American Beauty 2 – Men, Women & Children

 

Wenn es eine Bestandsaufnahme aus Amerikas Gegenwart braucht, ist der Regisseur Jason Reitman die erste Wahl. Er hat ein gutes Gespür für Sorgen, geheime Wünsche und Gemütszustände des Durchschnittsamerikaners aus der Provinz. Dabei nimmt er meist Abstand vom klischeehaften Denken und präsentiert ausgereifte, durch den Zeitgeist geprägte Lebensentwürfe, die trotz des soliden bürgerlichen Fundaments überraschend frisch und oft erschütternd wirken.

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So wie in „Up in the Air“(2009), in dem eine berufstätige Familienfrau ausnahmsweise den männlichen Part spielt und dem endlich bindungswilligen Clooney-Typ die Tür vor der Nase schließt (wie unzählig sind die Filmszenen, in denen Männer sich sowas leisteten!). Oder wie in „Young Adult“(2011), in dem die einstige School Beauty Queen entschied, dass sie weiterhin regieren sollte, und daraufhin einen dicken Korb bekommt. So verblüffend ehrlich, gemäßigt, sarkastisch und gleichzeitig einfühlsam ist auch der neuste Film von Jason Reitman „Men, Women & Children“ (2014).

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RL („Real Life“) – so wird die Realität von den durchdigitalisierten Kids bezeichnet. RC („Real communication“) ist am Aussterben. DL („Digital Life“) hält Einzug in die Klassenzimmer, Wohn- und Schlafräume der Teenager und ihrer Eltern. Durch die Leinwand fliegen mit therapeutischer Regelmäßigkeit die abertausenden Kästchen mit Nachrichten. Nonverbaler Austausch beherrscht die Szenerie der Schule, in der nach wie vor viel Wert auf Sport, Geschichte und gute Schulleistungen gelegt wird. Nur wird diese angebliche Normalität von den Kids und ihren Eltern in den Parallelwelten ausgelebt: was man im RL nicht bekommt, wird aus dem Netz geholt.

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So wie Helen (Rosemarie DeWitt) es vorlebt, die den heimischen Kinoabenden im Kreis der Familie überdrüssig wird und erfolgreich versucht diese mit etwas aufregenderen Events zu ergänzen – mit Hilfe von „Ashley Madison“. Wenn diese Geschichte im RL ablaufen würde, dann wäre Helen eine von 12 000 Damen, welche eine Auswahl von 30 Mio. Männer hätte (wie wir heute aus der Veröffentlichung von gehackten „Aschley Madison“-Daten wissen). Ihr Mann Don (Adam Sandler) hat andere Kanäle benutzt und eine verständnisvolle Hure nach Maß aus dem Netz geholt.

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Allerdings musste er dafür den Computer seines 15-jährigen Sohnes benutzen, da seiner vom exzessiven Porno-Konsum mit Viren verseucht wurde. Was er da im Kinderzimmer entdeckt, ist ein ganz neues Level. Chris (Travis Tope) ist dem Vater hinsichtlich digitaler Pornografie weit überlegen. Der sympathische Teenager konsumiert seit dem zehnten Lebensjahr Internet-Pornografie und verschafft sich keine Erleichterung mehr ohne eine ordentliche Portion Netz-Perversitäten. Mit einem RL-Mädchen kann er ebenso nichts mehr anfangen.

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Dieses RL-Mädchen, Cheerleader Hannah (Olivia Crocicchia) ist punkto Perversion auch keine Anfängerin mehr. Sie benutzt einen nicht stattgefundenen Sex, um eine kleine PR-Aktion daraus zu veranstalten. Das Kerlchen war halt ein passender Kandidat. Wenn kümmert es schon, was im RL passiert? Wichtig ist nur das, was man nachher berichten kann, am besten so, dass das ganze Universum darüber Bescheid weiß – und auf der eigenen heiß geliebten und liebevoll gepflegten Model-Webpage.

Nun, für die Schatz-Seite ist die Mutter (Judy Greer) zuständig, welche ihre pre-digitalen Erfahrungen als gescheiterte Schauspielerin nutzt, ihre in Sachen Selbstinszenierung begabte Tochter non-stop in aufreizenden Posen fotografiert und online publiziert um die erträumte Hollywood-Karriere anzuschieben. Irgendwann stellt Joan fest, dass die Seite einen kleinen Umsatz generieren kann und beabsichtigt, die Einnahmen für  Schauspielerkurse einzusetzen. Doch als die Absage von einer TV-Show kommt – wegen unsittlicher Tätigkeit und weil der neugewonnene Freund sich wegen ihres Web-Verhaltens von ihr distanziert – entscheidet Joan, ihre Managertätigkeit aufzugeben und sich nur noch auf ihre Mutterrolle zu fokussieren.

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Ihr Freund Kent (Dean Norris), ein grimmiger, von seiner Frau für einen Kalifornier verlassenen Mann,  ist eine grundsätzlich traurige Person. Und seinen Sohn versteht er auch nicht mehr, da dieser am Fußball, die frühere gemeinsame Passion, das Interesse verloren hat und das Einzige, was ihn noch interessiert ist “Guild Wars” – ein Computerrollenspiel.

Durch dieses Spiel hat Tim (Ansel Elgort), die von Baruch Spinoza 400 Jahre zuvor entdeckte Erkenntnis – sub specie aeternitatis („unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit“) – komplett verinnerlicht. Der Teenager hat intuitiv erfasst, dass das ganze bunte, aufwendige Treiben drumherum eigentlich keinen Sinn ergibt, dass für ein unendliches Universum das menschliche Leben nur ein Augenblick ist – ohne wesentliche Konsequenzen für die Welt, die uns ständig zu eng erscheint. Nur dieser Junge begreift, dass das Einzige, was uns vor den vielen Rätseln und Unwissen rettet, ist zu lieben und geliebt zu werden. Glücklicherweise gibt es solch ein Mädchen, das sein Anliegen versteht. Brandy.

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Dummerweise hat Brandy (Kaitlyn Dever) aber eine dogmatische, kontrollsüchtige Mutter- Patricia – welche ihre Tochter exzessiv vor allen Gefahren des DL schützen will. Patricia (Jennifer Garner) verfolgt jede einzelne Datenspur ihrer Tochter, löscht jede Nachricht, die ihr verdächtig erscheint und hat schlussendlich auch keine Skrupel,  die Beziehung ihrer Tochter eigenhändig zu beenden. Die Tragödie ist vorprogrammiert…

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Im ständigen Wechsel von RL und DL verlaufen diese Geschichten aus der amerikanischen Provinz begleitet von Off-Kommentaren (Emma Thomson) aus dem All – dem allwissenden Blick von oben – sub specie aeternitatis. Hier finden die Familien die breite problematische Vielfalt wieder, mit der sie tagtäglich konfrontiert sind; die meisten Arten von Web-Sklaverei oder Web-Entfesselung, die neuen Konstellationen, die digitale Medien in die Beziehungen installieren. Eine präzise und zutreffende Zusammenfassung der neuesten Veränderungen – von der Kritik allerdings als zu künstlich bezeichnet.

Konklusion: Der Episodenfilm „Men, Women & Children” ist ernüchternd traurig, schonungslos sarkastisch, komisch und tragisch zugleich, eine behutsame Bestandsaufnahme des Alltags von US-Familien, die nicht so weit von unserer entfernt ist, wie wir oft zu hoffen glauben. Man kann ihn auch als aktuelle Version von „American Beauty“(1999, Sam Mendes) betrachten. In den deutschen Kinos lief er unter dem Titel „#Zeitgeist“. In der Tat gibt es zur Zeit keinen Film, der mehr oder besser über das RL der Teenager und ihrer Eltern berichtet. Für Familien ist es ein unverzichtbarer Film!

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Prescription for: dysfunctional family, miscommunication between parents and kids, sex and secrecy in the online age, communication via screen, online depersonalisation, webenslavement, online porn, roleplay game culture, anorexia, infidelity, fame hunting, black-comic…

Men, Women & Children, USA, 2014, 116 min, directed by Jason Reitman, with Ansel Elgort, Adam Sander, Jennifer Garner, Emma Thompson, Judi Greer, Dean Norris, Kaitlyn Dever, Resemarie DeWitt, J.K.Simmons, Olivia Crocicchia.

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