicht, was man aber sagen kann: Das Potential für einen Bedeutungszugewinn ist sicherlich vorhanden.

Die Geschichte vom Nachwuchs-Broker Lockhart (Dane DeHaan), der in ein obskures Wellness Ressort in die Schweizer Alpen geschickt wird, um den Chef seiner Firma, der seit längerem an diesem Ort untergetaucht ist, nach New York zurückzuholen, so dass dieser zu einer anstehenden Firmenfusion, welche die Taschen des gesamten Management füllen würde, seine Unterschrift geben kann, er statt diesen zu finden, sich selber bald als Patient mit gebrochenem Bein in dem imposanten Gesundheitsschloss wiederfindet und die Intakthaltung seines Verstandes bald seine grösste Sorge sein sollte, ist die klassische Ausgangslage für eine hochspannende, mit tiefschwarzem Humor angereicherte Horror-Satire auf die Hochleistungsgesellschaft, die alsbald sich aber auch die Freiheit nimmt, Elemente des romantisch-dramatischen Filmes, sowie des klassischen Gore-Horrors beizumischen. Insgesamt ein ungemein wilder Mix, eine bis ins letzte Reagenzglas durchgestylte Schauermär, irgendwo angesiedelt zwischen dem erwähnten “Shutter Island”, “Youth” (Sorrentino), Thomas Manns “Zauberberg” und “Frankenstein”. Verbinski’s Umsetzung ist hochpräzise und die Bildkompositionen sind mitunter so klar und strahlend rein, dass man phasenweise beinahe die Augen zusammenkneifen muss, um nicht geblendet zu werden. Nicht zu vergessen das Set Design, das mit den opulenten Schlossbädern, gigantischen, mit Aalen versehenen “Entschlackungs”-Kupferkesseln, und sonstigen albtraumhaften Wellness-Folter-Tools, beeindruckt. Der hypnotische Klangteppich versehen mit einem überzeugenden und unverbrauchten Hauptdarstellerpaar (Dane DeHaan und Mia Goth) verleihen dieser “Cure” eine nachhaltige Wirkung. Ohne Garantie auf Genesung natürlich.

A Cure for Wellness, USA/D 2016, 147 Min., Regie Gore Verbinski, Mit Dane DeHaan, Jason Isaacs, Mia Goth, Lisa Banes

 

9. Miss Sloane

Die “Nominierung” dieses Filmes könnte einem in Zeiten wie diesen relativ rasch den Vorwurf des Kniefalls vor dem gesellschaftspolitischen Zeitgeist einbringen. Einerseits, da die kritische Auseinandersetzung mit der amerikanischen Waffenlobby NRA, eine weitere Demaskierung des zynischen Politbetriebs in Washington und eine starke Frauenfigur, die entgegen allen Widerständen, die festgefahrene patriarchalisch-chauvinistische Hackordnung mit High Heels, Minirock und knallrotem Lippenstift perfid-sexy vaporisiert, fast schon lehrbuchmässig sämtliche Themen, die derzeit hoch im Trend der derzeitig moralisch aufgeheizten Wertedebatte liegen, streift und anderseits die in diesem Themenkomplex angelegte Handlung impliziert, die korrekte Haltungen dazu gleich mitzuliefern. Selbstverständlich ist dem aber nicht so. Das vermeintlich zentrale Thema der Misogynie respektive der Auflehnung gegenüber dieser löst Regisseur John Madden (Shakepear in Love), indem er die den Geschlechtern zugeschriebenen Stereotypen nicht nur einfach umdreht, sondern die weiblichen und männlichen Befähigungen in einer Person aufgehen lässt, und zwar vordergründig nur die maliziösen und moralisch fragwürdigen. Das Hearing vor dem US-Senat, bei dem Elizabeth Sloane über mögliche Verletzungen der Senats-Ethikregeln während ihrer Amtszeit bei der Washingtoner Lobby-Firma Cole Kravitz&Watermann Auskunft geben muss, ist der Überbau in diesem Psychogram – stilistisch mit starken Referenzen zu den Politthrillern der 70er Jahre und Michael Mann’s “The Insiders”- zu dem die Handlung über die skrupellose Lobbyistin, die zur persönlichen Profilierung mit ihrem Team kurzerhand die Seiten wechselt, um die vorher entworfene Kampagne für die Waffenlobby nun von der Gegenseite aus zu bekämpfen, immer wieder zurückführt. Und je mehr der übermächtige Gegner – NRA – an Terrain gewinnt, umso kaltschnäuziger und brutaler führt Mrs. Sloane ihre Schlacht. “I was hired to win”.

Es benötigt eine gewissen Anlaufzeit bis man realisiert, dass das hier gezeichnete Porträt der knallharten Karrieristin, gespielt von Jessica Chastain (“Zero dark thirty”, “Interstellar”), keine Manifestation der klischierten Vorstellung von Hollywood-Drehbuchschreibern ist, wie so eine Person landläufig auszusehen hat, sondern ein vielschichtiges und vermutlich sehr wahrhaftiges Porträt einer letztendlich verletzlichen, unsicheren und einsamen Person ist, die den Bezug zu sich selber schon längst verloren hat und nur durch den politischen Machtpoker noch Leben verspüren kann und demzufolge auch bereit ist, jederzeit “all-in” zu setzen und nicht nur ihre Gegner, sondern auch ihre Mitkämpfer und Verbündeten und schlussendlich auch sich selber zu opfern. Der konsequente Selbstbetrug ist der stetige Begleiter, die stoische Wahrung der Hybris, auch in der Konfrontation des offensichtlichsten eigenen Fehlverhaltens, das schützende Korsett. Sie bezahlt Männer für Sex, nimmt Aufputschpillen, schläft wenig, isst nur Junk Food und hat alles unter Kontrolle. Spätestens als sie von einem Callboy, deren Dienste sie in Anspruch genommen hat, vor dem Kongress unerwartet durch einen Meineid Rückendeckung erfährt während sie vorher eine farbige Mitarbeiterin, ein traumatisiertes Schusswaffenopfer, für ihre Kampagne instrumentalisiert und der Öffentlichkeit zum Frass vorführt, ahnt man, dass die moralische Kapitulation nicht mehr weit sein kann. Erst als sie in jeder Beziehung mit dem Rücken zur Wand steht – und da mag ein freilich nicht ganz unwahres geschlechtsspezifisches Attribut mitspielen – lässt sie die eiskalte Maske fallen. Oder ist auch dies ein weiterer Schachzug in ihrem abgebrühten Spiel?

Das raffinierte, doppelbödige Drehbuch, die kraftvolle musikalische Untermalung von Max Richter, die punktgenauen, wortgewaltigen Dialoge und die nüchterne und trotzdem hocheffektvolle Inszenierung entfachen im Verlauf des Filmes ein emotionales Crescendo, das sich konsequent bis hin zum Finale aufbäumt, um dem letzten grossen Twist die gebührende Bühne zu geben, in dem sich die bereits im ganzen Film virtuos agierende Jessica Chastain in absolute Rage spielt. Insgesamt ein immenser Kraftakt, der ihr – nach eigenen Aussagen – enorm zusetzte. Und was ist jetzt mit dem Kommentar zum Zeitgeist? Zur grossen Geschlechterfrage? Nun wahrscheinlich, dass in aller Gleichheit zwischen Männern und Frauen, da beiden die Boshaftigkeit, Eigennutz, wie aber auch der Grossmut und die Selbstlosigkeit zu gleichen Teilen zu eigen ist, es doch noch einen nicht unerheblichen Unterschied gibt. Und das wissen wir eigentlich bereits seit Sharon Stone in “Basic Instict” sich die Welt mit ihrem Beinüberschlag Untertan machte. Mit genügend Skrupellosigkeit werden die Frauen den Männern immer überlegen sein. Und sind dabei meistens auch noch besser anzuschauen.

Miss Sloane, USA 2016, 132 Min., Regie John Madden, Mit Jessica Chastain, Mark Strong, Gugu Mbatha-Raw, Alison Pill, Sam Waterstone, John Lithgow

 

10. Blue my mind

Möglichst bemüht, nicht in den Verdacht einer weiteren Giftelei gegen das heimische Filmschafen zu geraten, sollte man aber doch sagen dürfen, dass die bekannten Qualitäten des Schweizer Films, die auch im Ausland zu einem gewissen Teil wahrgenommen werden, eher in einer Art von adäquaten Rekonstruktionen nationaler Mythen und Sagen (“Heidi”, “Dällebach Kari”), bekannten Kindererzählungen (“Papa Moll”, “Mein Name ist Eugen”), oder Nacherzählungen von Geschehnissen der jüngeren Schweizer Geschichte (“Grounding”, “Die göttliche Ordnung”) oder dann eher in gemütlich, heimeligen Komödien (“Die Schweizermacher”, “Die Herbstzeitlosen”) liegen. Wenige Ausnahmen von universellen und innovativen Stoffen mit internationaler Ausstrahlung sind allenfalls noch in den Filmen von Ursula Meier (“Home”, “Winterdieb”) und vor allem im Dokumentarfilm auszumachen, wo mit “War Photographer” von Christian Frei, im Jahre 2002 sogar eine Oscarnomination geholt werden konnte.

Als dann im Oktober 2017 am Zürich Filmfestival (ZFF), die 36-jähriger Jungregisseurin Lisa Brühlmann mit ihrer Hauptdarstellerin Luna Wedler (Jahrgang ‚99), die im Film eine 15-Jährige spielt, auf der Bühne des Commercio-Kinos etwas unbeholfen und nervös ein kurzes Interview vor der Filmvorführung gab, waren die Erwartungen eher gedämpft. Vor allem aber auch deshalb, weil der im Kurzbeschrieb grob umrissene Plot, der von einem weiblichen Teenager in Pubertätswirren handeln soll, welcher mit der Familie in ein Zürcher Vorort umgezogen ist und sich in der neuen Schule und deren Hackordnung neu zurechtfinden muss, auch nicht allzu prickeln daherkommt, gerade auch, da beide Hauptdarstellerinnen, Luna Wedler und auch Zoe Pastelle vor 3 Jahren in “Amateur Teens” in einem vermeintlich gleichen oder zumindest stark wesensverwandten Thema auftraten. Doch dann, bereits nach wenigen Filmminuten, kristallisierte sich heraus, dass der gewohnt behäbige und eher bemühte Inszenierungsstil vieler Schweizer Produktionen, der ein möglichst “progressiv-künstlerisches” Timbre erzeugen soll, hier schlicht keinen Eingang findet, sondern im Gegenteil, dieser ungewohnt frisch und mit einer souveränen Kühnheit aufwartet, der überrascht. Getragen von der beeindruckend aufspielenden Hauptdarstellerin (wurde auch zu einem der European Shooting Stars der European Film Promotion EFP gekürt) und einem knackigen musikalischen Score, verstärkt sich die Intensität schleichend von Minute zu Minute, bis die Handlung dann vom Moment der ersten Monatsblutung der Protagonistin an, die konventionellen Gefilde des Coming-Of-Age Genres verlässt und immer mehr ins Fantastische und Verstörende abdriftet, die unweigerlich Assoziationen mit Cronenberg’s “The Fly” auslösen, welche konsequent bis zur letzten symbolisch ausdrucksstarken und gleichsam poetischen Einstellung der metaphorische Ansatz schlüssig zu Ende führt und der gepeinigten Hauptfigur doch noch einen Schimmer Hoffnung in Aussicht stellen kann. Kurzum, eine mutige und starke Leistung einer jungen Schweizer Frauenriege, die selbstbewusst und verschlagen dem althergebrachten Genre des Teenager-Dramas eine überraschend neue Nuance abgewinnen kann, ohne nur auf Effekthascherei im Sinne von Spannungserzeugung oder Erhöhung der Schauwerte zu schielen, sondern eine selten gesehene, aber dem Thema durchaus angemessene Ernsthaftigkeit zukommen lässt. Hat Lisa Brühlmann das Potenzial womöglich eine Schweizer Sofia Coppola zu werden? Undenkbar ist das nach diesem überzeugenden Erstling nicht mehr.

Uraufgeführt am Partnerfestival San Sebastian, erhielt der Film dann am ZFF drei Preise und zwar – bei der Drastik der Inszenierung ein wenig erstaunlich – der Filmpreis der Zürcher Kirchen, das Goldene Auge in der Kategorie “Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich” und der Kritikerpreis. Zudem ist “Blue My Mind” Gewinner beim Schweizer Filmpreis 2018 in der Kategorie “Bester Spielfilm”, “bestes Drehbuch” und natürlich “beste Hauptdarstellerin”.

Blue My Mind, CH 2017, 97 Min., Regie Lisa Brühlmann, Mit Luna Wedler Zoe Pastelle Hothuizen, Regula Grauwiller, Georg Scharegg

 

Weitere 10 Must-See Filme:

Atomic Blonde

Bond war gestern. Zumindest seit Daniel Craig. Der neue Actionkracher vom Macher der “John Wick”- Filme basierend auf dem Graphic Novel “The Coldest City” mit der unwiderstehlich zähen und lasziven Charlize Theron macht vor, wie es eigentlich sein sollte. Endlich wieder mal ein Stoff aus der Welt der Spione ohne weinerlich-sentimentale und/oder ältere männliche und krampfhaft auf cool und dabei sich komplett lächerlich machende Heldenfigur. Trotz “Comic”-Vorlage ist der Streifen alles andere als harmlose und jugendgerecht aufbereitete Mainstreamkost. Vielmehr handelt es sich hier um einen abgefahrenen und hochstilisierten Agententhriller vor der Kulisse Berlins Ende der 80er, der auch als Overture zum bevorstehenden Mauerfall herhalten kann, zugkräftig unterlegt mit neu gesampleten Pophits aus dieser Zeit und der wortwörtlich schlagkräftigsten Prügelszene seit Patricia Arquette’s Gewalterosion in “True Romance.

“John Wick” war in diesem Fall für Regisseur David Leitch die Pflicht vor der Kür. Meisterhaft und Wuchtig.

Atomic Blonde, USA 2017, 115 Min., Regie David Leitch, Mit Charlize Theron, James McAvoy, John Goodman, Sofia Boutella, Til Schweiger

 

Happy End

Wenn die liebe kleine Enkelin und ihr knorriger Grossvater gemeinsam in den Suizid ziehen…..bösartige und trotzdem anrührende Sezierung der gegenwärtigen französischen Bourgeoisie. Könnte zum Kultfilm für “Antinatalisten” werden. Das flammende Plädoyer des Stoffs: Sag Nein zum Leben! Trotzdem, auch wenn es unvorstellbar klingen mag, der erste lustige Film von Michael Haneke (“Das weisse Band”)!

Happy End, F/D/A 2017, 107 Min., Regie Michael Haneke, Mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz

 

Captain Fantastic

Aussteigerfamilie scheitert an ihren sich selbst auferlegten Idealen. Oder doch nicht? Viggo Mortensen auf der dünnen, roten Linie zwischen antiautoritärem Freigeist und patriarchischem Fanatiker. Bringt die Essenz der Familie auf den Punkt. Schonungslos und rührend.Gehört zu jener Art von Filmen mit höchst dämlichem Titel, die einen auch thematisch nicht wirklich ansprechen. Was die Begeisterung nach der Sichtung umso stärker anschwellen lässt.

Captain Fantastic, USA 2016, 120 Min., Regie Matt Ross, Mit Viggo Mortensen, George MacKay, Frank Langella

 

Return to Montauk

Von der Kritik verrissen und trotzdem: Je nach dem persönlichen Schweregrad an Schwermut und Nostalgie bringt man dieses Drama über einen Schriftsteller auf der verlorenen Suche nach seiner erste Liebe nicht mehr richtig aus dem Kopf. Ein berührender, schnörkelloser und lakonischer Film über Illusionen und Lebenslügen. In Sachen Liebe. Und überhaupt. Würde Sam Shepard (Homo Faber, † 27. Juli 2017) die Hauptrolle spielen, wäre der von Max Frischs “Montauk” inspirierte Film wohl ein Meisterwerk geworden. Volker Schlöndorf (Regie), Nina Hoss und der Filmkomponist der Stunde, Max Richter, sorgen für gepflegtes und schönes Leiden vor der winterlichen Kulisse Long Islands. Die tiefhängenden Wolkenformationen über dem windgepeitschten Meer im kalten Graublau, spiegeln die Seelenlandschaft der Protagonisten hoffnungslos und traumhaft-frostig wider. Warm anziehen!

Return to Montauk, D/F/Irland 2017, 106 Min., Regie Volker Schlöndorff, Mit Stellan Skarsgard, Nina Hoss, Susanne Wolff, Niels Arestrup

 

Jackie

“There comes a time in man’s search for meaning when he realises that there are no answers. And when you come to the horrible and unavoidable realization, you accept it or you kill yourself. Or you simply stop searching”. Ein weiterer exzellenter Beitrag zu Selbstbetrug und Verlust aller sich aufgebauten Illusionen. Diesmal durch die Schilderung des Schicksals der berühmtesten Präsidentengattin der Geschichte. Eine Manifestion der stilvollen Trauer. Natalie Portman ist Jackie Kennedy!

Jackie, USA/Chile/F 2016, 100 Min., Regie Pablo Larrain, Mit Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt

 

Medici

DIE Soap im Jahr 2017! Zumindest scheinbar, denn das süffige Epos über die wohl bekannteste italienische Dynastie basiert zu grossen Teilen auf historischen Tatsachen. Und dass diese mehr an ein klischiertes, überfrachtetes und in vielen Passagen schwer zu glaubendes Script einer Fantasy-Netflixserie erinnern, macht die ganze Sache dann aber auch erst richtig pfeffrig. Und zeigt: Das Leben selbst ist immer noch das grösste Klischee…und manchmal auch der grösste Kitsch. Historisches Sittengemälde aus der Toskana mit schönen Menschen, schönen Locations und noch schönerer Musik. Glattpolierte, pathetische Edelschnulze, doch mit einem glaubwürdigen und charismatisch aufspielenden Cast und so hochspannend und wirkungsvoll umgesetzt, dass man vermutlich ewig weiterschauen würde. Auch das sonst auf Hochkultur fixierte Feuilleton. Aber eventuell kann auch Hochkultur kitschig sein? Fortsetzung ist in Planung.

I Medici, I/GB 2016, 400 Min., Regie Sergio Mimica-Gezzan, Mit Richard Madden, Annabel Schole, Stuart Martin, Brian Cox, Dustin Hoffman

 

Into the Forest

Ellen Page und Evan Rachel Wood spielen zwei Schwestern, die – nachdem der grosse Shutdown in Form eines weltweiten Stromausfalls eingetreten ist – alleine in einer Waldhütte mit Tanzen und Beeren suchen, sich auf das Ende der Zivilisation vorbereiten. Seltsam entrücktes, aber kraftvolles, stimmiges kleines Juwel, das durch alle Raster gefallen ist. Und man nicht mehr aus dem Kopf bringt. Musik, einmal mehr, Max Richter.

Into the Forest, CA 2015, 101 Min., Regie Patricia Rozema, Mit Ellen Page, Evan Rachel Wood, Callum Keith Rennie, Max Minghella

 

Una und Ray

Ein weiteres Bespiel von “Filmen, die durch alle Raster fallen”. Könnte in diesem Fall aber auch am Inhalt liegen, der den ethischen Kompass des Zuschauers auf einen schweren Prüfstand legt. In der Kinoadaption des Theaterstücks “Blackbird” des schottischen Autors David Harrower aus dem Jahr 2005 nimmt ein Missbrauchsopfer 15 Jahre nach der Tat mit ihrem Peiniger, der sich nach einer langjährigen Gefängnisstrafe mühsam wieder eine neue Identität zugelegt hat, Kontakt auf und fordert Rechtfertigung ein. Oder eventuell halt doch seine damaligen Liebesversprechen. Rooney Mara und Ben Mendelsohn zeigen in diesem Kammerspiel, was mutiges Schauspiel ist. Riskant, delikat und gefährlich.

Una, USA/CA/UK 2015, 94 Min. Regie Benedict Andrews, Mit Rooney Mara, Ben Mendelsohn, Riz Ahmed

 

Good Time

Eine aberwitzige, abgefahrene, dreckige, brutal-zärtliche Hommage an das New Yorker Strassen- und Nachtkino der 1980er Jahre, ganz in der Tradition von Scorseses “Bringing out the Dead” oder “Midnight Hours”. Und trotzdem absolut eigenständig mit einer inhärenten, zutiefst menschlichen Note. Zudem darf jetzt endlich mal klar und deutlich gesagt werden: Robert Pattinson ist ein guter Schauspieler. Punkt. Ohne Wenn und Aber.

Good Time, USA 2017, 101 Min., Regie Benny Safdie + Josh Safdie, Mit Robert Pattinson, Benny Safdie, Jennifer Jason Leigh

 

Indignation

Filme, die durch das Raster gefallen sind, Teil 3; “Indignation” basiert auf dem wohl persönlichsten Roman des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth aus dem Jahr 2008 und variiert das Thema der gesellschaftlichen Konventionen und Auflehnung gegen die herrschenden moralischen Sitten anhand einer problematischen Liebesbeziehung an einem College in Ohio im Jahre 1951. Am Ende kristallisiert sich die simple Tatsache für die dortigen Protagonisten heraus, die auch für die heutige Generation nach wie vor Gültigkeit besitzt: Entweder passt man sich an, man zerbricht, oder widersetzt sich, und zerbricht dann. In dieser Geschichte wird man alle drei Wege mitverfolgen. Elegant gefilmtes, stimmiges, angenehm altmodisches Schauspielerkino, das unter strikter Vermeidung inszenatorischer Mätzchen und prätentiösen Attitüden einen sanften melancholischen und wehmütigen Schleier auf das Geschehene zu legen vermag, ohne den Biss des Wortes und die Heiterkeit der Jugend zu vergessen. Mit den Newcomers Logan Lerman und Sarah Gadon (“Enemy”, “Maps to the Stars”), von denen man mit noch viel hören wird. Garantiert.

Indignation, USA 2016, 111 Min., Regie James Schamus, Mit Logan Lerman, Sarah Gadon, Ben Rosenfiel, Tracy Letts.

 

 

 

 

2017 Sundance Film Festival – Blaues Kino im roten Trump-Land

Von Christian Jungen, Park City

Nein, das eine atemberaubende Meisterwerk, das Filmgeschichte schreiben wird, habe ich bei meinem dritten Besuch des Sundance Film Festival nicht gesehen. Nie vergessen werde ich aber das Wetter: Sechs Tage lang hat es in Park City fast ununterbrochen geschneit, was zur Folge hatte, das just am ersten Wochenende, als halb Hollywood in town war, der Verkehr zum Erliegen kam. Eine Fahrt von einem Kilometer vom Yarrow Hotel zur riesigen Mehrzweckhalle Eccles (das Fevi von Sundance) kostete mit Uber plötzlich 350 Dollar – amerikanischer Kapitalismus halt. Das Festival hat mit dem Dokumentarfilm „An Inconvenient Sequel“ mit Al Gore und dem Women’s March am Samstag politisch begonnen. Die starke Präsenz der Politik war für Cinéphile ganz angenehm. Denn während der Amtseinweihung von Donald Trump und dem Frauenmarsch fand man in den Kinos bequem Platz, weil viele Amerikaner im Bann des Machtwechsels in Washington standen. Utah, wo 62 Prozent der Bevölkerung Mormonen sind, gehört zwar den „rotesten“ sprich republikanischsten Gliedstaaten der USA, die Filmemacher und das Sundance-Publikum sind aber mehrheitlich „blau“ sprich demokratisch. In den ersten Tagen gab es kaum eine Premiere, bei der nicht ein Filmemacher eine frotzelnde Anspielung auf Trump machte, was das Publikum jeweils mit enthusiastischem Applaus quittierte – ein Ritual der Selbstvergewisserung: Ja, wir sind viele, die finden: Fuck you, Trump!
Cineastisch gesehen war das Festival aber nicht nur politisch. Es dominierten Befindlichkeitsdramen über Hipster, die noch nicht ganz erwachsen sind und Filme, welche den Alltag von Minderheiten, vor allem Schwarzen und Schwulen, reflektierten.

Hier sind meine zehn Lieblingsfilme.

10. „Beatriz at Dinner“ von Miguel Arteta (Premieres)


Für mich der unausgeglichenste Film des ganzen Festivals und trotzdem einer, der sich in der Erinnerung eingebrannt hat, weil er von einem sehr aktuellen Thema handelt: der sich weitenden Schere zwischen Arm und Reich. Salma Hayek spielt eine ziemlich esoterische Naturheilpraktikerin, die von Ziegen umgeben in einem Vorort von Los Angeles haust. Sie behandelt regelmässig die schwer reiche Cathy (Connie Britton), die in einer riesigen Villa mit Bediensteten lebt. Diese lädt Beatriz nolens volens ein, zum Abendessen mit ihren Freunden zu bleiben, als deren Auto eine Panne hat. So trifft die Mexikanerin Beatriz dann auf den Grossindustriellen Doug Strout (John Lithgow), der eine Art Seelenverwandter von Donald Trump ist. Er redet einem rücksichtslosen Kapitalismus das Wort und zieht über Einwanderer her – und staunt nicht schlecht, als ihm Beatriz, die er zuerst gar nicht bemerkt und dann für eine Bedienstete gehalten hat, zum Entsetzen der Gastgeber verbal zurückgibt. Gerade heute, da das Wort Filterblase die Runde macht, ist dieser Film von brennender Aktualität, weil Regisseur Arteta zwei Welten aufeinanderprallen lässt. „Beatriz at Dinner“ ist eine Reflexion über Klassenunterschiede im heutigen Amerika, wo mexikanische Bedienstete sogar in Haushalten von Demokraten oft abschätzig behandelt werden. 70 Minuten lang war ich im Bann dieses spannenden Films, doch dann lässt Arteta sein Sozialdrama ins Horrorfach und am Ende sogar ins Esoterische kippen, was zwar ärgerlich ist, aber doch nicht reicht, um den positiven Eindruck zu ruinieren. Salma Hayek zeigt hier die beste Leistung ihrer Karriere – und spielt vielleicht ein wenig die Rolle ihres Lebens: Die in Hollywood auf lispelnde Latinas abonnierte Mexikanerin ist ja im realen Leben mit dem milliardenschweren französischen Unternehmer François-Henri Pinault verheiratet.

 

9. „Marjorie Prime“ von Michael Almereyda (Premieres)


Dieser Film wirft eine moralische Frage auf, die viele von uns im Laufe ihres Lebens einmal beantworten werden müssen: Will man einen Verstorbenen via Hologramm ins Leben zurückholen? Die Kinder der 86-jährigen Marjorie (Lois Smith) haben ihrer Mutter einen Diener in der Gestalt ihres verstorbenen Gatten (Jon Hamm) zur Seite gestellt. Er leistet ihr Gesellschaft, lässt sie in alten Zeiten schwelgen, kann aber nicht zupacken und zum Beispiel ein Glas aufheben, das auf den Boden gefallen ist. Dass er bloss eine Projektion ist, merkt man als Zuschauer erst nach etwa 40 Minuten. Der Film beginnt als dialoglastiges Kammerspiel, weitet sich aber zur Reflexion übers Familienleben, als Marjories Tochter Tess (Geena Davis) und ihr Mann (Tim Robbins) für ein paar Tage zu Besuch kommen. Ein gediegenes, aber auch etwas statisches Drama, das existenzielle Fragen aufwirft und ein Wiedersehen mit Schauspielern beschert, die man gerne öfters auf der Leinwand sähe.

 

8. „Menashe“ von Joshua Z. Weinstein (Next)


Dieses von wahren Begebenheiten inspirierte Drama spielt in der ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde von Brooklyn und ist ganz auf Jiddisch gesprochen, das man als deutschsprachiger Zuschauer problemlos versteht. Menashe (Menashe Lustig) ist Witwer und arbeitet in einem koscheren Supermarkt, um sich und seinen Sohn über Wasser zu halten. Seinem Bruder und dem Rabbi ihrer Gemeinde ist das ein Dorn im Auge. Denn laut Thora darf ein Jude nicht allein bleiben, sondern sollte wieder heiraten. Der zwar streng gläubige, aber etwas nachlässige Menashe will aber alleine bleiben, worauf ihm das Sorgerecht für seinen Sohn entzogen wird. Der Film gibt Einblick in Alltag und Riten der Orthodoxen, deren Milieu von starken Hierarchien geprägt ist. Man merkt, dass Regisseur Joshua Z. Weinstein gewissermassen von innen heraus erzählt: Er benennt zwar die Konflikte, bleibt aber sowohl Menashe als auch den Sittenwächtern gegenüber nachsichtig. Erstaunlich ist, wie hermetisch das Milieu der chassidischen Juden ist: Bis auf zwei hispanische Hilfsarbeiter im koscheren Supermarkt hat Menashe keinen Kontakt mit Andersgläubigen. Ein starker Film, der ein Festival-Darling werden wird.
7. „Mudbound“ von Dee Rees (Premieres)


Dies ist der Film, der dieses Jahr in Sundance den grössten Hype verursachte. Die lesbische Afroamerikanerin Dee Rees („Pariah“) hat Millary Jordans gleichnamigen Roman sehr klassisch adaptiert. Sie erzählt vom schwierigen Zusammenleben von Schwarz und Weiss in den Südstaaten: Bei einem Dorf in Mississippi kauft der weisse Clan der McAllens ein Haus, das in der Nähe der Hütte der schwarzen Sklaven der Jacksons liegt. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, werden der weisse Henrie (Garrett Hedlund) und der schwarze Ronson (Jason Mitchell) eingezogen und kämpfen in Europa. GI Ronson wird in Belgien als Kriegsheld gefeiert, hat sogar eine weisse Freundin. Aber zurück in den USA wird er wieder wie der letzte Dreck behandelt. Der Pater familias der McAllens verbietet ihm sogar, ein Geschäft durch den Haupteingang zu verlassen. Dee Rees erzählt behutsam und detailreich, man hat stellenweise das Gefühl, im Kino geradezu zu hören, wie sie in der Vorlage blättert. Für mich hat der Film aber erst an Spannung und Intensität gewonnen, als die Jungs aus dem Krieg zurückkehren und der Ku-Klux-Klan sein Unwesen zu treiben beginnt. Die meisten amerikanischen Kritiker gerieten ins Delirieren, das Wort Oscar kam fast in jeder Besprechung vor. Ich bin nicht so begeistert: „Mudbound“ ist ein solider, etwas akademischer Film, der einen Sog entwickelt, aber angesichts der drastischen Ereignisse, die er verhandelt, doch zu wenig emotional ist und einen als Zuschauer auf kontemplativer Distanz hält. Ich glaube nicht, dass dieses von Netflix gekaufte Drama 2018 den Oscar als bester Film gewinnen wird.

 

6. „The Hero“ von Bratt Haley (U. S. Dramatic)


Der Film beginnt grossartig: Wir hören aus dem Off die tief sonore Stimme eines Mannes, der eine Barbecue-Sauce anpreist. Sie gehört dem alternden Countrysänger Lee Hayden (Sam Elliott), der gerade einen Werbespot aufnimmt. Konzerte gibt er keine mehr, oft verbringt er seine Tage bei seinem Agenten mit Kiffen. Doch dann schneit ihm das Schicksal nochmals eine scharfe Maus ins Haus: Aus Gründen, die das Drehbuch nicht nachvollziehbar macht, verliebt sich die knapp 40-jährige Stand-Up-Comedian Charlotte (Laura Prepon) in Lee und begleitet ihn zu einer Ehrung, wo die beiden auf Drogen viel Spass haben. Dank einer völlig überdrehten Dankesrede wird Lee auf Twitter zum Star. «The Hero» ist eine melancholische, von feiner Ironie durchzogene Charakterstudie über einen alternden Star, der nochmals zurück ins Leben findet. Stellenweise erinnert sie an «Crazy Heart» mit Jeff Bridges.

 

5 „Patti Cake$“ von Geremy Jasper (U. S. Dramatic)


Dieser Film hat das Eccles zum Kochen gebracht und von allen Filmen, die ich gesehen habe, am meisten Applaus erhalten. Geremy Japers taucht in seinem Spielfilmerstling tief ins White-Trash-Milieu von New Jersey ein, wo die fettleibige Patricia (Danielle MacDonald) von einer Karriere als Rapperin träumt. Sie verdingt sich als Kellnerin in einem Catering-Unternehmen und macht am Feierabend Musik mit einem Inder namens Jheri (Siddharth Dhananjay), der in einer Apotheke arbeitet. Wie durch höhere Fügung darf sie eines Tages in der Villa ihres Rap-Idols O-Z (Sahr Ngaujah) arbeiten, dem sie mit einem grünen Drink eine Demoversion ihres ersten Albums serviert, worauf der Arrogante darauf seine Zigarre ausdrückt und sie zum Teufel schickt. Trotzdem lässt sich Patricia nicht unterkriegen, spannt mit einem schwarzen Satanisten und ihrer Oma zusammen und stürmt schliesslich als Killa P, a. k. a. Patti Cake$ die Charts. Der Film ist ein Crowd-Pleaser, der mit seinem Multikulti-Cast dem Zeitgeist entspricht. Er markiert den Durchbruch der Wuchtbrumme Danielle MacDonald, deren Figur und Schauspiel an den Durchbruch von Gabourey Sidibe (was die wohl heute macht?) in «Precious» von 2009 erinnert. Fox Searchlight hat den Bieterkampf um das Feelgood-Movie gewonnen und sich die Kinorechte für 10,5 Millionen Dollar gesichert. Hoffentlich wird der Film auch in der Schweiz zu sehen sein.
4. „Where Is Kyra“ von Andrew Dosunmu (Premieres)


Dieser Film des Afroamerikaners Andrew Dosunmu ist ein Sozialdrama, das wie ein Kunstfilm inszeniert ist. Michelle Pfeiffer verkörpert die etwa 50-jährige Kyra, die nach dem Tod ihrer Mutter ums Überleben kämpft. Weil sie keinen Job findet, gibt sie sich auf der Bank mit Sonnenbrille und tief ins Gesicht gezogenem Hut als die Verstorbene aus, um so deren Pension weiter zu beziehen. Als sie sich in den Büezer Doug (Kiefer Sutherland) verliebt, versucht der sie zur Vernunft zu bringen. Dosunmu evoziert eine schwermütige Stimmung. Kyra hält sich meist in Innenräumen auf, die der Regisseur in schummriges Licht und in grün-bräunliche Farbtöne taucht. Die Marginalisierung der Titelheldin betont er dadurch, dass er sie oft am Bildrand placiert. Der Film entwickelt einen starken Sog, was auch dem eindringlichen Spiel (der leider ziemlich gelifteten) Michelle Pfeiffer zu verdanken ist, die hier zum ersten Mal seit vier Jahren wieder auf der Leinwand zu bewundern ist. «Where Is Kyra» ist wunderbar komponiert, aber natürlich das Gegenteil von einem Feel-Good-Movie. Als hätte es noch einen Beweis dafür gebraucht, wie mainstream-verdorben selbst das Publikum in der Indie-Wiege Sundance mittlerweile ist, sagte mir eine Frau an der Bus-Station: «I hated that movie, it’s so weird».

 

3. ,,Crown Heights” von Matt Ruskin (U. S. Dramatic)


Dieses Gefängnisdrama war der letzte der 29 Filme, die ich in den neun Tagen in Sundance gesehen habe und es bescherte mir einen starken Festivalschluss. Eigentlich hatte ich ja ein Ticket für die Gala-Premiere von «The Incredible Jessica James» im Eccles, doch auf dem Weg zum Kino habe ich auf dem iPhone die Reviews in den Trades gelesen, die auf ein 08/15-Befindlichkeits-Flick hindeuteten. Und da ich ohnehin keine Lust mehr hatte, eine halbe Stunde bei minus 10 Grad Schlange zu stehen, ging ich kurzerhand ins Village Cinema, um «Crown Heights» zu schauen. Matt Ruskin erzählt, wie der Afroamerikaner Colin Warner (Lakeith Stanfield), ein Kleinkrimineller aus New York, 1980 zu Unrecht wegen Mordes verurteilt wird, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Wir folgen ihm als Zuschauer in den Knast, wo er von einer Latino-Gang vermöbelt wird. Derweil sammelt ein Freund draussen Geld, um eine Neubeurteilung des Falls zu erwirken. Doch erst nach über 20 Jahren kommt Warner frei. Der Film basiert auf einem klugen Drehbuch und bleibt spannend von A bis Z. Natürlich hat man das Gefühl, alles schon einmal in anderen Filmen wie «Dead Man Walking» oder «The Green Mile» gesehen zu haben. Doch abgeschmackt wirkt der Thriller nicht. Erschütternd ist nicht nur die wahre Geschichte, sondern auch der am Ende eingeblendete Fakt, dass in den USA 2,3 Millionen Menschen im Gefängnis schmoren – davon schätzungsweise 120 000 zu Unrecht verurteilte. «Crown Heights» ist starker Tobak, einer der wenigen Sundance-Filme mit Chancen auf einen Publikumserfolg in hiesigen Kinos. Er hat verdientermassen den Publikumspreis gewonnen.

 

2. „Landline“ von Gillian Robespierre (US Dramatic)


Dieses Befindlichkeitsdrama beginnt beschwingt: In der ersten Einstellung sehen wir, wie sich die gegen einen Baum gelehnte Dana (Jenny Slate) von ihrem Freund Ben (Jay Duplass) von hinten vögeln lässt. So endet für die beiden 1995 das Labor-Day-Weekend im Ferienhaus, bald darauf wollen sie heiraten. Zurück in New York befallen Danna jedoch Zweifel, ob ihr gutmütiger Langweiler, der im Bett am liebsten Magazine liest, der Richtige fürs Leben ist. Überhaupt, die Ehe: Soll man sich für immer binden? Ihr Vater (John Turturro) ist jedenfalls kein gutes Vorbild, denn er hat eine Liebhaberin, wie Danas kleine Schwester (Abby Quinn) herausfindet, die anfängt, mit Drogen zu experimentieren. „Landline“ hat kein grosses Thema, es ist eines dieser typischen Sundance-Flicks, wie sie Richard Linklater und Noah Baumbach beherrschen. Robespierre („Obvious Child“) spiegelt die Befindlichkeit der vier Familienangehörigen, erzählt in Vignetten von den kleinen schmutzigen Geheimnissen, die sie haben. Was den Film von anderen Befindlichkeits-Flicks abhebt, ist einerseits die grossartige Besetzung und andererseits die liebevolle Retro-Ausstattung. Wer in den 1990ern jung war, wird immer wieder „Genauso-war-es“-Momente haben, etwa wenn Dana im Musikgeschäft per Knopfdruck in CD reinhört.

 

1. “The Nile Hilton Incident” von Tarik Saleh (World Dramatic)

In diesem stimmungsvoll inszenierten Politthriller erzählt der schwedische Regisseur Tarik Saleh, wie während des arabischen Frühlings Vergangenheit und Zukunft in Ägypten aufeinanderprallten und viele Menschen dazwischen verrieben wurden. Im Kairo des Jahres 2011 lernen wir den abgelöschten Cop Noredin kennen. Er raucht zu Hause gerade einen Joint, als das Fernsehen eine Rede von Präsident Hosni Mubarak überträgt, welcher der Polizei für ihren Einsatz gegen Terroristen dankt. Noredin ist Teil des korrupten Systems, steckt Schmiergelder ein und konsumiert Drogen, die er bei Dealern beschlagnahmt hat. Doch dann muss er in einem Mordfall ermitteln: Im Nile Hilton Hotel wurde einer Schlagersängerin die Kehle durchgeschnitten. Offenbar hatte sie zuvor Sex mit einem verheirateten Immobilienhai, der verspricht, Kairo wieder gross zu machen. Die Spur führt direkt ins Zentrum der Macht, Noredins Vorgesetzter will den Fall als Selbstmord der Sängerin ad acta legen. Doch der kleine Cop ermittelt auf eigene Faust weiter und wechselt die Seite – just, als in Kairo die Massendemonstrationen beginnen, die Mubarak zu Fall bringen werden. „The Nile Hilton Incident“ ist ein spannender Thriller, der ein politisches Klima evoziert und bei dem Rhythmus und Form perfekt dem Inhalt entsprechen: Zu Beginn ist er langsam, spielt in dunklen schummrigen Räumen, die Regisseur Saleh in langen Einstellungen einfängt. Der korrupte Cop steht für das lethargische Ägypten. Doch dann erwachen er und das Land, streben nach Wahrheit und der Film wird heller, die Szenen dynamischer. Das Ende ist so düster wie brillant und zeigt, wie viele Drahtzieher des alten Regimes sich durch opportunistisches Anpassen in die neue Zukunft retten konnten. Drehen musste Saleh übrigens in Casablanca, weil die Regierung von Ägypten seiner Crew drei Tage vor Drehbeginn die Arbeitserlaubnis entzog. Hoffentlich bringt ein Schweizer Verleiher den Film bei uns heraus.

The Sheep’s Ultimate Best List Of 2016

1.  Arrival

Wir können uns nur vorstellen, was wir auch formulieren können. Die Grenzen unserer Sprache markieren die Grenzen unseres Bewusstseins. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn wir eine Sprache erlernen könnten, die das Universum mit seinen Parametern von Raum und Zeit anders strukturiert, sähen wir unsere Welt als eine andere, weil wir anders dächten.

Um diese hochspannende, aber sehr theoretische philosophische These zu einem emotionalen und nachvollziehbarem cineastischen Erlebnis zu verpacken, lässt Denis Villeneuve Ausserirdische, welche praktisch aus dem Nichts in acht über den Globus verteilten, an Monolithen erinnernde, gurkenförmigen Quasi-UFO’s erscheinen, die laut- und schwerelos knapp über der Erdoberfläche schweben und in der Folge die Menschheit, vertreten durch die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) und dem Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner), mit der Beschränktheit unserer Sprache und demzufolge unseres Bewusstseins konfrontieren.

„Arrival“, Denis Villeneuve’s („Incidents“, „Prisoners“, „Enemies“, „Sicario“) letzter Film bevor er dann im Herbst 2017 sein lang erwartetes „Blade Runner“-Remake auf die Leinwände bringen wird, ist sein bisher bestes Werk, was etwas bedeutet, da in seinem Oeuvre eigentlich keine qualitativen Ausfälle zu erkennen sind und er praktisch für jedes Filmgenre (Horror, Thriller, Action, Drama) seinen ganz persönlichen Knallerbeitrag beisteuerte, der – wenn nicht eine neue Bestmarke – so doch jedes Mal einen unauslöschbaren Fussabdruck markierte. So stellt er nun auch im Sci-Fi-Genre die jüngeren und durchaus respektablen Beiträge wie „Interstellar“ deutlich in den Schatten und platziert sich auf Anhieb auf Augenhöhe mit den ganz grossen Klassikern wie „2001“ oder „Solaris“. So sind es nicht nur die – wie immer bei Villeneuve – düsteren, befremdlichen und gleichzeitig hochästhetischen Bilder, unterlegt mit unheilschwangeren, bombastisch-schrägen, dieses Mal an Orka Wale gemahnende Töne oder teilweise eher Schreie, fliessend abgelöst von Max Richters („The Leftovers“) tieftraurigem „On the nature of daylight“, was fasziniert, sondern auch die erzählerische Struktur, die sich an dem philosophischen Exkurs orientiert, die Grenzen der linearen Strukturen aufreisst und schliesslich in einer simplen, wie aber auch bestechend zeitlosen und wahren Einsicht mündet: Der Wert des Momentes, der Zeit, gerade in Anbetracht unserer Endlichkeit.

In Anbetracht der philosophischen Natur dieses Stoffes und der kompletten Fokussierung darauf unter konsequenter Auslassung aller möglichen, reisserischen oder effekthascherischen Aspekte, die ja so ein „Invasion“-Stoff theoretisch bieten würde, der reduzierten poetischen Form des Erzählens, der feinen Zwischentöne, der nuancierten Betrachtungen und der zutiefst humanen Note, erstaunt es umso mehr, dass in dem heutigen möglichst auf Risikominimierung ausgerichteten Filmgeschäft über 50 Millionen Dollar in so ein ambitioniertes und intellektuell anspruchsvolles Projekt investiert wurden. Man kann es sich nur damit erklären, dass die Produzenten entweder die Absichten des Regisseurs nicht wirklich verstanden haben oder dass bei Denis Villeneuve einfach keine Fragen mehr gestellt werden. So oder so, die Welt – zumindest die der Cineasten – dankt. Denn durch die Diskussionen über diesen Film ist man gezwungen, über das zu sprechen, was man eigentlich nicht formulieren kann. Und bekanntlich genau das könnte unser Bewusstsein erweitern und verändern, zumindest nach der eingangs erwähnten Theorie. Ob es wirklich auch etwas bewirkt, werden wir ja noch sehen. Der dazu notwendige Film ist auf jedenfalls mal entstanden.

Arrival, USA 2016, 117 Min. Regie: Denis Villeneuve Mit Amy Adams, Forest Whitaker und Jeremy Renner

 

2. Nocturnal Animal

Es war von Anfang an absehbar, dass dieser Film zu den grossen Würfen im Kinojahr 2016 gehören wird. Wer die Arbeiten und Filme von George Clooney, Jack Gyllenhaal und Tom Ford ein wenig kennt, der weiss, dass alle drei ein exquisites Händchen für aussergewöhnliche Filmprojekte haben, die meistens auch abseits des Mainstreams angesiedelt sind. Und wenn die dann zusammen was anreissen (Clooney als Produzent, Ford als Regisseur und Gyllenhaal als Hauptdarsteller) und dies als eine Art Rape-Revenge-Thriller klassifiziert wird, mit mehreren Erzählebenen, der Jury-Preis in Venedig einheimst, die ersten durchsickernden Kritiken sehr kontrovers ausfallen, von totaler Ablehnung („Der Film ist so oberflächlich, wie die Oberflächlichkeit, die er anzuprangern meint“) bis hin zur komplett euphorischen Absolution („Filmkunst in Perfektion“), Zuschauer unter anderem das Kino entnervt verlassen, Buh-Rufe bis Applaus, dann kann man sicher sein, etwas Aussergewöhnliches serviert zu bekommen. So ist es dann auch.

Die erfolgreiche Galeristin Susan, die in L.A. mit Schlafstörungen und einer eingefrorenen Ehe in einem sinnentleerten Dasein vor sich hin vegetiert, kriegt eines Tages von ihrem Ex-Mann, zu dem sie seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr hatte, das finale Script zu seinem neuen Roman mit dem Titel „Nocturnal Animals“ zugesandt. Darin wird ein Ehepaar mit seiner Tochter im Teenageralter irgendwo in Texas in der Nacht von brutalen Outlaws von einer Landstrasse abgedrängt, Frau und Tochter entführt und der Mann in der Wüste ausgesetzt. Das mit den absehbar unausweichlich schrecklichen Folgen. Die durch die Lektüre aufgewühlte und sich bedroht fühlende Galeristin sieht sich gezwungen, sich mit den jahrelang verdrängten Gefühlen zu ihrem Ex-Mann und letztlich mit ihrem eigenen Leben auseinanderzusetzen.

Wie es von Tom Form nicht anders zu erwarten war, ist hier Ultra-Ästhetik Programm, beinahe jede Einstellung könnte auch in Susan’s Galerie in L.A. hängen, wobei Ford für jede Handlungsebene eigene stilistische und farbliche Konzepte entwarf, die sich gegenseitig wiederum möglichst hoch kontrastieren.

Im Unterschied zu Nicolas Winding Refn’s „Neon Demon“, der auch immer wieder als Vergleich zu „Nocturnal Animals“ herangezogen wird – wie auch „Lost Highway“ von David Lynch und „No Country for Old Men“ von den Cohen Brothers – ist dieser Film aber definitiv kein Zelebrieren der Form über den Inhalt. Im Gegenteil, die Story – nach einem Roman von Austin Wright („Tony&Susan“) – ist eine tief erschütternde Reflektion über verpasste Chancen und verlorene Liebe, über das ewige Dilemma von Herz und Verstand und die daraus entstehenden Konsequenzen. Wie Ford dies umsetzt, ist brutal, teilweise fast unerträglich intensiv und beklemmend, aber auch hochsensibel und letztlich tieftraurig. Tom Ford entpuppt sich nun definitiv als einer der begabtesten Filmemacher unserer Zeit mit einem ästhetisch Gespür und inszenatorischem Timing, das seinesgleichen sucht und von einer angeborenen Genialität zeugt. Dass Jack Gyllenhaal oder Amy Adams, die ja schon „Arrival“ praktisch alleine trägt – nicht zu vergessen auch Aaron Taylor-Johnson als verstörender Red-Neck-Sadist – hier zu Bestform auflaufen, trägt dazu bei, dass auch die höchsten Erwartungen nochmals gesprengt werden. Dass der Schluss eine grosse Deutungsbreite mit möglichst grossem Interpretationsspielraum über die Intention von Edward, ihrem Ex-Ehemann, zulässt, die das ganze Geschehen je nach Betrachtung in ein komplett anderes Licht rückt, mag für gewisse Leute unbefriedigend oder unbequem sein, spricht aber für die psychologische Komplexität des Stoffes. Als kleine Hilfe erwähne ich hier deshalb nur zwei Wörter: Goldene Kette. „Nocturnal Animal“ wird sich als der grosse Kultfilm dieses Jahres in der Filmgeschichte festschreiben. Sie werden unweigerlich daran denken, wenn Sie Ihre nächste Beziehung zu „dumpen” gedenken und wird Sie bis in Ihre Träume verfolgen. Wenn Sie dann überhaupt schlafen können…

Nocturnal Animals, USA 2016 116 Min. Regie: Tom Ford Mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon und Aaron Taylor-Johnson

 

3.  Paterson

We have plenty of matches in our house
We keep them on hand always
Currently our favourite brand
Is Ohio Blue Tip
Though we used to prefer Diamond Brand
That was before we discovered
Ohio Blue Tip matches
They are excellently packaged
Sturdy little boxes
With dark and light blue and white labels
With words lettered
In the shape of a megaphone
As if to say even louder to the world
Here is the most beautiful match in the world
It’s one-and-a-half-inch soft pine stem
Capped by a grainy dark purple head
So sober and furious and stubbornly ready
To burst into flame
Lighting, perhaps the cigarette of the woman you love
For the first time
And it was never really the same after that
All this will we give you
That is what you gave me
I become the cigarette and you the match
Or I the match and you the cigarette
Blazing with kisses that smoulder towards heaven
(Love Poem)

Es mag ja sein, dass die Storyline von einem Busfahrer in Paterson, New Jersey, von dem sieben Tage in seinem Leben erzählt werden, in denen er mehr oder weniger zur selben Zeit aufsteht, anschliessend sein Müsli mit den Ringelcornflakes isst, zur Arbeit zum Busbahnhof geht, vor der Abfahrt Gedichtzeilen in sein „geheimes“ Notizbuch schreibt, bevor er dann den Bus wirklich startet um seine täglichen Routen abzufahren, dabei den typischen Alltagsgesprächen von seinen Gästen lauscht, am Mittag auf einer Parkbank ein Sandwich zu sich nimmt und weitere Gedichtzeilen in sein Notizbuch schreibt, am Abend wieder nach Hause läuft, sich mit seiner leicht durchgeknallten, immer voller neuen Ambitionen und Ideen steckenden, aber liebevollen und hübschen Freundin unterhält, besser, ihr eher zuhört, bevor sie dann ein von ihr zubereitetes immer kreativ-gesundes – nicht immer sein Geschmack treffendes – Dinner (Broccoli-Cheddar-Cheese Pie zum Beispiel) verspeisen, ehe er dann noch eine letzte Runde um das Quartier mit ihrer, ihm leicht feindselig gesinnten, englischen Bulldogge dreht, wo er noch einen letzten Abstecher in seine Stammbar für ein Abendbier einlegt, dort einen kleinen Schwatz mit dem Barmann, einem der Gäste oder gar keinen Schwatz hat, um sich nachher auf den Weg zur Nachtruhe macht und dies dann eben siebenmal in Folge, nicht zwingend jedermann in neugierige Übermut versetzt. Für diejenigen, die sich aber an diesen scheinbar langweilen und handlungsarmen Stoff heranwagen, denen darf ein Effekt in Aussicht gestellt werden, der einer tief entspannenden, entkrampfenden und zufrieden stellenden Tiefen-Meditation-Session in nichts nachsteht. Im Gegenteil. Allenfalls anfänglich leicht irritiert von der Entsagung sämtlicher gewohnter Spannungstreiber, ein wenig unruhig von der Gemächlichkeit des Erzähltempos, eventuell kleine Juckreize von all den ständigen Repetitionen und Nebensächlichkeiten verspürend, verfällt man nach und nach in einen unmerklich sich aufbauschenden und unwiderstehlichen Sog der erhabenen Ereignislosigkeit, der puren Schönheit der kleinen alltäglichen Dingen, bis man am Schluss beim Abspann sich wünscht, einfach sitzen zu bleiben und sich ewig von diesen magischen und irgendwie glücklich machenden Wogen mitziehen zu lassen. Mit seinem dreizehnten Spielfilm liefert Jim Jarmusch, 64 Jahre alt, und bekannt als Meister der melancholischen Lakonie, sein Opus Magnum ab. Wohlgemerkt im besten zen-buddhistischen Sinne. Es scheint tatsächlich der Wahrheit zu entsprechen, dass Amazon, der grösste Konkurrent von Netflix, der ja auch zum Beispiel schon Woody Allen für sich gewinnen konnte („Crisis in Six Scenes”), keine, aber wirklich gar keine Vorgaben an die von ihm engagierten – zumindest bei den renommierten – Kulturschaffenden macht und somit Jarmusch ermöglichte, sein Meisterwerk unter Auslassung von sämtlichen, dem üblichen Spannungsbogen zuträglichen Ingredienzen, umzusetzen, um somit den eindeutig radikalsten Film von 2016 zu erschaffen. „Paterson“ ist kein Film über Poesie. „Paterson“ ist Poesie! Aber was genau ist Poesie? Fragen wir doch Paterson selber. „Poetry? Just words on water“. Punkt.

Paterson, USA 2016, LZ 123 Min. Regie: Jim Jarmusch Mit Adam Driver, Golshifteh Farahani und Masatoshi Nagase

 

4.  The Affair

Es besteht kein Zweifel mehr daran, dass Fernsehserien im Begriff sind, den klassischen Kinofilm als Ort der Unterhaltung und der Flucht aus dem Alltag – zumindest in der Populärkultur – abzulösen oder ihn bereits abgelöst haben. Dass viele namhafte Filmschaffende, in letzter Zeit auch aus der anspruchsvollen Arthouse-Ecke, ebenfalls zu Netflix, Amazon und Co. abwandern, unterstreicht und beschleunigt diesen Trend umso mehr. Obschon effektiv einige cineastischen Perlen aus dieser Revolution entstanden sind („True Detective”, „Fargo“, „The Leftovers” etc.), ist der konzeptionelle Unterschied zwischen TV und Kino meistens noch zu offensichtlich – und oftmals natürlich auch Absicht – oft daran erkennbar, dass die Story dramaturgisch auf die einzelnen Folgen ausgerichtet ist, welche dann an jedem Ende irgendein möglichst spannender, schockierender oder provozierender Cliffhanger präsentiert, was dem Erzählfluss und der Geschichte insgesamt meistens nicht gerade zu erhöhter Konsistenz, Glaubwürdigkeit oder Authentizität verhilft, sondern eher einfach den Showeffekt des Gezeigten unterstreicht. Muss ja nicht per se schlecht sein, hätte aber auf dieser Bestenliste der cineastischen Werke eines Jahres nichts verloren. Nicht so aber bei dem bei uns in Europa immer noch nicht gestarteten und im Frühjahr 2016 nur auf DVD erschienenen Meisterwerk der sinnlichen Spannung. Die Serie „The Affair“, welche von Sarah Treem und Hagai Levi für den Sender „Showtime“ kreiert wurde, welche 2015 die Golden Globes als bestes Fernseh-Drama (gegen „Games of Thrones“, „House of Cards“ etc.) gewonnen hat, ist die bisher konsequenteste Verschmelzung von Arthouse-Kino und Fernseh-Serie, da diese auf die oben genannten dramaturgischen Spielereien konsequent verzichtet und sich vollumfänglich auf die Entwicklung der involvierten Figuren konzentriert, dies unaufgeregt, schlicht, authentisch und mit einer sehr selten anzutreffenden Tiefenschärfe, so dass man sich zeitweise eher in einem Roman als vor bewegten Bildern wähnt.

Die Geschichte um die Liebesaffäre zwischen dem Autor und Familienvater Noah Solloway (Dominic West) und der Kellnerin Alison Lockhart (Ruth Wilson), ihre jeweiligen Beweggründe und deren weitläufige Konsequenten werden in einem sogenannten Spiegelungsverfahren erzählt, das Akira Kurosawa in seinem Meisterwerk „Rashomon“ das erste Mal angewendet hat. Dieselben Ereignisse werden jeweils aus der Sicht von Noah und aus der Sicht von Alison erzählt. Dass die Rekonstruktion der Geschehnisse retrospektiv in einem separat geführten Polizeiverhör stattfindet, verleiht der ganzen Geschichte von Anfang an eine unterschwellig unheilvolle und anhaltende Spannung, die mit dem sonst sehr stillen und dramatischen Handlungsverlauf in einer betörenden Symbiose steht. Das subtil in den Handlungsbogen eingeflochtene Gesellschaftskaleidoskop vom Schauplatz Montauk, East Hamptons, dessen wirtschaftliche Entwicklung vom idyllischen Fischerdörfchen in eine Touristenhochburg von mehrheitlich vermögenden New Yorkern hier skizziert wird und die dadurch entstandenen ethnologischen Veränderungen, die sich drastisch in die Verhältnisse der dort seit Jahrzehnte herrschenden Clan-Strukturen auswirkten, verleiht dieser tragischen Liebesgeschichte zusätzlich zur lyrischen auch noch eine epische Qualität.

Unterstrichen wird dies noch durch die melancholischen ruhigen Klänge von Marcelo Zarvos und die formidablen Darsteller, die bis in die Nebenrollen exzellent besetzt sind. Die Main-Acts Dominic West und Ruth Wilson als das zwischen Lust und Schmerz agierende Liebespaar stossen das Tor zwischen Fiktion und Realität beängstigend weit auf. Dass man gar nicht anders kann, als sich in die von Ruth Wilson gespielte Alison Lockhard zu verlieben, ist schliesslich auch die dramaturgische Bedingung dieses Konzeptes. Und es geht auf. Egal welchem Geschlecht Sie angehören.

The Affair, USA 2014, LZ 500 Min. Idee: Sarah Treem & Hagai Levi Mit Dominic West und Ruth Wilson

 

5.  The Valley of Love

„Mise en abyme“, eine Spiegelkonstruktion von Bilder oder Bild-in-Bild Effekt, so nennt Guillaume Nicloux („Die Nonne“, „The Kidnapping of Michel Houellebecq“) das dahinterliegende Konzept zu seinem „The Valley of Love“. Warum? Der Film führt die beiden Kolosse des französischen Films nach 35 Jahren wieder zusammen. Kolosse im übertragenen und im buchstäblichen Sinn. Wir sprechen hier von Gérard Depardieu und Isabelle Huppert. Sie spielen ein geschiedenes Ehepaar, das in der sengenden Hitze des Death Valley unfreiwillig zusammentrifft, da der gemeinsame Sohn sich umgebracht hat und ihnen beiden per separaten Brief versprochen hat, ihnen noch einmal an diesem unwirtlichen Ort zu begegnen, um ihnen für ihr Versäumnis und Verzagen, sich um ihn zu seinen Lebzeiten zu kümmern oder sich auch nur für ihn zu interessieren, zu vergeben. Dies werde an einem der 20 Orte, welche willkürlich im Todestal verteilt sind, aber in den Briefen minutiös markiert, inklusive minimale Aufenthaltsdauer, passieren. Beide Eltern sind berühmte Schauspieler und haben ihre Lebenszeit ausschliesslich für den Aufbau ihrer Karrieren eingesetzt. Sie heissen übrigens auch im Film Gérard und Isabelle.

„Die Grenzen zwischen dem richtigen Leben und der Fiktion verwischen sich. Mit dieser Methode, diesem Alibi einer Fiktion, vermochte ich das Wort Dokumentarfilm loszuwerden. Man verwendet den Begriff immer synonym mit Wahrheit, aber er ist genau das Gegenteil: Nichts ist mehr Fake als das Dokumentarische. Die Wahrheit findet man nur in der Fiktion.“

In Maurice Pialats Film „Loulou“ von 1980 spielten Gérard Depardieu und Isabelle Huppert zwei Liebende aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, eine gutbürgerliche Ehefrau und einen proletarischen Hallodri, die feststellen müssen, wie sehr die Herkunft sie trennt.
Depardieu’s Sohn Guillaume verstarb bereits im Oktober 2008 im Alter von 37 Jahren an einer Lungenentzündung.

„The Valley of Love“ hält von Anfang an eine vibrierende, fesselnde Grundstimmung, was einerseits an der Metaebene dieser Geschichte liegen mag, die durch das elektrisierende Schauspiel der beiden Wiedervereinten absolute Glaubwürdigkeit erhält, wenn nicht sogar Verwirrung stiftet. Die Vertrautheit, die gefühlte vergangene Intimität, die Trauer und Verzweiflung des Verlustes ihres Kindes zeichnet sich in jeder Gestik, Mimik und jedem gesprochenen Wort ab. Die musikalische Untermalung besteht aus dem Musikstück „The Unanswered Question„ von Charles Ives, das zwischen 1906 und 1908 entstanden ist und als eines der Schlüsselwerke der musikalischen Moderne sowie als einer der originellsten amerikanischen Beiträge zur Musikgeschichte gehandelt wird. Die zusätzlich surrealen, teilweise sehr fremdartig- und schockierenden Traumelemente, die zunehmend übersinnlichen Momente, gepaart mit der anschwellenden Hilflosigkeit und Verwirrung der Hauptakteure, verleiht dem Film eine einzigartig mysteriös-dramatische Note, irgendwo zwischen Beziehungsdrama, Bussgang, existenzieller Wüstenmeditation mit einem Hauch Geisterspuk und einem Schuss Heavy Metall. Gemäss Regisseur entstanden gewisse Schlüsselszenen völlig ungeplant und demzufolge komplett improvisiert – ganz seiner Arbeitsweise enstprechend: „Ich möchte nur nach der Intensität und Energie eines Augenblicks greifen“. Das ist ihm in der Tat gelungen. Starker Tobak.

Valley of Love – Tal der Liebe, Frankreich 2015, LZ 92 Min. Regie: Guillaume Nicloux Mit Gérard Depardieu und Isabelle Huppert

 

6.  Brooklyn

Ganz grosse gelungene Melodramen im altmodischen Stil – dies wohlgemerkt positiv gemeint – sind selten geworden. Um „altmodisch“ kurz zu definieren: Gemeint sind die Art von Filmen, die generationenübergreifend funktionieren und in jedermann die grossen universellen Gefühle wecken, getrieben von moralischer Aufrichtigkeit, ohne verkommene Seitenhiebe an die Adresse der dunklen Seiten des Homo Sapiens.
Dies mag einerseits an der immer grösseren Nachfrage nach schnell konsumierbarem Gefühlskitsch, der keine grossen Nachwehen verursacht, liegen, die mit den diversen Sonntags-TV-Programmen (Rosamunde Pilcher) oder im Kino mit den seriell produzierten und mit hoher Kadenz auf die Leinwand gestrahlten Nicolas-Sparks-Verfilmungen („The last Song“, „The best of me“) – Herzschmerz nach Schema F – gestillt wird. Filme wie „The English Patient“, „Cinema Paradiso“, „Rain Men“ oder „Atonment“ liegen bereits eine Ewigkeit zurück. Nicht wirklich geglückte Versuche wie dieses Jahr „The Light between the Ocean“ gibt es natürlich immer wieder und eigentlich gelungene Überraschungen wie „Ain’t them body saint“ oder „I Origins“ (Sheep Bestenliste 2014/15) sind offensichtlich zu sperrig, um den Weg zu einem grösseres Publikum zu finden. Als rare Ausnahme kann der letztjährige „Carol“ von Todd Haynes mit Cate Blanchett und Rooney Mara genannt werden und der grosse Oscarfavorit 2017, „La La Land“ – der aber obskurerweise bei den Golden Globus in der Kategorie Musical/Comedy ausgezeichnet worden ist. Deshalb war die „freudige Trauer“ umso grösser, als beim Abspann von „Brooklyn“, eine britische-irische-kanadisch Koproduktion des irischen Regisseurs John Crowley („A boy“), nach dem gleichnamigen Roman von Colm Tóibín adaptiert von Nick Hornby („About a Boy“, „High fidelity“), unmittelbar die Erkenntnis sich festsetzte, ja, es ist endlich wieder einmal vollbracht, der ganz grosse Wurf im melodramatischen Genre im alten Stil ist vollständig gelungen! Das dies so ist, zeigt unter anderem auch die Tatsache, dass „Brooklyn“ bereits wenige Monate nach dem Kinostart in der 2016 erschienenen weltweiten BBC-Umfrage unter Filmkritikern zu den bedeutendsten 100 Filmen des 21. Jahrhunderts (48. Platz./Platz 1 ist „Mullholland Drive“ von David Lynch) gewählt worden ist! Die Geschichte der junge Irin Eilis (Saoirse Ronan), die in den frühen fünfziger Jahren Heimat und Familie hinter sich lässt, um in New York die Chance auf ein besseres Leben zu ergreifen, dort angekommen, am Heimweh fast zerbricht und sich am Ende zwischen zwei Männern, einer aus der neuen, der andere aus der alten Welt, befindet, ist derart bitter-zart, feinfühlig und ergreifend umgesetzt, dass der Taschentuch-Vorrat ab Beginn in Reichweite platziert werden muss. Zu keinem Zeitpunkt verfällt der Film aber in kitschiges oder prätentiöses Terrain, sondern besticht durch eine wunderschöne Inszenierung, welche sich durch Zurückhaltung und Bescheidenheit auszeichnet und den Schwermut der Immigrantin in wohldosierten Abständen mit feinem Humor bricht. Letztlich ist „Brooklyn“ aber ein Ein-Personendrama und Saoirse Ronan’s („Atonment”, „The Lovely Bones“) Wandlung von dem schüchternen und einsilbigen Mauerblümchen zu einer weltgewandten, wunderschönen und begehrenswerten Frau, deren wahrstes Inneres und deren Gedanken immer hinter ihren geheimnisvollen traurigen blauen Augen versteckt bleiben und nur erahnt werden können, ist dann auch der grosse Zauber dieses tief ins Herz gehenden intimen Epos. Grosses bewegendes Kino alter Schule!

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten, England/Irland/Kanada 2015, LZ 112 Min. Regie: John Crowley Mit Saoirse Ronan, Emory Cohen, Domhnall Gleeson

 

7.  Frantz

Ein junge Frau sitzt im Louvre vor einem Gemälde eines Selbstmörders. Nach einer Weile setzt sich ein junger Mann neben sie und fragt, was sie an diesem Bild so reizvoll finde. „Es weckt die Lebenslust wieder in mir“, entgegnet sie. Die Schlusseinstellung von Francois Ozons („8 Femmes“, „Swimming Pool“, „Jeune et Jolie“) neuestem Meisterstück, das den bisherigen Glanzpunkt seines Schaffens darstellt, bringt die emotionale Verfassung seiner Protagonisten in diesem Remake von dem Ernst-Lubitsch-Klassiker „Der Mann, den sein Gewissen trieb“ von 1932, auf den Punkt.

Die Witwe des im ersten Weltkrieg, dem „Grande Guerre“, gefallenen Frantz findet an seinem Grab in Quedlinburg, Sachsen-Anhalt, im Jahre 1919 als der Friedensvertrag von Versailles die Bedingungen für eine Neuordnung Europas ausgehandelt wurden, einen jungen Mann, einen Franzosen, vor, der Blumen auf das Grab ihres Verlobten legt. Wer ist dieser Mann? Was tut ein Franzose nach dem Ende des grauenvollen Gemetzels in Deutschland, wo sich die Gemütslage der ländlichen Dorfbevölkerung nach der Schmach, welche Deutschland durch die Franzosen erfahren hat und trotz politischem Waffenstillstand, noch nicht wirklich aufgehellt hat? Was sind seine Absichten? Diese Fragen werden in diesem formal brillant umgesetzten Film sehr lange nicht aufgelöst und sorgen so für eine mysteriöse und verunsichernde Spannung, welche durch die scheinbare Gewissheit und Zutraulichkeit der Eltern von Frantz – nach anfänglicher unverhohlen feindseliger Skepsis – gegenüber dem französischen Mann, namens Adrien, eher noch verstärkt wird. „Haben Sie keine Angst, uns glücklich zu machen“, fällt da einmal von diesen zu Adrien, ihn auffordern, auf der Geige von Frantz ihnen was vorzuspielen, im festen Glauben dessen, was Adrien ihnen zu seiner Beziehung zu Frantz gesagt hat. Dass sie sich in Paris kennengelernt und beste Freunde geworden sind, da sie die Liebe zur Kunst und vor allem zur Musik geteilt haben.

Dies wird nicht die letzte Lüge sein in einem Film, der die menschlichen Widersprüche und mäandernden emotionalen Standpunkte, die schlussendlich immer auch Ausdruck einer persönlichen Überlebensstrategie sind, mit einer selten gesehenen Eleganz, hochspannend, aber auch tieftraurig ausleuchtet und gleichzeitig ein Sittenbild des noch jungen zwanzigsten Jahrhundert entwirft mit einer Tiefenschärfe, wie es zuletzt nur Michael Haneke in „Das weisse Band“ geschafft hat. Nichts wirkt hier kulissenhaft oder aufgepinselt, kein Dialogsatz riecht nach Papier. Die streng durchkomponierten und düsteren Schwarz- Weiss-Bilder, die gelegentlich in Momenten der Hoffnung und des fragil aufleuchtenden Glückes durch einbrechende Farbe abgelöst werden, sparsam unterlegt mit den elegischen Streicherkompositionen von Philippe Rombi, machen „Frantz“ zu einer sinnlichen Dauerexplosion erster Güte, was nur noch durch Paula Beer, die erst 22 Jahre alte deutsche Schauspielerin („Das finstere Tal“), welche an den 73. Filmfestspielen von Venedig für ihre Rolle der Anna den Marcello-Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin gewann und bereits als legitime Nachfolgerin von Romy Schneider gehandelt wird, überragt wird und so einen unauslöschbaren betörenden Eindruck im Gedächtnis des Zuschauers hinterlassen wird. Und nach all dem Leiden, all dem Lügen und Täuschen bleibt die nüchterne und trotzdem irgendwie zuversichtlich stimmende Botschaft: Freund oder Feind, Hass oder Liebe sind nicht unbedingt einfach nur Gegensätze. Manchmal könnten sie auch nur der Widerschein des jeweils anderen sein – eine suggerierte Illusion. So ist denn auch das Unglück austauschbar, wie die Liebe auch.

Frantz, Frankreich/Deutschland 2016, LZ 113 Min. Regie: Francois Ozon Mit Pierre Niney und Paula Beer

 

8.  Mustang

Mit „Mustang“, dem Erstlingswerk der in Paris lebenden Tochter eines türkischen Diplomaten Deniz Gamze Ergüven gelang der Jungfilmerin einen mehr als furiosen Einstand. Der als reine Offenbarung gefeierte Film über fünf junge Geschwistermädchen, irgendwo im Nowhere in einem kleinen türkischen Dorf, die sich trotzig und mutig gegen den ihnen aufgezwungenen dort herrschenden archaischen Ehrenkodex auflehnen und sich unter Inkaufnahme aller Konsequenzen stoisch ihrem Schicksal widersetzen, räumte nicht nur den Europe Cinemas Label Award bei den internationalen Filmfestspielen von Cannes 2015 ab, sondern holte sich auch die französische Nomination für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film und die Nomination als bester Film bei den Golden Globe. Zudem war die Presse voll des Lobes über die mutige Anklage gegen die Zustände im gegenwärtig repressiven türkischen Regime, welches Gleichstellungsfragen und gesellschaftlichen Fortschritt im Allgemeinen bekanntlicherweise nicht gerade zu seinen Top-Prioriäten zählt. Obschon – dies muss fairerweise auch erwähnt werden, gerade als Schweizer – das Frauenstimmrecht in der Türkei bereits 1930 landesweit eingeführt wurde.

Man würde „Mustang“ aber keineswegs gerecht werden, wenn man ihn in die Kategorie des anklagenden Sozialdramas, welches Missstände in fernen Regionen dramatisiert, presste, da dies nicht nur die Sicht auf den universellen Charakter dieses filmischen Zauberstücks völlig verstellte, sondern auch die Intentionen der Filmemacherin vernebelte, die gemäss ihren Aussagen von ihrem Lieblingsgenre „Gefängnisfilme“ und dem dortigen Kronjuwel „Escape of Alcatraz“ beeinflusst wurde und dies im Film mit diversen Seitenhieben und Referenzen auch ersichtlich ist. Nur ist es halt dieses Mal nicht der toughe Clint Eastwood, der sich mit einem Löffel seinen Weg ins Leben zurück kratzt, sondern es sind fünf höchst niedliche, mental erstaunlich reife, aber noch von der jugendlichen Lebenskraft und entgegen aller Widrigkeiten trotziger Willensstärke durchfluteten Mädchen, die sich wie ein einziger Leib mit fünf Körpern gegen den von ihrer Familie festgelegten Pfad aus Lustfeindlichkeit, Zwangsheirat und Dasein als mehr oder minder rechtlose Hausfrauen zur Wehr setzen. Sie tun das nicht mit ehrfürchtig verbissener Ernsthaftigkeit, sondern mit einem kindlichen naiven, übermütigen Starrsinn. Die teilweise spielerische Freude an der Auflehnung und das später resolute und verzweifelte Aufbäumen gehen fliessend ineinander über, wobei die engen Banden zwischen den Mädchen in jeder Geste und jedem Blick spürbar sind.

Natürlich ist die Regisseurin nicht nur von Clint Eastwood inspiriert worden, sondern auch von ihrer Kindheit, die sie als kleinstes Kind in einer Grossfamilie in einem türkischen Dorf verbrachte. So sind dann auch die meisten Begebenheiten an realen Erfahrungen von ihr selber oder an Leuten, die sie kannte, abgestützt. Da sie diese an sich tragischen Erlebnisse aber keinesfalls ebenso düster auf die Leinwand bringen wollte, inszenierte sie diese Geschichte in möglichst lichtdurchfluteten und sinnlichen Bildern, was dann auch der ständige Vergleich mit Sofia Coppolas „The Virgin Suicide“ evozierte, ein Film, den sie aber vorher – nach ihrer Aussage – noch nie gesehen hat. Zur überwältigenden Wirkung tragen in diesem schliesslich doch sehr intimen Beinahe-Kammerspiel die fünf jungen Hauptdarstellerinnen bei, von denen nur eine jemals vor einer Kamera gestanden ist, während die anderen in einem – zusammen mit der Regisseurin – spielerischen Prozess an ihre Rollen herangeführt wurden, geradezu organisch mit ihren Filmrollen verschmelzen.
Die Kleinste der fünf, Günes Sensoy, die auch sozusagen die Hauptrolle besetzt, hat eine Leinwandpräsenz, die die scheinbar amazonenhafte Ausstrahlung einer Angela Jolie in die Liga  eines verunsicherten Mauerblümchens degradiert. Und dies alleine nur mir ihrem Blick.

Resultat ist ein berührendes Meisterstück, das ein bedrückendes Thema gerade durch seine zurückhaltende, verspielte Art und seine sinnliche und intime Inszenierung einen zutiefst nachhaltigen Eindruck vermittelt und der universelle Botschaft des unermüdlichen, mutigen und widerspenstigen Kampfes gegen die Unterdrückung ein humanes, zu aller Letzt aber auch Mut und Hoffnung spendendes Gesicht verleiht. Die Titelgebung mag in diesem Kontext metaphorisch überhöht erscheinen, wenn man aber die fünf Mädchen sieht, wie sie alle zusammen mit ihren wilden, langen Haaren einer mürrisch verbitterten Nachbarin nachrennen, wild entschlossen auf Rache, mit einem markdurchdringenden Schreien, da diese sie bei ihrer Familie wegen angeblich unzüchtigem Verhalten verpetzt hat, versteht man, warum dieser Film nicht anders heissen darf. Brennt durch ihr wilden, anmutigen Pferde und lasst euch nie mehr einfangen!

Mustang, Türkei/Frankreich/Deutschland 2015, LZ 97 Minuten, Regie: Deniz Gamze Ergüven Mit Güneş Nezihe Şensoy, Doğa Zeynep Doğuşlu.

 

9.  American Honey

Inmitten des amerikanischen Vorwahlkampfes und dem aufkommenden Thema des White Trash platzte urplötzlich an den 69. Fimfestspielen von Cannes so ein kleiner Low-Budget- Film ins Rampenlicht der Oeffentlichkeit und dies nicht nur, weil er den Preis der Jury gewann oder mit fast 3 Stunden Laufzeit doch schon fast epische Formen aufwies, sondern, weil er anscheinend genau diese Gesellschaftsschicht in den USA thematisierte, welche schon länger in den Fokus der Medien gerückt war, da diese als das grösste Risiko für einen Wahlsieg von Hillary Clinton – und noch nicht Putin – betrachtet wurden. Wenn man den Film aber mal gesehen hat, fragt man sich, ob da die Filmkritiker nicht wieder etwas zu vorschnell in die Tasten gehauen haben. Mal abgesehen davon, dass die Hauptperson, Star, eine junge Frau auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft, aus tatsächlich desolaten Zuständen stammt, da ihre Mutter starb und sie alleine in einem heruntergekommenen Viertel in Oklahoma auf ihre jüngere Schwester aufpassen muss, hat „American Honey“ mit White Trash nicht wirklich viel zu tun, zumal Star dann auch sehr rasch und kompromisslos – sie lässt ihre jüngere Schwester zurück – aus ihrem Leben entflieht und sich einer sogenannten Drückerkolonne anschliesst, eine Truppe von mehrheitlich Jugendlichen, die in einem Bus durch die USA brausen, um irgendwelche Abonnements für Zeitschriften auf Provision zu verkaufen. Das nebenbei noch wild abgefeiert wird und amouröse Verstrickungen geradezu programmiert sind, versteht sich von selbst. Angeführt wird die Truppe von Krystal, einer knallharten und zynischen „Bitch“, welche sich auch den männlichen Top Seller der Truppe, Jack, als Lover oder eher als Haussklaven hält, dessen Schnauze und protziges Verhalten umso ausgeprägter wird, je mehr er von seiner Lover-Chefin gedemütigt wird. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb verliebt sich Jack in die attraktive junge Neue, die er anfänglich auch mit seiner überdrehten Art in einem Supermarkt angesprochen und ihr die Möglichkeit, mit ihnen mitzufahren, angeboten hat.

So geht es dann auch in diesem Film viel mehr um den inflationär bemühten Mythos des American Dream und dessen Erfüllung, der sich ja vor allem über das schnell verdiente Geld und mit dem damit verbunden gesellschaftlichen Aufstieg, definiert. So sind dann auch die Parallelen von „Amercian honey“ zu „The Wolf of Wolf Street“ gross: Eine mit Zuckerbrot und Peitschen geführte Abzocker-Truppe, die den Leuten das Geld abquatscht und am Ende jedes Tages der Erfolgloseste von der Gruppe bestraft und der Beste belohnt wird. Das kollektive Besäufnis folgt so oder so. Was „American Honey“ von anderen, ähnlich gelagerten Filmen abhebt, ist, dass das ganze kapitalistische Treiben sehr oft von stillen Beobachtungen des heutigen Amerika unterbrochen wird, vermittelt durch die Augen der die grosse weite Welt entdeckenden Star, während den langen Busreisen: ungefiltert, roh, aber auch schwelgerisch und wunderschön. Wie es sich bei einem Film über Aufbruch und Träume gehört, ist die Musik der grosse emotionale Treiber und wird zur eigentlich kommentierenden Stimme der Befindlichkeit der Protagonisten. Von Country, über Rihanna, zu Rap, nichts fehlt, nichts ist zu viel.

Die Schauspielerriege in diesem Film von Andrea Arnold („Fish Tank“) ist so ungewöhnlich wie auch verblüffend frisch und unverbraucht, was sicherlich zu der authentischen Stimmung beiträgt. Zwar hat sie mit Shia LaBoeuf (Jack) einen ehemaligen A-Lister (u.a. „Transformer“- Reihe) besetzt. Dieser hat sich aber 2012 offiziell von der „korrupten“ Hollywood-Maschinerie losgesagt und will nur noch in Independent-Filmen, wie zum Beispiel in Lars von Trier’s „Nymphomaniac“ mitspielen (obschon ja „Fury“ von 2014 mit Brat Pritt kein wirklicher Indi-Film ist), wobei seine öffentlichen Wutausbrüche und sonstigen Eskapaden in den letzten Jahren für weit mehr Schlagzeilen als dessen Filmauftritte gesorgt haben. Trotzdem oder genau deshalb ist er für diese Rolle die Idealbesetzung, da jeder Moment von seiner scheinbar grenzenlosen Hybris, zügelloser Energie und latenter Unberechenbarkeit geprägt ist, die nur ein Schauspieler an den Tag legen kann, der bereit ist, sich vorbehaltlos und fatalistisch einer Rolle zu unterwerfen und eigentlich nichts mehr zu verlieren hat. Ihm zur Seite stehen mit der Elvis-Enkelin Riley Keough („Mad Max: Fury Road“, „Magic Mike“) als knallharte Rädelsführerin und Sasha Lane, als Star, die erst vor Drehstart von der Regisseurin beim Spring Break in Florida entdeckt worden ist, zwei völlig angstfrei und überzeugend aufspielende Persönlichkeiten zur Seite.

Mit einem kleinen Filmteam und den vielen Laiendarstellern fuhr die Regisseurin 56 Tage durch die USA und schuf so eine unmittelbare Bestandesaufnahme der USA und dem American Dream, eine Art Mischung aus Road-Move, Coming-of-Age-Geschichte, Kapitalismus-Satire und Sozialdrama. Serviert wird dieser einmalige Cocktail auf einer mitreissenden Musikcollage, flankiert von überzeugenden Neuentdeckungen und einem sich in Rage spielenden Shia LaBoeuf. Trotz allen Widerständen und Widrigkeiten wird unbeirrt – immer nach dem grossen Traum strebend – weitergekämpft, weitergeträumt und weitergefeiert. Und dies wütend, wild, verzweifelt und euphorisch. Bounce it!

American Honey, England/USA 2016, LZ 162 Min. Regie: Andrea Arnold Mit Sash Lane, Shia LaBeouf, Riley Keough

 

10.  The End of the Tour

Durch nichts entsteht ein intimeres Porträt, als wenn ein Mensch sich mit einer Vertrauensperson im existenziellen Zwiegespräch befindet. Dies im Gegensatz zu den zahlreichen auf Hochglanz stilisierten Hollywood-Biopics, die meistens einen Schnelldurchlauf durch die bedeutendsten Stationen im Leben der porträtierten Persönlichkeit vornehmen. Die viel unspektakulärere, aber dafür meistens aufschlussreichere Methode der Annäherung benutzte James Ponsoldt, um den Menschen hinter der Kultfigur und Ikone der amerikanischen Gegenwartsliteratur, David Foster Wallace, der sich im Alter von 46 Jahren aufgrund seinen schweren Depressionen das Leben nahm, zu ergründen. Basierend auf dem Buch „Although of Course You End Up Becoming Yourself“ von David Lipsky, der den Schriftsteller als Bewunderer und Reporter des „Rolling Stones“-Magazins auf dessen Promotionstour zu seinem Roman „Unendlicher Spass“ durch die Vereinigten Staaten begleitet. Die Gespräche zwischen den beiden, die Lipsky auf Tonband aufnahm, sind von hohem und bisweilen paranoischen Misstrauen und von der Ablehnung seitens des depressiven Schriftsteller geprägt. Die teilweise kurz aufblitzenden Momente der zaghaften Annäherungen und fragilem Zutrauen offenbaren aber kurze Einblicke in die gnadenlosen Abgründe und Ängste eines vom Erfolg verwöhnten und verzogenen, aber letztlich einsamen, nach Liebe und Zuneigung heischenden und für diese Welt schliesslich zu sensiblen Menschen. Die Dialogpassen in ihrer schlichten und wahrhaftigen Art sind denn auch das dramaturgische Herzstück des Films, was nicht erstaunt, da diese halt einfach auch echt sind.

Das kammerspielartige Drama, das komplett auf die Annäherung der beiden Protagonisten oder eher Antagonisten fokussiert und auf jegliche inszenatorische Ausschmückungen verzichtet und dadurch umso rauher und dichter daherkommt, wird von Jason Segel („Wallace“) und Jesse Eisenberg (Lipsky) kongenial, frei von aller Eitelkeit getragen.

Es ist die berühmt schicksalsträchtige Zufälligkeit, dass ein halbes Jahr vorher mit „Life“ von Anton Curbjin ein beinahe identischer Film über James Dean anlief, welcher kurz vor seinem Tod noch eine Freundschaft zu dem „Life“-Photograph Dennis Stock aufbaute, dies anlässlich zu einem Fotoshooting, woraus eines der meistreproduzierten Bilder aller Zeiten – James Dean an einem regenverhangenen Tag tief in den Kragen seines Mantels gebeugt und lässig mit einer Kippe im Mundwinkel kokettierend durch die Strassen Manhattans schlurfend – und dieser in einer ähnlichen Seelenschau durch die endlosen Gespräche der beiden mündete.

Obschon „The End of the tour“ deutlich tiefer geht und mit einer selten gesehenen, unaufgeregten und geerdeten Authentizität die Unsicherheiten und Ängste eines hypersensiblen und sich unverstanden fühlenden und depressiven Künstlers entlarvt und dadurch einen viel nachhaltigeren Eindruck hinterlässt, wurde „Life“ – der durchaus auch seine starken Momente hat, gerade durch die fotografische Qualitäten (ist ja auch von Corbjin) – in den Kinos ein Achtungserfolg, während Ersterer bei uns in Europa gar nie in die Lichtspielhäuser kam. Eine weitere verpasste Sternstunde des Kinos. Wenigstens Sichtbar auf DVD und Apple TV.

The End of the Tour, USA 2015, LZ 106 MIn. Regie: James Ponsoldt Mit Jason Segel und Jesse Eisenberg

 

Not to miss as well! 10 more irresistible movies in 2016!
The Leftovers – Season 2

Neben „The Affair“ gab es im Jahr 2016 aus der Sicht vom Sheep nur noch ein Grossereignis, das sich direkt am TV abgespielt hat – wobei hier natürlich die Qualität von anderen Top-Serien („Mr. Robot“, „GoT“, „Walking Dead“, „True Detective 2“, „Fargo 2“…) auf keinen Fall angezweifelt werden will. Aber die zweite Staffel von dem „Trauerspiel“ um die verbliebenen Seelen auf der Welt, nach der grossen Entrückung von Millionen von Menschen, erreicht mit formaler Brillanz, raffinierter Erzählstruktur, kultigen Figuren, intensivem Schauspiel, wohligen Provokationen und süffig-melancholischem Max-Richter-Sound die höchste Stufe des seriellen Erzählens. Eigentlich die inoffizielle Fortsetzung von „Twin Peaks“. Apropos: Mr. Lynch ist für seinen offiziellen Start in diesem Jahr mehr als nur gefordert.

The Leftovers 2, USA 2015, LZ 589 Min. Idee: Damon Lindelof, Tom Perrotta Mit Justin Theroux, Amy Brenneman, Christopher Eccleston und Liv Tyler.

 

The Gift

Wenn einem wieder mal die Lust auf einen schönen, fiesen Psychothriller mit gemeinen Schockeffekten und einem ganz perfiden – „Seven“-mässigen – Schluss befällt, dann bekommt man hier, was man sucht. Und das alles noch hochdekorativ mit Jason Bateman und Rebecca Hall, einem hochattraktiven Hauptdarsteller-Paar. Geheimtipp!

The Gift, USA 2015, LZ 108 Min. Regie: Joel Edgerton Mit Jason Bateman, Rebecca Hall und Joel Edgerton

 

The Revenant

Die überlieferte Geschichte von einem Pelzhändler, welcher sich hunderte Meilen weit, angebissen von einem Bären und sich eigentlich bereits in der Zwischenwelt von Leben und Tod bewegend, durch die unwirtlichen Wälder und Eiswüsten der Rocky Mountains schleppt, um den Tod seines Bruders und eigentlich auch den Mord an ihm selber zu rächen (unterlassene Hilfeleistung seiner Trapperfreunde), hat sich nicht nur bereits jetzt schon zu einem absoluten Kultfilm entwickelt, der alles, was es an Filmpreisen so zu gewinnen gibt, u.a. die Oscars (Kamera, Regie und endlich, endlich Hauptdarsteller Di Caprio), Golden Globes (Bester Film) abräumte, sondern hat auch gleich eine bereits verloren geglaubte philosophische Glaubensrichtung wiederbelebt und zwar den Stoizismus: Die Bewegung der Stoiker, also Leute, die das Leiden respektive das gelassene Aushalten des Leidens als Lebensziel verfolgen. Das Buch „The Obstacle is The Way“ hat sich bereits eine halbe Million Mal verkauft, Tim Cook und andere Prominente bekennen sich bereits leidend zu den Vorreiter-Leidensbrüdern. Und der neue Wummer von Mr. Birdman, Alejandro G. Iñárritu ist das was „Siddharta“ von Hermann Hesse für Buddhisten ist. Oder die Bibel für Christen. Lassen Sie sich also inspirieren und leiden Sie in Zukunft schöner!

 

The Revenant – Der Rückkehrer, USA 2015, LZ 156 Min. Regie: Alejandro G. Inarritu Mit Leonardo Die Caprio, Tom Hardy

 

Umimachi Diary – Unsere kleine Schwester

Drei Schwestern treffen an der Beerdigung ihres Vaters auf ihre 14-jährige Halbschwester und nehmen diese ganz selbstverständlich bei sich auf. Sie essen Makrelen, lachen und leben den Moment. Hirokazu Koreedas („Like Father, Like Son“) der japanischste aller japanischen Filmemacher adaptierte die Manga-Serie der Zeichnerin Akimi Yoshida („Umimachi Dary“), das Tagebuch der Küstenstadt, von welchem seit 2007 bereits sechs Bände erschienen sind und deren Schauplätze in Kamakura inzwischen mehr Touristen als alle Tempel der Stadt anziehen. Die Verfilmung des gänzlich Undramatischen der äusseren Geschehnisse dürfte dem Ort nun den grössten Besucherstrom seit 1333 (Schlacht von Kamakura – Ende des Hojo Clas) bescheren – als ein Wallfahrtsort für die Fans des Unspektakulären.

Zen-Buddhismus als gelebte filmische Vision. Durch einen Tunnel aus rosafarbenen Kirschblüten und Wunderkerzen bei einer nächtlichen Kimono-Party werden Sie das Glück wieder finden. Einer der schönsten japanischen Filme ever!


Umimachi Diary, Japan 2015, LZ 127 Min. Regie Hirokazu Koreeda Mit Haruka Ayase, Masami Nagasawa, Kaho

 

Demolition

Jack Gyllenhaals kongeniale Fast-One-Man-Show, als Investmentbanker, der nicht um seine verstorbene Frau zu trauern weiss. Sein phasenweise absurd teilnahmsloses und destruktives Verhalten verstört nicht nur seine Schwiegereltern, sondern teilweise auch den Zuschauer. Aber genau das macht diesen Film so stark, denn nur was aufwühlt, fordert auch und zwingt einem, eine eigene Haltung einzunehmen. Denn es gibt nichts Individuelleres und Unabsehbareres als die Reaktion des einzelnen Menschen auf Extremsituationen. Was der plötzliche Tod eines Geliebten ja auch ist. Reifer, sehenswerter, aber auch komischer und berührender Film zu einem schwierigen Thema, der sich getraut Widersprüche stehen zu lassen. Zudem starker Soundtrack.

Demolition, USA 2015, LZ 100 Min. Regie Jean-Marc Vallée Mit Jake Gyllenhaal, Naomi Watts und Chris Cooper

 

The Hateful Eight

Wenn pausenlos geflucht wird, rassistische Sprüche am Laufband abgefeuert werden, Frauen verprügelt und so viele Kugeln verschossen werden, dass am Schluss meistens keine Menschenseele mehr übrig bleibt und die Kritiker und das Publikum weltweit in einer seltenen Einhelligkeit diesem Treiben zujubeln, dann, ja dann kann es sich nur um einen Tarantino-Film handeln. Auch sein achter hält ein, was der Name Tarantino verspricht. Dieses Mal ein in sechs Kapiteln strukturiertes nicht linear erzähltes Western-Kammerspiel mit Musik von Ennio Morricone, das vor allem dem grossen Kinski-Klassiker „Il grande Silencio“ seinen Tribut zollt. Einfach nur grossartig! You shot me down, peng, peng!

The Hateful Eight, USA 2015, LZ 168 Min. / 187 Min. (Originalfassung) Regie: Quentin Tarantino Mit Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Tim Roth, Michael Madsen, Jennifer Jason Leigh, Bruce Dern, Channing Tatum

 

Der Schamane und die Schlange

„El abrazo de la serpiente“ ist die kolumbianische Variante von „Apocalypse Now“. Tief im Amazonas verfallen und begegnen der deutsche Anthropologe Theodor Koch Grünberg Anfangs des 20. Jahrhunderts und dreissig Jahre später der Biologe Richards Evans Schultes auf der Suche nach der sagenumworbenen Yakruna (Ayahuasca) Pflanze dem Wahnsinn und dem Tod. Basierend auf den realen Tagebüchern der beiden, gefilmt in betörend schönen Schwarz-Weiss-Bildern, ist dieser Film wie ein Fiebertraum von einer anderen, bedrohlich-faszinierenden Welt. War nominiert für den Oscar 2016 als bester fremdsprachiger Film.

El abrazo de la serpiente, Kolumbien 2015, LZ 125 Min. Regie: Ciro Guerra Mit Jan Bijvoet, Brionne Davis

 

Room

Eine Mutter, die zusammen mit ihrem 5-jährigen Sohn jahrelang in einem kleinen Raum unter der Erde gefangen gehalten wird, plant ihre Flucht…Trotz schwerer Thematik und unangenehmen Assoziationen (Kampusch) ist dieser Film eine Ode an die Schönheit des Lebens und an unsere Welt. Gewisse Szenen sind das Bewegendste, was man seit Langem auf der Leinwand sehen konnte und rauben einem schlicht den Atem. Es ist selten so still im Publikum gewesen, wie nach der Vorstellung von „Room“, der einem längere Zeit nicht mehr aus dem Kopf und dem Bauch geht. Zurecht einer der grossen Preisabräumer im letzten Jahr inklusive Oscar- und Golden-Globe-Nominierung als bester Film und den Gewinn dieser Auszeichnungen für Brie Larson als Mutter.

Room, Irland/Kanada 2015, LZ 118 Min. Regie: Lenny Abrahamson Mit Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, William H. Macy.

 

California City / Above and Below

Ein namensloser Moskitojäger streift durch die post-apokalyptisch anmutende Geisterstadt California City in der Mojave-Wüste, welche 1965 flächenmässig als drittgrösste Stadt in Kalifornien angelegt worden ist, aber nur noch gerade 13’000 Einwohner hat. Erinnerungen an eine verflossene Liebe verfolgen ihn, er sucht Rat bei Hellsehern und verliert schlussendlich sogar noch die Verbindung zu seinem Arbeitgeber, sein einzig verbliebener Draht zur “realen” Welt.

Rick&Cindy leben in den Flutkanälen tief unter den funkelnden Strassen von Las Vegas,  Dave in einem verlassenen Bunker und eine Gruppe von quasi NASA Aspiranten befindet sich in der steinigen Wüste Utahs und exorzieren jahrein-, jahraus eine mögliche Marsmission.

Der deutsche Bastian Günther und der Schweizer Nicolas Steiner porträtieren mit unterschiedlichen formalen Konzepten (Spielfilm/Dokumentarfilm) die wahren vergessenen Gruppen und Parallelgesellschaften in den USA, die trotz den obskuren und fremdartigen Lebensumständen uns weit näher sind, als wir dies oftmals glauben wollen. Und trotz aller Widrigkeiten ungemein poetisch erzählt mit einem lang nachhallenden Effekt. Open your Eyes!

Hierfür kriegte Nicolas Steiner den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm.

Above and Below, CH/D/USA 2015, LZ 118 Min., von Nicolas Steiner


California City, D 2015, LZ 84 Min. Regie: Bastian Günther Mit Jay Lewis, Chelsea Williams

It’s time, everybody is ready to feel better…not! The Leftovers oder das “Sad Film Paradoxon”

„Ich sehe traurige Filme dann gerne, wenn sie tragisch gut gemacht sind. […] Wenn man die Tiefen nicht hat, kann man die Höhen nicht beurteilen, und wenn man nicht weiß, was traurig bedeutet. Er [der Film] lässt mich an andere Menschen erinnern z. B., und das sensibilisiert mich dann eben […].“
(Rezipient trauriger Filme / Interviewperson, männlich, 30 Jahre alt)

Diese Aussage steht einleitend in einer 2007 veröffentlichten Diplomarbeit für das Fach Psychologie an der Universität Köln zu dem Thema „Selektionsmotive für traurige Filme und Analyse der spezifischen Rezeptionsmodalitäten. Untertitel: Eine qualitative Untersuchung zum Sad Film Paradoxon im Rahmen der Unterhaltungsrezeption“. Keine Bange, ich will jetzt niemanden mit langwierig psychologischen Abhandlungen über die Faszination von traurigen Filmen langweilen, möchte aber trotzdem auf das Phänomen hinweisen, dass es unter uns Zeitgenossen gibt, die sich an dem Elend, Leid, Unvermögen und letztendlich am Scheitern ihrer Mitmenschen nicht nur unterhalten, nein teilweise sogar daran wortwörtlich laben, erquicken und ergötzen. Seelen-Vampire. Wer mehr über diese düstere gesellschaftliche Entwicklung in Erfahrungen bringen möchte, sei explizit auf die oben stehende Diplomarbeit verwiesen, wobei der in der Einleitung zitierte Rezipient mit seiner Aussage sicherlich nicht sehr weit entfernt von den zugrundeliegenden Beweggründen und Motiven der „Betroffenen“ liegt. Deshalb erlaube ich mir an dieser Stelle den theoretischen Bereich zu verlassen, nicht ohne aber ergänzend anzumerken und letztendlich einzugestehen, dass der Schreibende selber schon länger auch von diesem schauerlichen Symptom betroffen ist und sich ebenfalls zu der Gruppe der „Leid-Watchers“ zählen muss…ja, ja, es ist schon traurig und phasenweise auch schockierend…yeahhhh!

Für diejenigen also, die sich jetzt in der Anonymität des Lesers persönliche Eingeständnisse machen müssen, derzeit aber noch hemmungslos diese Neigung ausleben möchten, muss die jetzt im deutschsprachigen Raum auf Blue Ray/DVD erschienen HBO Serie „The Leftovers“ zwingend empfohlen werden, den das seelische Leid und die Qualen der menschlichen Existenz wird dort über rund 550 Min. in allen nur möglichen Variationen zelebriert und dies – ganz nach dem Gusto des in der Einleitung zitierten Rezipient – tragisch gut gemacht. Oder nach den Worten von Matt Fowler (IGN Movies) „It’s a good pain“.

Als Grundlage dient das Neue Testament (Lukasevangelium) der Bibel, auf dem die sogenannte Lehre des Dispensationalismus aufbaut und im Groben die Prophezeiung der sogenannten Entrückung beinhaltet, worin sämtliche Christen urplötzlich von einem auf den anderen Moment von dieser Erde verschwinden, von Gott „heimgeholt“ werden. Zurückbleiben werden nur die Ungläubigen, die eine längere unangenehme Phase vor sich haben, voller Trübsal, Angst und Schmerz, in welcher der Teufel höchstpersönlich die Regentschaft übernehmen wird, bis dann Jesu Christi auf die Erde zurückkehrt um seine 1000-jährige Herrschaft anzutreten.

So beginnt die Erzählung, welche in Mapleton N.Y spielt, drei Jahre nachdem zwei Prozent der Weltbevölkerung oder 140 Mio. Menschen „verschwunden“ sind (darunter der Papst, Jennifer Lopez und Gary Busey…) und die „Leftovers“ irgendwie versuchen, das Geschehene, den Verlust der Liebsten, einzuordnen und in den Alltag zurückzufinden. Im Mittelpunkt steht der Polizeivorsteher Kevin Garvey, Jr., passend besetzt mit Justin Theroux, dessen Frau zwar nicht entrückt worden ist, er aber anderweitig „verloren“ hat und zwar an eine Sekte namens die „The Guilty Remnant“ (Die schulden Uebrigbleibsel…oder so), welche im Stadtbild von Mapleton in Form von kettenrauchenden, weiss gekleideten Mitglieder omnipräsent ist und als Mission quasi die Verhinderung des Vergessens an das schicksalhafte Ereignis haben und jegliche Form einer zukunftsgerichteten lebensbejahenden Perspektive nicht nur ablehnen, sondern auch dementsprechende Anstrengungen ihrer Mitbürger aktiv sabotieren, was ihr eigenes Dasein nicht ganz ungefährlich gestaltet. Kevin Garvey lebt somit alleine mit seiner pubertierenden Tochter, welche ihrerseits in einer passiv-aggressiv-depressiven Selbstfindungsphase steckt, während er verzweifelt versucht, nicht nur die Sicherheit der Stadt und seiner Bürger zu gewährleisten, sondern vor allem die Kontrolle über seine psychische Verfassung oder – konkreter – über seinen Verstand zu bewahren, was aber rein genetisch ein fast schon hoffnungsloses Unterfangen ist, da er eigentlich nur Polizeichef ist, da sein Vorgänger wegen hochgradiger Schizophrenie in die Klapse eingeliefert werden musste und dieser leider sein eigener Vater (Scott Glen) ist. Zudem verheissen seine nächtlichen Ausflüge, bei denen er schlafwandelnd die Hunde in seiner Nachbarschaft verschiesst, nichts Gutes, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass er bei diesem Unterfangen auch von einem imaginären Freund begleitet wird, der ihn diesbezüglich unterstützt, da es sich bei diesen streunenden Tieren eigentlich um bösartige „Zombiehunde“ handeln soll. Unterdessen sein Sohn den Kontakt zur „Familie“ ganz abgebrochen hat, da er – vom College abgehauen und eigentlich schwul – seine Zeit in der Wüste als Helfer eines schwarzen Heilsbringers verbringt, der für viel Geld magische „Umarmungen“ anbietet, die den Menschen Trost spenden und ihren stechenden Lebensschmerz zum Verschwinden bringen soll. Nebenbei beutet er noch minderjährige Mädchen sexuell aus.

Dass die doch sehr unerbauliche Szenerie immer wieder mal mit surreal-irrwitzigen Einlagen aufwartet, ist nur dem Effekt geschuldet, dass die darauf folgenden Szenen noch trauriger, noch dramatischer, noch schonungsloser „einkicken” können. Ein Konzept, das Damon Lindelof (Lost) zusammen mit Tom Perrota, auf dessem gleichnamigen Roman von 2011 die Serie basiert, konsequent durchzieht. Diesbezüglich darf auch wieder mal der Einfluss von David Lynch erwähnt werden, da – jetzt mal abgesehen von Justin Theroux, welcher ja sein Durchbruch in Lynch’s „Mullholland Drive“ erzielte – immer wieder Gestalten aus dem Lynchen’ Universe ganz nebenbei auf der grossen Trauerkulisse durchs Bild huschen (der Riese aus „Twin Peaks“, der schreiende Wohnwagenfahrer aus „Fire Walk with me“) und auch Mapleton, ein verschlafenes ur-amerikanisches Kleinstädtchen mit den seltsam wütenden Hirsche, die nächtens aus unerfindlichen Gründen die Wohnungen der Einwohnung verwüsten, den Rehen, die unmittelbar plötzlich irgendwo auf der Strasse oder in irgendwelchen Gärten stehen, verdächtig stark an Twin Peaks & Co erinnern. Ein absolut tragendes Element hierbei ist der Soundtrack von Max Richter („Waltz with Bashir”, „Perfect Sense“), der jüngst mit dem Europäischen Filmpreis für die beste Filmmusik zu „The „Duke of Burgundy“ ausgezeichnet worden ist und für „The Leftovers“ so minimalistische, wie effektive Melodien komponiert hat, die vor einer solchen Trauer triefen, dass die stillen Momente automatisch benutzt werden müssen um einfach mal krampffrei durchatmen zu können. Selbstverständlich ist das Sounddesign mit fein abgestimmten Popstücken von u.a. James Blake, Crowded House, Simon &Garfunkel, Rihanna etc. zusätzlich veredelt.

Und bei der Darstellerriege gibt es schlichtweg keine Schwachstelle. Neben Theroux brechen Liv Tyler („Armageddon“, „Stealing Beauty“), Amy Brenneman („Heat“), Carrie Coon („Gone Girl“), Christopher Eccleston („Dr. Who“, „The Others”), Sarah Margarte Qualley („Palo Alto“), geschlossen aus ihren darstellerischen Komfortzonen aus.

Die mediale Resonanz war selbstverständlich mehr als nur gemischt, von einhelliger Lobhudelei wie es für Serien wie „House of Cards“, „Game of Thrones“ etc. gibt, kann hier nicht die Rede sein. Zuviel Depro ist ja auch zum guten Glück nach wie vor kein Mainstream. Stimmen wie die vom New York Magazin (“The Leftovers is all bleakness all the time, at the bottom of the first page of my notes, “sloppy handheld camerawork” is crossed out. Beneath it is “overwhelming pain.” Even animals feel the loss“) oder The New Republic („Emotional Violence“) unterstreichen dies exemplarisch. Vielleicht am prägnantesten beschrieb die Wirkung dieser Sad-Show Alan Sepinwall von Hit Fix „Many will hate it. But there will be viewers in whom it strikes a chord so deeply that they will feel themselves overwhelmed by it in the best possible way: not like they’re drowning in the misery, but like it’s teaching them a new way to breathe“ oder Karoline Meta Beisel von der Süddeutschen, welche The Leftovers als „eine einzige lange Therapiesitzung“, in der es „um Trauer, machtlosen Zorn und Wunden ohne Heilungschancen“ gehe, beschrieb.

Um es kurz zu machen. Wenn sogar die Tiere leiden und die Trauer und Verzweiflung an emotionaler Gewalt grenzt, so, dass wir sogar unser Atmen neu erlernen müssen, aber trotzdem ungeduldig den nächsten kathartischen Anfall kaum erwarten können, kann man das, was Damen Lindelof & Tom Perrota hier kreiert haben, eigentlich nur mit einem Wort passend beschreiben. Kult. The Sheep applaudiert. Voller süsser, bizarrer Trauer.

The Leftovers, US 2014, 558 Min,, Created by Damon Lindelof and Tom Perrotta with Justin Theroux, Christopher Eccleston, Liv Tyler, Amy Brenneman, Carrie Coon, Margaret Qualley, Scott Gleen 

The Sheep says Yes: Papertowns

 

Es gibt Momente, da tut Rückbesinnung auf die eigene Jugend gut und was könnte dabei hilfreicher sein, als ein Film, der es schafft, Empfindungen und Emotionen aufflammen zu lassen, die schon längst unter den Eindrücken und Strukturen des späteren, „realistischeren“ und oftmals desillusionierten Ballastes des Erwachsenenlebens irgendwo in den dunkelsten Ecken des Bewusstseins ins Vergessen geraten zu sein schienen.

„Paper Towns“ oder „Margos Spuren“ nach der Romanvorlage von John Green („Das Schicksal ist ein mieser Verräter) ist so ein Film.

Die Geschichte von Q, oder mit bürgerlichem Namen Quentin Jacobson, der sich als kleiner Bub unsterblich in das Nachbarsmädchen verliebt, die Kinderjahre dann auch mit ihr verbringt – sogar mal mit ihr eine Leiche findet – aber dann in der Highschool den Kontakt verliert, da er sich eher zu einem pflichtbewussten, ambitiösen Schüler entwickelt, während sie eher in Richtung unzähmbares, geheimnisvolles Wild Girl geht und sich dabei natürlich auch auf einer ganz anderen sozialen Hierarchiestufe im schulhausinternen Sozialranking bewegt als er, der noch nie wirklich an einer der berühmt-berüchtigten Saufgelagen in Häusern abwesender Eltern teilgenommen hat. Bis sie plötzlich eines Nachts bei ihm auf der Fensterbank vor seinem Schlafzimmer sitzt und ihn bittet, ihr bei einer nächtliche Rachetour – ihr Freund hat sie betrogen – Wache zu stehen, was er natürlich trotz seiner Natur nicht ausschlagen kann und er ihr im Verlaufe  dieser bewegten Nacht zum ersten Mal im Leben im romantischen Sinne nahekommt. Doch am nächsten Tag erscheint sie plötzlich nicht mehr in der Schule. Sie verschwindet spurlos. Q und seine Freunde entdecken aber überall kleine versteckte Hinweise zu ihrem möglichen Aufenthaltsort, die sie anscheinend speziell für Q hinterlegt hat….

Ein wenig Coming-of-Age Geschichte über die persönlichen Lebensträume und die Suche nach seiner Identität, ein wenig nachdenkliches High-School Drama über das unwiderrufliche Ende der Jugendzeit und den damit verbundenen Freundschaften, ein wenig Road-Movie und natürlich die Suche nach der grossen (Jugend-) Liebe…aber alles serviert mit einem witzigen und jugendlich-lockerem Unterton, unaufgeregt, lebensecht und ohne jegliche bedeutungsschwangeren oder sonstige hochtrabende  Regiekapriolen. Und mit Shootingstar Nat Wolf („Palo Alto“, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) und Topmodel Cara Delevinge  („The face of an Angel“) hoch sympathisch besetzt.

“Also, wie ich die Sache sehe, erlebt jeder irgendwann mal ein Wunder. Ich meine, es ist zwar unwahrscheinlich, dass ich vom Blitz getroffen werde oder einen Nobelpreis kriege, Diktator eines Inselstaats im Pazifik werde, an Ohrenkrebs sterbe oder mich spontan selbst entzünde. Aber wenn man alle unwahrscheinlichen Dinge, die passieren könnten, zusammennimmt, ist es wahrscheinlich, dass jedem von uns zumindest einmal etwas davon passiert.”

Eine Erkenntnis, an der Q am Ende des Filmes festhalten wird, obschon er sich eingestehen muss, dass er sich bei vielen anderen Dingen geirrt hat und seine Sicht darauf korrigieren muss. Dies nicht resignierend oder verbittert, sondern dankbar für all das Erlebte und die daraus resultierten Erkenntnisse. Und das Feuer brennt mehr denn je für den Rest seines kommenden Lebens.

effect: heart-warming, depression-reliefe, mental revitalising, rediscovering of boyhood memories

Paper Towns, US 2015, 109 Min., Directed by Jack Schreier, with Nat Wolf, Cara Delevinge

The Sheep’s Favorits from 2015

1. Birdman or The Unexpected Virtue of Ignorance

Wenn in 1000 Jahren – falls es dann überhaupt noch jemand interessiert – über die grössten Filmmacher aller Zeiten resümiert wird, besteht die reale Chance, dass der Name Alejandro González Iñárritu noch vor solchen wie Hitchock, Fellini oder Kubrick genannt werden könnte. Nach seiner Death Trilogie (Amores Perros, 21 Grams, Babel) ist „Birdman „ auf jedenfalls der entscheidende Knockout-Punch, welcher ihn unter Himmelsposaunen an die Weltspitze der zeitgenössischen Regisseure katapultierte. Die satirische Jazz-Tragödie über die Reise in den Wahnsinn eines ehemaligen Hollywood-Superstars (Michael Keaton) ist eine kreative Knallorgie, unüberhörbar, grössenwahnsinnig, polarisierend, arrogant, zynisch und misanthropisch, aber vor allem halt schlicht genial. Nur der fast penetrante Awardregen (u.a. 4 Oscars, 2 Golden Globes, Independent Spirit Award etc) störte hier ein wenig, da der Film unter anderem auch eine ätzende Momentaufnahme der Filmindustrie ist, welche sich aber scheinbar in jüngster Vergangenheit nach dem Grundsatz verhält: Wen Du nicht besiegen kannst, musst Du umarmen. Oder schütte ihn mit Preisen zu. Und wie man hört, könnte sich dies auch 2016 mit seinem naturalistischen Abenteuerfilm mit Leonardo DiCaprio „The Revenant“ schon bald wiederholen.

USA 2014, LZ 119 Min., Directed by Alejandro González Iñárritu. With Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone, Naomi Watts

http://www.thedreamingsheep.com/the-genesis-of-an-everlasting-cult-classic-or-why-we-are-always-confusing-love-for-admiration/

2. Victoria

Mehr eine Art Experiment, als klassischer Spielfilm. Eine Spanierin trifft im Ausgang in Berlin auf eine Gruppe junger Männer und gerät mit diesen auf eine anarchische und amouröse Achterbahn-, welche sich zum Ende hin zur bitteren Höllenfahrt entwickelt. Gedreht alles in einer einzigen Plansequenz, ohne einen einzigen Schnitt, entwickelt der Film über seine 140 Min. Laufzeit allmählich einen Sog und Intensität, welche man von unseren nördlichen Nachbarn noch nie so gesehen hat und ihn zu einem der besten deutschen Film aller Zeiten (wenn nicht der beste) macht. Die fiebrige Nachtoper stellt quasi das Gegenstück zu „Heat“ von Michael Mann dar und ist in letzter Konsequenz auch ein schauspielerisches Husarenstück von der Jungschauspielerin Laia Costa.

D 2015, LZ 140 Min, Directed by Sebastian Schipper  with Laia Costa, ‎Frederick Lau, ‎Franz RogowskiBurak Yiğit

 

3. Sicario

Im Grenzgebiet zwischen dem Süden der USA und dem Norden von Mexiko spielt sich bereits seit Jahrzehnten ein Drogenkrieg mit Abertausenden von Toden, wechselnden Konfliktparteien und ohne die geringsten Anzeichen einer Lösung ab. Filme darüber gibt es bereits (u.a. Traffic), wobei in jüngster Vergangenheit  ein spürbarer Anstieg zu dem Themenkomplex Drogenhandel und deren Mechanismen und Ursachen zu verzeichnen war. Wie zum Beispiel der preisgekrönte und von Kathryn Bigolow produzierte Dokumentarfilm „Cartel Land“.  Oder über Pablo Escobar, welcher im 2015 sogar zweimal prominent porträtiert wurde mit „Escobar – Paradise Lost“ und der fantastischen Netflix Serie „Narcos“.  „Sicario“, was Auftragskiller bedeutet, markiert aber klar einen neuen cineastischen Meilenstein und dies nicht nur für das  Drogenfilmgenre, sondern ist auch einer der besten Actionthriller der letzten Jahre. Knallhart und ohne Kompromisse. Benicio del Toro, Josh Brolin und Emily Blunt sind die Protagonisten in diesem „War against Drugs“, wo es nur schon deshalb keine Unterscheidung von Gut und Böse geben kann, da die politische Haltung und Vorgehensweise ausschliesslich auf einer realitätsfernen ideologischen Doktrin beruht und dadurch die handelnden Akteure auf beiden Seiten zur Abkehr von sämtlichen moralisch-humanistischen Prinzipen zwingt. So bleibt der Satz des Auftragsmörders oder eben Sicarios, gerichtet an die junge FBI Agentin, „you will not survive here. you are not a wolf, and this is a land of wolves now“ zusammenfassend für die gegenwärtige Situation hängen. Der Kanadier Dennis Villeneuve, der mit  „Incedies“, „Prisoners“ und „Enemey“ alles Filme gemacht hat, welche eine ganz eigene puristisch-unterkühlte Aesthetik und atmosphärisch ungeheure Dichte aufweisen, pusht in seinem Drogenthriller die Intensität nochmals auf ein ganz neues Level, so das man im Kino das Gefühl hat, die Luft mit einem Messer zerschneiden zu können. Der Klangteppich, welcher mehr einem Grummeln aus der Hölle gleicht, unterstreicht die beklemmende und bösartige Stimmung noch zusätzlich.  Und del Toro ist halt einfach eine coole Sau!

USA 2015, LZ 121 Min, Directed by Denis Villeneuve with Emily Blunt, Benicio del Toro und Josh Brolin 

4. Mad Max – Fury Road

Ein Grummeln aus der Hölle – Teil 2. Oder mehr ein Brummen. Und Raunen, Trönen und Krachen. Aber auch Streichen, Klagen und Schreien. Picaso‘s Guernica meets Dante’s Inferno. Irgendwo in der Wüste von Namibia (wo die Dreharbeiten stattgefunden haben) nach der grosser Apokalypse. Die meisten Einstellungen dieses Filmes könnten eingefroren als Oelgemälde grosser Meistermaler durchgehen, nur sind sie unterlegt entweder mit klerikaler Passionsmusik oder Punkrock, dazu räkeln sich Victoria Secrets Models in sehr knapp geschnittenen weissen Stofffetzen im fetten martialischen Truck herum, angeführt von der Haremsherrin Charlize Theron und eben Tom Hardy als Outlaw, Rebell und Rächer Mad Max, welche gegen die nicht minder eindrücklich motorisierte Armee des schrecklichen Endzeitherrschers Immortan Joe in die finale Schlacht um die letzten Wasserreserven der Erde steigen müssen. George Miller, der Regisseur der ersten 3 Teile, erschuf nach fast einem Vierteljahrhundert Vorbereitungszeit, mit weit über 100 Mio. USD Budget ein so noch nie gesehenes, wahnwitziges bombastisches Höllenspektakel, dass Filme wie „300“ wie eine Folge von „Magnum” aussehen lässt. Und der erste 4te Teil einer Filmserie in der Filmgeschichte, welche die 3 vorhergehenden Teile, welche ursprünglich ihren Platz in den Geschichtsbüchern gesichert hatten, zum nichtigen Trash degradiert.  Wurde sogar mit dem Preis von  Fipresci (The international federation of film critics) als bester Film 2015 ausgezeichnet, was doch sehr ungewöhnlich ist, heissen doch die Preisträger der vorhergehenden Jahre “Boyhood”, “La Vie d’Adèle” oder “The tree of live”.

USA 2015, Directed by George Miller. With Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult, Zoë Kravitz.

5. Corn Island – Simindis kundzuli

Ein alter abchasischer Bauer errichtet auf einer kleinen temporären Insel im Fluss Enguri im Grenzgebiet von Abchasien und Georgien eine Holzhütte, zusammen mit seiner heranwachsenden Enkelin, und beginnt anschliessend daneben ein Feld mit Mais zu bepflanzen. Gelegentlich fahren patrouillierende abchasische und georgische Soldanten auf ihren Booten an der Insel vorbei. Ab und an erklingen Schüsse aus der Ferne. Und einmal findet die Enkelin einen schwer verwundeten georgischen Soldaten zwischen den bereits hochgewachsenen Maisstangen, welchen sie mit ihrem Grossvater wieder gesund pflegt und vor einem abchasischem Suchtrupp, welches auch auf ihrer Insel nach diesem feindlichen Soldaten Ausschau hält, versteckt und unter Todesgefahr verleugnet. Entgegen der unterschiedlichen Ethnie, der damit verbunden Sprachlosigkeit und dem sie stetig als unterschwellig bedrohlichen Klangteppich umkreisenden militärischen Konflikt…. Am Schluss wird sich die Natur wieder alles nehmen, was sie gegeben hat und der unabdingbare Kreislauf der Dinge beginnt von neuem. Eine eindringliche, aber ganz und gar nicht aufdringliche poetische Abhandlung über das Leben, Tod, Krieg, Menschlichkeit, Verlust der Jugend, den bedächtigen Rhythmus der Natur und dies alles inszeniert auf dieser kleinen, malerischen „Maisinsel“, fast ohne Dialoge (erstes gesprochene Wort nach 25 Minuten)  oder musikalischer Untermalung,  aber mit einem cineastischen Sogeffekt der ersten Güte. Ein meditatives Erlebnis das sich tief in die Seele eingräbt. Unbedingt anschauen!

Georgia 2014, Directed by George Ovashvili with Ilyas Salman, Mariam Buturishvili, Tamer Levent, Ylias Salman.

6. Youth – La giovinezza

Wenn man von einigen Ausnahmen wie „La Vita e bella“, „Cinema Paradiso „ oder „Il postino“ jetzt mal absieht, ist die italienische Filmindustrie nach dem Ableben von Fellini, Antonioni, Visconti Passolini etc. jahrzehntelang mehr oder minder ereignislos vor sich hingedümpelt und hat im internationalen Vergleich – gerade auch zu Frankreich – stark an Bedeutung eingebüsst. Und dann kam Sorrentino. Spätestens seit „La grande bellezza“ hat la Belpaese wieder einen Meister, ein Magier, der es versteht, Bilder und Musik wie ein Dompteur an den richtigen Stellen zu zähmen, zu führen oder eben auch ab und an einen doppelten Saldo schlagen zu lassen. So ist auch die Geschichte von zwei älteren Herren und Lebensfreunden – einem ehemaligen Starkomponisten und Dirigenten, der sich selber in die Rente gesetzt hat und auch weigert, an der Geburtstagsfeier von Queen Elizabeth eine Komposition von ihm aufzuführen, und einem Starregisseuren, der sich noch nicht zur Ruhe gesetzt hat, da er gerade an den Vorbereitungen zu seinem ultimativen Alterswerk ist – die sich in einem Schweizer Wellnesshotel vor alpiner Kulisse zur alljährlichen “Standortbestimmung” treffen, von Einstellung 1 bis zum Abspann von einer solchen künstlerischen Erhabenheit und mit einem solchen Feingefühl inszeniert, dass es einem zeitweise die Sprache verschlägt und die stärksten Szenen kommen beinahe einer Gotteserfahrung gleich. Gegen die Bilder, die Sorrentino teilweise aus seinem Hut zaubert, wirkt der neue Channel Nr. 5 Werbespot wie ein verwackeltes Amateurvideo. Zudem ist auch hier die Schauspielergarde so erlesen, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Jane Fonda und Paul Dano. Holte 2015 den Europäischen Filmpreis als bester Film (und beste Regie, bester Hauptdarsteller etc.)

I/F/CH/UK 2014. LZ 124 Min. Directed by Paolo Sorrentino mit Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Jane Fonda und Paul Dano

7. Whiplash

Ein ambitionierter 19-jähriger Schlagzeugspieler wird vom Leiter der Studioband vom Shaffer Conservatory of Musik in New York entdeckt und in seine Band geholt. Dessen Unterrichtsmethoden sind aber versetzt mit einer fast schon faschistischen Autorität, sadistischer Strenge und regelmässigen Demütigungen, was aber bei dem von Ehrgeiz zerfressenen Jungen nicht nur Leid und Verunsicherung auslöst…Sie finden diesen Plot irgendwie langweilig? Vorhersehbar? Unsexy? Sie täuschen sich! Whiplash geht fast wortwörtlich durch Mark und Bein und unter Schweiss und Blut entwickelt sich allmählich ein Psychoduell erster Güte, das crescendo-artig in einem furiosen Finale mündet, das den Zuschauer mit dem letzten Schlag, dem letzten„Whiplash“, in den Orbit  schleudert. War heisser Aussenseiter-Favorit bei den Oscars 2015 (wo dann eben Birdman abräumte) und die über 100 internationalen Nominierungen für Film- und Kulturpreise können für diesen Low-Budget Streifen durchaus als Empfehlung verstanden werden.

USA 2014, LZ 106 Min. Directed by Damien Chazelle. With Miles Teller, J.K. Simmons, Melissa Benoist, Paul Reiser.

 

8. Inheritance Vice

Wir schreiben das Jahr 1970. Ein kiffender Hippie-Privatdetektiv, welcher in einem Küstenstädtchen in L.A. inmitten von Surfer und Hippies lebt, wird irgendwann von seiner Exfreundin auf einen möglichen Komplott hingewiesen, indem ihr Ex-Lover, ein schwerreicher Immobilienmagnaten, entführt werden soll und in welchem eine Psychiatrie in der Wüste eine Rolle spielen könnte, bevor sie dann selber spurlos verschwindet und bevor er – möglicherweise von einem Mitglieder der Black Guerrilla Family  – mit einem Baseballschläger niedergeschlagen wird und dann ist da noch so eine Drogenorganisation namens „Goldener Fang“ und eine Art “Massagesalon” und auch eine Neo-Nazi-Motorradgang, das FBI und ein spiritueller Erleuchter…Von Paul Thomas Anderson (nicht zu verwechseln mit Wes Anderson), der Macher von Werken wie „Magnolia“, „There will be blood“ oder „Boogie Nights“, weiss man, der er keine halbe Sachen macht und vor allem keine Kompromisse oder Zugeständnisse an die Sehgewohnheiten des Publikums. “Inheritance Vice” (natürliche Mängel) ist nun auch die erste Verfilmung eines Romans des Schriftstellers Thomas Pynchons, der mysteriösen Ikone der US Literaturszene,  welcher sich in den 60-iger Jahren komplett aus der Oeffentlichkeit zurückgezogen hat, von dem nur genau ein ca. 40-jähriges Foto existiert und man natürlich auch keine Ahnung hat, wo er derzeit lebt. Seine Romane galten als komplett unverfilmbar , da sie meistens über 1000 Seiten umfassend sind und mit ihren unzählbaren Figuren, verschachtelten Handlungszweigen und unendlichen Erzählsträngen auch für den überdurchschnittlich intelligenten Leser ohne Namensregister oder sonstige „Orientierungshilfen“ eigentlich kaum zu meistern sind. Das Erstaunliche an diesem Film ist daher, dass das Zusammentreffen von diesen beiden Extremkünstlern in einer komplett vollendeten Symbiose gemündet ist, da Anderson den Geist und Struktur des Romans in die „nur“ 150 Min. Laufzeit übertragen konnte und dies mit der für einen Hippie- und Kifferfilm gebührenden Lässigkeit und Nonchalance. Die Bilder vom sonnendurchfluteten L.A. , der coole 70er Soundtrack, der rabenschwarze und komplett durchgeknallte Humor und schlussendlich die beinahe unendlich lange Liste von A-Stars, wie Joachim Phoenix, Josh Brolin, Owen Wilson, Katherine Waterston, Reese Witherspoon oder Benicio del Toro, die ihre „Mitarbeit“ an diesem Projekt offensichtlich sehr genossen, machen diesen Film zu einem grossartigen und extrem witzigen Spass, auch wenn man schlussendlich nicht die geringste Ahnung hat um was es überhaupt geht. Geeignet auch für Leute, denen “Mullholland Drive” zu gradlinig und „The big Lebowski“ zu spiessig war.

USA 2014, LZ 149 Min., Directed by Paul Thomas Anderson. With Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Owen Wilson, Katherine Waterston.

 

9. Palo Alto

Es gibt Menschen, die sind mit einer aussergewöhnlichen Intelligenz, Kreativität und Sensibilität, sowie mit einem Auge für die Schönheit der Dinge gesegnet. Und können zudem ihre Wahrnehmungen in filmische Reflexionen umsetzen. Mit Gia Coppola und James Franco, zwei angehende kreative Ikonen der Generation X und Y, treffen zwei solcher hochbegabten Menschen in diesem Erstlingswerk zusammen und dieser kreative Superclash ist in jeder Sekunde des Films spürbar. Nicht mit Exaltiertheit und extravaganten manierierten Einfällen. Keine Posen. Sondern durch eine poetische Feinfühligkeit, mit welcher das letzte Collegejahr einer Gruppe Jugendlicher in Palo Alto gezeigt wird und den Fokus auf die kleinen Dinge vor und nach den Ereignissen richtet. Und schlussendlich über das unwiderrufliche Ende der Jugend und der Unschuld reflektiert. Emma Roberts (hat was von Amanda Peet) und James Franco führen kongenial eine Darstellerriege an, welche zumeist keine Kameraerfahrungen mitbringen und dadurch eine authentische fast schon semidokumentarischen Note einbringen. Der Soundtrack ist hypnotisch und der Film insgesamt wie ein trauriger Traum. Immer wenn es zu schmerzhaft werden droht, wacht man auf. Der Traum aber bleibt haften.

USA 2013, LZ 100 Min. Directed by Gia Coppola With Val Kilmer, James Franco, Chris Messina, Emma Roberts, Olivia Crocicchia, Nat Wolff, Zoe Levin

http://www.thedreamingsheep.com/das-kleine-madchen-im-weissen-kleid/

 

10. Eden – Lost in Music

Mia Hansen-Love, die Ehefrau von Olivier Assayas (Carlos, Clouds of Sils Maria) inszeniert in ihrem 4ten Spielfilm einen epischen Abgesang auf die hedonistische Clubszene der 90-ier Jahre und verknüpft diesen direkt mit den Ursprüngen der französischen Electro- und Houseszene und indirekt mit der Geschichte von „Daft Punk“. Unter einer radikalen Verweigerung eines klassischen Spannungsbogens in der Erzählung einerseits aber auch unter Weglassung von inszenatorischen Zuspitzungen oder Dramatisierungen anderseits, zeichnet „Eden“ fast schon dokumentarisch über 2 Dekaden den Aufstieg und Fall des DJ’s Paul (inspiriert vom Bruder von Hansen-Love, welcher ein DJ der French-Touch-Szene war) nach, welcher zur selben Zeit wie seine Kumpels Thomas und Guy-Man (Daft Punk), Anfangs der 90-ier Jahre, mit seinem DJ Duo „Cheers“ in der Pariser Nachtclubszene und später auch in den USA Erfolge feiert, aufgrund seinem Verharren auf dem Status Quo sprich fehlender Erneuerung seines musikalischen Oeuvres nach der Milleniumswende aber seinen schleichenden Untergang einläutet, welcher durch seinen zunehmenden Drogenkonsum, fehlendem persönlichem Antrieb und wechselnden amourösen Beziehung noch beschleunigt wird, bis ihn die finanzielle Notlage zu einer Neuorientierung zwingt. Dies stetig begleitet, aufgrund des zunehmenden internationalen Erfolges seiner ehemaligen Weggefährten, mit einer quasi musikalischen Omnipräsenz von Daft Punk. „Eden“ ist ein schmerzhaft schöner Trip in die noch nicht allzu lang zurückliegenden Vergangenheit für die Vertreter der Generation X, welcher die angeboren zu scheinende Orientierungslosigkeit und Unentschlossenheit dieses Jahrgangs auch filmisch konsequent und dadurch teilweise ungewohnt ereignislos darstellt, durch die eingefangene Poesie der flüchtigen Momente aber die hoffnungslos melancholische Monotonie schlussendlich in eine zarte Zuversicht zu wandeln vermag. Und seien Sie versichert, wenn das nächste Mal irgendwo ein Song von Daft Punk ertönt, werden unweigerlich die Bilder der verlorenen Epoche von Hansen-Love vor Ihrem inneren Auge wieder ablaufen. Auch lange nachdem Sie den Film gesehen haben. One more time.

F 2013, LZ 131 Min., Directed by Mia Hansen-Løve. With Félix De Givry, Pauline Etienne, Laura Smet, Vincent Lacoste, Vincent Macaigne, Greta Gerwig

http://www.thedreamingsheep.com/eden-the-rhythm-poem/

 

11. Ain’t them body Saints 

Wenn dieser Film in den 60er oder 70er Jahren rausgekommen wäre, könnte er nun allenfalls als ganz grosser Klassiker im Stille von „Bonnie and Clyde“ oder „Days of Heaven“ gelten. Das ist er aber nicht, sondern hatte seine Premiere im Januar 2013 am Sundance Film Festival und kam dann bei uns 2 Jahre später direkt als DVD Release raus. Das Melodrama handelt von Ruth (Rooney Maara) und Bob (Casey Affleck), die in den frühen 70er Jahren irgendwo im mittleren Westen der USA nach einem misslungenen Coup und der danach resultierenden Schiesserei mit der Polizei getrennt werden, da Bob die Schuld für einen von Ruth erschossenen Polizisten auf sich nimmt, ins Gefängnis muss um dann nach 4 Jahren auszubrechen um zu seiner grossen Liebe und seiner kleinen Tochter, welcher er noch nie gesehen hat, wieder zurückzukehren. Was sich nach ganz grossem und kitschigem Heulsusen-Stoff anhört, ist in diesem Film aber mehr eine ungemein  poetische und feinfühlige Charakterstudie über die Einsamkeit und Verlust von Illusionen mit Mut zu Leerstellen und einer sehr bedachten, eigenwillig elliptischen Erzählweise. Dies visualisiert mit kunstvollen Bildern, unterlegt mit einem fiebrigen, eingängigen Soundtrack.  Wenn Terrence Malick zusammen mit Alejandro González Iñárritu in ihren jungen Jahren einen Film zusammen gemacht hätten, so sähe er aus.

USA 2013, LZ 97 Min. Directed by David Lowery. With Rooney Mara, Casey Affleck, Ben Foster, Nate Parker.

 

12. Carol

La grand dame des amerikanischen Kinos, Cate Blanchet, und Rooney Mara in einer wunderschön und elegant inszenierten Liebesgeschichte von Todd Haynes nach dem Roman von Patricia Highsmiths, welchen sie 1952 unter einem Pseudonym veröffentlichte und der im Kern ihre eigene Geschichte erzählt, als sie Ende der 40er Jahre als Verkäuferin bei Bloomingdales gearbeitet hat und sich dort unsterblich in eine Kundin verliebte.

“Carol“ ist Todd Haynes bisher bester Film, da er es schafft, ganz grosses elegisches Gefühlskino ohne Pathos oder Kitsch und einem verblüffenden Pragmatismus, endveredelt wie ein funkelnder Diamant, auf die Leinwand zu zaubern. Die knisternde Chemie zwischen Mara und Blanchet ist fast schon physisch spürbar und sie schaffen es beide mit ihrer grossen Klasse zu keinem Zeitpunkt sich auf glitschiges oder voyeuristisches  Terrain herabzulassen.  Exquisit und Erhaben.

USA/GB 2015, LZ 118 Min. Directed by Todd Haynes. With Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson, Kyle Chandler.

 

13. A most violant year

Nach “Margin Call” und “All is lost” liefert nun J.C. Chander seinen 3ten Film zum Thema Menschen unter Druck ab, der genau gleich wie seine Vorgänger eine Art verdichtete und bis zum letzten Hemdknopf durchkomponierte Verhaltensstudie des menschlichen Wesens ist. Oscar Isaac spielt den hispanischen Einwanderer Abel Morales, der es mit seiner Firma im Heizölhandel im New York des Jahres 1981 zu Wohlstand gebracht hat, aber von seinen Konkurrenten durch kriminelle Methoden zu Fall gebracht werden soll. Obwohl er sich standhaft weigert, seine Angestellten mit Waffen auszustatten, damit die sich gegen die stetig ansteigenden Raubzüge auf seine Oeltanklastwagen schützen könnten, gerät er auch noch ins Visier der Staatsanwaltschaft und dann ist da ja auch noch seine Frau, welche in der Firma die Buchhaltung macht und auch nicht unbedingt eine zimperliche Person ist…ein hoch intensives Gangsterdrama mit einem ganz starkem symphonischen Soundtrack und furios aufspielenden Hauptdarstellern. Oscar Isaac’s charismatische Performance erinnert an den jungen Al Pacino.

USA 2014, LZ 125 Min., Directed by J. C. Chandor. With Oscar Isaac and Jessica Chastain, Albert Brooks

 

14. Knight of Cups

Ja, ja, ja, ich weiss, die Kritiken war mässig bis schlecht und die meisten Leute mögen Terrence Malick nicht nur nicht, sondern werden bisweilen leicht aggressiv oder gereizt, beim – wohlmöglich versehentlichen oder erzwungenen – Betrachten seiner Werke. Dies gilt zumindest für seine letzten Werke seit „The tree of Life“ und „To the wonder“. Abgehobene, klerikal-philosophische Selbstfindungstrips ohne jegliche erkennbare Handlung und zumeist auch fast ohne direkte Dialoge, da eine Off-Stimme die vertrackten Gedanken des Protagonisten vermittelt. Nun, aber eben, es gibt halt auch das andere Lager, welches ihn nach wie vor als den grössten Poeten des New Hollywood Kinos feiert und diese werden dann auch beim Betrachten seines jüngsten Werkes eine 2-stündige Gänsehaut haben, denn Malick liefert hier seinen Jüngern genau noch mehr von dem Stoff, von dem sie abhängig sind. Grossartige und teilweise völlig neuartige, rauschhafte Bildkompositionen, geliefert von seinem Stammlieferanten, dem derzeit wohl besten Kameramann Emmanuel Lubezki (Gravity, Birdman) unterlegt mit melancholisch-klassischen Klängen (u.a. Arvo Part, Claude Debussy). Im Bild sind fast ausnahmslos wunderschöne Menschen – in diesem Film sind es u.a. Cate Blanchet und Natalie Portmann (und für die, die es mögen: Christian Bale…) – vorzugsweise vor wunderbarer Kulisse, wie am menschenleeren Strand des rauen pazifischen Ozeans vor L.A. , meist bei Abendlicht, vor den entrückt anmutenden Landschaften mit seinen archaischen Felsformationen beim Joshua Tree Nationalpark, vor schlossparkähnlichen Gärten, wo rauschende opulente Feste gefeiert werden,  vor gigantischen Poolanlagen, postmoderner futuristischer Architektur, einsamen Luxuswohnungen am Strand mit durchdesignter Innendekoration und so weiter und so fort. Story? Genau. Völlig egal. Dem Christian Bale geht’s halt einfach irgendwie nicht so gut,  obschon er alles hat…Zusammengefasst darf man sagen, „Knight of Cups“ ist pures Heroin für Aestheten und Hedonisten, welche Form über Inhalt stellen. Und dies ganz und gar nicht wertend gemeint. Denn wenn man solche Formen hat, bedarf es nun wirklich keinem Inhalt mehr. Und sonst gäbe es ja immer noch dieses esoterische Geschwafel.

USA 2015, LZ 118 Min., Directed by Terrence Malick With Christian Bale, Cate Blanchett, Natalie Portman, Brian Dennehy, Antonio Banderas, Freida Pinto, Wes Bentley,

 

15. Face of an Angel

Der englische Regisseur Michael Winterbottom nähert sich mit „Face of an Angel“ dem wohl zu den spektakulärsten und medienwirksamsten zählenden Mordfällen der jüngeren Geschichte an und zwar dem grausamen Mord an der 21-jährigen Britin und Austauschstudentin Meredith Kercher am 1. November 2007 in Perugian, Italien. Obwohl ihre unter dringendem Tatverdacht gestandene Mitstudentin Amanda Knox, besser bekannt als „der Engel mit den Eisaugen“, inzwischen von höchster Instanz freigesprochen worden ist (März 2015), wird der tatsächliche Tatvorgang wohl nie aufgeklärt werden. Umso enttäuschter waren die Reaktionen auf diesen Film von den Leuten, die eine schlüssige Theorie zur Auflösung dieses Mysteriums erwartet haben. Tatsächlich spielt Winterbottom ganz bewusst mit diesen Erwartungen oder hintergeht sie sogar, indem er Daniel Brühl als einen Hollywood Filmemacher nach Siena (die Ortschaften und auch Namen wurden abgeändert) schickt, um dort dem Gerichtsprozess beizuwohnen und sich dort für ein Drehbuch für einen Blockbuster nach klassischer Hollywoodmanier – 2 hübsche Tennager, Sex, Blut und Tränen – inspirieren zu lassen. Da er aber selber immer tiefer in eine persönliche Lebenskrise stürzt und er keine Spekulationen über den möglichen Tathergang anstellen will, teilt er seinen Produzenten mit, den geplanten Film analog zu Dantes Göttliche Komödie in 3 Teile zu strukturieren. Hölle, Fegefeuer und Paradies. Dass dies in Hollywood keine Begeisterung auslöst ist das Eine. Dass der Film „Face of an Angel“ ebenfalls die gleichen, negativen Reaktionen ausgelöst hat das Andere. Und dass er genau so strukturiert ist, wie es der Protagonist in dem Film eigentlich möchte, die Pointe an der ganzen Sache. Aber nicht zum Selbstzweck, sondern um die eigentliche Absicht, welche Winterbottom mit diesem Film hatte, herauszustreichen, und zwar die Erinnerung an das Opfer dieses grausamen Mordes – egal wer es getan hat – Meredith Kercher am Leben zu erhalten, ihr nochmals tiefen Respekt zu zollen und sich der Schönheit des Lebens, des Privilegs am Leben sein zu können, wieder vor Augen zu halten. Der wohl am meisten unterschätzte und am meisten missverstandene Film im 2015. Mit einem grandiosen schauspielerischen Einstand des Supermodels Cara Delevingne.

UK 2014, LZ 101 Min. Directed by Michael Winterbottom. With Daniel Brühl, Kate Beckinsale, Valerio Mastandrea, Cara Delevingne.

 

16. City of Mc Fairland 

Der wegen unkontrollierten Wutausbrüchen mehrfach geschasste Sportlehrer Jim White, gespielt von Kevin Costner, zieht 1987 mit seiner Familie in die abgelegene und ärmste kalifornische Kleinstadt McFarland um an der dortigen Highschool eine neue Stelle anzutreten, die auch gleich eine seiner letzten beruflichen Chancen darstellt. Die Ortschaft ist hauptsächlich von Hispanics bewohnt, die oft als einfache Feldarbeiter ihr Auskommen haben. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten erkennt White das läuferische Talent einiger seiner Schüler und beschließt ein Laufteam für die Cross Country Meisterschaften aufzubauen, was aber gar nicht so einfach ist, weil nicht alle im Team überhaupt die Erlaubnis zu einem regelmässigen Training von den Eltern erhalten, da diese ja für den Lebensunterhalt auf den Feldern arbeiten sollen… Diese Disney Produktion erzählt diese Geschichte nach wahren Begebenheiten nach und ist ein kleiner feiner Film über Sozialengagement, Mitgefühl, Menschlichkeit, Durchhaltewille und Zivilcourage. Er tut dies aber angenehm bodenständig und zurückhaltend, mit einer leichten Ironie und Augenzwickern und verzichtet auf jeglichen fahnenschwingenden Patriotismus, welcher ja oft bei solchen Sportlerdramen anzutreffen ist. „Mc Fairland“ ist die Art von Film, wo sensible Menschen ab ca. 30 Min. durchgehend feuchte Augen haben werden. Nicht, weil irgendwas Schlimmes oder Tragisches passiert wäre, sondern weil diese Art von ungeheuchelter Menschlichkeit einfach rührt. Und noch eines, Kevin it’s good to have you back!

USA 2015, LZ 129 Min. Directed by Niki Caro With Kevin Costner, Maria Bello, Carlos Pratts

 

17.  Salz der Erde

Es gibt Regisseure, die werden aufs Alter nicht unbedingt besser, da sie sich nur noch selber zitieren und halt einfach der kreative Peak durch ist. Nicht so bei Wim Wenders. Der mittlerweile 70-jährige stellte gerade wieder in diesem Jahr seine Vielseitigkeit unter Beweis und brachte neben dem exzellenten Drama in 3D „Every thing will be fine“ mit James Franco, Charlotte Gainsburg und Rachel Mc Adams (bald muss eine Top 30 Liste her) auch noch den ungemein beindruckenden Dokumentarfilm über den brasilianischen Starfotografen Sebastião Salgado in die Kinos, welchen er zusammen mit Salgados Sohn gemacht hat. Salgado, der als erster Fotograf die Hungerkatastrophen in Afrika für den Westen schmerzlich sichtbar machte, aber auch mit seinem legendären Fotoprojekt „Genesis“ wieder an den Ursprung allen Lebens zurückkehrte und die noch von Menschen unberührte Orte der Erde zeigte, welches er erst nach einer langen Abkehr von der Fotografie realisierte. Ob den Grausamkeiten, die er in den diversen Hungers- und Kriegsgebieten mitansehen musste, erkrankte er seelisch und legte eine lange Schaffenspause ein, forstete aber in dieser Zeit – zusammen mit seiner Frau-  in seiner Heimat, im Norden von Brasilien, aus vertrocknetem unfruchtbarem Boden wieder einen Regenwald auf, der jetzt ein öffentlich zugänglicher Nationalpark ist. Diese selbstredend spektakulär und wunderschön bebilderte Dokumentation müsste Pflichtprogramm in den Schulen werden!

F/BR 2014, LZ 110 Min, Directed by Wim Wenders and Juliano Ribeiro Salgado

 

18. Une rencontre

Ein französisches Filmsoufflé, das einmal mehr aufzeigt, wo die Stärken dieser Filmnation liegen. Grosse Themen wie Liebe, Treue, Lüge und Betrug mit einer spielerischen Leichtigkeit, voller Lust, Witz und vor allem aber mit einer sublimen Eleganz zu präsentieren. Francois Cluzet spielt darin einen verheirateten Mann, der auf einer Party Sophie Marceau begegnet…spielt stark mit Traum- und Fantasiesequenzen, so dass man nie wirklich weiss, was jetzt wirklich passiert ist oder nicht. Obschon er als romantisch-leichte Liebeskomödie daherkommt, hat er das gewisse Etwas. Er bleibt haften, wie eine angenehme flüchtige Erinnerung, die immer wieder mal zurückkommt. Zudem fantastischer Soundtrack.

F 2014, LZ 81 Min. Directed by  Lisa Azuelos With Sophie Marceau, François Cluzet.

 

19.  Les Combattans

Erster Satz, siehe oben (Une Rencontre)… Franzose Nr. 3. Die mit 9 Nominierung bei den Cesar 2015 Verleihung versehene Liebeskomödie handelt von Arnaud, ein sanftmütiger und eher introvertierter Schreiner, der in den Ferien an der südfranzösischen Atlantikküste auf die eigenwillige und störrische Madelaine trifft, die eine sehr negative Weltsicht pflegt und sich auch deshalb mittels einem selbst auferlegten Survival Training für den bevorstehenden Weltuntergang vorbereitet. Da Arnaud ihr gern näherkommen würde, nimmt er mit ihr gemeinsam an einer Art Vorbereitungskurs der französischen Armee teil, wo sich dann aber plötzlich das Training in einen Ernstfall wandelt und beide alleine in den französischen Wäldern ums Ueberleben kämpfen müssen …Die sehr ungewöhnliche, gewohnt direkte, aber ungemein frische, geerdete und vor allem auch witzige Liebesgeschichte funktioniert vor allem – aber nicht nur – wegen dem neuem französischen Shootingstar Adèle Haenel (welche dann auch zusammen mit ihrem Filmpartner Kevin Azais mit den Césars ausgezeichnet wurde), die eine Leinwandpräsenz aufweist, die atemberaubend ist und man unmittelbar spürt, dass da noch viel mehr kommen wird. Man würde ihr wahrscheinlich auch zusehen, wenn  sie 3 Stunden lang eine Schlafende spielen würde.

F 2014, LZ 98 Min. Directed by Thomas Cailley With Adèle Haenel, Kévin Azaïs

 

20. It follows

Und dann noch was für Freunde des gepflegten Grauens. In einer amerikanischen Kleinstadt wird der 19-jährigen Jay nach dem ersten sexuellen Verkehr von ihrem Geliebten mitgeteilt, dass sie jetzt mit einem Fluch infiziert sei und dieser eine Person ist, die praktisch jedermann sein könnte, auch jemand Vertrautes, und falls diese Person sie erwische, würde sie sterben. Sie könne diesen Fluch erst dann ablegen, wenn sie wiederum mit jemandem Anderen schlafe um ihn so weiterzureichen. Blöderweise käme er aber wieder auf sie zurück, falls die neu infizierte Person von dem Fluch, dem “It”, getötet werden würde….Wunderschön anzuschauender Indi-Tennie-Schocker Film, der durchaus auch ernsthafte und dramatische Ansätze aufweist und mehr auf subtiles Grauen, denn auf blutige Sequenzen setzt und statt klischierte und überzeichnete Tennies glaubwürdige und zurückhaltende Protagonisten aufspielen lässt. Die Story vermischt raffiniert verschiedene Themenkomplexe wie die Angst vor dem Erwachsenwerden, Angst vor Geschlechtskrankheiten, die generelle heranwachsende gesellschaftliche Paranoia, aber auch die nach wie vor, gerade in den Kleinstädten der USA, vorherrschende Bigotterie. Das Setdesign erinnert stark an Twin Peaks, Donnie Darko oder auch Blue Velvet mit starken Farbkontrasten. Absolutes Highlight ist aber der wummernde Klangteppich, ein bedrohlicher Synthie- Sound, der so schnell verschwindet wie er gekommen ist, aber absolut essentiell für die Spannungsmomente und die herausragend dichte Atmosphäre ist. Und die Hauptdarstellerin Maika Monroe, welche das erste Mal mit „At any price“ in Erscheinung getreten ist, hat man sicherlich nicht zum letzten Mal gesehen.

USA 2014, LZ 100 Min. Directed by David Robert Mitchell. With Maika Monroe, Keir Gilchrist, Olivia Luccardi, Lili Sepe

Rhodes: Snugly blanket & Norwegian Socks

Nach exzessiven und durchzechten Sommernächten mit leicht bekleideten, tanzenden Schönheiten am Pool ist nun die Zeit gekommen einen Gang runter zu schalten. Die Kissen ausklopfen, Schafsfelle bei Ikea kaufen gehen und gleich ein Duzend duftneutraler Kerzen in der bodenlosen, blaue Tasche mitschleppen. Es ist viel zu früh dunkel und morgens fällt das Aufstehen so schwer, als würde man unter einem Autoreifen begraben aufwachen.

Genau für diese deprimierende Zeit ist nun ein stimmungsvolles und mysteriöses Album erschienen: Rhodes: „Wishes“. Der 24jährige David Rhodes ist momentan einer der heissesten Neuentdeckungen in der britischen Musikszene. Sein Debut ist ein Klangteppich gewoben aus leichtfüssigen, charmanten Melodien und gut gewählten Wortlauten. Stellt euch Chris Martin vor, nehmt etwas von seiner Überheblichkeit in der Stimme raus und mischt Sam Smith dazu, lässt aber den Soul weg. Voilà!

Das Album „Wishes“ kann vor- und zurückgespult werden und eckt nicht an, schreckt nie auf und ist einfach wunderbar durchzuhören. Ein brillanter Song ist zum Beispiel „Close Your Eyes“. Traurig und melancholisch. Auch „Breath“ reiht sich in die Songs ein, die zu Hause auf dem Sofa in die Kuscheldecke eingehüllt und mit Norwegersocken an den Füssen und einer heissten Tasse Tee angehört werden sollten.

Der absolute Höhepunkt des Albums wird mit „Let It All Go“ erreicht. Dieser Song hat Rhodes mit Birdy eingesungen und Birdy mit Rhodes… Kurz, es gibt zwei Versionen. Einmal mit Birdy als erste Stimme und umgekehrt. Kein Song zelebriert den Trennungsschmerz so unvergleichbar gut und ist so unerträglich schön. Auch visuell wurde „Let It All Go“ in einer herbstlichen, nebelverhangenen und mit Nordlichtern angereichertem Video umgesetzt:

 

Toll ist, dass die Deluxe Version mit satten 20 Titeln gefüllt ist. Zusätzlich mit Live-Versionen und einem sehr gelungenen Cover des Taylor Swift Hits „Blank Space“.

Viel Spass bei unvergesslichen, kuschligen Stunden im Kerzenschein.

So Long!

Guido

 

Videos zu „Close Your Eyes“

 

Video zu “Breath”

EDEN – The Rhythm Poem

 

It is all a rhythm,

from the shutting

door, to the window

opening,

 

the seasons, the sun’s

light, the moon,

the oceans, the

growing of things,

 

the mind in men

personal, recurring

in them again,

thinking the end

 

is not the end, the

time returning,

themselves dead but

someone else coming.

 

If in death I am dead,

then in life also

dying, dying…

And the women cry and die.

 

The little children

grown only to old men.

The grass dries,

the force goes.

 

But is met by another

returning, oh not mine,

not mine, and

in turn dies.

 

The rhythm which projects

from itself continuity

bending all to its force

from window to door,

from ceiling to floor,

light at the opening,

dark at the closing.

 

(The End by  Robert Creeley)

 

Konklusion: Mia Hansen-Love, die Ehefrau von Olivier Assayas (Carlos, Clouds of Sils Maria) inszeniert in ihrem 4ten Spielfilm einen epischen Abgesang auf die hedonistische Clubszene der 90-ier Jahre und verknüpft diesen direkt mit den Ursprüngen der französischen Electro- und Houseszene und indirekt mit der Geschichte von „Daft Punk“. Unter einer radikalen Verweigerung eines klassischen Spannungsbogens in der Erzählung einerseits aber auch unter Weglassung von inszenatorischen Zuspitzungen oder Dramatisierungen anderseits, zeichnet „Eden“ fast schon dokumentarisch über 2 Dekaden den Aufstieg und Fall des DJ’s Paul (inspiriert vom Bruder von Hansen-Love, welcher ein DJ der French-Touch-Szene war) nach, welcher zur selben Zeit wie seine Kumpels Thomas und Guy-Man (Daft Punk), Anfangs der 90-ier Jahre, mit seinem DJ Duo „Cheers“ in der Pariser Nachtclubszene und später auch in den USA Erfolge feiert, aufgrund seinem Verharren auf dem Status Quo sprich fehlender Erneuerung seines musikalischen Oeuvres nach dem Milleniumswechsel aber seinen schleichenden Untergang einläutet, welcher durch seinen zunehmenden Drogenkonsum, fehlendem persönlichem Antrieb und wechselnden amourösen Beziehung noch beschleunigt wird, bis ihn die finanzielle Notlage zu einer Neuorientierung zwingt. Dies stetig begleitet, aufgrund des zunehmenden internationalen Erfolges seiner ehemaligen Weggefährten, mit einer quasi musikalischen Omnipräsenz von Daft Punk.  „Eden“ ist ein schmerzhaft schöner Trip in die noch nicht allzu lang zurückliegenden Vergangenheit für die Vertreter der Generation X, welcher die angeboren zu scheinende Orientierungslosigkeit und Unentschlossenheit dieses Jahrgangs auch filmisch konsequent und dadurch teilweise ungewohnt ereignislos darstellt, durch die eingefangene Poesie der flüchtigen Momente aber die hoffnungslos melancholische Monotonie schlussendlich in eine zarte Zuversicht zu wandeln vermag.

Und seien Sie versichert, wenn das nächste Mal irgendwo ein Song von Daft Punk ertönt, werden unweigerlich die Bilder der verlorenen Epoche von Hansen-Love vor Ihrem inneren Auge wieder ablaufen. Auch lange nachdem Sie den Film gesehen haben. One more time.

Prescription for: existential crisis, hedonism, drug habit, scheme of life, relationship conflict, transitoriness of life

Listen to: Eden – Orginal Motion Picture Soundtrack (Various artists incl. Frankie Knuckles, Daft Punk, Crystal Waters etc.)

Eden, F 2014, 131 min. Regie: Mia Hansen-Løve. Mit Félix de Givry, Pauline Etienne, Greta Gerwig, Arsinée Khanjian

Palo Alto oder Das kleine Mädchen im weissen Kleid

 

Aufblende: Wir sehen ein kleines Mädchen in einem weissen Kleid, das einem wuscheligen braunhaarigen kleinen Hund auf der grünen Rasenfläche, welche sich unterhalb der Veranda bis zu den Weinbergen hinzieht, hinterher rennt, bald aber innehält und den Kopf zur Veranda dreht, wo ihr Grossvater in einem Schaukelstuhl sitzt, eine Zigarre in der Hand hält und hinter der Zeitung ihr freundlich entgegen lächelt. Wir schreiben das Jahr 1989 und befinden uns auf einem Weingut im Napa Valley in Bundesstaat Kalifornien. Das kleine Mädchen ist gerade mal 2 Jahre alt und heisst Gian-Carla benannt nach ihrem Vater Gian-Carlo, welcher 2.5 Jahre davor, als ihre Mutter noch mit ihr im zweiten Monat schwanger war, in einem Bootsunfall grauenvoll geköpft wurde. Er fuhr nicht selber, sondern der Sohn von Filmstar Ryan O’Neal, Griffin, welcher im Hafenbecken zwischen zwei Booten durchfahren wollte und übersehen hatte, dass diese durch eine Schleppleine verbunden waren. Was Gian-Carla, später nur noch Gia genannt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss ist, das ihre Mami, Jacqui de La Fontaine, gerade mal zarte 21 Jahre alt, bald einen neuen Mann kennenlernen und 10 Jahre später heiraten sollte. Sein Name ist Peter Getty, ein Nachkomme vom Oelbaron Jean Paul Getty, welchem mit dem Getty Museum ein Denkmal gesetzt wurde. Peter’s Vater war ebenfalls ein steinreicher Wohltäter, welcher sein Oelgeschäft für 10 Milliarden an Texaco verkauft hatte, aber neben seiner Musterehe noch eine Parallelexistenz mit einer Geliebten führte. So erfuhr Peter erst kurz vor der Hochzeit mit Gia’s Mami, dass er noch drei Halbgeschwister hat. Peter’s Onkel musste mit 60 in eine Entziehungskur, seine Tante starb an einer Ueberdosis Heroin, sein Cousin Jean Paul Getty III. knallte sich nach seiner Entführung (ihm wurde dabei sein Ohr abgeschnitten, weil sein Grossvater, eben Jean Paul, der mit dem Museum, nicht zahlen wollte) so lange mit Drogen zu, bis ihn der Schlag traf und er zum Pflegefall wurde. Was Gia zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wissen konnte war, dass ihr Grossvater, der auf dem Schaukelstuhl, welcher ihr gütig hinter der Zeitung zuzwinkerte, ihrer Mami 2 Jahre später, zu ihrem vierten Geburtstag, ein Haus in den Hollywood Hills schenken würde und ihre idyllische Zeit auf dem Weingut im Nappa Valley damit enden würde. Dafür würde das Haus, welche ihre Mami, die ein wenig wie Ali MacGraw (Synonym für weiblichen Hippietyp, dunkelhaarig und extrem attraktiv) aussah und einen Stil zwischen Hautevolee und Boheme-Chic pflegte und die neue Bleibe auch dementsprechend einrichtete, später die mythische Partyzentrale von L.A. werden. Wenn Gia dann in dem neuen Haus Geburtstag feiern würde, kämen viele neue Freunde aus der Stadt zu Besuch, Leonardo , Demi, Jack, Kate und wie sie alle heissen. Ihr Cousin Nicolas würde Karaoke singen und ihre Tante Sofia würde ihr eine selbstgebackene Torte mitbringen. Was das kleine Mädchen schlussendlich gar nicht wissen konnte, an dem Zeitpunkt, wo sie vom Hund abliess und wieder über die grüne Rasenfläche in Richtung ihres Grossvaters auf der Veranda, Francis Ford, rannte, lachend und kreischend, war die Tatsache, dass sie 26 Jahre später, ihren ersten Film als Regisseurin rausbringen und damit die Familientradition in die nächste Generation fortführen würde. Nach Francis Ford und Sofia. Coppola. Abblende.

Ihr erster Film heisst „Palo Alto“, nach dem gleichnamigen Roman von Multitalent James Franco (u.a. auch Schauspieler „127 Hours“, „Spring Breakers“), welcher darin seine Collegezeit in dieser kalifornischen Kleinstadt in diversen Kurzgeschichten beschreibt, in welchen sich eine Gruppe Jugendlicher mehrheitlich mit Sex, Drogen und Alkohol auf ihr späteres Erwachsenenleben vorzubereiten versucht und zwischen Identitätssuche, erstes Verlieben, provokativen Auflehnungen gegen die Autoritäten, Grenzüberschreitungen und tiefer Einsamkeit und Unsicherheit oszilliert. Das Buch war, trotz gelegentlich krassen Einschüben, sehr zurückhaltend geschrieben, in einem guten Sinne unspektakulär und alltäglich und bekam gerade dadurch eine sehr realistische, ja fast schon dokumentarische Note. Diesem Geist blieb auch Gia Coppola treu, was James Franco wohl auch erahnte, als er ihr die Rechte an der Verfilmung abtritt und ihr nicht nur die alleinige Entscheidungshoheit über jedes Gebiet (Casting, Endschnitt etc.) überlies, sondern auch gleich die ungefähre USD 1 Mio. Finanzierung bereitstellte, so dass auch keine Studios oder sonstige Geldgeber in den kreativen Prozess von Madame Coppola reinreden würden. Ein ungewöhnlich hoher Vertrauensvorschuss in eine 26-jährige Frau, ohne jegliche Regie-Erfahrung, welcher aber die herausragende Stellung unterstreicht und erklärt, welche James Franco im zeitgenössischen Kulturbereich geniesst, gerade auch wegen seiner Gabe junge Talente zu entdecken und fördern. Er wird ja schon seit längerem als kreativer Genius der Generation X gehandelt, da er ja nicht nur Schriftsteller und Schauspieler ist, sondern auch Regisseur, Drehbuchautor und Maler. Sein Oeuvre reicht von „Spider-Man“, „Die fantastische Welt von Oz“ über „Milk“ bis zu „Everything will be fine“ – die Zusammenarbeit mit Wim Wenders – oder Ausstellungen im MoMa PS1 zusammen mit Gus Van Sant. Wie viele andere ambitionierte Berufskollegen benutzt er das im Mainstream verdiente Geld um seine künstlerischen Herzensprojekte zu finanzieren, was „Palo Alto“ logischerweise ist. Das Geld darf man dann auch hier als effizient eingesetzt sehen. Viele der Darsteller sind das erste Mal in ihrem Leben vor der Kamera gestanden, die Kleider durften die Jugendlichen selber von zu Hause mitnehmen und auch viele Szenen sind gleich in deren realen Häuser u.a. auch Schlafzimmer gedreht worden. Auch die Settings sind so authentisch wie möglich gehalten worden, viele Szenen spielen auf Fussplätzen, Vorhöfen, Spielplätze und eben halt einfach zu Hause. Dass trotz diesen geerdeten Ansätzen kein muffiges Jugenddrama herausgekommen ist, sondern ein höchst ästhetisches Filmsoufflé, unterlegt mit einem zart-melancholischen Soundtrack, welcher die hypnotische Spannung dieser rauen und schlussendlich tieftraurigen Geschichte noch verstärkt, verwundert einem dann aber doch nicht wirklich. Denn eben, die Coppolas müssen es in den Genen haben und der Geschmack der Mutter, diese Mélange aus Hautevolee und Boheme-Chic, welche auch ihre Cousine Sofia zelebriert, hat die Tochter gänzlich übernommen. Verbunden mit einer filigranen Sensibilität für die Schönheit der alltäglichen Dinge und einer tiefen Empathie für das menschliche Wesen, darf man auch von Gia noch Grosses erwarten und dies zu recht. „Palo Alto“ ist thematisch und atmosphärisch eigentlich nur mit dem Filmklassiker „The last Picture Show“ von Peter Bogdanovich aus dem Jahre 1971 vergleichbar, welcher als einer der wichtigsten und einflussreichsten Filme des amerikanischen Kinos gilt. Vielleicht hat das kleine Mädchen auf der grünen Wiese es schon dazumal gespürt, dass es das Leben doch irgendwie gut mit ihr meinen wird.

Konklusion: Es gibt Menschen, die sind mit einer aussergewöhnlichen Intelligenz, Kreativität und Sensibilität, sowie mit einem Auge für die Schönheit der Dinge gesegnet. Und können zudem ihre Wahrnehmungen in filmische Reflexionen umsetzen. Mit Gia Coppola und James Franco, zwei angehende kreative Ikonen der Generation X und Y, treffen 2 solcher hochbegabten Menschen in diesem Erstlingswerk zusammen und dieser kreative Superclash ist in jeder Sekunde des Films spürbar. Nicht mit Exaltiertheit und extravaganten kreativen Einfällen. Keine Posen. Sondern durch eine poetische Feinfühligkeit, mit welcher das letzte Collegejahr einer Gruppe Jugendlicher in Palo Alto gezeigt wird und den Fokus auf die kleinen Dinge vor und nach den Ereignissen richtet. Und schlussendlich über das unwiderrufliche Ende der Jugend und der Unschuld reflektiert.  Emma Roberts (hat was von Amanda Peet) und James Franco führen kongenial eine Darstellerriege an, welche zumeist keine Kameraerfahrungen mitbringen und dadurch eine authentische fast schon semidokumentarischen Note einbringen. Der Soundtrack ist hypnotisch und der Film insgesamt wie ein trauriger Traum. Immer wenn es zu schmerzhaft werden droht, wacht man auf. Der Traum aber bleibt haften.

Prescpriction for: Identity crisis, adolescence issues, loneliness, insecurity,  first love

Listen to: Palo Alto Soundtrack (Devonté Hynes, Robert Schwartzman) 

Palo Alto, US 2013, 100 Min., from Gia Coppola, with Emma Roberts, James Franco, Jack Kilmer, Nat Wolff, Van Kilmer 

Madonna – Nothing is indestructible

Madonna

Lange habe ich mit meinen Engelchen und Teufelchen gekämpft und nun doch, ich muss es loswerden. Es geht um das neue Madonna Album „Rebel Heart“ oder besser um die ganze Situation rund um einen etwas missglückten Album-Start.

Eine Künstlerin wie Madonna mag man oder man mag sie nicht. Es gibt wohl nichts dazwischen. Ich habe ja schon ein paar Jahre auf dem Buckel und als Jugendlicher – als es noch schwarzglänzende Vinyl-Platten in 33‘‘ und 45‘‘ gab (am Plattenspieler musste man den Geschwindigkeitshebel betätigen) – kaufte ich mir die Maxi von „Like a Prayer“. Ein grossartiger Song! Es gab drei Versionen dieser Maxi-Single. Immer dieselbe skizierte Madonnen-Figur vorne drauf, jedoch einmal mit einem blauen, einem gelben und weissen Hintergrund. Ich musste natürlich alle haben. Ich denke, es war einer meiner ersten Maxi-Käufe. (FYI für die jüngeren Leser. Maxi-Singles waren Platten mit unendlich in die Länge gezogenen Versionen des ursprünglichen Songs drauf, meistens Disco-Versionen oder sogenannte Extended-Remixes. Mischwerke von angesagten DJs kamen erst später auf die Tonträger. “Normale“ Singles hingegen spielten auf der A-Seite nur einen Song ab – Radio-Version – und auf der B-Seite gab es meist einen unveröffentlichten B-Track – oft schlecht – oder eine instrumentale Version des originalen Songs)

Zurück zu Madonna. Und ja, ich mag Madonna. Sie hat ab 1983 grossartige Musik veröffentlicht und ist seitdem aus dem Musik-Olymp nicht mehr wegzudenken. Sie räkelte sich im Hochzeitskleid als „Toy Boy“- Girl durch die sinkende Stadt Venedig, tanzte zwei Jahre später mit einer blonden Kurzhaarfrisur in Lederjacke durch Brooklyn, suchte danach verzweifelt nach Susanne und legte einen divenhaften Auftritt mit Mafiajäger Dick Tracy hin. Bei der „Blond Ambition Tour“ brachte sie als wohl erste Künstlerin eine Masturbationsszene auf die Bühne und knutschte mit Vanilla-Ice Ice Baby nackt in einem Erwachsenen-Bildband rum. Dort hat das mit den Zungenküssen wohl angefangen. Weitere geküsste sind Britney, Christina und gerade vor kurzem der amerikanische Rapper Drake. Googelt doch mal „Madonna kissing“! Zudem verärgerte sie als gläubige Katholikin immer wieder die Kirche. Chapeau!

Die „Rebel Heart“ Situation fing kurz vor Weihnachten 2014 an. Das damals noch unbenannte 13te Studio Album wurde auf März 2015 angekündigt. Ein Augenzwinkern später leakten auch schon die ersten Songs ins Internet. Madonna reagierte auf Instagram und Facebook sichtlich sauer über die Situation und bat die Fans darum, die Tracks nicht zu hören, da es sich um gestohlene, unfertige Demo-Songs handeln würde. Es gab später sogar eine Gerichtsverhandlung,  jedoch vermute ich eine geschickte PR-Strategie dahinter, tauchten doch plötzlich immer mehr Songs auf. Und mit mehr Songs meine ich mehr als 30 Tracks! Dass ein Song leakt ist heutzutage ja schon fast werbetechnischer Alltag, in diesem Ausmass kann man dies jedoch als etwas zu viel des Guten bezeichnen. Reaktion auf das Leaking war, dass Künstlerin und Management entschieden, am 20. Dezember 6 Tracks des finalen Albums zu veröffentlichen. Medien lästerten erst, danach kehrten sie ihre Meinung und sprachen lobend von einem „Beyoncé-Moment“. (Ein Beyoncé-Moment ist, wenn ein Künstler aus heiterem Himmel, also ganz überraschend ein komplettes Album auf iTunes veröffentlicht und dies ohne Ankündigung und Promo-Kiste. Die Göttergattin von Jay-Z raste dadurch im Dezember 2013 mit dem Album „Beyoncé“ die Charts hoch und überraschte alle) Madonnas Aktion hingegen wirkte – wenigstens meiner Meinung nach – etwas hilflos und schlecht kopiert. Selbstverständlich bin ich Madonnas Bitte nicht gefolgt und habe mir sämtliche vorab geleakten  Demo-Songs reingezogen. Ich freute mich aufs neue Album, denn was ich dort zu hören bekam, schmeckte nach mehr. Aus Loyalität zur Künstlerin setzte ich eine Vorbestellung des Albums auf und bekam dann vorab die erwähnten ersten 6 „offiziellen“ Songs, welche auch die ersten beiden Singles „Living for Love“ und „Ghost Town“ beinhalteten.

Aber damit nicht genug. Nicht dass es mit dem ersten Leaking der Demos genug war. Nein, im Januar des neuen Jahres war das komplette Album, diesmal fertig abgemischt, schon wieder im Internet geleakt. Fast zwei Monate vor dem offiziellen Release. Jedoch blieb der mediale (und juristische) Aufschrei dieses Mal aus.  Madonna instagrammte stattdessen Hash-Tags mit den bereits bekannten Song-Titeln und die Promo-Maschinerie rollte mit grossem Getöse heran. Die erste Single wurde auf Snap-Chat veröffentlicht, Auftritte wie bei den Grammys und Brit-Awards standen auf dem Programm. Der berühmte Bühnen-Unfall (sie stürzte bei den Brit Awards in der Londoner 02-Arena rückwärts von der Bühne) war aber – ausnahmsweise – nicht inszeniert. Dafür leg ich meine Hand ins Feuer.

Meine Hoffnung auf ein zweites „Ray of Light“ Album, welches dazumal (1998) ein weiterer bahnbrechender und – auch musikalisch – überzeugender und fast schon radikaler Imagewandel  von Madonna darstellte, wurde jedoch enttäuscht. Das Album hat gute Momente, jedoch klingt alles sehr überproduziert. Was in der Demo-Version noch frisch, geerdet und vielversprechend klang, wurde in der finalen Version bis auf den kleinsten Ton abgemischt und somit einem grossen Teil der Authentizität beraubt. Und zudem mag ich die Stimme von Madonna nicht mehr. Oft quietsch sie und von den bei Evita erlernten Gesangskünsten ist leider nicht mehr viel zu hören. Zugegebenermassen war Madonna nie die grossartigste Sängerin, jedoch mochte ich ihre Stimme. Sie hatte irgendwas…liebliches…reines…jetzt irgendwie nicht mehr.

Vor ein paar Wochen erschien das offizielle Musik-Video zur zweiten Single „Ghost Town“. Madonna sieht toll aus, perfektes Styling. Die Szenen erinnern ein wenig an „I am Legend“ mit Will Smith. Bisschen Apokalypse mit zerstörten Gebäuden, Rauch und so. Auch ein Hund oder Wolf streift durchs brennende Set. Alles toll, jedoch habe ich Madonna noch nie so schlecht als Schauspielerin gesehen. Es gibt ein paar grosse Momente des Fremdschämens. Einziger Höhepunkt ist das Tänzchen am Ende des Clips mit dem Schauspieler Terrence Howard.

Schaut euch das Video doch mal an:

 

Und wenn ihr schon auf Youtube seit, anbei noch das Video zum mit Abstand besten Song auf “Rebel Heart” – Inside out (auch wenn hier ebenfalls die Demo Version nochmals um ein Quäntchen mehr gerockt hat)

Aber wie es so ist, echte Enttäuschungen können nur Künstler erzeugen, die einem etwas bedeuten und möchte deshalb  – als versöhnendes Schlusswort – nicht vergessen, meinen nach wie vor ungebrochenen grossen Respekt an diese grossartige Frau auszusprechen, die es immer wieder verstanden hatte, sich permanent neu zu erfinden und die Popgeschichte über Jahrzehnte zu prägen um nicht zu sagen,  zu dominieren. Und warte deshalb weiter – ausdauernd und doch zuversichtlich –  auf den nächsten grossen  „Ray of Light“ Moment. „Rebel Heart“ war ihn sicherlich nicht.

Um Euch die Wartezeit bis dahin zu verkürzen, habe ich Euch untenstehend noch die Liste mit den grössten und besten Songs, die Madonna je veröffentlichte, aufgeführt. Und kein Widerspruch!;)

So long und bis bald mal wieder!

Guido

 

– Time stood still (Soundtrack zu “The Next Best Thing” – 2000)

– You’ll see / Véras (Something to Remember – 1995)

– Nothing really matters (Ray of Light – 1998)

– I want you (Something to Remember – 1995)

– Frozen (Ray of Light –  1998)

– Like a prayer (Like a prayer – 1989)

– Papa don’t preach (True blue – 1986)

– This Used to be my playground (Title song for “A League of Their Own” – 1992 and Something to remember – 1995)

– Paradise not for me (Music – 2000)

– Sorry (Confessions on a Dance Floor – 2005)

– Masterpiece (MDNA – 2012)

– Vogue (I’am Breathless – 1990)

– Justify my love  (The Girlie Show – Live Down Under – 1993)

– Don’t cry for me Argentina (Evita – 1996)