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Eine schrecklich nette Familie – “Toni Erdmann”

Die grösste Liebe von allen findet man in sich selbst. Das sang einmal Whitney Houston und jetzt Sandra Hüller in “Toni Erdmann“. Wie die Schauspielerin gleichzeitig voller Inbrunst und totalem Widerwillen die Schnulze “The Greatest Love of All“ einer Runde von Fremden beim Osterbrunch entgegen schmettert, ist eines der Highlights des Films. Bei der Weltpremiere in Cannes gab es dafür Szenenapplaus. Preise erhielt “Toni Erdmann” am wichtigsten Filmfestival der Welt allerdings keine, und viele Filmkritiker halten das für einen Skandal. Denn Regisseurin Made Ade ist mit der Tragikomödie ein kleines Wunder gelungen, ein Film, der jenseits einer konventionellen Drei-Akt-Struktur unerschrocken zwischen Slapstick, Brachial-Humor und psychologischem Drama mäandert und schliesslich ins Surreale abdriftet. Es ist bewundernswert, mit welcher Selbstsicherheit Ade ihre 162 Minuten Film auf Zelluloid bannt, ohne dass man den Eindruck hat, dass ihr der Streifen auch nur eine Sekunde lang entgleitet.

Toni Erdmann, das muss man klarstellen, existiert gar nicht. Er ist das Alter Ego von Winfried Conradi (Peter Simonischek), ein Spassvogel ausgerüstet mit lächerlicher Perücke, falschen Zähnen und äusserst gewöhnungsbedürftigem Humor. Jeder kennt ihn, diesen Typ Mensch, der fünf Minuten lang lustig ist und danach einfach nur noch nervt. Für seine Tochter Ines ist der Vater im besten Fall als peinlich, im schlechtesten als und karrieregefährend einzustufen.

Denn Ines’  Welt könnte nicht unterschiedlicher von der des pensionierten Musiklehrers sein. Die Unternehmensberaterin lebt in Bukarest den Corporate Lifestyle. Ihre massgeschneiderten Hosenanzüge sitzen zwar perfekt, aber so richtig wohl fühlt sich die ehrgeizige Mittdreissigerin nicht. Ihr Chef nennt sie ein Tier, und das ist als Lob gemeint.

Als Winfrieds Hund das Zeitliche segnet, beschliesst er sie unangemeldet in Rumänien zu besuchen. Kaum angekommen, bringt er seine Tochter vor Vorgesetzten und Kunden in Verlegenheit. Er will Ines aus ihrer Verbissenheit reissen, sie zum Lachen bringen. Der Plan geht nicht auf, die Situation eskaliert, Winfried reisst ab. Vermeintlich, denn in den nächsten Tagen taucht er als selbsternannter Lifecoach Toni Erdmann immer wieder in ihrer Nähe auf. Der Film fängt erst dort an, wo die konventionelle Hollywoodkomödie aufhört.

Ade macht es dem Publikum nicht leicht, “Toni Erdmann“ ist keine Feel-Good-Komödie, in der die Jungen von den Alten lernen und umgekehrt und sich anschliessen freudestrahlend in den Armen liegen. Die Filmemacherin zeigt unbarmherzig, was passiert, wenn die Nähe abhanden kommt, eine Beziehung nicht funktioniert. Das hat sie schon in 2009 in “Alle anderen“ getan, nur ist es in “Toni Erdmann“ keine Paarbeziehung, die sie seziert, sondern die zwischen einer Tochter und ihrem Vater, eine Verbindung die man auf ganz elementarer Ebene nicht auflösen kann.

Dass der Film, dem eine etwas kürzere Laufzeit sicher nicht geschadet hätte, funktioniert, ist auch der Verdienst der beiden Hauptdarsteller Simonischek und Hüller, die den Unterschied zwischen Schauspielern und Filmstars exemplifizieren und deren kleinste Regungen die grössten Geschichten erzählen. Mit Mut und technischer Bravur kreieren sie Figuren, die in jedem Moment glaubwürdig sind. Gerade deshalb tut es so weh, ihnen zu zu sehen. Etwa wenn Winfried seine Tochter anfaucht: “Bist du eigentlich ein Mensch?“

Eine Träne für jedes Lachen – das war die Maxime von Trickfilm-Pionier Walt Disney. Maren Ade hat das verstanden. Ein britischer Kritiker schrieb über “Toni Erdmann”: “Wenn Sie glauben, keinen Platz in Ihrem Leben für eine 162 Minuten lange deutsche Komödie zu haben, dann schaffen Sie sich den gefälligst.“ Dem kann man sich nur anschliessen.