2017 Sundance Film Festival – Blaues Kino im roten Trump-Land

Von Christian Jungen, Park City

Nein, das eine atemberaubende Meisterwerk, das Filmgeschichte schreiben wird, habe ich bei meinem dritten Besuch des Sundance Film Festival nicht gesehen. Nie vergessen werde ich aber das Wetter: Sechs Tage lang hat es in Park City fast ununterbrochen geschneit, was zur Folge hatte, das just am ersten Wochenende, als halb Hollywood in town war, der Verkehr zum Erliegen kam. Eine Fahrt von einem Kilometer vom Yarrow Hotel zur riesigen Mehrzweckhalle Eccles (das Fevi von Sundance) kostete mit Uber plötzlich 350 Dollar – amerikanischer Kapitalismus halt. Das Festival hat mit dem Dokumentarfilm „An Inconvenient Sequel“ mit Al Gore und dem Women’s March am Samstag politisch begonnen. Die starke Präsenz der Politik war für Cinéphile ganz angenehm. Denn während der Amtseinweihung von Donald Trump und dem Frauenmarsch fand man in den Kinos bequem Platz, weil viele Amerikaner im Bann des Machtwechsels in Washington standen. Utah, wo 62 Prozent der Bevölkerung Mormonen sind, gehört zwar den „rotesten“ sprich republikanischsten Gliedstaaten der USA, die Filmemacher und das Sundance-Publikum sind aber mehrheitlich „blau“ sprich demokratisch. In den ersten Tagen gab es kaum eine Premiere, bei der nicht ein Filmemacher eine frotzelnde Anspielung auf Trump machte, was das Publikum jeweils mit enthusiastischem Applaus quittierte – ein Ritual der Selbstvergewisserung: Ja, wir sind viele, die finden: Fuck you, Trump!
Cineastisch gesehen war das Festival aber nicht nur politisch. Es dominierten Befindlichkeitsdramen über Hipster, die noch nicht ganz erwachsen sind und Filme, welche den Alltag von Minderheiten, vor allem Schwarzen und Schwulen, reflektierten.

Hier sind meine zehn Lieblingsfilme.

10. „Beatriz at Dinner“ von Miguel Arteta (Premieres)


Für mich der unausgeglichenste Film des ganzen Festivals und trotzdem einer, der sich in der Erinnerung eingebrannt hat, weil er von einem sehr aktuellen Thema handelt: der sich weitenden Schere zwischen Arm und Reich. Salma Hayek spielt eine ziemlich esoterische Naturheilpraktikerin, die von Ziegen umgeben in einem Vorort von Los Angeles haust. Sie behandelt regelmässig die schwer reiche Cathy (Connie Britton), die in einer riesigen Villa mit Bediensteten lebt. Diese lädt Beatriz nolens volens ein, zum Abendessen mit ihren Freunden zu bleiben, als deren Auto eine Panne hat. So trifft die Mexikanerin Beatriz dann auf den Grossindustriellen Doug Strout (John Lithgow), der eine Art Seelenverwandter von Donald Trump ist. Er redet einem rücksichtslosen Kapitalismus das Wort und zieht über Einwanderer her – und staunt nicht schlecht, als ihm Beatriz, die er zuerst gar nicht bemerkt und dann für eine Bedienstete gehalten hat, zum Entsetzen der Gastgeber verbal zurückgibt. Gerade heute, da das Wort Filterblase die Runde macht, ist dieser Film von brennender Aktualität, weil Regisseur Arteta zwei Welten aufeinanderprallen lässt. „Beatriz at Dinner“ ist eine Reflexion über Klassenunterschiede im heutigen Amerika, wo mexikanische Bedienstete sogar in Haushalten von Demokraten oft abschätzig behandelt werden. 70 Minuten lang war ich im Bann dieses spannenden Films, doch dann lässt Arteta sein Sozialdrama ins Horrorfach und am Ende sogar ins Esoterische kippen, was zwar ärgerlich ist, aber doch nicht reicht, um den positiven Eindruck zu ruinieren. Salma Hayek zeigt hier die beste Leistung ihrer Karriere – und spielt vielleicht ein wenig die Rolle ihres Lebens: Die in Hollywood auf lispelnde Latinas abonnierte Mexikanerin ist ja im realen Leben mit dem milliardenschweren französischen Unternehmer François-Henri Pinault verheiratet.

 

9. „Marjorie Prime“ von Michael Almereyda (Premieres)


Dieser Film wirft eine moralische Frage auf, die viele von uns im Laufe ihres Lebens einmal beantworten werden müssen: Will man einen Verstorbenen via Hologramm ins Leben zurückholen? Die Kinder der 86-jährigen Marjorie (Lois Smith) haben ihrer Mutter einen Diener in der Gestalt ihres verstorbenen Gatten (Jon Hamm) zur Seite gestellt. Er leistet ihr Gesellschaft, lässt sie in alten Zeiten schwelgen, kann aber nicht zupacken und zum Beispiel ein Glas aufheben, das auf den Boden gefallen ist. Dass er bloss eine Projektion ist, merkt man als Zuschauer erst nach etwa 40 Minuten. Der Film beginnt als dialoglastiges Kammerspiel, weitet sich aber zur Reflexion übers Familienleben, als Marjories Tochter Tess (Geena Davis) und ihr Mann (Tim Robbins) für ein paar Tage zu Besuch kommen. Ein gediegenes, aber auch etwas statisches Drama, das existenzielle Fragen aufwirft und ein Wiedersehen mit Schauspielern beschert, die man gerne öfters auf der Leinwand sähe.

 

8. „Menashe“ von Joshua Z. Weinstein (Next)


Dieses von wahren Begebenheiten inspirierte Drama spielt in der ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde von Brooklyn und ist ganz auf Jiddisch gesprochen, das man als deutschsprachiger Zuschauer problemlos versteht. Menashe (Menashe Lustig) ist Witwer und arbeitet in einem koscheren Supermarkt, um sich und seinen Sohn über Wasser zu halten. Seinem Bruder und dem Rabbi ihrer Gemeinde ist das ein Dorn im Auge. Denn laut Thora darf ein Jude nicht allein bleiben, sondern sollte wieder heiraten. Der zwar streng gläubige, aber etwas nachlässige Menashe will aber alleine bleiben, worauf ihm das Sorgerecht für seinen Sohn entzogen wird. Der Film gibt Einblick in Alltag und Riten der Orthodoxen, deren Milieu von starken Hierarchien geprägt ist. Man merkt, dass Regisseur Joshua Z. Weinstein gewissermassen von innen heraus erzählt: Er benennt zwar die Konflikte, bleibt aber sowohl Menashe als auch den Sittenwächtern gegenüber nachsichtig. Erstaunlich ist, wie hermetisch das Milieu der chassidischen Juden ist: Bis auf zwei hispanische Hilfsarbeiter im koscheren Supermarkt hat Menashe keinen Kontakt mit Andersgläubigen. Ein starker Film, der ein Festival-Darling werden wird.
7. „Mudbound“ von Dee Rees (Premieres)


Dies ist der Film, der dieses Jahr in Sundance den grössten Hype verursachte. Die lesbische Afroamerikanerin Dee Rees („Pariah“) hat Millary Jordans gleichnamigen Roman sehr klassisch adaptiert. Sie erzählt vom schwierigen Zusammenleben von Schwarz und Weiss in den Südstaaten: Bei einem Dorf in Mississippi kauft der weisse Clan der McAllens ein Haus, das in der Nähe der Hütte der schwarzen Sklaven der Jacksons liegt. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, werden der weisse Henrie (Garrett Hedlund) und der schwarze Ronson (Jason Mitchell) eingezogen und kämpfen in Europa. GI Ronson wird in Belgien als Kriegsheld gefeiert, hat sogar eine weisse Freundin. Aber zurück in den USA wird er wieder wie der letzte Dreck behandelt. Der Pater familias der McAllens verbietet ihm sogar, ein Geschäft durch den Haupteingang zu verlassen. Dee Rees erzählt behutsam und detailreich, man hat stellenweise das Gefühl, im Kino geradezu zu hören, wie sie in der Vorlage blättert. Für mich hat der Film aber erst an Spannung und Intensität gewonnen, als die Jungs aus dem Krieg zurückkehren und der Ku-Klux-Klan sein Unwesen zu treiben beginnt. Die meisten amerikanischen Kritiker gerieten ins Delirieren, das Wort Oscar kam fast in jeder Besprechung vor. Ich bin nicht so begeistert: „Mudbound“ ist ein solider, etwas akademischer Film, der einen Sog entwickelt, aber angesichts der drastischen Ereignisse, die er verhandelt, doch zu wenig emotional ist und einen als Zuschauer auf kontemplativer Distanz hält. Ich glaube nicht, dass dieses von Netflix gekaufte Drama 2018 den Oscar als bester Film gewinnen wird.

 

6. „The Hero“ von Bratt Haley (U. S. Dramatic)


Der Film beginnt grossartig: Wir hören aus dem Off die tief sonore Stimme eines Mannes, der eine Barbecue-Sauce anpreist. Sie gehört dem alternden Countrysänger Lee Hayden (Sam Elliott), der gerade einen Werbespot aufnimmt. Konzerte gibt er keine mehr, oft verbringt er seine Tage bei seinem Agenten mit Kiffen. Doch dann schneit ihm das Schicksal nochmals eine scharfe Maus ins Haus: Aus Gründen, die das Drehbuch nicht nachvollziehbar macht, verliebt sich die knapp 40-jährige Stand-Up-Comedian Charlotte (Laura Prepon) in Lee und begleitet ihn zu einer Ehrung, wo die beiden auf Drogen viel Spass haben. Dank einer völlig überdrehten Dankesrede wird Lee auf Twitter zum Star. «The Hero» ist eine melancholische, von feiner Ironie durchzogene Charakterstudie über einen alternden Star, der nochmals zurück ins Leben findet. Stellenweise erinnert sie an «Crazy Heart» mit Jeff Bridges.

 

5 „Patti Cake$“ von Geremy Jasper (U. S. Dramatic)


Dieser Film hat das Eccles zum Kochen gebracht und von allen Filmen, die ich gesehen habe, am meisten Applaus erhalten. Geremy Japers taucht in seinem Spielfilmerstling tief ins White-Trash-Milieu von New Jersey ein, wo die fettleibige Patricia (Danielle MacDonald) von einer Karriere als Rapperin träumt. Sie verdingt sich als Kellnerin in einem Catering-Unternehmen und macht am Feierabend Musik mit einem Inder namens Jheri (Siddharth Dhananjay), der in einer Apotheke arbeitet. Wie durch höhere Fügung darf sie eines Tages in der Villa ihres Rap-Idols O-Z (Sahr Ngaujah) arbeiten, dem sie mit einem grünen Drink eine Demoversion ihres ersten Albums serviert, worauf der Arrogante darauf seine Zigarre ausdrückt und sie zum Teufel schickt. Trotzdem lässt sich Patricia nicht unterkriegen, spannt mit einem schwarzen Satanisten und ihrer Oma zusammen und stürmt schliesslich als Killa P, a. k. a. Patti Cake$ die Charts. Der Film ist ein Crowd-Pleaser, der mit seinem Multikulti-Cast dem Zeitgeist entspricht. Er markiert den Durchbruch der Wuchtbrumme Danielle MacDonald, deren Figur und Schauspiel an den Durchbruch von Gabourey Sidibe (was die wohl heute macht?) in «Precious» von 2009 erinnert. Fox Searchlight hat den Bieterkampf um das Feelgood-Movie gewonnen und sich die Kinorechte für 10,5 Millionen Dollar gesichert. Hoffentlich wird der Film auch in der Schweiz zu sehen sein.
4. „Where Is Kyra“ von Andrew Dosunmu (Premieres)


Dieser Film des Afroamerikaners Andrew Dosunmu ist ein Sozialdrama, das wie ein Kunstfilm inszeniert ist. Michelle Pfeiffer verkörpert die etwa 50-jährige Kyra, die nach dem Tod ihrer Mutter ums Überleben kämpft. Weil sie keinen Job findet, gibt sie sich auf der Bank mit Sonnenbrille und tief ins Gesicht gezogenem Hut als die Verstorbene aus, um so deren Pension weiter zu beziehen. Als sie sich in den Büezer Doug (Kiefer Sutherland) verliebt, versucht der sie zur Vernunft zu bringen. Dosunmu evoziert eine schwermütige Stimmung. Kyra hält sich meist in Innenräumen auf, die der Regisseur in schummriges Licht und in grün-bräunliche Farbtöne taucht. Die Marginalisierung der Titelheldin betont er dadurch, dass er sie oft am Bildrand placiert. Der Film entwickelt einen starken Sog, was auch dem eindringlichen Spiel (der leider ziemlich gelifteten) Michelle Pfeiffer zu verdanken ist, die hier zum ersten Mal seit vier Jahren wieder auf der Leinwand zu bewundern ist. «Where Is Kyra» ist wunderbar komponiert, aber natürlich das Gegenteil von einem Feel-Good-Movie. Als hätte es noch einen Beweis dafür gebraucht, wie mainstream-verdorben selbst das Publikum in der Indie-Wiege Sundance mittlerweile ist, sagte mir eine Frau an der Bus-Station: «I hated that movie, it’s so weird».

 

3. ,,Crown Heights” von Matt Ruskin (U. S. Dramatic)


Dieses Gefängnisdrama war der letzte der 29 Filme, die ich in den neun Tagen in Sundance gesehen habe und es bescherte mir einen starken Festivalschluss. Eigentlich hatte ich ja ein Ticket für die Gala-Premiere von «The Incredible Jessica James» im Eccles, doch auf dem Weg zum Kino habe ich auf dem iPhone die Reviews in den Trades gelesen, die auf ein 08/15-Befindlichkeits-Flick hindeuteten. Und da ich ohnehin keine Lust mehr hatte, eine halbe Stunde bei minus 10 Grad Schlange zu stehen, ging ich kurzerhand ins Village Cinema, um «Crown Heights» zu schauen. Matt Ruskin erzählt, wie der Afroamerikaner Colin Warner (Lakeith Stanfield), ein Kleinkrimineller aus New York, 1980 zu Unrecht wegen Mordes verurteilt wird, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Wir folgen ihm als Zuschauer in den Knast, wo er von einer Latino-Gang vermöbelt wird. Derweil sammelt ein Freund draussen Geld, um eine Neubeurteilung des Falls zu erwirken. Doch erst nach über 20 Jahren kommt Warner frei. Der Film basiert auf einem klugen Drehbuch und bleibt spannend von A bis Z. Natürlich hat man das Gefühl, alles schon einmal in anderen Filmen wie «Dead Man Walking» oder «The Green Mile» gesehen zu haben. Doch abgeschmackt wirkt der Thriller nicht. Erschütternd ist nicht nur die wahre Geschichte, sondern auch der am Ende eingeblendete Fakt, dass in den USA 2,3 Millionen Menschen im Gefängnis schmoren – davon schätzungsweise 120 000 zu Unrecht verurteilte. «Crown Heights» ist starker Tobak, einer der wenigen Sundance-Filme mit Chancen auf einen Publikumserfolg in hiesigen Kinos. Er hat verdientermassen den Publikumspreis gewonnen.

 

2. „Landline“ von Gillian Robespierre (US Dramatic)


Dieses Befindlichkeitsdrama beginnt beschwingt: In der ersten Einstellung sehen wir, wie sich die gegen einen Baum gelehnte Dana (Jenny Slate) von ihrem Freund Ben (Jay Duplass) von hinten vögeln lässt. So endet für die beiden 1995 das Labor-Day-Weekend im Ferienhaus, bald darauf wollen sie heiraten. Zurück in New York befallen Danna jedoch Zweifel, ob ihr gutmütiger Langweiler, der im Bett am liebsten Magazine liest, der Richtige fürs Leben ist. Überhaupt, die Ehe: Soll man sich für immer binden? Ihr Vater (John Turturro) ist jedenfalls kein gutes Vorbild, denn er hat eine Liebhaberin, wie Danas kleine Schwester (Abby Quinn) herausfindet, die anfängt, mit Drogen zu experimentieren. „Landline“ hat kein grosses Thema, es ist eines dieser typischen Sundance-Flicks, wie sie Richard Linklater und Noah Baumbach beherrschen. Robespierre („Obvious Child“) spiegelt die Befindlichkeit der vier Familienangehörigen, erzählt in Vignetten von den kleinen schmutzigen Geheimnissen, die sie haben. Was den Film von anderen Befindlichkeits-Flicks abhebt, ist einerseits die grossartige Besetzung und andererseits die liebevolle Retro-Ausstattung. Wer in den 1990ern jung war, wird immer wieder „Genauso-war-es“-Momente haben, etwa wenn Dana im Musikgeschäft per Knopfdruck in CD reinhört.

 

1. “The Nile Hilton Incident” von Tarik Saleh (World Dramatic)

In diesem stimmungsvoll inszenierten Politthriller erzählt der schwedische Regisseur Tarik Saleh, wie während des arabischen Frühlings Vergangenheit und Zukunft in Ägypten aufeinanderprallten und viele Menschen dazwischen verrieben wurden. Im Kairo des Jahres 2011 lernen wir den abgelöschten Cop Noredin kennen. Er raucht zu Hause gerade einen Joint, als das Fernsehen eine Rede von Präsident Hosni Mubarak überträgt, welcher der Polizei für ihren Einsatz gegen Terroristen dankt. Noredin ist Teil des korrupten Systems, steckt Schmiergelder ein und konsumiert Drogen, die er bei Dealern beschlagnahmt hat. Doch dann muss er in einem Mordfall ermitteln: Im Nile Hilton Hotel wurde einer Schlagersängerin die Kehle durchgeschnitten. Offenbar hatte sie zuvor Sex mit einem verheirateten Immobilienhai, der verspricht, Kairo wieder gross zu machen. Die Spur führt direkt ins Zentrum der Macht, Noredins Vorgesetzter will den Fall als Selbstmord der Sängerin ad acta legen. Doch der kleine Cop ermittelt auf eigene Faust weiter und wechselt die Seite – just, als in Kairo die Massendemonstrationen beginnen, die Mubarak zu Fall bringen werden. „The Nile Hilton Incident“ ist ein spannender Thriller, der ein politisches Klima evoziert und bei dem Rhythmus und Form perfekt dem Inhalt entsprechen: Zu Beginn ist er langsam, spielt in dunklen schummrigen Räumen, die Regisseur Saleh in langen Einstellungen einfängt. Der korrupte Cop steht für das lethargische Ägypten. Doch dann erwachen er und das Land, streben nach Wahrheit und der Film wird heller, die Szenen dynamischer. Das Ende ist so düster wie brillant und zeigt, wie viele Drahtzieher des alten Regimes sich durch opportunistisches Anpassen in die neue Zukunft retten konnten. Drehen musste Saleh übrigens in Casablanca, weil die Regierung von Ägypten seiner Crew drei Tage vor Drehbeginn die Arbeitserlaubnis entzog. Hoffentlich bringt ein Schweizer Verleiher den Film bei uns heraus.

The Sheep’s Ultimate Best List Of 2016

1.  Arrival

Wir können uns nur vorstellen, was wir auch formulieren können. Die Grenzen unserer Sprache markieren die Grenzen unseres Bewusstseins. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn wir eine Sprache erlernen könnten, die das Universum mit seinen Parametern von Raum und Zeit anders strukturiert, sähen wir unsere Welt als eine andere, weil wir anders dächten.

Um diese hochspannende, aber sehr theoretische philosophische These zu einem emotionalen und nachvollziehbarem cineastischen Erlebnis zu verpacken, lässt Denis Villeneuve Ausserirdische, welche praktisch aus dem Nichts in acht über den Globus verteilten, an Monolithen erinnernde, gurkenförmigen Quasi-UFO’s erscheinen, die laut- und schwerelos knapp über der Erdoberfläche schweben und in der Folge die Menschheit, vertreten durch die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) und dem Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner), mit der Beschränktheit unserer Sprache und demzufolge unseres Bewusstseins konfrontieren.

„Arrival“, Denis Villeneuve’s („Incidents“, „Prisoners“, „Enemies“, „Sicario“) letzter Film bevor er dann im Herbst 2017 sein lang erwartetes „Blade Runner“-Remake auf die Leinwände bringen wird, ist sein bisher bestes Werk, was etwas bedeutet, da in seinem Oeuvre eigentlich keine qualitativen Ausfälle zu erkennen sind und er praktisch für jedes Filmgenre (Horror, Thriller, Action, Drama) seinen ganz persönlichen Knallerbeitrag beisteuerte, der – wenn nicht eine neue Bestmarke – so doch jedes Mal einen unauslöschbaren Fussabdruck markierte. So stellt er nun auch im Sci-Fi-Genre die jüngeren und durchaus respektablen Beiträge wie „Interstellar“ deutlich in den Schatten und platziert sich auf Anhieb auf Augenhöhe mit den ganz grossen Klassikern wie „2001“ oder „Solaris“. So sind es nicht nur die – wie immer bei Villeneuve – düsteren, befremdlichen und gleichzeitig hochästhetischen Bilder, unterlegt mit unheilschwangeren, bombastisch-schrägen, dieses Mal an Orka Wale gemahnende Töne oder teilweise eher Schreie, fliessend abgelöst von Max Richters („The Leftovers“) tieftraurigem „On the nature of daylight“, was fasziniert, sondern auch die erzählerische Struktur, die sich an dem philosophischen Exkurs orientiert, die Grenzen der linearen Strukturen aufreisst und schliesslich in einer simplen, wie aber auch bestechend zeitlosen und wahren Einsicht mündet: Der Wert des Momentes, der Zeit, gerade in Anbetracht unserer Endlichkeit.

In Anbetracht der philosophischen Natur dieses Stoffes und der kompletten Fokussierung darauf unter konsequenter Auslassung aller möglichen, reisserischen oder effekthascherischen Aspekte, die ja so ein „Invasion“-Stoff theoretisch bieten würde, der reduzierten poetischen Form des Erzählens, der feinen Zwischentöne, der nuancierten Betrachtungen und der zutiefst humanen Note, erstaunt es umso mehr, dass in dem heutigen möglichst auf Risikominimierung ausgerichteten Filmgeschäft über 50 Millionen Dollar in so ein ambitioniertes und intellektuell anspruchsvolles Projekt investiert wurden. Man kann es sich nur damit erklären, dass die Produzenten entweder die Absichten des Regisseurs nicht wirklich verstanden haben oder dass bei Denis Villeneuve einfach keine Fragen mehr gestellt werden. So oder so, die Welt – zumindest die der Cineasten – dankt. Denn durch die Diskussionen über diesen Film ist man gezwungen, über das zu sprechen, was man eigentlich nicht formulieren kann. Und bekanntlich genau das könnte unser Bewusstsein erweitern und verändern, zumindest nach der eingangs erwähnten Theorie. Ob es wirklich auch etwas bewirkt, werden wir ja noch sehen. Der dazu notwendige Film ist auf jedenfalls mal entstanden.

Arrival, USA 2016, 117 Min. Regie: Denis Villeneuve Mit Amy Adams, Forest Whitaker und Jeremy Renner

 

2. Nocturnal Animal

Es war von Anfang an absehbar, dass dieser Film zu den grossen Würfen im Kinojahr 2016 gehören wird. Wer die Arbeiten und Filme von George Clooney, Jack Gyllenhaal und Tom Ford ein wenig kennt, der weiss, dass alle drei ein exquisites Händchen für aussergewöhnliche Filmprojekte haben, die meistens auch abseits des Mainstreams angesiedelt sind. Und wenn die dann zusammen was anreissen (Clooney als Produzent, Ford als Regisseur und Gyllenhaal als Hauptdarsteller) und dies als eine Art Rape-Revenge-Thriller klassifiziert wird, mit mehreren Erzählebenen, der Jury-Preis in Venedig einheimst, die ersten durchsickernden Kritiken sehr kontrovers ausfallen, von totaler Ablehnung („Der Film ist so oberflächlich, wie die Oberflächlichkeit, die er anzuprangern meint“) bis hin zur komplett euphorischen Absolution („Filmkunst in Perfektion“), Zuschauer unter anderem das Kino entnervt verlassen, Buh-Rufe bis Applaus, dann kann man sicher sein, etwas Aussergewöhnliches serviert zu bekommen. So ist es dann auch.

Die erfolgreiche Galeristin Susan, die in L.A. mit Schlafstörungen und einer eingefrorenen Ehe in einem sinnentleerten Dasein vor sich hin vegetiert, kriegt eines Tages von ihrem Ex-Mann, zu dem sie seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr hatte, das finale Script zu seinem neuen Roman mit dem Titel „Nocturnal Animals“ zugesandt. Darin wird ein Ehepaar mit seiner Tochter im Teenageralter irgendwo in Texas in der Nacht von brutalen Outlaws von einer Landstrasse abgedrängt, Frau und Tochter entführt und der Mann in der Wüste ausgesetzt. Das mit den absehbar unausweichlich schrecklichen Folgen. Die durch die Lektüre aufgewühlte und sich bedroht fühlende Galeristin sieht sich gezwungen, sich mit den jahrelang verdrängten Gefühlen zu ihrem Ex-Mann und letztlich mit ihrem eigenen Leben auseinanderzusetzen.

Wie es von Tom Form nicht anders zu erwarten war, ist hier Ultra-Ästhetik Programm, beinahe jede Einstellung könnte auch in Susan’s Galerie in L.A. hängen, wobei Ford für jede Handlungsebene eigene stilistische und farbliche Konzepte entwarf, die sich gegenseitig wiederum möglichst hoch kontrastieren.

Im Unterschied zu Nicolas Winding Refn’s „Neon Demon“, der auch immer wieder als Vergleich zu „Nocturnal Animals“ herangezogen wird – wie auch „Lost Highway“ von David Lynch und „No Country for Old Men“ von den Cohen Brothers – ist dieser Film aber definitiv kein Zelebrieren der Form über den Inhalt. Im Gegenteil, die Story – nach einem Roman von Austin Wright („Tony&Susan“) – ist eine tief erschütternde Reflektion über verpasste Chancen und verlorene Liebe, über das ewige Dilemma von Herz und Verstand und die daraus entstehenden Konsequenzen. Wie Ford dies umsetzt, ist brutal, teilweise fast unerträglich intensiv und beklemmend, aber auch hochsensibel und letztlich tieftraurig. Tom Ford entpuppt sich nun definitiv als einer der begabtesten Filmemacher unserer Zeit mit einem ästhetisch Gespür und inszenatorischem Timing, das seinesgleichen sucht und von einer angeborenen Genialität zeugt. Dass Jack Gyllenhaal oder Amy Adams, die ja schon „Arrival“ praktisch alleine trägt – nicht zu vergessen auch Aaron Taylor-Johnson als verstörender Red-Neck-Sadist – hier zu Bestform auflaufen, trägt dazu bei, dass auch die höchsten Erwartungen nochmals gesprengt werden. Dass der Schluss eine grosse Deutungsbreite mit möglichst grossem Interpretationsspielraum über die Intention von Edward, ihrem Ex-Ehemann, zulässt, die das ganze Geschehen je nach Betrachtung in ein komplett anderes Licht rückt, mag für gewisse Leute unbefriedigend oder unbequem sein, spricht aber für die psychologische Komplexität des Stoffes. Als kleine Hilfe erwähne ich hier deshalb nur zwei Wörter: Goldene Kette. „Nocturnal Animal“ wird sich als der grosse Kultfilm dieses Jahres in der Filmgeschichte festschreiben. Sie werden unweigerlich daran denken, wenn Sie Ihre nächste Beziehung zu „dumpen” gedenken und wird Sie bis in Ihre Träume verfolgen. Wenn Sie dann überhaupt schlafen können…

Nocturnal Animals, USA 2016 116 Min. Regie: Tom Ford Mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon und Aaron Taylor-Johnson

 

3.  Paterson

We have plenty of matches in our house
We keep them on hand always
Currently our favourite brand
Is Ohio Blue Tip
Though we used to prefer Diamond Brand
That was before we discovered
Ohio Blue Tip matches
They are excellently packaged
Sturdy little boxes
With dark and light blue and white labels
With words lettered
In the shape of a megaphone
As if to say even louder to the world
Here is the most beautiful match in the world
It’s one-and-a-half-inch soft pine stem
Capped by a grainy dark purple head
So sober and furious and stubbornly ready
To burst into flame
Lighting, perhaps the cigarette of the woman you love
For the first time
And it was never really the same after that
All this will we give you
That is what you gave me
I become the cigarette and you the match
Or I the match and you the cigarette
Blazing with kisses that smoulder towards heaven
(Love Poem)

Es mag ja sein, dass die Storyline von einem Busfahrer in Paterson, New Jersey, von dem sieben Tage in seinem Leben erzählt werden, in denen er mehr oder weniger zur selben Zeit aufsteht, anschliessend sein Müsli mit den Ringelcornflakes isst, zur Arbeit zum Busbahnhof geht, vor der Abfahrt Gedichtzeilen in sein „geheimes“ Notizbuch schreibt, bevor er dann den Bus wirklich startet um seine täglichen Routen abzufahren, dabei den typischen Alltagsgesprächen von seinen Gästen lauscht, am Mittag auf einer Parkbank ein Sandwich zu sich nimmt und weitere Gedichtzeilen in sein Notizbuch schreibt, am Abend wieder nach Hause läuft, sich mit seiner leicht durchgeknallten, immer voller neuen Ambitionen und Ideen steckenden, aber liebevollen und hübschen Freundin unterhält, besser, ihr eher zuhört, bevor sie dann ein von ihr zubereitetes immer kreativ-gesundes – nicht immer sein Geschmack treffendes – Dinner (Broccoli-Cheddar-Cheese Pie zum Beispiel) verspeisen, ehe er dann noch eine letzte Runde um das Quartier mit ihrer, ihm leicht feindselig gesinnten, englischen Bulldogge dreht, wo er noch einen letzten Abstecher in seine Stammbar für ein Abendbier einlegt, dort einen kleinen Schwatz mit dem Barmann, einem der Gäste oder gar keinen Schwatz hat, um sich nachher auf den Weg zur Nachtruhe macht und dies dann eben siebenmal in Folge, nicht zwingend jedermann in neugierige Übermut versetzt. Für diejenigen, die sich aber an diesen scheinbar langweilen und handlungsarmen Stoff heranwagen, denen darf ein Effekt in Aussicht gestellt werden, der einer tief entspannenden, entkrampfenden und zufrieden stellenden Tiefen-Meditation-Session in nichts nachsteht. Im Gegenteil. Allenfalls anfänglich leicht irritiert von der Entsagung sämtlicher gewohnter Spannungstreiber, ein wenig unruhig von der Gemächlichkeit des Erzähltempos, eventuell kleine Juckreize von all den ständigen Repetitionen und Nebensächlichkeiten verspürend, verfällt man nach und nach in einen unmerklich sich aufbauschenden und unwiderstehlichen Sog der erhabenen Ereignislosigkeit, der puren Schönheit der kleinen alltäglichen Dingen, bis man am Schluss beim Abspann sich wünscht, einfach sitzen zu bleiben und sich ewig von diesen magischen und irgendwie glücklich machenden Wogen mitziehen zu lassen. Mit seinem dreizehnten Spielfilm liefert Jim Jarmusch, 64 Jahre alt, und bekannt als Meister der melancholischen Lakonie, sein Opus Magnum ab. Wohlgemerkt im besten zen-buddhistischen Sinne. Es scheint tatsächlich der Wahrheit zu entsprechen, dass Amazon, der grösste Konkurrent von Netflix, der ja auch zum Beispiel schon Woody Allen für sich gewinnen konnte („Crisis in Six Scenes”), keine, aber wirklich gar keine Vorgaben an die von ihm engagierten – zumindest bei den renommierten – Kulturschaffenden macht und somit Jarmusch ermöglichte, sein Meisterwerk unter Auslassung von sämtlichen, dem üblichen Spannungsbogen zuträglichen Ingredienzen, umzusetzen, um somit den eindeutig radikalsten Film von 2016 zu erschaffen. „Paterson“ ist kein Film über Poesie. „Paterson“ ist Poesie! Aber was genau ist Poesie? Fragen wir doch Paterson selber. „Poetry? Just words on water“. Punkt.

Paterson, USA 2016, LZ 123 Min. Regie: Jim Jarmusch Mit Adam Driver, Golshifteh Farahani und Masatoshi Nagase

 

4.  The Affair

Es besteht kein Zweifel mehr daran, dass Fernsehserien im Begriff sind, den klassischen Kinofilm als Ort der Unterhaltung und der Flucht aus dem Alltag – zumindest in der Populärkultur – abzulösen oder ihn bereits abgelöst haben. Dass viele namhafte Filmschaffende, in letzter Zeit auch aus der anspruchsvollen Arthouse-Ecke, ebenfalls zu Netflix, Amazon und Co. abwandern, unterstreicht und beschleunigt diesen Trend umso mehr. Obschon effektiv einige cineastischen Perlen aus dieser Revolution entstanden sind („True Detective”, „Fargo“, „The Leftovers” etc.), ist der konzeptionelle Unterschied zwischen TV und Kino meistens noch zu offensichtlich – und oftmals natürlich auch Absicht – oft daran erkennbar, dass die Story dramaturgisch auf die einzelnen Folgen ausgerichtet ist, welche dann an jedem Ende irgendein möglichst spannender, schockierender oder provozierender Cliffhanger präsentiert, was dem Erzählfluss und der Geschichte insgesamt meistens nicht gerade zu erhöhter Konsistenz, Glaubwürdigkeit oder Authentizität verhilft, sondern eher einfach den Showeffekt des Gezeigten unterstreicht. Muss ja nicht per se schlecht sein, hätte aber auf dieser Bestenliste der cineastischen Werke eines Jahres nichts verloren. Nicht so aber bei dem bei uns in Europa immer noch nicht gestarteten und im Frühjahr 2016 nur auf DVD erschienenen Meisterwerk der sinnlichen Spannung. Die Serie „The Affair“, welche von Sarah Treem und Hagai Levi für den Sender „Showtime“ kreiert wurde, welche 2015 die Golden Globes als bestes Fernseh-Drama (gegen „Games of Thrones“, „House of Cards“ etc.) gewonnen hat, ist die bisher konsequenteste Verschmelzung von Arthouse-Kino und Fernseh-Serie, da diese auf die oben genannten dramaturgischen Spielereien konsequent verzichtet und sich vollumfänglich auf die Entwicklung der involvierten Figuren konzentriert, dies unaufgeregt, schlicht, authentisch und mit einer sehr selten anzutreffenden Tiefenschärfe, so dass man sich zeitweise eher in einem Roman als vor bewegten Bildern wähnt.

Die Geschichte um die Liebesaffäre zwischen dem Autor und Familienvater Noah Solloway (Dominic West) und der Kellnerin Alison Lockhart (Ruth Wilson), ihre jeweiligen Beweggründe und deren weitläufige Konsequenten werden in einem sogenannten Spiegelungsverfahren erzählt, das Akira Kurosawa in seinem Meisterwerk „Rashomon“ das erste Mal angewendet hat. Dieselben Ereignisse werden jeweils aus der Sicht von Noah und aus der Sicht von Alison erzählt. Dass die Rekonstruktion der Geschehnisse retrospektiv in einem separat geführten Polizeiverhör stattfindet, verleiht der ganzen Geschichte von Anfang an eine unterschwellig unheilvolle und anhaltende Spannung, die mit dem sonst sehr stillen und dramatischen Handlungsverlauf in einer betörenden Symbiose steht. Das subtil in den Handlungsbogen eingeflochtene Gesellschaftskaleidoskop vom Schauplatz Montauk, East Hamptons, dessen wirtschaftliche Entwicklung vom idyllischen Fischerdörfchen in eine Touristenhochburg von mehrheitlich vermögenden New Yorkern hier skizziert wird und die dadurch entstandenen ethnologischen Veränderungen, die sich drastisch in die Verhältnisse der dort seit Jahrzehnte herrschenden Clan-Strukturen auswirkten, verleiht dieser tragischen Liebesgeschichte zusätzlich zur lyrischen auch noch eine epische Qualität.

Unterstrichen wird dies noch durch die melancholischen ruhigen Klänge von Marcelo Zarvos und die formidablen Darsteller, die bis in die Nebenrollen exzellent besetzt sind. Die Main-Acts Dominic West und Ruth Wilson als das zwischen Lust und Schmerz agierende Liebespaar stossen das Tor zwischen Fiktion und Realität beängstigend weit auf. Dass man gar nicht anders kann, als sich in die von Ruth Wilson gespielte Alison Lockhard zu verlieben, ist schliesslich auch die dramaturgische Bedingung dieses Konzeptes. Und es geht auf. Egal welchem Geschlecht Sie angehören.

The Affair, USA 2014, LZ 500 Min. Idee: Sarah Treem & Hagai Levi Mit Dominic West und Ruth Wilson

 

5.  The Valley of Love

„Mise en abyme“, eine Spiegelkonstruktion von Bilder oder Bild-in-Bild Effekt, so nennt Guillaume Nicloux („Die Nonne“, „The Kidnapping of Michel Houellebecq“) das dahinterliegende Konzept zu seinem „The Valley of Love“. Warum? Der Film führt die beiden Kolosse des französischen Films nach 35 Jahren wieder zusammen. Kolosse im übertragenen und im buchstäblichen Sinn. Wir sprechen hier von Gérard Depardieu und Isabelle Huppert. Sie spielen ein geschiedenes Ehepaar, das in der sengenden Hitze des Death Valley unfreiwillig zusammentrifft, da der gemeinsame Sohn sich umgebracht hat und ihnen beiden per separaten Brief versprochen hat, ihnen noch einmal an diesem unwirtlichen Ort zu begegnen, um ihnen für ihr Versäumnis und Verzagen, sich um ihn zu seinen Lebzeiten zu kümmern oder sich auch nur für ihn zu interessieren, zu vergeben. Dies werde an einem der 20 Orte, welche willkürlich im Todestal verteilt sind, aber in den Briefen minutiös markiert, inklusive minimale Aufenthaltsdauer, passieren. Beide Eltern sind berühmte Schauspieler und haben ihre Lebenszeit ausschliesslich für den Aufbau ihrer Karrieren eingesetzt. Sie heissen übrigens auch im Film Gérard und Isabelle.

„Die Grenzen zwischen dem richtigen Leben und der Fiktion verwischen sich. Mit dieser Methode, diesem Alibi einer Fiktion, vermochte ich das Wort Dokumentarfilm loszuwerden. Man verwendet den Begriff immer synonym mit Wahrheit, aber er ist genau das Gegenteil: Nichts ist mehr Fake als das Dokumentarische. Die Wahrheit findet man nur in der Fiktion.“

In Maurice Pialats Film „Loulou“ von 1980 spielten Gérard Depardieu und Isabelle Huppert zwei Liebende aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, eine gutbürgerliche Ehefrau und einen proletarischen Hallodri, die feststellen müssen, wie sehr die Herkunft sie trennt.
Depardieu’s Sohn Guillaume verstarb bereits im Oktober 2008 im Alter von 37 Jahren an einer Lungenentzündung.

„The Valley of Love“ hält von Anfang an eine vibrierende, fesselnde Grundstimmung, was einerseits an der Metaebene dieser Geschichte liegen mag, die durch das elektrisierende Schauspiel der beiden Wiedervereinten absolute Glaubwürdigkeit erhält, wenn nicht sogar Verwirrung stiftet. Die Vertrautheit, die gefühlte vergangene Intimität, die Trauer und Verzweiflung des Verlustes ihres Kindes zeichnet sich in jeder Gestik, Mimik und jedem gesprochenen Wort ab. Die musikalische Untermalung besteht aus dem Musikstück „The Unanswered Question„ von Charles Ives, das zwischen 1906 und 1908 entstanden ist und als eines der Schlüsselwerke der musikalischen Moderne sowie als einer der originellsten amerikanischen Beiträge zur Musikgeschichte gehandelt wird. Die zusätzlich surrealen, teilweise sehr fremdartig- und schockierenden Traumelemente, die zunehmend übersinnlichen Momente, gepaart mit der anschwellenden Hilflosigkeit und Verwirrung der Hauptakteure, verleiht dem Film eine einzigartig mysteriös-dramatische Note, irgendwo zwischen Beziehungsdrama, Bussgang, existenzieller Wüstenmeditation mit einem Hauch Geisterspuk und einem Schuss Heavy Metall. Gemäss Regisseur entstanden gewisse Schlüsselszenen völlig ungeplant und demzufolge komplett improvisiert – ganz seiner Arbeitsweise enstprechend: „Ich möchte nur nach der Intensität und Energie eines Augenblicks greifen“. Das ist ihm in der Tat gelungen. Starker Tobak.

Valley of Love – Tal der Liebe, Frankreich 2015, LZ 92 Min. Regie: Guillaume Nicloux Mit Gérard Depardieu und Isabelle Huppert

 

6.  Brooklyn

Ganz grosse gelungene Melodramen im altmodischen Stil – dies wohlgemerkt positiv gemeint – sind selten geworden. Um „altmodisch“ kurz zu definieren: Gemeint sind die Art von Filmen, die generationenübergreifend funktionieren und in jedermann die grossen universellen Gefühle wecken, getrieben von moralischer Aufrichtigkeit, ohne verkommene Seitenhiebe an die Adresse der dunklen Seiten des Homo Sapiens.
Dies mag einerseits an der immer grösseren Nachfrage nach schnell konsumierbarem Gefühlskitsch, der keine grossen Nachwehen verursacht, liegen, die mit den diversen Sonntags-TV-Programmen (Rosamunde Pilcher) oder im Kino mit den seriell produzierten und mit hoher Kadenz auf die Leinwand gestrahlten Nicolas-Sparks-Verfilmungen („The last Song“, „The best of me“) – Herzschmerz nach Schema F – gestillt wird. Filme wie „The English Patient“, „Cinema Paradiso“, „Rain Men“ oder „Atonment“ liegen bereits eine Ewigkeit zurück. Nicht wirklich geglückte Versuche wie dieses Jahr „The Light between the Ocean“ gibt es natürlich immer wieder und eigentlich gelungene Überraschungen wie „Ain’t them body saint“ oder „I Origins“ (Sheep Bestenliste 2014/15) sind offensichtlich zu sperrig, um den Weg zu einem grösseres Publikum zu finden. Als rare Ausnahme kann der letztjährige „Carol“ von Todd Haynes mit Cate Blanchett und Rooney Mara genannt werden und der grosse Oscarfavorit 2017, „La La Land“ – der aber obskurerweise bei den Golden Globus in der Kategorie Musical/Comedy ausgezeichnet worden ist. Deshalb war die „freudige Trauer“ umso grösser, als beim Abspann von „Brooklyn“, eine britische-irische-kanadisch Koproduktion des irischen Regisseurs John Crowley („A boy“), nach dem gleichnamigen Roman von Colm Tóibín adaptiert von Nick Hornby („About a Boy“, „High fidelity“), unmittelbar die Erkenntnis sich festsetzte, ja, es ist endlich wieder einmal vollbracht, der ganz grosse Wurf im melodramatischen Genre im alten Stil ist vollständig gelungen! Das dies so ist, zeigt unter anderem auch die Tatsache, dass „Brooklyn“ bereits wenige Monate nach dem Kinostart in der 2016 erschienenen weltweiten BBC-Umfrage unter Filmkritikern zu den bedeutendsten 100 Filmen des 21. Jahrhunderts (48. Platz./Platz 1 ist „Mullholland Drive“ von David Lynch) gewählt worden ist! Die Geschichte der junge Irin Eilis (Saoirse Ronan), die in den frühen fünfziger Jahren Heimat und Familie hinter sich lässt, um in New York die Chance auf ein besseres Leben zu ergreifen, dort angekommen, am Heimweh fast zerbricht und sich am Ende zwischen zwei Männern, einer aus der neuen, der andere aus der alten Welt, befindet, ist derart bitter-zart, feinfühlig und ergreifend umgesetzt, dass der Taschentuch-Vorrat ab Beginn in Reichweite platziert werden muss. Zu keinem Zeitpunkt verfällt der Film aber in kitschiges oder prätentiöses Terrain, sondern besticht durch eine wunderschöne Inszenierung, welche sich durch Zurückhaltung und Bescheidenheit auszeichnet und den Schwermut der Immigrantin in wohldosierten Abständen mit feinem Humor bricht. Letztlich ist „Brooklyn“ aber ein Ein-Personendrama und Saoirse Ronan’s („Atonment”, „The Lovely Bones“) Wandlung von dem schüchternen und einsilbigen Mauerblümchen zu einer weltgewandten, wunderschönen und begehrenswerten Frau, deren wahrstes Inneres und deren Gedanken immer hinter ihren geheimnisvollen traurigen blauen Augen versteckt bleiben und nur erahnt werden können, ist dann auch der grosse Zauber dieses tief ins Herz gehenden intimen Epos. Grosses bewegendes Kino alter Schule!

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten, England/Irland/Kanada 2015, LZ 112 Min. Regie: John Crowley Mit Saoirse Ronan, Emory Cohen, Domhnall Gleeson

 

7.  Frantz

Ein junge Frau sitzt im Louvre vor einem Gemälde eines Selbstmörders. Nach einer Weile setzt sich ein junger Mann neben sie und fragt, was sie an diesem Bild so reizvoll finde. „Es weckt die Lebenslust wieder in mir“, entgegnet sie. Die Schlusseinstellung von Francois Ozons („8 Femmes“, „Swimming Pool“, „Jeune et Jolie“) neuestem Meisterstück, das den bisherigen Glanzpunkt seines Schaffens darstellt, bringt die emotionale Verfassung seiner Protagonisten in diesem Remake von dem Ernst-Lubitsch-Klassiker „Der Mann, den sein Gewissen trieb“ von 1932, auf den Punkt.

Die Witwe des im ersten Weltkrieg, dem „Grande Guerre“, gefallenen Frantz findet an seinem Grab in Quedlinburg, Sachsen-Anhalt, im Jahre 1919 als der Friedensvertrag von Versailles die Bedingungen für eine Neuordnung Europas ausgehandelt wurden, einen jungen Mann, einen Franzosen, vor, der Blumen auf das Grab ihres Verlobten legt. Wer ist dieser Mann? Was tut ein Franzose nach dem Ende des grauenvollen Gemetzels in Deutschland, wo sich die Gemütslage der ländlichen Dorfbevölkerung nach der Schmach, welche Deutschland durch die Franzosen erfahren hat und trotz politischem Waffenstillstand, noch nicht wirklich aufgehellt hat? Was sind seine Absichten? Diese Fragen werden in diesem formal brillant umgesetzten Film sehr lange nicht aufgelöst und sorgen so für eine mysteriöse und verunsichernde Spannung, welche durch die scheinbare Gewissheit und Zutraulichkeit der Eltern von Frantz – nach anfänglicher unverhohlen feindseliger Skepsis – gegenüber dem französischen Mann, namens Adrien, eher noch verstärkt wird. „Haben Sie keine Angst, uns glücklich zu machen“, fällt da einmal von diesen zu Adrien, ihn auffordern, auf der Geige von Frantz ihnen was vorzuspielen, im festen Glauben dessen, was Adrien ihnen zu seiner Beziehung zu Frantz gesagt hat. Dass sie sich in Paris kennengelernt und beste Freunde geworden sind, da sie die Liebe zur Kunst und vor allem zur Musik geteilt haben.

Dies wird nicht die letzte Lüge sein in einem Film, der die menschlichen Widersprüche und mäandernden emotionalen Standpunkte, die schlussendlich immer auch Ausdruck einer persönlichen Überlebensstrategie sind, mit einer selten gesehenen Eleganz, hochspannend, aber auch tieftraurig ausleuchtet und gleichzeitig ein Sittenbild des noch jungen zwanzigsten Jahrhundert entwirft mit einer Tiefenschärfe, wie es zuletzt nur Michael Haneke in „Das weisse Band“ geschafft hat. Nichts wirkt hier kulissenhaft oder aufgepinselt, kein Dialogsatz riecht nach Papier. Die streng durchkomponierten und düsteren Schwarz- Weiss-Bilder, die gelegentlich in Momenten der Hoffnung und des fragil aufleuchtenden Glückes durch einbrechende Farbe abgelöst werden, sparsam unterlegt mit den elegischen Streicherkompositionen von Philippe Rombi, machen „Frantz“ zu einer sinnlichen Dauerexplosion erster Güte, was nur noch durch Paula Beer, die erst 22 Jahre alte deutsche Schauspielerin („Das finstere Tal“), welche an den 73. Filmfestspielen von Venedig für ihre Rolle der Anna den Marcello-Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin gewann und bereits als legitime Nachfolgerin von Romy Schneider gehandelt wird, überragt wird und so einen unauslöschbaren betörenden Eindruck im Gedächtnis des Zuschauers hinterlassen wird. Und nach all dem Leiden, all dem Lügen und Täuschen bleibt die nüchterne und trotzdem irgendwie zuversichtlich stimmende Botschaft: Freund oder Feind, Hass oder Liebe sind nicht unbedingt einfach nur Gegensätze. Manchmal könnten sie auch nur der Widerschein des jeweils anderen sein – eine suggerierte Illusion. So ist denn auch das Unglück austauschbar, wie die Liebe auch.

Frantz, Frankreich/Deutschland 2016, LZ 113 Min. Regie: Francois Ozon Mit Pierre Niney und Paula Beer

 

8.  Mustang

Mit „Mustang“, dem Erstlingswerk der in Paris lebenden Tochter eines türkischen Diplomaten Deniz Gamze Ergüven gelang der Jungfilmerin einen mehr als furiosen Einstand. Der als reine Offenbarung gefeierte Film über fünf junge Geschwistermädchen, irgendwo im Nowhere in einem kleinen türkischen Dorf, die sich trotzig und mutig gegen den ihnen aufgezwungenen dort herrschenden archaischen Ehrenkodex auflehnen und sich unter Inkaufnahme aller Konsequenzen stoisch ihrem Schicksal widersetzen, räumte nicht nur den Europe Cinemas Label Award bei den internationalen Filmfestspielen von Cannes 2015 ab, sondern holte sich auch die französische Nomination für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film und die Nomination als bester Film bei den Golden Globe. Zudem war die Presse voll des Lobes über die mutige Anklage gegen die Zustände im gegenwärtig repressiven türkischen Regime, welches Gleichstellungsfragen und gesellschaftlichen Fortschritt im Allgemeinen bekanntlicherweise nicht gerade zu seinen Top-Prioriäten zählt. Obschon – dies muss fairerweise auch erwähnt werden, gerade als Schweizer – das Frauenstimmrecht in der Türkei bereits 1930 landesweit eingeführt wurde.

Man würde „Mustang“ aber keineswegs gerecht werden, wenn man ihn in die Kategorie des anklagenden Sozialdramas, welches Missstände in fernen Regionen dramatisiert, presste, da dies nicht nur die Sicht auf den universellen Charakter dieses filmischen Zauberstücks völlig verstellte, sondern auch die Intentionen der Filmemacherin vernebelte, die gemäss ihren Aussagen von ihrem Lieblingsgenre „Gefängnisfilme“ und dem dortigen Kronjuwel „Escape of Alcatraz“ beeinflusst wurde und dies im Film mit diversen Seitenhieben und Referenzen auch ersichtlich ist. Nur ist es halt dieses Mal nicht der toughe Clint Eastwood, der sich mit einem Löffel seinen Weg ins Leben zurück kratzt, sondern es sind fünf höchst niedliche, mental erstaunlich reife, aber noch von der jugendlichen Lebenskraft und entgegen aller Widrigkeiten trotziger Willensstärke durchfluteten Mädchen, die sich wie ein einziger Leib mit fünf Körpern gegen den von ihrer Familie festgelegten Pfad aus Lustfeindlichkeit, Zwangsheirat und Dasein als mehr oder minder rechtlose Hausfrauen zur Wehr setzen. Sie tun das nicht mit ehrfürchtig verbissener Ernsthaftigkeit, sondern mit einem kindlichen naiven, übermütigen Starrsinn. Die teilweise spielerische Freude an der Auflehnung und das später resolute und verzweifelte Aufbäumen gehen fliessend ineinander über, wobei die engen Banden zwischen den Mädchen in jeder Geste und jedem Blick spürbar sind.

Natürlich ist die Regisseurin nicht nur von Clint Eastwood inspiriert worden, sondern auch von ihrer Kindheit, die sie als kleinstes Kind in einer Grossfamilie in einem türkischen Dorf verbrachte. So sind dann auch die meisten Begebenheiten an realen Erfahrungen von ihr selber oder an Leuten, die sie kannte, abgestützt. Da sie diese an sich tragischen Erlebnisse aber keinesfalls ebenso düster auf die Leinwand bringen wollte, inszenierte sie diese Geschichte in möglichst lichtdurchfluteten und sinnlichen Bildern, was dann auch der ständige Vergleich mit Sofia Coppolas „The Virgin Suicide“ evozierte, ein Film, den sie aber vorher – nach ihrer Aussage – noch nie gesehen hat. Zur überwältigenden Wirkung tragen in diesem schliesslich doch sehr intimen Beinahe-Kammerspiel die fünf jungen Hauptdarstellerinnen bei, von denen nur eine jemals vor einer Kamera gestanden ist, während die anderen in einem – zusammen mit der Regisseurin – spielerischen Prozess an ihre Rollen herangeführt wurden, geradezu organisch mit ihren Filmrollen verschmelzen.
Die Kleinste der fünf, Günes Sensoy, die auch sozusagen die Hauptrolle besetzt, hat eine Leinwandpräsenz, die die scheinbar amazonenhafte Ausstrahlung einer Angela Jolie in die Liga  eines verunsicherten Mauerblümchens degradiert. Und dies alleine nur mir ihrem Blick.

Resultat ist ein berührendes Meisterstück, das ein bedrückendes Thema gerade durch seine zurückhaltende, verspielte Art und seine sinnliche und intime Inszenierung einen zutiefst nachhaltigen Eindruck vermittelt und der universelle Botschaft des unermüdlichen, mutigen und widerspenstigen Kampfes gegen die Unterdrückung ein humanes, zu aller Letzt aber auch Mut und Hoffnung spendendes Gesicht verleiht. Die Titelgebung mag in diesem Kontext metaphorisch überhöht erscheinen, wenn man aber die fünf Mädchen sieht, wie sie alle zusammen mit ihren wilden, langen Haaren einer mürrisch verbitterten Nachbarin nachrennen, wild entschlossen auf Rache, mit einem markdurchdringenden Schreien, da diese sie bei ihrer Familie wegen angeblich unzüchtigem Verhalten verpetzt hat, versteht man, warum dieser Film nicht anders heissen darf. Brennt durch ihr wilden, anmutigen Pferde und lasst euch nie mehr einfangen!

Mustang, Türkei/Frankreich/Deutschland 2015, LZ 97 Minuten, Regie: Deniz Gamze Ergüven Mit Güneş Nezihe Şensoy, Doğa Zeynep Doğuşlu.

 

9.  American Honey

Inmitten des amerikanischen Vorwahlkampfes und dem aufkommenden Thema des White Trash platzte urplötzlich an den 69. Fimfestspielen von Cannes so ein kleiner Low-Budget- Film ins Rampenlicht der Oeffentlichkeit und dies nicht nur, weil er den Preis der Jury gewann oder mit fast 3 Stunden Laufzeit doch schon fast epische Formen aufwies, sondern, weil er anscheinend genau diese Gesellschaftsschicht in den USA thematisierte, welche schon länger in den Fokus der Medien gerückt war, da diese als das grösste Risiko für einen Wahlsieg von Hillary Clinton – und noch nicht Putin – betrachtet wurden. Wenn man den Film aber mal gesehen hat, fragt man sich, ob da die Filmkritiker nicht wieder etwas zu vorschnell in die Tasten gehauen haben. Mal abgesehen davon, dass die Hauptperson, Star, eine junge Frau auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft, aus tatsächlich desolaten Zuständen stammt, da ihre Mutter starb und sie alleine in einem heruntergekommenen Viertel in Oklahoma auf ihre jüngere Schwester aufpassen muss, hat „American Honey“ mit White Trash nicht wirklich viel zu tun, zumal Star dann auch sehr rasch und kompromisslos – sie lässt ihre jüngere Schwester zurück – aus ihrem Leben entflieht und sich einer sogenannten Drückerkolonne anschliesst, eine Truppe von mehrheitlich Jugendlichen, die in einem Bus durch die USA brausen, um irgendwelche Abonnements für Zeitschriften auf Provision zu verkaufen. Das nebenbei noch wild abgefeiert wird und amouröse Verstrickungen geradezu programmiert sind, versteht sich von selbst. Angeführt wird die Truppe von Krystal, einer knallharten und zynischen „Bitch“, welche sich auch den männlichen Top Seller der Truppe, Jack, als Lover oder eher als Haussklaven hält, dessen Schnauze und protziges Verhalten umso ausgeprägter wird, je mehr er von seiner Lover-Chefin gedemütigt wird. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb verliebt sich Jack in die attraktive junge Neue, die er anfänglich auch mit seiner überdrehten Art in einem Supermarkt angesprochen und ihr die Möglichkeit, mit ihnen mitzufahren, angeboten hat.

So geht es dann auch in diesem Film viel mehr um den inflationär bemühten Mythos des American Dream und dessen Erfüllung, der sich ja vor allem über das schnell verdiente Geld und mit dem damit verbunden gesellschaftlichen Aufstieg, definiert. So sind dann auch die Parallelen von „Amercian honey“ zu „The Wolf of Wolf Street“ gross: Eine mit Zuckerbrot und Peitschen geführte Abzocker-Truppe, die den Leuten das Geld abquatscht und am Ende jedes Tages der Erfolgloseste von der Gruppe bestraft und der Beste belohnt wird. Das kollektive Besäufnis folgt so oder so. Was „American Honey“ von anderen, ähnlich gelagerten Filmen abhebt, ist, dass das ganze kapitalistische Treiben sehr oft von stillen Beobachtungen des heutigen Amerika unterbrochen wird, vermittelt durch die Augen der die grosse weite Welt entdeckenden Star, während den langen Busreisen: ungefiltert, roh, aber auch schwelgerisch und wunderschön. Wie es sich bei einem Film über Aufbruch und Träume gehört, ist die Musik der grosse emotionale Treiber und wird zur eigentlich kommentierenden Stimme der Befindlichkeit der Protagonisten. Von Country, über Rihanna, zu Rap, nichts fehlt, nichts ist zu viel.

Die Schauspielerriege in diesem Film von Andrea Arnold („Fish Tank“) ist so ungewöhnlich wie auch verblüffend frisch und unverbraucht, was sicherlich zu der authentischen Stimmung beiträgt. Zwar hat sie mit Shia LaBoeuf (Jack) einen ehemaligen A-Lister (u.a. „Transformer“- Reihe) besetzt. Dieser hat sich aber 2012 offiziell von der „korrupten“ Hollywood-Maschinerie losgesagt und will nur noch in Independent-Filmen, wie zum Beispiel in Lars von Trier’s „Nymphomaniac“ mitspielen (obschon ja „Fury“ von 2014 mit Brat Pritt kein wirklicher Indi-Film ist), wobei seine öffentlichen Wutausbrüche und sonstigen Eskapaden in den letzten Jahren für weit mehr Schlagzeilen als dessen Filmauftritte gesorgt haben. Trotzdem oder genau deshalb ist er für diese Rolle die Idealbesetzung, da jeder Moment von seiner scheinbar grenzenlosen Hybris, zügelloser Energie und latenter Unberechenbarkeit geprägt ist, die nur ein Schauspieler an den Tag legen kann, der bereit ist, sich vorbehaltlos und fatalistisch einer Rolle zu unterwerfen und eigentlich nichts mehr zu verlieren hat. Ihm zur Seite stehen mit der Elvis-Enkelin Riley Keough („Mad Max: Fury Road“, „Magic Mike“) als knallharte Rädelsführerin und Sasha Lane, als Star, die erst vor Drehstart von der Regisseurin beim Spring Break in Florida entdeckt worden ist, zwei völlig angstfrei und überzeugend aufspielende Persönlichkeiten zur Seite.

Mit einem kleinen Filmteam und den vielen Laiendarstellern fuhr die Regisseurin 56 Tage durch die USA und schuf so eine unmittelbare Bestandesaufnahme der USA und dem American Dream, eine Art Mischung aus Road-Move, Coming-of-Age-Geschichte, Kapitalismus-Satire und Sozialdrama. Serviert wird dieser einmalige Cocktail auf einer mitreissenden Musikcollage, flankiert von überzeugenden Neuentdeckungen und einem sich in Rage spielenden Shia LaBoeuf. Trotz allen Widerständen und Widrigkeiten wird unbeirrt – immer nach dem grossen Traum strebend – weitergekämpft, weitergeträumt und weitergefeiert. Und dies wütend, wild, verzweifelt und euphorisch. Bounce it!

American Honey, England/USA 2016, LZ 162 Min. Regie: Andrea Arnold Mit Sash Lane, Shia LaBeouf, Riley Keough

 

10.  The End of the Tour

Durch nichts entsteht ein intimeres Porträt, als wenn ein Mensch sich mit einer Vertrauensperson im existenziellen Zwiegespräch befindet. Dies im Gegensatz zu den zahlreichen auf Hochglanz stilisierten Hollywood-Biopics, die meistens einen Schnelldurchlauf durch die bedeutendsten Stationen im Leben der porträtierten Persönlichkeit vornehmen. Die viel unspektakulärere, aber dafür meistens aufschlussreichere Methode der Annäherung benutzte James Ponsoldt, um den Menschen hinter der Kultfigur und Ikone der amerikanischen Gegenwartsliteratur, David Foster Wallace, der sich im Alter von 46 Jahren aufgrund seinen schweren Depressionen das Leben nahm, zu ergründen. Basierend auf dem Buch „Although of Course You End Up Becoming Yourself“ von David Lipsky, der den Schriftsteller als Bewunderer und Reporter des „Rolling Stones“-Magazins auf dessen Promotionstour zu seinem Roman „Unendlicher Spass“ durch die Vereinigten Staaten begleitet. Die Gespräche zwischen den beiden, die Lipsky auf Tonband aufnahm, sind von hohem und bisweilen paranoischen Misstrauen und von der Ablehnung seitens des depressiven Schriftsteller geprägt. Die teilweise kurz aufblitzenden Momente der zaghaften Annäherungen und fragilem Zutrauen offenbaren aber kurze Einblicke in die gnadenlosen Abgründe und Ängste eines vom Erfolg verwöhnten und verzogenen, aber letztlich einsamen, nach Liebe und Zuneigung heischenden und für diese Welt schliesslich zu sensiblen Menschen. Die Dialogpassen in ihrer schlichten und wahrhaftigen Art sind denn auch das dramaturgische Herzstück des Films, was nicht erstaunt, da diese halt einfach auch echt sind.

Das kammerspielartige Drama, das komplett auf die Annäherung der beiden Protagonisten oder eher Antagonisten fokussiert und auf jegliche inszenatorische Ausschmückungen verzichtet und dadurch umso rauher und dichter daherkommt, wird von Jason Segel („Wallace“) und Jesse Eisenberg (Lipsky) kongenial, frei von aller Eitelkeit getragen.

Es ist die berühmt schicksalsträchtige Zufälligkeit, dass ein halbes Jahr vorher mit „Life“ von Anton Curbjin ein beinahe identischer Film über James Dean anlief, welcher kurz vor seinem Tod noch eine Freundschaft zu dem „Life“-Photograph Dennis Stock aufbaute, dies anlässlich zu einem Fotoshooting, woraus eines der meistreproduzierten Bilder aller Zeiten – James Dean an einem regenverhangenen Tag tief in den Kragen seines Mantels gebeugt und lässig mit einer Kippe im Mundwinkel kokettierend durch die Strassen Manhattans schlurfend – und dieser in einer ähnlichen Seelenschau durch die endlosen Gespräche der beiden mündete.

Obschon „The End of the tour“ deutlich tiefer geht und mit einer selten gesehenen, unaufgeregten und geerdeten Authentizität die Unsicherheiten und Ängste eines hypersensiblen und sich unverstanden fühlenden und depressiven Künstlers entlarvt und dadurch einen viel nachhaltigeren Eindruck hinterlässt, wurde „Life“ – der durchaus auch seine starken Momente hat, gerade durch die fotografische Qualitäten (ist ja auch von Corbjin) – in den Kinos ein Achtungserfolg, während Ersterer bei uns in Europa gar nie in die Lichtspielhäuser kam. Eine weitere verpasste Sternstunde des Kinos. Wenigstens Sichtbar auf DVD und Apple TV.

The End of the Tour, USA 2015, LZ 106 MIn. Regie: James Ponsoldt Mit Jason Segel und Jesse Eisenberg

 

Not to miss as well! 10 more irresistible movies in 2016!
The Leftovers – Season 2

Neben „The Affair“ gab es im Jahr 2016 aus der Sicht vom Sheep nur noch ein Grossereignis, das sich direkt am TV abgespielt hat – wobei hier natürlich die Qualität von anderen Top-Serien („Mr. Robot“, „GoT“, „Walking Dead“, „True Detective 2“, „Fargo 2“…) auf keinen Fall angezweifelt werden will. Aber die zweite Staffel von dem „Trauerspiel“ um die verbliebenen Seelen auf der Welt, nach der grossen Entrückung von Millionen von Menschen, erreicht mit formaler Brillanz, raffinierter Erzählstruktur, kultigen Figuren, intensivem Schauspiel, wohligen Provokationen und süffig-melancholischem Max-Richter-Sound die höchste Stufe des seriellen Erzählens. Eigentlich die inoffizielle Fortsetzung von „Twin Peaks“. Apropos: Mr. Lynch ist für seinen offiziellen Start in diesem Jahr mehr als nur gefordert.

The Leftovers 2, USA 2015, LZ 589 Min. Idee: Damon Lindelof, Tom Perrotta Mit Justin Theroux, Amy Brenneman, Christopher Eccleston und Liv Tyler.

 

The Gift

Wenn einem wieder mal die Lust auf einen schönen, fiesen Psychothriller mit gemeinen Schockeffekten und einem ganz perfiden – „Seven“-mässigen – Schluss befällt, dann bekommt man hier, was man sucht. Und das alles noch hochdekorativ mit Jason Bateman und Rebecca Hall, einem hochattraktiven Hauptdarsteller-Paar. Geheimtipp!

The Gift, USA 2015, LZ 108 Min. Regie: Joel Edgerton Mit Jason Bateman, Rebecca Hall und Joel Edgerton

 

The Revenant

Die überlieferte Geschichte von einem Pelzhändler, welcher sich hunderte Meilen weit, angebissen von einem Bären und sich eigentlich bereits in der Zwischenwelt von Leben und Tod bewegend, durch die unwirtlichen Wälder und Eiswüsten der Rocky Mountains schleppt, um den Tod seines Bruders und eigentlich auch den Mord an ihm selber zu rächen (unterlassene Hilfeleistung seiner Trapperfreunde), hat sich nicht nur bereits jetzt schon zu einem absoluten Kultfilm entwickelt, der alles, was es an Filmpreisen so zu gewinnen gibt, u.a. die Oscars (Kamera, Regie und endlich, endlich Hauptdarsteller Di Caprio), Golden Globes (Bester Film) abräumte, sondern hat auch gleich eine bereits verloren geglaubte philosophische Glaubensrichtung wiederbelebt und zwar den Stoizismus: Die Bewegung der Stoiker, also Leute, die das Leiden respektive das gelassene Aushalten des Leidens als Lebensziel verfolgen. Das Buch „The Obstacle is The Way“ hat sich bereits eine halbe Million Mal verkauft, Tim Cook und andere Prominente bekennen sich bereits leidend zu den Vorreiter-Leidensbrüdern. Und der neue Wummer von Mr. Birdman, Alejandro G. Iñárritu ist das was „Siddharta“ von Hermann Hesse für Buddhisten ist. Oder die Bibel für Christen. Lassen Sie sich also inspirieren und leiden Sie in Zukunft schöner!

 

The Revenant – Der Rückkehrer, USA 2015, LZ 156 Min. Regie: Alejandro G. Inarritu Mit Leonardo Die Caprio, Tom Hardy

 

Umimachi Diary – Unsere kleine Schwester

Drei Schwestern treffen an der Beerdigung ihres Vaters auf ihre 14-jährige Halbschwester und nehmen diese ganz selbstverständlich bei sich auf. Sie essen Makrelen, lachen und leben den Moment. Hirokazu Koreedas („Like Father, Like Son“) der japanischste aller japanischen Filmemacher adaptierte die Manga-Serie der Zeichnerin Akimi Yoshida („Umimachi Dary“), das Tagebuch der Küstenstadt, von welchem seit 2007 bereits sechs Bände erschienen sind und deren Schauplätze in Kamakura inzwischen mehr Touristen als alle Tempel der Stadt anziehen. Die Verfilmung des gänzlich Undramatischen der äusseren Geschehnisse dürfte dem Ort nun den grössten Besucherstrom seit 1333 (Schlacht von Kamakura – Ende des Hojo Clas) bescheren – als ein Wallfahrtsort für die Fans des Unspektakulären.

Zen-Buddhismus als gelebte filmische Vision. Durch einen Tunnel aus rosafarbenen Kirschblüten und Wunderkerzen bei einer nächtlichen Kimono-Party werden Sie das Glück wieder finden. Einer der schönsten japanischen Filme ever!


Umimachi Diary, Japan 2015, LZ 127 Min. Regie Hirokazu Koreeda Mit Haruka Ayase, Masami Nagasawa, Kaho

 

Demolition

Jack Gyllenhaals kongeniale Fast-One-Man-Show, als Investmentbanker, der nicht um seine verstorbene Frau zu trauern weiss. Sein phasenweise absurd teilnahmsloses und destruktives Verhalten verstört nicht nur seine Schwiegereltern, sondern teilweise auch den Zuschauer. Aber genau das macht diesen Film so stark, denn nur was aufwühlt, fordert auch und zwingt einem, eine eigene Haltung einzunehmen. Denn es gibt nichts Individuelleres und Unabsehbareres als die Reaktion des einzelnen Menschen auf Extremsituationen. Was der plötzliche Tod eines Geliebten ja auch ist. Reifer, sehenswerter, aber auch komischer und berührender Film zu einem schwierigen Thema, der sich getraut Widersprüche stehen zu lassen. Zudem starker Soundtrack.

Demolition, USA 2015, LZ 100 Min. Regie Jean-Marc Vallée Mit Jake Gyllenhaal, Naomi Watts und Chris Cooper

 

The Hateful Eight

Wenn pausenlos geflucht wird, rassistische Sprüche am Laufband abgefeuert werden, Frauen verprügelt und so viele Kugeln verschossen werden, dass am Schluss meistens keine Menschenseele mehr übrig bleibt und die Kritiker und das Publikum weltweit in einer seltenen Einhelligkeit diesem Treiben zujubeln, dann, ja dann kann es sich nur um einen Tarantino-Film handeln. Auch sein achter hält ein, was der Name Tarantino verspricht. Dieses Mal ein in sechs Kapiteln strukturiertes nicht linear erzähltes Western-Kammerspiel mit Musik von Ennio Morricone, das vor allem dem grossen Kinski-Klassiker „Il grande Silencio“ seinen Tribut zollt. Einfach nur grossartig! You shot me down, peng, peng!

The Hateful Eight, USA 2015, LZ 168 Min. / 187 Min. (Originalfassung) Regie: Quentin Tarantino Mit Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Tim Roth, Michael Madsen, Jennifer Jason Leigh, Bruce Dern, Channing Tatum

 

Der Schamane und die Schlange

„El abrazo de la serpiente“ ist die kolumbianische Variante von „Apocalypse Now“. Tief im Amazonas verfallen und begegnen der deutsche Anthropologe Theodor Koch Grünberg Anfangs des 20. Jahrhunderts und dreissig Jahre später der Biologe Richards Evans Schultes auf der Suche nach der sagenumworbenen Yakruna (Ayahuasca) Pflanze dem Wahnsinn und dem Tod. Basierend auf den realen Tagebüchern der beiden, gefilmt in betörend schönen Schwarz-Weiss-Bildern, ist dieser Film wie ein Fiebertraum von einer anderen, bedrohlich-faszinierenden Welt. War nominiert für den Oscar 2016 als bester fremdsprachiger Film.

El abrazo de la serpiente, Kolumbien 2015, LZ 125 Min. Regie: Ciro Guerra Mit Jan Bijvoet, Brionne Davis

 

Room

Eine Mutter, die zusammen mit ihrem 5-jährigen Sohn jahrelang in einem kleinen Raum unter der Erde gefangen gehalten wird, plant ihre Flucht…Trotz schwerer Thematik und unangenehmen Assoziationen (Kampusch) ist dieser Film eine Ode an die Schönheit des Lebens und an unsere Welt. Gewisse Szenen sind das Bewegendste, was man seit Langem auf der Leinwand sehen konnte und rauben einem schlicht den Atem. Es ist selten so still im Publikum gewesen, wie nach der Vorstellung von „Room“, der einem längere Zeit nicht mehr aus dem Kopf und dem Bauch geht. Zurecht einer der grossen Preisabräumer im letzten Jahr inklusive Oscar- und Golden-Globe-Nominierung als bester Film und den Gewinn dieser Auszeichnungen für Brie Larson als Mutter.

Room, Irland/Kanada 2015, LZ 118 Min. Regie: Lenny Abrahamson Mit Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, William H. Macy.

 

California City / Above and Below

Ein namensloser Moskitojäger streift durch die post-apokalyptisch anmutende Geisterstadt California City in der Mojave-Wüste, welche 1965 flächenmässig als drittgrösste Stadt in Kalifornien angelegt worden ist, aber nur noch gerade 13’000 Einwohner hat. Erinnerungen an eine verflossene Liebe verfolgen ihn, er sucht Rat bei Hellsehern und verliert schlussendlich sogar noch die Verbindung zu seinem Arbeitgeber, sein einzig verbliebener Draht zur “realen” Welt.

Rick&Cindy leben in den Flutkanälen tief unter den funkelnden Strassen von Las Vegas,  Dave in einem verlassenen Bunker und eine Gruppe von quasi NASA Aspiranten befindet sich in der steinigen Wüste Utahs und exorzieren jahrein-, jahraus eine mögliche Marsmission.

Der deutsche Bastian Günther und der Schweizer Nicolas Steiner porträtieren mit unterschiedlichen formalen Konzepten (Spielfilm/Dokumentarfilm) die wahren vergessenen Gruppen und Parallelgesellschaften in den USA, die trotz den obskuren und fremdartigen Lebensumständen uns weit näher sind, als wir dies oftmals glauben wollen. Und trotz aller Widrigkeiten ungemein poetisch erzählt mit einem lang nachhallenden Effekt. Open your Eyes!

Hierfür kriegte Nicolas Steiner den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm.

Above and Below, CH/D/USA 2015, LZ 118 Min., von Nicolas Steiner


California City, D 2015, LZ 84 Min. Regie: Bastian Günther Mit Jay Lewis, Chelsea Williams

Eine schrecklich nette Familie – “Toni Erdmann”

Die grösste Liebe von allen findet man in sich selbst. Das sang einmal Whitney Houston und jetzt Sandra Hüller in “Toni Erdmann“. Wie die Schauspielerin gleichzeitig voller Inbrunst und totalem Widerwillen die Schnulze “The Greatest Love of All“ einer Runde von Fremden beim Osterbrunch entgegen schmettert, ist eines der Highlights des Films. Bei der Weltpremiere in Cannes gab es dafür Szenenapplaus. Preise erhielt “Toni Erdmann” am wichtigsten Filmfestival der Welt allerdings keine, und viele Filmkritiker halten das für einen Skandal. Denn Regisseurin Made Ade ist mit der Tragikomödie ein kleines Wunder gelungen, ein Film, der jenseits einer konventionellen Drei-Akt-Struktur unerschrocken zwischen Slapstick, Brachial-Humor und psychologischem Drama mäandert und schliesslich ins Surreale abdriftet. Es ist bewundernswert, mit welcher Selbstsicherheit Ade ihre 162 Minuten Film auf Zelluloid bannt, ohne dass man den Eindruck hat, dass ihr der Streifen auch nur eine Sekunde lang entgleitet.

Toni Erdmann, das muss man klarstellen, existiert gar nicht. Er ist das Alter Ego von Winfried Conradi (Peter Simonischek), ein Spassvogel ausgerüstet mit lächerlicher Perücke, falschen Zähnen und äusserst gewöhnungsbedürftigem Humor. Jeder kennt ihn, diesen Typ Mensch, der fünf Minuten lang lustig ist und danach einfach nur noch nervt. Für seine Tochter Ines ist der Vater im besten Fall als peinlich, im schlechtesten als und karrieregefährend einzustufen.

Denn Ines’  Welt könnte nicht unterschiedlicher von der des pensionierten Musiklehrers sein. Die Unternehmensberaterin lebt in Bukarest den Corporate Lifestyle. Ihre massgeschneiderten Hosenanzüge sitzen zwar perfekt, aber so richtig wohl fühlt sich die ehrgeizige Mittdreissigerin nicht. Ihr Chef nennt sie ein Tier, und das ist als Lob gemeint.

Als Winfrieds Hund das Zeitliche segnet, beschliesst er sie unangemeldet in Rumänien zu besuchen. Kaum angekommen, bringt er seine Tochter vor Vorgesetzten und Kunden in Verlegenheit. Er will Ines aus ihrer Verbissenheit reissen, sie zum Lachen bringen. Der Plan geht nicht auf, die Situation eskaliert, Winfried reisst ab. Vermeintlich, denn in den nächsten Tagen taucht er als selbsternannter Lifecoach Toni Erdmann immer wieder in ihrer Nähe auf. Der Film fängt erst dort an, wo die konventionelle Hollywoodkomödie aufhört.

Ade macht es dem Publikum nicht leicht, “Toni Erdmann“ ist keine Feel-Good-Komödie, in der die Jungen von den Alten lernen und umgekehrt und sich anschliessen freudestrahlend in den Armen liegen. Die Filmemacherin zeigt unbarmherzig, was passiert, wenn die Nähe abhanden kommt, eine Beziehung nicht funktioniert. Das hat sie schon in 2009 in “Alle anderen“ getan, nur ist es in “Toni Erdmann“ keine Paarbeziehung, die sie seziert, sondern die zwischen einer Tochter und ihrem Vater, eine Verbindung die man auf ganz elementarer Ebene nicht auflösen kann.

Dass der Film, dem eine etwas kürzere Laufzeit sicher nicht geschadet hätte, funktioniert, ist auch der Verdienst der beiden Hauptdarsteller Simonischek und Hüller, die den Unterschied zwischen Schauspielern und Filmstars exemplifizieren und deren kleinste Regungen die grössten Geschichten erzählen. Mit Mut und technischer Bravur kreieren sie Figuren, die in jedem Moment glaubwürdig sind. Gerade deshalb tut es so weh, ihnen zu zu sehen. Etwa wenn Winfried seine Tochter anfaucht: “Bist du eigentlich ein Mensch?“

Eine Träne für jedes Lachen – das war die Maxime von Trickfilm-Pionier Walt Disney. Maren Ade hat das verstanden. Ein britischer Kritiker schrieb über “Toni Erdmann”: “Wenn Sie glauben, keinen Platz in Ihrem Leben für eine 162 Minuten lange deutsche Komödie zu haben, dann schaffen Sie sich den gefälligst.“ Dem kann man sich nur anschliessen.

 

It’s time, everybody is ready to feel better…not! The Leftovers oder das “Sad Film Paradoxon”

„Ich sehe traurige Filme dann gerne, wenn sie tragisch gut gemacht sind. […] Wenn man die Tiefen nicht hat, kann man die Höhen nicht beurteilen, und wenn man nicht weiß, was traurig bedeutet. Er [der Film] lässt mich an andere Menschen erinnern z. B., und das sensibilisiert mich dann eben […].“
(Rezipient trauriger Filme / Interviewperson, männlich, 30 Jahre alt)

Diese Aussage steht einleitend in einer 2007 veröffentlichten Diplomarbeit für das Fach Psychologie an der Universität Köln zu dem Thema „Selektionsmotive für traurige Filme und Analyse der spezifischen Rezeptionsmodalitäten. Untertitel: Eine qualitative Untersuchung zum Sad Film Paradoxon im Rahmen der Unterhaltungsrezeption“. Keine Bange, ich will jetzt niemanden mit langwierig psychologischen Abhandlungen über die Faszination von traurigen Filmen langweilen, möchte aber trotzdem auf das Phänomen hinweisen, dass es unter uns Zeitgenossen gibt, die sich an dem Elend, Leid, Unvermögen und letztendlich am Scheitern ihrer Mitmenschen nicht nur unterhalten, nein teilweise sogar daran wortwörtlich laben, erquicken und ergötzen. Seelen-Vampire. Wer mehr über diese düstere gesellschaftliche Entwicklung in Erfahrungen bringen möchte, sei explizit auf die oben stehende Diplomarbeit verwiesen, wobei der in der Einleitung zitierte Rezipient mit seiner Aussage sicherlich nicht sehr weit entfernt von den zugrundeliegenden Beweggründen und Motiven der „Betroffenen“ liegt. Deshalb erlaube ich mir an dieser Stelle den theoretischen Bereich zu verlassen, nicht ohne aber ergänzend anzumerken und letztendlich einzugestehen, dass der Schreibende selber schon länger auch von diesem schauerlichen Symptom betroffen ist und sich ebenfalls zu der Gruppe der „Leid-Watchers“ zählen muss…ja, ja, es ist schon traurig und phasenweise auch schockierend…yeahhhh!

Für diejenigen also, die sich jetzt in der Anonymität des Lesers persönliche Eingeständnisse machen müssen, derzeit aber noch hemmungslos diese Neigung ausleben möchten, muss die jetzt im deutschsprachigen Raum auf Blue Ray/DVD erschienen HBO Serie „The Leftovers“ zwingend empfohlen werden, den das seelische Leid und die Qualen der menschlichen Existenz wird dort über rund 550 Min. in allen nur möglichen Variationen zelebriert und dies – ganz nach dem Gusto des in der Einleitung zitierten Rezipient – tragisch gut gemacht. Oder nach den Worten von Matt Fowler (IGN Movies) „It’s a good pain“.

Als Grundlage dient das Neue Testament (Lukasevangelium) der Bibel, auf dem die sogenannte Lehre des Dispensationalismus aufbaut und im Groben die Prophezeiung der sogenannten Entrückung beinhaltet, worin sämtliche Christen urplötzlich von einem auf den anderen Moment von dieser Erde verschwinden, von Gott „heimgeholt“ werden. Zurückbleiben werden nur die Ungläubigen, die eine längere unangenehme Phase vor sich haben, voller Trübsal, Angst und Schmerz, in welcher der Teufel höchstpersönlich die Regentschaft übernehmen wird, bis dann Jesu Christi auf die Erde zurückkehrt um seine 1000-jährige Herrschaft anzutreten.

So beginnt die Erzählung, welche in Mapleton N.Y spielt, drei Jahre nachdem zwei Prozent der Weltbevölkerung oder 140 Mio. Menschen „verschwunden“ sind (darunter der Papst, Jennifer Lopez und Gary Busey…) und die „Leftovers“ irgendwie versuchen, das Geschehene, den Verlust der Liebsten, einzuordnen und in den Alltag zurückzufinden. Im Mittelpunkt steht der Polizeivorsteher Kevin Garvey, Jr., passend besetzt mit Justin Theroux, dessen Frau zwar nicht entrückt worden ist, er aber anderweitig „verloren“ hat und zwar an eine Sekte namens die „The Guilty Remnant“ (Die schulden Uebrigbleibsel…oder so), welche im Stadtbild von Mapleton in Form von kettenrauchenden, weiss gekleideten Mitglieder omnipräsent ist und als Mission quasi die Verhinderung des Vergessens an das schicksalhafte Ereignis haben und jegliche Form einer zukunftsgerichteten lebensbejahenden Perspektive nicht nur ablehnen, sondern auch dementsprechende Anstrengungen ihrer Mitbürger aktiv sabotieren, was ihr eigenes Dasein nicht ganz ungefährlich gestaltet. Kevin Garvey lebt somit alleine mit seiner pubertierenden Tochter, welche ihrerseits in einer passiv-aggressiv-depressiven Selbstfindungsphase steckt, während er verzweifelt versucht, nicht nur die Sicherheit der Stadt und seiner Bürger zu gewährleisten, sondern vor allem die Kontrolle über seine psychische Verfassung oder – konkreter – über seinen Verstand zu bewahren, was aber rein genetisch ein fast schon hoffnungsloses Unterfangen ist, da er eigentlich nur Polizeichef ist, da sein Vorgänger wegen hochgradiger Schizophrenie in die Klapse eingeliefert werden musste und dieser leider sein eigener Vater (Scott Glen) ist. Zudem verheissen seine nächtlichen Ausflüge, bei denen er schlafwandelnd die Hunde in seiner Nachbarschaft verschiesst, nichts Gutes, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass er bei diesem Unterfangen auch von einem imaginären Freund begleitet wird, der ihn diesbezüglich unterstützt, da es sich bei diesen streunenden Tieren eigentlich um bösartige „Zombiehunde“ handeln soll. Unterdessen sein Sohn den Kontakt zur „Familie“ ganz abgebrochen hat, da er – vom College abgehauen und eigentlich schwul – seine Zeit in der Wüste als Helfer eines schwarzen Heilsbringers verbringt, der für viel Geld magische „Umarmungen“ anbietet, die den Menschen Trost spenden und ihren stechenden Lebensschmerz zum Verschwinden bringen soll. Nebenbei beutet er noch minderjährige Mädchen sexuell aus.

Dass die doch sehr unerbauliche Szenerie immer wieder mal mit surreal-irrwitzigen Einlagen aufwartet, ist nur dem Effekt geschuldet, dass die darauf folgenden Szenen noch trauriger, noch dramatischer, noch schonungsloser „einkicken” können. Ein Konzept, das Damon Lindelof (Lost) zusammen mit Tom Perrota, auf dessem gleichnamigen Roman von 2011 die Serie basiert, konsequent durchzieht. Diesbezüglich darf auch wieder mal der Einfluss von David Lynch erwähnt werden, da – jetzt mal abgesehen von Justin Theroux, welcher ja sein Durchbruch in Lynch’s „Mullholland Drive“ erzielte – immer wieder Gestalten aus dem Lynchen’ Universe ganz nebenbei auf der grossen Trauerkulisse durchs Bild huschen (der Riese aus „Twin Peaks“, der schreiende Wohnwagenfahrer aus „Fire Walk with me“) und auch Mapleton, ein verschlafenes ur-amerikanisches Kleinstädtchen mit den seltsam wütenden Hirsche, die nächtens aus unerfindlichen Gründen die Wohnungen der Einwohnung verwüsten, den Rehen, die unmittelbar plötzlich irgendwo auf der Strasse oder in irgendwelchen Gärten stehen, verdächtig stark an Twin Peaks & Co erinnern. Ein absolut tragendes Element hierbei ist der Soundtrack von Max Richter („Waltz with Bashir”, „Perfect Sense“), der jüngst mit dem Europäischen Filmpreis für die beste Filmmusik zu „The „Duke of Burgundy“ ausgezeichnet worden ist und für „The Leftovers“ so minimalistische, wie effektive Melodien komponiert hat, die vor einer solchen Trauer triefen, dass die stillen Momente automatisch benutzt werden müssen um einfach mal krampffrei durchatmen zu können. Selbstverständlich ist das Sounddesign mit fein abgestimmten Popstücken von u.a. James Blake, Crowded House, Simon &Garfunkel, Rihanna etc. zusätzlich veredelt.

Und bei der Darstellerriege gibt es schlichtweg keine Schwachstelle. Neben Theroux brechen Liv Tyler („Armageddon“, „Stealing Beauty“), Amy Brenneman („Heat“), Carrie Coon („Gone Girl“), Christopher Eccleston („Dr. Who“, „The Others”), Sarah Margarte Qualley („Palo Alto“), geschlossen aus ihren darstellerischen Komfortzonen aus.

Die mediale Resonanz war selbstverständlich mehr als nur gemischt, von einhelliger Lobhudelei wie es für Serien wie „House of Cards“, „Game of Thrones“ etc. gibt, kann hier nicht die Rede sein. Zuviel Depro ist ja auch zum guten Glück nach wie vor kein Mainstream. Stimmen wie die vom New York Magazin (“The Leftovers is all bleakness all the time, at the bottom of the first page of my notes, “sloppy handheld camerawork” is crossed out. Beneath it is “overwhelming pain.” Even animals feel the loss“) oder The New Republic („Emotional Violence“) unterstreichen dies exemplarisch. Vielleicht am prägnantesten beschrieb die Wirkung dieser Sad-Show Alan Sepinwall von Hit Fix „Many will hate it. But there will be viewers in whom it strikes a chord so deeply that they will feel themselves overwhelmed by it in the best possible way: not like they’re drowning in the misery, but like it’s teaching them a new way to breathe“ oder Karoline Meta Beisel von der Süddeutschen, welche The Leftovers als „eine einzige lange Therapiesitzung“, in der es „um Trauer, machtlosen Zorn und Wunden ohne Heilungschancen“ gehe, beschrieb.

Um es kurz zu machen. Wenn sogar die Tiere leiden und die Trauer und Verzweiflung an emotionaler Gewalt grenzt, so, dass wir sogar unser Atmen neu erlernen müssen, aber trotzdem ungeduldig den nächsten kathartischen Anfall kaum erwarten können, kann man das, was Damen Lindelof & Tom Perrota hier kreiert haben, eigentlich nur mit einem Wort passend beschreiben. Kult. The Sheep applaudiert. Voller süsser, bizarrer Trauer.

The Leftovers, US 2014, 558 Min,, Created by Damon Lindelof and Tom Perrotta with Justin Theroux, Christopher Eccleston, Liv Tyler, Amy Brenneman, Carrie Coon, Margaret Qualley, Scott Gleen 

The Sheep says Yes: Papertowns

 

Es gibt Momente, da tut Rückbesinnung auf die eigene Jugend gut und was könnte dabei hilfreicher sein, als ein Film, der es schafft, Empfindungen und Emotionen aufflammen zu lassen, die schon längst unter den Eindrücken und Strukturen des späteren, „realistischeren“ und oftmals desillusionierten Ballastes des Erwachsenenlebens irgendwo in den dunkelsten Ecken des Bewusstseins ins Vergessen geraten zu sein schienen.

„Paper Towns“ oder „Margos Spuren“ nach der Romanvorlage von John Green („Das Schicksal ist ein mieser Verräter) ist so ein Film.

Die Geschichte von Q, oder mit bürgerlichem Namen Quentin Jacobson, der sich als kleiner Bub unsterblich in das Nachbarsmädchen verliebt, die Kinderjahre dann auch mit ihr verbringt – sogar mal mit ihr eine Leiche findet – aber dann in der Highschool den Kontakt verliert, da er sich eher zu einem pflichtbewussten, ambitiösen Schüler entwickelt, während sie eher in Richtung unzähmbares, geheimnisvolles Wild Girl geht und sich dabei natürlich auch auf einer ganz anderen sozialen Hierarchiestufe im schulhausinternen Sozialranking bewegt als er, der noch nie wirklich an einer der berühmt-berüchtigten Saufgelagen in Häusern abwesender Eltern teilgenommen hat. Bis sie plötzlich eines Nachts bei ihm auf der Fensterbank vor seinem Schlafzimmer sitzt und ihn bittet, ihr bei einer nächtliche Rachetour – ihr Freund hat sie betrogen – Wache zu stehen, was er natürlich trotz seiner Natur nicht ausschlagen kann und er ihr im Verlaufe  dieser bewegten Nacht zum ersten Mal im Leben im romantischen Sinne nahekommt. Doch am nächsten Tag erscheint sie plötzlich nicht mehr in der Schule. Sie verschwindet spurlos. Q und seine Freunde entdecken aber überall kleine versteckte Hinweise zu ihrem möglichen Aufenthaltsort, die sie anscheinend speziell für Q hinterlegt hat….

Ein wenig Coming-of-Age Geschichte über die persönlichen Lebensträume und die Suche nach seiner Identität, ein wenig nachdenkliches High-School Drama über das unwiderrufliche Ende der Jugendzeit und den damit verbundenen Freundschaften, ein wenig Road-Movie und natürlich die Suche nach der grossen (Jugend-) Liebe…aber alles serviert mit einem witzigen und jugendlich-lockerem Unterton, unaufgeregt, lebensecht und ohne jegliche bedeutungsschwangeren oder sonstige hochtrabende  Regiekapriolen. Und mit Shootingstar Nat Wolf („Palo Alto“, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) und Topmodel Cara Delevinge  („The face of an Angel“) hoch sympathisch besetzt.

“Also, wie ich die Sache sehe, erlebt jeder irgendwann mal ein Wunder. Ich meine, es ist zwar unwahrscheinlich, dass ich vom Blitz getroffen werde oder einen Nobelpreis kriege, Diktator eines Inselstaats im Pazifik werde, an Ohrenkrebs sterbe oder mich spontan selbst entzünde. Aber wenn man alle unwahrscheinlichen Dinge, die passieren könnten, zusammennimmt, ist es wahrscheinlich, dass jedem von uns zumindest einmal etwas davon passiert.”

Eine Erkenntnis, an der Q am Ende des Filmes festhalten wird, obschon er sich eingestehen muss, dass er sich bei vielen anderen Dingen geirrt hat und seine Sicht darauf korrigieren muss. Dies nicht resignierend oder verbittert, sondern dankbar für all das Erlebte und die daraus resultierten Erkenntnisse. Und das Feuer brennt mehr denn je für den Rest seines kommenden Lebens.

effect: heart-warming, depression-reliefe, mental revitalising, rediscovering of boyhood memories

Paper Towns, US 2015, 109 Min., Directed by Jack Schreier, with Nat Wolf, Cara Delevinge

The Sheep’s Favorits from 2015

1. Birdman or The Unexpected Virtue of Ignorance

Wenn in 1000 Jahren – falls es dann überhaupt noch jemand interessiert – über die grössten Filmmacher aller Zeiten resümiert wird, besteht die reale Chance, dass der Name Alejandro González Iñárritu noch vor solchen wie Hitchock, Fellini oder Kubrick genannt werden könnte. Nach seiner Death Trilogie (Amores Perros, 21 Grams, Babel) ist „Birdman „ auf jedenfalls der entscheidende Knockout-Punch, welcher ihn unter Himmelsposaunen an die Weltspitze der zeitgenössischen Regisseure katapultierte. Die satirische Jazz-Tragödie über die Reise in den Wahnsinn eines ehemaligen Hollywood-Superstars (Michael Keaton) ist eine kreative Knallorgie, unüberhörbar, grössenwahnsinnig, polarisierend, arrogant, zynisch und misanthropisch, aber vor allem halt schlicht genial. Nur der fast penetrante Awardregen (u.a. 4 Oscars, 2 Golden Globes, Independent Spirit Award etc) störte hier ein wenig, da der Film unter anderem auch eine ätzende Momentaufnahme der Filmindustrie ist, welche sich aber scheinbar in jüngster Vergangenheit nach dem Grundsatz verhält: Wen Du nicht besiegen kannst, musst Du umarmen. Oder schütte ihn mit Preisen zu. Und wie man hört, könnte sich dies auch 2016 mit seinem naturalistischen Abenteuerfilm mit Leonardo DiCaprio „The Revenant“ schon bald wiederholen.

USA 2014, LZ 119 Min., Directed by Alejandro González Iñárritu. With Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone, Naomi Watts

http://www.thedreamingsheep.com/the-genesis-of-an-everlasting-cult-classic-or-why-we-are-always-confusing-love-for-admiration/

2. Victoria

Mehr eine Art Experiment, als klassischer Spielfilm. Eine Spanierin trifft im Ausgang in Berlin auf eine Gruppe junger Männer und gerät mit diesen auf eine anarchische und amouröse Achterbahn-, welche sich zum Ende hin zur bitteren Höllenfahrt entwickelt. Gedreht alles in einer einzigen Plansequenz, ohne einen einzigen Schnitt, entwickelt der Film über seine 140 Min. Laufzeit allmählich einen Sog und Intensität, welche man von unseren nördlichen Nachbarn noch nie so gesehen hat und ihn zu einem der besten deutschen Film aller Zeiten (wenn nicht der beste) macht. Die fiebrige Nachtoper stellt quasi das Gegenstück zu „Heat“ von Michael Mann dar und ist in letzter Konsequenz auch ein schauspielerisches Husarenstück von der Jungschauspielerin Laia Costa.

D 2015, LZ 140 Min, Directed by Sebastian Schipper  with Laia Costa, ‎Frederick Lau, ‎Franz RogowskiBurak Yiğit

 

3. Sicario

Im Grenzgebiet zwischen dem Süden der USA und dem Norden von Mexiko spielt sich bereits seit Jahrzehnten ein Drogenkrieg mit Abertausenden von Toden, wechselnden Konfliktparteien und ohne die geringsten Anzeichen einer Lösung ab. Filme darüber gibt es bereits (u.a. Traffic), wobei in jüngster Vergangenheit  ein spürbarer Anstieg zu dem Themenkomplex Drogenhandel und deren Mechanismen und Ursachen zu verzeichnen war. Wie zum Beispiel der preisgekrönte und von Kathryn Bigolow produzierte Dokumentarfilm „Cartel Land“.  Oder über Pablo Escobar, welcher im 2015 sogar zweimal prominent porträtiert wurde mit „Escobar – Paradise Lost“ und der fantastischen Netflix Serie „Narcos“.  „Sicario“, was Auftragskiller bedeutet, markiert aber klar einen neuen cineastischen Meilenstein und dies nicht nur für das  Drogenfilmgenre, sondern ist auch einer der besten Actionthriller der letzten Jahre. Knallhart und ohne Kompromisse. Benicio del Toro, Josh Brolin und Emily Blunt sind die Protagonisten in diesem „War against Drugs“, wo es nur schon deshalb keine Unterscheidung von Gut und Böse geben kann, da die politische Haltung und Vorgehensweise ausschliesslich auf einer realitätsfernen ideologischen Doktrin beruht und dadurch die handelnden Akteure auf beiden Seiten zur Abkehr von sämtlichen moralisch-humanistischen Prinzipen zwingt. So bleibt der Satz des Auftragsmörders oder eben Sicarios, gerichtet an die junge FBI Agentin, „you will not survive here. you are not a wolf, and this is a land of wolves now“ zusammenfassend für die gegenwärtige Situation hängen. Der Kanadier Dennis Villeneuve, der mit  „Incedies“, „Prisoners“ und „Enemey“ alles Filme gemacht hat, welche eine ganz eigene puristisch-unterkühlte Aesthetik und atmosphärisch ungeheure Dichte aufweisen, pusht in seinem Drogenthriller die Intensität nochmals auf ein ganz neues Level, so das man im Kino das Gefühl hat, die Luft mit einem Messer zerschneiden zu können. Der Klangteppich, welcher mehr einem Grummeln aus der Hölle gleicht, unterstreicht die beklemmende und bösartige Stimmung noch zusätzlich.  Und del Toro ist halt einfach eine coole Sau!

USA 2015, LZ 121 Min, Directed by Denis Villeneuve with Emily Blunt, Benicio del Toro und Josh Brolin 

4. Mad Max – Fury Road

Ein Grummeln aus der Hölle – Teil 2. Oder mehr ein Brummen. Und Raunen, Trönen und Krachen. Aber auch Streichen, Klagen und Schreien. Picaso‘s Guernica meets Dante’s Inferno. Irgendwo in der Wüste von Namibia (wo die Dreharbeiten stattgefunden haben) nach der grosser Apokalypse. Die meisten Einstellungen dieses Filmes könnten eingefroren als Oelgemälde grosser Meistermaler durchgehen, nur sind sie unterlegt entweder mit klerikaler Passionsmusik oder Punkrock, dazu räkeln sich Victoria Secrets Models in sehr knapp geschnittenen weissen Stofffetzen im fetten martialischen Truck herum, angeführt von der Haremsherrin Charlize Theron und eben Tom Hardy als Outlaw, Rebell und Rächer Mad Max, welche gegen die nicht minder eindrücklich motorisierte Armee des schrecklichen Endzeitherrschers Immortan Joe in die finale Schlacht um die letzten Wasserreserven der Erde steigen müssen. George Miller, der Regisseur der ersten 3 Teile, erschuf nach fast einem Vierteljahrhundert Vorbereitungszeit, mit weit über 100 Mio. USD Budget ein so noch nie gesehenes, wahnwitziges bombastisches Höllenspektakel, dass Filme wie „300“ wie eine Folge von „Magnum” aussehen lässt. Und der erste 4te Teil einer Filmserie in der Filmgeschichte, welche die 3 vorhergehenden Teile, welche ursprünglich ihren Platz in den Geschichtsbüchern gesichert hatten, zum nichtigen Trash degradiert.  Wurde sogar mit dem Preis von  Fipresci (The international federation of film critics) als bester Film 2015 ausgezeichnet, was doch sehr ungewöhnlich ist, heissen doch die Preisträger der vorhergehenden Jahre “Boyhood”, “La Vie d’Adèle” oder “The tree of live”.

USA 2015, Directed by George Miller. With Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult, Zoë Kravitz.

5. Corn Island – Simindis kundzuli

Ein alter abchasischer Bauer errichtet auf einer kleinen temporären Insel im Fluss Enguri im Grenzgebiet von Abchasien und Georgien eine Holzhütte, zusammen mit seiner heranwachsenden Enkelin, und beginnt anschliessend daneben ein Feld mit Mais zu bepflanzen. Gelegentlich fahren patrouillierende abchasische und georgische Soldanten auf ihren Booten an der Insel vorbei. Ab und an erklingen Schüsse aus der Ferne. Und einmal findet die Enkelin einen schwer verwundeten georgischen Soldaten zwischen den bereits hochgewachsenen Maisstangen, welchen sie mit ihrem Grossvater wieder gesund pflegt und vor einem abchasischem Suchtrupp, welches auch auf ihrer Insel nach diesem feindlichen Soldaten Ausschau hält, versteckt und unter Todesgefahr verleugnet. Entgegen der unterschiedlichen Ethnie, der damit verbunden Sprachlosigkeit und dem sie stetig als unterschwellig bedrohlichen Klangteppich umkreisenden militärischen Konflikt…. Am Schluss wird sich die Natur wieder alles nehmen, was sie gegeben hat und der unabdingbare Kreislauf der Dinge beginnt von neuem. Eine eindringliche, aber ganz und gar nicht aufdringliche poetische Abhandlung über das Leben, Tod, Krieg, Menschlichkeit, Verlust der Jugend, den bedächtigen Rhythmus der Natur und dies alles inszeniert auf dieser kleinen, malerischen „Maisinsel“, fast ohne Dialoge (erstes gesprochene Wort nach 25 Minuten)  oder musikalischer Untermalung,  aber mit einem cineastischen Sogeffekt der ersten Güte. Ein meditatives Erlebnis das sich tief in die Seele eingräbt. Unbedingt anschauen!

Georgia 2014, Directed by George Ovashvili with Ilyas Salman, Mariam Buturishvili, Tamer Levent, Ylias Salman.

6. Youth – La giovinezza

Wenn man von einigen Ausnahmen wie „La Vita e bella“, „Cinema Paradiso „ oder „Il postino“ jetzt mal absieht, ist die italienische Filmindustrie nach dem Ableben von Fellini, Antonioni, Visconti Passolini etc. jahrzehntelang mehr oder minder ereignislos vor sich hingedümpelt und hat im internationalen Vergleich – gerade auch zu Frankreich – stark an Bedeutung eingebüsst. Und dann kam Sorrentino. Spätestens seit „La grande bellezza“ hat la Belpaese wieder einen Meister, ein Magier, der es versteht, Bilder und Musik wie ein Dompteur an den richtigen Stellen zu zähmen, zu führen oder eben auch ab und an einen doppelten Saldo schlagen zu lassen. So ist auch die Geschichte von zwei älteren Herren und Lebensfreunden – einem ehemaligen Starkomponisten und Dirigenten, der sich selber in die Rente gesetzt hat und auch weigert, an der Geburtstagsfeier von Queen Elizabeth eine Komposition von ihm aufzuführen, und einem Starregisseuren, der sich noch nicht zur Ruhe gesetzt hat, da er gerade an den Vorbereitungen zu seinem ultimativen Alterswerk ist – die sich in einem Schweizer Wellnesshotel vor alpiner Kulisse zur alljährlichen “Standortbestimmung” treffen, von Einstellung 1 bis zum Abspann von einer solchen künstlerischen Erhabenheit und mit einem solchen Feingefühl inszeniert, dass es einem zeitweise die Sprache verschlägt und die stärksten Szenen kommen beinahe einer Gotteserfahrung gleich. Gegen die Bilder, die Sorrentino teilweise aus seinem Hut zaubert, wirkt der neue Channel Nr. 5 Werbespot wie ein verwackeltes Amateurvideo. Zudem ist auch hier die Schauspielergarde so erlesen, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Jane Fonda und Paul Dano. Holte 2015 den Europäischen Filmpreis als bester Film (und beste Regie, bester Hauptdarsteller etc.)

I/F/CH/UK 2014. LZ 124 Min. Directed by Paolo Sorrentino mit Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Jane Fonda und Paul Dano

7. Whiplash

Ein ambitionierter 19-jähriger Schlagzeugspieler wird vom Leiter der Studioband vom Shaffer Conservatory of Musik in New York entdeckt und in seine Band geholt. Dessen Unterrichtsmethoden sind aber versetzt mit einer fast schon faschistischen Autorität, sadistischer Strenge und regelmässigen Demütigungen, was aber bei dem von Ehrgeiz zerfressenen Jungen nicht nur Leid und Verunsicherung auslöst…Sie finden diesen Plot irgendwie langweilig? Vorhersehbar? Unsexy? Sie täuschen sich! Whiplash geht fast wortwörtlich durch Mark und Bein und unter Schweiss und Blut entwickelt sich allmählich ein Psychoduell erster Güte, das crescendo-artig in einem furiosen Finale mündet, das den Zuschauer mit dem letzten Schlag, dem letzten„Whiplash“, in den Orbit  schleudert. War heisser Aussenseiter-Favorit bei den Oscars 2015 (wo dann eben Birdman abräumte) und die über 100 internationalen Nominierungen für Film- und Kulturpreise können für diesen Low-Budget Streifen durchaus als Empfehlung verstanden werden.

USA 2014, LZ 106 Min. Directed by Damien Chazelle. With Miles Teller, J.K. Simmons, Melissa Benoist, Paul Reiser.

 

8. Inheritance Vice

Wir schreiben das Jahr 1970. Ein kiffender Hippie-Privatdetektiv, welcher in einem Küstenstädtchen in L.A. inmitten von Surfer und Hippies lebt, wird irgendwann von seiner Exfreundin auf einen möglichen Komplott hingewiesen, indem ihr Ex-Lover, ein schwerreicher Immobilienmagnaten, entführt werden soll und in welchem eine Psychiatrie in der Wüste eine Rolle spielen könnte, bevor sie dann selber spurlos verschwindet und bevor er – möglicherweise von einem Mitglieder der Black Guerrilla Family  – mit einem Baseballschläger niedergeschlagen wird und dann ist da noch so eine Drogenorganisation namens „Goldener Fang“ und eine Art “Massagesalon” und auch eine Neo-Nazi-Motorradgang, das FBI und ein spiritueller Erleuchter…Von Paul Thomas Anderson (nicht zu verwechseln mit Wes Anderson), der Macher von Werken wie „Magnolia“, „There will be blood“ oder „Boogie Nights“, weiss man, der er keine halbe Sachen macht und vor allem keine Kompromisse oder Zugeständnisse an die Sehgewohnheiten des Publikums. “Inheritance Vice” (natürliche Mängel) ist nun auch die erste Verfilmung eines Romans des Schriftstellers Thomas Pynchons, der mysteriösen Ikone der US Literaturszene,  welcher sich in den 60-iger Jahren komplett aus der Oeffentlichkeit zurückgezogen hat, von dem nur genau ein ca. 40-jähriges Foto existiert und man natürlich auch keine Ahnung hat, wo er derzeit lebt. Seine Romane galten als komplett unverfilmbar , da sie meistens über 1000 Seiten umfassend sind und mit ihren unzählbaren Figuren, verschachtelten Handlungszweigen und unendlichen Erzählsträngen auch für den überdurchschnittlich intelligenten Leser ohne Namensregister oder sonstige „Orientierungshilfen“ eigentlich kaum zu meistern sind. Das Erstaunliche an diesem Film ist daher, dass das Zusammentreffen von diesen beiden Extremkünstlern in einer komplett vollendeten Symbiose gemündet ist, da Anderson den Geist und Struktur des Romans in die „nur“ 150 Min. Laufzeit übertragen konnte und dies mit der für einen Hippie- und Kifferfilm gebührenden Lässigkeit und Nonchalance. Die Bilder vom sonnendurchfluteten L.A. , der coole 70er Soundtrack, der rabenschwarze und komplett durchgeknallte Humor und schlussendlich die beinahe unendlich lange Liste von A-Stars, wie Joachim Phoenix, Josh Brolin, Owen Wilson, Katherine Waterston, Reese Witherspoon oder Benicio del Toro, die ihre „Mitarbeit“ an diesem Projekt offensichtlich sehr genossen, machen diesen Film zu einem grossartigen und extrem witzigen Spass, auch wenn man schlussendlich nicht die geringste Ahnung hat um was es überhaupt geht. Geeignet auch für Leute, denen “Mullholland Drive” zu gradlinig und „The big Lebowski“ zu spiessig war.

USA 2014, LZ 149 Min., Directed by Paul Thomas Anderson. With Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Owen Wilson, Katherine Waterston.

 

9. Palo Alto

Es gibt Menschen, die sind mit einer aussergewöhnlichen Intelligenz, Kreativität und Sensibilität, sowie mit einem Auge für die Schönheit der Dinge gesegnet. Und können zudem ihre Wahrnehmungen in filmische Reflexionen umsetzen. Mit Gia Coppola und James Franco, zwei angehende kreative Ikonen der Generation X und Y, treffen zwei solcher hochbegabten Menschen in diesem Erstlingswerk zusammen und dieser kreative Superclash ist in jeder Sekunde des Films spürbar. Nicht mit Exaltiertheit und extravaganten manierierten Einfällen. Keine Posen. Sondern durch eine poetische Feinfühligkeit, mit welcher das letzte Collegejahr einer Gruppe Jugendlicher in Palo Alto gezeigt wird und den Fokus auf die kleinen Dinge vor und nach den Ereignissen richtet. Und schlussendlich über das unwiderrufliche Ende der Jugend und der Unschuld reflektiert. Emma Roberts (hat was von Amanda Peet) und James Franco führen kongenial eine Darstellerriege an, welche zumeist keine Kameraerfahrungen mitbringen und dadurch eine authentische fast schon semidokumentarischen Note einbringen. Der Soundtrack ist hypnotisch und der Film insgesamt wie ein trauriger Traum. Immer wenn es zu schmerzhaft werden droht, wacht man auf. Der Traum aber bleibt haften.

USA 2013, LZ 100 Min. Directed by Gia Coppola With Val Kilmer, James Franco, Chris Messina, Emma Roberts, Olivia Crocicchia, Nat Wolff, Zoe Levin

http://www.thedreamingsheep.com/das-kleine-madchen-im-weissen-kleid/

 

10. Eden – Lost in Music

Mia Hansen-Love, die Ehefrau von Olivier Assayas (Carlos, Clouds of Sils Maria) inszeniert in ihrem 4ten Spielfilm einen epischen Abgesang auf die hedonistische Clubszene der 90-ier Jahre und verknüpft diesen direkt mit den Ursprüngen der französischen Electro- und Houseszene und indirekt mit der Geschichte von „Daft Punk“. Unter einer radikalen Verweigerung eines klassischen Spannungsbogens in der Erzählung einerseits aber auch unter Weglassung von inszenatorischen Zuspitzungen oder Dramatisierungen anderseits, zeichnet „Eden“ fast schon dokumentarisch über 2 Dekaden den Aufstieg und Fall des DJ’s Paul (inspiriert vom Bruder von Hansen-Love, welcher ein DJ der French-Touch-Szene war) nach, welcher zur selben Zeit wie seine Kumpels Thomas und Guy-Man (Daft Punk), Anfangs der 90-ier Jahre, mit seinem DJ Duo „Cheers“ in der Pariser Nachtclubszene und später auch in den USA Erfolge feiert, aufgrund seinem Verharren auf dem Status Quo sprich fehlender Erneuerung seines musikalischen Oeuvres nach der Milleniumswende aber seinen schleichenden Untergang einläutet, welcher durch seinen zunehmenden Drogenkonsum, fehlendem persönlichem Antrieb und wechselnden amourösen Beziehung noch beschleunigt wird, bis ihn die finanzielle Notlage zu einer Neuorientierung zwingt. Dies stetig begleitet, aufgrund des zunehmenden internationalen Erfolges seiner ehemaligen Weggefährten, mit einer quasi musikalischen Omnipräsenz von Daft Punk. „Eden“ ist ein schmerzhaft schöner Trip in die noch nicht allzu lang zurückliegenden Vergangenheit für die Vertreter der Generation X, welcher die angeboren zu scheinende Orientierungslosigkeit und Unentschlossenheit dieses Jahrgangs auch filmisch konsequent und dadurch teilweise ungewohnt ereignislos darstellt, durch die eingefangene Poesie der flüchtigen Momente aber die hoffnungslos melancholische Monotonie schlussendlich in eine zarte Zuversicht zu wandeln vermag. Und seien Sie versichert, wenn das nächste Mal irgendwo ein Song von Daft Punk ertönt, werden unweigerlich die Bilder der verlorenen Epoche von Hansen-Love vor Ihrem inneren Auge wieder ablaufen. Auch lange nachdem Sie den Film gesehen haben. One more time.

F 2013, LZ 131 Min., Directed by Mia Hansen-Løve. With Félix De Givry, Pauline Etienne, Laura Smet, Vincent Lacoste, Vincent Macaigne, Greta Gerwig

http://www.thedreamingsheep.com/eden-the-rhythm-poem/

 

11. Ain’t them body Saints 

Wenn dieser Film in den 60er oder 70er Jahren rausgekommen wäre, könnte er nun allenfalls als ganz grosser Klassiker im Stille von „Bonnie and Clyde“ oder „Days of Heaven“ gelten. Das ist er aber nicht, sondern hatte seine Premiere im Januar 2013 am Sundance Film Festival und kam dann bei uns 2 Jahre später direkt als DVD Release raus. Das Melodrama handelt von Ruth (Rooney Maara) und Bob (Casey Affleck), die in den frühen 70er Jahren irgendwo im mittleren Westen der USA nach einem misslungenen Coup und der danach resultierenden Schiesserei mit der Polizei getrennt werden, da Bob die Schuld für einen von Ruth erschossenen Polizisten auf sich nimmt, ins Gefängnis muss um dann nach 4 Jahren auszubrechen um zu seiner grossen Liebe und seiner kleinen Tochter, welcher er noch nie gesehen hat, wieder zurückzukehren. Was sich nach ganz grossem und kitschigem Heulsusen-Stoff anhört, ist in diesem Film aber mehr eine ungemein  poetische und feinfühlige Charakterstudie über die Einsamkeit und Verlust von Illusionen mit Mut zu Leerstellen und einer sehr bedachten, eigenwillig elliptischen Erzählweise. Dies visualisiert mit kunstvollen Bildern, unterlegt mit einem fiebrigen, eingängigen Soundtrack.  Wenn Terrence Malick zusammen mit Alejandro González Iñárritu in ihren jungen Jahren einen Film zusammen gemacht hätten, so sähe er aus.

USA 2013, LZ 97 Min. Directed by David Lowery. With Rooney Mara, Casey Affleck, Ben Foster, Nate Parker.

 

12. Carol

La grand dame des amerikanischen Kinos, Cate Blanchet, und Rooney Mara in einer wunderschön und elegant inszenierten Liebesgeschichte von Todd Haynes nach dem Roman von Patricia Highsmiths, welchen sie 1952 unter einem Pseudonym veröffentlichte und der im Kern ihre eigene Geschichte erzählt, als sie Ende der 40er Jahre als Verkäuferin bei Bloomingdales gearbeitet hat und sich dort unsterblich in eine Kundin verliebte.

“Carol“ ist Todd Haynes bisher bester Film, da er es schafft, ganz grosses elegisches Gefühlskino ohne Pathos oder Kitsch und einem verblüffenden Pragmatismus, endveredelt wie ein funkelnder Diamant, auf die Leinwand zu zaubern. Die knisternde Chemie zwischen Mara und Blanchet ist fast schon physisch spürbar und sie schaffen es beide mit ihrer grossen Klasse zu keinem Zeitpunkt sich auf glitschiges oder voyeuristisches  Terrain herabzulassen.  Exquisit und Erhaben.

USA/GB 2015, LZ 118 Min. Directed by Todd Haynes. With Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson, Kyle Chandler.

 

13. A most violant year

Nach “Margin Call” und “All is lost” liefert nun J.C. Chander seinen 3ten Film zum Thema Menschen unter Druck ab, der genau gleich wie seine Vorgänger eine Art verdichtete und bis zum letzten Hemdknopf durchkomponierte Verhaltensstudie des menschlichen Wesens ist. Oscar Isaac spielt den hispanischen Einwanderer Abel Morales, der es mit seiner Firma im Heizölhandel im New York des Jahres 1981 zu Wohlstand gebracht hat, aber von seinen Konkurrenten durch kriminelle Methoden zu Fall gebracht werden soll. Obwohl er sich standhaft weigert, seine Angestellten mit Waffen auszustatten, damit die sich gegen die stetig ansteigenden Raubzüge auf seine Oeltanklastwagen schützen könnten, gerät er auch noch ins Visier der Staatsanwaltschaft und dann ist da ja auch noch seine Frau, welche in der Firma die Buchhaltung macht und auch nicht unbedingt eine zimperliche Person ist…ein hoch intensives Gangsterdrama mit einem ganz starkem symphonischen Soundtrack und furios aufspielenden Hauptdarstellern. Oscar Isaac’s charismatische Performance erinnert an den jungen Al Pacino.

USA 2014, LZ 125 Min., Directed by J. C. Chandor. With Oscar Isaac and Jessica Chastain, Albert Brooks

 

14. Knight of Cups

Ja, ja, ja, ich weiss, die Kritiken war mässig bis schlecht und die meisten Leute mögen Terrence Malick nicht nur nicht, sondern werden bisweilen leicht aggressiv oder gereizt, beim – wohlmöglich versehentlichen oder erzwungenen – Betrachten seiner Werke. Dies gilt zumindest für seine letzten Werke seit „The tree of Life“ und „To the wonder“. Abgehobene, klerikal-philosophische Selbstfindungstrips ohne jegliche erkennbare Handlung und zumeist auch fast ohne direkte Dialoge, da eine Off-Stimme die vertrackten Gedanken des Protagonisten vermittelt. Nun, aber eben, es gibt halt auch das andere Lager, welches ihn nach wie vor als den grössten Poeten des New Hollywood Kinos feiert und diese werden dann auch beim Betrachten seines jüngsten Werkes eine 2-stündige Gänsehaut haben, denn Malick liefert hier seinen Jüngern genau noch mehr von dem Stoff, von dem sie abhängig sind. Grossartige und teilweise völlig neuartige, rauschhafte Bildkompositionen, geliefert von seinem Stammlieferanten, dem derzeit wohl besten Kameramann Emmanuel Lubezki (Gravity, Birdman) unterlegt mit melancholisch-klassischen Klängen (u.a. Arvo Part, Claude Debussy). Im Bild sind fast ausnahmslos wunderschöne Menschen – in diesem Film sind es u.a. Cate Blanchet und Natalie Portmann (und für die, die es mögen: Christian Bale…) – vorzugsweise vor wunderbarer Kulisse, wie am menschenleeren Strand des rauen pazifischen Ozeans vor L.A. , meist bei Abendlicht, vor den entrückt anmutenden Landschaften mit seinen archaischen Felsformationen beim Joshua Tree Nationalpark, vor schlossparkähnlichen Gärten, wo rauschende opulente Feste gefeiert werden,  vor gigantischen Poolanlagen, postmoderner futuristischer Architektur, einsamen Luxuswohnungen am Strand mit durchdesignter Innendekoration und so weiter und so fort. Story? Genau. Völlig egal. Dem Christian Bale geht’s halt einfach irgendwie nicht so gut,  obschon er alles hat…Zusammengefasst darf man sagen, „Knight of Cups“ ist pures Heroin für Aestheten und Hedonisten, welche Form über Inhalt stellen. Und dies ganz und gar nicht wertend gemeint. Denn wenn man solche Formen hat, bedarf es nun wirklich keinem Inhalt mehr. Und sonst gäbe es ja immer noch dieses esoterische Geschwafel.

USA 2015, LZ 118 Min., Directed by Terrence Malick With Christian Bale, Cate Blanchett, Natalie Portman, Brian Dennehy, Antonio Banderas, Freida Pinto, Wes Bentley,

 

15. Face of an Angel

Der englische Regisseur Michael Winterbottom nähert sich mit „Face of an Angel“ dem wohl zu den spektakulärsten und medienwirksamsten zählenden Mordfällen der jüngeren Geschichte an und zwar dem grausamen Mord an der 21-jährigen Britin und Austauschstudentin Meredith Kercher am 1. November 2007 in Perugian, Italien. Obwohl ihre unter dringendem Tatverdacht gestandene Mitstudentin Amanda Knox, besser bekannt als „der Engel mit den Eisaugen“, inzwischen von höchster Instanz freigesprochen worden ist (März 2015), wird der tatsächliche Tatvorgang wohl nie aufgeklärt werden. Umso enttäuschter waren die Reaktionen auf diesen Film von den Leuten, die eine schlüssige Theorie zur Auflösung dieses Mysteriums erwartet haben. Tatsächlich spielt Winterbottom ganz bewusst mit diesen Erwartungen oder hintergeht sie sogar, indem er Daniel Brühl als einen Hollywood Filmemacher nach Siena (die Ortschaften und auch Namen wurden abgeändert) schickt, um dort dem Gerichtsprozess beizuwohnen und sich dort für ein Drehbuch für einen Blockbuster nach klassischer Hollywoodmanier – 2 hübsche Tennager, Sex, Blut und Tränen – inspirieren zu lassen. Da er aber selber immer tiefer in eine persönliche Lebenskrise stürzt und er keine Spekulationen über den möglichen Tathergang anstellen will, teilt er seinen Produzenten mit, den geplanten Film analog zu Dantes Göttliche Komödie in 3 Teile zu strukturieren. Hölle, Fegefeuer und Paradies. Dass dies in Hollywood keine Begeisterung auslöst ist das Eine. Dass der Film „Face of an Angel“ ebenfalls die gleichen, negativen Reaktionen ausgelöst hat das Andere. Und dass er genau so strukturiert ist, wie es der Protagonist in dem Film eigentlich möchte, die Pointe an der ganzen Sache. Aber nicht zum Selbstzweck, sondern um die eigentliche Absicht, welche Winterbottom mit diesem Film hatte, herauszustreichen, und zwar die Erinnerung an das Opfer dieses grausamen Mordes – egal wer es getan hat – Meredith Kercher am Leben zu erhalten, ihr nochmals tiefen Respekt zu zollen und sich der Schönheit des Lebens, des Privilegs am Leben sein zu können, wieder vor Augen zu halten. Der wohl am meisten unterschätzte und am meisten missverstandene Film im 2015. Mit einem grandiosen schauspielerischen Einstand des Supermodels Cara Delevingne.

UK 2014, LZ 101 Min. Directed by Michael Winterbottom. With Daniel Brühl, Kate Beckinsale, Valerio Mastandrea, Cara Delevingne.

 

16. City of Mc Fairland 

Der wegen unkontrollierten Wutausbrüchen mehrfach geschasste Sportlehrer Jim White, gespielt von Kevin Costner, zieht 1987 mit seiner Familie in die abgelegene und ärmste kalifornische Kleinstadt McFarland um an der dortigen Highschool eine neue Stelle anzutreten, die auch gleich eine seiner letzten beruflichen Chancen darstellt. Die Ortschaft ist hauptsächlich von Hispanics bewohnt, die oft als einfache Feldarbeiter ihr Auskommen haben. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten erkennt White das läuferische Talent einiger seiner Schüler und beschließt ein Laufteam für die Cross Country Meisterschaften aufzubauen, was aber gar nicht so einfach ist, weil nicht alle im Team überhaupt die Erlaubnis zu einem regelmässigen Training von den Eltern erhalten, da diese ja für den Lebensunterhalt auf den Feldern arbeiten sollen… Diese Disney Produktion erzählt diese Geschichte nach wahren Begebenheiten nach und ist ein kleiner feiner Film über Sozialengagement, Mitgefühl, Menschlichkeit, Durchhaltewille und Zivilcourage. Er tut dies aber angenehm bodenständig und zurückhaltend, mit einer leichten Ironie und Augenzwickern und verzichtet auf jeglichen fahnenschwingenden Patriotismus, welcher ja oft bei solchen Sportlerdramen anzutreffen ist. „Mc Fairland“ ist die Art von Film, wo sensible Menschen ab ca. 30 Min. durchgehend feuchte Augen haben werden. Nicht, weil irgendwas Schlimmes oder Tragisches passiert wäre, sondern weil diese Art von ungeheuchelter Menschlichkeit einfach rührt. Und noch eines, Kevin it’s good to have you back!

USA 2015, LZ 129 Min. Directed by Niki Caro With Kevin Costner, Maria Bello, Carlos Pratts

 

17.  Salz der Erde

Es gibt Regisseure, die werden aufs Alter nicht unbedingt besser, da sie sich nur noch selber zitieren und halt einfach der kreative Peak durch ist. Nicht so bei Wim Wenders. Der mittlerweile 70-jährige stellte gerade wieder in diesem Jahr seine Vielseitigkeit unter Beweis und brachte neben dem exzellenten Drama in 3D „Every thing will be fine“ mit James Franco, Charlotte Gainsburg und Rachel Mc Adams (bald muss eine Top 30 Liste her) auch noch den ungemein beindruckenden Dokumentarfilm über den brasilianischen Starfotografen Sebastião Salgado in die Kinos, welchen er zusammen mit Salgados Sohn gemacht hat. Salgado, der als erster Fotograf die Hungerkatastrophen in Afrika für den Westen schmerzlich sichtbar machte, aber auch mit seinem legendären Fotoprojekt „Genesis“ wieder an den Ursprung allen Lebens zurückkehrte und die noch von Menschen unberührte Orte der Erde zeigte, welches er erst nach einer langen Abkehr von der Fotografie realisierte. Ob den Grausamkeiten, die er in den diversen Hungers- und Kriegsgebieten mitansehen musste, erkrankte er seelisch und legte eine lange Schaffenspause ein, forstete aber in dieser Zeit – zusammen mit seiner Frau-  in seiner Heimat, im Norden von Brasilien, aus vertrocknetem unfruchtbarem Boden wieder einen Regenwald auf, der jetzt ein öffentlich zugänglicher Nationalpark ist. Diese selbstredend spektakulär und wunderschön bebilderte Dokumentation müsste Pflichtprogramm in den Schulen werden!

F/BR 2014, LZ 110 Min, Directed by Wim Wenders and Juliano Ribeiro Salgado

 

18. Une rencontre

Ein französisches Filmsoufflé, das einmal mehr aufzeigt, wo die Stärken dieser Filmnation liegen. Grosse Themen wie Liebe, Treue, Lüge und Betrug mit einer spielerischen Leichtigkeit, voller Lust, Witz und vor allem aber mit einer sublimen Eleganz zu präsentieren. Francois Cluzet spielt darin einen verheirateten Mann, der auf einer Party Sophie Marceau begegnet…spielt stark mit Traum- und Fantasiesequenzen, so dass man nie wirklich weiss, was jetzt wirklich passiert ist oder nicht. Obschon er als romantisch-leichte Liebeskomödie daherkommt, hat er das gewisse Etwas. Er bleibt haften, wie eine angenehme flüchtige Erinnerung, die immer wieder mal zurückkommt. Zudem fantastischer Soundtrack.

F 2014, LZ 81 Min. Directed by  Lisa Azuelos With Sophie Marceau, François Cluzet.

 

19.  Les Combattans

Erster Satz, siehe oben (Une Rencontre)… Franzose Nr. 3. Die mit 9 Nominierung bei den Cesar 2015 Verleihung versehene Liebeskomödie handelt von Arnaud, ein sanftmütiger und eher introvertierter Schreiner, der in den Ferien an der südfranzösischen Atlantikküste auf die eigenwillige und störrische Madelaine trifft, die eine sehr negative Weltsicht pflegt und sich auch deshalb mittels einem selbst auferlegten Survival Training für den bevorstehenden Weltuntergang vorbereitet. Da Arnaud ihr gern näherkommen würde, nimmt er mit ihr gemeinsam an einer Art Vorbereitungskurs der französischen Armee teil, wo sich dann aber plötzlich das Training in einen Ernstfall wandelt und beide alleine in den französischen Wäldern ums Ueberleben kämpfen müssen …Die sehr ungewöhnliche, gewohnt direkte, aber ungemein frische, geerdete und vor allem auch witzige Liebesgeschichte funktioniert vor allem – aber nicht nur – wegen dem neuem französischen Shootingstar Adèle Haenel (welche dann auch zusammen mit ihrem Filmpartner Kevin Azais mit den Césars ausgezeichnet wurde), die eine Leinwandpräsenz aufweist, die atemberaubend ist und man unmittelbar spürt, dass da noch viel mehr kommen wird. Man würde ihr wahrscheinlich auch zusehen, wenn  sie 3 Stunden lang eine Schlafende spielen würde.

F 2014, LZ 98 Min. Directed by Thomas Cailley With Adèle Haenel, Kévin Azaïs

 

20. It follows

Und dann noch was für Freunde des gepflegten Grauens. In einer amerikanischen Kleinstadt wird der 19-jährigen Jay nach dem ersten sexuellen Verkehr von ihrem Geliebten mitgeteilt, dass sie jetzt mit einem Fluch infiziert sei und dieser eine Person ist, die praktisch jedermann sein könnte, auch jemand Vertrautes, und falls diese Person sie erwische, würde sie sterben. Sie könne diesen Fluch erst dann ablegen, wenn sie wiederum mit jemandem Anderen schlafe um ihn so weiterzureichen. Blöderweise käme er aber wieder auf sie zurück, falls die neu infizierte Person von dem Fluch, dem “It”, getötet werden würde….Wunderschön anzuschauender Indi-Tennie-Schocker Film, der durchaus auch ernsthafte und dramatische Ansätze aufweist und mehr auf subtiles Grauen, denn auf blutige Sequenzen setzt und statt klischierte und überzeichnete Tennies glaubwürdige und zurückhaltende Protagonisten aufspielen lässt. Die Story vermischt raffiniert verschiedene Themenkomplexe wie die Angst vor dem Erwachsenwerden, Angst vor Geschlechtskrankheiten, die generelle heranwachsende gesellschaftliche Paranoia, aber auch die nach wie vor, gerade in den Kleinstädten der USA, vorherrschende Bigotterie. Das Setdesign erinnert stark an Twin Peaks, Donnie Darko oder auch Blue Velvet mit starken Farbkontrasten. Absolutes Highlight ist aber der wummernde Klangteppich, ein bedrohlicher Synthie- Sound, der so schnell verschwindet wie er gekommen ist, aber absolut essentiell für die Spannungsmomente und die herausragend dichte Atmosphäre ist. Und die Hauptdarstellerin Maika Monroe, welche das erste Mal mit „At any price“ in Erscheinung getreten ist, hat man sicherlich nicht zum letzten Mal gesehen.

USA 2014, LZ 100 Min. Directed by David Robert Mitchell. With Maika Monroe, Keir Gilchrist, Olivia Luccardi, Lili Sepe

American Beauty 2 – Men, Women & Children

 

Wenn es eine Bestandsaufnahme aus Amerikas Gegenwart braucht, ist der Regisseur Jason Reitman die erste Wahl. Er hat ein gutes Gespür für Sorgen, geheime Wünsche und Gemütszustände des Durchschnittsamerikaners aus der Provinz. Dabei nimmt er meist Abstand vom klischeehaften Denken und präsentiert ausgereifte, durch den Zeitgeist geprägte Lebensentwürfe, die trotz des soliden bürgerlichen Fundaments überraschend frisch und oft erschütternd wirken.

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So wie in „Up in the Air“(2009), in dem eine berufstätige Familienfrau ausnahmsweise den männlichen Part spielt und dem endlich bindungswilligen Clooney-Typ die Tür vor der Nase schließt (wie unzählig sind die Filmszenen, in denen Männer sich sowas leisteten!). Oder wie in „Young Adult“(2011), in dem die einstige School Beauty Queen entschied, dass sie weiterhin regieren sollte, und daraufhin einen dicken Korb bekommt. So verblüffend ehrlich, gemäßigt, sarkastisch und gleichzeitig einfühlsam ist auch der neuste Film von Jason Reitman „Men, Women & Children“ (2014).

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RL („Real Life“) – so wird die Realität von den durchdigitalisierten Kids bezeichnet. RC („Real communication“) ist am Aussterben. DL („Digital Life“) hält Einzug in die Klassenzimmer, Wohn- und Schlafräume der Teenager und ihrer Eltern. Durch die Leinwand fliegen mit therapeutischer Regelmäßigkeit die abertausenden Kästchen mit Nachrichten. Nonverbaler Austausch beherrscht die Szenerie der Schule, in der nach wie vor viel Wert auf Sport, Geschichte und gute Schulleistungen gelegt wird. Nur wird diese angebliche Normalität von den Kids und ihren Eltern in den Parallelwelten ausgelebt: was man im RL nicht bekommt, wird aus dem Netz geholt.

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So wie Helen (Rosemarie DeWitt) es vorlebt, die den heimischen Kinoabenden im Kreis der Familie überdrüssig wird und erfolgreich versucht diese mit etwas aufregenderen Events zu ergänzen – mit Hilfe von „Ashley Madison“. Wenn diese Geschichte im RL ablaufen würde, dann wäre Helen eine von 12 000 Damen, welche eine Auswahl von 30 Mio. Männer hätte (wie wir heute aus der Veröffentlichung von gehackten „Aschley Madison“-Daten wissen). Ihr Mann Don (Adam Sandler) hat andere Kanäle benutzt und eine verständnisvolle Hure nach Maß aus dem Netz geholt.

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Allerdings musste er dafür den Computer seines 15-jährigen Sohnes benutzen, da seiner vom exzessiven Porno-Konsum mit Viren verseucht wurde. Was er da im Kinderzimmer entdeckt, ist ein ganz neues Level. Chris (Travis Tope) ist dem Vater hinsichtlich digitaler Pornografie weit überlegen. Der sympathische Teenager konsumiert seit dem zehnten Lebensjahr Internet-Pornografie und verschafft sich keine Erleichterung mehr ohne eine ordentliche Portion Netz-Perversitäten. Mit einem RL-Mädchen kann er ebenso nichts mehr anfangen.

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Dieses RL-Mädchen, Cheerleader Hannah (Olivia Crocicchia) ist punkto Perversion auch keine Anfängerin mehr. Sie benutzt einen nicht stattgefundenen Sex, um eine kleine PR-Aktion daraus zu veranstalten. Das Kerlchen war halt ein passender Kandidat. Wenn kümmert es schon, was im RL passiert? Wichtig ist nur das, was man nachher berichten kann, am besten so, dass das ganze Universum darüber Bescheid weiß – und auf der eigenen heiß geliebten und liebevoll gepflegten Model-Webpage.

Nun, für die Schatz-Seite ist die Mutter (Judy Greer) zuständig, welche ihre pre-digitalen Erfahrungen als gescheiterte Schauspielerin nutzt, ihre in Sachen Selbstinszenierung begabte Tochter non-stop in aufreizenden Posen fotografiert und online publiziert um die erträumte Hollywood-Karriere anzuschieben. Irgendwann stellt Joan fest, dass die Seite einen kleinen Umsatz generieren kann und beabsichtigt, die Einnahmen für  Schauspielerkurse einzusetzen. Doch als die Absage von einer TV-Show kommt – wegen unsittlicher Tätigkeit und weil der neugewonnene Freund sich wegen ihres Web-Verhaltens von ihr distanziert – entscheidet Joan, ihre Managertätigkeit aufzugeben und sich nur noch auf ihre Mutterrolle zu fokussieren.

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Ihr Freund Kent (Dean Norris), ein grimmiger, von seiner Frau für einen Kalifornier verlassenen Mann,  ist eine grundsätzlich traurige Person. Und seinen Sohn versteht er auch nicht mehr, da dieser am Fußball, die frühere gemeinsame Passion, das Interesse verloren hat und das Einzige, was ihn noch interessiert ist “Guild Wars” – ein Computerrollenspiel.

Durch dieses Spiel hat Tim (Ansel Elgort), die von Baruch Spinoza 400 Jahre zuvor entdeckte Erkenntnis – sub specie aeternitatis („unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit“) – komplett verinnerlicht. Der Teenager hat intuitiv erfasst, dass das ganze bunte, aufwendige Treiben drumherum eigentlich keinen Sinn ergibt, dass für ein unendliches Universum das menschliche Leben nur ein Augenblick ist – ohne wesentliche Konsequenzen für die Welt, die uns ständig zu eng erscheint. Nur dieser Junge begreift, dass das Einzige, was uns vor den vielen Rätseln und Unwissen rettet, ist zu lieben und geliebt zu werden. Glücklicherweise gibt es solch ein Mädchen, das sein Anliegen versteht. Brandy.

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Dummerweise hat Brandy (Kaitlyn Dever) aber eine dogmatische, kontrollsüchtige Mutter- Patricia – welche ihre Tochter exzessiv vor allen Gefahren des DL schützen will. Patricia (Jennifer Garner) verfolgt jede einzelne Datenspur ihrer Tochter, löscht jede Nachricht, die ihr verdächtig erscheint und hat schlussendlich auch keine Skrupel,  die Beziehung ihrer Tochter eigenhändig zu beenden. Die Tragödie ist vorprogrammiert…

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Im ständigen Wechsel von RL und DL verlaufen diese Geschichten aus der amerikanischen Provinz begleitet von Off-Kommentaren (Emma Thomson) aus dem All – dem allwissenden Blick von oben – sub specie aeternitatis. Hier finden die Familien die breite problematische Vielfalt wieder, mit der sie tagtäglich konfrontiert sind; die meisten Arten von Web-Sklaverei oder Web-Entfesselung, die neuen Konstellationen, die digitale Medien in die Beziehungen installieren. Eine präzise und zutreffende Zusammenfassung der neuesten Veränderungen – von der Kritik allerdings als zu künstlich bezeichnet.

Konklusion: Der Episodenfilm „Men, Women & Children” ist ernüchternd traurig, schonungslos sarkastisch, komisch und tragisch zugleich, eine behutsame Bestandsaufnahme des Alltags von US-Familien, die nicht so weit von unserer entfernt ist, wie wir oft zu hoffen glauben. Man kann ihn auch als aktuelle Version von „American Beauty“(1999, Sam Mendes) betrachten. In den deutschen Kinos lief er unter dem Titel „#Zeitgeist“. In der Tat gibt es zur Zeit keinen Film, der mehr oder besser über das RL der Teenager und ihrer Eltern berichtet. Für Familien ist es ein unverzichtbarer Film!

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Prescription for: dysfunctional family, miscommunication between parents and kids, sex and secrecy in the online age, communication via screen, online depersonalisation, webenslavement, online porn, roleplay game culture, anorexia, infidelity, fame hunting, black-comic…

Men, Women & Children, USA, 2014, 116 min, directed by Jason Reitman, with Ansel Elgort, Adam Sander, Jennifer Garner, Emma Thompson, Judi Greer, Dean Norris, Kaitlyn Dever, Resemarie DeWitt, J.K.Simmons, Olivia Crocicchia.

Rhodes: Snugly blanket & Norwegian Socks

Nach exzessiven und durchzechten Sommernächten mit leicht bekleideten, tanzenden Schönheiten am Pool ist nun die Zeit gekommen einen Gang runter zu schalten. Die Kissen ausklopfen, Schafsfelle bei Ikea kaufen gehen und gleich ein Duzend duftneutraler Kerzen in der bodenlosen, blaue Tasche mitschleppen. Es ist viel zu früh dunkel und morgens fällt das Aufstehen so schwer, als würde man unter einem Autoreifen begraben aufwachen.

Genau für diese deprimierende Zeit ist nun ein stimmungsvolles und mysteriöses Album erschienen: Rhodes: „Wishes“. Der 24jährige David Rhodes ist momentan einer der heissesten Neuentdeckungen in der britischen Musikszene. Sein Debut ist ein Klangteppich gewoben aus leichtfüssigen, charmanten Melodien und gut gewählten Wortlauten. Stellt euch Chris Martin vor, nehmt etwas von seiner Überheblichkeit in der Stimme raus und mischt Sam Smith dazu, lässt aber den Soul weg. Voilà!

Das Album „Wishes“ kann vor- und zurückgespult werden und eckt nicht an, schreckt nie auf und ist einfach wunderbar durchzuhören. Ein brillanter Song ist zum Beispiel „Close Your Eyes“. Traurig und melancholisch. Auch „Breath“ reiht sich in die Songs ein, die zu Hause auf dem Sofa in die Kuscheldecke eingehüllt und mit Norwegersocken an den Füssen und einer heissten Tasse Tee angehört werden sollten.

Der absolute Höhepunkt des Albums wird mit „Let It All Go“ erreicht. Dieser Song hat Rhodes mit Birdy eingesungen und Birdy mit Rhodes… Kurz, es gibt zwei Versionen. Einmal mit Birdy als erste Stimme und umgekehrt. Kein Song zelebriert den Trennungsschmerz so unvergleichbar gut und ist so unerträglich schön. Auch visuell wurde „Let It All Go“ in einer herbstlichen, nebelverhangenen und mit Nordlichtern angereichertem Video umgesetzt:

 

Toll ist, dass die Deluxe Version mit satten 20 Titeln gefüllt ist. Zusätzlich mit Live-Versionen und einem sehr gelungenen Cover des Taylor Swift Hits „Blank Space“.

Viel Spass bei unvergesslichen, kuschligen Stunden im Kerzenschein.

So Long!

Guido

 

Videos zu „Close Your Eyes“

 

Video zu “Breath”

Lilyhammer

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Lilyhammer was an Norwegian-American television series, starring Steven Van Zandt, about a New York gangster, Frank “The Fixer” Tagliano, trying to start a new life in isolated Lillehammer, Norway.

Frank is placed in the Federal Witness Protection Program after testifying in a trial against Aldo Delucci (Thomas Grube), the new Mafia head who had ordered a hit on him after succeeding his recently deceased brother, Sally Boy Delucci… It’s all very serious and all very mafia but the Scandinavian rawness mixed with the humane struggle that the characters face are truly fascinating to watch.

Yes, the series is rather unique indeed…

Frank requests that he would be relocated to Lillehammer, where he believes no one will look for him and from then on calls himself Jonny. He chooses this location as he once watched the winter Olympics as a child and the impressions of great achievements and peaceful snowy landscapes never left his memory. And so it begins…

Many of us know Steven Van Zandt still from his work with the Sopranos, where he played Silvio Dante, the grumpy mafia concierge, a role not unlike this one.

Noteworthy here, is that his wife in the Sopranos is also his wife in real life. Maureen Van Zandt. They married in New York City on December 31, 1982. Bruce Springsteen was the best man at their wedding. This is not just a random fact but rooted in Van Zandt’s past, as he grew up in the New Jersey music scene and was a pivotal member of Bruce Springsteen’s band E-Street. He played the guitar and accompanied the band on numerous tours. Later on in life he became a producer and co-wrote various songs with Springsteen. To mention just one of their collaboration; Van Zandt produced the bands’ most-acclaimed records Hearts of Stone. By that time he has became a key contributor to the Jersey Shore sound.

Bruce Springsteen and The E Street Band in concert, Wembley Stadium, London, Britain - 15 Jun 2013

His musical inclination came in handy as he set to work on the Lylihammer, as he not only plays the lead role but also coproduced, co-written AND as you can imagine, got heavily involved in the writing of the music for the show. It is therefore needless to mention, how marvellous the musical underpinnings are. Truly pleasurable! Van Zandt mentioned that most of the music for the show has been written in his own studio at the Jersey Shore, where also most of the music for E-Street was written.

But why stop at that, dear sheep…?! Springsteen, makes an actual guest appearance in the show! He plays Giuseppe ‘The Undertaker’ Tagliano, the older brother of Van Zandt’s character, in the season three finale. Nice touch, I must say! springsteen_guest app

As mentioned before, the show is set in Norway and portrays a man who lives and breaths Jersey shore and has little Italy running through his veins. But what is somewhat surprising, he is not fighting his destiny of being away from home and interjects himself mercilessly into his new environment. Much to the bewilderment of his new countrymen. This is absolutely hilarious and well, at times, a bit cringe worthy as it always is when different cultures clash and misunderstandings unfold. The show builds on these cultural integration mishaps brilliantly and very charmingly.

Having had to leave NYC and his old life he is adapting to a certain degree to his new culture but still remaining true to who he is. Hence, building his brand new and shiny mafia empire from scratch. He is doing so in cleverly recruiting people according to character traits and skill set – not according to birth right as it is traditionally done. An interesting notion and this meritocracy system seems to work for Jonny – how very Scandinavian of him. He rewards loyalty, creates a sticky family like bond and in the process offers hope and a dash of the the unmistakable New York glamour in little Lillehammer. He opens a booming night club in the middle of town, which in turn creates employment and Jonny takes on the roles of benevolent advisor for the town people and in true god father style.

General

Crucially, he does not cross that fine line of going “that bit too far”. For example, he does not sell drugs and he has a sense of some kind of right and wrong (although of course there is a lot of beating people up and the occasional killing…) but he is a very likeable guy overall. Furthermore, the show does take it upon itself to take the mickey out of the bureaucracy in general and how ludicrous certain procedures seem to be. Our main character takes on many government officials, from town clerk to kindergarten pedagogue, all with the same relentless understanding that nothing stands in his way regardless – no matter of the obstacle being in business or of a private nature. It’s truly great to watch and the obscurity and the disproportion of force he uses to get what he wants, hilarious.

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The show does not, in true Netflix manner, take into account that the audience may not speak Norwegian. After all, Jonny doesn’t speak it either in the beginning. So we understand exactly what he does. Very little. As the show goes on we are given more and more subtitles to show that Jonny has learned bits and bobs of the local language. What a brave thing to do. And again, it works. Lilyhammer is full of oddities like this. It is strange and quirky and full-on but considering that it is combining little Italy and Scandinavian culture what would you expect.

Sheeptastic.

Lilyhammer was promoted as Netflix’s first “exclusive content offer”. The series has been sold to over 130 countries worldwide and celebrated a great success. Nevertheless, in July 2015 the series had been cancelled by Netflix. NRK (Norwegian TV network), who owns the rights to the series, remained optimistic however, that a deal could be made with another company for a fourth series.

We here at the sheep think it is a great series. Very unusual, well put together and well worth a watch. Especially the intercultural clashes and the unapologetic honesty in that portrayal are very special. Thank you Netflix. Hopefully it will get picked up and redeveloped.

It is definitely unique.

Lilyhammer-season-3

EDEN – The Rhythm Poem

 

It is all a rhythm,

from the shutting

door, to the window

opening,

 

the seasons, the sun’s

light, the moon,

the oceans, the

growing of things,

 

the mind in men

personal, recurring

in them again,

thinking the end

 

is not the end, the

time returning,

themselves dead but

someone else coming.

 

If in death I am dead,

then in life also

dying, dying…

And the women cry and die.

 

The little children

grown only to old men.

The grass dries,

the force goes.

 

But is met by another

returning, oh not mine,

not mine, and

in turn dies.

 

The rhythm which projects

from itself continuity

bending all to its force

from window to door,

from ceiling to floor,

light at the opening,

dark at the closing.

 

(The End by  Robert Creeley)

 

Konklusion: Mia Hansen-Love, die Ehefrau von Olivier Assayas (Carlos, Clouds of Sils Maria) inszeniert in ihrem 4ten Spielfilm einen epischen Abgesang auf die hedonistische Clubszene der 90-ier Jahre und verknüpft diesen direkt mit den Ursprüngen der französischen Electro- und Houseszene und indirekt mit der Geschichte von „Daft Punk“. Unter einer radikalen Verweigerung eines klassischen Spannungsbogens in der Erzählung einerseits aber auch unter Weglassung von inszenatorischen Zuspitzungen oder Dramatisierungen anderseits, zeichnet „Eden“ fast schon dokumentarisch über 2 Dekaden den Aufstieg und Fall des DJ’s Paul (inspiriert vom Bruder von Hansen-Love, welcher ein DJ der French-Touch-Szene war) nach, welcher zur selben Zeit wie seine Kumpels Thomas und Guy-Man (Daft Punk), Anfangs der 90-ier Jahre, mit seinem DJ Duo „Cheers“ in der Pariser Nachtclubszene und später auch in den USA Erfolge feiert, aufgrund seinem Verharren auf dem Status Quo sprich fehlender Erneuerung seines musikalischen Oeuvres nach dem Milleniumswechsel aber seinen schleichenden Untergang einläutet, welcher durch seinen zunehmenden Drogenkonsum, fehlendem persönlichem Antrieb und wechselnden amourösen Beziehung noch beschleunigt wird, bis ihn die finanzielle Notlage zu einer Neuorientierung zwingt. Dies stetig begleitet, aufgrund des zunehmenden internationalen Erfolges seiner ehemaligen Weggefährten, mit einer quasi musikalischen Omnipräsenz von Daft Punk.  „Eden“ ist ein schmerzhaft schöner Trip in die noch nicht allzu lang zurückliegenden Vergangenheit für die Vertreter der Generation X, welcher die angeboren zu scheinende Orientierungslosigkeit und Unentschlossenheit dieses Jahrgangs auch filmisch konsequent und dadurch teilweise ungewohnt ereignislos darstellt, durch die eingefangene Poesie der flüchtigen Momente aber die hoffnungslos melancholische Monotonie schlussendlich in eine zarte Zuversicht zu wandeln vermag.

Und seien Sie versichert, wenn das nächste Mal irgendwo ein Song von Daft Punk ertönt, werden unweigerlich die Bilder der verlorenen Epoche von Hansen-Love vor Ihrem inneren Auge wieder ablaufen. Auch lange nachdem Sie den Film gesehen haben. One more time.

Prescription for: existential crisis, hedonism, drug habit, scheme of life, relationship conflict, transitoriness of life

Listen to: Eden – Orginal Motion Picture Soundtrack (Various artists incl. Frankie Knuckles, Daft Punk, Crystal Waters etc.)

Eden, F 2014, 131 min. Regie: Mia Hansen-Løve. Mit Félix de Givry, Pauline Etienne, Greta Gerwig, Arsinée Khanjian

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