The moon song

Sometimes I think I have felt everything I’m ever gonna feel. And from here on out, I’m not gonna feel anything new. Just lesser versions of what I’ve already felt. (Theodore, HER)

Liest man Artikel über wesenstypische  Eigenschaften, welche das Paarungsverhalten des Homo Sapiens beeinflussen können, begegnet man immer wieder – neben den bekannten physiognomischen Attributen –  dem Geruchssinn (oder den damit wahrgenommenen Düften), welcher als weniger offensichtliches Entscheidungskriterium bei der Partnerwahl ein massgeblicher Faktor zu sein scheint, da gewisse abgesonderte Düfte (Schweiss) als starke Lockstoffe gelten und angeblich schon fast animalische Triebkräfte freilegen können. Je nach Dossierung selbstverständlich. Und Zyklus. Bei Frauen wenigstens…

Aber welchen Stellenwert hat eigentlich die Stimme? Sicherlich hat jeder schon Aussagen à la „die hat aber ne sexy Stimme“ oder „rauchige Stimmen haben was erotisches“  vernommen oder aber, was fast noch häufiger anzutreffen ist,  eher negativ beladene Kommentare, welche bezüglich Wort-oder Stimmklang zu hören sind. Stichworte: Quitsch- oder Krächzstimmen, Männerstimmen (von Frauen) oder Frauenstimmen (von Männer) und was es sonst noch alles an nicht wohlklingenden oder erotisierenden stimmlichen Varianten gibt.  Aber wurde der Stimme wirklich je eine elementare Bedeutung beim Paarungsverhalten beigemessen?

Will man daher den wahren Stellenwert wissen,  welche die verschiedenen Einflussfaktoren (Olfaktorisch, Aestethik/Physiognomie/ Stimme/Charakter) auf dem Marktplatz der Geschlechter haben, muss man sich eigentlich nur zu jedem Punkt die Frage stellen, ob man sich in diesen alleine, von den anderen abstrahiert,  verlieben könnte. Also nur in einen (Schweiss-) Duft (Olfakorisch)? Oder allenfalls in Humor (Charakter) ? Allenfalls würden gewisse Zeitgenossen Grosszügigkeit anführen um bei den Charaktereigenschaften zu bleiben, aber auch dort könnte man wahrscheinlich nicht von einer rundum ganzheitlichen Vernarrtheit sprechen…

Wenn nach 125 min. der Abspann von „Her“, dem neuesten Werk von Spike Jonze, über den Bildschirm läuft und man – leicht paralysiert, hypnotisiert, entzückt oder entrückt –  versucht, das Geschehenen zu verarbeiten oder spezifischer, das Gesehene und Gehörte einzuordnen, wird bei vielen – zumindest bei den männlichen –  Zuschauern bald die Frage auftauchen: Habe ich mich da gerade in eine Stimme verliebt?

Sicher ist, beim Hauptdarsteller Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) war dies der Fall. Und noch besser, die Stimme auch in ihn. Glaubt er und wir jedenfalls. Und die Stimme irgendwie auch.

„Her“ spielt in nicht allzu ferner Zukunft und Theodore Twombly ist ein professioneller Briefschreiber, irgendwo im mittleren Alter, seit einem Jahr getrennt von seiner Frau, mit welcher er sein halbes Leben zusammen war. Da er diese Beziehung ganz und gar noch nicht verarbeitet hat, lebt er eher zurückgezogen und hat nur noch mit einer Jugendkollegin, welche mit ihrem Freund in der Nachbarschaftswohnung lebt, regelmässig persönlichen Kontakt. Bis er nach dem Erwerb eines neuen OS Betriebssystems, welches als revolutionäre Neuentwicklung permanent dazulernt und sich auf die Bedürfnisse des jeweiligen Users einstellen kann, sich in dessen weibliche Stimme verliebt und eine Liebesbeziehung mit „her“ beginnt.

Dieser Grundplot, welcher noch vor 10 Jahren allerhöchstens für eine durchgeknallte Science-Fiction Komödie verwendet worden wäre, wirkt trotz skurril anhörender Ausgangslage beängstigend real und echt und es sind erstaunlich wenige Momente in diesem Film, die einem den utopischen Aspekt – den es ja wahrlich noch gibt – bewusst werden lassen.  Es fliegen keine Autos oder Raumschiffe durch die Luft und die Leute tragen auch keine seltsamen weissen Schutzanzüge, sondern im Gegenteil, wenn man Joaquin Phoenix mit den bis zum Bauch hochgezogenen Hochwasserhosen mit rotem Holzfäller-Sporthemd und weissem T-Shirt darunter durch die Szenerie schlendern sieht, fühlt man sich irgendwie in die 70-er Jahre zurückversetzt, einfach vor dem Hintergrund einer Grossstadt-Kulisse, die wie eine seltsam warme Mischung aus L.A. und Tokyo anmutet (warm, da für sämtliche Innenräume und auch öffentliche Plätze und Orte freundliche Pastellfarben verwendet werden). Eine Art retro-futuristischer Stil als Designkonzept, welches dadurch aber den bewussten Bezug zur realen Welt in den Vordergrund rückt.

Schlussendlich ist dann auch die Zeitebene nur eine Randnotiz, genauso wie die – noch – utopische Annahme, dass Betriebssysteme eine quasi eigene Persönlichkeit entwickeln können.

Dass diese ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Mensch und Betriebssystem funktioniert und schlussendlich zutiefst berührt, ist zu einem Grossteil dem Drehbuch zu verdanken, welches Spike Jones mehr oder weniger im Alleingang im Verlauf von 15 Jahren geschrieben hat, welches gerade wegen dieser irrealen Ausgangslage das Wesen der Liebe an sich hinterfragen und behandeln kann und dies mit einer selten gesehenen Direktheit,  aber auch Feinfühligkeit  und Tiefe tut.  Zudem meistert die Geschichte meisterlich den Balanceakt zwischen subtiler Ueberzeichnung des technologischen Einflusses auf den gesellschaftlichen Alltag und der damit einhergehenden Isolierung des einzelnen Individuums kontrastiert mit dem unveränderten Bedürfnis nach persönlicher Nähe und der Suche nach einem erlösenden Seelenverwandten.  Das Drehbuch wurde dann auch fast unvermeidbar mit sämtlichen wichtigen Filmpreisen im 2014 ausgezeichnet (Oscar, Golden Globe, Writers Guild of America Award, Critics‘ Choice Award). Dies ist insofern bemerkenswert, als das Spike Jonze in der Vergangenheit nicht gerade durch zart-poetische Werke auf sich aufmerksam gemacht hat, sondern als Erfinder von der MTV-Serie „Jackass“ den internationalen Durchbruch feierte und mit seinem Spielfilmdebüt, der durchgeknallten Surreal-Komödie „Beeing John Malkovich“, seinen Ruf als unberechenbaren aber genialen Filmemacher begründete.

Der andere Erfolgsfaktor dieses Streifens ist dann nicht zuletzt auch in der Besetzung zu finden, allen voran Joachin Phoenix (Gladiator, It’s all about Love, Walk the Line, The Master), der mit seinem höchst zurückhaltendem Spiel es schafft, dass sich sämtliche Gefühlszustände, welche er in dieser Tour de Force durchläuft, auf eine unaufgeregte Art und Weise in seinem Gesicht und durch sein Wesen reflektiert werden und dadurch die völlige Anteilnahme an dieser Geschichte ermöglicht, auch in den dialogfreien Momenten.

Zu guter Letzt wären wir wieder bei dem einleitenden Thema, genau, der Stimme. Gesprochen wird diese von Scarlett Johansson, welche erst in der Postproduktion dazu gestossen ist und Samantha Morton (Minority Report, Cosmopolis) ersetzte, nachdem diese den ganzen Film schon abgedreht hatte (gem. Jonze eine seiner schwierigsten Entscheidung in seinem Leben – welche er nicht begründen könne – reine Intuition). Mal abgesehen von der im Raum stehenden These, dass die Stimme einer bekannten Person, von welcher man ja die äussere Hülle schon kennt und demzufolge diese auch nur beim Wahrnehmen der Stimme projektziert,  sowie auch unter Ausblendung der sehr einfühlsamen Dialogen ihrerseits, welche sämtliche anziehenden Elemente, wie Humor, Unsicherheit, Neugier, Erregung, Freude und Trauer beinhalten und dadurch automatischen eine menschliche Wirkung entfalten, muss trotzdem einfach mal auf die rein stimmliche Qualität hingewiesen werden, welcher man unter dem visuellen Eindruck der Gesamtperson tendenziell sicherlich zu wenig Beachtung schenkt. Um sich jetzt nicht komplett der Lächerlichkeit preiszugeben und etwelchen Versuchen zu verfallen, die Stimme an sich jetzt lang und breit zu beschreiben, anbei eine Hörprobe von dem berührenden Stück „The Moon Song“,  welcher das musikalische Herzstück von „Her“ ist:(ursprünglich interpretiert von Karon O)

Ich überlasse es somit jedem Hörer, die einleitende Frage für sich abschliessend zu beantworten…

Konklusion: „Her“ ist eine zutiefst poetische, zärtliche und hochintelligente Versuchsanordnung über die Liebe in jeglicher Form, losgelöst von konventionellen Schranken und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Ein Balanceakt zwischen feiner gesellschaftskritischer Groteske über die Einflüsse der ausufernden technologischen Entwicklungen und melancholischer Liebesgeschichte, gespickt mit schonungslos, tieftraurigen Wahrheiten und wahren lyrischen Schönheiten….Irgendwann in naher Zukunft und irgendwo in einer grossen Stadt auf der Welt. Und darüber spielt „The Moon Song“.

Prescription for: Romantic-Manicas, Lovers, lovers’ grieve, Feeling lonely, poetic lovers, in love with Siri and/or I-Phone, phone sex lovers

Listening to: Anywhere I Lay My Head is the debut studio album by American actress Scarlett Johansson, released on May 16, 2008 by Atco Records (contains four songs written by Tom Waits, six songs written by Waits and his wife Kathleen Brennan,)

Her, USA 2013, Director Spike Jonze, 126 min. with Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde, Scarlette Johansson

 

 

Snobs get wild – The Riot Club

 

Der erste nennenswerte Film von dänischer Regisseurin  Lone Scherfig „Italienisch für Anfänger“ (2000) wurde konsequent nach den Dogma 95-Regeln gedreht. Im Vergleich zu den schrillen und rebellischen Dogma—Vorgängern wie „Das Fest“ (Thomas Vinterberg) oder „Idioten“ (Lars von Trier) war er schon ein fast besinnlicher Film über normale Menschen in der gewöhnlichen Umgebung. Auch ein Beispiel dafür, dass der innovative Dogma-Kodex sich genau so prächtig in stillen Gewässern entwickeln konnte.

Nun, nach ein paar weiteren erfolgreichen Filmen (An Education, One Day) ist der neuer Film „The Riot Club“ von Lohne Scherfig der aussagekräftigste, eine klare Fallstudie des Soziotops der reichsten Oxford-Studenten. Der Film basiert auf dem Theaterstück „Posh“. Seine Autorin Laura Wade hat es für Scherfig in ein Drehbuch umgeschrieben.

Die Ereignisse beobachten wir aus der Perspektive von zwei Ankömmlingen an der Oxford-Uni, die in einem berühmt-berüchtigten Riot Club aufgenommen wurden. Zwingende Grundvoraussetzungen dafür sind, dass man ein Absolvent der Eton, Clifton oder Harrow ist, aus reichen und/oder adligen Haus kommt und gewissermassen das grenzloses Vergnügen als oberstes Gebot zu verinnerlichen gedenkt. Die beiden Jungs, Miles (Jeremy Irons’Sohn Max) und Alistair (Sam Claflin) stürzen sich voller Neugier und Vorfreude in diese scheinbar von Freiheit und Erfolg umgarnte Welt.

Der Höhepunkt der Clubaktivitäten ist das jährliche Treffen der Mitglieder in einem traditionellen englischen Pub. Das Konzept dieses Treffens ist denkbar einfach –  sich zu feiern, ein Besäufnis zelebrieren, die Sau rauslassen, nach dem Motto:  Da wir in der Zukunft „grosse Tiere“ werden, können wir uns später keine Eskapaden erlauben. Also werden wir jetzt zu Tieren. Unsere Jugend, Attraktivität und Reichtum biegen schon den moralischen Skrupel zurecht.

Das exzessive Trinken und/oder Drogenkonsum ist kein Klassenphänomen an sich, sondern ist immer noch in vielen Kulturen und Gesellschaftsschichten verbreitet und wird dort auch kultiviert. Doch bei den Kids aus dem Riot Club stechen die menschen- und armutsverachtenden  Antriebe deutlich hervor.  Die eigene, quasi genetische Dominanz gräbt jeglichen emotionalen Bezug zum Rest der Welt unter.

Die drei weiblichen Figuren in Film haben das hemmungslose Treiben der selbsternannten Oxford-Elite rasch durchschaut. Als die Freundin von Miles Zeugin der zerstörerischen Wucht der Club-Kollegen wird, ist sie sofort der Ansicht: „Sie sind nicht deine Freude, Miles. Sie kennen keine Grenzen“. Die Tochter vom Wirt, kurz geblendet von der imposanten Erscheinung der jungen Männer, hat schnell erkannt, was diese im Schilde führen und sogar die beorderte Prostituierte ergreift kurzerhand die Flucht.

Ein leiser Wiederstand in dem als Bühne zum dekadenten Reigen dienenden Pub macht sich doch zunehmend breit. Die Stammgäste verlassen empört das Lokal, nach kurzem Zögern lässt sich auch der Wirt nicht bestechen und bietet den Bengeln die Stirn, was ihn fast das Leben kostet. Die staatliche Justiz erfühlt im 21. Jahrhundert ihren Zweck und obwohl die Club-Mitglieder den eigenen Sündenbock Miles ernennen, wird der Richtige verhaftet und aus der Uni verbannt. Daraufhin will Miles nichts mehr mit dem Club zu tun haben.

Dennoch lässt der Film wenig Raum für Interpretationen. Die feinen Kerle der britischen Oberschicht sind nun mal so, sie halten den Rücken für ihresgleichen frei. Und sie haben nicht vor, daran irgendetwas zu ändern. Das selbstgefällige Grinsen des Alistair am Ende der Geschichte ist ein Appell an die Beständigkeit der Sitten. Der einzige Trost liegt in der Kraft des Filmes, uns davon zu berichten, was für Früchtchen das britische elitäre Bildungssystem zu züchten vermag, uns davor zu bewahren, hinter der glänzenden Fassade eine Aufrichtigkeit und geistige Gesundheit zu vermuten.

Die politische Elite des Großbritanniens besteht übrigens zum Teil aus den „Absolventen“ des Bullingdon Clubs, der ein reales Vorbild des Riot Clubs war:  David Cameron (Premier), George Osborn (Schatzkanzler) Premier, Boris Johnson (aktueller Bürgermeister von London)…

Konklusion: Für alle, die schon immer der britischen Monarchie misstrauten, den Snobismus für das Relikt aus vergangenen Tagen hielten und das sture Klassendenken verabscheuten. Abgesehen von politischen und sozialen Konnotationen, imponiert „The Riot Club“ mit schockierender Erzählungsintensität, klarer Struktur und naturalistischen Bildern des Abgrunds.

Prescription: friends of vulgarity, snobs, parents with too less money for sending their kids to a distinguished university and therefore get an excuse not to do so, for people highly interest in the youth and the grow up of David Cameron and Boris Johnson.

The Riot Club, GBP 2014, Länge 107 min., Director: Lone Scherfig with Max Irons, Sam Claflin, Douglas Booth