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American Beauty 2 – Men, Women & Children

 

Wenn es eine Bestandsaufnahme aus Amerikas Gegenwart braucht, ist der Regisseur Jason Reitman die erste Wahl. Er hat ein gutes Gespür für Sorgen, geheime Wünsche und Gemütszustände des Durchschnittsamerikaners aus der Provinz. Dabei nimmt er meist Abstand vom klischeehaften Denken und präsentiert ausgereifte, durch den Zeitgeist geprägte Lebensentwürfe, die trotz des soliden bürgerlichen Fundaments überraschend frisch und oft erschütternd wirken.

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So wie in „Up in the Air“(2009), in dem eine berufstätige Familienfrau ausnahmsweise den männlichen Part spielt und dem endlich bindungswilligen Clooney-Typ die Tür vor der Nase schließt (wie unzählig sind die Filmszenen, in denen Männer sich sowas leisteten!). Oder wie in „Young Adult“(2011), in dem die einstige School Beauty Queen entschied, dass sie weiterhin regieren sollte, und daraufhin einen dicken Korb bekommt. So verblüffend ehrlich, gemäßigt, sarkastisch und gleichzeitig einfühlsam ist auch der neuste Film von Jason Reitman „Men, Women & Children“ (2014).

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RL („Real Life“) – so wird die Realität von den durchdigitalisierten Kids bezeichnet. RC („Real communication“) ist am Aussterben. DL („Digital Life“) hält Einzug in die Klassenzimmer, Wohn- und Schlafräume der Teenager und ihrer Eltern. Durch die Leinwand fliegen mit therapeutischer Regelmäßigkeit die abertausenden Kästchen mit Nachrichten. Nonverbaler Austausch beherrscht die Szenerie der Schule, in der nach wie vor viel Wert auf Sport, Geschichte und gute Schulleistungen gelegt wird. Nur wird diese angebliche Normalität von den Kids und ihren Eltern in den Parallelwelten ausgelebt: was man im RL nicht bekommt, wird aus dem Netz geholt.

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So wie Helen (Rosemarie DeWitt) es vorlebt, die den heimischen Kinoabenden im Kreis der Familie überdrüssig wird und erfolgreich versucht diese mit etwas aufregenderen Events zu ergänzen – mit Hilfe von „Ashley Madison“. Wenn diese Geschichte im RL ablaufen würde, dann wäre Helen eine von 12 000 Damen, welche eine Auswahl von 30 Mio. Männer hätte (wie wir heute aus der Veröffentlichung von gehackten „Aschley Madison“-Daten wissen). Ihr Mann Don (Adam Sandler) hat andere Kanäle benutzt und eine verständnisvolle Hure nach Maß aus dem Netz geholt.

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Allerdings musste er dafür den Computer seines 15-jährigen Sohnes benutzen, da seiner vom exzessiven Porno-Konsum mit Viren verseucht wurde. Was er da im Kinderzimmer entdeckt, ist ein ganz neues Level. Chris (Travis Tope) ist dem Vater hinsichtlich digitaler Pornografie weit überlegen. Der sympathische Teenager konsumiert seit dem zehnten Lebensjahr Internet-Pornografie und verschafft sich keine Erleichterung mehr ohne eine ordentliche Portion Netz-Perversitäten. Mit einem RL-Mädchen kann er ebenso nichts mehr anfangen.

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Dieses RL-Mädchen, Cheerleader Hannah (Olivia Crocicchia) ist punkto Perversion auch keine Anfängerin mehr. Sie benutzt einen nicht stattgefundenen Sex, um eine kleine PR-Aktion daraus zu veranstalten. Das Kerlchen war halt ein passender Kandidat. Wenn kümmert es schon, was im RL passiert? Wichtig ist nur das, was man nachher berichten kann, am besten so, dass das ganze Universum darüber Bescheid weiß – und auf der eigenen heiß geliebten und liebevoll gepflegten Model-Webpage.

Nun, für die Schatz-Seite ist die Mutter (Judy Greer) zuständig, welche ihre pre-digitalen Erfahrungen als gescheiterte Schauspielerin nutzt, ihre in Sachen Selbstinszenierung begabte Tochter non-stop in aufreizenden Posen fotografiert und online publiziert um die erträumte Hollywood-Karriere anzuschieben. Irgendwann stellt Joan fest, dass die Seite einen kleinen Umsatz generieren kann und beabsichtigt, die Einnahmen für  Schauspielerkurse einzusetzen. Doch als die Absage von einer TV-Show kommt – wegen unsittlicher Tätigkeit und weil der neugewonnene Freund sich wegen ihres Web-Verhaltens von ihr distanziert – entscheidet Joan, ihre Managertätigkeit aufzugeben und sich nur noch auf ihre Mutterrolle zu fokussieren.

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Ihr Freund Kent (Dean Norris), ein grimmiger, von seiner Frau für einen Kalifornier verlassenen Mann,  ist eine grundsätzlich traurige Person. Und seinen Sohn versteht er auch nicht mehr, da dieser am Fußball, die frühere gemeinsame Passion, das Interesse verloren hat und das Einzige, was ihn noch interessiert ist “Guild Wars” – ein Computerrollenspiel.

Durch dieses Spiel hat Tim (Ansel Elgort), die von Baruch Spinoza 400 Jahre zuvor entdeckte Erkenntnis – sub specie aeternitatis („unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit“) – komplett verinnerlicht. Der Teenager hat intuitiv erfasst, dass das ganze bunte, aufwendige Treiben drumherum eigentlich keinen Sinn ergibt, dass für ein unendliches Universum das menschliche Leben nur ein Augenblick ist – ohne wesentliche Konsequenzen für die Welt, die uns ständig zu eng erscheint. Nur dieser Junge begreift, dass das Einzige, was uns vor den vielen Rätseln und Unwissen rettet, ist zu lieben und geliebt zu werden. Glücklicherweise gibt es solch ein Mädchen, das sein Anliegen versteht. Brandy.

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Dummerweise hat Brandy (Kaitlyn Dever) aber eine dogmatische, kontrollsüchtige Mutter- Patricia – welche ihre Tochter exzessiv vor allen Gefahren des DL schützen will. Patricia (Jennifer Garner) verfolgt jede einzelne Datenspur ihrer Tochter, löscht jede Nachricht, die ihr verdächtig erscheint und hat schlussendlich auch keine Skrupel,  die Beziehung ihrer Tochter eigenhändig zu beenden. Die Tragödie ist vorprogrammiert…

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Im ständigen Wechsel von RL und DL verlaufen diese Geschichten aus der amerikanischen Provinz begleitet von Off-Kommentaren (Emma Thomson) aus dem All – dem allwissenden Blick von oben – sub specie aeternitatis. Hier finden die Familien die breite problematische Vielfalt wieder, mit der sie tagtäglich konfrontiert sind; die meisten Arten von Web-Sklaverei oder Web-Entfesselung, die neuen Konstellationen, die digitale Medien in die Beziehungen installieren. Eine präzise und zutreffende Zusammenfassung der neuesten Veränderungen – von der Kritik allerdings als zu künstlich bezeichnet.

Konklusion: Der Episodenfilm „Men, Women & Children” ist ernüchternd traurig, schonungslos sarkastisch, komisch und tragisch zugleich, eine behutsame Bestandsaufnahme des Alltags von US-Familien, die nicht so weit von unserer entfernt ist, wie wir oft zu hoffen glauben. Man kann ihn auch als aktuelle Version von „American Beauty“(1999, Sam Mendes) betrachten. In den deutschen Kinos lief er unter dem Titel „#Zeitgeist“. In der Tat gibt es zur Zeit keinen Film, der mehr oder besser über das RL der Teenager und ihrer Eltern berichtet. Für Familien ist es ein unverzichtbarer Film!

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Prescription for: dysfunctional family, miscommunication between parents and kids, sex and secrecy in the online age, communication via screen, online depersonalisation, webenslavement, online porn, roleplay game culture, anorexia, infidelity, fame hunting, black-comic…

Men, Women & Children, USA, 2014, 116 min, directed by Jason Reitman, with Ansel Elgort, Adam Sander, Jennifer Garner, Emma Thompson, Judi Greer, Dean Norris, Kaitlyn Dever, Resemarie DeWitt, J.K.Simmons, Olivia Crocicchia.

All you need is Love – Love&Mercy

 

Die meisten Spielfilme über die realen oder fiktiven Musikidolen würde ich auf einer Bewertungsskala von sehr gut bis hervorragen platzieren. An Filme, die nur gut waren, kann ich mich nicht erinnern, schon gar nicht an einen darunter. „Amadeus“ (ein Klassiker des Genres, 1984, Miloš Forman), „Sid und Nancy“(Liebesgeschichte zwischen Nancy Spungen und dem Sex Pistols-Bassisten Sid Vicious, 1986, Alex Cox), „The Doors“ (Jim Morrison, 1991, Oliver Stone), „ Almost Famous“ (2000, Cameron Crowe), „Ray“ (Ray Charles, 2004, Taylor Hackford), “Walk the Line“ (Johny Cash, 2005, James Mangold),„Control“ (Ian Curtis, 2007, Anton Corbijn), „Liberace“ (2013, Steven Soderbergh), „Danny Collins“ (Steve Tilston, 2015, Dan Fogelman)…

Das neue Biopik „Love&Mercy“ von Bill Pohlad („Wild“, „12 Years a Slave”, „Into the Wild“) über Brian Wilson (Beach Boys kreativer Kopf) ist keine Ausnahme. Woran liegt es? Wieso werden Musiker von Cineasten dermassen gut verstanden? Obwohl fast alle Filme dem gleichen Muster folgen – Erfolg – Alkohol, Drogen, Groupies – Absturz – Comeback oder Tod, ist jeder einzelne sehenswert. Es mag daran liegen, dass die Filmemacher den gleichen Tücken des Berühmtseins ausgesetzt sind und genau so an Ruhm, Verzweiflung und Kreativitätsverlust leiden wie ihre Kollegen aus der Musikbranche. Nicht zuletzt liegt es an der herrlichen Musik, an heiss geliebten Songs, die uns immer wieder aufs Neue inspirieren, alle Eskapaden ihrer Erfinder unbedeutend erscheinen lassen und so implizit eine Rehabilitation versprechen.

Den jungen Bryan Wilson spielt der ihm optisch sehr ähnliche Paul Dano (Nebenrollen in „Little Miss Sunshine“, „Taking Woodstock“, „12 Years a Slave”, „Prisoners“). Eine hervorragende und mutige Leistung, da er versucht das innere Leben und die kreativste Phase seines Protagonisten akribisch genau und schonungslos darzustellen. Nur am Rande werden die Extravaganzen des Popidol-Daseins skizziert: ein im Sandkasten stehender Flügel oder ein grosses Baldachin-Zelt mitten im Wohnzimmer – für den ungestörten Drogenkonsum und interne Gespräche der Bandmitglieder.

Was an diesem Film so gelungen ist, sind die Entstehungsgeschichten der berühmtesten Lieder von Wilson – z.B. „Good Vibrations“ oder seine Zusammenarbeit mit Studiomusikern für das Konzeptalbum „Pet Sounds“. Die Proben und Aufnahmesessionen im Studio wurden in der körnigen Sequenz einer alten Dokumentation gefilmt. Die Zuschauer sind fast schon live dabei – so lebendig und eindringlich werden diese erfüllenden Schaffungsprozesse dargestellt! Paul Dano ist überhaupt nicht verlegen, was die eher peinlichen körperlichen Makel angeht – sein quälend über den Hosenbund hängender Bauch, Doppelkinn, schmale Schulter sind omnipräsent in vielen Szenen. So kommt er allzu menschlich rüber – ein junger Mann, der sich wie ein Kind am Sandkasten des Lebens bedient, und alle Anstrengungen aus seinem Verstand verbannt – außer Musik. Um ein perfektes Lied hinzukriegen, scheut er keine Mühen. Seine Visionen stützen sich auf die absolut klaren Vorstellungen darüber wie die perfekten Kompositionen zu erreichen sind. Diese ständige Suche nach Perfektion, gepaart mit exzessiven Drogenkonsum, treibt Brian schlussendlich in den Wahnsinn.

Einen schwächeren Part (Brian Wilson in 20 Jahren) spielt John Cusak, der sich bestens mit verzweifelten Existenzen auskennt („High Fidelity“, „Amerika`s Sweethearts“, „Maps to the Stars“). Die Musik ist ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, aus dem einst herausragenden Musiker ist ein Wrack geworden. Obwohl Brian aussieht wie ein gealterter Mann, benimmt er sich wie ein Kind (absolut glaubwürdig dargestellt von Cusack). Dies wird von seinem Vormund Dr. Eugene Landy ausgenutzt. Den cholerischen und hinterhältigen Doktor spielt Paul Giammatti, der für Schurkenrollen in Hollywood zuständig ist, exzellent.

Dieses abgekartete Spiel durchhaut die sympathische Cadillac -Verkäuferin Melinda (Elizabeth Banks), bei welcher Brian ein Auto bestellt. Ihr übertriebener Sinn für Mode (XXL-Schulterpolster, knallige Farben, trashiger Schmuck, in der Starre einbetonierte gelbliche Haarlocken – alles Sünden aus den späten 80-ern) steht im Kontrast zu ihrem sanften Wesen. Mit viel zurückhaltender Neugier und Geduld begegnet Melinda den 24 Stunden unter Beobachtung stehenden Brian. Sie versucht etwas Glück und Normalität in sein aus Verboten und Einschränkungen bestehendes Leben einzupflanzen. Bedienungslose Liebe ist das Einzige, was dem immer noch unter der Lieblosigkeit seines Vaters Murray (Bill Camp) leidenden Brian helfen kann. Der Epilog (der Mitproduzent des Filmes Brian Wilson im Jahre 2014) bekräftigt diese Annahme.

Konklusion: „Love&Mercy“ ist eine Filmbiografie, welche die entscheidenden Umstände im Leben und in der musikalischen Karriere von Brian Wilson meisterhaft widerspiegelt, hervorragend gespielt und mit fundamentalen existenziellen Fragen ausgestattet. Hier werden weniger Fallen des Ruhms erläutert (wie in den meisten Biopics), dafür aber wird es vielmehr auf die wertvollen Momente des Schaffens eingegangen. Da es sich um die glücklichen Begegnungen und Zusammenfügungen handelt, verströmt „Love&Mercy“ viel Optimismus. Wenn man den richtigen Menschen findet (in diesem Fall die richtige Frau), der bereit ist, den Notleidenden aus dem Sog zu ziehen, dann gibt es ein Weg zurück ins Leben. Eigenständigkeit und Lebensmut sind befreiend nicht nur für jene, die sie vollziehen, sondern für die, die sie empfangen.

Prescription for: warm, neat tribute to the Beach Boys mastermind Brian Wilson

Love&Mercy, USA 2014, 121 min., directed by Bill Pohlad, with Paul Dano, John Cusak, Paul Giammatti, Elizabeth Banks, Bill Camp

I own a dog – The Age of Adaline

Es gibt diese Geschichten, welche über die Anfänge erzählen, – glückliche, hoffnungsvolle… Die gemeinsamen Sorgen und Ängste liegen weit vorne – in der Zukunft… Nur das gemeinsame Streben nach Einzigartigkeit zählt… Die Jahrtausende alte Mythologie der Liebe trommelt ihre Leibeigenen zusammen, um den Triumph der Leidenschaft aufs Neu zu besingen… Obwohl mittlerweile immer weniger von Romantik und lebenslanger Perfektion auf der grossen Leinwand erzählt wird, entstehen vereinzelt Filme, die die alten Ideale auferstehen lassen und den Glauben an die außergewöhnlichen Wege der Liebe beleben.

Eine erfrischende Möglichkeit, solche Geschichten anderes aufzutischen, wäre sie in eine zeitrelevante Hülle zu verpacken: mal glaubwürdiger, physikalisch nachvollziehbarer („Interstellar“), oft völlig unergründlich,  mystisch („The Curious Case of Benjamin Button“ oder „The Age of Adaline“). In diesen Filmen spielt die Zeit die eigentliche Hautrolle, da sie oft verrückt spielt und den Menschen ihre natürlichen oder von jemandem zugewiesenen Lebensräume entzieht. Meistens sind solche Gebilde mit einer Tragik und Melancholie überzogen, die immer seltener im Kino anzutreffen sind. Deshalb berühren sie uns auf eine eigentümlich nostalgische Art und Weise.

Nach einem Unfall hört Adaline Bowman (Blake Lively – „Gossip Girl“) zu altern auf und bleibt seit 1933 29 Jahre alt. Damit das Geheimnis ihrer ewigen Jugend nicht auffliegt, ändert sie alle zehn Jahre ihre Identität und ihren Wohnort. Was wie ein Traum klingt, bedeutet für die Frau ein einsames und zurückgezogenes Leben. Nur ihre inzwischen ergraute Tochter kennt ihr Geheimnis. Das ereignisreiche Leben von Adaline ist von Anfängen, von Verliebtheiten, die in keiner Liebe ausreifen und mit einer Flucht enden, geprägt. Für die Frau, die nicht älter wird, gibt es keine Zukunftsaussichten . Wieso eigentlich nicht?

Ein vielversprechendes Thema: eine Greisin steckt  in einem jungen, vitalen Körper… Ein junges Gesicht strahlt Geheimnisse der vergangenen Jahrzehnten und Überdruss aus…Dennoch wurden alle diese Spannungsfelder nur oberflächlich behandelt und die grossen psychologischen Fragen nur flüchtig gestreift… Obwohl Adaline viel zu erzählen hat, tut sie das nie. Das einzige, was sie zum Beispiel bei einem Date von sich preisgibt, ist eine knappe Information – „I own a dog“. Man bemüht sich, ihrem Gesicht einiges abzulesen, doch es ist zu schön und zu jung, um die Erkenntnisse des langen Lebens zu beherbergen. Trotz aller möglichen philosophischen Projektionen bleibt der Film ziemlich konventionell. Er spielt in einer perfekten Welt ab, wo die Liebenden nach den Sternen greifen, die Eltern den Kinder nur das Richtige sagen und wo alles mit Sinn und Zweck erfüllt ist. Deshalb ist er nur ein hübsches Konstrukt, dem die wahren Lebenselixiere fehlen.

Umhüllt in Retro-Chic schwebt Blake Lively grazil durch die eigene Geschichte. Aus Harrison Ford, dem Liebhaber Elvis aus der Vergangenheit, ist ein gütiger Mann geworden, der zwar seiner alten Liebe Anabelle nachtrauert, doch beruhigende und anerkennende Worte für seine 40 Jahre mit ihm lebende Ehefrau findet. Michael Huisman, sein Sohn Ellis, ist die aktuelle Liebe von Adaline, die jetzt Jenny heisst, ein netter, humorvoller, natürlich absolut liebenswerter Kerl… Das Eigenartige ist nur, dass alle in „The Age of Adaline“ so vollkommen und aufrichtig sind. Deswegen geht es hier um eine klassische romantische Liebesgeschichte, die wir noch halbwegs abkaufen, weil sie diesen mässigen philosophischen Hintergrund hat – das Ringen mit der Zeit.

Dennoch birgt das Thema viel mehr Potenzial. Wie wäre es, wenn aus Elvis ein verbitterter hässlicher Mann geworden wäre, der gegenüber seinem Sohn Missgunst empfindet, seine Frau nicht ausstehen kann und sich an der Adaline rächen will? Wie wäre es, wenn Ellis ein gerissener Kerl wäre, wie etwa mit einer Neigung zum Alkoholismus oder Stalking? Wie wäre es, wenn die bildschöne, ewig junge und alles wissende Adaline ihre Schönheit, Jugend und Erfahrungen einsetzen würde, um eine Herrscherin zu sein – Salome, Medea oder wie Adaline aus San Francisco stammende Catherine Trameli aus „Basic Instinct“? Vielleicht wäre dann so ein Streifen für die Ewigkeit vorbestimmt und nicht nur für die romantischen Stunden zu zweit?

Konklusion: „The Age of Adaline“ ist eine nette melancholische, dennoch gut ausgehende Geschichte über die Liebe, das Alter und so manche Schicksalswenden. Sie erreicht keinesfalls Tiefen und Vielschichtigkeit des thematisch ähnlichen Liebesstreifen von David Fincher „The Curious Case of Benjamin Button“ (2008). Doch genau diese Art Tragik, welche die in verkehrte Richtung marschierte oder stehen gebliebene Zeit auslöst, ist auch hier zu spüren. Durchaus ist der Film  geeignet für diejenigen, die die romantischen Adern des alten Hollywood und die alles einschliessende Schönheit der Inszenierung schätzen. Ein bitter-süsslicher Film über die Tücken der Zeit, sowie die einleuchtende Kraft der Liebe und die Menschen, die daran glauben. Wenigstens solange sie im Kino sind!

Prescription for: melancholic mood, love venture, age, beauty, romantic lovers

The Age of Adaline, USA 2015, 112 min., directed by lee Toland Krieger, with Blake Lively, Michiel Huisman, Harrison Ford, Ellen Burstyn, Kathy Baker

Faits divers about Madame Bovery – Gemma Bovery

„Madame Bovery“ von Gustave Flaubert erschien im Jahre 1856. Der Gesellschaftsroman hatte früher den Untertitel – „Ein Sittenbild aus der Provinz“. Prompt nach der Veröffentlichung in der Zeitschrift La Revue de Paris wurde Flaubert von der Zensurbehörde wegen Verstosses gegen die guten Sitten und Verleitens zum Ehebruch angeklagt. In diesem Prozess wurde  Flaubert jedoch freigesprochen. Heute gilt „Madame Bovery“ als eines der bedeuteten Werke der Weltliteratur. Zusammen mit „Anna Karenina“ von Leo Tolstoj liegt der Roman das umfassendste Bild der Seelenzustände und Wunschprojektionen von Frauen vor.

Wenn Männer ratlos mit den Schultern zucken und den betagten Ausdruck  in die Runde schmeissen – man würde Frauen nie verstehen -, hätte ich stets einen Tipp  parat: Lassen sie Datig- und Flirt-Ratgeber weg, lesen sie nur diese zwei Romane. Wenn man einen Modernisierungsbedarf verspürt, wäre da der Beistand von Simone de Beauvoir ganz hilfreich („Le Deuxième Sexe“ zum Beispiel). Mehr braucht es wirklich nicht, um die Rätsel zu entschlüsseln.

In Frankreich gehört längst Madame Bovery, wie die Marianne und Marseillaise, zum berühmten Nationalstolz der Franzosen. Noch im Jahre 1896 hat der junge Heinrich Mann folgendes über die Bedeutung vom Flauberts Roman geschrieben: „Madame Bovery“ ist von mehreren Literatengenerationen studiert worden wie die Bibel von Theologen studiert wird. Ihr Geist und Teile ihrer unvergleichlichen Lebensfülle sind in unzählige Bücher übergegangen“. Bis heute hat das Interesse am Roman und seinem Autor kaum nachgelassen. Aus verschiedenen kulturellen Inputs ist Flaubert nicht mehr wegzudenken. Nur ein Beispiel aus unserem Metier: Im von uns hoch geschätzten diesjährigen Oscar-Gewinner „Birdman“ (auf TDS im Januar umfangreich rezensiert) wurde Flaubert vom Mike Shiner (Edward Norton) zitiert, um seine Verachtung gegenüber der Theaterkritikerin zu verdeutlichen.

Der Roman selbst wurde seit 1934 zwölf Mal verfilmt – in Frankreich, Deutschland Argentinien, England, Bulgarien, Indien, USA. Die beste Interpretation bis jetzt hat Claude Chabrol mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle geliefert (1991). Ihre unterkühlte, introvertierte Art,  gepaart mit wachsamer Lebendigkeit, erzeugt eine bis dahin unbekannte Emma – weniger romantisch, viel mehr lapidarer und lustorientierter. Nun, in wenigen Monaten kommt die nächste „Madame Bovery“ ins Kino – von Sophie Bartes mit Mia Wasikowska (war bereits in den Literaturverfilmungen „Alice im Wunderland“ und „Jane Eyre“ zu sehen)  als Emma aus der heutigen Perspektive.

Aus oben genannten Gründen war es für mich kaum überraschend, die französische Produktion „Gemma Bovery“ (2014) von Anne Fontaine zu entdecken. Es ist keine Verfilmung des Romans im klassischen Sinne, nur eine Hommage an den Kult-Roman, seine unvergängliche Aktualität und Wege, welche die Literatur einschlägt, wenn sie versucht, das wahre Leben zu beeinflussen. Es ist oft aufregend, inspirierend, doch nicht immer wünschenswert, wie „Gemma Bovery“  humorvoll und der Realität Tribut leistend zeigt.

Genervt von ihrer kleinbürgerlichen Existenz in London überredet Gemma (Gemma Arterton) ihren Ehemann Charles (Jason Flemyng), mit ihr in ein beschauliches Dorf in der Normandie zu ziehen. Dort angekommen, scheint es so, als hätte der Bäcker Martin (Fabrice Luchini) nur auf sie gewartet, um seine literarischen Vorlieben auf die Probe zu stellen. Der Tag, an dem Gemma ihn geheimnisvoll anlächelte,  nennt er das Ende seiner sexuellen Abstinenz. Nicht, dass der Ex-Pariser der jungen Dame gleich Avancen macht, er versucht nur nett und behilflich zu sein, geniesst die betörenden Momente der körperlichen Nähe zu Gemma und beobachtet…

Das Verhalten der englischen Großstädter, wie auch ihre Namen, scheinen tatsächlich durch Flauberts Roman inspiriert zu sein. Da Martin das Leben von Gemma auf das Romanleben von Emma projiziert, versucht er die Engländerin vor dem Unglücklichsein der berühmten Französin zu schützen. Doch genau das verursacht eine ganze Reihe von Missverständnissen und schliesslich ein tragisches verblüffendes Finale. In seinem literarischen Gedankensumpf verliert Martin anschliessend den Bezug zur Realität und spricht seine neue Nachbarin als Anna Karenina an.

Konclusion: Ein typisch französischer Film (auf TDS in April – French joie de vivre), welcher keine bandbrechenden Erkenntnisse anbietet, jedoch ein malerisches Ambiente mit lustvollen Verwicklungen ausmalt.  Obwohl ihm definitiv der Tiefgang fehlt,  geeignet für diejenigen, die den Roman Flauberts lieben, die französische Gelassenheit im Umgang mit Lebenskrisen bewundern und Überraschungen schätzen.  Bon voyage!

Prescription for: Flaubert, Normandy and French Film lovers

Gemma Bovery, 2014, France, 100 min, by Anne Fontaine, with Gemma Arterton, Fabrice Luchini, Jason Flemyng, Mel Raido, Niels Schneider

Have courage and be kind! – Cinderella

Wie viele Verfilmungen des beliebten Märchens aus der Gebrüder Grimm-Sammlung gab es bis jetzt? Laut Wikipedia – 28, wenn man die zahlreichen Interpretationen à la „Pretty Woman“ nicht dazu zählt. Der allergrößte Hit ist ein tschechischer Weihnachtsklassiker “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” (Tři oříšky pro Popelku, Václav Vorlíček, 1973). Brauchte die Welt noch eine weitere Version des liebenswerten, verwaisten Mädchens, dass auf eine sehr konventionelle Art plötzlich glücklich und reich wurde? Ja, wie die neue Cinderella-Verfilmung zeigt, sie braucht es. Woran liegt es?

Erstens, am Regisseur – dem Multitalent Kenneth Branagh. Fünf Mal wurde er für den Academy Award nominiert – je einmal als bester Hauptdarsteller, Nebendarsteller, Drehbuchautor, Regisseur sowie für den besten Kurzfilm. Branagh ist damit bislang der einzige Künstler, der in fünf verschiedenen Kategorien im Rennen für die höchste Auszeichnung der Filmwelt lag. Er gilt auch als großer Shakespeare-Interpret. Bestimmt eine gute Voraussetzung, einer verstaubten Geschichte ein neues Leben zu verpassen und sie mit Tiefgründigkeit zu versehen! Der inzwischen geadelte Brite erzählt die Cinderella-Story in Dialogen, die an höfische Kultur aus Shakespeare-Zeiten erinnern und oft die Gestalt des klassisch-britischen Zeitgeistes verbreiten.

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Zweitens, am durchgedachten Casting. Die zwei Hauptrollen spielen noch relativ unbekannte Schauspieler (Lily James, bekannt als Lady Rose aus „Downton Abbey“ und Richard Madden aus “Game of Thrones”).  Als prominente Besetzung ist Drew Barrymore für „A Cinderella Story“(1998) eher zum Verhängnis geworden als sie das Aschenputtel in der Postrenaissance-Zeit spielte – zu viel Aufklärung und Feminismus wurde schon allein durch ihren dominanten Part  in die simple Geschichte hineininterpretiert. Der Film lief nicht schlecht, geriet aber schnell in Vergessenheit.

Alles, was  Aschenbrödel Ella in “Cinderella” tun musste, war um die Wette zu strahlen, in allen Kostümen hübsch und würdevoll auszusehen, überzeugend nach der Muttermaxime zu handeln – mit Mut und Freundlichkeit alle Situationen im Leben meistern. Das gelingt Lily James perfekt. Alles, was von Prinz Kit Charming erwartet wird, ist diese bezaubernde Existenz ins Herz zu schliessen und seine Liebe dem König und  Hof gegenüber zu verteidigen. Auch das gelingt Richard Madden reibungslos,.

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Was jedoch an dieser Verfilmung so reizend erscheint, sind seine zwei Nebendarstellerinnen – Cate Blanchett (die böse Stiefmutter) und Helena Bonham Carter (die gute Fee). Mit ihren Posen, ihrer Manierlichkeit und gehässigem Lachen macht Blanchett den Hauptunterschied zwischen dem Leben als Schein (in der Hoffnung auf Macht und Einfluss), was seit ihrem Einzug in die Patchworkfamilie herrscht, und dem Leben als Sein (in der Hoffnung auf Glück und Rechtschaffenheit), was die Seele des Hauses ausmachte als die Mutter noch lebte, deutlich.  Vermutlich zum ersten Mal erfahren wir, wieso die intrigante Stiefmutter so geworden sei wie sie ist, und wieso sie das tut, was sie tut. Eine kleine Sensation, grandios, wie gewohnt, gemeistert von Cate Blanchett: Sie hat einen Schicksalsschlag erlebt, ist sich der Unzulänglichkeiten ihrer Töchter bewusst, eifersüchtig auf Cinderellas Jugend und Schönheit und von Existenzängsten geplagt. Nachvollziehbar!

Überhaupt wird im neuen Film der Entfaltung der menschlichen Charaktere wesentlich mehr Raum zugestanden. Der Vater (Ben Chaplin) wird nicht einfach von heute auf morgen böse. In der Hoffnung auf einen neuen Anfang heiratet er diese durchaus attraktive und elegante Frau mit puppenhaften Töchtern. Doch die „Ersatz-Schönheit“ und mit Opulenz aufgefüllte Leere hat eher etwas mit Präsentation  als mit wahren Werten zu tun. Er versteht es bald selbst, doch leider zu spät. Zu seiner Tochter bleibt er stets nett und fürsorglich. Verständlich! Der Königsberater, welcher den Staatsapparat repräsentiert, hervorragend, wie gewohnt, vom Stellan Skarsgärd gespielt, erklärt dem Prinzen, dass die Heirat mit Mädchen aus dem Volk keine Armeen und volle Staatskassen mit sich bringt. Plausibel!

Die klassischen Märchen bemühen sich nie um die Hintergrund-informationen. Die Umstände und Charaktere sind so wie sie sind, die Helden müssen da einfach durch. Der Film dagegen erlaubt sich ein wenig Logik und Psychoanalyse. Nicht zu viel, nicht zu wenig, genau die richtige Dosierung, um das Unerklärliche zu erläutern. Jeder hat einen Anspruch auf eigene Sicht der Dinge. Ein ziemlich moderner Ansatz!

Absolut zeitgemäss wirkt die gute, dabei tollpatschige, übergeschnappte und selbstironische Fee, vergnüglich gespielt von Helena Bonham Carter. Die Verwandlungsszene, in welcher sie die Kutsche mit der ganzen Ausstattung, das blaue Ballkleid und die Schuhe mit der herrlichen anspielungsreichen Bemerkung – sie sei „good at shoes“- herzaubert,  gehört zu den amüsantesten im Film.  So viel Witz, gepaart mit so viel Magie, verströmen eifach Harmonie und bezeugen das Können aller Beteiligten.

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Drittens, an den visuellen Effekten und prächtigen Kostümen. Die neuste Produktion aus dem Hause Disney ist vor allem ein Spektakel für die Augen. Die Produktionskosten betrugen 90 Millionen Euro. Die ganze  Disney-Maschinerie (inkl. Marketing) hat auf Hochtouren gearbeitet. Für das Kostümdesign wurde die dreifache Oskar-Preisträgerin Sandy Powell engagiert (“Shakespeare in Love“, “Gangs of New York“, “The Young Victoria“, „Aviator“, „Carol“).

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Ausladende Ballkleider, traumhafte Farben und Lichtinstallationen, unzählige Lagen von Seide und Tüll haben zum Erfolg des Filmes viel beigetragen. Neun Monate lang haben Powell und ihr Team das Design des blauen Ballkleids entwickelt, das am Ende aus 90m Stoff bestand, mit insgesamt 10.000 kleinen Swarovski-Kristallen, die Nähte sind mehr als fünf Kilometer lang. Dennoch war das Kleid so leicht, dass es in der Luft schweben könnte. Das überdimensionale Wolkenkleid der Guten Fee war mit kleinen LED-Lämpchen übersät, man musste es anknipsen, damit es leuchtete. Die Schuhe zu den kontrastreichen Stiefmutter-Ensembles hat allesamt Salvatore Ferragamo designt.

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Zur Produktion eines glitzernden Kristallschuhs musste eine spezielle Maschine hergestellt werden. Er kommt im Film zum Einsatz, wenn Stiefmutter, Prinz oder Cinderella ihn in den Händen halten. Das einzige Problem: weil Kristall natürlich nicht im Geringsten nachgibt, konnte Lily James diesen Schuh niemals wirklich anziehen. Und da brauchte man dann doch noch die Hilfe des Computers: aus Lederschuhen mit den Proportionen der Kristallschuhe zauberten visuelle Effekte den Glitzerschuh. Parallel zu der Filmpremiere waren die anderen Designer (Jimmy Choo,  Manolo Blahnik, Charlotte Olympia) mit Cinderella-Schuh-Entwürfen fertig,  alle tragbar, doch ohne Einmischung der Guten kaum zu erwerben. 

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Viertens, am Humor und am Witz, der viele narrativen Stellen erfrischt und die alte  Geschichte so lebendig und modern macht. Die klassischen Märchen sind normalerweise ernst, ab und zu auch komisch, weil die Situationen so undenkbar erscheinen. Doch mit Witz oder Ironie haben sie selten etwas gemein. Gerade ohne diese Komponenten wäre der Film öde. Die Zuschauer sind heute kaum bereit, einen komplett humorlosen Film zu ertragen. Deshalb gibt es keine Tragödien mehr ohne Komik, genau so wie Märchen ohne Witz. Einzig werden noch die Mythen und Sagen mit der heroischen Tradition verbunden und kommen noch ohne Humor aus (z.B.  „Exodus: Gods and Kings“, 2014).

Konklusion: Das neu inszenierte Aschenbrödel-Märchen mit Übermass an Herz, Esprit und Charme spricht Menschen jeden Alters an und entzückt mit einer wohldosierten Mischung aus Kitsch, Magie, Humor und dem respektvollen Umgang mit den guten alten Werten. In diesem Sinne verströmt der Film eine subtile Botschaft an alle Paris-Hilton-Klone dieser Welt, Dschungelköniginnen, Bacheloretten, Shopping Queens, Superstars und Next-Top-Models  – mit Anstand, Güte und Prinzipien kommt man besser durch’s Leben als mit Intrigen, Herumgezicke und Selbstverleumdung. Wir sind uns es wert, das Wichtige und das Richtige im Leben nicht aus den Augen zu verlieren! Fröhlich mutet das unvermeidbare Happy-End an – alles wird gut, Mädels!

Prescription for: love, magic, sense of decency, courage, blended family issue, dreams, inspiration and hope, responsibility and  personal qualities.

Listen to: Cinderella Soundtrack  from Patrick Doyle

Cinderella, USA 2015, 105 min., directed by Kenneth Branagh, with Lily Jemes, Cate Blanchett, Helena Bonham Carter, Richard Madden, Stellan Skargärd, Derek Jacobi, Ben Chapin, Hayley Atwell

French joie de vivre – Une nouvelle amie

Manchmal überkommt mich eine Sehnsucht nach einem Zustand, in dem das Praktische,  Rationale auf die Seite tritt und den Platz für die Ausgelassenheit und Spontanität räumt. Dann weiss ich – ein Franzose muss her, ein Film natürlich! Ein Schächtelchen Makronen, eine BFF-Freundin und der Spass im Arthouse Le Paris kann los gehen. Diesmal mit dem fünfzehnten Streifen des grossen französischen Frauenkenners François Ozon „ Une nouvelle amie”.

Wie bei den meisten Filmen von Ozon ist auch hier die Handlung auf ein paar Ereignisse beschränkt, die ausgiebig emotional interpretiert werden. Eine geliebte Frau, Mutter eines Babys, Tochter und Freundin stirbt in der Blüte ihres Lebens. Diejenigen, die in „ Une nouvelle amie“ damit klar kommen müssen, sind ihr Mann David (Romain Duris) und ihre beste Freundin Claire (Anaïs Demoustier). In erster Linie geht es in diesem Film um die Trauerarbeit.

Wenn es eine Hollywood-Produktion wäre, würden die Protagonisten höchstwahrscheinlich in einer Gesprächsgruppe oder auf der  Couch eines attraktiven Psychotherapeuten landen… Ein skandinavischer Film würde möglicherweise versuchen die Familienangehörigen zu involvieren, wonach alle Beteiligten noch stärker traumatisiert wären… Die Japaner könnten ihre Ahnen konsultieren… Auf jeden Fall hätte man recht häufig eine vage, manchmal eine deutliche Vermutung, wie das Szenario verlaufen könnte.

Was machen die Franzosen mit so einem Stoff? Man weiss es nie so genau. Bei einem französischen Film ist es selten möglich zu sagen, wohin er führt und wie er endet. Und deshalb ist es oft eine spannende Reise ins Ungewisse. Die Klischees werden zu Staub gemahlen, Erwartungen niedergeschmettert…Frische und kecke Interpretationen mit hoher Happyend-Wahrscheinlichkeit verblüffen anhaltend. Wenn das Leben die Tristesse verbreitet und die Nachrichtenströme entmutigend wirken, bemühen sich die Filmschaffenden stets die Leichtigkeit des Seins hervorzuheben.

So ist es auch flagrant in „ Une nouvelle amie“ zu spüren. Und obwohl es um Verluste, Identitätskrisen, Unfälle, Depressionen, sogar um die Nekrophilie geht, ist dieser Streifen keine schwere Kost. Er ist mit so einer Leichtigkeit und einem Lebensdurst gezeichnet, dass es einem ganz warm ums Herz wird. Ohne den moralischen Kompass aus den Augen zu verlieren, wie einst bei Roberto Benigni (La vita è bella, 1997), wird das Schwere, fast Unerträgliche in eine sanfte humanistische Hülle eingewickelt. Und so können wir die Verwandlung des Davids in Virginia relativ schmerzfrei geniessen.

Eher zufällig entdeckt Claire die alte Passion Davids, sich als Frau zu verkleiden, welche nach dem Tod seiner Ehefrau erneut entflammt. Zuerst skeptisch und dann zunehmend wohlgesinnt begleitet sie ihn bei seiner Identitätssuche. Und so erholen sich die beiden Trauernden von ihrem Kummer. Die Tragik des Verlustes wird von der Neugier und Entdeckungsfreude verdrängt.

Abgesehen vom Selbstfindungstrip ist „ Une nouvelle amie“ eine Hommage an die Weiblichkeit, die auch in den anderen Filmen von Ozon auffallend präsent ist  („8 femmes“, ,„Swimming Pool“, „Potiche“, „Jeune et jolie“…) Fasziniert von allem, was das Frauendasein umgibt (High Heels, Nylonstrümpfe, Perücken, Kleider, Mascara, Rouge, Nagellack…) stürzt sich David mit Hingabe in die neue Rolle, bekommt von Claire Tipps zur Umsetzung der Make-up-Ritualen und – für ihn besonders wertvoll – auch ihre Anerkennung.

Langsam findet Claire Gefallen an ihrer neuen Freundin Virginia und entdeckt sogar den erotischen Reiz an der Verkleidungsgeschichte. David ist beides und kann beides sein.  Anders als Männer, die eine Frau eher als Gesamtkonzept sehen, ist er in der Lage die Details wahrzunehmen (die Farbe des Lippenstifts, den Schnitt des Kleides, der vorteilhaft für die Taille wäre…) So verwandelt sich auch die anfänglich graue Maus Claire in eine sinnliche Frau. Allmählich nehmen die Transvestismusverwicklungen gefährliche Ausmasse an: Claire ist verheiratet, David muss sich um seine Tochter kümmern…

Doch so abgründig wie in Almodóvar’s Welten (z.B. „Todo sobre mi madre”, 1999, „La piel que habito“, 2011;  – „Une nouvelle amie“ basiert auf einer Geschichte der britischen Bestsellerautorin Ruth Rendell, die Pedro Almodóvar auch schon verfilmte) wird es nicht werden. Nach einem Autounfall, welchen Claire indirekt verursacht, ist sie bereit, Virginia bedingungslos zu unterstützen. Etwas unrealistisch und dick aufgetragen, aber so wünschenswert!

Unverkennbar, wie die meisten Filme von Ozon, besteht „Une nouvelle amie“ ebenfalls aus einem musikalischen Feuerwerk, das die verschiedenen Stimmungen aufgreift und eine ergänzende, oft sogar richtungsweisende Funktion im Filmskript spielt. So wird ein Wendepunkt in David’s/Virginia’s Überlegungen markiert – in einer Szenebar mit dem alten französischen Chanson „Une Femme avec Toi“ von Nicole Croisille,  das von einem/einer Transvestit-Sänger/Sängerin grandios neu interpretiert wurde. Ein Befreiungsakt par excellence!

Conclusion: „ Une nouvelle amie“ ist ein liebenswerter Film mit all den Freuden und Verwirrungen, die zu einem französischen Film gehören. Ihn anzuschauen ist ein freudiges, abenteuerliches Ereignis. Im Übrigen, da es um die Selbstbestimmung als absolutes Menschenrecht geht, ist er auf der Augenhöhe der Zeit. In vielen Ländern und Kulturkreisen wird das Anderssein missbilligt, verpönt und bestraft. Deshalb ist er wie ein Lichtstrahl der Toleranz und ein klares Statement in einem Land,  wo der Kulturkampf  um die Homo-Ehe trotz der gesetzlichen Konformität noch nicht abgeschlossen ist.

Prescription for: process of grieving, transvestism, identity problems, self-disclosure, inner guidance,  striving for endorsement, intolerance, courage 

Une nouvelle amie (Eine neue Freundin), France 2014, 105 min., directed by François Ozon, with Jonathan Louis, Roman Duris, Anaїs Demoustier  

A Short Way Down – Serena

In diesen Film haben mich drei Namen gelockt: Susanne Bier (dänische Oscar-Preisträgerin, „In A Better World“, 2009)), Jennifer Lawrence und Bradley Cooper (die dritte Zusammenarbeit nach “Silver Linings Playbook” und “American Hustle”), vielleicht noch die landschaftliche Pracht (Kameramann Morten Søborgs). Die Kritiken waren eher bescheidend, doch die Neugier war gross. Enttäuscht war ich keinesfalls, begeistert auch nicht. Von der Stimmung her erinnerte mich „Serena“ an „Cold Mountain“ (Anthony Minghella, 2003): im Vordergrund eine kraftvolle Liebesgeschichte mit einem starken Staraufgebot, widrige Lebensumstände rundherum, ein tragisches Finale und die beeindruckende Bergkulisse des amerikanischen mittleren Westens.

Eher zufällig sieht bei einem Reitturnier in Boston ein ambitionierter Holzunternehmer George Pemberton (Bradley Cooper) aus North Carolina eine blonde Schönheit. Sein Blick fixiert die junge Dame auf dem Pferd – Serena (Jennifer Lawrence). Gleich nach dem Turnier folgt er ihr, begrüsst sie und macht ihr im zweiten Satz einen Heiratsantrag. So fangen oft die guten Geschichten an. Die Zukunft ist ein ungeschriebenes Blatt;  keine Zeit und kein Platz für Zweifeln, Grübeleien, Vorausberechnungen… Es kann alles sein oder nichts. „Serena“ bietet beides: am Anfang – alles, zum Schluss – nichts. Die restlos romantischen Absichten können wir dem Holzbaron dennoch nicht ganz abnehmen. Als Geschäftsmann hat George die präzisen Informationen seiner Schwester bestimmt blitzschnell verarbeitet: Serena stammt aus einer bekannten Holzdynastie und hat ihre ganze Familie bei einem Feuerbrand verloren.

Und genau diese Komponente spielt im weiteren Verlauf der Geschichte eine entscheidende Rolle. Anfangs ist das Glück grenzenlos. Da haben sich zwei vom gleichen Schlag getroffen. Serena erweist sich als eine Traumpartnerin: in den Gedanken, im Geschäft, im Bett. Alles scheint leicht und bedeutungsvoll zu sein, wenn diese Frau die Dinge anpackt und Ihrem Mann tatkräftig zur Seite steht.  Mit ihrer unkonventionellen Art und ihrer Kompetenz hat sie das Herz von George und den Holzfällern im Sturm erobert.

Sie redet nicht viel, doch alles, was sie sagt hat eine unfehlbareTreffsicherheit. Viele Sätze klingeln zwar nicht besonders originell („I didn’t come here to embroider“, „Everything you did, you did it for us“ ,“Our love began the day we met. Nothing that happened before even exists”, „I’m not that kind of woman”…).  Doch wie sie es sagt, mit welcher Kühnheit und Anmut (in charakteristischer Lawrence-Manier) lässt die Herzen von Frauen und Männern höher schlagen. Und wir glauben ihr auf’s Wort – wenigstens solange es George tut.

Zunehmend kommen die unheimlichen Seiten dieser Frau zu Tage. Zu abrupt allerdings! Diese anfangs hinreissende Person durchläuft keine Entwicklung. Sobald Fortuna Serena verlässt und ihre Zukunftsaussichten bedroht erscheinen, wird sie zum kühlen Racheengel. Eine zweite Niederlage im Leben kann die schon einmal vom Schicksal betrogene Frau nicht mehr verkraften. Darum verwandelt sich Ihre Leidenschaft in Obsession.  Ab dem ersten Mord, welchen Serena herbeiruft, verliert der Film zunehmend seine erfrischende Wirkung. Da die Geschichte im noch wilden amerikanischen Westen und mitten in der Wirtschaftskrise von 1929 spielt, wo die Korruption an der Tagesordnung und die Strafgesetzbücher noch nicht geschrieben sind, ist der ganze Schlamassel, den Serena verursacht, dennoch irgendwie plausibel. Die Zeiten und die Menschen waren nicht unbedingt zimperlich. Der eigene Lebensentwurf galt als Mass aller Dinge.

Conclusion: Wer nach einer Beziehungsintensität  jenseits vom „Fifty Shades of Grey“ Ausschau hält,  kann ruhig zu diesem Film greifen. Er bietet eine ordentliche Prise „Femme Fatale“ und einen Kerl, der mit ihr umzugehen weisst. Trotz der moralischen Abscheu bleibt die Faszination von Stärke, welche Beziehungen zusammenhält und zerstört, erhalten. Das Tandem Jennifer Lawrence und Bradley Cooper hat sich auch diesmal bewährt. Ein Grund für  Vorfreude auf ihre vierte Zusammenarbeit im Film «Joy» (Anfang 2016).

Prescription for: an appealing romance about a doomed high-society couple in the time of America’s Depression with its corruption and capitalism;  a story about a plucky woman, struggling to establish herself in a pioneers’ country.

Serena, USA, France, Czech Republik, 2014, 109 min., directed by Susanne Bier, with Jennifer Lawrence, Bradley Cooper, Rhys Ifans, David Dencik, Toby Jones, Sean Harris.

The Facets of Revenge – Wild Tales

 

To be, or not to be, that is the question:
Whether ’tis nobler in the mind to suffer
The slings and arrows of outrageous fortune,
Or to take arms against a sea of troubles,
And by opposing, end them? To die: to sleep…

Wohl eine der bekanntesten Aussagen des Welttheaters, welche einen Monolog Hamlets einleitet, ist der Höhepunkt im Ringen des dänischen Prinzen mit sich selbst: soll er das Leid und Unrecht dieser Welt ertragen oder den Wiederstand leisten… Zur Tatkraft der Rache will er nicht gedankenlos übergehen, ihn plagen die Zweifel…

Rache… Die Rache ist süss und allgegenwärtig. Keinem sind Rachegelüste fremd. Sie erinnert uns an unsere heidnische Vergangenheit und spaltet die Geister in theologischen und rechtswissenschaftlichen Disputen. Rache hat immer etwas Unverhältnismäßiges und funktioniert wie die Vergeltung im Sinne des antiken les talionis („Auge um Auge“). Schließlich führt dieses Prinzip zur Guillotine, zur Lynchjustiz und zur Todesstrafe, welche die Vollstreckung des Urteils zum Sühneopfer macht.  Doch trotz all der Niederträchtigkeit kann die Rache als etwas Positives angesehen werden, z.B. als Treibkraft des Schöpfertums. Sie kann zerstörend und fatal, aber auch kreativ und befreiend sein. Rachegelüste treiben Menschen oft zu Hochleistungen an, schärfen ihren Gerechtigkeitssinn und bewirken tief greifende gesellschaftliche Wandlungen.

In der Filmgeschichte ist die Rache, welche um der Gerechtigkeit willen vollzogen werden muss, ist fast schon ein sakrales Motiv. Eine ganze Reihe von Genres (Western, Gangsterfilm, Kriminalfilm, Actionfilm) bedienen sich seit Jahrzehnten der Dramaturgie der Vergeltung. Dieses Thema ist auch ein roter Faden in den Werken vom Grossmeister des Rachefeldzugs Quentin Tarantino. Seine Filme (Pulp Fiction, Kill Bill, Inglourious Basterds, Django Unchained) sind die fulminantesten Rache-Streifen der Filmgeschichte. Das Böse wird ausgerottet, das Gefühl der Genugtuung wird glorifiziert.. Einem neuen Anfang steht nichts mehr im Wege… Die Welt  wird zu einem besseren Ort, wenn die Helden, die verstandesmässig dem Grafen von Monte Christo ebenbürtig sind, ihren Job erledigen… Jeder versteht diese einfache Logik und den deterministischen Zwang, ihr zu folgen.

Auf die ähnliche  Art und Weise, mit der gleichen Dreistigkeit, unverschämten Provokation, mit dem gleichen Tempo, Mut  und bitterbösen Humor erzählt der argentinische Regisseur Damiàn Szifron seine sechs Rachegeschichten im von den Brüdern Almodovar produzierten Film „Wild Tales“ (Originaltitel – Relatos salvajes).  Schon jetzt wird er als der beste argentinische Film aller Zeiten bezeichnet, hat vor kurzem grosse Erfolge (auch kommerzielle) in Amerika und Europa gefeiert (Goldene Palme-, Golden Globe-, Oskar-Nominierungen).

1. Pasternak: Rache als kategorischer Imperativ

Die Rache in der ersten Geschichte ist nicht spontan. Gabriel, ein gescheiterter Musiker, hat alle, die ihm je im Leben übel mitgespielt haben, in einem Flieger versammelt, an dessen  Steuerknüppel er selbst gerade sitzt. Die erste Szene gibt den Ton an und führt uns unsanft, aber gewieft in das thematische Schatzkiste des Episodenfilms ein.

2. Die Ratten: Rache als Mittel zum Zweck

Die zweite Episode ist die Einzige, wo die Frauen an einem Rachecoup tüfteln.  In einem Restaurantgast erkennt die Kellnerin Moza(Julieta Zylbergberg) den Kredithai (Cesar Bordon), der ihren Vater in den Selbstmord getrieben hat. Die ruppige Köchin (Rita Cortese) hat sofort einen Tipp parat, wie sie es dem Übeltäter heim zahlen können – Rattengift!  Ihre Entschlossenheit begründet die mollige Frau mit einem Exkurs in die Vergangenheit als sie noch eine zufriedene Knastinsassin war, für sich selbst nicht sorgen musste und das vergnügliche Kartenspiel in einer Damenrunde geniessen konnte. Nun wittert sie die Chance auf einen erneuerten Gefängnisaufenthalt und übernimmt die Regie in dieser Vergeltungsepisode.

3. Strasse zur Hölle: Jenseits von Gut und Böse

Auf einer einsamen Landstrasse in einem schicken Wagen geniesst ein entspannter Mann (Leonardo Sbaraglia) seine Fahrt. Der elegante Anfang dieser Geschichte könnte als Audi-Werbespot durchgehen. Doch in wenigen Kilometern macht ihm ein anderer Autofahrer  (Walter Donado) auf einer vollbeladenen Schrottkarre die Fahrbahn streitig und versucht sein Überholungsmanöver auszubremsen. Der Audi-Fahrer schafft es dann doch, den bockigen Spinner zu passieren – gewiss nicht ohne eine Fluchtirade auszulassen und den obligatorischen Stinkefinger zu zeigen. Eine durchaus verbreitete Form der Kommunikation auf der Strasse, wo die Mobilität, Anonymität und  Schutzhülle des eigenen Autos eine gewisse Gesetzlosigkeit vortäuschen.

Nun, wie im Leben, passieren auch auf der Strasse Pannen. Der Reifen platzt, der Audi bleibt stehen, in der Ferne hören wir ein donnerndes Geräusch des klapprigen Autos. Die Vergeltung ist in der Sichtweite. So fängt eine unabdingbare verhängnisvolle Kettenreaktion aus Gewalt und Verbrechen an, die einprägsam das bekannte Sprichwort illustriert: wer auf Rache aus ist, grabe zwei Gräber. Doch endet dieser extreme Fall von „road rage“ mit einem herrlichen Missverständnis. „Verbrechen aus Leidenschaft?!“ – rätseln Ermittlungsbeamten als sie die verkohlten Leichen in einer friedlichen Umarmung vorfinden. Eine grossartige Geschichte mit lehrhaften Anregungen!

4. Bombita: Rache als Wiederstand

Die vierte Episode liegt dem hamletischen Dilemma am nächsten – hinnehmen oder rebellieren? Doch für den Sprengmeister Simon Fischer (Ricardo Darin, der bekannteste argentinische Schauspieler) ist es keine Qual der Wahl. Für ihn scheint es selbstverständlich zu sein, gegen  bürokratische Willkür zu protestieren, anfangs noch zaghaft, sachlich und höflich, zu guter Letzt doch radikal und rücksichtslos.

Auch hier wird die Dramaturgie der Verheerungen an die Spitze getrieben. Ein gemachter Mann, der die monumentalen Gebäudekomplexe in Schutt und Asche legt, wird von einem scheinbar unbedeutenden Zufall aufgehalten – sein Auto wird wegen Falschparken abgeschleppt, er kommt zu spät zum Geburtstag seiner Tochter, was schon ein angespanntes Familienverhältnis erneut auf die Probe stellt… Als ihm am nächsten Tag das gleiche widerfährt, verliert er schnell die Geduld, wird handgreiflich… Im Nachhinein scheitert er im Beruf und in der Familie. Wie bekommt man sein Leben und seinen inneren Friede zurück? Mit einer kleinen feinen Sprengaktion, die tatsächlich einiges bewirkt: Simon wird als Volksheld gefeiert und gewinnt seine Familie wieder.

5. Vorschlag: Rache im handelsrechtlichen Sinne

Die nächtliche Stille eines Ehepaars wird vom aufgewühlten Sohn unterbrochen, der eine schwangere Frau überfahren und eine Fahrerflucht begangen hat. Nun, da der Papa (Oskar Martinez) ziemlich reich und mächtig ist, und alle der Meinung sind, dass dem Sohn die argentinische Haftanstalt erspart werden muss, versucht die Familie einen Ausweg zu finden. Für eine hübsche Summe erklärt sich der Gärtner bereit, den Tat auf sich zu nehmen. Doch der Staatsanwalt  findet die Wahrheit heraus und will auch selbst, genau so wie der Anwalt der Familie, ein Teil am Kuchen haben.

Alle sitzen dem Geschäftsmann am Nacken und erwarten von ihm Schweigegeld. Doch dann dreht er plötzlich den Spiess um und beschliesst, dass alle leer ausgehen sollten und der fahrerflüchtige Sohn sich stellen muss. Auch wenn er nicht genug konsequent bleibt, reduziert er mit diesem Einfall erheblich seine finanziellen Einbüsse. Eine spontane Taktik, die mindestens ihm eine Erleichterung verschafft, wird dann aber doch dem Gärtner zum Verhängnis. Ein Rachemord führt erneut in die Irre.

6. Bis dass der Tod uns scheidet: Rache als Ursache und Wirkung

Auch in der letzten Geschichte geht es um eine spiralförmige Chronik einer Eskalation. Zu sehen ist, was passiert, wenn eine junge temperamentvolle Braut (Erica Rivas) in weissem Kleid, dem Symbol der Reinheit und Unschuld, sich auf den Pfad der Rache begibt als sie instinktiv begreift, dass der Bräutigam (Diego Gentile) eine Geliebte hat.  In der Tat ziemlich viel: zerschlagenes Geschirr, eine ruinierte Torte, ein blutbeflecktes Brautkleid, ein heftiges Wortgefecht zwischen dem Paar und den Familienangehörigen, Sanitäter, die den mehreren Gästen den Blutdruck messen und die schöne Konkurrentin reanimieren müssen… Wilder geht’s nicht mehr!

Doch der richtige Knaller kommt erst zum Schluss als niemand mehr eine Hoffnung auf die Besinnung hatte.  Wie geht man mit einer äusserst peinlichen Angelegenheit um? Lässt man sich selbst und die komplette Hochzeitsgesellschaft mit einer lebenslangen psychischen Trauma zurück? Soll der Racheorkan alles vernichten? Als wir total entsetzt, fast schon beschämt die Flucht oder Mordabsichten des Bräutigams vermuten, greift er tatsächlich erwartungsgemäss zum riesigen Messer. Doch was dann passieren wird, übersteigt alle Erwartungen und beschenkt dem Streifen ein grandioses unvergessliches Finale. Am Ende wird es der Mann sein, der die zerstückelten Welten zusammenflickt und so zum Schöpfer der neuen Zukunftsaussichten wird. Diese frustrierendste und zum Schluss doch verheissungsvollste Hochzeit ist ein vorbildlicher Stoff für die cineastischen Geschichtsbücher.

Conklusion: Oft wird „Wild Tales“ mit der Frage konfrontiert: Ist es eine Reaktion auf die Dauerkrise in Argentinien? Mag sein, dass die südamerikanischen Begebenheiten eine Inspirationsquelle für Damiàn Szifron waren. Doch die subversiv erzählten Geschichten haben eine universelle Sprengkraft. Sie betreffen uns alle:  Männer und Frauen, Eltern und Kindern, Mächtigen und  Erfolglosen, Täter und Opfer, Bürger, Beamte, Autofahrer… So viel Lebenserfahrung und Weisheiten beinhalten nur wenige Filme. Obendrauf werden uns die Lösungen präsentiert. Gewiss nicht unbedingt brauchbare und nachahmungswürdige, aber auf jeden Fall präventive. Dabei löst der Film die ganze Palette von Emotionen aus, fasziniert mit raffinierten Affekten, überrascht mit Wendungen und belohnt mit einer Lawine vom rabenschwarzen Humor. Ein rasanter explosiver Film mit erheblichem Kultpotenzial! Mehr kann man von einem Kinoerlebnis kaum wünschen!

Prescription for: actually all of us

Relatos salvajes (Wild Tales – Jeder dreht mal durch!), Argentinien,  2014, 122 min., directed by Damiàn Szifron, with Ricardo Darin, Erica Rivas, Leonardo Sbaraglia, Dario Grandinetti,Oscar Martinez, Julieta Zyberberg, Rita Cortese, Diego Gentile

A Human Drama: I’m not the story – Citizenfour

Laura,

At this stage I can offer nothing more than my word. I am a senior government employee in the intelligence community. I hope you understand that contacting you is extremely high risk and you are willing to agree to the following precautions before I share more. This will not be a waste of your time.

The following sounds complex, but should only take minutes to complete for someone technical. I would like to confirm out of email that the keys we exchanged were not intercepted and replaced by your surveillants. Please confirm that no one has ever had a copy of your private key and that it uses a strong passphrase. Assume your adversary is capable of one trillion guesses per second. If the device you store the private key and enter your passphrase on has been hacked, it is trivial to decrypt our communications.

Understand that the above steps are not bullet proof, and are intended only to give us breathing room. In the end if you publish the source material, I will likely be immediately implicated. This must not deter you from releasing the information I will provide.

Thank you, and be careful.

Citizen Four

Zu diesem Zeitpunkt Anfang 2013 als die regierungskritische US-Dokumentarfilm-Regisseurin Laura Poitras diese E-Mail von einem Unbekannten erhält, ahnt sie nicht, was in den nächsten Monaten auf sie zukommt. Heute kommentiert Poitras die Geschehnisse so: “I was sucked into the narrative in a way I have never experienced before and probably will never experience again.” (The New Yorker „The Holder of Secrets“, 20.October 2014). Diese E-Mail ist der Anfang des Films „Citizenfour“, sowie des Enthüllungsmarathons von Edward Snowden und Glenn Greenwald.

An diesem Dokumentarfilm ist manches außergewöhnlich. Die Geschichte wurde nicht aus der Retrospektive verfilmt, sondern in ihrer Entstehung und Entwicklung aufgenommen.  Laura Poitras hat den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden von Beginn seiner Enthüllungen an aus nächster Nähe begleitet und in Echtzeit dokumentiert, wie der Whistleblower in Hong Kong Beweise für illegale verdeckte Massenüberwachungsprogramme der NSA und anderer Nachrichtendienste vorlegte. Zu sehen ist auch, wie die ersten Veröffentlichungen einen Nachrichtensturm in der ganzen Welt entfachten – und wie Snowden klar wurde, dass er nie wieder so leben könne wie zuvor. Diese Geschichte, die als NSA-Affäre bezeichnet wurde, hat weitere Enthüllungen ausgelöst und gilt immer noch als politischer Sprengstoff.

Zuletzt wurde der Film mit einer Oscar-Nomination geehrt, obwohl sein Held als US-Bürger nie mehr den amerikanischen Boden betreten wird, seine Regisseurin seit Jahren auf einer US-Beobachtungsliste steht, mehr als 40 Mal an Flughäfen festgehalten und befragt wurde und deshalb in Berlin lebt. Eine willkommene Anerkennung von der Branche, die massgebend seit Jahrzehnten die Meinungsbildung in den USA  prägt! Die Kluft zwischen der Regierung und den Bürger, welche in Poitras Film durch Snowdens Aussagen hervorgehoben wird, breitet sich aus.

Für die Laura Potras ist es bereits die zweite Nominierung. “Citizenfour” ist nach “My Country, My Country” (2006) und “The Oath” (2010) der dritte Teil der 9/11-Trilogie, welche die Regisseurin dem sogenannten “Krieg gegen den Terror” der USA gegen die eigenen Bürger widmet. Im oscarnominierten „My Country, My Country“ zeigte sie 2006 die Folgen des Irakkrieges, indem sie den Alltag eines Arztes aus Bagdad aufnahm, der bei den ersten freien Wahlen für eine islamistische Partei kandidierte. In „The Oath“ von 2010 sieht man das neue Leben von Osama bin Ladens früherem Leibwächter Abu Jandal als Taxifahrer.

„Citizenfour“ kann man in drei Dimensionen auslegen. Als erstes liefert die Dokumentation sehr viele Informationen darüber, wie die Geheimdienste bei dem Ausspionieren  der Bürgern vorgehen. Edward Snowden erklärt detailliert, welche Institutionen, Programme und Techniken dafür zuständig sind. Das Thema der globalen Überwachung wird von verschiedenen Aspekten her – politischen, rechtlichen, ethischen – behandelt. Vieles davon ist uns nach den zahlreichen weltweiten Veröffentlichungen und Debatten bekannt. Und doch entsetzt erneut so eine umfangreiche, vom Snowden persönlich präsentierte Überwachungssystematik  mit ihrer ungeheuerlichen Reichweite. Die Fakten prasseln auf uns im gnadenlosen Tempo und wecken das Gefühl der Ohnmacht. “Sie sind in der Lage, 1000 Milliarden Anfragen pro Sekunde zu verarbeiten,”- nur ein Beispiel aus dem NSA-Megacomputer-Keller (US-Snoop-System).

Alles, was wir schon von Spielfilmen wie „The Conversation“ (1974, Francis Ford Coppola), „Enemy of the State“(1998, Tony Scott), „Minority Report“ (2002, Steven Spielberg) oder „Das Leben der Anderen“ (2006, Florian Henckel von Donnersmarck) kannten, verliert auf einmal fiktionale Züge. Die Realität wird spannender als die Fiktion („Citizenfour“ wird oft als Doku-Thriller bezeichnet).  Doch im Gegensatz zu den Spielfilmen wird seinen Helden keine Gerechtigkeit widerfahren. Snowden bleibt nach wir vor der Staatsfeind Nr.4. „No Place to Hide“ vom Glenn Greenwald wäre das Buch, aus dem vielleicht bald ein weiterer Film über die Ereignisse der NSA-Affäre erstehen könnte. Sony prüft die Optionen (Time, 26.10.14)…

Doch besonders gelungen ist der Film auf der emotionalen Ebene, da wir den Menschen Ed Snowden in den entscheidenden Augenblicken seines Lebens zu Gesicht bekommen. Laura Poitras wurde oft gefragt, wie sie selbst ihren Film sieht – als eine politische Reportage oder eher als persönliches Drama. Ihre Antwort war stets: a human drama. Es sind die privaten Begegnungen, die die weltpolitische Bühne schon fast in den Schatten stellen. Zum ersten Mal sehen wir Glenn Greenwald  am Laptop in einer absolut entspannten Umgebung in Brasilien – auf einer mit exotischen Pflanzen bewucherten Terrasse mit riesigen friedlich vor sich hin schlummernden Hunden. Snowden beobachten wir durch den aufmerksamen wie auch wohlwollenden Kamerablick fast ausschließlich in einem Hotelzimmer in Hong Kong, wie er ganz nah und privat im Bademantel auf dem Bett oder im Badezimmer seine Mission vollendet.

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Zwischen den drei Hauptprotagonisten Snowden, Greenwald und Poitras spürt man eine so bedingungslose Vertrautheit, dass man sich beinahe selber wünscht, derartig reine und intensive Kommunikationsfreude zu erleben – mit eigentlich fremden Menschen, die wie ein Monolith von einem Ideal zusammengeschweisst sind. Oft blickt Snowden fragend, nach Bestätigung suchend, erleichtert oder besorgt in die Kamera zu Poitras… Das sind sehr innige Augenblicke, die Befürchtungen und Hoffnungen beinhalten: Wie wird es sein? Wird es so sein, wie es sein sollte?!

Es ist definitiv so geworden wie es sein sollte. Snowden kommt sehr sympathisch rüber:  attraktiv, intelligent, kompetent, bescheiden, trotz enormem Druck ruhig und ausgeglichen, ein junger Amerikaner mit geheimem Wissen im Gepäck, mit Humor, klarem Verstand, Prinzipien und starkem Willen, seiner Geschichte, nicht sich selbst („I’m not the story“ ist zum Leitmotiv des Citizen Four geworden) Gehör zu verschaffen. In Ian McEwans Roman „Sweet Tooth“ (2012) über die MI6 Praktiken aus den 60er Jahren schwärmt die junge Spionin Serena von einem Typus Mann – klug, erfindungsreich, zerstörerisch, zielstrebig, der für sie wie auch für die Menschheit „unentbehrlich“ ist: „Ohne sie würden wir immer noch in Lehmhütten hausen und auf die Erfindung des Rades warten. Die Dreifelderwirtschaft wäre niemals eingeführt worden….“ Snowden, auch Greenwald sind die aktuellen Versionen dieser Gattung. Helden von heute müssen nicht das Rad neu erfinden. Nicht die Erfindungen sind gefragt, sondern die Werte, die dahinter stehen oder abwesend sind. Wie man sie identifiziert, anzweifelt und unter Einsatz eigener Freiheit in die Welt hinausträgt ist ein beachtlicher Entwurf des modernen Heldentums.

Auch künstlerisch bietet der Film besondere Momente. Gleich am Anfang hören wir eine leicht wehmütige Frauenstimme, welche die E-Mails von Citizen Four vorliest, vereinzelnd begleitet vom klackenden Tastaturgeräusch. Wie die Geschichte selbst, werden auch die alles in Gang setzenden E-Mails erneut auf der Leinwand entstehen. Mit der schmalen Kameraöffnung werden die aufeinander folgenden Lichtstriche wie Morse-Codes in einem Tunnel aufgenommen.  So fängt auch „Lost Highway“ (1996, David Lynch) an. Wir können uns sofort auf eine ominöse Stimmung einstellen, die uns bis zum Schluss begleiten wird. Eine überdimensionale Baustelle, die Poitras über längere Zeit hinweg filmt,  verströmt eine flimmernde Hitze,  welche nahezu auf der Haut zu spüren ist… Das weisse Hotelzimmer 1014 befindet sich auf einmal für acht Tage im Juni 2013 mitten im Film- und Geschichtsuniversum und strahlt fast schon eine buddhistische Ruhe aus. Die Nachrichtenströme am TV-Bildschirm, die ununterbrochen ihre Feedbacks abgeben, versuchen die zwischenmenschliche Harmonie zu durchbrechen… Alles an dieser Dokumentation ist gut durchdacht und eindrucksvoll ausgeführt.

Conklusion: „Citizenfour“ ist ein beeindruckendes Dokument unserer Zeit, das auch auf der persönlichen und künstlerischen Ebene absolut überzeugt.  Es zeigt souverän und konsequent, wie die grösste Demokratie der Welt auf das Nötigste reduziert wird. Was der Film zu bewirken vermag, wären Denkanstösse an die Mitbürger, die ihre Privatsphäre leichtsinnig auf den sozialen Netzwerken hinausposaunen, ihre Netzvorlieben großspurig den omnipräsenten US-Geheimdiensten zur Verfügung stellen… Und die Nachfolgertaten. „Citizenfour“ lässt auf eine Fortsetzung spekulieren. Doch es wird nicht zwingend ein „Citizenfive“ geben.  Es stellt sich nur die Frage: wie würde wohl unsere Welt aussehen, wenn ein Dutzend, vielleicht auch ein hundert Bürger mehr ihre Jobs hinterfragen würden?

Prescription for: predominant majority of citizen who believe and argue: Yes, but it won’t happen to me, and, anyway, I have nothing to hide.

Citizenfour, USA, Germany 2014, 114 Min., Directed by Laura Poitras. With Edward Snowden, Glenn Greenwald, William Binney, Jacob Appelbaum, Julian Assange.

Kinostart: 19.02.2015 (Deutschschweiz)

Russia today – Durak

In einem Rechtsstaat  ist aufrichtiges Verhalten erstrebenswert. In Russland wird es missverstanden, belächelt, in den Dreck gezogen. Davon erzählt der neue Streifen von Yurij Bykow „Durak“ („Blödmann“). Wie auch seine vorherigen Filme („Leben“, „Mayor“) ist es ein scharfes soziales Drama, in welchem ein Einzelner dem System zu trotzen versucht und dabei selbst zugrunde geht.

Der junge Regisseur dreht seine Filme fast im Alleingang. Bykow führ die Regie, schreibt selbst die Drehbücher, komponiert die Musik, macht den Schnitt und spielte sogar eine Hauptrolle („Mayor”, 2013).  Am liebsten würde er auch für die Lichtverhältnisse sorgen, – erklärt Bykow im Dezember 2014 dem russischen TV-Kinomagazin „Kinopoisk“  („Filmsuche“). Der Grund dafür ist banal. In Russland eine zuverlässige Filmcrew  aufzutreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es wird einfach viel zu viel und viel zu oft gesoffen. Deshalb übernimmt Bykow so viele Aufgaben selbst.

Viel zu viel und viel zu oft wird logischerweise auch in „Durak“ gesoffen. Das ist vermutlich eines der wenigen Verbindungselemente, das die zwei weit von einander entfernten Kasten, die regierenden Apparatschiken und das Volk, zusammenschweisst. Gesoffen wird in einem heruntergekommenen Wohnheim, wo Geschrei und Gejohle, Drogenkonsum und Schlägereien an der Tagesordnung sind. Gesoffen was das Zeug hält wird auch im noblen Restaurant, in welchem die regierende Bürgermeisterin ihren Geburtstag feiert. Zwischen diesen beiden Welten versucht der junge Bursche namens Dima (Artiom Bystrov, Bester Schauspieler in Locarno 2014)) verzweifelt zu vermitteln.

Der Klempner, Bauingenieur-Student und Vater mit gesundem Menschenverstand und angeborenem Sinn für Gerechtigkeit hat per Zufall festgestellt, dass ein maroder Wohnkomplex, in welchem 820 Menschen daheim sind, bald einstürzen wird. So beginnt seine Odyssee durch die verschneite, nächtliche Stadt auf der Suche nach Beistand und Menschlichkeit. Doch rasch wird ihm klar, dass niemand bereit ist, das Richtige zu tun:  den Notstand auszurufen und die Bewohner zu evakuieren. Die unermesslich korrupten Kleinstadtfürsten nehmen alles in Kauf (das Leben von 820 Menschen, Ermordung ihrer Kollegen), um an der Macht zu bleiben und weiter ungehindert abkassieren zu können.

Auch Dimas Familie ist nicht bereit, einer elementaren menschlichen Logik zu folgen. Für seine Mutter und seine Frau ist er ein Blödmann. Er soll sich besser um die eigene Familie und deren Wohlstand kümmern. Die Anderen sind fremd, und man kann den Systemsumpf nicht durchschauen, geschweige denn bekämpfen. Sogar die zukünftigen Opfer wollen lieber in ihren stinkenden Unterkünften sitzen und nichts gegen das eigene Elend unternehmen. Für sein Heldentum wird Dima auch von ihnen bestraft.  Ursprünglich gab es eine zweite Version des Finales – mit einem Hoffnungsschimmer. Doch der Regisseur hat sich für den absoluten Abgrund entschieden. So wird das Porträt des für viele unbegreiflichen Landes noch schärfer, entsetzlicher und realer.

Gleichermassen speziell wie die Umstände, ist auch die Sprache im Film. Von dem mächtigen Sprachvermögen der weltweit verehrten russischen Poeten ist nicht viel übrig geblieben. Gesprochen wird wie gelebt – rissig, ruppig, rau. Und gewiss kommt kaum ein Satz ohne allgegenwärtigen Mat (das System der russischen Mütterflüche) aus. Im Mai 2014 wurde in Russland ein Gesetz verabschiedet, welches das Fluchen im Kino, auf der Bühne und in der Literatur verbietet. Das Verbot wurde von den Kulturschaffenden als Verbannung des Realismus aufgenommen.  Auch aus diesem Grund hat der dieses Jahr mir dem Film „Leviathan“ auf den Oskar nominierte Regisseur Andrey Zviaguintsev (Golden Globe-Gewinner) die Befürchtung, dass sein Film in der Heimat nie aufgeführt werden wird. Der offizielle Start sollte im Februar 2015 erfolgen. Die Patriarchen der orthodoxen Kirche haben beim Kulturministerium eine Petition mit der Bitte um ein Verbot des Filmverleihs  in Russland eingereicht. Zu viel Unfug werde dort gezeigt! Der Film sei antirussisch und repräsentiere das Böse!

Nun, der Film „Durak“ war kurz  in wenigen  Kinos in Moskau zu sehen.  In Tula, wo die Dreharbeiten stattfanden, wurde er nie gezeigt.  Da es sich in diesen Filmen  um die Gegebenheiten in den Provinzen dreht, weit weg von der Hauptstadt, und da sie internationalen Erfolg geniessen, wird ihre Aufführung von der staatlichen Macht toleriert, aber auf keinen Fall gutgeheissen.

Was den Regisseur mehr beunruhigt, ist die Tatsache, dass sein Zielpublikum – der Durchschnittsbürger – den Film nie zu Gesicht bekommen könnte, falls er am TV nicht ausgestrahlt werden darf („Isvestija“, 20.08.14). Der Kulturminister Medinskuj  hat sich geäußert, dass dieser Streifen den Blick auf Russland verzerre und nur das Schlechte zeige.  Die sowjetischen Politiker waren stets um den Schein und nicht um das Sein bemüht. Die heutigen Führer folgen der gleichen Logik (z.B. beim Sotschi-Spektakel). Nur die Wahrheit sickert meistens durch. Wie es im Inneren des Riesenreiches aussieht, zeigen Filmen wie „Durak“ und „Leviathan“ auf beeindruckende Weise.

Conclusion: „Durak“ bedient keine besonderen künstlerischen Ansprüche. Das war auch nicht Bykows Ziel. Sein Film bezeichnet er selbst als Plakat, Slogan, Schrei („Isvestija“, 20.08.14). „Durak“ (ebenso wie „Leviathan“) liefert Antworten auf die folgenden Fragen: Warum und wie verschwinden die russischen Journalisten, Oppositionelle und Rechtsaktivisten spurlos? Wie weit wird man gehen, um das alte System aufrecht zu erhalten? Was sind die Ursachen der Korruption? Wieso macht das Riesenvolk mit? Bewundernswert ist der Mut der Filmemacher. Sie sind Einige  der Wenigen, die sich im heutigen Russland einen freien Blick auf das Geschehene leisten,  ihre Kameras auf die gravierende Missstände richten, um souverän und konsequent die ganze entsetzliche Wahrheit aufzuzeigen. So viel Zivilcourage muss wenigstens mit unserer Aufmerksamkeit belohnt werden!

Prescription for: family and society, priorities and moral choice, corruption and murder, Russia yesterday and today

Listen to: Calm Night (Spokojnaja Notsch) – Viktor Zoi

Durak (The Fool), Russia 2014, 112 Min. Directed by Jurij Bykow. With Artiom Bystrow, Natalia Surkowa, Juri Zurilo, Boris Newsorow