Family holidays after an Avalanche – Turist

„Zuerst Kinder und Frauen!“- diesen Ruf kennen wir allzu gut aus den zahlreichen Katastrophenfilmen à la „Titanic“. Irgendwie  steht genau so eine Reihenfolge in den Unglücksabläufen für das vernünftigste Handeln. Dass es in der Realität anderes abläuft, wissen nur wenige. Der schwedische Regisseur Ruben Östlund hat zu diesem Thema Statistiken studiert und völlig andere Erkenntnisse auf die Leinwand gezaubert.

Der grösste Teil der Überlebenden bei Schiffsunglücken seien Männer in einem bestimmten Alter, sagt er. Und die, die ertrinken, sind Frauen. Auch seien Scheidungen unter Opfern von Flugzeugentführungen statistisch gesehen sehr hoch, weil man in solchen Extremsituationen die Partner eben ganz neu kennenlerne. Darum geht es im Film „Turist“.

Der überarbeitete Familienvater Tomas (Johannes Bah Juhnke) verbringt mit seiner Frau Ebba (Lisa Loben Kongsli) und den zwei Kindern Winterferien in einem Luxusressort in den französischen Alpen. Der erste Urlaubstag verläuft noch ziemlich harmonisch. Eine leichte Dissonanz in diesem sympathischen Quartett entsteht nur kurz durch das Gejammer des müden Kindes (die Mutter hat sofort eine Erklärung parat: der Junge hat Hunger!) und ständig piepsende Smartphone (der Vater ignoriert es noch bewundernswert gelassen!).

Doch am zweiten Tag passiert etwas außergewöhnliches. Als eine Lawine das Restaurant, in dem Tomas mit der Familie zu Mittag aß, zu erfassen drohte, haben seine angeblich männliche Beschützerinstinkte versagt. Er schnappte sich Handschuhe, iPhone und rannte weg. Diese Szene wird im Film immer wieder aus der Perspektive vom Thomas, Ebba, des befreundeten Pärchens, Zufallsbekanntschaften mal emotional, mal rational analysiert. Die wichtigste Frage, die sich die Beteiligten, zwangsläufig auch die Zuschauer, stellen: Was hätte ich in dieser Situation getan? Wäre es denkbar, das Mobilgerät mitzunehmen und das Kind im Stich zu lassen?

Über die phänomenale Rolle des Smartphones im Leben eines modernen Mannes haben uns schon in „Carnage“ Roman Polanski und Christoph Walz aufgeklärt. Nachdem einem selbstbewussten Anwalt und Familienvater sein omnipräsentes Mobilephone entzogen wurde, verliert er sofort die Gelassenheit, weltmännische Haltung und kriecht schon fast auf dem Boden, unfähig weiterhin am aufgeheizten Gespräch teilzunehmen.

In „Turist“ gibt es eine ganze Reihe von derartigen modernen  Alltags- und Winterurlaubsbegleitern, die schon beinahe ausserirdisch erscheinen: Elektrische Zahnbürsten, die alle Familienmitglieder besitzen, IPhone, IPad, Multikopter, Skihelme, -brillen, -schuhe, -liften, Schneekanonen, Lawinensprengmasten, Pistenraupen… Ein modernes Rittertum! Sind in dieser übertechnisierten, unter Kontrolle gehaltenen Welt noch Helden gefragt?

Ebba wird nachsichtig, traut ihrem angeschlagenen,  frustrierten Mann wieder die Führungsrolle zu. Doch die Kinder brauchen noch Märchen. Deshalb wird der Vater von der Mutter als Held inszeniert, indem er sie aus dem Nebel rettet und zurück zu den Kids bringt. Die Fiktion bleibt erhalten. Notgedrungen braucht man Männer. Sie können wenigstens die müden Kinder auf den Händen tragen, wie in der grossartigen letzten Szene zu sehen war.

„Turist” ist ein moderner, nach Perfektion strebender und absolut gelungener Film, der trotz inhaltlicher Ernsthaftigkeit sehr komisch rüberkommt.  Er hat auch einen hohen Wiedererkennungswert: Genau so sind oft die Umstände, Konversationen, Empfindungen, Selbstreflexionen, Freundschaften, Beziehungen… Antonio Vivaldis „Sommergewitter“ bringt die komischen und tragischen Momente der Geschichte virtuos und fast schon operettenhaft  zur Geltung. Eine berührende Szene, in der alle vier  nachts vereint im entsetzlichen Heulen übereinander herfallen, hat eine katharsisartige Dimension. Es gibt doch einen echten Zusammenhalt, der nicht nur im Äusseren, sondern im Inneren des Familiengehäuses existiert. 

Konklusion:  „Der Spiegel“ hat die Wirkung des Films so zusammengefasst: Wenn Sie sich von Ihrem Partner trennen wollen, dann gehen Sie am besten in die schwedische Satire “Höhere Gewalt”: Einen böseren Film über die Widersprüchlichkeiten moderner Geschlechter- und Familienbilder gibt es 2014 nicht“ (17.11.2014).  Klare Aussage, aber stimmt nicht so ganz. Auch die zwei von uns präsentierten Filme „Gone Girl“ und „Winter Sleep“ haben wesentlich mehr Potenzial zur Erhöhung der Scheidungsraten. „Turist” ist dagegen boshaft und barmherzig zugleich. Zunehmend ging es dann doch um die Krisenbewältigung, zwar ironisch gemeint, aber je nach Familienstand frei interpretierbar.

Turist, Sweden/Denmark, 118 min., from Ruben Östlund, with Johannes Ban Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Kristofer Hivju, Clara und Vincent Wettergren

The Eyes of Sofi – I Origins

Sofi: When I saw you, I had the feeling I had known you – like we are connected from past lives

Ian: I don’t believe in that

Sofi: What do you believe in?

Ian: I’m a scientist. I believe in proof

Dies sagt Ian zu Sofia, nachdem er sie endlich wieder gefunden hat, nach einer ersten Begegnung ein paar Tage vorher auf einer Art Kostümparty, die nach einem kryptischen verführerischen Wortgefecht auf einem gemeinsamen Toilettengang endete, dies aber ohne Entledigung ihres Kostümes, welches eine Art Mischung aus Catwomen Suit und Burka darstellte und nur die Augenparty enthüllte, was die Wiedererkennung bei Tageslicht nicht vereinfachte und in Anbetracht der Tatsache, dass auch weder Namen und Nummern ausgetauscht worden sind, ein Wiederfinden in einer Stadt wie New York als nicht sehr realistisch eingestuft werden konnte.

Da Ian aber Molekularbiologe ist und an der Evolution des Auges forscht und auch privat so sehr an der Iris des Menschen interessiert ist, dass er wo immer möglich Fotografien von Augenpaaren macht – wie auch von denjenigen von Sofi an der besagten Kostümparty – ist dieser einzige Anhaltspunkt – die Augen von Sofi – die Karte zum Weg zurück zu ihr…

Aber nicht nur zu ihr. Sondern vor allem auch zu ihm selbst. Denn ihre Augen werden es ganz am Ende dieses Filmes sein, welche seine Weltanschauung und seine Festklammerung am rational Wissenschaftlichen in den Grundfesten erschüttern lassen werden….

Die Augen als Spiegel zur Seele. Darwinistische Evolutionstheorie contra göttliche Schöpfungsmacht. Tod und Wiedergeburt. Schuld und Erlösung. Liebe und Schicksal. Suchen, Finden, wieder verlieren…und Wiederfinden.

Wie schon in seinem in umjubelten Erstlingswerk „Another Earth“, welches er für nur USD 200‘000.—abdrehte und 2011 am Sundance Filmfestival uraufgeführt wurde (ausgezeichnet mit dem U.S. Dramatic Competition Special Jury Prize), schafft es Mike Cahill auch in seinem neuen Werk, grosse theologische und philosophische Fragen, mit wissenschaftlichen Elementen und zugleich grossen menschlichen Dramen zu verbinden.

Es ist deshalb auch nicht wirklich möglich seine Werke zu kategorisieren. In „I origins“ wägt man sich anfänglich in einem klassischen Liebesfilm, befindet sich im nächsten Moment in einer Art semidokumentarischen Abhandlung à la Steven Hawking über die wissenschaftliche Grundierung der Evolutionstheorie, nur um in der nächsten Szene Zeuge von übernatürlichen Zeichen und mystischen Bedrohungen zu sein um dann plötzlich einem Ehe- und existentiellem Selbstfindungsdrama epischen, weltumspannenden Ausmasses beizuwohnen. Mike Cahill bleibt seinem Stil treu und inszeniert dies – wie schon auch „Another Earth“ in einer kühl-düsteren Bildsprache, die einerseits in langen intimen Einstellungen verharrt, anderseits auch immer wieder spektakuläre Weitwinkelaufnahmen auf die Leinwand zaubert, welche man gerade so gerahmt an die Wand hängen möchte…es ist schon erstaunlich, wie mit so einem minimalen Budget ein solche stringente Aesthetik umgesetzt werden kann. Nicht zu vergessen selbstverständlich die schauspielerische Leistungen, denn die Besetzung ist superb, allen voran Michael Pitt als Ilan, welcher schon in „The Dreamers“ von Bernardo Bertolucci ein markante Fussnote hinterliess, sonst aber – ausser in dem amerikanischen Remake von „Funny Games“ – unerklärlicherweise sehr selten in tragenden Rollen zu sehen ist. In den weiblichen Hauptrollen überzeugt einmal mehr Brit Marling, welche als Co-Autorin zusammen mit Mike Cahill schon „Another Earth“ geschrieben hatte, worin sie dann auch die Hauptrolle spielte (und seit dort auch u.a. in „Arbitrage“ die Tochter von Richard Gere oder „The company you keep“ von Robert Redfort mitspielte) und dann noch natürlich Àstrid Bergès-Frisbey als Sofi, genau die mit den Augen, welche von 2011 von Jerry Bruckheimer und Regisseur Rob Marshall für den vierten Teil der Piraten-Saga, „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“ entdeckt wurde und sonst eher als Model unterwegs ist, was die Qualität ihres Auftrittes in diesem Film nicht schmälert…au contrair!

Konklusion:

„I origins“ gehört zu der Sorte Film, welche man  typischerweise – ausser eingefleischte Cineasten natürlich – im Kino verpasst, da diese –  wenn überhaupt – meistens nur 1-2 Wochen laufen, ohne grosse begleitende Pressegeräusch und dann oftmals unbemerkt im Fernsehen im Nachtprogramm bei Arte anlaufen. Atmosphärisch dicht, ungeheuer spannend, visuell berauschend und tief berührend werden hier grosse philosophische Themen um die Widersprüche von Wissenschaft und Religion, Tod und Inkarnation mit einem wahrlich dramatischen Liebesdrama kunstvoll verbunden. Mike Cahill gehört schon jetzt nach seinem 2. Spielfilm zu einem der vielversprechenden und interessantesten Regisseuren in der gegenwärtigen Filmindustrie. Man wagt es sich kaum vorzustellen, was er für Filme machen würde, wenn er mal mehr als USD 200‘000.—zur Verfügung hätte.

Prescription for:  interest in philosophical discourses, interest in science affairs, religious doubts, religious interest, believer of eternal love, melancholic mood, lovers of beautiful eyes, interest in supernatural phenomenons, drama lovers.

Listen to: Dust It off – The DO

I Origins, USA 2014, 113 min., from Mike Cahill, with Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Berges-Frisbey   

Dostojewski in Anatolia – Winter Sleep

Es gab kaum ein Film in diesem Jahr, der so gut bewertet wurde wie der „Winter Sleep“ von Nuri  Bilge Ceylan. Die meisten Kritiker sind sich einig: hier haben wir mit einem klaren Meisterwerk zu tun. Die „Goldene Palme“ hat er auch schon in Cannes gewonnen. Entsprechend hoch waren meine  Erwartungen.

Nun, nach über 3 Stunden und 16 Minuten des fast vollkommenen Filmgenusses musste ich dennoch feststellen: „Winter Sleep“ ist sehr, sehr lang… Die einzelnen Dialoge mit den heftigsten Sequenzen dauern beinahe 20 Minuten. Dabei besteht der ganze Film überwiegend aus aufeinanderfolgendem Gedankenaustausch.

Schon allein aus diesem Grund ist er schwermütig, vergleichbar mit Lesespass und Lesefrust, die beim Ergründen der Hardcore-Literatur (S.Beckett, A.Camus, G.G.Markes etc.) entstehen. Der Film  hat auch einen deutlichen literarischen Touch. Als seine Inspirationsquelle nannte der Regisseur und Drehbuchautor Ceylan den russischen Meister der Kurzerzählung  Anton Tschechow. Es gibt tatsächlich zahlreiche Parallelen zwischen  Helden von Tschechow und Ceylan. Doch mit seiner Langatmigkeit, Auffassungsdichte und Komplexität erinnert mich der Film vielmehr an Dostojewski.

In der anatolischen Provinz betreibt der ehemaliger Schauspieler und Grossgrundbesitzer Aydin (Haluk Bilginer) ein feines, naturbelassenes Hotel namens Othello (die Hommage an Shakespeare ist klar spürbar im ganzen Film). Er ist der König seines kleinen Reiches. Der in Höhlenfelsen gemeisselte Ort wirkt schon fast virtuell. Diese Geschichte könnte in jedem Land, in jeder Zeit erzählt werden. Wir sind zuhause bei einem Intellektuellen, von der Religion losgelösten Freigeist, der dank finanzieller Unabhängigkeit und inspirierender Umgebung seine Tage mit Philosophieren und Schreiben verbringt.

Doch die ersten Eindrücke täuschen. Zuerst plagen ihn die zahlungsunfähigen Mieter, was Aydin noch gut verkraften kann. Am meisten verletzen den etwas angeschlagenen Mann jedoch zwei Frauen, die ihm am nächsten stehen, – seine junge schöne Frau Nihal (Melisa Sözen) und seine geschiedene scharfsinnige Schwester Necla (Demet Akbag). Sie sind nicht willig, ihn in dem Glauben zu lassen, gütig, gerecht und frei zu sein. Auch wenn die Frauen nicht unbedingt rebellieren, schaffen sie es gekonnt, mit perfiden Worten ihre Verachtung und Distanziertheit ihm gegenüber deutlich zu machen.

Suchend nach Schutz gegen diese stetigen Nadelstiche beabsichtigt er, nach Istanbul zu flüchten – in die grosse weite Welt. Aber dort wird er nie ankommen. Um abzuwarten und wieder zu sich selbst zu finden, wohnt er vorübergehend bei seinem Kumpel. In dieser männlichen Genügsamkeit gibt es viel Wein, Gerede und eine fulminante Jagdszene, die den Aydin schlussendlich zurück nach Hause bringt – mit der Beute, dem archaischen Beweis seiner immer noch vorhanden Männlichkeit, bereit die aus den Fugen geratene Ordnung wieder herzurichten oder die Geringschätzung über sich ergehen zu lassen.

Es gibt bestimmt ein dutzend Szenen im Film, die sich wie Messerstiche in das Gedächtnis einritzen: Das Klirren der zerbrochen Fensterscheibe im Aydins Auto, in der Unterkunft des Haus des von Stolz zerfressenen Mieters, die Zähmung des wilden Pferdes, die vatergleiche Blicke und Ohnmacht des Kindes, ein in Flammen zergehendes Bündel Geldscheine…. „Winter Sleep” ist eine einzige Kaskade aus solchen symbolbeladenen Bildern, die durch die Schubert’s Piano Sonata No. 20 noch mehr greifen. Deshalb schwankt seine Wirkung stark zwischen Faszination und Schwermut.  Wie beim Dostojewski. Es gibt keine Gewinner, im Grossen und Ganzen verlieren wir alle. Was uns bleibt ist der Weg – durch die düsteren Landschaften unserer Verirrungen – in der Hoffnung auf ein bisschen Glück und Anerkennung. Eine ernüchternde, trostlose Botschaft.

Der Film hat auch ein sehr literarisches Ende. Die Heilung kommt mit oder durch das Schreiben. „Die Geschichte des türkischen Theaters“ soll ein Buch werden, das mehr Sinn und Beständigkeit in Aydins Leben bringt. Ob die Frauen ihn dabei unterstützen oder weggehen ist ungewiss.

Konklusion:  „Winter Sleep“ verlangt dem Zuschauer viel Geduld und Ausdauer ab. Die subtile düstere Schönheit der Bilder entlastet nicht in geringster Weise die Bürde der zwischenmenschlichen Fehldeutungen. Die Belohnung bleibt aus. Es sei, man bemüht sich ein Mal mehr und versucht, das ganze winterliche Elend in eine Frühlingslandschaft zu versetzen. Wenn die Natur mit den Menschen gnädiger wird, werden sie gnädiger mit sich selbst sein?

Prescription for: marriage problem, depression, interest in philosophical discourses,  interest in lost landscape, poetic, Dostojewski lovers, melancholic mood, misanthropic attitude

Winter Sleep, Turkey 2014, 196 Min., Director Nuri Bilge Ceylan, with Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbag